Platberg's Befreiung aus dem Schlamme des Vaal.
[Platberg's Befreiung aus dem Schlamme des Vaal.]

Wir brachen noch am selben Abende auf und fuhren eine steinige Höhe hinan, auf der oben eine, dicht von jauchzenden, d.h. betrunkenen Korauna's umlagerte Cantine stand. Der wiederholte Zuruf »Wach mit det wagon, Wach« machte uns stutzig und bewog mich, anhalten zu lassen. Es dauerte nicht lange und von rechts und links erschien ein durch das Nachlaufen, doch auch von einem nicht zu seltenen Genusse des gambrinischen Gebräues geröthetes Gesicht; das plötzliche Emportauchen der zwei fleischigen mit mehreren dunklen Punkten und Stellen markirten Gesichter war von einem mit heftigen Athembewegungen und Hustenausbrüchen unterbrochenen Redeschwall begleitet. Von der einen Seite klang es holländisch, von der andern englisch, was wollten eigentlich die beiden Kerle? Pit war der erste, der die anscheinend hochtönenden in Wahrheit aber unverständlichen Phrasen aufzufassen vermochte. Der eine war der Sheriff (Polizeibeamte), der zweite ein Policeman, die »Herren« kamen nachgelaufen, um 10 Shillinge Schadenersatz für den Mann zu fordern, dessen Grund und Boden unsere Zugthiere während unseres Aufenthaltes bei Klipdrift so schrecklich zugerichtet haben sollten. Ich müsse die 10 Shillinge begleichen, sonst würden sie mich nicht einen Schritt weiterziehen lassen. Obwohl ich mir bewußt war, daß die beiden übereifrigen Diener der Gerechtigkeit eine plumpe Finte gebrauchten, willfahrte ich ihren Forderungen; wir hatten ihnen kaum den Rücken gekehrt, als F., den das Schicksal der 10 Shillinge beunruhigte, uns aufmerksam machte, daß die beiden Gehilfen der heiligen Hermandad in der Cantine verschwunden waren, um hochstwahrscheinlich auf das Wohl des durch unsere Thiere geschädigten Grundherrn ein Gläschen Brandy zu leeren.

Grasbrand auf der Hochebene.
[Grasbrand auf der Hochebene.]

Wir fuhren bis spät in die Nacht hinein, wobei wir uns von dem zur Rechten nach Südsüdosten einen Bogen beschreibenden Vaalflusse entfernten. Die bereiste Gegend waren bebuschte, steinige Höhen, die oft von meilenlangen, ebenen Alluvialflächen gekrönt oder von solchen, allmälig gegen den Fluß abfallenden Strecken von einander getrennt waren. Zahlreiche Feuer an beiden Seiten wiesen auf Korannagehöfte hin, aus den näheren konnten wir das deutliche Geblöke der Böcklein und Ziegen hören. Diese Gehöfte schienen alle am Abhange der Höhen, gewöhnlich in einem Winkel, an vor Nord- und Nordwestwinden geschützten Stellen zu liegen. Wir begegneten noch zu solch' später Stunde zwei Halfcastmännern, die von der Transvaal-Republik nach Klipdrift wanderten und da sie uns auf zwei tiefe Regenschluchten, die wir bald zu durchschreiten gehabt hätten, aufmerksam machten, hielt ich es für das Gerathenste, nicht weiter die Götter zu versuchen, sondern hier unser Nachtlager aufzuschlagen. Bald loderte ein lustiges Feuer und prasselte und sang mit unseren aufthauenden Lebensgeistern, ja auf F. wirkte dieses und der duftende Mocca so mächtig ein, daß er sich während des Nachtimbisses feierlich erhob und den gefüllten Blechbecher hochhaltend, einen Toast auf die in Klipdrift weilenden Gerichtsmandarinen des 25. Ranges ausbrachte; in welchen die Runde, das Blaßgesicht wie der Schwarze einstimmte, daß die Becher hell in die stille Nacht hinein zusammenklangen.

Am 7. November blieb die Scenerie gleich der, die wir am Abend zuvor beobachtet, nur hatten wir darüber zu klagen, daß kein Wasser in der Nähe des Weges gefunden werden konnte, die mitgenommene Quantität war am Abend, Morgen und Mittag verbraucht worden und wir konnten früher denn am Flusse auf keines hoffen.

Gegen 4 Uhr langten wir in Hebron an, wo wir uns jedoch nicht aufhielten, sondern blos durchfuhren, um noch bei Tage zu der Stelle zu gelangen, wo ich den Hebron-Christiana-Weg verlassen und querfeldein nach Gassibone zu einhalten wollte. Seit den wenigen Monaten, die während meines ersten Besuches des Ortes verflossen, waren die Ueberreste der einst blühenden Stadt noch mehr zusammengeschmolzen. Der schlechte Zustand des Weges gebot uns bald Halt. Ein junger Batlapine, dem wir begegneten, offerirte sich uns am nächsten Morgen als Führer. Gegen Mittag hielten wir unter dem Schatten eines breitkronigen Mimosenbaumes unsere gewohnte Siesta und schlugen endlich, nach mehrstündigem Marsche unser Nachtlager mitten auf der Hochebene auf.

Es war eine herrliche, eigentümlich anmuthende Scenerie, die sich uns hier bot. Nach Süden und Westen umrahmten die Hebroner Höhen und ihre dunklen von Purpurschimmer übergossenen Ausläufer den Horizont, der nach Norden und Osten die unabsehbare Ebene in wunderbar dunkler Färbung überlagerte, und ein sicherer Vorbote einer, wenn wolkenfreien, so überaus schönen südafrikanischen Nacht war. Ein leiser Windhauch bewegte um uns das blumenreiche, hie und da von dunkelgrünen, gruppenweise zusammenstehenden Büschen überschattete Gras, dessen Keime der Wind gesäet, das flüchtige Wild in den Boden gebettet und das im Sommer die unabsehbare Ebene mit einem grünen duftenden Teppich überzieht und im Winter kaum je von weichem flockigen Schnee gedeckt wird,—nur die gelblich-braune Färbung der Halme läßt uns erkennen, daß die Sonne dem Norden zulächelt. Bald züngelt es überall unter und zwischen dem dicht übereinander gelagerten trockenen Gezweige und die Flämmchen zu einer Flamme sich vereinigend, streben nach einer Seite hin—nach Nordnordost. Ob etwa nach der trauten Heimat zu? Der leise Abendwind, der sie angefacht, eilt heute nach jener mir liebsten, nach jener gesuchten Richtung hin, nach welcher so oft unwillkürlich das Auge in banger Sehnsucht schweift. Das Feuer, die Ebene, Gassibone's Land, Afrika, sind vergessen, das Ohr hört nur zeitweilig menschliche Laute, Laute, die der Gedanke sofort mit der fernen Heimat verknüpft. Ein schwarzer, vor dem mein Auge blendenden Feuer vorbeihuschender Schatten—es war der unseres jungen Führers—gibt mich der Gegenwart zurück. Es war ein friedlicher Abend, ihm folgte eine friedliche Nacht, ein Gegensatz zu der letzten, eine gute Rast, gleichsam eine Stärkung für das, was uns Ahnungslose am nächsten Tage erwartete.

