Wild auf den Quaggaflats.
[Wild auf den Quaggaflats.]

Die Nacht war ziemlich dunkel, im Norden blitzte es unaufhörlich, ein Gewitter zog dort nach Osten zu. Außer dem zeitweiligen Gepfeife und Geschnatter in dem Gewässer vor mir war die Stille um mich nicht unterbrochen; einigemale schien es mir, als ob ich das Grunzen des schwarzen Gnu's hören würde, doch es mochte nur Einbildung sein, die meine Gedanken in der Erwartung dieser Thiere eben nur auf sie concentrirte. Einmal hörte ich deutlich das Schlürfen von Wasser, ähnlich wie es die Hunde thun, ich strengte mich an, den Gegenstand zu erkennen, doch war dies nicht möglich, es mochte wohl ein Schakal sein, der sich mir windabwärts genähert hatte.

Ich lauschte noch in der Stille der Nacht hin, als ich plötzlich das erwartete Grunzen vernahm. Ich richtete mich etwas auf, um desto deutlicher hören zu können, richtig, ja das sind schwarze Gnu's; ich lege das Ohr an eine vom Gras entblößte harte Stelle und vernahm deutlich den dumpfen Schall, den eine auf dem Wildpfade dahinschreitende Gnuheerde hervorbringt.

Freudig und in gehobener Stimmung ducke ich mich wieder nieder, sowie ich jedoch wieder aufschaue und mit dem Blicke die Richtung suche, in der ich die Annäherung des Wildes erwartete, blizt es ziemlich hoch am nördlichen Himmel auf, dort, wo ich zuvor das Gewitter beobachtet.

Ich unterschied ein mehrstimmiges Brummen und etwas später erschien ein dunkler Gegenstand am gegenüberliegenden Ufer der Lache. Das Gnu ging um das Gewässer nach mir zu, kehrte um, kam wieder zurück und nun sah ich es von mehreren anderen gefolgt. Sie standen eine geraume Zeit, ohne sich zu nähern, dann trat der Leitstier von einem zweiten Thiere begleitet vor und kam auf das sandige Ufer zu. Da steht das Thier einige Schritte vor mir mit dem Kopfe nach mir zugekehrt, daß ich nur diesen Theil und die Lache darunter sehe. Ich ziele so wie es die Dunkelheit erlaubte, auf den Schädel und mit einem lauten Krach schlägt die Kugel ein. Ich springe auf, um meine Jagdbeute zu suchen, ohne mich weiter um die enteilende Heerde zu kümmern. Doch ich sehe nichts, ich reibe mir die Augen, mit dem Gewehrlaufe auf der Erde herumtastend, hoffte ich jeden Augenblick den Körper des gefallenen Thieres zu finden.—Doch alles war Täuschung. Der Schuß traf, trotzdem war das verwundete Thier noch mit den anderen geflohen. Das Aufleuchten des Blitzes am nördlichen Firmament brachte mich wieder zur Besinnung. Ich mußte für diese Nacht das Jagen aufgeben und zum Wagen zurückkehren.

Boly, der mit mir auf den Anstand gezogen, war noch nicht zurückgekehrt. Ich ließ F. mit einem Feuerbrande etwa 200 Schritte aufwärts gehen, um damit den vielleicht irre Gehenden sein richtiges Ziel zu weisen. Allein F. schwenkte den Feuerbrand bis es zu regnen anfing und noch immer war von B. nichts zu hören und zu sehen. Der Wind hatte sich inzwischen gesteigert und bald raste ein wahrer Orkan über die Ebene hin. Theilweise kam uns nun—und auch später als Blitz auf Blitz auf die Ebene niederfuhr—unsere etwas tiefere Lage zu Gute, allein sie hatte auch ihre Schattenseiten. Das Wasser fiel nicht allein in Strömen, es floß auch in solchen von der Ebene herab in die Tiefe und machte unsere Lage recht unbequem. Doch es war weniger diese, die uns beunruhigte, Boly's Zustand machte uns Alle sehr besorgt, sogar die Schwarzen sprachen von nichts Anderem, als wo doch der Baß B. sein möge. Blitz folgte auf Blitz, kaum war der Nachhall des einen Donners verhallt, folgte schon ein anderes Donnergebrüll und dazwischen schlug der Regen, von der rasenden Windsbraut getragen, so heftig gegen den Wagen an, daß wir uns kaum durch Schreien einander vernehmbar machen konnten. Die Atmosphäre war auch bedeutend abgekühlt worden, welcher Temperaturfall uns nach der furchtbaren Tageshitze und bei den bis auf den Leib durchnäßten Kleidern durchaus nicht willkommen war.

Gnujagd bei Nacht
[Gnujagd bei Nacht]

Stunde auf Stunde verrann, das Gewitter war vorübergezogen, Regen und Wind hatten sich gemäßigt, endlich hörte der Regen gänzlich auf. Die Sorge um Boly's Schicksal ließ uns kaum zwei Stunden der Ruhe pflegen, zu der uns die Müdigkeit zwang. Am frühen Morgen sandte ich einen der schwarzen Diener nach Boly aus. Schon nach einigen hundert Schritten sah dieser den Gesuchten kommen, er war über und über mit Koth bedeckt und sah recht erbärmlich aus. Sein Körper zitterte vor Kälte, doch was uns alle erstaunte, war, daß er das Gewehr so rein zurückbrachte wie er es mitgenommen. Der Aermste hatte an einem Termitenhügel zusammengekauert das Unwetter über sich ergehen lassen müssen und hatte überdies, um seine Waffe schußbereit zu erhalten, dieselbe mit seiner Jacke umwickelt.

Am Abend fanden sich einige berittene Barolongen bei uns ein, welche uns ein Zebra für einen Sack Pulver (5 Pfund Gewicht) und zwei Stangen Blei (12 Pfund) zum Kaufe anboten. Sie hatten eine Treibjagd veranstaltet, dabei eine Zebraheerde »eingejagt« und von ihren Pferden eines mit den Assagaien so verwundet, daß das Thier zurückblieb und von den zu Fuße mit Gewehren nacheilenden Genossen erlegt wurde. Schon wollte ich den Kauf eingehen, als ich noch rechtzeitig bemerkte, daß das Fell sehr beschädigt und zum Präpariren ungeeignet war.

Die gesammten bis nach Mamusa reichenden Ebenen sind von etwa 70, in der Regel 100-300 Schritte breiten, 200-800 Schritte langen Mimosengehölzen bedeckt. Beinahe in jedem dieser Gehölze stoßen wir auf eine Eingebornentruppe, welche über dem Winter oder Sommer auf den wildreichen Ebenen der Jagd obliegt; trotzdem wird, da die Barolongen und Batlapinen meist schlechte Schützen sind, höchstens alle 2-4 Tage ein Stück Wild erlegt.

