Züchtigung der Knaben.
[Züchtigung der Knaben.]
Alle jene Knaben, die sich zur selben Zeit dieser Zeremonie unterziehen, werden in ein Regiment eingereiht, und desto größer ist der Stolz des heidnischen Betschuana, je mehr Söhne er zur Boguera mitbringen kann. Der Häuptling aber trachtet, daß auch er einen Sohn einstellen kann, oder wenigstens den eines seiner nächsten Verwandten, da dieser die Leitung dieses neu gebildeten, d.h. seines Regimentes übernimmt. Enge Freundschaft wird dann geschlossen und von ihr auch bei den zuweilen am Hofe auftauchenden Streitigkeiten guter Gebrauch gemacht. Diese Freundschaft bleibt selbst dann aufrecht erhalten, wenn der Sohn des Häuptlings, d.h. der Chef des Regiments, sich später taufen läßt. Die Mädchen dürfen nach der Ceremonie längere Zeit hindurch nicht schlafen, um sie wach zu erhalten, haben sie des Nachts auf den hölzernen Kornstampfblöcken (motso Chlobole) zu sitzen; da jedoch diese Stampfblöcke in der Regel so unförmlich gearbeitet sind, daß sie an und für sich kaum das Gleichgewicht halten können, fallen die darauf Sitzenden sofort nieder, wenn sie, sich vergessend, einschlummern.
Bamangwatomädchen zur Boguera bekleidet.
[Bamangwatomädchen zur Boguera bekleidet.]
Der Hauptzweck dieser Ceremonie ist die Abhärtung der Jugend. Denselben Zweck verfolgt auch der dieser Ceremonie folgende und sich auch im nächsten Jahre wiederholende Jagdzug. Die zu einem Regiment Vereinigten theilen sich, von erfahrenen Jägern angeführt, in mehrere Haufen, um Antilopen, Gazellen etc., im folgenden Jahre Büffel, Elephanten etc. zu tödten. Auf dieser Jagd werden der Jugend alle möglichen Strapazen aufgelegt, ihr jede Erleichterung versagt, lange Märsche in wasserlosen Gegenden unternommen, der Zutritt zu dem Feuer in der oft bitterkalten Jahreszeit nur ausnahmsweise gestattet und sie überdies mit den Qualen des Hungers bekannt gemacht.
Der gemeine Betschuana bestimmt sein Alter nach der Boguera, d.h. er sagt, daß er zu dem oder jenem (bestimmt benannten) Regimente gehöre, oder er nennt eines oder zwei der wichtigsten Mitglieder desselben, z.B. des Oberbefehlshabers, die als »weise« angesehen, den Fragesteller vielleicht mit einer anderen Antwort befriedigen können.
In die Kategorie des eben betriebenen Gebrauches gehört auch nach Mackenzie die Tschwaragana moschwang, das Bündniß zwischen zwei Häuptlingen, das Gelübde der Treue, Freundschaft und des Vertrauens zwischen ihnen, z.B. dem Herrscher eines Landes und einem bei ihm als Gast oder Schützling weilenden Häuptling. Das Bündniß wird auf folgende Weise ceremoniell gefeiert. Ein Hausthier wird geschlachtet und der Magen aufgeschnitten, und nun tauchen beide Häuptlinge ihre Hände in seinen Inhalt und schütteln sich dann dieselben.
Zu diesen Gebräuchen gehört auch die Reinigung jener, die aus einem Kriege oder von einem Raubzuge heimkehren, die Reinigung ihrer Waffen und der Gefangenen wie der übrigen Beute, die sie aus dem Kriege mitbringen, die Reinigung aller Personen, die eine Leiche berühren oder berühren müssen, jene der Frauen nach Geburten, die ein bis drei Monate, je nach der Wohlhabenheit ihres Mannes (je wohlhabender desto länger) abgesondert leben müssen, ferner die Isolirung und Abschließung der Schwererkrankten. Die Reinigungen, die meist gegen Bezahlung von Seite der Linjaka's ausgeführt und von ihnen auch oft angeordnet werden, sind äußerst mannigfach. Dazu gehört z.B. das Abschaben der Wollhaare am Kopfe mit einem scharfen, kleinen Horn, Messer etc.