Die Zugthiere, die etwas abseits grasten, kamen von selbst herbeigelaufen und lagerten sich in des Wagens Nähe, während wir unsere Decken in das duftende Gras werfend, weich gebettet, und überwoben von den überhängenden zarten Stengeln, Rispen und Blüthen, bald in den wohlverdienten Schlummer fielen. Zeitlich machten wir uns nächsten Morgens auf den Weg. Nach des Führers Worten schätzte ich die Entfernung bis zur Stadt des Batlapinenkönigs auf 35 englische Meilen; was uns jedoch etwas erschreckte, war, daß der Führer die Wassernoth der zu bereisenden Gegend eingestand. Wir mußten uns auch den Tag über damit begnügen, Wasser für das Mittagsmahl gefunden zu haben, ein Labetrunk blieb ein unerreichbarer Wunsch.

Oft bei Nord-Richtung verfolgend zogen wir bald weiter und mußten wohl den von unserem Führer bezeichneten, monatelang Regen entbehrenden Strich erreicht haben, denn je weiter wir zogen, desto gelblicher und trockener wurde das Gras. Trotz des vorgeschrittenen Frühlings konnten wir anfangs nur wenig, weiterhin gar keine neu aufgesprossenen Halme sehen, nur selten gewahrte das Auge die erste, doch in Folge der Dürre schon halb vertrocknete Blattanlage der Amarillys.

Wir zogen allmälig bergaufwärts auf eine kleine Plateauhöhe; je höher wir kamen, desto seltener wurden die Büsche, desto dürrer die ganze Vegetation. Aus Nordwest erhob sich ein ziemlich starker Wind, der sausend durch die hohen Grasstengel fuhr, daß sich diese wie ein Saatfeld bogen und hoben, und der uns höchst willkommen war, denn er linderte die große Hitze und kühlte unsere brennenden Lippen. Die Zugthiere, die 30 Stunden zuvor zum letzen Male getrunken hatten, kamen nur sehr langsam vorwärts, wir konnten sie auch nicht in solcher Hitze antreiben, da es bergan ging; seit zwei Stunden folgten wir einem Fußpfade und unser Führer meinte, daß wir, auf dem höchsten Punkte des Plateau's angelangt, uns etwas nach rechts wenden müßten (West bei Nord) und da auf Wagenspuren stoßen würden, da der Morena (König) zuweilen jene Strecke mit Wägen befahren lasse—um Holz nach den Diamantenfeldern zu bringen. Wenn wir dann ohne zu halten bis in die Nacht den Spuren nach links folgten, würden wir zu den erwähnten Eingebornenhütten kommen. Das war für uns halb Verdurstete eine trostlose Aussicht.

Während einer kurzen Rast am Abhange des Hochplateau's wurden wir auf eine dunkle, lange Zeit hindurch gleichsam unmittelbar über dem Plateau schwebende Wolke aufmerksam, die von meinem Diener, von dem gemietheten Führer, wie auch von uns allen als ein riesiger Heuschreckenschwarm angesehen wurde. Am Rande der Hochebene angelangt, schreckte mich plötzlich ein von den Gefährten im Wagen ausgestoßener Schrei aus meinen Träumereien.—Ein Anblick, der mir und meinen Freunden einen Schrei des Entsetzens entlockte, bot sich uns.—Die vor uns liegende, mit hohem, trockenem Gras und Gebüsch bedeckte Ebene, die wir durchziehen sollten, war ein Flammenmeer. Der Brand kreuzte unsere Wegrichtung und war 5-6 englische Meilen weit entfernt, die graue Wolke, die wir eine Stunde zuvor erblickt, waren die aufsteigenden, nach Ostsüdost getriebenen, dichten Rauchmassen. Der erste, der sich erholte, war der dunkle Führer, der uns auf die kaum 20 Schritte entfernten Wagenspuren aufmerksam machte, welche nach seiner Beschreibung mitten durch das Feuer führten. Wir hatten uns auf 600 Schritte dem Feuer genähert, das nach rechts bis an einem sozusagen parallel mit denselben laufenden Höhenzuge reichte, das Land war nach dieser Richtung hin eben; nach links senkte sich das Plateau nach der rechten Feuerflanke in eine etwa 300 Schritte breite Mulde, an deren Ende das Feuer eben zu nagen begann; diese Mulde lag im Hochplateau und war nach links von einem nach Norden felsig und steil abfallenden, etwas bebuschten, etwa 40 Fuß hohen Hügel begrenzt, der zugleich den nördlichen Abfall der Plateau-Erhebung bildete, die wir eben erreicht hatten. Was war zu thun! Rasches, sofortiges Handeln war nöthig. Wir mußten dem Feuer zu entkommen, und unsere schreckliche Wassernoth berücksichtigend, deßungeachtet vorwärts nach dem Wasser zu gelangen trachten. Die Zugthiere waren auch zu müde, um einen sofortigen Rückzug nach Süden oder Osten nach dem Vaalflusse zu nehmen, nach Osten war es auch wegen dem rasch vorwärts schreitenden Feuer nicht möglich, um so weniger, da die Zugthiere eine Hetzjagd durch das Gras wohl auf eine Meile, allein kaum auf 10 oder 15 Meilen aushalten konnten, und eine solche wäre nach Osten unvermeidlich gewesen.

Es blieb nichts übrig als vorwärts zu kommen; ja, vorwärts, allein wie, um dem Feuer auszuweichen, vom rasenden Elemente verschont zu werden? Das Gras um uns abzubrennen und so das Feuer zu erwarten war unmöglich, weil wir nebst einigen tausend Patronen 300 Pfund Schießpulver am Wagen hatten, unmöglich, weil die Wagenleinwand und das Holz durch die sengende Sonnenhitze erhitzt, kaum das Anlegen der Hand gestattete und von den vom Winde fortgetragenen brennenden Zweigen und glühenden Blättern leicht in Brand hätte gesetzt werden können und wir wohl Spiritus und Branntwein, aber kein Wasser mit uns führten. Mein Blick blieb an dem Hügel zur Linken hasten, wäre es möglich, da unten in der Schlucht durchzukommen?—Bis jetzt schien das Feuer etwa 300 Schritte von dem Hügel entfernt, doch es näherte sich uns wie dem Hügel, wenn auch dem letzteren, weil dieser etwas aus der Windrichtung lag, weniger schnell. Ja, wenn wir nur mit dem Wagen schon an dem Hügel in dem noch freien Zwischenraume angelangt wären, und so das Feuer, das etwa 100 Schritte breit war, umfahren hätten können.