Die Formation dieser Ebene ist der harte, graue, im südlichen Transvaal-Gebiete erwähnte Kalkstein, dem hie und da das Vaalgestein aufliegt, im Gerölle sind häufig Rosenquarzstücke zu finden. An den Abhängen zum Konanaflusse sah ich mäßige Quarzitadern, einige Fuß hoch jenen Kalkstein durchbrechend, weithin in ihrer weißlichen Farbe schimmern.

Am 29. November Morgens machte ich einen Ausflug und kehrte mit einem Hyänenschädel heim. Im Allgemeinen hatten wir hier eine große Anzahl von Gnu-, Bläßbock- und Springbock-Schädeln gesammelt. Um Mittagszeit verließ ich den Ort und zog nach Osten, um den vom östlichen Taung nach Molema's Town führenden Weg zu treffen und auf diesem meine Reise nach Norden fortzusetzen. Nach einer sechs Meilen langen Tour hielten wir in einem Mimosengehölze Rast und trafen mehrere Barolongen, außerdem sahen wir zahlreiche verlassene Hütten. Um diese Hütten lagen förmliche Knochenhügel; mit Ausnahme der Hörner waren alle Knochen zerschlagen, es mußte wohl unzähligen der auf den Ebenen ringsum flüchtigen Thieren das Leben in den letzten Jahrzehnten gekostet haben, bevor diese Knochenhaufen aufgestapelt werden konnten. Ich suchte unter den Knochenresten nach pathologischen Mißformen und fand nur zwei verunstaltete Hörner. Beide Hörner waren durch Kugelschüsse abgeschossen, die entstandene Wundfläche zugeheilt und durch neuen Hornüberzug bedeckt worden; ich fand außerdem ein zum Lederarbeiten von den Eingebogen gebrauchtes, zugespitztes und durchlöchertes, an einem Riemchen hängendes Hornstück.

Bei einbrechender Dunkelheit schlugen wir an einem dicht bebuschten, in der Nähe eines Salzsees sich erhebenden Hügel, unter einigen schattigen Kaameeldornbäumen unser Nachtlager auf. Der sich unter uns ausbreitende Salzsee war trocken, allein an seinem Ufer, am Abhange des Hügels und der Ebene, fanden sich überall süße Quellen, die uns mit reinem Trinkwasser versahen. Zeitlich am nächsten Morgen machte ich einen kleinen Gang durch das Gehölz und fand abermals Knochenstätten und mehrere Gruppen verlassener Jagdhütten der Eingebornen; da ich auch mehrfach Hasen, Perlhühner, Rebhühner und Deukerantilopen bemerkte, entschloß ich mich, hier einen Tag zu bleiben. Der Tag war schön und lohnte meinen Aufenthalt in jeder Beziehung. Vogelbälge, zahlreiche Schlangen, Insecten und Krustenthiere, doch auch Pflanzen hatten am Abend meine Sammlungen bereichert. Meine Gefährten erbeuteten so manchen schönen Vogelbalg, darunter namentlich Bienenfänger, schwarze und kleine graue Würger, Regenpfeifer etc., während es mir gelang eine Chenalopes zu überlisten.

Der bewaldete Hügel erhob sich über der westlichen Ecke der Salzpfanne, doch auch das südliche und nördliche Ufer waren von felsigen, niederen Höhen begrenzt. Zwischen dem ersteren und den nördlichen Höhen öffnete sich ein Thal und hier führte ein gegenwärtig trockener Bach von der Ebene das überschüssige Regenwasser herab, der vorgestrige heftige Regen, der uns kaum 12 englische Meilen von dieser Stelle entfernt überraschte, hatte hier keine Spuren hinterlassen, war also, wie immer in dieser Gegend, im engsten Sinne des Wortes local gewesen. Von der Höhe herab vernahm ich das Geschnatter mehrerer egyptischer Gänse. Durch einen Busch am Abhange gedeckt, übersah ich die gesammte Pfanne, folgte dem Ufer und doch konnte ich nirgends das schreiende Thier zu Gesicht bekommen. Erst nach langem Suchen erblickte ich das Thier auf dem hervorragenden Aste einer halbvertrockneten Mimose. Da ich nur mit kleinem Schrot geladen hatte, mußte ich mich näher anzuschleichen trachten. Hier durch einen Busch, dort durch einen Block gedeckt, war es mir gelungen, unbemerkt in das Thal hinabzusteigen. Das Thälchen war mit niedrigen, blos stellenweise höheren, schütteren Büschen und einigen wenigen Bäumen bewachsen, doch der Boden war steinig, und ich mußte nun meine Fußbekleidung zurücklassen und barfuß weiter schleichen. Der Vogel saß hochaufgerichtet auf dem dicken Aste, gegen den Stamm zu sah ich ein Nest, welches ich später als das seine erkannte. Auf 60 Schritte nahegekommen, feuerte ich und erlegte die Gans, deren schöner Balg meiner Sammlung einverleibt wurde. Die Formation um diese Pfanne, welche ich Jungmanns Salzsee oder Chuai Jungmann taufte, war ähnlich jener des Vaalgesteins bei Bloemhof, die Grünsteinblöcke bis drei Kubikfuß groß.

Verlassener Jagdplatz der Barolongen.
[Verlassener Jagdplatz der Barolongen.]

Nach Sonnenuntergang setzten wir unsere Reise wieder fort. Wir übernachteten auf einer unabsehbaren Ebene, die deutliche Spuren von Regenlosigkeit trug, der Boden war zersprungen, das Gras so trocken, daß es bei der Berührung bröckelte, und selbst die dahinjagenden Springböcke wirbelten Staubwolken auf. Der Wassermangel gab uns auch Veranlassung am nächsten Tage tüchtig auszugreifen, so daß wir an diesem Tage 18 englische Meilen zurücklegten. Auch das Wild war in diesem wasserarmen, nördlichen Striche recht spärlich geworden; zweimal trafen wir mit Barolongentruppen zusammen, welche Schießpulver erhandeln wollten; sie brachten Milch als Tauschartikel. In Folge ihrer Ungeschicklichkeit als Jäger und ihrer Arbeitsscheu schauten die Leute recht verhungert aus; wir gaben ihnen Schießpulver und etwas Beltong (getrocknetes Wildfleisch). Die Entdeckung einer mit reichlichem Wasser gefüllten Bodeneinsenkung gab das Signal, den heutigen Marschtag zu beschließen.

Barolongen Zebra's jagend.
[Barolongen Zebra's jagend.]

Am Morgen des 1. December wurden wir durch den Besuch eines Boers überrascht, dessen Mitteilungen uns dahin belehrten, daß wir an der westlichen Grenze der Transvaal-Republik angelangt waren. Der in der Nähe unseres Lagers angesiedelte Boer wartete auf den Besuch des Präsidenten Burger, von dem er endlich Abhilfe von den unausgesetzen Grenzstreitigkeiten mit den Barolongen erwartete. Er theilte uns auch mit, daß zwei seiner Söhne in das Innere auf Elephantenjagd ausgezogen waren und ersuchte uns, ihnen im Begegnungsfalle seine Grüße zu entbieten. Von dem gesprächigen Farmer scheidend, setzten wir unsere Fahrt in nordwestlicher Richtung fort und gelangten auf eine reichlich mit Mimosen bestandene Ebene, zwischen dem Molapo- und Maretsaneflusse, dessen Quellen wir in der verflogenen Nacht, ohne es zu wissen, passirt hatten.

