Felizia sah, wie Celia die Türe mit ihrem Nachschlüssel wieder schloß und sich darauf entfernte. Dann erst verließ sie den Garten. „Also das ist diese Rache,“ sagte sie sich, „von der ich mir soviel Vergnügen versprochen hatte.“ Sie verbrachte den Rest der Nacht mit Rodelinde und versuchten die Ereignisse zu enträtseln, die eine so tragische Wendung herbeigeführt haben mochten.
Zum Glück kehrte ihre Kammerfrau schon ganz früh am nächsten Morgen zurück und brachte ihr einen langen Brief Roderigos. Er und Lancelotto hatten sich aus Bravour nicht von bezahlten Mördern helfen lassen wollen, wie es damals in Florenz allgemein üblich war.
Nur sie beide hatten Lorenzo und Pierantonio angegriffen. Der Zweikampf hatte sehr lange gedauert, weil Roderigo und Lancelotto, dem erhaltenen Befehl getreu, sich standhaft zurückgehalten hatten, um ihren Gegnern nur leichte Wunden zuzufügen, und sie hatten ihnen wirklich nur Degenstöße gegen die Arme beigebracht und waren vollkommen sicher, daß sie an diesen Wunden nicht sterben konnten. Aber als sie sich gerade zurückziehen wollten, hatten sie zu ihrem großen Erstaunen einen wütenden Raufbold sich auf Pierantonio stürzen gesehen. An den Schreien, die er beim Angriff ausstieß, hatten sie deutlich den Malteserritter Don Cesare erkannt. Als sie sich nun zu dritt gegen 141zwei noch dazu verwundete Männer sahen, beeilten sie sich, zu fliehen und am nächsten Morgen gab es großes Staunen in Florenz, als man die Leichen dieser beiden jungen Männer entdeckte, welche unter der reichen und eleganten Jugend der Stadt den ersten Rang einnahmen. Dieser Rang bewirkte, daß man von ihrem Ende Notiz nahm, denn unter der lockeren Herrschaft Francesco, auf welchen der strenge Ferdinand gefolgt war, hatte Toskana einer Provinz Spaniens geglichen und man zählte jedes Jahr mehr als hundert Morde in der Stadt. Die Erörterungen, welche die vornehme Gesellschaft bewegten, der Lorenzo und Pierantonio angehört hatten, drehten sich um die Frage, ob sie einander im Zweikampf erschlagen hätten oder als Opfer irgendeiner Rache gefallen seien.
Am Morgen nach diesem großen Ereignis war alles im Kloster ruhig. Die große Mehrzahl der Nonnen hatte keine Ahnung von dem, was vorgefallen war. Seit Tagesanbruch und noch bevor die Gärtner kamen, hatte Martona die Erde an den Stellen, wo sie mit Blut befleckt war, umgegraben, um die Spuren von dem, was geschehen war, zu zerstören. Dieses Mädchen, das selbst einen Liebhaber hatte, führte mit viel Intelligenz und besonders ohne irgend etwas der Äbtissin zu sagen die Befehle Celias aus. Die machte ihr ein hübsches Diamantkreuz zum Geschenk. Martona, welche ein sehr einfaches Mädchen war, bedankte sich dafür und sagte:
„Es gibt eine Sache, die ich allen Diamanten der Welt vorziehen würde. Seit diese neue Äbtissin ins Kloster gekommen ist, habe ich, obgleich ich mich, um ihre Gunst zu erlangen, zu jedem Dienst erniedrigt habe, niemals von ihr erreichen können, daß sie mir auch nur die kleinste Erleichterung gewährt hätte, um Giuliano 142R**, der mein Freund ist, zu sehen. Diese Äbtissin wird unser aller Unglück sein. Schließlich sind es schon mehr als vier Monate, seit ich Giuliano gesehen habe, und es wird damit enden, daß er mich vergißt. Die vertraute Freundin der gnädigen Signora Fabiana gehört doch zu den acht Schwestern-Pförtnerinnen; ein Dienst verlangt den andern. Könnte Signora Fabiana nicht eines Tages, wenn sie Wache an der Türe haben wird, mir erlauben, fortzugehen, um Giuliano zu sehen oder ihm erlauben, zu kommen?“
„Ich werde mein möglichstes tun,“ sagte Celia, „aber die große Schwierigkeit, die Fabiana mir einwerfen wird, ist, daß die Äbtissin Eure Abwesenheit bemerken wird. Ihr habt sie zu sehr daran gewöhnt, Euch unaufhörlich in der Nähe zu haben. Versucht, Euch hie und da zu entfernen. Ich bin sicher, wenn Ihr Euch an jede andere angeschlossen hättet als an die Frau Äbtissin, würde es Fabiana gar keine Schwierigkeit machen, Euren Wunsch zu erfüllen.“
Nicht ohne Plan sprach Celia so.
„Du verbringst dein Leben damit, deinen Geliebten zu beweinen“, sagte sie zu Fabiana, „und denkst nicht an die entsetzliche Gefahr, die uns droht. Unsere Äbtissin ist so unfähig zu schweigen, daß früher oder später das, was geschehen ist, unsrem strengen Großherzog zur Kenntnis kommen wird. Er hat die Ideen eines Mannes, der fünfundzwanzig Jahre Kardinal war, auf den Thron mitgebracht. Unser Verbrechen ist eins der größten, das man in den Augen der Religion begehen kann; mit einem Wort: das Leben der Äbtissin ist unser Tod.“
„Was willst du sagen?“ fragte Fabiana, sich die Tränen trocknend.
143„Ich will sagen, daß du von deiner Freundin, Vittoria Ammanati ein wenig von dem berühmten Gift von Perugia erlangen mußt, daß ihre Mutter, die ja selbst von ihrem Gatten vergiftet worden ist, ihr sterbend gab. Ihre Krankheit hatte mehrere Monate gedauert und wenige hatten an Gift geglaubt; genau so wird es bei unsrer Äbtissin sein.“
„Dein Gedanke entsetzt mich,“ rief die sanfte Fabiana.
„Ich zweifle nicht an deinem Entsetzen, und ich würde es teilen, wenn ich mir nicht sagte: das Leben der Äbtissin ist der Tod Fabianas und Celias. Bedenke doch: sie ist vollkommen unfähig, zu schweigen; ein Wort von ihr genügt, um den Kardinal-Großherzog zu überzeugen, der nichts so verabscheut wie jene Verbrechen, die durch die alte Freiheit, die in unsern armen Klöstern herrschte, verursacht wurden. Deine Cousine steht in nahen Beziehungen zu Martona, die einem Zweig ihrer Familie angehört, der durch den Zusammenbruch von 1584 ruiniert wurde. Martona ist sterblich verliebt in einen schönen Seidenweber, namens Giuliano: es ist notwendig, daß deine Cousine ihr als ein Schlafmittel, geeignet, die unbequeme Aufmerksamkeit der Äbtissin zu beseitigen, dieses Gift aus Perugia gibt, das den Tod in sechs Monaten herbeiführt.“
Als Graf Buondelmonte wieder Gelegenheit fand, bei Hof zu erscheinen, beglückwünschte ihn Großherzog Ferdinand zu der mustergültigen Ruhe, die in dem Kloster von Sante Riparata herrschte. Dieser Ausspruch des Fürsten veranlaßte den Grafen, sich sein Werk anzusehen. Man kann sich sein Erstaunen vorstellen, als die Äbtissin ihm von dem Doppelmord erzählte, dessen Ende sie mit angesehen hatte. Der Graf 144merkte wohl, daß die Äbtissin Virgilia ganz unfähig war, ihm die geringste Auskunft über den Grund dieses Doppelverbrechens zu geben. ‚Außer Felizia‘, sagte er sich, ‚mit ihrem klaren Kopf, dessen Logik mich vor sechs Monaten bei meinem ersten Besuch so in Verlegenheit brachte, gibt es hier niemand, der mir Aufschluß über die fragliche Angelegenheit geben könnte. Aber wird sie sprechen wollen, eingenommen wie sie ist gegen die Ungerechtigkeit der Gesellschaft und der Familien in der Frage der Nonnen?‘
Die Ankunft des großherzoglichen Vertreters im Kloster hatte Felizia mit maßloser Freude erfüllt. Endlich sah sie diesen unvergleichlichen Mann wieder, der die einzige Ursache all ihrer Handlungen seit sechs Monaten war! Durch eine entgegengesetzte Wirkung hatte die Ankunft des Grafen Celia und ihre Freundin, die junge Fabiana, in den tiefsten Schrecken versetzt.
