Plötzlich schien es Kamanita, als ob unten im Teiche sich etwas Lebendiges bewege. In der kristallenen Tiefe wurde er undeutlich einen aufsteigenden Schatten gewahr. Das Wasser brodelte und wallte, und eine große Lotusknospe mit roter Spitze schoß wie ein Fisch aus der Flut empor, um dann schwimmend auf der Wasserfläche sich zu wiegen, die erst in Kreisen wellte und dann noch lange danach wie zersplittert zitterte und glitzerte, farbensprühend, als ob der Teich mit fließenden Diamanten gefüllt wäre, während der Widerschein der Wasserblinke wie kleine Flammen über die Lotusblätter, die Gewänder und die Gesichter der seligen Gestalten emporflatterte.
Und auch das Gemüt Kamanitas erzitterte und strahlte in allen seinen verborgenen Farben, auch über sein Herz schien ein Widerschein freudiger Bewegung spielend hinzutanzen.
"Was war das wohl?" fragte sein Blick den blauen Nachbar.
"Tief unten, in weiten Weltfernen, auf der trüben Erde, hat in diesem Augenblick eine menschliche Seele ihren Herzenswunsch darauf gerichtet, hier in Sukhavati wieder ins Dasein zu treten. Nun wollen wir auch beobachten, ob die Knospe sich schön entwickelt und zum Blühen gelangt. Denn gar manche Seele richtet ihren Wunsch auf den reinen Ort der Seligkeit, vermag aber nicht, danach zu leben, sondern verstrickt sich wieder in unheilige Leidenschaften, versinkt in die Lust des Fleisches und bleibt an dem Erdenschmutze haften. Dann aber verkümmert die Knospe und verschwindet zuletzt gänzlich. Diesmal ist es, wie du siehst, eine männliche Seele. Eine solche kommt in dem bunten Welttreiben leichter vom Paradieswege ab, weshalb du auch bemerken wirst, daß, wenn auch die roten und die weißen sich an Zahl ziemlich gleichkommen, unter den blauen die helleren, weiblichen, bei weitem die meisten sind."
Bei dieser Mitteilung erbebte das Herz Kamanitas gar sonderbar, als ob auf einmal schmerzliche Freude und lustgebärendes Weh es in schwankende Bewegung setzten, und sein Blick ruhte rätselratend auf einer geschlossenen Lotusrose, die, weiß wie die Brust eines Schwans, dicht neben ihm sich in dem noch leise bewegten Wasser anmutig wiegte.
"Kannst du dich auch darauf besinnen, daß du einmal gesehen hast, wie die Knospe meines Lotus sich aus der Tiefe erhob?" fragte er den erfahrenen Nachbar.
"Gewiß, denn sie tauchte ja zusammen mit dieser weißen Blume auf, die du jetzt gerade betrachtest. Und ich habe das Paar immer beobachtet, manchmal nicht ohne Besorgnis. Denn ziemlich bald fing deine Knospe an, sichtlich zusammenzuschrumpfen und sie war fast gänzlich unter die Wässerfläche hinabgesunken, als sie sich plötzlich wieder erhob, voller und blanker wurde und sich dann gar prächtig bis zum Entfalten entwickelte. Die weiße aber wuchs langsam, allmählich und gleichmäßig ihrer Entfaltung entgegen--dann aber wurde auch sie plötzlich wie von einer Krankheit befallen. Doch sie erholte sich rasch wieder und wurde solch herrliche Blume, wie du sie jetzt vor dir siehst."
Bei diesen Worten erhob sich in Kamanita eine so freudige Bewegung, daß es ihn dünken wollte, als sei er bis jetzt nur ein trüber Gast an einem trüben Ort gewesen,--dermaßen schien jetzt Alles um ihn herum zu leuchten, zu duften und zu klingen.
Und als ob sein Blick, der unverwandt auf dem weißen Lotus ruhte, ein Zauberstab wäre, um verborgene Schätze zu heben, regte sich die Spitze der Blume, die Blätter bogen ihre Ränder nach vorne und neigten sich nach allen Seiten; und sieh'--in ihrer Mitte saß Vasitthi mit weit geöffneten Augen, deren süß lächelnder Bück dem seinigen begegnete.
Und Kamanita und Vasitthi streckten gleichzeitig die Arme nach einander aus, und, ihre Hände ineinanderlegend, schwebten sie über den Teich dem Ufer zu.
Kamanita merkte wohl, daß Vasitthi ihn noch nicht wiedererkannte, sondern sich ihm nur unwillkürlich zuwandte, wie die Sonnenblume der Sonne. Wie hätte sie ihn auch erkennen sollen, da doch niemand sofort bei seinem Erwachen sich seines vorausgegangenen Lebens erinnerte--wenn auch in den Tiefen ihres Gemütes sich bei seinem Anblick dunkle Ahnungen regen mochten, wie einst bei ihm, als sein Nachbar von der himmlischen Ganga sprach.
Er zeigte ihr den strahlenden Fluß, der sich still in den Teich ergoß:
"So speisen die silbrigen Wellen der himmlischen Ganga alle Lotusteiche in den Gefilden der Seligen."
"Die himmlische Ganga?" wiederholte sie fragend und strich sich mit der Hand über die Stirn.
"Komm, wir wollen nach dem Korallenbaum."
"Dort aber ist der Hain und das Gebüsch so lieblich, und sie spielen dort solch heitere Spiele," sagte Vasitthi, nach einer anderen Richtung zeigend.
"Nachher! Jetzt wollen wir zuerst nach dem Korallenbaum, um dich durch seinen Wunderduft zu erquicken."
Wie ein Kind, das man durch Versprechen auf ein neues Spielzeug darüber getröstet hat, daß es am fröhlichen Treiben der Kameraden nicht teilnehmen darf, so folgte Vasitthi ihm willig. Als der Duft ihnen entgegenzuwehen begann, belebten sich ihre Züge mehr und mehr.
"Wo führst du mich hin?" fragte sie, als sie in die enge Felsenschlucht einlenkten. "Niemals bin ich noch so erwartungsvoll gewesen. Und es kommt mir vor, als ob ich schon oft voll Erwartung war, obschon dein Lächeln mich daran erinnert, daß ich ja eben erst zum Bewußtsein erwacht bin. Aber du hast dich geirrt, hier kann man ja nicht weiter."
"O, man kann weiter, viel, viel weiter," lächelte Kamanita, "und vielleicht wirst du jetzt gewahr, daß jenes Gefühl dich nicht getäuscht hat, liebste Vasitthi!"
Und schon öffnete sich vor ihnen das Talbecken der Malachitfelsen mit dem roten Korallenbaum und dem tiefblauen Himmel, und der Duft aller Düfte umfing sie.
Vasitthi legte die Hände auf ihre Brust, wie um ihr gar zu tiefes Atmen zu hemmen, und am schnellen Wechsel von Licht und Schatten in ihren Zügen erkannte Kamanita, wie der Sturm der Lebenserinnerungen über sie dahinbrauste.
Plötzlich erhob sie ihre Arme und warf sich an seine Brust:
"Kamanita, mein Liebster!"
Und er trug sie von dannen, im Eilfluge durch die Schlucht zurückstürmend.
Im offenen, noch etwas ernsten Tal, mit dunklem Gebüsch und dichten Hainen, wo die Gazellen spielten, aber keine menschliche Gestalt die Einsamkeit störte, ließ er sich mit ihr unter einem Baume nieder.
"O, du Ärmster!"--sprach Vasitthi, "was mußt du gelitten haben! Und was mußt du von mir gedacht haben, als du erfuhrst, daß ich Satagira geheiratet hatte!"
Aber Kamanita erzählte ihr, wie er das nicht durch eine Nachricht erfahren, sondern selber in der Hauptstraße Kosambis den Hochzeitszug gesehen habe, und wie der namenlose Jammer, der auf ihrem Gesichte geprägt stand, ihn unmittelbar davon überzeugt habe, daß sie nur dem Zwang ihrer Eltern nachgegeben hätte.
"Aber keine Macht der Erde hätte mich gezwungen, du einzig Geliebter, wenn ich nicht hätte glauben müssen, den sicheren Beweis zu haben, daß du nicht mehr am Leben seist."
Und Vasitthi hub an, ihre damaligen Erlebnisse zu berichten.