Einige der weißdornigen Mimosen waren auf dieser Ebene in voller Blüthe, mit hunderten und aber hunderten kleiner, grellgelber, kugelförmiger und duftender Blüthen behangen. Die Blüthen wie Blätter der bis zu 18 Fuß hohen Bäumchen waren äußerst zart und mit hunderten von verschiedenartigen Blumenkäfern (Cetonidae), sowie einigen rothgebänderten Holzböcken bedeckt; es wunderte mich, daß unter den zahlreichen Bäumchen blos zwei von den Insecten ausgesucht wurden, während an den Aesten zahlreiche weiße, über einen Zoll lange Puppen der großen Cicade klebten, die allenthalben ihre laute Stimme erschallen ließen, bei unserer Annäherung mit lautem Summen davonflogen und sich mit einem hörbaren Schlag auf dem nächsten Mimosenbäumchen niederließen. Auch buntfärbige Blattwanzen fehlten nicht und große stahlblaue Raubwespen zogen summend und nach Fliegen haschend um die Büsche. In gewohnter emsiger Weise schnurrend flogen zahlreiche Hummeln über den kräftig emporsprießenden Grasteppich hin, um für sich und die im nahen verlassenen Termitenhaufen eingenistete Brut Vorräthe zu sammeln.

Pürsch auf egyptische Wildgänse.
[Pürsch auf egyptische Wildgänse.]

Der südafrikanische Frühling war mit aller Macht in die Gegenden am oberen Molapo eingezogen, all' das kleine Gethier fühlte seine Herrschaft und war zum Leben erwacht, um ein neues Dasein zu beginnen; fremd, weder ersehnt noch willkommen schien er dem Menschen am oberen Molapo zu sein. Friede, neues Leben, vereinigtes Schaffen, Lust und Freude, das war um mich her an jenem Morgen auf den Fluren am Molapo der Hauch der verstandeslosen Natur. An Hader, Brand und blutige Thaten dachten, davon sprachen und damit drohten—die Herren der Schöpfung.

Nach einer kurzen Fahrt am Morgen des 2. Decembers langten wir bei dem Dorfe der Makuben an, welches am südlichen (linken) Ufer des Molapo gelegen, zu Molema's Town (d.h. die Stadt Molema's, eines Bruders des Königs Montsua) gehörte. Das Thal des oberen Molapo ist in den ersten 15 Meilen seiner Länge eng, von dem steilen Abfall des Hochplateaus eingeengt, in seinem weiteren Verlaufe ist es flach, ein mäßiger Einschnitt in die etwas nach Westen abfallende Hochebene. Wir hatten es in der letzteren Partie zu überschreiten. Das Bett des Flusses war hier von Kalktuff gebildet, der zahlreiche fossile Pflanzen enthält und deutlich darauf hinweist, daß dieser Thaleinschnitt schon vor Jahrtausenden als ein geräumigeres Flußbett benützt worden war. Dieser Kalktuff wird von dem harten, grauen Kalkstein überlagert und ist durch eine Unzahl kleiner Grotten, Höhlen, Löcher charakterisirt, welche die Tümpel der fast monatelang trockenen Flußrinne bilden. Oberhalb dieser Stellen und in den eingeengten oberen, wie auch in dem Bergthale ist das Bett schlammig und sumpfig und dieser Umstand ist wohl der Grund, daß in der trockenen Jahreszeit große Wassermengen verloren gehen und der Fluß schon nach wenigen Meilen seines Oberlaufes versiegt.

In dem marschigen Theile des Thales finden sich die westlichsten, die sogenannten Molapo-Farmen des Marico-Districtes, deren Besitzer ihre Felder continuirlich irrigiren können; in dem mehr offenen Theile finden sich die Niederlassungen der Barolongen[1], welche ihre hie und da nach europäischem Vorbilde angelegten Grundstücke zu bewässern im Stande sind.

1 Nach Westen erstreckt sich ihr Gebiet bis gegen Namaqualand.

Den Molapo (d.h. ein Fluß) überschreitend, lagerten wir an seinem rechten Ufer in der Nähe einiger Wartebichi-Mimosen. Gegen Sonnenuntergang blickend sahen wir Molema's Town vor uns, an einem mäßigen Abfall der im Hintergrunde bewaldeten Hochebene; im Osten ist die Stadt durch zwei interessante Felsenpartien begrenzt und im Schutze der einen, zwischen ihr und dem Flüßchen, stand das geräumige, im Style der Eingeborenen ausgeführte Missionshäuschen der Wesleyan Missionsgesellschaft.[1]

1 Dieselbe besitzt in Molema's Town, in Lothlakane und Poolfontein (zu der Zeit meines Besuches war die eine, die sich jetzt in Lothlakane befindet, in Moschaneng) je eine Station, von denen früher die in Molema's Town, gegenwärtig die in Lothlakane von einem weißen Missionär dirigiert wird. Außerdem ist Poolfontein auch der Sitz eines Predigers der deutschen Hermannsburger Missionsgesellschaft, der jedoch unter den meist der Wesleyan'schen Kirche angehörenden aus der südcentralen Transvaal-Republik nach der Poolfonteiner Ebene (auf Montsua's Gebiet) verpflanzten Borolongen eine schwierige Stellung hat. Poolfontein liegt zwischen Lothlakane und Lichtenburg.

Die erwähnten Felsenpartien, das mit Bäumen bestandene Ufer des kaum vier bis zehn Schritte breiten Flüßchens, sowie die vielen zwischen den Gehöften sich erhebenden Karie-, Kameeldorn- und Weidenbäume, welche den ganzen Abhang des Plateaus bedecken, verleihen Molema's Town eine der schönsten Lagen unter den Eingebornenstädten des centralen Süd-Afrika. Seine Gehöfte stehen weniger dicht aneinander und sind mit Zäunen versehen, aus denen sich die spitzig zulaufenden mit den Stauden der Kalebaß-Kürbisse überwucherten Dächer der Hütten erheben.