Hinter dem Feuermeere breitete sich eine meilenweite, schwarze Fläche, das abgebrannte Feld, aus, über welche hie und da Flammen, die Ueberreste eines brennenden Busches aufflackerten. Meine den Gefährten mitgetheilte Ansicht fand einstimmigen Beifall. Der dunkle Diener begriff es »a Bass sol dun« und der Blick seines dunklen Auges zeigte, daß er sein Bestes thun wolle, um die Zugthiere in der angegebenen Richtung zu führen und in derselben zu halten.

Nun erst, nachdem ich mich auf mein Pferd geschwungen hatte, ließ ich meinen Blick über die Strecke schweifen, die wir zu durchfahren, nein,—zu durchfliegen hatten. Ich konnte mich eines Ausrufs nicht enthalten, denn die circa 1000 Schritt messende Entfernung (bis an den Hügel) war ein mäßiger, in den unteren Partien etwas steiler, mit niedrigen Büschen und Gras bewachsener, und mit Felsblöcken übersäeter Abhang; wie, wenn ein Rad bei dem raschen Fahren an einem der braunen Steine zerschellen würde?—Doch ich hatte keine Zeit zum Denken, meine Gefährten hatten ihre Posten eingenommen, Boly schwang die Peitsche und gab mit dem gebräuchlichen »Fat an« das Zeichen zur schleunigen Flucht—dem Feuer entgegen, um dem Feuer zu entrinnen.

Durch das Geschrei, Hiebe mit Peitsche und Aesten, doch auch durch den grauenhaften Anblick der Feuerwoge zur Rechten angetrieben, der wir mit jedem Schritte näher kamen, jagten die Ochsen mit ihrer Last, wie mit einem leeren Karren dahin. Oft wähnte ich, daß der Wagen schon auf der Seite liege, so hoch kam zuweilen ein Rad auf einen der Felsenblöcke, während die beiden Vorderräder im nächsten Momente gegen das Gestein so heftig anfuhren, daß die Stangenthiere durch den Anprall niedergeworfen wurden. Die Hitze wurde unerträglich, da wir noch immer den Wind gegen uns hatten, das Prasseln des trockenen Grases und der Büsche, von denen jedoch die meisten grünten, erfüllte die mit dichtem Qualm und brennenden Grasstengeln, Aestchen, Blättern etc. geschwängerte Luft mit einem sinnebetäubenden Getöse; das Pferd, das ich auf dieser Reise ritt, war kein scheues Thier, allein der Anblick zu seiner Rechten machte es wild und unbändig, daß ich es kaum bemeistern konnte.

Doch wir rasten weiter. Mehrmals stolperte mein Reitthier an Felsen und fiel gegen Büsche an, denn ich mußte die Wagenleinwand im Auge behalten, um etwaige, sich da ansetzende Brandstücke rasch zu beseitigen und mußte auch noch Pit dem »Führer« und Boly dem »Lenker« die einzuschlagende Richtung angeben, um den größeren Blöcken vor uns, die ich von dem Pferde aus wahrnehmen konnte, auszuweichen. Das Schreien und das Antreiben der Ochsen, welche dichte Schaumflocken abgeiferten, das Laufen über Stock und Stein, durch die brennende Tageshitze und die Gluth der nahen Flamme, hatte meine Gefährten im höchsten Grade abgehetzt; als wir endlich die Niederung erreichten, mußten wir einige Minuten Athem schöpfen, alle hatten sich mehr oder minder im Gesicht und an den Händen verwundet, waren unzählige Male gestolpert und gefallen.

In der Niederung angelangt, fanden wir, daß das Feuer sich bereits auf 100 Schritte der Anhöhe genähert hatte, während 200 Schritte weiter ab es über 100 Schritte von ihr entfernt, zu erlöschen begann, es war hier durch eine trockene Regenschlucht gehemmt, während es nach uns zu eine sehr seichte Stelle derselben, über die wir ohne Mühe gesetzt, durchgezüngelt hatte. Mein Pferd zitterte, daß es sich kaum auf den Beinen erhalten konnte und die Ochsen »bliesen« (athmeten) schwer mit zur Erde gesenkten Köpfen und doch hatten wir noch die schwierigste Aufgabe zu lösen, wir mußten, nur 30 Schritte vom Feuer entfernt, etwa 100 Schritte neben dem Brande zurücklegen, bevor wir nach links abbiegen konnten. So kurz auch die Strecke war, die wir zurückzulegen hatten, sie drohte uns sicherer Verderben zu bringen als jene, die wir von den felsigen Höhen herabgestürmt hatten. Ein zwischen mir und dem Feuer kaum 15 Schritte vom Wagen entfernter, durch einen brennenden Zweig in Flammen gesetzter, trockener Vaalbusch wurde uns zum zweiten Losungswort dieser Hetzjagd.

»Halloh an,« die Zugthiere legten sich in's Joch, doch nach kaum fünf Schritten, drängen sie von dem dichten Qualm betäubt, nach dem Felsenhügel, wobei sie den Wagen unwiderruflich umwerfen mußten. In diesem kritischen Momente setzt der neben ihnen an meiner Seite laufende Genosse auf die andere, die Hügelseite über, wo es ihm, den übrigen Genossen und dem dunklen Führer gelingt, durch Schlagen und Schreien die Thiere wieder auf die ebene Fläche herabzudrängen. Schlagt zu, schreit, sonst sind wir verloren und fliegen in die Luft! Und nun ging es durch den dichten Qualm, dicht herabnieselnde, von dem Winde aufgewirbelte Asche, durch brennende Grashalme, Rindenstücke, glühende und brennende Zweige—als wären wir bis auf das Gefühl der Selbsterhaltung sinnlos geworden—mitten durch das Verderben vorwärts, um jene freiere, nur noch 80, 70, ja nur noch 50 Schritte entfernte, uns Rettung verheißende Stelle zu erreichen. Die Hize wurde so furchtbar, daß ich jeden Moment die Wagenleinwand aufflackern zu sehen wähnte.

Nur noch 20 Schritte—ob es die Zugthiere nur aushalten, sie keuchen und wanken im Joche!—Endlich, Gottlob, da sind wir, zu unserer Linken ein freies Grasfeld, zu unserer Rechten die etwa 10 Fuß tiefe und 12 Fuß breite Schlucht und darüber hinaus das schwarz verkohlte Gras. Ich springe aus dem Sattel, nehme ihn rasch ab und lenke meine Schritte zu den Gefährten, die sich in's Gras geworfen hatten. Sie konnten kaum ein Wort hervorbringen. Ihre Gesichter sind blutroth, die Hände, von den knorrigen Aesten und dem häufigen Fall blutig geritzt und geschunden, die Augen drohen aus den Höhlen zu springen. Pit's Kleider, der mit den Frontochsen zuerst die Hindernisse (Büsche etc.) zu bewältigen hatte, sogar sein Hemd war in Fetzen zerrissen, vom Rücken und von der Brust tröpfelte Blut aus langen, doch glücklicher Weise nicht tiefen Rißwunden.