Als du, mein Freund, Kosambi verlassen hattest, schleppte ich meine Tage und Nächte elend dahin, wie es ein Mädchen tut, das vom schleichenden Fieber der Sehnsucht verzehrt wird und dabei in tausend Ängsten um den Geliebten schwebt. Ich wußte ja nicht einmal, ob du noch die Erdenluft mit mir atmetest. Denn ich hatte gar oft von den Gefahren solcher Reisen gehört. Und nun mußte ich mir auch noch die schrecklichsten Vorwürfe machen, weil ich ja selber durch den törichten Eigensinn meiner Liebe die Schuld daran trug, daß du nicht unter dem Schutze der Gesandtschaft die Rückreise in völliger Sicherheit gemacht hattest. Und dennoch vermochte ich nicht, diese meine Unbesonnenheit zu bereuen, da ich ihr doch alle jene schönen Erinnerungen verdankte, die mein ganzer Schatz waren.
Selbst Medinis aufmunternde und tröstende Worte vermochten nur selten die Wolke meiner Schwermut zeitweilig zu vertreiben. Mein bester und treuester Freund war der schöne Asokabaum, unter dem wir in jener herrlichen Mondnacht standen, die du, mein süßer Freund, gewiß nicht vergessen hast, und den ich damals mit den Worten Damayantis anredete. Unzählige Male versuchte ich aus dem Rauschen seiner Blätter eine Antwort auf meine besorgte Frage herauszuhören, in dem Fallen einer Blume oder dem Spiele der Lichtflecken auf dem Boden irgend eine Vorbedeutung zu sehen. War dann einmal ein solches selbstgemachtes Orakelzeichen im günstigen Sinne ausgefallen, dann konnte ich mich einen ganzen Tag oder noch länger fast glücklich fühlen und hoffnungsvoll in die Zukunft schauen. Gerade dadurch wuchs dann aber die Sehnsucht, und mit ihr kehrten dann die Befürchtungen zurück, wie böse Träume der Fieberhitze entwachsen.
In diesem Zustand war es fast eine Wohltat, daß es bald nicht länger meiner Liebe erlaubt wurde, in einsamer Tatenlosigkeit nur ihrem Leide zu leben, sondern daß sie in eine Kampfstellung gedrängt wurde, in der sie alle ihre Kräfte zusammennehmen mußte, wenn ich mich auch dadurch fast mit meinen Nächsten völlig entzweit hätte.
Satagira, der Sohn des Ministers, verfolgte mich nämlich jetzt immer eifriger mit den Zeichen seiner Liebe, und ich konnte mich nicht mehr in einem öffentlichen Lustgarten mit meinen Gespielinnen zeigen, ohne daß er da war und mich zum Gegenstand seiner aufdringlichen Aufmerksamkeit machte. Daß ich diese nicht im geringsten erwiderte, ja ihm deutlicher, als es höflich war, zeigte, wie sehr sie mir verhaßt war, hatte nicht die mindeste abkühlende Wirkung. Bald fingen nun meine Eltern an, erst mit allerlei Andeutungen, dann immer unverblümter, seine Sache zu befürworten, und als er schließlich mit seinem Werben offert hervortrat, verlangten sie, daß ich ihm meine Hand geben sollte. Ich versicherte Ihnen unter bitteren Tränen, niemals Satagira lieben zu können; das machte jedoch nur wenig Eindruck auf sie. Aber ebensowenig wirkten auf mich ihre Vorstellungen, ihr Bitten und Zürnen, das Flehen meiner Mutter, die Drohungen meines Vaters.
In die Enge getrieben, erklärte ich ihnen zuletzt geradeaus, daß ich mich dir--von dem sie schon durch Satagira gehört hatten--versprochen hätte, und daß keine Macht der Welt mich zwingen könnte, dir das heilige Wort zu brechen und einem Anderen anzugehören. Käme es aber zum Äußersten, dann würde ich durch dauernde Verweigerung jedweder Nahrung mir selber den Tod geben.
Als meine Eltern nun merkten, daß ich wohl imstande war, diese Drohung auszuführen, gaben sie endlich, wenn auch sehr betrübt und erzürnt, die Sache auf; und auch Satagira schien sich nun in sein Schicksal zu fügen und darauf bedacht zu sein, sich über seine Niederlage in der Liebe durch Siegestaten auf einem rauheren Schlachtfelde zu trösten.
In dieser Zeit meldete das Gerücht viel Schreckliches von dem Räuber Angulimala, der mit seiner Bande ganze Gegenden verheerte, die Dörfer einäscherte und die Wege so unsicher machte, daß zuletzt fast niemand mehr wagte, nach Kosambi zu reisen. Ich geriet darob in große Angst, denn ich fürchtete natürlich, daß du jetzt endlich kommen und unterwegs in seine Hände fallen möchtest. Es verlautete nun plötzlich, Satagira habe den Oberbefehl über eine große Truppenmacht erhalten, um die ganze Gegend von Kosambi zu säubern und womöglich Angulimala selber und die anderen Hauptführer der Bande gefangen zu nehmen. Er habe, hieß es, geschworen, dies zu erreichen oder bei dem Versuche im Kampfe zu fallen.
So wenig ich auch sonst dem Sohne des Ministers hold war, so konnte ich doch nicht umhin, ihm diesmal besten Erfolg zu gönnen, und als er auszog, folgten meine segnenden Wünsche seinen Fahnen.
Etwa eine Woche später war ich mit Medini im Garten, als wir von der Straße her lautes Geschrei vernahmen. Medini lief sofort hin, um zu erfahren, was geschehen sei und meldete alsbald, Satagira kehre im Triumph nach der Stadt zurück, nachdem er die Räuber niedergemetzelt oder gefangen genommen habe; auch der schreckliche Angulimala sei lebendig in seine Hände gefallen. Sie forderte mich auf, mit ihr und Somadatta auf die Straße zu gehen, um den Einzug der Krieger und der gefangenen Räuber zu sehen, aber ich wollte nicht, weil ich es Satagira nicht gönnte, mich unter den Zuschauern seines Triumphes zu sehen. So blieb ich denn allein zurück, überglücklich bei dem Gedanken, daß die Wege für meinen Geliebten jetzt wieder geöffnet seien. Denn so wenig ahnen ja die Sterblichen den Gang des Schick-sals, daß sie manchmal, wie ich es damals tat, als einen Glückstag den Tag begrüßen, an welchem gerade ihr Leben eine Wendung zum Düsteren nimmt.
Am folgenden Morgen trat mein Vater in mein Zimmer. Er überreichte mir eine kristallene Kette mit einem Tigeraugen-Amulett und fragte mich, ob ich sie wohl erkenne.
Mir war, als ob ich umsinken müßte, aber ich nahm alle meine Kräfte zusammen und antwortete, die Kette ähnele einer, die du immer um den Hals getragen hättest.
"Sie ähnelt ihr nicht," sagte mein Vater mit grausamer Ruhe--"sie ist es. Als Angulimala gefangen genommen wurde, trug er sie, und Satagira erkannte sie sofort wieder. Denn, wie er mir erzählte, hat er einmal mit Kamanita im Parke um deinen Ball gerungen. Dabei zerriß Kamanitas Kette, die er ergriffen hatte, um seinen Widersacher daran zurückzuhalten, und blieb in seinen Händen, so daß er sie genau betrachten konnte. Er war überzeugt, sich nicht zu täuschen. Auch hat dann Angulimala, peinlich befragt, eingestanden, daß er vor etwa zwei Jahren die Karawane Kamanitas auf ihrem Rückwege nach Ujjeni in der Gegend von Vedisa angegriffen, die Leute niedergemetzelt und Kamanita mit einem Diener gefangen genommen habe. Den Diener schickte er nach Ujjeni um Lösegeld. Da dies aber aus irgend einem Grunde ausblieb, hat er nach dem Brauch der Räuber Kamanita getötet."
Bei diesen schrecklichen Worten hätte mich wohl die Besinnung verlassen, wenn sich nicht meinen verzweifelten Gedanken sofort eine Möglichkeit eröffnet hätte, noch gegen die Hoffnung selbst zu hoffen:
"Satagira ist ein schlechter und verschlagener Mensch," antwortete ich mit scheinbarer Ruhe, "der vor keinem Betrug zurückschreckt, und er hat sein Herz oder vielmehr seinen Stolz darauf gesetzt, mich zur Frau zu gewinnen. Wenn er damals die Kette so genau betrachtet hat, was sollte ihn dann hindern, eine ähnliche anfertigen zu lassen? Ich glaube, als er von Angulimala hörte, ist er auf diesen Gedanken verfallen. Hätte er auch nicht Angulimala selber gefangen, so könnte er doch immer sagen, die Kette sei im Besitz der Räuber gefunden worden und sie hätten eingestanden, Kamanita getötet zu haben."