Zahlreiche Wägen zeugen von der zunehmenden Wohlhabenheit des Stammes, die namentlich dem Umstände zugeschrieben werden darf, daß König Montsua den Branntweinverkauf im Lande sistirte, eine Verfügung, welche Molema, der Unterchef und Gouverneur von Molema's Town, mit seiner ganzen Autorität zur Geltung brachte, ferner daß der früher hier ansäßig gewesene Missionär, europäischen Getreidearten in Molema's Town Eingang verschaffte.[1]

1 Siehe Anhang 17.

Was mich in Molema's Town besonders angenehm berührte, war das Verbot Molema's, der nebenbei gesagt ein Christ und Prediger ist, im Bereiche der Stadt keinen Baum zu fällen; wir hatten kaum unser Lager ausgeschlagen, als ein Eingeborner (einen Polizisten vertretend) im Namen des Fieldcornets (Sheriff, oberster Sicherheits-Beamter) bei uns erschien, um uns Weideplätze für die Zugthiere anzuweisen und das eben erwähnte Verbot zur Kenntniß zu bringen.

Bevor ich noch meinen Entschluß, Rev. Webb aufzusuchen, ausführen konnte, kam aus dem Missionshäuschen ein blondbärtiger, untersetzter Mann, ein kleines Mädchen an der Hand führend, auf mich zu. Es war der Gesuchte. Wir waren bald in ein eifriges Gespräch über Molema's Town und die Grenzfrage verwickelt. Von Montsua, dem Herrn des Landes, erfuhr ich, daß er in Moschaneng, in einer im Gebiete seines königlichen Freundes, des Banquaketse-Herrschers Chatsitsive, erbauten Stadt wohne und entschlossen sei, sich in Poolfontein niederzulassen, wohin jedoch, wohl um den unabhängigen Barolongenfürsten zuvorzukommen, die Transvaal-Regierung ihr unterthane Barolongen bereits angesiedelt hatte. Montsua war darüber sehr verdrießlich und im Begriffe, Moschaneng zu verlassen und sich in seinem Gebiete eine andere Stelle zum Baue der Residenz auszusuchen.[1]

1 Er hat dies auch später gethan, indem er der englischen Regierung die Oberhoheit über sein Gebiet antrug.

Des Missionärs Häuschen war nur auf das Nothdürftigste eingerichtet, denn aus den eben erwähnten Gründen betrachtete Rev. Webb seinen Aufenthalt nur als provisorischen, überdies war Molema selbst Prediger und den weißen Missionären nicht sehr gewogen. Rev. Webb und seine Frau, die ihrem Lebensgefährten in dieser Abgeschiedenheit treu zur Seite stand, riethen mir, baldigst nach Moschaneng aufzubrechen.

Herr Webb begab sich hierauf zum Chef Molema, um ihm meine Ankunft anzuzeigen. Als er heimkehrte, kam er mit dem an Asthma leidenden alten Manne zurück, der mich herzlich willkommen hieß und meinte, daß außer dem Naka (Doctor) Livingstone noch kein Naka zu ihm gekommen sei, er zeigte sich über meine Ankunft sehr erfreut, denn er hoffe, daß ich ihm doch ein Molemo (Medicament) bereiten werde, das ihm den garstigen Husten benehmen und ihm ein freieres Athmen gestatten würde. Zugleich lud er mich ein, ihn am folgenden Morgen zu besuchen, sowie meinen Aufenthalt auf einige Tage auszudehnen, er wolle mir als Gegenleistung ein fettes Schaf senden.

Am Morgen des 2. Decembers machte ich einen Ausflug thalaufwärts und fand dieses in allen, mächtige Humuslagen aufweisenden Partien dicht mit Kafirkorn angebaut. Ich war durch die ersten Anzeichen einer von Grahamstown bis zum Molapo vermißten tropischen Vegetation überrascht, welche sich durch manche Species bemerkbar machte, anderseits traf ich hier auch Pflanzen der gemäßigten Zone, in artenreicher Zahl, so Campanula Saponaria, Veronicae, mehrere der doldenblüthigen Euphorbiaceen und andere; auf den Wiesenflächen stand das Gras 4 Fuß hoch. Ich erlegte einen Fischreiher, mehrere Finkenarten, darunter zwei Feuerfinken und zwei Spornkibitze, die mich durch ihr lautes »Tik-Tik« angelockt hatten. Die auf den Feldern arbeitenden Frauen sahen bedeutend reinlicher als die Batlapinen aus und ich mußte auch später, als ich von Molema's Town schied, diesen sogenannten nördlichen Barolongen eine höhere Stufe als den Batlapinenstämmen und selbst als den Mokalana, Marokana etc. oder südwestlichen Barolongen einräumen, obgleich sie im Ackerbau und der Viehzucht von den südöstlichen Barolongen, die unter Maroka in Taba Unschu und der Umgebung dieser über 10.000 Einwohner zählenden Stadt wohnen, übertroffen werden; jenen kommt allerdings die Pferdezucht zu Gute, welche am Molapo wie in der Transvaal-Republik durch die grassirende Pferdekrankheit vereitelt wird.

Feldapotheke.
[Feldapotheke.]

Die Ueberbringer der Arznei.
[Die Ueberbringer der Arznei.]

Ich bereite für Mrs. Webb und den Häuptling einige Medicamente, darunter auch Pulver, bei welcher Manipulation ich von den zahlreichen uns besuchenden Eingebornen angestaunt und bewundert wurde. Einer der Männer setzte sich neben Pit am Feuer nieder und fragte hier mit gedämpfter Stimme, was ich da thue, Pit meinte, ich bereite ein Medicament. Der Fragesteller mischte sich nun sofort unter die gaffende Menge und verbreitete unter ihr die Nachricht, daß ich ein Naka sei und eben ein Molemo bereite. Das dadurch hervorgerufene Erstaunen war in den Zügen Aller, der Männer, Frauen, ja selbst der Halberwachsenen deutlich zu bemerken. Einer raunte dem Andern die Worte »Naka und Molemo« zu und man konnte an den Lippenbewegungen beobachten, wie es sich die Einzelnen wiederholten. Ich hatte damit bedeutend an Ansehen und Respect gewonnen und es wurde so stille um mich, daß man jedes Wort der abseits am Feuer sprechenden Diener vernehmen konnte. Jede, auch die geringste meiner Bewegungen wurde mit dem größten Interesse verfolgt, am meisten jedoch das Abwägen der gleichen Theile und das Einschütteln der Pulver in die von F. am Wagenbrette zubereiteten Papierhülsen. Als ich meine Arbeit beendet, frug ich, ob einer das Molemo zum Chef Molema tragen wolle; Alle, die Männer wie die Knaben, schrieen durcheinander, manche eine, manche beide Hände darnach ausstreckend. Jeder wollte der Ehre theilhaftig werden, des weißen Naka's Medicin dem geliebten Häuptlinge zu überbringen. Bei solcher Auswahl hatte ich die Laune, auch wirklich wählerisch zu sein, ich suchte mir den Aeltesten im Haufen aus, ein gebeugtes, weißhaariges Männchen, das gar nicht seinen Augen trauen wollte, und gab ihm die zu einem Päckchen geformten Pulver; er wollte sie jedoch nicht berühren, sondern bat mich, sie ihm an seinen Stock zu binden, den er nun vor sich hertragen wollte. Da ihm dies jedoch, beschwerlich fiel, so ergriff ich einen der zunächst stehenden Jungen, seine Peitsche fassend befestigte ich an dieser das Päckchen und hieß ihn dem Alten folgen, was diesem erwünscht war, und den Haufen um mich zu befriedigen schien, denn wiederholt hörte ich den Ausruf monati, monati (schön).