„Deine Bedenken werden uns zugrunde gerichtet haben,“ sagte Celia zu Fabiana. „Die Äbtissin ist zu schwach, als daß sie nicht gesprochen haben sollte. Und jetzt ist unser Leben in den Händen des Grafen. Zwei Auswege bleiben uns: die Flucht ergreifen! Aber wovon werden wir leben? Der Geiz unsrer Väter wird den Verdacht des Verbrechens, der über uns schwebt, als Ausflucht benutzen, um uns das Brot zu verweigern. Ehemals, als Toskana nur eine Provinz Spaniens war, konnten sich die unglücklichen verfolgten Toskaner nach Frankreich flüchten. Aber der Großherzog-Kardinal will das spanische Joch abwerfen. Unmöglich für uns, eine Zuflucht zu finden; dahin haben uns deine kindischen Bedenken geführt, meine arme Freundin. Wir werden deshalb nicht weniger genötigt sein, das Verbrechen zu begehen, denn Martona und die Äbtissin 145sind die einzigen gefährlichen Zeugen dessen, was in jener verhängnisvollen Nacht geschehen ist. Die Tante Rodelindes wird nichts sagen; sie wird nicht die Ehre ihrer Verwandten, die ihr so teuer ist, bloßstellen wollen. Martona, die das angebliche Schlafmittel der Äbtissin verabreicht hat, wird sich wohl hüten, zu sprechen, sobald wir ihr gesagt haben, daß dieses Schlafmittel ein Gift war. Außerdem ist sie ein gutes Mädchen und leidenschaftlich in ihren Giuliano verliebt.“
Es währte zu lang, wollte man die geistvolle Unterhaltung wiedergeben, die Felizia mit dem Grafen führte. Ihr war immer der Fehler gegenwärtig, den sie begangen hatte, als sie zu schnell in der Angelegenheit der beiden Kammerfrauen nachgab. Die Folge dieses Übermaßes von Gutherzigkeit war, daß der Graf sechs Monate hatte verstreichen lassen, ohne im Kloster zu erscheinen. Felizia gab sich das Versprechen, nicht wieder in den gleichen Irrtum zu verfallen. Der Graf hatte sie mit allergrößter Artigkeit bitten lassen, ihm eine Unterredung im Sprechzimmer zu gewähren. Diese Einladung brachte Felizia außer sich. Es war nötig, daß sie sich erinnerte, was sie ihrer Würde als Frau schuldig sei, um die Unterredung auf den nächsten Tag zu verschieben. Aber als sie in dieses Sprechzimmer eintrat, wo der Graf allein war, fühlte sich Felizia von einer ihr ganz fremden Schüchternheit ergriffen, obwohl sie durch ein Gitter ungeheurer Eisenstäbe von ihm getrennt war. Ihr Erstaunen war außerordentlich; sie bereute den Einfall tief, der ihr einstmals so geschickt und gefällig erschienen war. Wir sprechen von dem Geständnis ihrer Leidenschaft für den Grafen, das sie damals der Äbtissin gemacht hatte, damit diese es 146dem Grafen wiedererzähle. Damals war sie weit davon entfernt, ihn so zu lieben wie jetzt. Es war ihr vergnüglich erschienen, das Herz des ernsten Vertreters anzugreifen, den der Herzog dem Kloster gegeben hatte. Jetzt waren ihre Gefühle ganz anders. Ihm zu gefallen, war notwendig für ihr Glück; wenn ihr dies nicht gelänge, würde sie unglücklich sein, und wie würde ein so ernster Mann die seltsame Eröffnung aufnehmen, die ihm die Äbtissin machen würde? Es könnte leicht geschehen, daß er sie indezent fände, und dieser Gedanke war eine Marter für Felizia. Es war nötig zu sprechen. Der Graf saß ernst vor ihr und sagte ihr Höflichkeiten über ihren starken Geist. „Hat es ihm die Äbtissin schon erzählt?“ Die ganze Aufmerksamkeit der jungen Nonne vereinigte sich auf diese große Frage. Zu ihrem Glück glaubte sie zu erkennen, was in der Tat die Wahrheit war: daß die Äbtissin, vom Anblick der beiden Leichen jener verhängnisvollen Nacht noch ganz entsetzt, eine so nichtige Einzelheit wie die törichte Liebe der jungen Nonne ganz vergessen hatte.
Der Graf bemerkte die außerordentliche Verwirrung dieses schönen Mädchens sehr wohl und wußte nicht, wem er sie zuschreiben sollte. ‚Wäre sie schuldig?‘ sagte er sich. Diese Idee beunruhigte ihn, den so Vernünftigen. Dieser Verdacht bewog ihn, den Antworten der jungen Nonne außerordentliche und ernste Aufmerksamkeit zu schenken. Das war eine Ehre, die er schon seit langem nicht den Worten einer Frau erwiesen hatte. Er bewunderte Felizias Geschick. Sie traf die Kunst, in einer für den Grafen schmeichelhaften Weise auf alles zu antworten, was er über den verhängnisvollen Kampf an der Türe des Klosters sagte, aber sie hütete sich wohl, ihm entscheidende Antworten 147zu geben. Nach einer Unterhaltung, die anderthalb Stunden gewährt hatte, während deren der Graf sich nicht einen Augenblick langweilte, beurlaubte er sich von der jungen Nonne und bat sie mit Wärme, ihm in einigen Tagen noch eine Unterredung zu gewähren. Dies Wort erfüllte Felizias Herz mit himmlischer Seligkeit.
Der Graf ging sehr nachdenklich aus der Abtei von Santa Riparata. ‚Es wäre ohne Zweifel meine Pflicht,‘ sagte er sich, ‚dem Fürsten von den seltsamen Dingen, die ich erfahren habe, in Kenntnis zu setzen. Der ganze Staat hat sich mit dem Tod dieser beiden bedauernswerten, so reichen und glänzenden jungen Leute beschäftigt. Andrerseits hat uns der Fürst-Kardinal jetzt einen so schrecklichen Bischof gegeben, daß man die ganzen Greuel der spanischen Inquisition auf das unglückliche Kloster hetzen würde, wenn man auch nur ein Wort verlauten ließe von dem, was geschehen ist. Es wäre nicht nur eines dieser armen jungen Mädchen, das dieser fürchterliche Bischof umbringen lassen würde, sondern vielleicht fünf oder sechs; und wer wäre an ihrem Tode schuldig, wenn nicht ich, der nur einen ganz kleinen Vertrauensmißbrauch zu begehen hat, damit nichts geschieht? Wenn der Fürst erfährt, was vorgefallen ist und mir Vorwürfe macht, werde ich ihm sagen: Euer entsetzlicher Bischof hat mir Angst eingeflößt.‘
Der Graf wagte nicht, sich alle die Gründe, die ihn zum Schweigen brachten, genau einzugestehen. Er war unsicher, ob nicht die schöne Felizia schuldig war, und sein ganzes Wesen wurde von Schreck gepackt bei der Vorstellung, das Leben eines armen, von ihren Eltern und von der Gesellschaft so grausam behandelten 148jungen Mädchens in Gefahr bringen. ‚Sie würde die Zierde von Florenz sein,‘ sagte er sich, ‚wenn man sie verheiratet hätte.‘
Der Graf hatte die vornehmsten Herrn und die reichsten Kaufleute von Florenz zu einer prächtigen Jagdpartie in den zur Hälfte ihm gehörenden Maremmen von Siena eingeladen. Er entschuldigte sich bei ihnen; die Jagd fand ohne ihn statt, und Felizia war sehr erstaunt, als sie schon am übernächsten Morgen nach ihrer ersten Unterhaltung die Pferde des Grafen im äußeren Klosterhof stampfen hörte. Als der Vertreter des Großherzogs den Entschluß gefaßt hatte, dem Fürsten nichts von dem mitzuteilen, was geschehen war, hatte er gleichwohl gefühlt, daß er die Verpflichtung auf sich nehmen müsse, in Zukunft über die Ruhe des Klosters zu wachen. Nun war es, um das zu erreichen, vor allem zu wissen nötig, welchen Anteil die beiden Nonnen, deren Liebhaber ermordet worden waren, an ihrem Tod gehabt hatten. Nach einer langen Unterredung mit der Äbtissin ließ der Graf acht oder zehn Nonnen rufen, unter denen sich auch Fabiana und Celia befanden. Er fand zu seinem großen Erstaunen, was auch die Äbtissin ihm gesagt hatte, daß acht von diesen Nonnen gar nichts von den Vorgängen jener verhängnisvollen Nacht wußten. Der Graf stellte an keine direkte Fragen, außer an Celia und an Fabiana: sie leugneten, Celia mit der ganzen Festigkeit einer Seele, die über alles Unglück erhaben ist, die junge Fabiana wie ein armes Mädchen in Verzweiflung darüber, daß man es in barbarischer Weise an die Quelle aller seiner Schmerzen erinnert. Sie war entsetzlich abgemagert und hatte das Aussehen einer Schwindsüchtigen; sie konnte sich über den Tod des jungen Lorenzo B** nicht trösten. ‚Ich bin es, die ihn getötet 149hat,‘ sagte sie Celia in den langen Gesprächen, die sie mit ihr führte; ‚ich hätte die Eigenliebe des wilden Don Cesare, seines Vorgängers, besser schonen müssen, als ich mit ihm brach.‘
Kaum in das Sprechzimmer eingetreten, bemerkte Felizia, daß die Äbtissin die Schwäche gehabt hatte, dem Stellvertreter des Großherzogs von ihrer Liebe zu ihm zu sprechen; die Haltung des gelassenen Buondelmonte war dadurch ganz verändert. Das war zuerst ein Anlaß des Errötens und der Verlegenheit für Felizia. Ohne es zu wollen, war sie entzückend, während der langen Unterredung, die sie mit dem Grafen hatte; aber sie gestand nichts. Die Äbtissin wußte nichts genaues über das, was sie gesehen und allem Anschein nach falsch gesehen hatte. Celia und Fabiana gestanden nichts. Der Graf war sehr verlegen. ‚Wenn ich die Kammerfrauen und die Dienerinnen verhöre, heißt das, dem Bischof in dieser Sache Zutritt verschaffen. Sie werden zu ihrem Beichtvater davon sprechen und dann haben wir die Inquisition im Kloster.‘
Der Graf war sehr beunruhigt und kam alle Tage nach Santa Riparata. Er hatte sich entschlossen, alle Nonnen zu verhören, dann alle Hofkammerfrauen und endlich das ganze Gesinde. Er deckte die Wahrheit über einen vor drei Jahren verübten Kindesmord auf, dessen Anzeige ihm der Offizial des geistlichen Gerichtshofs, dessen Präsident der Bischof war, übermittelt hatte. Doch zu seinem großen Erstaunen sah er, daß die Geschichte der beiden jungen Leute, die sterbend den Garten der Abtei betreten hatten, nur der Äbtissin, Celia, Fabiana, Felizia und ihrer Freundin Rodelinde bekannt war. Die Tante dieser Letzteren wußte sich so gut zu verstellen, daß sie dem Argwohn entschlüpfte. Der 150Schrecken, den der neue Bischof Monsignore einflößte, war derart groß, daß, mit Ausnahme der Äbtissin und Felizias, die offensichtlich lügenhaften Aussagen aller andren Nonnen immer in den gleichen Worten gegeben wurden. Der Graf hatte zum Schluß jeder seiner Sitzungen im Kloster eine lange Unterhaltung mit Felizia, welche sie glücklich machte; aber um sie zu verlängern, befleißigte sie sich, den Grafen jeden Tag nur einen ganz kleinen Teil von dem mitzuteilen, was sie über den Tod der beiden jungen Edelleute wußte. Im Gegensatz dazu war sie von äußerstem Freimut in den Dingen, die sie persönlich betrafen. Sie hatte drei Liebhaber gehabt; sie erzählte dem Grafen, der fast ihr Freund geworden war, die ganze Geschichte dieser Liebschaften. Die völlige Offenheit dieses schönen und geistvollen Mädchens fesselte den Grafen, dem es nicht schwer fiel, sie mit äußerster Aufrichtigkeit zu beantworten.