"Das ist kaum möglich, meine Tochter," sagte mein Vater kopfschüttelnd--"und zwar aus einem Grunde, den du freilich nicht sehen kannst, den ich aber glücklicherweise als Goldschmied dir aufdecken kann. Wenn du die kleinen Goldglieder betrachtest, die die Kristallstücke miteinander verbinden, so wirst du bemerken, daß das Metall rötlicher ist als das der hiesigen Schmucksachen, weil wir in unseren Legierungen mehr Silber als Kupfer verwenden. Auch ist die Arbeit gerade von der etwas gröberen Art, wie man sie in den Gebirgsländern ausführt."
Mir schwebte die Antwort auf der Zunge, er sei selber ein so geschickter Goldschmied, daß sowohl die richtige Zusammensetzung als auch die charakteristische Bearbeitung des Goldes ihm wohl gelingen dürfte; denn ich sah Alles gegen unsere Liebe verschworen und traute selbst meinen Nächsten nicht. Indessen begnügte ich mich damit, zu sagen, ich ließe mich keineswegs durch diese Kette überzeugen, daß mein Kamanita nicht mehr am Leben sei.
Mein Vater verließ mich nun in großem Zorn, und ich konnte mich in der Einsamkeit ganz meiner Verzweiflung hingeben.
Die resten Stunden der Nacht verbrachte ich in dieser Zeit immer auf der Terrasse der Sorgenlosen, entweder allein oder mit Medini zusammen. An diesem Abend war ich allein da, was mir in meiner augenblicklichen Stimmung auch das liebste war. Der Vollmond strahlte herab wie damals, und ich stand vor dem großen blütenreichen Asoka, um mir von ihm, dem "Herzfrieden", eine tröstende Vorbedeutung für mein friedloses Herz zu erbitten. Und ich sagte zu mir selber: "Wenn zwischen mir und dem Stamm eine safrangelbe Blume niederfällt, bevor ich bis hundert gezählt habe, dann ist mein geliebter Kamanita noch am Leben."
Als ich bis fünfzig gezählt hatte, fiel eine Blume nieder, aber eine orangefarbige. Als ich die Zahl achtzig erreicht hatte, fing ich an, langsamer und immer langsamer zu zählen. Da öffnete sich knarrend eine Tür in der Ecke zwischen Terrasse und Hausmauer, wo eine Treppe in den Hof hinunterführte--ein Zugang, der eigentlich nur für Arbeiter und Gärtner bestimmt war.
Mein Vater trat hervor und hinter ihm Satagira. Ein paar bis an die Zähne bewaffnete Reisige folgten, danach kam ein Mann, der die anderen um Haupteslänge überragte, und zuletzt beschlossen noch andere Reisige diesen seltsamen, ja unerklärlichen Aufzug. Zwei von den letzteren blieben als Wache an der Tür zurück, alle übrigen kamen auf mich zu. Dabei fiel es mir auf, daß der Riese in ihrer Mitte nur mit Mühe gehen konnte, und daß bei jedem seiner Schritte ein unheimliches Klirren und Rasseln ertönte.
In diesem Augenblick schwebte eine safrangelbe Asokablume nieder und blieb gerade vor meinen Füßen liegen. Aber ich hatte vor Verwunderung zu zählen aufgehört und wußte daher nicht mehr festzustellen, ob sie vor oder nach der Zahl Hundert gefallen war.
Als die Gruppe nun aus dem Mauerschatten in das volle Mondlicht heraustrat, sah ich mit Entsetzen, daß jene Riesengestalt mit Eisenketten beladen war. Die Hände waren ihm auf dem Rücken gefesselt; um die Fußknöchel klirrten schwere, durch Kugelstangen verbundene eiserne Ringe, von denen doppelte Eisenketten zum Halsringe hinaufführten, an welchen wiederum zwei andere Ketten befestigt waren, die von zwei Reisigen gehalten wurden. Wie bei Einem, der zum Richtplatz geführt wird, hing ihm ein Gewinde von roten Kanaverablüten um den Nacken und die haarige Brust, und das rotgelbe Backsteinpulver, mit dem sein Haupt bestreut war, ließ das wirr über die Stirn herabhängende Haar und den fast bis an die Augen reichenden Bart noch wilder erscheinen. Aus dieser Maske hervor blitzten die Augen mir entgegen--jedoch nur eben blitzartig schnell; dann senkte sich der Blick und irrte scheu wie der eines bösen Tieres am Boden umher.
Wen ich vor mir hatte, danach hätte ich auch dann nicht zu fragen gebraucht, wenn die Kanaverablüten jenes Wahrzeichen seines furchtbaren Namens verdeckt hätten: das Halsband von Menschendaumen.[1]
[1] Angulimala = Fingerkranz.
"Nun, Angulimala," brach Satagira das Schweigen, "wiederhole vor dieser edlen Jungfrau, was du auf der Folter von der Ermordung des jungen Kaufmanns Kamanita aus Ujjeni gestanden hast."
"Kamanita wurde nicht ermordet," antwortete der Räuber mürrisch, "sondern gefangen genommen und unseren Gebräuchen gemäß umgebracht."
Und er erzählte mir nun in wenigen Worten, was mein Vater mir schon darüber gesagt hatte.
Ich stand unterdessen mit dem Rücken an den Asokabaum gelehnt und hielt mich mit beiden Händen an den Stamm gestützt, die Fingernägel krampfhaft in die Rinde grabend, um nicht umzusinken. Als Angulimala zu Ende gesprochen hatte, schien sich Alles um mich im Kreise zu drehen. Noch gab ich es aber nicht auf.
"Du bist ein ehrloser Räuber und Mörder," sagte ich, "was kann mir dein Wort gelten? Warum solltest du nicht aussagen, was der dir befiehlt, in dessen Gewalt dich deine Missetaten gebracht haben?"
Und wie auf eine plötzliche Eingebung, die mich selber überraschte und mir fast einen Hoffnungsschimmer aufleuchten ließ, fügte ich hinzu:
"Du darfst mir ja nicht einmal in die Augen sehen--du, der Schrecken aller Menschen--mir, einem schwachen Mädchen! Du darfst es nicht--weil du auf Anstiftung dieses Mannes eine feige Lüge sagst."
Angulimala blickte nicht auf, aber er lachte grimmig und antwortete mit einer Stimme, die wie das Brummen eines gefesselten Raubtieres klang:
"Wozu sollte das wohl gut sein, dir in die Augen zu sehen? Das überlasse ich den jungen Fanten. Dem Blicke eines ehrlosen Räubers würdest du ja doch ebensowenig glauben wie seinen Worten. Und von seinem Eide würdest du wohl auch nicht mehr halten."
Er trat einen Schritt näher.
"Wohlan, Mädchen! So sei nun Zeugin meines 'Wahrheitsaktes'."
Noch einmal traf mich der Blitz seines Blickes, als dieser sich aufwärts nach dem Monde richtete, so daß mitten im Gewirr seines mißfarbigen Haares und Bartes nur die weißen Augäpfel zu sehen waren. Seine Brust arbeitete, daß die roten Blumen sich tanzend bewegten, und mit einer Stimme, wie wenn der Donner zwischen den Wolken rollt, rief er:
"Die du den Tiger zäumest, schlangengekrönte, nächtige Göttin! Die du im Mondschein auf Bergeszinnen tanzest, mit dem Schädelhalsband rasselnd, zähnefletschend, die Blutschale schwingend, Kali, Herrin der Räuber, die du mich durch tausend Gefahren geführt hast, höre mich! So wahr ich nie mit dem Opfer kargte, so wahr ich deine Gesetze immer treulich gehalten habe, so wahr ich auch mit diesem Kamanita getreu verfuhr nach deiner Satzung, die uns 'Absendern' gebietet, wenn das Lösegeld nicht zur festgesetzten Stunde eintrifft, den Gefangenen mitten durchzusägen und die Körperteile auf die Landstraße zu werfen:--so wahr wirst du mir jetzt in meiner höchsten Not beistehen, meine Ketten zerreißen und mich aus den Händen meiner Feinde befreien!"
Indem er das sagte, machte er eine gewaltsame Bewegung--die Ketten klirrten--Anne und Beine waren frei--die beiden Reisigen, die ihn hielten, lagen am Boden, einen dritten schlug er mit dem Kettenstück, das an seinem Handgelenke hing, nieder, und bevor jemand von uns recht begriff, was eigentlich geschehen war, hatte Angulimala sich über die Brustwehr geschwungen. Mit einem wilden Schrei stürmte Satagira ihm nach.--Das war das Letzte, was ich sah und hörte.
Nachher erfuhr ich, daß Angulimala gestürzt sei, sich einen Fuß gebrochen habe und von der Wache festgenommen worden sei; später sei er dann im Gefängnis auf der Folter gestorben, und sein Kopf über dem nördlichen Stadttor aufgesteckt worden, woselbst Medini und Somadatta ihn gesehen haben.