Weiterziehend, trachteten wir, uns einen Anhang hinaufbewegend, die quer durch das Feuer nach Gassibone's Stadt führenden Wagenspuren wieder zu erreichen, was uns wohl gelang, obgleich wir der müden Thiere halber jede 200 Schritt stehen bleiben mußten. Wir folgten den Wagenspuren in nördlicher Richtung über ein ebenes Land, was den armen Zugthieren wesentliche Erleichterung bot. Der Abend war inzwischen eingetreten. Ein entsetzlicher Durst quälte uns, wir nahmen zum Essig unsere Zuflucht und netzten damit die Lippen. Ein Ausruf Pits, der voranschritt, riß uns alle aus dem dumpfen Hinbrüten. »Bass, kick (sieh) da so sin (sind) ye det Hartebeeste?« Wir alle beugten uns vor, ja, richtig, der Junge hat ein gutes Auge. Quer über unsere Richtung, einige 300 Schritte vor uns, trappten drei Hartebeest-Antilopen an uns vorüber. Doch wir waren zu abgehetzt, zu müde, um ihnen mehr als unsere Blicke zu widmen.

In Afrika habe ich drei Hartebeest-Antilopenarten beobachtet, das gewöhnliche Hartebeest, das von der Colonie bis gegen den Zambesi, doch häufiger in den südlicheren und mittleren hochbebuschten Partien Süd-Afrika's gefunden wird, ferner das Sesephi oder Zulu-Hartebeest, welches dasselbe Terrain bewohnt, doch auch nördlich vom Zambesi angetroffen wird, woselbst ich auch die dritte Art vorfand, welche jedoch der ersten näher als der zweiten Species verwandt ist, indem sich die letzteren mehr dem Buntbock nähert. In Folge seines hammerförmigen Kopfes, sowie auch seiner winkelig gebogenen Hörner ist das eigentliche Hartebeest die häßlichste der Antilopenarten. Auf das Sesephi werde ich noch zurückkommen, dem eigentlichen Hartebeest will ich in Folgendem einige Worte widmen. Ich fand es am häufigsten zwischen dem Vaal und dem Soa-Salzsee, doch hörte ich, daß es auch im Osten und Nordosten der Transvaal-Colonie und im nördlichen Theile der Cap-Colonie häufig vorgefunden wird. Das Thier ist mehr als andere Antilopenarten ausgerottet und dies wohl, weil es weniger flüchtig und dreister als andere ist. Es lebt in kleineren Rudeln und wir finden es nicht selten in den von dem gestreiften Gnu bewohnten Gegenden. Daß es in dem nördlichen Theile des zentralen Süd-Afrika seltener als in den südlichen ist, hat wohl seinen Grund darin, daß es von den Bamanaquato's ob seines Felles anderem Wilde vorgezogen wird, und dies darum, weil sich der östliche Bamanaquato zu seiner kleinen Carosse, seinem Nationalmäntelchen, das Fell dieses Thieres gewählt hat.

In den bebuschten, doch weniger bewaldeten Gegenden jagt man es zu Pferde; verfolgt, zeigt das Thier einen schwerfälligen Lauf, der wohl in seinem hohen Vorderleib und Widerrist seinen Grund hat. Ich glaube, daß diese Species (Antilopa caama), obwohl die gemeinste von den drei genannten, doch zu den Seltenheiten in den europäischen Thiergärten gehört und daß die transzambesische Art gar nicht in denselben vorhanden ist. In den Wäldern wie im Lande der mittleren Betschuana's sucht man sich ihnen durch Bäume und Büsche gedeckt zu nähern, an solchen Stellen trachten die Thiere sich womöglich am Rande einer Lichtung oder in den weniger bebuschten Partien aufzuhalten, um eine bessere Rundschau halten zu können, während sie in den waldlosen Gegenden nur hoch und gruppenweise bebuschte Partien und im Allgemeinen die Ebene bewohnen. Von weißen Jägern werden sie meist nur neben anderem Wilde, Elephanten, Straußen etc. gejagt und erlegt.

Hartebeest-Gazellen.
[Hartebeest-Gazellen.]

Der entsetzliche Tag war zu Ende, unser Führer hatte Mühe, den durch den Brand mit Asche gefüllten und unkenntlich gewordenen Wagenspuren zu folgen und uns in der wahren Richtung nach der kleinen Niederlassung der Eingebornen zu bringen. Nicht blos die Lippen waren heiß, der ganze Mund schien uns wie verkohlt und die quälende Trockenheit war bis in den Schlund hinein zu fühlen. Wir sprachen nicht mehr und jeder suchte so still als möglich sein Leid zu tragen. Wir hatten auf die Kühle Nacht gehofft, doch diese war ausnahmsweise warm und selbst der Wind hatte aufgehört uns etwas Erfrischung zu spenden. Endlich vernahmen wir Hundegebell und bald darauf den monotonen Gesang der dunklen Mädchen, ein Himmelsgesang für unsere niedergedrückten Geister. Nie wieder mehr auf meinen späteren Wanderungen habe ich diese monotonen, diese einfachen, stets sich wiederholenden, mit Holzkastagnetten begleiteten Weisen der farbigen Mädchen mit solcher Wonne, mit solchem Nachhall in meinem Herzen begrüßt, wie an jenem Abend. Der Durst ist doch eines der schrecklichsten Gefühle, welche die menschliche Natur niederdrücken, abquälen können.

Kopf der Hartebeest-Gazelle. (Antilopa caama).
[Kopf der Hartebeest-Gazelle. (Antilopa caana).]

Endlich erblicken wir am Abhang zu unserer Linken und etwas vor uns einige rothleuchtende Stellen, welche auf ebenso viele Feuer hindeuteten; ich ließ den Wagen stehen, mit demselben Entschlusse hatten meine Gefährten und der Führer ein Gleiches gethan und wir alle eilten nach den menschlichen Wohnungen zu. Die Köter kamen nun herangeflogen, während das Singen verstummte und vor uns erschien eine dunkle Gestalt, ein Bewohner der Häuschen, nicht wenig überrascht, um diese Zeit und an diesem Orte einen Wagen vorbeifahren zu sehen. So wie ich den Menschen vor mir sah, stürzte ich auf ihn los, faßte ihn bei den Armen und schrie ihm mit meiner heiseren Stimme »Meci, Meci« zu. Der so Angefallene stieß einen Schrei aus, wohl den Warnungsruf, denn unser Führer konnte, von einem Lachkrampf darob erfaßt, gar nicht zu Worte kommen. In einem großen Ochsenhorn brachte der Mann nach einiger Zeit eine übelriechende Flüssigkeit, die er als seinen ganzen Wasservorrath bezeichnete und für deren Ueberlassung er eine halbe Krone forderte. Weder die Menge noch die Qualität dieser Flüssigkeit waren jedoch hinreichend, um den heftigsten Durst zu löschen. Es gelang uns endlich, unsere Wünsche dem Manne verständlich zu machen und in kurzer Zeit darauf brachte er und zwei Frauen mehrere große Töpfe mit Milch gefüllt, deren Inhalt von uns gierig verschlungen wurde. Nun galt es auch den Hunger zu stillen und bald loderte ein großes Feuer, an dem eine Hammelkeule briet.