„Ich kann Euch nicht mit so interessanten Geschichten, wie Eure es sind, erwidern,“ sagte er Felizia, „und ich weiß nicht, ob ich es wagen soll, Euch zu sagen, daß mir alle Eures Geschlechts, die ich in der Welt getroffen habe, stets mehr Verachtung für ihren Geist, als Bewunderung für ihre Schönheit eingeflößt haben.“
Die häufigen Besuche des Grafen hatten Celia die Ruhe genommen. Fabiana, mehr und mehr von ihrem Schmerz benommen, hatte aufgehört, den Ratschlägen ihrer Freundin ihre Abwehr entgegenzusetzen. Als die Reihe an sie kam, die Tür des Klosters zu bewachen, öffnete sie, wandte den Kopf, und der junge Seidenweber Giuliano, Martonas Freund, konnte ins Kloster eintreten. Er verbrachte dort volle acht Tage, bis Fabiana von neuem Dienst hatte und die Türe offen lassen 151konnte. Es scheint, daß Martona gegen Ende des langen Aufenthalts ihres Geliebten, gerührt von Giulianos Klagen, der sich allein in ihrem Zimmer eingeschlossen tödlich langweilte, der Äbtissin, welche sie Tag und Nacht um sich haben wollte, die einschläfernde Essenz verabreichte.
Als Giulia, eine sehr fromme junge Nonne, eines Abends durch die großen Schlafräume ging, hörte sie in Martonas Zimmer sprechen. Sie näherte sich leise, blickte durch das Schlüsselloch und sah einen schönen jungen Mann unter Scherzen mit Martona zur Nacht speisen. Giulia tat einige Schläge gegen die Türe; als ihr aber einfiel, daß Martona sehr wohl öffnen, sie mit diesem jungen Mann einschließen und sie, Giulia, der Äbtissin anzeigen könnte, wurde sie von großer Bestürzung erfaßt, denn Martona verbrachte ihr ganzes Leben mit der Äbtissin und man würde ihr gewiß glauben. In ihrer Einbildung sah sie sich schon in diesem einsamen und dunklen Korridor, wo noch keine Lampen angezündet waren, von Martona verfolgt, die sehr viel stärker war als sie selbst. Giulia ergriff ganz bestürzt die Flucht, aber sie hörte noch Martona die Türe öffnen und bildete sich ein, von ihr erkannt worden zu sein; so lief sie zur Äbtissin, um ihr alles zu sagen und diese eilte in furchtbarer Entrüstung auf Martonas Zimmer, wo sie jedoch Giuliano nicht mehr vorfand, der sich in den Garten geflüchtet hatte. Aber in der gleichen Nacht, da die Äbtissin aus Vorsicht und im Interesse von Martonas Ruf, diese zu sich nahm und ihr ankündigte, daß sie, damit die Bosheit nicht wieder einen Mann dahinter vermuten könne, am nächsten Morgen in Begleitung des Beichtvaters, an die Türe ihrer Zelle Siegel anlegen werde, mischte Martona, die in diesem Augenblick damit beschäftig 152war, der Äbtissin das aus einer Schokolade bestehende Nachtmahl, zu bereiten, eine ungeheure Menge des vorgeblichen Schlafpulvers hinein.
Am nächsten Morgen befand sich die Äbtissin Virgilia in einem so seltsamen Zustand nervöser Erregung und fand, als sie in den Spiegel sah, ihr Gesicht so verändert, daß sie dachte, sie würde sterben. Die erste Wirkung des Giftes von Perugia ist, daß es die Personen, die davon genossen, fast verrückt macht. Virgilia erinnerte sich, daß eines der Vorrechte der Äbtissinnen des adligen Klosters von Santa Riparata war, in ihren letzten Augenblicken den Beistand Seiner bischöflichen Gnaden zu genießen. Sie schrieb dem Prälaten, der bald im Kloster erschien. Sie erzählte ihm nicht nur von ihrer Krankheit, sondern auch von der Geschichte der beiden Leichen. Der Bischof tadelte streng, daß sie ihm von einem so eigentümlichen und so verbrecherischen Vorfall nicht Kenntnis gegeben habe. Die Äbtissin antwortete, daß der Stellvertreter des Herzogs, der Graf Buondelmonte, ihr nachdrücklich geraten hätte, den Skandal zu vermeiden.
„Und wie kann dieser Weltliche die Kühnheit haben, die genaue Erfüllung Eurer Pflichten Skandal zu nennen?“
Als sie den Bischof im Kloster erscheinen sah, sagte Celia zu Fabiana: „Wir sind verloren. Dieser fanatische Prälat, der um jeden Preis die Reform des Konzils von Trient in den Klostern seiner Diözese einführen will, wird sich ganz anders zu uns verhalten, als der Graf Buondelmonte.“
Fabiana warf sich weinend in Celias Arme: „Der Tod macht mir nichts, aber ich werde doppelt verzweifelt sterben, weil ich dich ins Verderben gestürzt 153habe, ohne damit das Leben dieser unglücklichen Äbtissin zu retten.“
Sogleich begab sich Fabiana in die Zelle der Nonne, welche an diesem Abend die Torwache hatte. Ohne sich auf die Einzelheiten einzulassen, sagte sie ihr, daß es Ehre und Leben Martonas zu retten gelte, welche die Unvorsichtigkeit begangen habe, einen Mann in ihrer Zelle zu empfangen. Nach vielen Schwierigkeiten willigte die Nonne ein, etwas nach elf Uhr abends die Tür offen zu lassen und sich einen Augenblick zu entfernen.
Während dieser Zeit hatte Celia Martona sagen lassen, sie möge sich in den Chor begeben. Das war ein Saal wie eine zweite Kirche, die nur durch ein Gitter von der dem Volke zugänglichen getrennt war; sie hatte mehr als vierzig Fuß Höhe. Martona hatte sich in der Mitte des Chors niedergekniet, so daß niemand hören konnte, wenn sie leise sprach. Celia begab sich an ihre Seite.
„Hier“ — sagte sie ihr — „ist eine Börse, die alles Geld enthält, das Fabiana und ich finden konnten. Heute abend oder morgen abend werde ich es ermöglichen, daß die Türe des Klosters einen Augenblick offen bleibt. Laß Giuliano entschlüpfen und du rette dich bald danach. Sei gewiß, daß die Äbtissin dem schrecklichen Bischof alles gesagt hat und daß sein Gerichtshof dich ohne Zweifel zu fünfzehn Jahren Kerker oder zum Tode verurteilen wird.“
Martona machte eine Bewegung, um sich Celia zu Füßen zu werfen.
„Was tust du, Unvorsichtige?“ rief diese, und es gelang ihr, die Bewegung aufzuhalten. „Bedenke, daß man Giuliano und dich in jedem Augenblick verhaften 154kann. Halte dich von jetzt an, bis zum Augenblick deiner Flucht, so versteckt wie möglich, und gib vor allem acht auf die Personen, die in das Sprechzimmer der Frau Äbtissin eintreten.“
Als der Graf am nächsten Morgen im Kloster eintraf, fand er vieles verändert vor. Martona, die Vertraute der Äbtissin war während der Nacht verschwunden; die Äbtissin war so geschwächt, daß sie genötigt war, sich in einem Lehnstuhl ins Sprechzimmer tragen zu lassen, um den Vikar des Fürsten zu empfangen. Sie gestand ihm, daß sie dem Bischof alles gesagt habe.
„In diesem Fall werden wir Blut oder Gift haben“, rief dieser aus.
Die erste Sorge des Vertreters des Fürsten war, das Wohl der jungen Felizia zu sichern. Graf Buondelmonte, der menschlich fühlte, konnte den Gedanken nicht ertragen, daß dieses schöne junge, ihm so zärtlich gesinnte Mädchen verdammt sein sollte, keinen andern Gemahl als einen verpesteten Kerker zu haben oder sogar Gift zu trinken. ‚Wie schade wäre es,‘ dachte er sich, ‚wenn Felizia wegen der gefährlichen Einfalt unsrer Äbtissin und wegen des Fanatismus dieses schrecklichen Bischofs ein Leben verlieren müßte, welches das Glück eines rechtschaffenen Mannes ausmachen könnte! Man muß um jeden Preis ein so gräßliches Los zu verhindern trachten.‘ Und er sann nach, wie er sie unter irgendeiner Verkleidung entfliehen lassen könnte.
Da erinnerte er sich an eine Einzelheit: die Nonnen des Klosters trugen unter ihrem Schleier ein Kleid aus grüner Seide, welches eng anliegend am Körper und gerade nur unter die Knie reichend, wenig von dem glänzenden Kostüm der Waffenherolde abwich, die bei den großen Zeremonien vor dem Fürsten einherschritten. 155‚Es wird genügen,‘ sagte sich der Graf, ‚daß Felizia ihren Schleier über dem Kopf zusammenrafft und ihn wie ein Barett faltet; wenn sie dann ihr langes fließendes Gewand wie einen Mantel um die Schultern wirft, wird sie ganz das Ansehen eines großherzoglichen Herolds haben. Man hat mir erzählt, daß eine Nonne in solcher Verkleidung ausging, um ihren Geliebten zu besuchen. Felizia wird ebenfalls keine Schwierigkeit haben, besonders weil sie von mir begleitet ist und die Wache wird ihr die Ehrenbezeugung erweisen.‘
Er ließ sofort Felizia rufen und teilte ihr seinen Plan mit. Sie antwortete ihm, daß sie ihr Leben in seine Hände gäbe: „Wisset,“ sagte sie, „daß es weniger Glück für mich ist, es zu behalten, als es Euch zu verdanken und zu wissen, daß Ihr Euch die Mühe genommen habt, für mich zu sorgen.“ Ein feuriger Blick, der diese Worte begleitete, verriet die Gefühle dieses leidenschaftlichen Mädchens. Es war nicht Zeit für langes Reden. Felizia beeilte sich, den Anweisungen des Grafen zu folgen, und als sie passend verkleidet war, begab sie sich auf dem gleichen Weg zur Terrasse der Orangerie, wie in der Nacht, als Lorenzo und Pierantonio getötet wurden. Sie stieg in den Garten, wohin der Graf ihr vorausgegangen war und fand ihn nahe der Tür, die auf die weite Ebene hinter den Stadtmauern führte. Man hatte grade die Wache abgelöst und dieser Umstand begünstigte noch die Flucht, denn die vorige Wache hätte sich wundern können, einen Waffenherold, den sie nicht eingelassen hatte, aus dem Kloster fortgehen zu sehn. Der Graf und Felizia befanden sich in der Straße der Goldarbeiter, dort führte er sie zu einem Mann, der ihm sehr ergeben war, weil er ihn einstens vor den Galeeren 156gerettet hatte. Sie wechselte ihre Kleider, nahm die der Tochter ihres Wirts und ritt gegen Mitternacht, von zwei Dienern des Grafen begleitet, zu einem seiner Pächter, der sie bis an die Grenzen Bolognas begleiten sollte, wo die Buondelmonte Freunde hatten. Dort befand sie sich endlich in Sicherheit.