Am folgenden Tage hatte ich den Häuptling wieder zu besuchen. Molema empfing mich in seinem Höfchen, stellte mir seine Frau und seine um ihn herum wohnenden Söhne vor. Dann ließ er für mich und Herrn Webb je ein hölzernes Stühlchen bringen und bat mich, ihm die letzten Ereignisse und Tagesneuigkeiten aus der Cap-Colonie und den Diamantenfeldern mitzutheilen, erkundigte sich nach den Verfügungen der englischen Regierung im Süden, klagte über die Anmaßungen der Boers im Osten und frug mich endlich, ob ich ein Engländer oder Boer wäre. Die ihm von Herrn Webb ertheilte Antwort, daß ich ein Böhme (Bohemian) sei, konnte er nicht begreifen und ließ, nachdem er noch nach meinem Namen gefragt, die beiden ihm so fremd erscheinenden Worte von den im Höfchen herumsitzenden alten Barolongen so oft wiederholen bis er sich dieselben eingeprägt hatte. Als ich von ihm schied, mußte ich ihm versprechen, ihn so oft ich in das Land der Barolongen käme, zu besuchen, ich würde ihm stets willkommen sein. Ich traf hier auch den Häuptling Schebor von Konana, der zu Molema auf Besuch gekommen war, und dieser entschuldigte sich, daß seine Leute, von denen wir drei Ochsen für einen Hinterlader eintauschen wollten, sich verspätet hatten, wodurch der Handel nicht zu Stande kam.

Den kommenden Nachmittag verbrachten wir mit Fischfang, der ein äußerst ergiebiger war (wir fingen nicht weniger als 42 Welse). Als Köder benützten wir die überall häufigen, 1½ Zoll langen Grasheuschrecken. Das Wasser in den Grotten der Tufffelsen war so klar, daß man auch jedes größere Sandkörnchen auf eine Tiefe von 2½-6 Fuß unterscheiden konnte. Wir hatten kaum unsere Angeln ausgeworfen, als die dunkle Gestalt eines schildköpfigen Welses (Glanis siluris) aus einer der Seitengrotten herauskam, den Köder langsam umschwamm und dann ahnungslos verspeiste. Die Thiere wogen alle ¾-1 Pfund; als ich im Jahre 1875 während meines zweiten Besuches an derselben Stelle fischte, fand ich nur kleine, braune, 6 Zoll lange Thiere; die Trockenheit des Jahres 1874 hatte die meisten der Grotten trocken gelegt und die Fische getödtet, die neue Brut war mit den Regenfluthen aus den Sümpfen des oberen Molapo herabgekommen.

Herr Webb versah mich mit zwei Briefen, an Herrn Martin, einen in Moschaneng wohnenden Händler, und an den König Montsua, den ihm der Erstgenannte vorlesen sollte. Montsua's Titel lautete: »Morena Montsua (Montsiwe, Montsiva) Khoschi ca Barolong.« Außerdem machte mich mein neuer Freund auf zwei alte, unter den Barolongen noch vor ihrer Kenntniß des Christenthums geläufige Sagen aufmerksam. Die eine berichtet von einem Chef, der nach Belieben die Gewässer eines Flusses theilen und durch die so entstandene trockene Stelle schreiten konnte, und die zweite erzählt von einem Chef, der gleich Salomon zwischen zwei Frauen zu entscheiden hatte, von welchen jede ihr Mutterrecht an einem und demselben Kinde geltend machen wollte.

Am 5. brachen wir endlich auf, und zogen nordwärts am Fuße einer bewaldeten Erhebung. Die nächste Umgebung unserer Route bot mir reichlich Gelegenheit, meine Insectensammlung zu bereichern; unter anderen fand ich eine schöne große, mir bisher unbekannte Schildkäferart, deren Flügeldecken grünlichgolden und braun punktirt waren und die ich häufig an einer der gemeinsten Nachtschattenarten Süd-Afrika's antraf. Meine Aufmerksamkeit war auch auf die zahlreichen, den Weg säumenden Kameeldornbäume gerichtet, die mit den Nestern des Siedelsperlings (Philetaerus socius) dicht bedeckt waren.

In einer Bodenvertiefung nahe einem nach Nordosten dem Taung oder Notuani-River zufließenden Bache beendeten wir unsern heutigen Marsch. Die zu einem förmlichen Niederwald angewachsen Kameeldornbestände durchziehend stießen wir am nächsten Morgen auf ein Makalaharidorf, dessen Insassen Hirten und Jäger Montsua's waren. Sie schilderten uns den weiten Weg bis nach Moschaneng in sehr düsteren Farben und meinten, wir würden mit den schwachen Zugthieren kaum die Königsresidenz erreichen. Der Weg war auch thatsächlich äußerst beschwerlich, der tiefe Sand ermüdete die Thiere in hohem Grade, dazu war der Wald von zahllosen kleinen, 1-2 Fuß tiefen Senken (in der Regenzeit Tümpel) durchsetzt; der von dem Sandboden aufsteigende Staub trocknete Mund und Luftröhre in bedenklicher Weise aus und schmerzte im Gesichte. An einer kleinen der eben genannten ausgetrockneten, mit frischem Gras überwachsenen Senken fand ich zu hunderten eine metallischblau glänzende Lytta mit einem rostrothen Flecke (ich traf sie später nur noch einmal und unter ähnlichen Verhältnissen auf meiner dritten Reise im Schescheker Walde, etwa 15 Meilen nordwestlich von Schescheke an), auch schoß ich einen über uns kreisenden Honigbussard (Pernis apivorus).

Dieser Zustand des Weges blieb sich auch am folgenden Tage gleich und an zwei zum größten Theil trockene Salzpfannen angelangt, schien es kaum möglich, die mit 14 Zoll tiefem Sand bedeckten Pfannen zu passiren. Unter Anwendung aller erdenklichen Auskunftsmittel und mit vereinten Kräften gelang es nach stundenlanger Arbeit, das jenseitige bewaldete Ufer zu erreichen. Die nun folgende Rast war redlich verdient. In dem Walde fanden wir zwei eßbare Beerenfrüchte, und zwar die schon vom Hart-River bekannte rostrothe Beere des Blaubusches (die Samenkerne derselben werden von den Koranna's als Schrot verwendet) und gelbliche, unseren Johannisbeeren nicht unähnliche Beeren, die von den Boers wilde Granaten, von den Koranna's geip genannt und gerne genossen werden.