Durch den Wahrheitsakt Angulimalas war der letzte Zweifel und die letzte Hoffnung von mir gewichen. Denn ich wußte wohl, daß selbst jene teuflische Göttin kein Wunder zu seiner Rettung hätte wirken können, wenn er nicht die Macht der Wahrheit auf seiner Seite gehabt hätte.
Was nun aus mir wurde, darum kümmerte ich mich wenig, denn auf dieser Erde war ja doch Alles für mich verloren. Nur im Paradiese des Westens konnten wir uns wiedersehen: du warst vorausgegangen, und ich würde, so hoffte ich, bald folgen. Dort blühte das Glück, alles andere war gleichgültig.
Da nun Satagira sein Werben fortsetzte und meine Mutter mir immer wieder jammernd und weinend Vorstellungen machte, sie würde gebrochenen Herzens sterben, wenn sie durch mich die Schmach erlitte, daß ich unverheiratet im Elternhause sitzen bliebe--hätte sie dann doch ebensogut das häßlichste Mädchen von Kosambi zur Welt bringen können!--da erlahmte endlich nach und nach mein Widerstand.
Übrigens hatte ich auch jetzt nicht mehr so viel gegen Satagira einzuwenden wie früher. Ich konnte nicht umhin, die Standhaftigkeit und Treue seiner Neigung anzuerkennen, und ich fühlte auch, daß ich ihm Dankbarkeit schuldig war, weil er den Tod meines Geliebten gerächt hatte.
So wurde ich denn--als wiederum fast ein Jahr verstrichen war--die Braut Satagiras.
Als Kamanita merkte, daß selbst hier, am Orte der Seligkeit, diese Erinnerungen die noch zarte, neuerwachte Seele der Geliebten wie mit dunklen Fittichen überschatteten, faßte er sie bei der Hand und führte sie weiter, indem er ihren gemeinsamen Flug nach jenem lieblichen Hügel richtete, auf dessen Abhang er kürzlich gelegen und dem Spiele der Schwebenden zugeschaut hatte.
Hier lagerten sie sich. Schon waren Haine und Gebüsche, Wiesen und Hügelabhänge voll unzähliger schwebender Gestalten, roter, blauer und weißer. Immer neue Gruppen umringten sie, um die Neuerwachte zu begrüßen. Und die beiden mischten sich in die Reihen der Spielenden.
Schon lange waren sie hin und her durch die Haine, um die Felsen, über Wiesen und Lotusteiche geschwebt, wohin der Reigen sie führte, als ihnen jene Weiße begegnete, die damals Kamanita aufgefordert hatte, mit ihr die Fahrt nach der Ganga zu wagen. Als sie sich im Tanze die Hände reichten, fragte sie mit einem lieblichen Lächeln:
"Bist du nun auch am Gestade der Ganga gewesen? Jetzt hast du ja eine Begleiterin."
"Noch nicht," antwortete Kamanita.
"Was ist das?" fragte Vasitthi.
Und Kamanita erzählte es ihr.
"Da wollen wir hin," sagte Vasitthi. "O, wie oft habe ich unten im trüben Erdental hinaufgeblickt zu dem fernen Abglanz ihres Himmelstromes, und an die seligen Gefilde gedacht, die von ihr umschlungen und bewässert werden, und gefragt, ob wir wohl einst an diesem Ort der Wonne vereinigt sein würden. Unwiderstehlich zieht es mich jetzt dahin, mit dir zusammen an ihrem Gestade zu weilen."
Sie lösten sich aus der Kette des Reigens und lenkten ihren Flug in einer Richtung, die sie von ihrem eigenen Teiche weit wegführte. Nach einiger Zeit sahen sie keine Weiher mehr, deren Lotusrosen selige Gestalten trugen, immer mehr nahm die Blütenpracht ab, immer seltener begegneten sie schwebenden Gestalten; Herden von Antilopen belebten die Ebene, auf den Seen segelten Schwäne, eine Schleppe von blanken Wellen über das dunkle Wasser nach sich ziehend. Die Hügel, die anfangs immer schroffer und felsiger geworden waren, verschwanden gänzlich.
Sie schwebten über eine flache, wüstenartige Ebene, die mit Tigergras und Dornengebüsch bestanden war. Vor ihnen spannte sich der unabsehbare Bogen eines Palmenwaldes.
Sie erreichten den Wald. Immer tiefer umgab sie der Schatten. Die narbigen Schäfte leuchteten wie Bronze. Hoch oben rauschten die Wipfel mit ehernem Klange.
Vor ihnen fingen glitzernde Punkte und Streifen zu tanzen an. Und plötzlich strömte ihnen ein solcher Lichtglanz entgegen, daß sie die Hände vor die Augen halten mußten. Es war, als ob im Walde eine ungeheure Kolonnade von blanken Silbersäulen stände, die das Licht der aufgehenden Sonne zurückwarf.
Als sie sich getrauten, die Hände wieder von den Augen zu nehmen, schwebten sie gerade zwischen den letzten Palmen des Waldes hinaus.
Vor ihnen lag die himmlische Ganga, bis zum Horizonte ihre silbrige Fläche breitend, während zu ihren Füßen flache Wellenzungen, wie flüssiges Sternenlicht, flammenartig den perlgrauen Sand des flachen Ufers beleckten.
Wenn sonst der Himmel nach unten zu allmählich heller wird, so war es hier umgekehrt: das Ultramarinblau ging in Indigo über, das schließlich mit einem fast gänzlich schwarzen Rand sich auf die silberweiße Kimmung stützte.
Vom Dufte der Paradiesblüten war nichts mehr zu spüren. Wie aber im Malachittale um den Korallenbaum jener erinnerungsschwangere Duft aller Düfte gesammelt stand, so wehte hier den Weltenstrom entlang ein kühler und herber Hauch, dem das Fehlen aller Düfte, das vollkommen Reine als einziger Duft eignete. Und Vasitthi schien ihn begierig wie einen erfrischenden Trank einzuschlürfen, während er Kamanita den Atem raubte.
Auch von jener lieblichen Musik der Genien vernahm man hier nicht den leisesten Ton. Aber aus dem Strome schienen mächtige, donnerartig dröhnende Klänge emporzusteigen.
"Horch!"--flüsterte Vasitthi und erhob ihre Hand.
"Sonderbar!"--sagte Kamanita. "Einst war ich in eine Hütte eingekehrt, die an dem Ausgange einer Bergschlucht lag und an der ein kleiner, lieblicher Bach vorüberfloß, in dessen klarem Wasser ich nach meiner Wanderung meine Füße wusch. Während der Nacht ging ein mächtiger Regen nieder, und als ich in der Hütte wach lag, hörte ich, wie der Bach, der abends nur leise gerauscht hatte, immer ungestümer brauste und tobte. Zugleich aber vernahm ich einen polternden, donnernden Schall, den ich mir durchaus nicht zu erklären wußte. Am nächsten Morgen sah ich nun, daß aus dem klaren Bach ein reißender Gebirgsstrom mit grauen, schäumenden Fluten geworden war, in welchem große Steine rollend und springend dahinstürzten. Und diese waren es, die dies Getöse verursacht hatten. Wie mag es wohl kommen, daß nun hier, beim Anhören jener Klänge, diese Erinnerung aus meiner Pilgerschaft in mir emporsteigt?"
"Es kommt daher," antwortete Vasitthi, "weil in jenem Gebirgsbache Steine, in dem Strome der himmlischen Ganga aber Welten gerollt und mitgetrieben werden, und die sind es, von denen jene donnerartig dröhnenden Klänge herrühren."
"Welten!"--rief Kamanita entsetzt.
Vasitthi lächelte und schwebte dabei weiter; aber erschrocken hielt Kamanita sie an ihrem Gewände zurück.
"Hüte dich, Vasitthi! Wer weiß, welche Mächte, welche furchtbaren Kräfte draußen über diesem Weltenstrome schweben, Mächte, in deren Gewalt du geraten könntest, wenn du dieses Ufer verließest. Ich zittere schon bei dem Gedanken, dich plötzlich fortgerissen zu sehen."
"Dürftest du mir dann nicht folgen?"
"Gewiß würde ich dir folgen. Wer weiß aber, ob ich dich erreichen könnte, ob man uns nicht voneinander reißen würde? Und wenn wir auch zusammen blieben, welcher Jammer wäre es doch, in das Unbegrenzte getragen zu werden, weit weg von diesem trauten Orte der Seligkeit."