Dann bemühte sich Graf Buondelonte, auch die sanfte Rodelinde zu retten, und es fiel ihm nicht zu schwer, weil er sich Celias Nachschlüssel bedienen konnte, die man ihr weggenommen hatte.
Schon am nächsten Morgen kehrte der Bischof ins Kloster zurück und führte, wie der Graf vorher geahnt hatte, die ganzen Schrecken der Inquisition mit sich. Er leitete den Prozeß gegen die Nonnen in den strengsten Formen ein. Dieses Verfahren dauerte nicht lange und der Prälat lud die schuldigen Schwestern in dem Saal vor sich, wo gewöhnlich die Wahl der Äbtissin stattfand. Der Spruch wurde verkündet: Celia und Fabiana wurden verurteilt, durch Gift zu sterben; andre, der Nonnenkleider verlustig zu gehen und bis ans Ende ihrer Tage in ein Gefängnis geworfen zu werden, und die endlich, die am wenigsten schuldig gefunden wurden, sollten eine Gefangenschaft von zehn Jahren erdulden.
Kaum war diese Vorlesung beendet, als eine der zu lebenslänglichem Kerker verurteilten Nonnen zum Fenster lief, es öffnete und sich in den Garten stürzte; eine andre durchstieß sich die Brust mit einem Dolch. Schreckliche Schreie ertönten und verbreiteten Entsetzen im ganzen Kloster.
Der Bischof hatte sich zurückgezogen, als die Ruhe wiederhergestellt war, und der Geistliche, dem er seine Macht übertragen hatte, schritt an den schmerzlichsten 157Teil seiner Aufgabe, jenen, der Celia und Fabiana betraf. Er machte ihnen in rauhester Weise Vorstellungen über den Ernst der Unruhen, die sie veranlaßt hatten und schloß, indem er ihnen sagte, sie müßten dieses Leben verlassen, um den Zorn des Himmels zu besänftigen.
„Aber“, fügte er hinzu, „Eure Vorgesetzten und Eure Richter, welche den Adel Eurer Familien und die Würde dieses Orts in Betracht gezogen haben, wollten Euch von der vollen Strenge der geistlichen Diszipin befreien und Euch die Schande eines öffentlichen Urteilsvollzugs ersparen; sie haben also, nach den Grundsätzen der Barmherzigkeit Jesu Christi, beschlossen, Euch Eure Tage in der Umfassung dieses geweihten Orts beenden zu lassen — und durch den Schierlingstrank.“
Während dieser Rede sah ihn Celia starr mit verächtlicher Ruhe an. Als er aufgehört hatte, zu sprechen, fragte sie ihn kurz, wo der Giftbecher sei. „Priester eines Gottes der Barmherzigkeit,“ antwortete er, „habe ich nur das Urteil über die Schuldigen zu sprechen: die Ausführung ist den Laienbrüdern anvertraut, wendet Euch an diese.“
Ein Leibwächter des Geistlichen brachte zwei mit diesem Gift gefüllte Becher, er reichte sie Celia, die einen davon nahm und zu Fabiana sagte: „Bringen wir diese Todesblume diesem Hanswurst der Seelen“ — und sie schlang es hinunter bis auf den letzten Tropfen. Die schwächere Fabiana gab sich Tränen und Klagen hin; Celia machte ihr Vorwürfe über ihre Anhänglichkeit an ein so unglückliches Leben und über ihre Feigheit, die, wie sie sagte, der dieser Männer gleichkam, die sich nicht schämten, von aller Welt verlassene Frauen zu ermorden.“ Endlich trocknete Fabiana ihre Tränen, faßte 158sich wie im Augenblick einer großen Krise und würgte das Gebräu hinunter; es Tropfen für Tropfen schlürfend.
Indessen trugen Livia und eine andre Dienerin den leblosen Körper der Nonne vom Garten herein, die sich aus dem Fenster gestürzt hatte. Als Celia sie bemerkte, entschlüpften ihr die Worte: „Wie ist sie glücklich, nicht mehr zu leben!“ Dann sprach sie den beiden Dienerinnen ihren Dank für die Ergebenheit aus, die sie ihr gezeigt hatten; sie gab Livia einen Diamantring, den sie am Finger trug, zum Geschenk, und forderte sie auf, den Erlös mit ihrer Gefährtin zu teilen.
Das Gift begann auf seine Opfer zu wirken: Fabiana wälzte sich auf der Erde in den Ängsten des Todes; Celia bemerkte, daß der Delegat des Bischofs und seine Leute fühllose Zeugen dieses Schauspiels blieben: „Geht fort!“ rief sie aus, „laßt uns fern von Euren Augen sterben! Gerechter Gott, verlängert nicht unsre Marter!“ Endlich wurde ihre Natur durch den Schmerz besiegt, und auch sie konnte sich nicht mehr aufrecht halten und fiel zu Boden. In den Krämpfen ihrer Agonie löste sich ihr reiches schwarzes Haar und fiel ihr über Schultern und Brust, welche durch ihre wilden Bewegungen entblößt waren. Alle, sogar der Delegat, waren von Mitleid ergriffen, vielleicht auch von Bedauern, an der Vernichtung eines so vollkommenen Wesens Teil gehabt zu haben; sie konnten den Anblick nicht länger ertragen und gingen in einen Nebenraum. „Nie vielleicht“, sagte der Bevollmächtigte des Bischofs, „gab es eine unbeugsamere Seele in einer schöneren Hülle. Wie schade!“
159Mittlerweile war Felizia in Bologna in aller Sicherheit untergebracht worden. Graf Buondelmonte säumte nicht, ihre seine Tröstungen zu bringen und man sagt, daß dieser Herr in der Folge die Reise von Florenz nach Bologna häufig unternahm.
162ÜBERTRAGEN VON M. VON MUSIL
163Für mich wie für den Leser bedaure ich, daß dies kein Roman, sondern die treue Übersetzung eines sehr traurigen Berichtes ist, der im Dezember 1585 in Padua aufgeschrieben worden ist.
Ich befand mich vor einigen Jahren in Mantua, um Skizzen und kleine Bilder zu suchen, die im Einklang mit meinem beschränkten Vermögen stünden; ich suchte Maler, die vor dem Jahre 1600 gearbeitet hatten, denn etwa um diese Zeit ist die italienische Originalität vollends ausgestorben, die schon durch die Besetzung von Florenz im Jahre 1530 sehr gelitten hatte.
An Stelle von Gemälden bot mir ein alter, sehr reicher und geiziger Patrizier alte, von der Zeit vergilbte Manuskripte sehr teuer zum Kauf an; ich bat um die Erlaubnis, sie durchfliegen zu dürfen; er stimmte bei und fügte hinzu, er rechne darin auf meine Anständigkeit, daß ich mich an die pikanten Anekdoten, die ich lesen sollte, nicht erinnern würde, wenn ich die Manuskripte nicht kaufte.
Unter dieser Bedingung, die mir paßte, habe ich sehr zum Schaden meiner Augen an dreihundert oder vierhundert Bände durchflogen, worin vor zwei oder drei Jahrhunderten Erzählungen von tragischen Abenteuern angehäuft worden sind, von Herausforderungsschreiben zu Zweikämpfen, Friedensverträgen zwischen vornehmen Nachbarn, Aufzeichnungen über Dinge aller Art usf. 164Der alte Eigentümer forderte für diese Manuskripte einen ungeheuren Preis.
Nach langem Unterreden erwarb ich gegen eine sehr große Summe das Recht, gewisse kleine Geschichten, die mir gefielen und die Lebensgewohnheiten Italiens um 1500 zeigten, zu kopieren. Ich besitze zweiundzwanzig Foliobände davon, und was der Leser hier lesen wird, wenn er überhaupt Geduld dazu hat, ist eine dieser getreu übersetzten Geschichten. Ich kenne die Geschichte des sechzehnten Jahrhunderts in Italien, und ich glaube, daß das Folgende vollkommen wahr ist. Ich habe mir Mühe gegeben, damit die Übersetzung dieses ernsten, geraden, düsteren, altitalienischen Stils, der voll Anspielungen auf Dinge und Vorstellungen ist, welche die Welt unter dem Pontifikat Sixtus V. beschäftigt haben, nicht etwa die moderne schöne Literatur widerspiegelt und die Ideen unseres vorurteilslosen Jahrhunderts.
Der unbekannte Autor des Manuskripts ist eine vorsichtige Persönlichkeit; er beurteilt niemals eine Tatsache, er bereitet nie auf sie vor, sein einziges Bestreben ist, wahrheitsgemäß zu berichten. Wenn er dabei bisweilen, ihm unbewußt, malerisch wird, kommt das daher, daß im Jahre 1585 noch nicht alle Handlungen der Menschen von einer Eitelkeitsaureole verschleiert waren; man glaubte damals, nur dann auf den Nachbar wirken zu können, wenn man sich mit größter Klarheit ausdrückte. Um 1585 dachte außer den Hofnarren oder den Poeten niemand daran, liebenswürdige Redewendungen zu gebrauchen. Man sagte noch nicht im Augenblick, wo man Postpferde holen ließ, um die Flucht zu ergreifen: ich werde zu Füßen Eurer Majestät sterben; dies war vielleicht die einzige Art von 165Verrat, die nicht üblich war. Man sprach wenig und jeder hörte mit äußerster Aufmerksamkeit auf das, was ihm gesagt wurde.
Also, gütiger Leser, suche hier nicht eine beziehungsreiche, leichte Schreibweise, die von frischen Anspielungen auf die Art des modernen Empfindens glänzt, erwarte nicht etwa die spannenden Erregungen eines Romans der George Sand; diese große Schriftstellerin hätte ein Meisterwerk aus dem Leben und dem Unglück der Vittoria Accoramboni gemacht. Die wahrheitsgetreue Erzählung, die ich darbiete, kann nur die bescheidenen Vorzüge der Historie haben. Wenn man aber zufällig bei einbrechender Nacht allein im Postwagen sitzt und sich anschickt, über die große Kunst der Ergründung des menschlichen Herzens nachzudenken, wird man die Begebenheiten dieser Erzählung als Grundlage seiner Beurteilung annehmen können. Der Verfasser sagt alles, erklärt alles, überläßt nichts der Einbildungskraft des Lesers; er schrieb die Geschichte zwölf Tage nach dem Tod der Heldin.