Wir näherten uns am nächsten Tage einem unseren Weg kreuzenden Höhenzuge, der uns von vorbeiziehenden Barolongen als Malau's Höhen bezeichnet wurde und dessen höchste, bisher namenlose Kuppe ich Hußhöhe nannte. Ich hatte an diesem Tage Gelegenheit, meine Sammlungen um eine Zwergeule und den Balg eines Milans zu vermehren. Am Fuße der Höhen stießen wir auf zahlreiche Viehposten der Baharutse und Barolongen von Moschaneng, welche ihr Vieh an Regenlachen tränkten, während sie selbst ihren Wasserbedarf den natürlichen Felsencisternen entnahmen. Die Abhänge der Höhen waren zum größten Theile hochbegraste Triften, zur Viehzucht wie geschaffen. In der Nacht begegneten wir zwei mit Elfenbein beladenen von Schoschong, der Stadt der östlichen Bamanquato kommenden und von den Elfenbeinhändlern Francis and Clark nach Grahamstown abgesandten Wägen.

Nest des Siedelsperlings.
[Nest des Siedelsperlings.]

Am 9. hatten wir den Sattel der Malauhöhen erreicht und lagerten zwischen grünen, gruppenweise zusammenstehenden mit Zaunrüben, Cucurbitacaeen und Lianen überspannten Büschen, auch schattige Kameeldornbäume fehlten nicht, in denen sich namentlich die langschwänzigen, schwarzweiß gescheckten Würger bemerklich machten. Große Turteltauben waren nicht selten und zum ersten Male vernahm ich hier einen Pfiff, der einem Psittacus anzugehören schien. Dem Rufe folgend hatte ich auch die Freude, ein Pärchen kleiner, graulicher, am Kopfe und den Flügelwurzeln gelb gefleckter und an der Brust schön grün gefärbter Papageien zu entdecken. Diese Species (Psittacus Rupelii) ist bis über den Zambesi verbreitet, lebt meist paarweise und nistet in Baumlöchern.

Auf unserer Weiterfahrt fand ich neben dem Wege einen getödteten Schlangenadler, den wohl ein einfältiger Barolonge aus Muthwillen erlegt und dann abseits vom Wege in den Busch geworfen haben mochte. Wir hatten mehrere Thäler zu überschreiten und steile, äußerst steinige Höhen zu erklimmen. Auf einem der Hügel hatte Niger eine Schlange entdeckt und sie in einen Dornbaum gejagt; und da ich den Schlangen Süd-Afrika's, nachdem man mir überall von den vielen Opfern, die jährlich den giftigen Schlangen dieses Kontinentes anheimfallen, berichtet, ewige Feindschaft geschworen hatte (alle, die nicht in Spiritus untergebracht werden konnten, wurden abgehäutet oder wenigstens enthauptet und der Kopf aufbewahrt), war ich auch bald mit dem Gewehre zur Stelle, um dem Hunde beizustehen. Das von ihm verfolgte Reptil war mehr denn daumenstark, grün und über vier Fuß lang und hatte sich in ein Bäumchen (Acacia giraffe) geflüchtet, in dessen dichtem Geäste es sich blitzschnell auf- und nieder bewegte. Ein Dunstschuß betäubte die Schlange, ohne sie zu tödten, ich ergriff nun das Schwanzende des Thieres, um es aus dem Dornengeäste herauszuziehen. Ich zerrte etwas heftiger—da gibt der neben mir stehende Pit einen Schrei von sich, ich kehre mich nach ihm, als durch ein schmerzliches Gefühl an meinem rechten Daumen meine Aufmerksamkeit rasch zu dem Object zurückgeführt wurde. Die Schlange hing mit ihren Kinnladen an meinem Finger. Mir wurde recht warm um's Herz, ich riß an dem Schwanzende, daß ich beinahe die Schlange entzwei gerissen hätte, wodurch das Thier vollends getödtet zur Erde fiel. Sofort rief ich nach Salmiak, beugte mich jedoch gleichzeitig zu dem Reptil nieder, um die Art zu bestimmen. Ist das nicht ein Bucephalus viridis (cupensis)? Eine gift- und harmlose Schlange? Das Köpfchen ergreifend öffne ich die Kinnladen, kein Giftzahn zu sehen, noch zu fühlen. Auf F. hatte dieser Zwischenfall einen tiefen Eindruck gemacht und ihn zum erbitterten Feinde aller Reptilien umgewandelt; während wir unsere Fahrt fortsetzten, ließ er kein Akazienstämmchen unbehelligt, seine Rache spähte eifrig nach einem Opfer, doch stundenlang mußte er nur über sich selbst die Rache der Dornen ergehen lassen.

»Hurrah, Halloh, Hurrah,« und ebenso viele Luftsprünge von Seite F.'s unterbrachen unseren Gedankenlauf; wir hielten den Wagen an, Weiß und Schwarz eilte auf den vor Freude übersprudelnden Jüngling zu. Da stand er, selbstbewußt, und wies siegesgewiß nach der Spitze des nächsten Busches. Doch nur einen Augenblick währte sein vermeintlicher Triumph, in das krampfhafte Gelächter, welches B. und E. mit den Schwarzen im Chorus anstimmten, mußte auch ich einfallen, als ich ein harmloses Chamäleon erblickt hatte. Der arme F. hatte aber auch entschiedenes Unglück mit seinen Anläufen zu Heldenthaten.

Der Wassermangel wurde am nächsten Tage schon äußerst fühlbar und obwohl wir von vorbeiziehenden Barolongen einige Töpfe mit Milch erstanden, war unseren lechzenden Zugthieren nicht gedient. In einem breiten Thale nach Norden bei Osten vordringend, hatten wir endlich die bewaldeten Abhänge der Ausläufer der Malauhöhen erreicht, eine frische Brise fächelte uns Armen Kühlung zu und zu unserer größten Freude versprach ein aufsteigendes Gewitter das heißersehnte Naß zu spenden.

Unsere Hoffnung ward nicht getäuscht, ein mäßiger Regenschauer füllte unsere Wassergefäße und gestattete die Thiere zur Noth zu tränken. Nun hieß es frisch weiterziehen, da ich die Absicht hatte, noch am selben Tage Moschaneng zu erreichen. Ein dumpfer Schall, der sich uns deutlich zu nähern schien, verzögerte unsere Abfahrt. Ueber die Ursache desselben wurden wir bald aufgeklärt.

Auffangen von Regenwasser.
[Auffangen von Regenwasser.]

Es erschien ein berittener Barolonge und ihm folgte eine Heerde von gegen 50 Pferden, welche von zwei anderen Barolongen angetrieben und deren seitliches Ausweichen von je einem an jeder Seite in dem Gehölze galoppirenden Eingebornen verhindert wurde. Unsere Ueberraschung, hier eine solche Pferdetruppe zu sehen, war nicht gering. Einer der Nachtreiber sprang auf einen Augenblick aus dem Sattel und berichtete uns, daß dies Montsua's, des Barolongenkönigs, Pferde seien, die er jährlich zu seinem Vetter Maroka nach dem Freistaat schicke, um sie daselbst während der Dauer der in den Betschuanaländern grassirenden Pferdekrankheit weiden zu lassen. »Hat denn Dein König so viel Pferde, wie die Zahl derer beweist, die an uns vorbeigejagt hatte?«—O, Master. Morena (der König) hat mehr denn diese, in der Stadt behält er sich nur die gesouten (gesalzenen) Pferde, welche eben die werthvollsten sind.«

Wald am Fuße der Malau-Höhen.
[Wald am Fuße der Malau-Höhen.]