Der Steppenbrand bildete natürlich das Hauptgespräch; im Süden stand noch immer eine hohe Röthe am Himmel, ein Beweis, daß das Feuer weiterschritt. Diese Brände werden zuweilen durch Unvorsichtigkeit verschuldet, doch in jenen Partien, wo Büsche und Bäume seltener sind, von Farmern oder von Eingebornen im Spätwinter angezündet und dies namentlich in trockenen Jahren, um, wie die Leute sagen, das Wachsthum des Grases zu befördern. Dasselbe thaten früher die Straußenjäger im Innern, um die Strauße, die das grün aufsprossende Gras mit Begierde aufsuchen, an solche Stellen zu locken. Diese Brände sind sehr oft in den von den niederen, kaum 18 Zoll hohen Büschen (Scap [Schaf-]büschen) bewachsenen Ebenen der Colonie und des Freistaates zu bemerken; auf etwa drei englische Meilen nahegekommen, sehen wir dann in dunklen Nächten einen oder mehrere gerade, längere oder kürzere »glühende Streifen« langsam über die Erde hinkriechen.

Am folgenden Morgen wieder aufbrechend fanden wir uns eine halbe Stunde später in dem schon zu einem Wege ausgefahrenen Wagenspuren, denen wir im März nach der Abreise von Gassibone gegen den Vaal-River zu gefolgt waren. Hier verabschiedete sich unser freundlicher Führer und wir fuhren bergab eine der Schluchten hinunter nach Gassibone's Residenz zu. Die Seiten (d.h. Abhänge) der durchfahrenen breiten, sich nur nach der Stadt gegen ihre Mündung zu verengenden Schlucht zeigten einen terrassenförmigen Abfall der Gebirgsschichten, die trotz des üppigen Graswuchses deutlich hervortraten; die ebenen Partien dieser Terrassen waren von der Natur mit Mimosenbäumchen bepflanzt worden und boten so einen, unseren auf Berglehnen angebauten Kirschbaumgärten nicht unähnlichen Anblick.

Gegen Mittag fuhren wir in Gassibone's Stadt ein, durchschritten dieselbe und lagerten unter einigen Bäumen, etwa in der Mitte des thalförmigen Kessels, unmittelbar an einer Regenschlucht. Der Boden des ganzen Kessels war ein üppiger Rasen, der, weil in der Tiefe liegend und durch die oben in einer Schlucht liegenden Quellen befeuchtet, sich in diesem Zustande erhielt. Pit trieb, von E. und F. gefolgt, die Ochsen nach den Quellen, allein sie fanden dieselben von mehr denn 20 Frauen umlagert und hatten über 1½ Stunden zu warten, bevor sie an die Reihe kamen.

Es ist staunenswerth, unter diesen östlichen mit den Bamairen gemengten Batlapinen so wenig Energie zu finden. Am Tage müssen in der trockenen Zeit die Farmer stundenlang auf ihren Wasserbedarf harren. Wenn man die Quellen ausreinigen und unterhalb derselben den feuchten, marschigen Boden ausgraben und einen Damm errichten würde, könnte man in der so gewonnenen Cisterne nicht allein hinreichendes Trinkwasser für die Bevölkerung von Gassibone's Residenz-Kraal, sondern auch in dem errichteten Teiche das nöthige Trinkwasser für eine große Anzahl von Hausthieren gewinnen.—Inzwischen war Gassibone selbst, von seinem Bruder und einigen Männern begleitet, herangekommen, die meisten in gewöhnliche graue Baumwollkleider gehüllt, einige noch trotz der Hitze mit überhängenden Carossen, um zu forschen, was wir in seiner Stadt begehrten. Ich ersuchte ihn, mir einen Ziegenbock zu verkaufen, da ich auf der zwischen dieser Stadt und jener Mankuruan's am Hart-River von Eingebornen häufig begangenen Strecke nicht allzuviel Wild anzutreffen glaubte.

Es würde das Ansehen Seiner königlichen Hoheit geschmälert haben, wenn er sofort eingewilligt hätte. Es wären keine—später meinte er—nur wenige Ziegen da, dann begehrte er ein Glas Branntwein, setzte sich auf unser Wasserfäßchen und begann den Verkauf der Ziege mit seinem Bruder und dem herum im Grase hockenden und an einigen Bäumen angelehnten Gefolge bis in's Detail zu ventiliren. Da sie die Setschuana sprachen, verstand ich sie nicht, vernahm jedoch unzählige Male ein und dasselbe Wort, welches ich später Pit mittheilte und das mir von diesem als Kalpater (Ziegenbock) verdolmetscht wurde. Endlich stand einer der Männer auf, kam auf mich zu, und meinte, indem er auf den Chef (König) hinwies, daß Morena Botlazitse Gassibone mir einen Bock für ein »half pund« überlassen wolle, ein Anbot, das ich sofort annahm. Seine Herrlichkeit geruhte mich noch mit einem längeren Gespräche zu beehren, nach dessen Beendigung wir unsere Reise fortsetzten.

Ersehnter Labetrunk.
[Ersehnter Labetrunk.]

Als wir durch eine der Stadt gegenüberliegende Schlucht die Höhe erreicht hatten, waren dunkle Wolken aufgestiegen, welche auf Sturm und den so heißersehnten Regen deuteten. Wir hielten Kriegsrath und da Pit meinte, daß der Sturm sicher auf uns heranzöge, spannten wir kaum drei englische Meilen von der Stadt entfernt aus.

Niger und Cobra.
[Niger und Cobra.]

Pit hatte richtig geurtheilt, die Wollen hatten sich zu dichten Massen aufgethürmt, welche näher und näher heranrückten und bevor eine Stunde verging, kam ein tüchtiges Sturzbad auf uns herabgeströmt. Was hätten wir tagszuvor für eine solche Wohlthat geboten! Es war einer der heftigsten, etwa zweistündigen Platzregen, die ich in Süd-Afrika beobachtet. Noch während des Regens kamen zwei halbnackte, einen höchst widerstrebenden Ziegenbock heranschleppende Batlapinen auf uns zu.

Gegen Sonnenuntergang, als die »schäumenden« Wasser abgeflossen, nur noch in dünnen Stränchen der erzürnten Fluth nacheilten, verließen wir den Abhang und zogen weiter. Derselbe führte durch ein nur stellenweise erweitertes Felsenthal, das zu unserer Linken dicht bebuscht war. Niger, der voran eilte, fing plötzlich in dem hohen Grase zur Rechten zu bellen an und schien dann etwas, was wir jedoch nicht sehen konnten, über den Weg zu verfolgen. Ich bemerkte, wie er nachsprang und dann stets wieder zurückfuhr, was mich nicht wenig befremdete. Wir hielten sofort an und eilten Niger nach. Er stand nun an dem, einen der riesigen Termitenbauten—eine hohe nach oben zu offene Röhre—umgebenden Dickicht und bellte die darin versteckte Beute heftig an, worin ihm nun unsere übrigen Köter treulich halfen. Unser Erstaunen war nicht gering, als wir eine über 7 Fuß lange, gelbliche Cobra capella, welche sich um die Röhre geschlungen und den Hund mit dick aufgeblasenem Halse laut anzischte, erblickten. Ein Dunstschuß machte ihr bald den Garaus und ich zog das Reptil aus dem Busche um es meiner Sammlung einzuverleiben.