"In das Unbegrenzte!" wiederholte Vasitthi sinnend, und ihr Blick schweifte über die Fläche der himmlischen Ganga hinaus bis dorthin, wo die silberne Flut den schwarzen Himmelsrand erreichte, und schien noch immer weiterdringen zu wollen;--"und kann denn ewige Seligkeit bestehen, wo Begrenzung ist?" sprach sie gleichsam in Gedanken verloren.
"Vasitthi!" rief Kamanita, ernstlich erschreckend--"ich wollte, ich hätte dich nie hierher geführt! Komm, Geliebte, komm!"
Und noch ängstlicher als vom Korallenbaume zog er sie von dannen.
Nicht unwillig folgte sie ihm, wobei sie jedoch zwischen den äußersten Palmen das Haupt wandte und einen letzten Blick auf den himmlischen Strom warf....
Und wiederum thronten sie auf ihren Lotussitzen im kristallklaren Teiche, wiederum schwebten sie zwischen juwelenblühenden Bäumen und mischten sich unter die Reihen der Seligen und genossen die himmlischen Wonnen, glücklich in ihrer ungetrübten Liebe.
Aber als sie im Reigen einmal der Weißen begegneten, sagte diese:
"So seid ihr also wirklich am Gestade der Ganga gewesen?"
"Wie kannst du es wissen, daß wir dort gewesen sind?"
"Ich sehe es; denn Alle, die da waren, tragen gleichsam einen Schatten über den Brauen. Deshalb will ich auch nicht dahin. Und ihr werdet auch nicht zum zweiten Male hingehen, niemand tut das"
Sie besuchten in der Tat nicht wieder jenes ungastliche Gestade der himmlischen Ganga. Oft aber lenkten sie ihren Flug nach dem Tale der Malachitfelsen. Unter der mächtigen Krone des Korallenbaumes gelagert, atmeten sie jenen Duft aller Düfte, der den karmesinroten Blüten entströmte, und in der Tiefe ihrer Erinnerung öffnete sich dann die Aussicht auf ihre früheren Leben.
Bald in Palästen, bald in Hütten sahen sie sich nun wieder, aber ob in Seide und Musselin gehüllt oder in die groben Erzeugnisse des Dorfwebstuhles gekleidet: immer war die gegenseitige Liebe da. Bald wurde sie durch das Glück der Vereinigung gekrönt, bald war die Trennung durch Lebensgeschicke oder durch den Tod ihr jammervolles Los: aber glücklich oder unglücklich, die Liebe blieb dieselbe.
Und sie sahen sich in anderen Zeiten, da die Menschen gewaltiger waren als jetzt, in jenen ewig unvergessenen Heroentagen, als er sich aus ihren Armen riß und seinen Kampfilfen bestieg, um nach der Ilfenstadt zu ziehen und seinen Freunden, den Pandaverprinzen, im Kampfe gegen die Kuruinge beizustehen; wo er dann an der Seite Arjunas und Krishnas kämpfend, am zehnten Tage der Riesenschlacht auf der Ebene Kurukschetra seine Heldenseele aushauchte. Sie aber, als sie die Nachricht von seinem Tode empfing, bestieg vor dem Palaste, von allen ihren Frauen gefolgt, den Scheiterhaufen, den sie mit eigener Hand anzündete.
Und wieder sahen sie sich in fremden Gegenden und in anderer Natur. Es war nicht länger das Tal der Ganga und der Jamuna mit seinen prächtigen, palastreichen Städten, wo waffenstrahlende Krieger, stolze Brahmanen, reiche Bürger und fleißige Çudras die Straßen belebten; mit seinen Reisfeldern und vielstämmigen Feigenbaumriesen, seinen Palmenhainen und seinen Dschungeln, seinen Elefanten und Tigern und den weithinleuchtenden Schneezinnen des Himavat. Dieser Schauplatz, der mit seiner mannigfachen tropischen Pracht so oft ihr gemeinsames Leben umschlossen hatte, als ob es keine andere Welt gäbe, verschwand nun gänzlich, um einem öderen und herberen Lande Platz zu machen.
Hier brennt freilich die Sommersonne so heiß wie an der Ganga, trocknet die Wasseradern aus und versengt das Gras. Aber im Winter beraubt der Frost die Wälder ihres Laubes, und Reif bedeckt die Felder. Keine Städte erheben ihre Türme, aber weitgedehnte Dörfer mit großen Hürden liegen mitten in ihren weidereichen Triften, und die schützende Anhöhe daneben ist durch Wälle und rohe Mauern in eine kleine Feste verwandelt. Ein kriegerisches Hirtenvolk ist hier seßhaft. Die Wälder sind voll von Wölfen, und meilenweit hört der zitternde Wanderer das Gebrüll des Löwen, "des furchtbaren, schweifenden, in Bergen hausenden Wildes"--wie er ihn nennt; denn er ist ein Sänger.
Nach langer Wanderung nähert er sich einem Dorfe, als unbekannter, aber willkommener Gast; denn das ist er überall. Über seiner Schulter hängt seine einzige sichtbare Habe, eine kleine Laute; aber im Kopfe trägt er das ganze kostbare Erbe seiner Väter: alte, geheime Hymnen an Agni und Indra, an Varuna und Mitra, ja sogar an unbekannte Götter; Kriegs- und Trinklieder für die Männer; Liebeslieder für die Mädchen; segnende Zaubersprüche für die Milchspendenden. Und er hat Kraft und Kenntnisse, um diesen Vorrat aus eigenen Mitteln zu vermehren. Wo wäre wohl ein solcher Gast nicht willkommen?
Es ist um die Zeit, da die Rinder nach Hause getrieben werden. An der Spitze einer Herde schreitet mit der höchsten Anmut in allen Bewegungen des jugendlichen Körpers ein hochgewachsenes Mädchen; ihr zur Seite geht ihre Lieblingskuh, deren Glocke die anderen folgen, und leckt ab und zu ihre Hand. Er bietet ihr guten Abend; sie erwidert freundlich den Gruß. Lächelnd sehen sie sich an--und es ist derselbe Blick, der im Lustparke von Kosambi zwischen der Ballspielerin auf der Bühne und dem fremden Zuschauer hin und her flog.
Aber auch das Land der fünf Ströme, nachdem es sie mehrmals beherbergt hat, verschwindet, wie zuvor das Gangatal--andere Gegenden tun sich auf, andere Menschen und Sitten umgeben sie--Alles rauher, wilder und ärmlicher.
Die Steppe, über welche der Zug sich hinzieht--Reiter, Wagen und Fußgänger in endloser Reihe--ist weiß von Schnee. Die Luft ist voll von den wirbelnden Flocken. Schwarze Berge schauen schattenartig herein. Aus dem Zeltdache eines schweren Ochsenwagens beugt sich ein Mädchen so lebhaft hervor, daß der Schafpelz zur Seite gleitet, und die goldene Haarfülle ihr über Wangen, Hals und Brust niederwallt. Angst leuchtet aus ihren Augen, als sie hinausspäht, wohin alle Blicke sich wenden, alle Finger hinzeigen:--wie eine dunkle, vom Winde aufgewirbelte Wolke braust eine Reiterhorde heran. Aber vertrauensvoll lächelt sie, als ihr Blick dem des Jünglings begegnet, der neben dem Wagen auf einem schwarzen Stiere reitet;--und es ist wieder derselbe Blick, wenn auch aus blauen Augen. Dieser Blick entflammt das Herz des blonden Jünglings, der seine Streitaxt schwingt und laut rufend mit den anderen Kriegern dem Feind entgegenstürmt--entflammt es und wärmt es noch, als es vom kalten Eisen eines Skythenpfeiles durchbohrt wird.
Aber noch größere Veränderungen erlebten sie; noch weitere Wanderungen unternahmen sie, vom Dufte des Korallenbaumes geleitet.
Sie fanden sich selbst als Hirsch und Hinde im ungeheuren Walde. Wortlos war jetzt ihre Liebe, aber nicht blicklos. Und wiederum war es derselbe Blick:--tief im innersten Dunkel ihrer großen, ahnungsvollen Augen leuchtete noch, wenn auch wie durch trübe Nebelbläue hindurch, derselbe Funken, der so strahlend von Menschenauge zu Menschenauge den Weg gefunden hatte.