Nach einer kurzen Fahrt hielt ich eine Stunde Weges vor Moschaneng. Der Regen hatte hier alle Vertiefungen mit Wasser gefüllt, und die Stelle war ein anziehendes, gegen den Wind geschütztes, leicht bewaldetes, für einen zweitägigen Aufenthalt wie geschaffenes Thal, so daß ich hier von den Anstrengungen der Molapo-Reise auszuruhen und dann erst nach Moschaneng zu gehen gedachte, wo ich außerdem recht beschäftigt zu sein und für meine Zugthiere, der vielen in der Stadt gehaltenen Heerden halber, keine gute Weide zu finden glaubte.

In dem Gehölze gab es schöne (von den Boers so genannte) Buchenholzbäume, sowie die unter dem (fälschlichen) Namen wilde Syringa bekannten, wilden Oliven- und Kareebäume, Mohatla- und Morethwabüsche, Bäume und Sträucher mit ahornartigen, geflügelten Samen, mehrere Arten von Mimosen (Acacia detinens, Acasia giraffe, Acacia horrida), an den Höhen die von Süden her bekannten (doch wie es mir schien in neuen Formen vertretenen) Aloën. Hier schoß ich auch einen großen, grauen Lori (Go-away von den Engländern, grote Mausevogel von den Holländern genannt), ferner eine braune Gabelweihe und zwei gelbgeschnäbelte Tukane. Der erstere Vogel nistet auf den höchsten Spitzen der Bäume, von wo er mit nach rechts und links bewegendem Köpfchen Alles ihm fremd erscheinende beäugelt, und dabei so oft er sein häßliches Geschrei go-a-wäh ausstößt, seinen Schopf hoch ausrichtet. Am 11. December machte ich mehrere Ausflüge in die Umgegend, die meinen Sammlungen sehr zu Statten kamen. Unter der Ausbeute befanden sich Papageien, sechs jener Lori's, Witwen, Tukane und zwei Kukuksarten, eine kleine, grün und grau melirte, rothbeschopfte Spechtart und Würger.

Unsere Ankunft führte, da ich F. nach der Stadt entsendet hatte, um den dort ansässigen holländischen Schmied zu entbieten, bald mehrere Besucher herbei, deren erste scheu hervorgebrachte Frage dem Feuerwasser galt. Ihre Verlegenheit bewies mir, daß Montsua's Ruf als Gegner des Branntweins begründet war.

Nachmittags erhielten wir einen andern Besuch aus Moschaneng, und zwar den ehrendsten im Lande der Banquaketsen, deren Gebiet wir (ungefähr unter 25° 10' südlicher Breite) etwa halben Weges zwischen Molema's Town und dem jetzigen, 70 englische Meilen davon entfernten Aufenthalte überschritten hatten. Ein gedeckter, zweirädriger mit vier Pferden bespannter Karren kam angefahren, bog im Gehölze um und dann gerade auf uns zu. Während Stephan die Pferde hielt, stiegen die Insassen, vier Eingeborne, aus. Zuerst ein junger Mann von etwa 25-28 Jahren, der sich uns als Mobili, den Sohn eines Basutohäuptlings vorstellte und der F. von Kimberley aus kannte, wo er ob seiner englischen Erziehung und seiner Fertigkeit in der englischen Sprache durch einige Zeit als Dolmetsch bei dem Gerichtsamt angestellt und ein Lebemann südafrikanischen Anstrichs war. Er war auf einer Rundreise unter den Betschuanahäuptlingen begriffen und eben vor wenigen Tagen vom Könige der Bakwena's angekommen. Mobili stellte uns nun, nachdem er mit F. Händedrücke ausgetauscht, die übrigen drei Personen mit den Worten vor. »These are two of the most distinguished Bechuana Kings (zwei der hervorragendsten Betschuanakönige), Montsua, jener der Barolongen, of a wealthy and mighty tribe (über einen wohlhabenden und mächtigen Stamm), hier Chatsitsive, König der Banquaketsen und dort der Hauptrathgeber oder der Vice-Kanzler des Banquaketse-Reiches.«

Montsua, ein Mann von über 50 Jahren, wohlbeleibt mit einem stets lächelnden, gutmüthigen Gesicht, flößte mir sofort Zutrauen ein. Chatsitsive, ein großer, hagerer Mann, zeigte deutlich, wie auch sein Reichskanzler, daß sie ihr faltenreiches Antlitz den Umständen anzupassen verstanden. Alle waren europäisch gekleidet, Chatsitsive mit einem langen Ueberrock und Cylinder und sein Factotum mit einem Mentschikoff. Nachdem wir während des Gesprächs, das Mobili und Pit als Dolmetscher leiteten, scharf gemustert worden waren, meinte Montsua, daß er mich im Weichbilde seiner Stadt willkommen heiße, er wäre wohl nicht eigentlich auf seinem Gebiete, er lebe hier auf dem Boden seines Freundes Chatsitsive und habe vor langer Zeit schon den Molapo verlassen, weil er von den Boers bedrängt worden war; er sei nun aber ihres Treibens satt und wolle Moschaneng verlassen, um sich am Molapo oder in Poolfontein oder am Lothlakaneflüßchen eine Stadt zu bauen, dann müsse ich kommen und ihn besuchen.

Königliche Besucher.
[Königliche Besucher.]

Hierauf wurde ich über Ziel und Zweck meiner Reise befragt. Als Antwort zeigte ich einige der Vogelbälge, welche mit Staunen betrachtet wurden. Mobili verdolmetschte dem König die Bearbeitung des Balges, was dieser jedoch nicht begreifen konnte und darüber unaufhörlich den Kopf schüttelte. Als ich den König zur Vorsicht mahnte, da Gift in der Haut des Balges enthalten sei (Mobile übersetzte es mit molemo maschwe, schlechte, böse Medicin) stieß der alte König einen leisen Schrei aus und ließ den Balg fallen; die Betschuana's fürchten nichts mehr als künstlich zubereitetes Gift, jedes Medicament, das nicht hilft und eine Verschlechterung des Kranken herbeiführt oder den Tod nicht verhüten kann, wird als Gift betrachtet »O,« seufzte Montsua, und er wie seine beiden Genossen besahen sich die Hände und fingen an, die Aermel ihrer Röcke aufzuschlagen, um sich die Finger im Sande abzureiben. Ich ließ Wasser und Seife bringen und holte eines meiner Handtücher, das Montsua noch immer mit einem besorgten Gesichte annahm und sich nicht eher beruhigte, als bis ich ihm durch Mobili die Wirkungslosigkeit des Giftes auf der menschlichen Haut erklären ließ.