Gegen Abend erreichten wir ein breites Thal, verließen hier das Hauptthal und wandten uns längs eines Felsenabhanges nach Norden, auf den uns als kürzest bezeichneten Weg nach Taung zu. Kaum einige Wagenlängen die neue Richtung verfolgend, drang von den mit Sykomoren bewachsenen sandigen Felsenzinnen ein vielstimmiges, wenn auch verschieden modulirtes, doch in der Mehrzahl im tiefen Bariton gebelltes »Cha-Cha«, der Ruf der Paviane zu uns herab; unsere Hunde antworteten und rannten gegen den Felsen an, während wir die flüchtigen, gelenkigen Affen im saftigen Grün der Sykomoren und im dürren Mimosendickicht verschwinden sahen; wir trachteten zwar, unsere Gewehre ergreifend, einen Vorsprung zu gewinnen, allein sahen bald das Nutzlose unserer Verfolgung ein und schlugen, zum Wagen zurückgekehrt, unser Nachtlager auf.

Ein kühler, frostiger, umwölkter Tag folgte. Wir überschritten einen Kessel; an einer der kahlen Berglehnen standen einige Batlapinenhütten. Es waren schon des neuen Herrschers Leute, Mankuruana's Unterthanen, die hier etwas Feld anbauten und in gewisser Hinsicht die Grenze gegen Gassibone's Heerden zu bewachen hatten.[1]

1 Siehe Anhang 11.

Wir kamen über einen Höhensattel in ein dichtbebuschtes Thal, dessen Abhänge mit mannigfachem Gebüsch bewachsen waren. Das Thal öffnete sich in einen andern weiten Kessel, der hunderte kleine, kaum 200 Schritt im Umfange zählende, aufgegrabene Grundstücke barg.

Nach einer 1½stündigen Fahrt durch diese öden Gefilde verließen wir den Kessel und einige Höhen überschreitend, sahen wir das Thal des centralen Hart-Riverlaufes vor uns liegen. Diese Höhen um Taung bilden ein förmliches Netz, und obgleich sie wohl kaum 800 Fuß über das Bett des Flusses emporragen, sind sie die höchsten des Hart-Riverthales und bieten manche recht anziehende Scenerie. Wir hatten den östlichen Abhang der Höhen, an die wir zuerst gekommen waren entlang zu fahren und dann uns nach Norden zu wenden, um zu der Furth zu gelangen; Taung, oder Mahuras-Town, wie es auch nach dem früheren Herrscher genannt wird, liegt am rechten Ufer des Flusses, etwas ab von dem Flusse im Schutze und am Abhange einiger Felsenhöhen. Der Fluß wälzte einen Schwall gelblichen Wassers durch sein stellenweise mit Schilfrohr durchwachsenes, doch auch sehr steiniges Bett. Dem Abhange der Höhen entlang fahrend erblickten wir unter uns ein Eingebornendorf am Abhange liegen, in dem es lebendig wurde, als man den Wagen bemerkt hatte. Es währte auch nicht lange, als sich eine der unangenehmsten Scenen vor uns entrollte, die ich in Afrika unter den Wilden beobachtet habe. Halbnackte, in schäbige Carossen und zerfetzte europäische Kleider gehüllte Männer, später auch nackte Kinder und nur mit kurzen schmutzigen Lederschürzen versehene Frauen kamen aus den Wohnungen heraus und auf uns zugestürzt. Die einen hielten uns leere, schwarze Flaschen, andere Töpfchen entgegen, während sie »Suppy«—»Bass, verkup Brandwen«—andere »Brandy, Brandy« schrieen. Die Einen hielten uns ein Schakal- oder Deukerfell, die anderen Ochsenriemen, Peitschen, Einer ein Joch, sein Nachbar hölzerne Löffel, ein Greis eine Holzschüssel entgegen, für welche Gegenstände sie Branntwein eintauschen wollten. Als wir auf all' dies wie auf eine Märchenscene herabschauten und ohne uns um die Halbnackten zu kümmern weiter fuhren, da stellten sie sich gegen den Wagen, ergriffen die Ochsen an den Hörnern und suchten sie zum Stillstehen zu bringen, was ihnen auch gelang.

»Wir haben keinen,« gaben wir allseitig als Antwort zurück. Da brachten Einzelne einige schmutzige Shillinge hervor und glaubten uns dadurch nachgiebiger zu stimmen. Inzwischen hatten einige ihren Frauen zugerufen und diese kamen mit Milchsäckchen, auch eine Ziege brachten zwei derselben geschleppt. Wir waren förmlich umlagert. Doch all' das Schreien, Gesticuliren und der Widerstand gegen unseren Weitermarsch nützte nichts. Ich gab nicht einen Tropfen des Feuerwassers her und es blieb ihnen nichts übrig, als Einer nach dem Andern abzutreten und uns ziehen zu lassen. Einige jedoch folgten uns bis zur Furth, sie dachten, hier würde ich ihnen, abseits von ihren Genossen, ihren Willen thun und boten mir fünf Shillinge für eine Flasche, doch vergeblich.

Wir alle waren froh, nach einem so anstrengenden, unangenehmen Marsche endlich auf einige Stunden rasten zu können. Der Fluß war an der Drift etwa 60 Schritte breit, zeigte eine einzige steinige Insel in der Mitte, so daß wir gleichsam zwei Arme zu überschreiten hatten, die Strömung war jedoch so bedeutend, daß meine Gefährten zu warten vorschlugen. Ich konnte jedoch ihre Ansicht nicht theilen. Kaum einen Büchsenschuß von uns entfernt, im Schatten eines großen Cameeldornbaumes, stand ein Wagen und zwei Zelte, wie wir sehen konnten, von einer weißen Familie bewohnt, daneben mehrere alte, gebrechliche Wägen und ringsherum lag Schmiedematerial. Die Stadt war durch den Aufenthalt zweier Schmiede beglückt, von denen einer nahe an der Furth, der zweite weiter aufwärts in der am Eingange von dem Missionär bewohnten Schlucht seinen Aufenthaltsort genommen hatte. Der Eine hatte sich schon eine Heerde von Rindern und Schafen, mit denen er für seine Arbeiten bezahlt wurde, erworben (doch klagte er, daß sein Verdienst in der letzten Zeit ob der Verarmung der Leute ein karger sei), während der andere seinen Erwerb bei der nächsten sich ihm darbietenden Gelegenheit in Branntwein verjubelte. Daß natürlich diese beiden großartigen Schmiedewerkstätten, d.h. die Firmen und die Handwerker, in grimmiger Feindschaft lebten, ist selbstverständlich.