Sie ästen zusammen, nebeneinander wateten sie im klaren, kühlen Waldbach, Körper an Körper ruhten sie im hohen, weichen Grase. Gemeinsam waren ihre Freuden, gemeinsam zitterten sie vor Angst, wenn plötzlich ein Ast lebendig wurde und der Rachen des Pythons sich aufsperrte; oder wenn in der Stille der Nacht eine fast unhörbare, schleichende Bewegung von ihren regen Ohren aufgefangen wurde, während ihre geblähten Nüstern den scharfen Geruch eines Raubtieres witterten, und sie dann in mächtigen Sätzen davonflohen, gerade als es im Gebüsche knisterte und knackte und das Zorngebrüll des zu kurz gekommenen Tigers durch den jetzt ringsum lebendig werdenden Wald rollte.
Viele Jahre schon hatten sie so gemeinsam alle Wonnen und Schrecken des Waldes durchgekostet, als sie eines Tages an einem schattigen Orte die jungen saftigen Schößlinge benagten. Da geschah es, daß die Hinde sich in die Wildschlinge eines Jägers verstrickte. Vergebens arbeitete das Männchen mit Zacken und Klauen, um die Bande, welche die Freundin fesselten, zu zersprengen, und ließ nicht davon ab, bis der Jäger sich nahte. Dann stellte er sich diesem mit gefälltem Geweih entgegen und bald machte der Jagdspieß beider Leben ein Ende.
Und als ein paar Goldadler horsteten sie hoch im wilden Felsengebirge, schwebten über die bläulichen Abgründe des Himavat und umkreisten seine schneeigen Zinnen.--
Als zwei Delphine aber befuhren sie die grenzenlose Salzflut des Ozeans.--
Ja, einmal erwuchsen sie als zwei Palmen auf einer Insel mitten im Weltmeere, schlangen im kühlen Strandsande ihre Wurzeln ineinander und ließen gemeinsam ihre Wipfel im Seewinde rauschen.
Und wie ein Fürstenpaar sich zur Kurzweil und Belehrung vom Hoferzähler mancherlei vortragen läßt--bald den Lebenslauf eines Königs, bald eine einfache Dorfgeschichte, bald ein Heldenepos, bald eine Sage aus uralten Tagen, bald irgend eine Tierfabel oder ein Märchen, und dabei weiß: wie oft es uns auch gelüstet, zu lauschen, so ist doch nicht zu befürchten, daß diesem trefflichen Erzähler jemals der Stoff ausgeht, da der Hort seiner Sagenkenntnisse und die Fülle seines Erfindungsvermögens unerschöpflich sind--ebenso wußten diese beiden:--wie oft und wie lange wir auch hier weilen, und wäre es auch eine ganze Ewigkeit hindurch, so ist doch keine Gefahr da, daß dieser Duft keine Erinnerungen mehr wecken könnte; denn je weiter wir in die Zeit hinabsteigen, um so weiter schiebt sich die Vorzeit zurück.
Und sie wunderten sich sehr.
"Wir sind so alt wie die Welt," sagte Vasitthi.
Gewiss sind wir so alt wie die Welt," sagte Kamanita. "Aber bisher sind wir immer ruhelos gewandert, und immer wieder hat uns der Tod in ein neues Leben gestürzt. Jetzt aber haben wir endlich eine Stätte erreicht, wo es kein Vergehen mehr gibt, sondern nur ewige Wonne unser Los ist."
Als er so sprach, kehrten sie gerade vom Korallenbaume zu ihrem Teiche zurück. Er wollte sich soeben auf seine Lotusrose niedersenken, als er zu bemerken glaubte, daß ihre rote Farbe an Frische und Glanz etwas eingebüßt habe. Ja, als er nun über ihr in der Luft schwebend stehen blieb und aufmerksam auf sie hinunterblickte, sah er mit Schrecken, daß die Kronenblätter am Rande bräunlich und gleichsam verbrannt waren, und daß ihre Spitzen sich erschlaffend krümmten.
Nicht anders sah Vasitthis weißer Lotus aus, über dem auch sie stehen geblieben war, offenbar durch dieselbe Wahrnehmung gefesselt.
Er richtete seinen Blick nach seinem blauen Nachbar. Sein Lotus zeigte die gleiche Wandlung und es fiel Kamanita auf, daß sein Gesicht nicht so freudig strahlte wie damals, als er ihn zuerst begrüßt hatte; die Züge waren nicht so belebt wie früher, seine Haltung war nicht so frei, ja in seinem Blick las er dieselbe Befremdung, die ihn und Vasitthi ergriffen hatte.
Und so war es in der Tat überall, wo er hinsah. Mit Blumen und Gestalten war eine Veränderung vor sich gegangen.
Wieder senkte er prüfend den Blick zu seinem eigenen Lotus nieder. Ein Kronenblatt schien lebendig zu werden--langsam neigte es sich vornüber und fiel losgelöst auf die Wasserfläche.
Gleichzeitig aber hatte sich von jeder Lotusblume ein Kronenblatt abgelöst--die Wasserfläche glitzerte zitternd und schaukelte leise die bunten Blätternachen. Durch die Haine am Ufer ging ein Frösteln, und ein juwelenfunkelnder Blütenregen fiel zur Erde. Ein Seufzer entrang sich jeder Brust, und eine leise, doch schneidende Disharmonie durchdrang die Musik der himmlischen Genien.
"Vasitthi, Geliebte!" rief Kamanita, bestürzt ihre Hand ergreifend--"siehst du? Hörst du?--Was ist denn dies? Was kann das bedeuten?"
Aber Vasitthi sah ihn ruhig lächelnd an:
"Daran hat er gedacht, als er sagte:
'Alles Entstandene auflösend weht dahin der Verwesung Hauch,
Wie ein irdischer Prachtgarten welken Paradiesblumen auch.'"
"Wer hat denn diesen schrecklichen, diesen hoffnungsvernichtenden Ausspruch getan?"
"Wer denn sonst als er, der Erhabene, der Wandels-und Wissensbewährte, der aus Mitleid mit den Menschen die Lehre darlegt, Allen zur Aufklärung, dem Einzelnen zum Trost; der die Welt mit ihren edlen und unedlen Wesen, ihren Scharen von Göttern, Menschen und Dämonen offenbart und erklärt, der Wegweiser, der den Weg aus dieser Wandelwelt zeigt: der Erhabene, der Vollendete, der Buddha."
"Der Buddha hätte das gesagt? O nein, Vasitthi, das glaub' ich nicht. Vielfach werden ja die Worte solch großer Lehrer mißverstanden und unrichtig wiedergegeben, wie ich selber am besten weiß. Denn einst, zu Rajagaha, habe ich in der Vorhalle eines Hafners mit einem törichten Asketen zusammen übernachtet, der mir durchaus die Lehre des Buddha darlegen wollte. Was er vorbrachte, war aber trauriges Zeug, eine grüblerische, vernagelte Lehre, wiewohl ich schon spüren konnte, daß echte Aussprüche des Erhabenen ihr zugrunde lagen--jedoch verballhornt und von diesem Querkopfe umgedeutet. Gewiß hat man auch dir dies Wort falsch berichtet."
"Nicht doch, mein Freund! Denn aus dem Munde des Erhabenen selber habe ich es ja."
"Wie, Geliebte? So hast du denn selbst den Vollendeten von Angesicht zu Angesicht gesehen?"
"Gewiß habe ich das. Zu seinen Füßen bin ich ja gesessen."
"Glücklich preise ich dich, Vassitthi! Glücklich--das sehe ich ja--bist du jetzt in der Erinnerung. Ach, auch ich würde ja glücklich und zuversichtlich sein wie du, wenn nicht im letzten Augenblick mein böses Geschick--die eben reif gewordene Frucht von schlechten Taten der Vergangenheit--mich des Glücks beraubt hätte, den erhabenen Buddha zu sehen. Denn ein gewaltsamer Tod raffte mich dahin, als ich auf dem Wege zu ihm war, in demselben Orte, in dem er weilte, eben gerade in Rajagaha, an dem Morgen nach meinem Gespräch mit jenem törichten Asketen. Nur etwa noch eine Viertelstunde entfernt von dem Mangohaine, in dem der Erhabene sich aufhielt, ereilte mich mein Schicksal. Aber nun ist mir dies zum Tröste gegeben, daß meine Vasitthi das erreichte, was mir versagt blieb. O, erzähle mir Alles davon, wie du zu ihm, dem Erhabenen, kamst. Denn gewiß wird mich das aufrichten und stärken, und jenes Wort, das mir so schrecklich, so hoffnungsvernichtend erschien, wird mir dann verständlich werden und seinen Stachel verlieren, ja vielleicht sogar irgend einen geheimen Trostgrund enthalten."
"Gern, mein Freund," antwortete Vasitthi.
Sie ließen sich auf ihre Lotusrosen nieder, und Vasitthi setzte den Bericht ihrer Erlebnisse fort.