Vittoria Accoramboni stammte aus altadeligem Geschlecht einer kleinen Stadt des Herzogtums Urbino, die Agubio heißt. Schon von Kindheit an fiel sie allen durch ihre seltene, ungewöhnliche Schönheit auf. Aber diese Schönheit war ihr geringster Reiz. Nichts fehlte ihr, was ein Mädchen von vornehmer Geburt bewundernswert macht, aber nichts war so bemerkenswert, ja, man kann sagen: keine unter so vielen außerordentlichen Eigenschaften grenzte so ans Wunderbare, wie eine ganz eigne reizende Anmut, welche ihr beim ersten Anblick Herz und Willen eines jeden gewann. 166Und diese Natürlichkeit, die dem geringsten ihrer Worte Macht verlieh, war nicht durch den leisesten Anflug von Künstelei getrübt; von Anfang an faßte man Zutrauen zu dem vornehmen Mädchen, dem eine so ungewöhnliche Schönheit verliehen war. Mit äußerster Kraftanstrengung hätte man diesem Zauber vielleicht widerstehen können, solange man sie nur gesehen hätte; aber wenn man sie sprechen hörte und besonders, wenn man in eine Unterhaltung mit ihr geriet, war es ganz unmöglich, sich einen so ungewöhnlichen Reiz zu entziehen.
Viele junge Kavaliere aus Rom, wo ihr Vater wohnte und man seinen Palast noch heute auf der Piazza Rusticucci nahe Sankt Peter sehen kann, warben um ihre Hand. Es gab viel Eifersucht und Nebenbuhlerschaft; aber schließlich gaben Vittorias Eltern Felice Peretti den Vorzug, dem Neffen des Kardinals Montalto, der später der glücklich herrschende Papst Sixtus V. geworden ist.
Felice war der Sohn Camilla Perettis, einer Schwester des Kardinals und hieß früher Francesco Mignucci. Er nahm den Namen Felice Peretti erst an, als er von seinem Oheim in aller Form adoptiert wurde.
Als Vittoria in das Haus Peretti einzog, brachte sie, ohne daran zu denken, jenes Überstrahlende mit, das man schicksalhaft nennen kann; so daß man sagen möchte: um sie nicht anbeten zu müssen, dürfte man sie nie gesehen haben. Die Liebe, die ihr Mann für sie fühlte, ging bis zum Wahnsinn; ihre Schwiegermutter und der Kardinal Montalto selbst schienen auf Erden keine andre Beschäftigung zu haben, als die Wünsche Vittorias zu erraten, um sie sogleich zu erfüllen. Ganz Rom staunte, wie dieser Kardinal, der ebenso durch die 167Geringfügigkeit seines Vermögens, wie durch seinen Abscheu vor jedem Luxus bekannt war, jetzt ständig Freude daran fand, allen Wünschen Vittorias zuvorzukommen. Jung, im Glanz ihrer Schönheit und von allen angebetet, unterließ sie es nicht, bisweilen recht kostspielige Einfälle zu haben. Vittoria empfing von ihren neuen Verwandten die kostbarsten Schmucksachen, Perlen und überhaupt alles, was bei den Goldarbeitern Roms, die damals sehr gut versorgt waren, als Seltenheit galt.
Aus Liebe zu dieser liebenswürdigen Nichte behandelte der wegen seiner Strenge so bekannte Kardinal Montalto die Brüder Vittorias, als ob sie seine eignen Neffen wären. Ottavio Accoramboni wurde, kaum dreißig Jahr alt, durch die Vermittlung des Kardinals Montalto vom Herzog von Urbino zum Bischof von Fossombrone vorgeschlagen und vom Papst Gregor XIII. dazu ernannt; Marcello Accoramboni, ein Jüngling von ungestümem Mut, mehrerer Verbrechen angeklagt und eifrig von der Corte verfolgt, war mit größter Mühe den Verfolgungen entgangen, die leicht zu seinem Tode hätte führen können. Durch die Protektion des Kardinals gestützt, konnte er eine gewisse Ruhe wieder erlangen.
Ein dritter Bruder Vittorias, Giulio Accoramboni, wurde vom Kardinal Alessandro Sforza zu den ersten Ehrenposten seines Hofs zugelassen, kaum, daß der Kardinal darum ersucht hatte.
Mit einem Wort, wenn die Menschen ihr Glück nicht an der unendlichen Unersättlichkeit ihrer Wünsche messen würden, sondern am wirklichen Genusse aller Vorteile, die sie schon besitzen, so hätte den Accoramboni die Heirat Vittorias mit dem Neffen des Kardinals 168Montalto als Gipfel menschlicher Glückseligkeit erscheinen müssen. Aber dies unsinnige Verlangen nach unermeßlichen und unvorstellbaren Vorteilen treibt selbst Menschen, die auf der Höhe des Glücks stehen, in seltsame und gefährliche Bahnen.
Es ist wohl wahr: wenn irgendeiner der Verwandten Vittorias, in dem Wunsch, zu größerem Reichtum zu gelangen, dazu beigetragen hätte, sie von ihrem Gatten zu befreien, — wie ja in Rom vielfach Verdacht gehegt wurde —, so hätte er bald nachher erkennen müssen, wieviel weiser es gewesen wäre, sich mit den mäßigen Vorteilen eines angenehmen Glücks zu begnügen, welches ja so bald danach zu all dem aufgestiegen wäre, was menschlicher Ehrgeiz nur wünschen kann.
Während nun Vittoria gleich einer Königin in ihrem Hause lebte, wurde Felice Peretti eines Abends, gerade als er mit seiner Frau zu Bett gegangen war, ein Brief durch eine gewisse Caterina zugestellt, die aus Bologna stammte und Vittorias Kammerfrau war. Dieser Brief war von einem Bruder Caterinas, Domenico d'Aquaviva, mit dem Spitznamen il Mancino, der Linkshändige, überbracht worden. Dieser Mann war wegen verschiedener Verbrechen aus Rom verbannt, aber auf Bitten Caterinas hatte ihm Felice die mächtige Protektion seines Oheims des Kardinals verschafft, und der Mancino kam oft in Felices Haus, der großes Vertrauen in ihn setzte.
Der Brief, von dem wir sprechen, war im Namen Marcello Accorambonis geschrieben, welcher von allen Brüdern Vittorias Felice am liebsten war. Er lebte gewöhnlich versteckt außerhalb Roms, aber trotzdem wagte er sich manchmal in die Stadt und fand dann eine Zuflucht in Felices Haus.
169In dem zu so ungewöhnlicher Stunde zugestellten Brief rief Marcello seinen Schwager Felice Peretti um Beistand an, er beschwor ihn, ihm zu Hilfe zu kommen und fügte hinzu, daß er ihn in einer Angelegenheit von großer Dringlichkeit beim Palazzo Montecavallo erwarte.
Felice teilte seiner Frau von dem seltsamen Brief mit, den er erhalten hatte; dann kleidete er sich an und nahm keine andre Waffe als sein Schwert. Von einem einzigen Diener begleitet, der eine brennende Fackel trug, war er schon im Fortgehen, als er seine Mutter Camilla und alle Frauen des Hauses, auch Vittoria unter ihnen, auf seinem Weg fand; alle baten ihn inständigst, nicht zu dieser vorgerückten Stunde fortzugehen. Da er ihren Bitten nicht nachgab, fielen sie auf die Knie und beschworen ihn weinend, auf sie zu hören.
Die Frauen, und besonders Camilla, waren durch die Erzählung seltsamer Dinge in Schrecken gesetzt, die sich alle Tage ereigneten und in dieser Zeit des Pontifikats Gregors XIII., die voller Unruhen und unerhörter Attentate war, ungestraft blieben. Noch ein Gedanke beunruhigte sie: Wenn Marcello Accoramboni es wagte, nach Rom zu kommen, war es nicht seine Gewohnheit, Felice rufen zu lassen, und gar zu solcher nächtlicher Stunde schien ihnen ein derartiger Schritt gegen jeden Anstand zu sein.
In dem vollen Feuer seiner Jugend wollte Felice nicht auf diese ängstlichen Vernunftgründe hören; als er noch dazu erfuhr, daß der Brief vom Mancino gebracht worden war, den er sehr gern hatte und dem er Gutes erwiesen hatte, konnte ihn nichts halten, und er verließ das Haus.
Ihm voraus ging, wie schon gesagt wurde, ein einziger 170Diener mit einer brennenden Fackel. Aber der arme junge Felice hatte kaum einige Schritte des Aufstiegs zum Monte Cavallo gemacht, als er von drei Flintenschüssen getroffen zusammenbrach. Als die Mörder ihn auf der Erde sahen, warfen sie sich auf ihn und durchbohrten ihn nach Gefallen mit Dolchstichen, bis er ihnen völlig tot zu sein schien. Augenblicklich wurde diese verhängnisvolle Nachricht zu Felices Mutter und Frau gebracht, und durch diese gelangte sie zu seinem Oheim, dem Kardinal.
Der Kardinal ließ sich, ohne eine Miene zu verändern, ohne die kleinste Bewegung zu verraten, sofort wieder ankleiden, dann empfahl er sich selbst und diese arme, so unvorbereitet dahingeraffte Seele seinem Gott. Er begab sich zu seiner Nichte und durch eine das tiefste Gleichgewicht zeigende Miene und bewundernswerte Würde wußte er dem Klagen und Weinen der Frauen, das im ganzen Haus zu widerhallen begann, etwas Einhalt zu tun. Seine Macht über diese Frauen war von solcher Wirksamkeit, daß man von diesem Augenblick an, und selbst, als der Leichnam aus dem Hause getragen wurde, nichts hörte noch sah, was im geringsten von dem abgewichen wäre, was in den korrektesten Familien bei einem längst vorhergesehenen Todesfall stattfindet. Was den Kardinal Montalto selbst betrifft, konnte niemand an ihm die geringsten Zeichen auch nur des einfachsten Schmerzes wahrnehmen; nichts wurde in der Ordnung und äußeren Erscheinung seines Lebens verändert. Rom hatte sich bald davon überzeugt; jenes Rom, welches mit seiner gewohnten Neugier die geringsten Bewegungen eines so tief verletzten Mannes beobachtete.
Zufällig wurde gerade am Tage nach der Ermordung 171Felices das Konsistorium der Kardinäle im Vatikan zusammengerufen. Es gab keinen in der ganzen Stadt, der nicht glaubte, wenigstens an diesem ersten Tage würde sich Kardinal Montalto diesem öffentlichen Auftreten entziehen. Wo er gerade vor den Augen so vieler und so neugieriger Zeugen erscheinen sollte! Man würde die leisesten Regungen der natürlichen Schwachheit beobachten können, während es doch für eine Persönlichkeit, die von einem hervorragenden Posten aus nach einem noch höheren strebt, angemessener wäre, sie zu verheimlichen. Denn jedermann wird zugeben, daß es nicht passend ist, wenn der, dessen Ehrgeiz es ist, sich über alle anderen zu erheben, ebenso menschlich zeigt wie alle andren.