Um Auskunft über die Brauchbarkeit der Furth befragt, theilte uns der Schmied mit, daß die Händler, die Elephanten- und Straußenjäger, sowie die Missionäre, wenn sie von den Diamantenfeldern kommen, kurz alle, welche die kürzere Tour über Kuruman einschlagen, hier durchkämen, daß aber ein Drittel der Reisenden an dieser »Drift« Schaden an ihren Wägen leide. Der Chef that nichts, um sie zu verbessern und es hätte auch eigentlich nicht viel geholfen, da der Fluß große Mengen Sand, Erde und oft große Steine herabschwemmte und auf diese Weise die Furth nach jedem Hochwasser ein mehr oder weniger verändertes Aussehen erhielt.

Seinem Rathe folgend übersetzten wir den Fluß im Laufe des Nachmittags und kamen glücklich an das jenseitige Ufer, an dem wir Halt machten und uns dann auf den Weg nach Taung begaben. Nachdem wir einen Theil der Stadt der Eingebornen durchschritten hatten, kamen wir an das von einem Gärtchen umgebene, aus Stein erbaute und mit einem mit Gras gedeckten Giebeldach versehene Missionsgebäude. Wir traten in dasselbe ein und fanden uns einem etwa dreißig Jahre alten Manne mit langem blonden Bart gegenüber, der uns erstaunt, namentlich den bewaffneten F., anblickte. Ich stellte mich vor, legte ihm mit wenigen Worten den Zweck meiner Reise dar, was den Missionär, Herrn Brown, gleich freundlicher stimmte. Er entschuldigte sich über die Einfachheit seiner library (Studirzimmers), das ihm auch für seine Kranken als Ordinationszimmer diente und theilte mir mit, daß er eben an einem Setschuana-Wörterbuch arbeite.[1] Nachdem er mich über die Dauer meines Aufenthaltes in Taung befragt, lud er mich ein, um nicht von den Eingebornen des Branntweins halber belästigt zu werden—meinen Wagen in die Nähe seines Gehöftes zu bringen und daselbst mein Lager aufzuschlagen da selbst Mankuruana die Reisenden oft unnütz aufhielt und belästigte, war ich in der Nähe des Missionärs auch gegen ihn am besten gesichert. Doch er war diesmal nicht daheim, sondern in Kuruman bei dem Chef Mora zu Besuche, wohin auch die Gemahlin des Rev. Brown mit ihren Kindern abgereist war, um einige Wochen in der Gemeinschaft der Frauen der dortigen Seelsorge zuzubringen.

1 Es ist seither veröffentlicht worden.

Unter den Batlapinenstädten nimmt Taung unstreitig den ersten Rang ein, einesteils durch seine malerische Lage an einem der Haupt-Verkehrswege nach dem Innern, anderntheils durch seine Einwohnerzahl. Leider war seine Wohlfahrt von Jahr zu Jahr gesunken und ich glaube, daß sich Taung wohl jetzt, nachdem der Export von Spirituosen nach Mankuruana's Land von der Regierung in Griqualand-West möglichst erschwert wurde, wieder heben und namentlich Getreide, Vieh etc. nach den Diamantenfeldern exportiren wird, wozu ihm seine relativ geringe Entfernung von diesem Markte sehr zu Gute kommt; außerdem ist der Stadt durch ihre Lage in der Nähe des Hart-Rivers die Möglichkeit geboten, die bebauten Niederungen regelmäßig und ergiebig bewässern zu können. Die frühere Einwohnerzahl von Taung läßt sich mit 5-6000, die gegenwärtige (1879) mit 3500-4000 angeben. Die Zahl variirt um 500, weil sich manche Familien periodenweise zu ihren Viehposten, auf denen ihre Diener das Vieh hüten, entfernen, die Männer oft in größerer Zahl auf Jagd ausgehen und andere wieder ihre Makalahari-Diener mitbringen.

Um die Zeit meines Besuches und drei Jahre nachher (1877) gab es für Taung schlimme Zeiten, die theils durch die Aufregung während der Kämpfe gegen den Vasallenchef Mora und gegen Gassibone, theils durch große Trockenheit und deren überall fühlbare Folgen bedingt waren. Im Jahre 1872 starben mehrere Familien in Taung Hungers, weil sie alles, selbst das letzte Fell, auf dem sie lagen, das Holz von den Dächern ihrer Hütten den Brandyverkäufern opferten.

Im Jahre 1843 wurde die »London Missionary-Station in Taung« durch Mr. Roß eröffnet. König Mahura (der Onkel Mankuruana's) verließ jedoch die Stadt, um sich auf der Höhe des Mamusaberges (zwei Tagreisen stromaufwärts) anzusiedeln, wohin ihm, nach der Mitteilung meines hochgeehrten Freundes, Rev. S. Mackenzie von Kuruman, der weiße Prediger nachfolgte, und dort auch verblieb, als es Mahura einige Jahre später wieder einfiel, Taung zu seiner Residenz zu machen. Herr Roß hatte an beiden Orten Kirchen erbaut, die seitdem in Ruinen verfallen sind, und schlug dann seinen Sitz in dem auf der ersten Reise erwähnten Lekatlong auf.[1] Im Jahre 1858 spielte sich in Taung die Scene eines grausamen Kampfes ab, dessen Opfer wir noch als bleichende Gebeine in den Felsenklüften der Taung überragenden Höhen finden konnten. Das Schicksal der Mahuras-Batlapinen war um so härter, als sie unschuldiger Weise in diesen Krieg, der mit dem Kampfe in Taung seinen Abschluß fand, einbezogen wurden.[2]

1 Herr Roß, der ein hartes, beschwerliches Leben unter den Batlapinen führte, starb im Jahre 1863.

2 Siehe Anhang 12.

Die alte verfallene Kirche war durch eine neue ersetzt worden, welche einem unserer gewöhnlichen, ländlichen Arbeiterhäuschen nicht unähnlich, in Taung außer dem Missionshause das einzige im europäischen Style gehaltene Gebäude war und von der hiesigen Gemeinde mit nicht geringem Stolze angesehen wurde. In ihrer Nähe hing in einer eingepflanzten Baumgabel ein Glöckchen, deren Schall hinreichte, die kleine Gemeinde zur Versammlung aufzufordern.

Der Schmied in der Schlucht, hinter dem Missionsgebäude war mit dem Schmieden eines jener schweren Rosenkränze beschäftigt, deren sich die Gerechtigkeit bedient, um Uebelthäter zu strafen und an den Ort ihrer Einsamkeit zu fesseln; er war für einen Cap-Bastard bestimmt, der einen Jungen in der Stadt erschossen, und nun an die Behörde von Klipdrift ausgeliefert werden sollte.