Als Satagira sein Ziel, mich als Frau zu besitzen, erreicht hatte, erkaltete seine Liebe schnell, um so mehr, als sie ja von meiner Seite keine Erwiderung fand. Ich hatte versprochen, ihm eine treue Gattin zu sein, und er wußte wohl, daß ich mein Versprechen halten würde. Mehr stand aber auch nicht in meiner Macht, selbst wenn ich es gewollt hätte.
Da ich ihm nur eine Tochter gebar, die schon im zweiten Jahre starb, wunderte sich niemand--und ich wahrlich am wenigsten--darüber, daß er sich eine zweite Frau nahm. Diese gebar ihm den erwünschten Sohn. Dadurch bekam sie die erste Stellung im Hause; auch verstand sie, seine Liebe, auf die ich so willig verzichtet hatte, auf geschickte Weise zu fesseln. Außerdem nahmen die Geschäfte meinen Gemahl immer mehr in Anspruch, denn er war nach dem Tode seines Vaters mit dessen Stellung betraut worden.
So gingen mehrere Jahre ruhig dahin, und ich vereinsamte mehr und mehr, was mir denn auch ganz recht war. Ich gab mich meiner Trauer hin, verkehrte mit meinen Erinnerungen und lebte in der Hoffnung auf ein Wiedersehen hier oben, eine Hoffnung, die mich ja auch nicht getäuscht hat.
Der Palast Satagiras lag an derselben Schlucht, aus der du so oft nach der "Terrasse der Sorgenlosen" hinaufgestiegen bist, aber an einer viel steileren Stelle, und hatte eine ganz ähnliche Terrasse wie mein Vaterhaus. Hier pflegte ich alle schönen Abende zuzubringen, ja in der heißen Zeit blieb ich dort oft die ganze Nacht, auf einem Ruhebett schlafend. Denn die Felswand der Schlucht, die noch dazu von hohem Mauerwerk gekrönt wurde, war so steil und glatt, daß gewiß kein Mensch an ihr hinaufklettern konnte.
Einmal in einer herrlichen, milden Mondnacht lag ich nun dort auf meinem Lager, ohne zu schlafen. Ich dachte an dich, und zwar an jenen ersten Abend unseres Zusammenseins; der Augenblick, wo ich mit Medini auf der marmornen Bank der Terrasse saß und eure Ankunft erwartete, stand mir so lebhaft vor der Seele, und ich dachte daran, wie sich dann plötzlich, noch bevor wir es hofften, deine Gestalt über den Mauerrand erhob--denn du warst ja in deinem ungestümen Eifer Somadatta zuvorgekommen.
In diese süßen Träume verloren, hatte ich unwillkürlich meinen Blick auf der Brustwehr ruhen lassen, als plötzlich eine Gestalt sich über dieselbe erhob.
Ich war so überzeugt, daß nie und nimmer ein Mensch diese Stelle erklimmen könne, daß ich gar nicht daran zweifelte, dein Geist, von meiner Sehnsucht heraufbeschworen, käme, um mich zu trösten und um mir Kunde zu bringen von dem seligen Orte, wo du mich erwartetest.
Deshalb erschrak ich denn auch gar nicht, sondern stand auf und breitete die Arme gegen den Kommenden aus.
Wie nun aber dieser auf der Terrasse stand und sich mit raschen Schritten näherte, sah ich, daß seine Gestalt viel größer als die deine, ja sogar riesenhaft war, und ich merkte, daß ich den Geist Angulimalas vor mir hatte. Nun erschrak ich so heftig, daß ich mich am Kopfende der Ruhebank festhalten mußte, um nicht umzusinken.
"Wen hast du erwartet?" fragte der Furchtbare, an mich herantretend.
"Einen Geist, aber nicht den deinen," antwortete ich.
"Kamanitas Geist?"
Ich nickte.
"Als du jene Bewegung des Bewillkommnens machtest," fuhr er fort,--"fürchtete ich, daß du einen Liebhaber hättest, der dich des Nachts hier besuchte. Denn in dem Falle würdest du mir nicht helfen. Und ich habe deine Hilfe so nötig, wie du jetzt die meinige."
Bei diesen sonderbaren Worten wagte ich aufzublicken, und nun schien es mir, daß ich keinen Geist, sondern ein Wesen aus Fleisch und Blut vor mir habe. Aber der Mond stand hinter ihm, und geblendet von seinen Strahlen und vom Schrecken verwirrt, konnte ich nur die mächtigen Umrisse einer Gestalt sehen, die wohl auch einem Dämon angehören konnten.
"Ich bin nicht der Geist Angulimalas," sagte er, meinen Zweifel erratend, "ich bin er selber, ein Mensch wie du."
Ich fing heftig zu zittern an, nicht vor Angst, sondern, weil ich dem Menschen gegenüberstand, der meinen Geliebten grausam ermordet hatte.
"Fürchte dich nicht, edle Frau!" fuhr er fort--"du hast von mir nichts zu befürchten; bist du doch der einzige Mensch, vor dem ich selber mich gefürchtet habe, und dem ich, wie du so richtig sagtest, nicht in die Augen sehen durfte, weil ich dich betrog."
"Du betrogst mich?" rief ich, und kaum weiß ich, ob in meiner Seele Freude aufstieg, geweckt durch die Hoffnung, mein Geliebter sei noch am Leben, oder ob noch größere Verzweiflung mich bei dem Gedanken ergriff, daß ich mich hatte verleiten lassen, mich von dem Lebenden zu trennen.
"Ich tat es," antwortete er, "und deshalb sind wir aufeinander angewiesen. Denn wir haben beide etwas zu rächen und an demselben Mann: an Satagira!"
Mit dem Anstand eines Fürsten machte dieser Räuber eine Handbewegung, mit der er mich aufforderte, mich zu setzen, als ob er mir viel zu sagen hätte. Ich, die ich mich nur noch mit Mühe aufrechthalten konnte, ließ mich willenlos auf die Bank niedersinken, und staunte ihn an, atemlos begierig auf seine nächsten Worte, die mich über das Schicksal des Geliebten aufklären mußten.
"Kamanita mit seiner Karawane," fuhr er fort--"fiel mir in der Waldgegend Vedisas in die Hände. Er verteidigte sich tapfer, wurde aber unverwundet gefangen genommen, und als das Lösegeld zur rechten Zeit eintraf, unbehelligt nach Hause geschickt. Wohlbehalten kam er in Ujjeni an."
Bei dieser Nachricht entrang sich ein tiefer Seufzer meiner Brust. Ich empfand in diesem Augenblick nur Freude darüber, den Geliebten unter den Lebenden zu wissen, so töricht dies Gefühl auch war. Denn durch das Leben war er mir noch mehr als durch den Tod entfernt.
"Als ich in Satagiras Gewalt fiel," fuhr Angulimala fort, "erkannte dieser sofort die kristallene Kette mit dem Tieraugen-Amulett an meinem Halse, als dieselbe, die Kamanita angehört hatte. Am folgenden Abend kam er allein in mein Gefängnis und versprach mir, zu meinem größten Erstaunen, mir die Freiheit zu schenken, wenn ich vor einem Mädchen beschwören wollte, daß ich Kamanita umgebracht habe. 'Dein Eid allein,' sagte er, 'würde sie freilich nicht überzeugen, aber einem 'Wahrheitsakte' muß sie glauben.'--Er erklärte mir jetzt, ich sollte in der ersten Stunde der Nacht auf eine Terrasse geführt werden, wo das Mädchen sich aufhalten werde. Er wollte dafür sorgen, daß die Fesseln durchfeilt wären, so daß ich sie unschwer sprengen könne, worauf es dann ein leichtes für mich sei, mich über die Brustwehr zu schwingen, in die Schlucht hinabzusteigen und derselben abwärts folgend zu entfliehen, da sie schließlich in eine enge Rinne ausmünde, durch die ein kleiner Bach unter der Stadtmauer sich in die Ganga ergösse. Mit einem feierlichen Eide schwor er mir zu, mich an der Flucht aus Kosambi nicht hindern zu wollen.
Zwar traute ich ihm nicht allzusehr, aber ich sah keinen anderen Ausweg. Einen ganz falschen Wahrheitsakt zu begeben, dazu hätte mich allerdings nichts verleiten können, denn ich hätte ja dadurch das furchtbarste Zorngericht der beleidigten Göttin auf mich geladen. Aber ich erkannte sofort, wie ich meinen Schwur so einrichten könnte, daß ich nicht mit klaren Worten eine Unwahrheit sagte, während dennoch ein jeder heraushören würde, daß ich Kamanita getötet habe: und ich vertraute darauf, daß Kali, die an allen Schlauheiten Gefallen findet, mir wegen dieses Kraftstückes mit aller Macht beistehen und mich heil durch die Gefahren führen würde, die ein Verrat Satagiras mir bereiten möchte.