Aber die solche Gedanken hatten, täuschten sich doppelt; denn erstens erschien der Kardinal seiner Gewohnheit gemäß als einer der ersten im Saal des Konsistoriums und sodann war es auch den Scharfsichtigsten unmöglich, irgendein Zeichen menschlicher Empfindlichkeit an ihm zu entdecken. Im Gegenteil setzte er jedermann durch seine Antworten in Erstaunen, als einige seiner Kollegen aus Anlaß eines so grausamen Ereignisses versuchten, ihm einige tröstende Worte zu sagen. Die Standhaftigkeit und die augenscheinliche Ruhe seiner Seele inmitten eines so fürchterlichen Unglücks wurden bald zum Gespräch der Stadt.
Es ist wohl wahr, daß einige Männer in diesem Konsistorium, die mehr Erfahrung in höfischer Art hatten, diese scheinbare Unempfindlichkeit nicht einem Mangel an Gefühl, sondern einer großen Verstellungsgabe zuschrieben, und diese Auffassung wurde bald nachher von den meisten Angehörigen des Hofes geteilt; denn es war nutzbringend, sich von einer Beleidigung nicht 172zu tief verletzt zu zeigen, deren Urheber zweifellos hochgestellt war, und später vielleicht den Weg zur allerhöchsten Würde verhindern könnte.
Was immer auch die Ursache dieser augenscheinlich vollständigen Unempfindlichkeit sein mochte, war es doch sicher, daß sie ganz Rom und den Hof Gregors XIII. mit einer gewissen Bestürzung erfüllte. Aber, um auf das Konsistorium zurückzukommen: als alle Kardinäle versammelt waren und der Papst selbst in den Saal trat, wandte er sogleich die Augen zum Kardinal Montalto, und man sah Seine Heiligkeit Tränen vergießen; was den Kardinal betrifft, so verloren seine Züge nicht ihre gewohnte Unbeweglichkeit.
Das Staunen verdoppelte sich, als im gleichen Konsistorium die Reihe an den Kardinal Montalto kam, sich vor dem Thron Seiner Heiligkeit niederzuknien, um über die Angelegenheiten, mit denen er betraut war, Bericht abzulegen, und der Papst, bevor er ihm zu beginnen gestattete, nicht sein Schluchzen zurückhalten konnte. Als Seine Heiligkeit wieder fähig war, zu sprechen, suchte sie den Kardinal zu trösten und versprach ihm dabei, daß dieses ungeheuerliche Attentat streng und schnell gesühnt werden solle. Aber nachdem der Kardinal Seiner Heiligkeit demütigst gedankt hatte, bat er ihn inständigst, keine Nachforschungen über das, was geschehen war, anzubefehlen, da er, was ihn beträfe, aus vollem Herzen dem Urheber verzeihe, wer es auch sein möge. Und unmittelbar nach dieser in sehr wenigen Worten vorgetragenen Bitte, ging der Kardinal zu den einzelnen Angelegenheiten über, mit denen er betraut war; als ob nichts Außergewöhnliches geschehen wäre.
Die Blicke aller beim Konsistorium anwesenden Kardinäle 173waren auf den Papst und auf Montalto geheftet, und obgleich es sicher sehr schwer sein mag, das geübte Auge eines Hofmanns irrezuführen, wagte doch niemand zu behaupten, daß die Miene des Kardinals Montalto die leiseste Bewegung verraten habe, als er die Tränen Seiner Heiligkeit so aus der Nähe sah, die — um die Wahrheit zu sagen — wirklich ganz außer sich geraten war. Diese erstaunliche Fühllosigkeit des Kardinals Montalto verleugnete sich auch nicht während der ganzen Zeit, die er mit Seiner Heiligkeit zu arbeiten hatte. Es ging so weit, daß der Papst selbst dadurch betroffen wurde und nach Schluß des Konsistoriums nicht umhin konnte, dem Kardinal von San Sisto, seinem Lieblingsneffen, zu sagen: Veramente costui è un gran frate! Wahrlich, der ist ein großer Mönch!
Das Benehmen des Kardinals Montalto war auch während aller folgenden Tage völlig gleichmäßig. Wie es Sitte war, empfing er die Beileidsbesuche der Kardinäle, der Prälaten und der römischen Fürsten, und keinem gegenüber, in welchen Beziehungen er auch zu ihm stehen mochte, ließ er sich zu irgendeiner Äußerung des Schmerzes oder der Klage hinreißen. Nach einer kurzen Darlegung über die Unbeständigkeit der menschlichen Dinge, die er mit Sentenzen und Zitaten aus der Heiligen Schrift oder den Kirchenvätern belegte, wechselte er kurz das Gespräch und kam auf die Neuigkeiten der Stadt oder auf persönliche Angelegenheiten dessen zu sprechen, mit dem er sich unterhielt, genau, als ob er seinen Trostspender hätte trösten wollen.
Rom war besonders neugierig, was während des Besuchs geschehen würde, den ihm Fürst Paolo Giordano 174Orsini, Herzog von Bracciano, abstatten mußte, welchem das Gerücht den Tod von Felice Peretti zuschrieb. Das Volk dachte, daß Kardinal Montalto nicht so in der Nähe des Fürsten sein könne und unter vier Augen mit ihm sprechen, ohne irgendwie seine Gefühle zu verraten.
Als der Fürst den Kardinal besuchte, war eine ungeheure Menschenmenge auf der Straße und am Eingang; zahlreiche Höflinge erfüllten alle Räume des Hauses, so groß war die Neugier, das Aussehen der beiden zu beobachten. Aber weder an dem einen noch an dem andern vermochte jemand etwas besonderes wahrzunehmen. Der Kardinal Montalto hielt sich genau an das, was der höfische Anstand vorschrieb; er gab seinem Gesicht einen sehr bemerkenswerten Ausdruck von Aufgeräumtheit und die Art, wie er das Wort an den Fürsten richtete, war von Gefälligkeit erfüllt.
Einen Augenblick später, als der Fürst seinen Wagen bestieg und sich mit den Intimen seines Hofs allein befand, konnte er sich nicht mehr zurückhalten, lachend zu sagen: „In fatto è vero che costui è un gran frate! Es ist wirklich wahr, jener ist ein großer Mönch! Als ob er die Wahrheit des Wortes bestätigen wollte, das dem Papst vor einigen Tagen entschlüpft war.
Die Klugen dachten, daß die bei dieser Gelegenheit vom Kardinal Montalto gezeigte Haltung ihm den Weg zum Thron ebnen müsse; denn viele Leute faßten über ihn die Meinung, daß er, sei es von Natur oder durch Tugend, niemandem schaden könne oder wolle, wenn er auch allen Grund habe, gereizt zu sein.
Felice Peretti hatte nichts Schriftliches, was sich auf seine Frau bezog, hinterlassen; sie mußte demzufolge in das Haus ihrer Eltern zurückkehren. Der Kardinal 175Montalto ließ ihr vor ihrem Scheiden die Gewänder, die Schmucksachen und überhaupt alle Geschenke aushändigen, die sie erhalten hatte, während sie die Frau seines Neffen war.
Am dritten Tage nach dem Tode Felice Perettis ließ sich Vittoria, von ihrer Mutter begleitet, im Palast des Fürsten Orsini nieder. Manche sagten, die Frauen wurden zu diesem Schritt durch die Sorge um ihre persönliche Sicherheit getrieben, denn die Corte3 schien sie mit der Anklage zu bedrohen, dem Mord, der begangen worden war, zugestimmt oder zumindest vor der Ausführung von ihm Kenntnis gehabt zu haben; andre glaubten — und das, was später geschah, schien diese Ansicht zu bestätigen — daß sie den Schritt getan hatten, um die Heirat zu betreiben, da der Fürst Vittoria zugesichert haben sollte, sie zu heiraten, wenn sie keinen Gatten mehr habe.
Immerhin hat man weder damals, noch später den Urheber des Mordes an Felice feststellen können, obwohl jeder auf jeden Verdacht hatte. Die meisten schrieben indessen diesen Todesfall dem Fürsten Orsini zu. Man sagte allgemein, daß er von einer leidenschaftlichen Neigung für Vittoria ergriffen war; er hatte davon unzweideutige Anzeichen gegeben und die Heirat, welche folgte, war ein starker Beweis, denn die Frau stand so weit unter ihm, daß nur die Tyrannei leidenschaftlicher Liebe sie zur Gleichheit der Ehe erheben konnte. Das Volk wurde von der Auffassung auch nicht durch einen, an den Gouverneur von Rom gerichteten Brief abgebracht, den man wenige Tage nach der Tat verbreitete. Dieser Brief war im Namen Cesare Palantieris geschrieben, 176eines ungestümen jungen Mannes, der aus der Stadt verbannt war.
In diesem Brief sagte Palantieri, es sei nicht nötig, daß seine hochgeborene Gnaden sich die Mühe mache, anderswo den Urheber des Mordes an Felice Peretti zu suchen, da er selbst es gewesen sei, der ihn habe töten lassen und zwar infolge gewisser Differenzen, die vor einiger Zeit zwischen ihnen stattgefunden hätten.