Am 16. Februar brachen wir endlich von Schoschong nach dem Maricodistrict auf. Jupiter grollte uns noch immer und sorgte für die ausgiebigste Erschwerung des Fortkommens auf dem völlig durchweichten, schlammigen Boden. An manchen Stellen stand das Wasser zwei Fuß hoch und auch an ein Ausweichen war bei dem dichten Baumwuchs auf der Strecke nicht zu denken. Die Gesammtstrecke von Schoschong bis zu dem Punkte, an welchem der Reisende den Limpopo auf seinem Zuge nach Südosten trifft, ist ein einziger Wald. Manche Stellen zeigten salzhaltigen Grund und auch Salzseen waren nicht selten. Der südlichere Theil an den Ufern des Sirorume ist etwas hügelig und hier ist der Wald tiefsandig. Zur Winterszeit hat diese drei Tagereisen beanspruchende Strecke nur an zwei Stellen Süßwasser.
Während der Fahrt am 17. beobachtete ich zum ersten Male ein hühnerartiges Federwild, welches in Süd-Afrika allgemein »det fasant« genannt wird. Ich hörte ein lautes, schrilles Gackern in einem dichten Niederbusch und bald darauf erschien der Schreier, ein bräunlicher Vogel, (Francolinus nudicollis) auf einem Baumstumpf. Er gehört zu den rebhuhnartigen Vögeln und ist über einen großen Theil der bewaldeten und bebuschten, wasserreichen Thalpartien der von mir besuchten Gegenden Süd-Afrika's verbreitet, auch in Süd-Central-Afrika sehr häufig. Paarweise oder in kleinen Ketten lebend, wacht der Hahn treu über das Wohl der Seinen, schreit bei jeder Gelegenheit, während des Scharrens, wenn er sich umsehen will, sich ein Feind nähert, oder wenn er Abends die Lagerstätte im gewohnten Busch oder Baum aufsucht. Durch sein Geschrei und weil er sich, wenn auch nur für wenige Momente, auf hervorragende Gegenstände setzt, wird er oft des Jägers Beute.
Am 18. passirten wir einen einige hundert Schritte langen, ellyptisch geformten, flachen, kaum zwei Fuß tiefen Salzsee, der mit einer stark salzhaltigen, milchigen Flüssigkeit gefüllt war. Nur an seinem nördlichen Ende ist in trockenen Jahren in Felsenlöchern Trinkwasser zu finden. Still lag die milchig-graue Fluth des todten See's von einem breiten, hellgrünen Rasenbande umsäumt in einer mäßigen Vertiefung des Waldes vor uns. Kein grüner Binsenhalm, kein Blatt der Seerose schaukelte sich darin. Hier waren es Bäume, die das sich sanft erhebende Ufer bekränzten, dort undurchdringliches Gebüsch, wo nur gebeugt und mühselig zwischen den Stämmchen die flüchtige Deukergazelle wandeln mochte—in den übrigen Uferpartien neigten sich von dem Niederwalde die kurzen schattigen, einer gemeinschaftlichen Wurzel mehrfach entsprossenen Akazienbäumchen herab und Blumen wucherten überall—daß der todte See in der Vertiefung einer duftenden bebuschten und bewaldeten Au begraben zu sein schien. Später nannte ich den Salzsee dem jetzigen, edlen Bamangwato-Könige zu Ehren »Khama's Salzsee« (Khama's Saltpan). Am Rande des See's fand ich Grünsteinstücke und Chalcedone, sowie an der nahen, dicht mit Dornbäumen bebuschten Bodenerhebung Quarzit und weiterhin Kalkfelsen vor. Zahlreiche Spuren deuteten auf die Anwesenheit kleinerer Gazellen, Gnu's, Zebra's und Giraffen, welche in den westlich und östlich nach dem Limpopo sich ausbreitenden bewaldeten Ebenen reichliche Weide finden.