Alles ging nun in der Tat, wie es zwischen uns verabredet war, und du selber hast gesehen, wie ich die eisernen Ketten sprengte. Noch heute weiß ich aber nicht, ob Satagira Wort gehalten und die Ketten hat durchfeilen lassen, wie er es mir versprochen hatte, oder ob mir Kali durch ein Wunder half. Doch glaube ich eher das erstere. Denn kaum war ich einige Klafter in die Ganga hinausgeschwommen, so wurde ich von einem Boote voll Bewaffneter überfallen. Auf diesen Hinterhalt hatte er also vertraut. Hier aber zeigte es sich, was die Hilfe Kalis wert ist: denn obwohl die an meinen Handgelenken hängenden Kettenstücke meine einzigen Waffen waren, gelang es mir doch, alle Krieger totzuschlagen, und auf dem während des Kampfes gekenterten Boote erreichte ich glücklich das sichere nördliche Ufer; freilich nicht ohne so viele und tiefe Wunden davonzutragen, daß ein ganzes Jahr verging, bevor ich mich davon erholt hatte. In dieser Zeit habe ich aber oft genug geschworen, daß Satagira mir dies büßen solle. Und nun ist die Zeit dazu gekommen."
In meiner Seele wütete ein Sturm von Entrüstung über diesen an mir verübten, unerhörten Betrug. Ich konnte es dem Räuber nicht verdenken, daß er durch dies Mittel sein Leben gerettet hatte, und da er seine Hände nicht mit dem Blute meines Geliebten befleckt hatte, vergaß ich in diesem Augenblick, wieviel anderes unschuldiges Blut aber an ihnen klebte, und empfand weder Schreck noch Abscheu vor diesem Manne, der mir die Botschaft gebracht hatte, daß mein Kamanita noch auf dieser Erde wanderte wie ich selber. Aber ein bitterer Haß erhob sich in mir gegen ihn, der schuld daran war, daß wir beide getrennt unsere Erdenwanderung zu Ende führen mußten, und die Drohung Angulimalas gegen sein Leben vernahm ich mit einer unwillkürlichen Freude, die wohl in meinem Oesichtsausdrucke zu lesen war.
Denn mit erregter, leidenschaftlicher Stimme fuhr Angulimala fort:
"Ich sehe, hohe Frau! daß deine edle Seele nach Rache dürstet, und die soll dir auch bald werden. Deshalb bin ich ja hierher gekommen. Schon viele Wochen habe ich hier vor Kosambi auf Satagira gelauert. Endlich habe ich jetzt aus sicherer Quelle in Erfahrung gebracht, daß er in diesen Tagen die Stadt verlassen wird, um sich nach den östlichen Gauen zu begeben, wo ein zwischen zwei Dörfern schwebender Rechtsstreit zu schlichten ist. Ehe ich davon wußte, war mein ursprünglicher Plan, ihn zu zwingen, einen Ausfall gegen mich zu machen, um mich wieder gefangen zu nehmen; diese seine Reise macht es mir aber noch bequemer. Freilich habe ich infolge meiner ersten Absicht kein Geheimnis aus meiner Anwesenheit gemacht, sondern meine Taten für mich sprechen lassen, und das Gerücht von meinem Wiedererscheinen ist längst verbreitet. Obwohl die meisten glauben, daß irgend ein Betrüger erstanden ist und sich für Angulimala ausgibt, so hat doch die Furcht schon so sehr um sich gegriffen, daß nur größere und gut bewaffnete Züge sich in die bewaldete östliche Gegend, wo ich hause, hinauswagen. Du scheinst freilich davon nichts gehört zu haben, weil du eben als eine um ihr Lebensglück betrogene Frau allein mit deiner Trauer verkehrst."
"Ich habe wohl von einer dreisten Räuberbande vernommen," sagte ich, "aber deinen Namen noch nicht nennen gehört, weshalb ich auch glaubte, deinen Geist zu sehen."
"Satagira aber hat mich nennen gehört," fuhr der Räuber fort, "verlasse dich darauf, und da er guten Grund hat, zu glauben, daß es der richtige Angulimala ist und noch besseren Grund, diesen zu fürchten, so ist anzunehmen, daß er nicht nur unter starker Bedeckung reisen, sondern auch noch andere Vorsichtsmaßregeln treffen und sich vieler auf Täuschung berechneter Schliche bedienen wird. Indessen, obschon die Bande, über die ich gebiete, nicht sehr groß ist, soll weder das eine noch das andere ihm helfen, wenn ich nur mit Sicherheit weiß, zu welcher Stunde er auszieht und welchen Weg er einschlägt. Und dies ist es, was ich durch dich zu erfahren hoffe."
Wenn ich auch bis jetzt stumm und gleichsam in einen Bann geschlagen seiner Erklärung gelauscht hatte, ohne zu bedenken, wieviel ich mir schon dadurch vergab, so stand ich doch bei dieser Zumutung entrüstet auf und fragte ihn, was ihm wohl berechtige, zu glauben, daß ich tief genug gesunken wäre, um einen Dieb und Räuber zum Bundesgenossen zu nehmen.
"Bei einem Bundesgenossen," erwiderte Angulimala ruhig, "ist die Hauptsache, daß er zuverlässig ist, und du fühlst wohl, daß du dich in dieser Sache ganz auf mich verlassen kannst. Auch brauche ich deine Hilfe, denn nur durch sie kann ich das, was ich wünsche, mit Sicherheit erfahren. Wohl habe ich eine sonst gute Quelle für Nachrichten, durch die ich eben auch von der bevorstehenden Reise Satagiras weiß; aber wenn er vorsichtshalber ein falsches Gerücht verbreitet, so kann auch sie getrübt werden. Du aber bedarfst meiner, weil eine stolze und edle Seele in einem Fall wie dem deinigen nur durch den Tod des Verräters Genugtuung findet. Wärest du ein Mann, dann würdest du ihn selber töten; da du eine Frau bist, brauchst du dazu meines Armes."
Ich wollte ihn heftig abweisen, aber er gab mir mit einer so würdigen Handbewegung zu verstehen, er habe noch nicht Alles gesagt, daß ich gegen meinen Willen schwieg.
"Dies, edle Frau," fuhr er fort, "ist die Rache. Aber es gibt noch ein Anderes, Wichtigeres. Für dich: das künftige Glück zu ergreifen; für mich: Vergangenes zu sühnen. Mit Recht sagt man ja von mir, daß ich grausam sei, ohne Mitleid gegen Mensch und Tier. Ja, ich habe tausend Taten vollbracht, für deren jede man hundert oder tausend Jahre in einer Erzhölle büßen muß, wie die Priester lehren. Zwar hatte ich einen gelehrten und weisen Freund, Vajacravas, den das Volk jetzt sogar als einen Heiligen verehrt, und an dessen Grab ich auch reichlich geopfert habe: der hat uns oft bewiesen, daß es solche Höllenstrafen nicht gebe, und daß der Räuber im Gegenteil das brahmandurchdrungenste Wesen und die Krone der Schöpfung sei. Doch hat er mich nie so recht davon überzeugen können....
Sei dem nun, wie es wolle. Ob es Höllenstrafen gibt oder nicht:--gewiß ist es, daß von allen meinen Taten nur eine mir schwer auf dem Herzen liegt, und zwar die, daß ich mit meinem schlauen Wahrheitsakt dich betrogen habe. Schon damals durfte ich dir nicht ins Gesicht sehen, und die Erinnerung an jene Stunde sitzt mir noch immer wie ein Dorn im Fleische. Nun wohl, was ich damals gegen dich verbrach, möchte ich jetzt wieder gut machen, soweit es noch möglich ist; die bösen Folgen möchte ich vernichten. Du wurdest durch meine Schuld von dem tot geglaubten Kamanita getrennt und an diesen falschen Satagira gebunden. Diese Fessel will ich dir nun abnehmen, so daß du wieder frei bist, dich mit dem Geliebten zu verbinden; und ich selber will nach Ujjeni gehen und ihn heil und sicher herbringen. Nun tue du das deinige, ich werde das meinige tun. Für eine schöne Frau ist es ja nicht schwer, dem Gemahl ein Geheimnis zu entlocken. Morgen, sobald es dunkel ist, komme ich hierher, um mir den Bescheid von dir zu holen."
Er verbeugte sich tief, und bevor es mir in meiner Verwirrung und Bestürzung möglich war, ein Wort hervorzubringen, war er so plötzlich von der Terrasse verschwunden, wie er erschienen war.