Viele waren der Meinung, daß dieser Mord nicht ohne die Zustimmung des Hauses Accoramboni geschehen sein konnte; man beschuldigte die Brüder Vittorias, daß sie der Ehrgeiz, mit einem so reichen und mächtigen Fürsten in Beziehungen zu treten, verführt habe. Man beschuldigte besonders Marcello wegen der Verdachtsgründe, die durch den Brief gegeben waren, der den unglücklichen Felice nachts aus dem Haus rief. Man sprach auch von Vittoria selbst schlecht, als man sie ihre Zustimmung geben sah, so bald nach dem Tode ihres Gemahls den Palast der Orsini als zukünftige Gattin zu bewohnen. Man behauptete, daß es wenig wahrscheinlich sei, sich plötzlich so nahe, wie bei einem Messerstich, nebeneinander zu finden, wenn man sich vorher nicht, wenigstens durch einige Zeit, Waffen von größerer Reichweite bedient habe. Die Nachforschung über diesen Mord wurde von Monsignore Portici, Statthalter von Rom, nach den Befehlen Gregors XIII. geleitet. Man ersieht daraus bloß, daß Domenico, Mancino genannt, durch die Corte verhaftet, Geständnisse macht und ohne erst auf die Folter gespannt werden zu müssen, im zweiten Verhör, am vierundzwanzigsten Februar 1582, aussagt:
„Daß Vittorias Mutter an allem schuld sei, und daß sie durch die Kammerfrau aus Bologna unterstützt 177worden sei, welche gleich nach dem Mord Zuflucht in der Feste von Bracciano fand, in die als dem Fürsten Orsini gehörend die Corte nicht einzudringen wagte, und daß die Vollbringer des Verbrechens Macchione de Gubbio und Paolo Barca di Bracciano waren, lancie spezzate eines Herrn, dessen Namen man aus triftigen Gründen nicht nannte.“
Mit diesen triftigen Gründen vereinten sich, wie ich glaube, die Bitten des Kardinals Montalto, der nachdrücklich ersuchte, daß die Nachforschungen nicht weiter getrieben werden mögen, und wirklich war nicht mehr die Rede von einem Prozeß. Der Mancino wurde aus dem Gefängnis mit dem Befehl entlassen, bei Todesstrafe unverzüglich in seinen Heimatsort zurückzukehren und ihn nie ohne eine besondere Erlaubnis zu verlassen. Die Freilassung dieses Mannes fand 1583, am Tage des San Luigi statt, und da dieser Tag auch der Geburtstag des Kardinal Montalto war, bestärkte mich dieser Umstand mehr und mehr in der Annahme, daß auf seine Bitte hin diese Angelegenheit so beendet wurde. Unter einer so schwachen Regierung, wie es die Gregors XIII. war, konnte ein derartiger Prozeß sehr unangenehme Folgen haben.
Die Bemühungen der Corte wurden hiermit eingestellt; trotzdem wollte Papst Gregor XIII. nicht einwilligen, daß Fürst Paolo Orsini, Herzog von Bracciano, die Witwe Accoramboni heirate. Nachdem Seine Heiligkeit der letzteren eine Art Gefangenschaft auferlegt hatte, erließ er für den Fürsten und die Witwe die Vorschrift, daß sie ohne seine oder seiner Nachfolger ausdrückliche Erlaubnis einander nicht heiraten dürften.
Gregor XIII. starb zu Beginn des Jahres 1585 und da die von Fürst Orsini konsultierten Rechtsgelehrten 178geantwortet hatten, daß sie die Vorschrift durch den Tod des Herrschers, der sie verfügt hätte, für annulliert erachteten, entschloß er sich, Vittoria vor der Ernennung des neuen Papstes zu heiraten. Aber die Ehe ließ sich nicht so schnell schließen, wie der Fürst es wünschte; teils weil er die Zustimmung von Vittorias Brüdern haben wollte und es sich ereignete, daß Ottavio Accoramboni, der Bischof von Fossombrone, niemals die seine zu geben gedachte; teils auch, weil man nicht glaubte, daß die Wahl des Nachfolgers Gregors XIII. so rasch stattfinden würde. Tatsache ist, daß die Ehe erst am gleichen Tag geschlossen worden ist, als der Kardinal Montalto, den diese Angelegenheit so interessierte, zum Papst gewählt wurde, nämlich am vierundzwanzigsten April 1585, sei es, daß dies nur Zufall war, sei es, daß der Fürst zeigen wollte, er fürchte die Corte nicht ärger unter dem neuen Papst, als er sie unter Gregor XIII. gefürchtet hatte.
Diese Heirat beleidigte die Seele Sixtus V. tief (dies war der Name, den Kardinal Montalto gewählt hatte); er hatte schon die Denkweise aufgegeben, die für einen Mönch passend ist, und seine Seele zu der Höhe des Ranges erhoben, in den ihn Gott jetzt gestellt hatte.
Der Papst zeigte aber trotzdem kein Zeichen von Zorn. Allein als sich der Fürst Orsini am gleichen Tage mit der Menge der römischen Edelleute zum Fußkusse eingefunden hatte, mit der geheimen Absicht, in den Zügen des heiligen Vaters zu lesen, was er von diesem bisher so wenig deutlichen Mann zu erwarten oder zu fürchten habe, bemerkte er, daß zum Scherzen nicht mehr die Zeit sei. Der neue Papst hatte den Fürsten in einer eigentümlichen Weise angesehn, und hatte kein einziges Wort auf die Huldigung, die dieser an ihn richtete, geantwortet; 179daher faßte der Fürst den Entschluß, sofort zu ergründen, welche Absicht Seine Heiligkeit in bezug auf seine Person habe.
Durch Vermittlung des Kardinals Ferdinand von Medici, eines Bruders seiner ersten Frau und des spanischen katholischen Botschafters suchte er um eine Privataudienz beim Papste an und erhielt sie. Hier richtete er an Seine Heiligkeit eine wohleinstudierte Rede; ohne der vergangenen Dinge Erwähnung zu tun, sprach er seine Freude anläßlich der neuen Würde aus und bot Seiner Heiligkeit als treuster Vasall und Diener sein ganzes Vermögen und seine ganze Macht an.
Der Papst4 hörte ihn mit außerordentlichem Ernst an und antwortete schließlich, niemand wünsche mehr als er, daß in Zukunft das Leben und die Taten des Paolo Giordano Orsini des Geschlechts der Orsini und eines wahrhaft christlichen Ritters würdig seien, daß sein eigenes Gewissen ihm am besten sagen werde, wie er früher zum Heiligen Stuhl und zu dessen Personifizierung dem Papst gestanden sei; daß er indessen sicher sein könne — so gern ihm auch alles vergeben sei, was er gegen Felice Peretti und gegen Felice Kardinal Montalto habe unternehmen können — niemals würde ihm verziehen werden, was er etwa in Zukunft gegen den Papst Sixtus V. unternehmen möchte; daher fordere er ihn hiermit auf, sofort alle Verbannten und Missetäter zu vertreiben, denen er bis heute Unterschlupf geboten habe.
Sixtus V. besaß eine besondere Fähigkeit, sich beim Sprechen jedweden Tones, den er wollte, bedienen zu 180können; aber wenn er gereizt und drohend war, hätte man sagen können, daß seine Augen Blitze schleuderten. Sicher ist, daß Fürst Paolo Orsini, der immer gewöhnt war, daß die Päpste ihn fürchteten, durch die Sprechweise des Papstes, wie er eine ähnliche nicht in einem Zeitraum von dreizehn Jahren gehört hatte, so ernstlich zum Nachdenken angeregt wurde, daß er vom Palast Seiner Heiligkeit schleunigst zum Kardinal Medici eilte, um ihm zu erzählen, was vorgefallen war. Dann beschloß er, auf den Rat des Kardinals, ohne den geringsten Aufschub alle vom Gericht verfolgten Personen auszuweisen, denen er in seinem Palast und in seinen Staaten Unterkunft gewährt hatte, und er überlegte auch, wie er selbst schnell irgendeinen ehrenvollen Vorwand finden könnte, sogleich die Länder zu verlassen, die unter der Macht eines so entschlossenen Papstes standen.
Man muß wissen, daß Fürst Paolo Orsini außerordentlich umfangreich geworden war; seine Beine waren dicker als der Körper eines durchschnittlichen Menschen und das eine dieser ungeheuren Beine war von der Krankheit befallen, die man la lupa nennt, weil man ihr eine große Menge frischen Fleisches zuführen muß, welches man auf die leidende Stelle legt, sonst würden die bösen Säfte — wenn sie nicht totes Fleisch zu verzehren bekämen — sich auf das umliegende gesunde Fleisch werfen.
Der Fürst nahm dieses Übel als Vorwand, um sich in die berühmten Bäder von Albano, nahe Padua, im Bereich der Republik Venedig, zu begeben; er reiste mit seiner jungen Gattin Mitte Juni dorthin. Albano war für ihn ein ganz sicherer Hafen, denn seit vielen Jahren war das Haus Orsini mit der Republik Venedig durch gegenseitige Dienste verbunden.
181In diesem sicheren Lande angekommen, dachte der Fürst Orsini nur daran, die Annehmlichkeiten eines wechselnden Aufenthalts zu genießen, und er mietete zu diesem Zweck drei prachtvolle Paläste: den einen in Venedig, den Palazzo Dandolo in der via della Zecca; den zweiten in Padua, das war der Palazzo Foscarini auf der prächtigen Arena genannten Piazza; den dritten wählte er in Salò, an dem reizenden Ufer des Gardasees: dieser hatte einst der Familie Sforza-Pallavicini gehört.
Die Herren der Republik Venedig vernahmen mit Freude, daß ein solcher Fürst in ihren Staat kommen wollte und boten ihm sofort eine sehr noble Condotta an: das bedeutet eine beträchtliche jährliche Rente, die von dem Fürsten dazu gebraucht werden müßte, ein Korps von zweitausend bis dreitausend Mann aufzustellen, dessen Kommando er zu übernehmen hatte. Der Fürst wies das Anerbieten sehr schnell ab; er ließ den Senatoren antworten: obwohl er sich durch natürliche und von seiner Familie ererbte Neigung in seinem Herzen zum Dienst der erhabenen Regierung geneigt fühle, erschiene es ihm doch, da er gegenwärtig an den katholischen König gebunden sei, nicht passend, eine andere Verpflichtung zu übernehmen. Eine so entschlossene Antwort brachte etwas Lauheit in die Stimmung der Senatoren. Zuerst hatten sie beabsichtigt, ihm bei seiner Ankunft in Venedig im Namen des ganzen Volks einen sehr ehrenvollen Empfang zu bereiten; auf seine Antwort hin beschlossen sie, ihn einfach wie einen Privatmann ankommen zu lassen.
Fürst Orsini, der von allem unterrichtet war, faßte den Entschluß, überhaupt nicht nach Venedig zu gehen. Er war schon in der Nähe Paduas, machte aber nun 182einen Bogen und begab sich mit seinem ganzen Gefolge nach Salò, in das für ihn vorbereitete Haus am Ufer des Gardasees. Er verbrachte dort den ganzen Sommer unter prächtigen und abwechslungsreichen Zerstreuungen.
Der Zeitpunkt eines Aufenthaltswechsels war gekommen und der Fürst unternahm einige kleine Reisen, nach denen es ihm schien, daß er Anstrengungen nicht mehr so wie früher vertragen könne; er hatte Befürchtungen für seine Gesundheit und dachte schließlich daran, einige Tage in Venedig zu verbringen. Doch wurde er durch seine Gattin Vittoria davon abgebracht, die ihn veranlaßte, den Aufenthalt in Salò zu verlängern.