Am Nachmittage des 12. November setzten wir unsere Reise in nordnordöstlicher Richtung und in mäßiger Entfernung vom Hart-River aufwärts bis zu dem von Barolongen bewohnten Kraal (Stadt) Maruma fort, welcher Ort unter der Oberaufsicht eines gleichnamigen Chefs stand. Bevor wir diese, am Abhange einiger Höhen und in einem engen in das Hart-Riverthal einmündenden Seitenthale gelegene Stadt erreichten, begegneten wir zahlreichen von der Feldarbeit heimkehrenden Frauen, welche sehr primitive eiserne Hauen und Holzbündel trugen.

Das Thal, in dem Maruma liegt, würde dem Maler eine anziehende Felsenscenerie bieten und ich bedaure nur, von anderweitigen Beschäftigungen während des Aufenthaltes in derselben so sehr in Anspruch genommen worden zu sein, daß ich es selbst nicht skizziren konnte. Felsenthore und schroff abfallenden Ruinen nicht unähnliche Felsen wechseln hier ab, und durch sie einerseits, sowie durch die an dem gegenüber liegenden Abhange sichtbaren dunklen Eingebornengehöfte andererseits wird das den Boden des engen Thales schmückende Grün sehr gehoben.

Trotz der letzten heftigen Regen war das Flüßchen des Thales bis auf einige in demselben gegrabene Löcher vollkommen trocken, der Regen war nur auf gewissen, äußerst beschränkten Partien gefallen.

Bevor ich Dutoitspan verließ, hatte ich eine Meerkatze erstanden, welche ich der Unterhaltung halber mit mir nahm. »Monkey« hatte ihren Sitz oben am hinteren Wagenende und war mit einem Kettchen an eines der Seitenbretter gebunden. Komisch war es anzusehen, mit welcher Angst der Affe die Gebüsche und Bäume beobachtete, an denen wir knapp vorbeifuhren, und welche oft die Seiten des Wagens oder das Dach streiften. Er legte sich flach auf das Wagendach, um dürre Aestchen über sich hinwegstreichen zu lassen, während er bei stärkeren hinten auf das untere Wagenbrett herabsprang, um, so wie wir die vermeintliche Gefahr passirt hatten, seinen früheren Sitz sofort einzunehmen. Dieses zeitweilig recht bissige Affendämchen hatte Tag für Tag längere Zeit einer äußeren Besichtigung und Untersuchung des Thürmchens am Wagen gewidmet. Steckte Einer von uns seinen Kopf zu einem von dessen vier, nur mit einem Drahtnetz überzogenen Fenstern heraus, so kam sie, leise die Zähne aneinanderschlagend—was bei ihr eine Bitte oder Zufriedenheit ausdrücken sollte—heran und trachtete in das Innere des Wagens hineinzuschlüpfen, was wir natürlich nicht gestatten konnten, da unter dem Thürmchen die eine der beiden Zucker, Reis, Kaffee, Thee, Zwieback etc. enthaltenden Speisekisten aufbewahrt lag. Monkey wußte uns indeß doch zu überlisten und sehr geschickt in das Drahtnetz Bresche zu legen. Obgleich wir den Einbruch bemerkt hatten und das Dämchen zur Flucht zwangen, hatte sie sich doch schon ihre Backen mit Reis gefüllt, während sie mit beiden Händen ein riesiges Brodstück nachzuschleppen sich bemühte.

Zur Mittagsstunde des 13. November verließen wir das Thal und hielten schon nach einer kurzen Fahrt zwischen einigen Felsenhügeln, an einer üppigen Weidestelle. Während der Rast erlegte ich einen schönen Raubvogel (Melierax canorus) und die schon früher erwähnte Art eines Landleguans.

Bei Taung um Branntwein bestürmt.
[Bei Taung um Branntwein bestürmt.]

An einem seichten Bache bemerkte ich einen schuppigen Gegenstand, der sich bei näherer Besichtigung als eine der genannten Riesenechsen entpuppte, welche sich bei meiner Annäherung zu verbergen suchte. Ein Schrotschuß tödtete sie auf der Stelle und verschaffte mir den ersten Balg dieser Species, dem später noch mehrere folgten. Zum Wagen zurückgekehrt, traf ich einige mit einem alten, dachlosen Wagen auf ihre Viehposten ausziehende Barolongen von Maruma. Der Wagen, dessen vier Räder nicht in einer und derselben Werkstätte gearbeitet waren, schien jeden Moment auseinanderfallen zu wollen, welcher Befürchtung ich dem Eigentümer desselben gegenüber Ausdruck gab; doch dieser lachte, daß seine Perlenzähne glänzten und meinte, der Koluj (Wagen) müsse noch oft den Weg hin und zurück machen. Um uns von der Reisetüchtigkeit desselben zu überzeugen, setzte er das Gespann vor unseren Augen in Bewegung; das war ein Getöse, Geklapper, Geknarre und Gepolter, jedes Rad hing anders und lief anders, die Seitenbretter bogen sich und die Bodenbretter schnellten auf und nieder zum nicht geringen Vergnügen der in einer dichten Gruppe auf dem Wagen sitzenden Frauen und Kinder.

Wir näherten uns nunmehr der nordöstlichen Grenze des Batlapinenreiches und ich hoffte bald jenes schon erwähnte, kleine unabhängige Königreich der Mamusa-Koranna's zu erreichen.[1]

1 Siehe Anhang 13.

Am 14. November wandten wir uns direct nach Norden und kamen auf eine sehr ausgedehnte, mit hohem Buschwerk bewachsene Ebene, auf welcher heftige Regengüsse uns zu öfterem Stillstande nöthigten. Zwischen den hohen Marethwa-Büschen sprangen häufig Antilopen auf und entfachten meine Jagdlust. Doch diesmal war die Jagd keine leichte, ich mußte unaufhörlich das Pferd bald nach rechts, bald nach links wenden, um den gruppenförmig beisammenstehenden Büschen auszuweichen. Ich sah jedoch bald ein, daß ich auf diesem Wege nicht zum Ziele gelangen könne, ich mußte meine Taktik ändern und geradewegs durch die Büsche jagen. Schon setzt das Pferd in einen kleinen Busch, doch plötzlich hielt es an; es ist in ein niederes, kaum 1½ Fuß hohes, mit Doppeldornen versehenes Mimosengebüsch gerathen; ehe ich das Pferd zurücklenken kann, macht es, wohl in der Absicht um darüberzukommen, einen zweiten, einen dritten Satz, doch leider nur immer tiefer in den Dornbusch hinein, es fängt endlich an auszuschlagen—armes Thier; ich sehe zwar vor mir eine kleine offene Stelle in dem größeren Gebüsche, doch derart mit Wartebichidorn überhangen, daß ich keine Lust verspüre, den Versuch eines Durchbruchs zu wagen. Aufwiehernd macht das Pferd noch einen Satz, der Vorderleib des Thieres war nun wohl aus den Dornen, doch war mir Hut und Jacke zerrissen; mit den Hinterfüßen noch immer in den Dornen gefangen, schlägt der Rappe wieder und wieder aus und hopp—hopp—gerathe ich selbst immer tiefer in die Dornen hinein.