Größeres Erstaunen aber als der Vogelbalg, und laute Ausrufe selbst auch von Seite des sich den Anschein eines Gelehrten gebenden Mobili folgten, als ich zwei meiner mit Reptilien, Schlangen, Eidechsen, Fröschen und Spinnen gefüllten Flaschen vorwies. Alle vier Besucher waren dabei zurückgewichen und Montsua, seinen Kiristock gegen die Flasche vorhaltend, wollte nicht näher herantreten. Bald mich, bald die Flasche anstaunend beruhigte er sich erst, nachdem er sich überzeugt hatte, daß die Schlangen in dem Butshuala a Makao (im Biere des Weißen) »schliefen« und nicht heraus konnten.

Inzwischen war ein Mokka fertig geworden und die Blechbecher wurden herumgereicht. Unterdessen besah sich Montsua den Wagen, frug die Jungen (Diener), woher sie kämen und mich endlich, was sein Bruder Molema thue, ob er wohl sei; ich antwortete ihm, daß er an seinem alten Uebel leide und daß ich ihm ein Molemo gab, was ihm wohl helfen dürfe. Montsua nahm diese Nachricht mit beifälligem Schmunzeln auf.

Sowie sich auch Chatsitsive gesetzt, frug Mobili, ob ich den »hohen Herren« keine andere Erfrischung zu bieten hätte. Ich verneinte, ich wüßte nicht, was ich ihnen antragen könnte. Mobili stand auf, kam zu mir herüber und meinte, ich solle Pit und Stephan um Wasser schicken, er wollte mir etwas sagen, die Diener dürften jedoch nicht dabei sein. Ich that es und nun entpuppte sich das Geheimniß. Ich sollte jedem einen Schluck Brandy anbieten. Ich that es und Montsua meinte, daß er seinen Unterthanen Brandy anzubieten nicht gestatte, daß er ihn selbst nur ein oder zwei Mal im Jahre und dann nur zu einem halben Glas Wein trinke. Ich schenkte ein, Montsua trank etwa einen halben Löffel voll, griff aber darauf sofort nach Wasser. Chatsitsive brachte zwei Löffel voll hinunter, verzog aber dabei sein langes Gesicht derart, daß selbst Montsua (mit uns) in ein krampfhaftes Lachen ausbrach. Chatsitsive ließ etwa einen Löffel in dem Blechbecher übrig, reichte ihn dem Vize-Kanzler, und dieser leerte ihn rasch, worauf er den Rest mit dem Finger zu erhaschen sich bemühte. Mobili spülte den halben Becher hinab, ohne eine Miene zu verziehen.

Nachdem die hohen Herren uns allen die Hände geschüttelt hatten, und sogar die Diener mit einem Kopfnicken bedachten, stiegen die Besitzer von einigen hundert deutschen Quadratmeilen Landes in ihren Karren, Mobili nahm die Zügel zur Hand, um sich zur Abfahrt fertig zu machen; da legte sich Montsua's Linke an seine Schulter, während er mir mit der Rechten noch einmal an den Karren heranzukommen winkte. Mit zwei Sätzen war ich an seiner Seite und der Dolmetscher frug mich in des Königs Namen, wo ich den für ihn bestimmten »Rumela« (Empfehlungsbrief) des Missionärs Webb habe. Ich holte beide Schreiben und bat nun den König, den zweiten an seine Adresse zukommen zu lassen, konnte jedoch nicht umhin, meiner Verwunderung Ausdruck zu geben, daß man am Hofe zu Moschaneng schon von der Sache vernommen hatte. Montsua lachte. »Ja,« meinte er, »ich weiß es seit drei Tagen, denn an Euch gingen eines Tages, während Ihr schliefet, zwei Barolongen von Molema's Town vorüber, welche mir die Nachricht von Deinem Besuche der Stadt, Deinem Thun daselbst und von dem Zwecke Deiner Reise, von den beiden Briefen und der guten Wirkung Deines Molemo an Bruder Molema zu berichten hatten.«

Am folgenden Morgen besuchte mich Herr Martin, einer der besten Männer unter den Weißen, die ich unter den central-südafrikanischen Eingebornen gefunden, zugleich mit Gentuña, dem Häuptling der Baharutsestadt, welche den nördlichen, durch einen Bach getrennten Theil von Moschaneng bildet. Wir hatten eine längere Unterredung, die mir sehr willkommen war.[1] Ich benutzte jeden freien Augenblick zum Sammeln und war mit dem Aufenthalte in dem traulichen Gehölze sehr zufrieden.

1 Kanja (Kanje) die Hauptstadt der Banquatetsen (oder Ba-N'Quatetsen) und Chatsitsive's Residenz liegt neun englische Meilen, Süd bei Ost, von Moschaneng; eine Tagreise weit ostnordöstlich (zwischen 17 und 20 Meilen liegen die Ruinen der früheren Residenz des Balwenakönigs Seschele, doch in ihrer Nähe, nur durch ein Flüßchen entfernt, gegenwärtig zwei Eingebornenstädte, die diesseitige, welche an Chatsitsive's Gebiet liegt von den Manupi und eine zweite an Seschele's Gebiet grenzend, die von den Makhosi bewohnt wird (seitdem sind die Makhosi ausgewandert). Herr Martin sprach sich sehr lobend über Gentuña aus. Herr Martin hatte mit einem anderen Händler auch einen Jagdzug nach dem westlichen Matabeleland unternommen, dabei jedoch durch Krankheit, die Tsetse und andere Unannehmlichkeiten viele Zugthiere und im Allgemeinen sehr viel eingebüßt. Er war an die Tochter des vor Kurzem verstorbenen Districtbeamten des Maricodistrict verheiratet und seine Frau wohnte theils bei ihren Verwandten in Zeerust, theils lebte sie mit ihm in einem kleinen Häuschen in Moschaneng, das er mir gastlich zur Verfügung stellte.

Am 14. Nachmittags setzte ich meine Reise nach Moschaneng fort. Die Fahrt dahin ging durch angebaute Felder und in einem offenen sich nach Osten ausbreitenden, nach Westen durch Felsenhöhen und zu unserer Linken nach Süden durch bebuschte Höhen begrenzten Thale; die letzteren bildeten als die nördliche Kette von Malau's Rand die Höhen von Moschaneng. Malau's Rand ist wiederum als der südcentrale Theil der Banquaketsehöhen zu betrachten, welche durch die Lekhutsa und Makarupuhöhen in östlicher Richtung mit dem westlichen Gebirgsknoten des zentralen Süd-Afrika zusammenhängen.[1]

1 Ich unterscheide drei Gebigsknoten im centralen Süd-Afrika; einen östlichen, die Magalisberge; einen westlichen, das Marico-Höhennetz; und einen nördlichen, den im Matabeleland.