Viele haben gedacht, daß Vittoria Accoramboni die Gefahr bemerkt habe, der das Leben des Fürsten, ihres Gemahls, ausgesetzt war und daß sie ihn nur veranlaßte in Salò zu bleiben, in der Absicht, ihn später aus Italien fortzubringen, etwa in irgendeine freie Stadt der Schweiz. Durch dieses Mittel hätte sie, im Falle der Fürst starb, sowohl ihre Person, als auch ihr privates Vermögen in Sicherheit gebracht.
Ob solche Voraussetzung begründet war oder nicht, Tatsache ist, daß nichts von dem geschah; denn der Fürst wurde am zehnten November in Salò von einem neuen Unwohlsein befallen und hatte gleich die Vorahnung von dem, was geschehen sollte.
Er hatte Mitleid mit seiner unglücklichen Frau: er sah sie in der schönsten Blüte ihrer Jugend, arm an Gütern wie an Ansehen, zurückbleiben, von den regierenden Fürsten Italiens gehaßt, von den Orsini wenig geliebt und ohne Hoffnung auf eine neue Ehe nach seinem Tode. Wie ein großer Herr von Treu und Ehre machte er aus eigenem Antrieb ein Testament, in dem 183er das Vermögen der Unglücklichen sicherstellen wollte. Er vermachte ihr an Geld und Juwelen die bedeutende Summe von 100 000 Piastern, außerdem alle Pferde, Karossen und Möbel, deren er sich auf dieser Reise bediente. Den Rest seines Vermögens hinterließ er zur Gänze seinem einzigen Sohn, Virginio Orsini, den ihm seine erste Frau, die Schwester Franz I. Großherzogs von Toskana, geboren hatte und die er, mit Einwilligung ihrer Brüder, wegen Untreue hatte ermorden lassen.
Aber wie unsicher die menschliche Voraussicht ist! Die Verfügungen, welche Paolo Orsini traf, um diese unglückliche junge Frau vollkommen sicher zu stellen, brachten sie in Verderben und Untergang.
Nachdem er sein Testament unterzeichnet hatte, fühlte sich der Fürst am zwölften November ein wenig besser. Am Morgen des dreizehnten ließ man ihm zu Ader, und die Ärzte, die ihre Hoffnung in eine strenge Diät setzten, trafen die genauesten Anordnungen, damit er keine Nahrung zu sich nähme.
Aber sie hatten kaum das Zimmer verlassen, als der Fürst verlangte, daß man ihm das Essen serviere und er aß und trank wie gewöhnlich. Kaum war die Mahlzeit beendet, verlor er das Bewußtsein und zwei Stunden vor Sonnenuntergang war er tot.
Nach diesem plötzlichen Tod begab sich Vittoria, von ihrem Bruder Marcello und dem ganzen Hofstaat des verblichenen Fürsten begleitet, nach Padua, in den bei der Arena gelegenen Palazzo Foscarini, den der Fürst damals gemietet hatte.
Kurz nach ihrer Ankunft wurde sie von ihrem Bruder Flaminio aufgesucht, der beim Kardinal Farnese in vollster Gunst stand. Sie tat gerade damals Schritte, um die Auszahlung des Legats, das ihr Gatte ihr vermacht 184hatte, zu erwirken. Dieses Legat bestand aus 10 000 Piastern in bar, die ihr im Laufe von zwei Jahren ausgezahlt werden sollten, und zwar unabhängig von ihrer Mitgift und der Gegengabe und allen Juwelen und Möbeln, die in ihrem Besitz waren. Fürst Orsini hatte in seinem Testament verfügt, daß man ihr in Rom oder in einer anderen Stadt, die sie wählte, einen Palast im Werte von 10 000 Piastern und ein Landhaus im Werte von 6000 kaufen solle; außerdem hatte er noch vorgeschrieben, daß für ihren Tisch und für ihren ganzen Hausstand gesorgt werden müsse, wie es einer Frau ihres Ranges gebühre. Der Dienst sollte aus vierzig Leuten bestehen und einer Anzahl Pferden.
Signora Vittoria setzte große Hoffnung in die Gunst der Fürsten von Ferrara, von Florenz und von Urbino und der Kardinäle Farnese und Medici, welche von dem verstorbenen Fürsten zu seinen Testamentsvollstreckern ernannt worden waren. Es ist zu bemerken, daß das Testament nach Padua gesandt und den Kapazitäten Parrizoli und Menochio vorgelegt worden war, den ersten Professoren dieser Universität und noch heute berühmten Rechtsgelehrten.
Fürst Luigi Orsini kam nach Padua, um sich dessen zu entledigen, was er in bezug auf den verstorbenen Fürsten und seine Witwe zu tun hatte und dann als Statthalter der Insel sich nach Korfu zu begeben, wozu er von der erhabenen Republik ausersehen worden war.
Zuerst entstand eine Schwierigkeit zwischen Signora Vittoria und dem Fürsten Luigi wegen der Pferde des verstorbenen Herzogs, von denen der Fürst meinte, daß sie, dem gewöhnlichen Sprachgebrauch folgend, nicht eigentlich Gebrauchsgegenstände seien; aber die Herzogin bewies, daß sie wie eigentliche Gebrauchsgegenstände 185anzusehen wären und es wurde beschlossen, daß sie bis zu späterer Entscheidung in ihrer Benützung bleiben sollten; sie stellte als Bürgen den Signor Soardi di Bergamo, Condottiere der Signoria von Venedig, einen sehr reichen und zu den angesehendsten seines Vaterlands zählenden Edelmann.
Es kam noch eine Schwierigkeit hinzu, die eine gewisse Menge Silbergeschirr betraf, das der verstorbene Herzog dem Fürsten Luigi als Zahlung für einen Geldbetrag ausgesetzt hatte, der ihm von diesem geliehen worden war. Alles wurde durch Rechtsspruch entschieden, denn der durchlauchtigste Herzog von Ferrara verwandte sich dafür, daß die letzten Anordnungen des verstorbenen Fürsten Orsini genau durchgeführt würden.
Diese zweite Angelegenheit wurde am dreiundzwanzigsten Dezember, der auf einen Sonntag fiel, entschieden.
In der folgenden Nacht drangen vierzig Männer in das Haus der Accoramboni. Sie waren in Leinengewänder von ungewöhnlichem Schnitt gekleidet, die so angelegt waren, daß man sie nicht erkennen konnte, wenn nicht an der Stimme; und sobald sie sich untereinander riefen, gebrauchten sie gewisse verabredete Ausdrücke.
Sie suchten zuerst nach der Herzogin, und als sie diese gefunden hatten, sagte ihr einer von ihnen: „Jetzt heißt es sterben.“
Und ohne ihr einen Augenblick zu gewähren, während sie noch bat, sich ihrem Gott empfehlen zu dürfen, durchbohrte er sie mit einem dünnen Dolch gerade unter der linken Brust. Der Grausame bewegte den Dolch in allen Richtungen und fragte die Unglückliche mehrmals dabei, ob er ihr Herz schon berühre; endlich gab sie den letzten Seufzer von sich. Währenddessen suchten die anderen nach den Brüdern der Herzogin, von denen 186einer, Marcello, sein Leben rettete, weil man ihn nicht im Hause fand, der andre aber von hundert Stichen durchbohrt wurde. Die Mörder ließen die Toten auf der Erde, das ganze Haus in Tränen und Klagen zurück, und als sie sich der Kassette bemächtigt hatten, welche die Juwelen und das Geld enthielt, verschwanden sie.
Diese Neuigkeit gelangte schnell zu den Behörden von Padua, sie ließen die Leichen agnoszieren und erbaten von Venedig Verhaltungsmaßregeln.
Während des ganzen Montags war ein ungeheurer Zustrom zum Palast und zur Kirche der Eremiten, um die Leichen zu sehen. Die Neugierigen waren von Mitleid bewegt, besonders als sie die Herzogin so schön sahen: sie weinten über ihr Unglück et dentibus fremebant, und knirschten mit den Zähnen gegen die Mörder, wie der Chronist sagt; aber man kannte noch nicht ihre Namen.
Da die Corte auf schwere Indizien hin Verdacht gefaßt hatte, daß die Tat auf Anstiftung oder wenigstens mit Zustimmung des Fürsten Luigi verübt worden sei, ließ sie ihn vorladen und als er ins Gericht zu dem sehr illustren Hauptmann mit einem Gefolge von vierzig Bewaffneten eintreten wollte, versperrte man ihm die Tür und sagte ihm, daß er nur mit drei oder vier Leuten hineingehen dürfe. Aber im Augenblick, als diese eintraten, drängten die andern nach, schoben die Wachen beiseite und traten alle ein.
Als Fürst Luigi vor dem sehr illustren Kapitän stand, beklagte er sich über eine solche Beleidigung und betonte, daß noch kein souveräner Fürst eine solche Behandlung erfahren habe. Der sehr illustre Hauptmann fragte, ob er irgend etwas vom Tod der Signora Vittoria und von dem, was in der vorangegangenen Nacht geschehen war, wisse; er erklärte, daß er es wisse und daß 187er befohlen habe, den Behörden Anzeige zu machen. Man wollte seine Antwort schriftlich niederlegen; er erwiderte, daß Männer seines Ranges nicht an diese Förmlichkeit gebunden seien und daß sie auch nicht verhört werden dürfen.
Fürst Luigi bat um die Erlaubnis, einen Kurier nach Florenz mit einem Brief an den Fürsten Virginio senden zu dürfen, dem er von dem Verfahren Mitteilung machen wolle und von dem Verbrechen, das stattgefunden habe. Er zeigte einen fingierten Brief, der nicht der richtige war und erreichte, was er verlangte.
Aber der abgesandte Bote wurde vor der Stadt angehalten und sorgfältig untersucht; man fand den Brief, den Fürst Luigi gezeigt hatte und einen zweiten, in den Schuhen des Kuriers versteckten; er hatte folgenden Wortlaut:
„Dem Herrn Virginio Orsini
Sehr illustrer Herr,
Wir haben zur Ausführung gebracht, was zwischen uns vereinbart wurde, und auf solche Art, daß wir den sehr illustren Tondini (scheinbar der Name des Vorsitzenden der Corte, der den Fürsten einvernommen hatte) gefoppt haben, und zwar so gut, daß man mich hier für den untadeligsten Menschen von der Welt hält. Ich habe die Sache persönlich gemacht, versäumt daher nicht, sofort die Leute zu schicken, von denen Ihr wißt.“