Unter den Bäumen fiel mir namentlich einer auf, dessen vortreffliches Holz ich noch später kennen lernen sollte; es ist dies eine den Boers als Knopidorn bekannte und bis zu 50 Fuß Höhe meist gerade wachsende, selten gabelig verästelte Mimose. Die grau bis gelblichgraue Rinde ist mit ein bis zwei Zoll langen Auswüchsen versehen, welche an ihrer meist stumpfen Spitze hakenförmig gekrümmte, kleine und scharfe Dornen tragen. Ihr Holz wird als Bauholz, namentlich aber zu Wagnerarbeiten verwendet.
Nachmittags gelangte ich zu einigen Salzlachen, in denen ich zu meinem Erstaunen Fische—eine mir bekannte Species—äußerst verkümmert vorfand. Bei der Lage der Tümpel auf der Höhe des Hochplateau's läßt sich ihr hiesiges Vorkommen nicht anders erklären, als daß sie durch Vögel hieher übertragen worden waren. Der Abend überraschte uns in dem Thale des oberen Sirorume, dort, wo er sich über einige interessante Sandsteinbänke in ein offenes Thal Bahn bricht, um dann eine südliche, später eine Ostsüdost-Richtung nach dem Limpopo zu verfolgen. Als wir am nächsten Tage den tiefsandigen Wald, in dem inneren Bogen des Sirorume durchzogen, wurden wir vom Wagen aus auf eine Spur aufmerksam, welche durch das Gras führte; das hohe Gras schien wie mit einer zwei Meter breiten Walze niedergedrückt worden zu sein—die Stelle näher untersuchend fanden wir Elephantenspuren. Zwei nach dem Transvaal-Gebiete ziehende Bamangwato berichteten uns, daß diese Spuren von einer kleinen Heerde der großen, kleinzähnigen Elephanten herrührten, welche hier an der Grenze von Sekhomo's und Seschele's Gebiet »wechsle«. Es mußte jene Heerde sein, von der ich schon vernommen und die sich auch hier noch zwei Jahre aufhielt, bis sie von den Damara-Emigranten vernichtet wurde.
Vor uns in ziemlich geringer Entfernung wand sich das Thal des Sirorume, darüber hinaus nach Westen und Süden lag unabsehbar ein dichter Niederwald. Bald darauf stiegen wir zum zweiten Male in das Thal des Sirorume, von den Engländern the Brack reeds genannt, herab. Das Bett des Flusses ist hier meilenweit auf- und abwärts flach und ein einziges mit bohem Schilf bewachsenes Moor. Dreimal passirte ich diese Strecke und jedesmal fand ich die Gegend überraschend reich an der bekannten Buffadder. Alle unsere Mühe Trinkwasser zu finden war vergebens und so zwang mich die Wassernoth und der herabgeschmolzene Mehlvorrath weiterzureisen.
Khama's Salzsee.
[Khama's Salzsee.]
Am 21. endlich stießen wir auf der Höhe des bewaldeten Plateau's auf eine jener unverhofft anzutreffenden Regenlachen, deren Vorkommen ich bereits bei der Schilderung meiner ersten Reise erwähnt habe.
Auf unserer Weiterfahrt am 18. hatten wir Gelegenheit, zwei Buffaddern, Puffotter (Vipera arietans), einen Meter lange, armdicke Exemplare mit herzförmigem Kopf und zwei sehr langen und stark gekrümmten Giftzähnen zu erlegen. Das Schuppenkleid dieser Schlangen variirt in der Farbe zwischen gelblich- bis dunkelbraun und ist schräg nach abwärts, abwechselnd hell und dunkel gebändert. Vom Meere bis zum Zambesi verbreitet, bewohnt sie unstreitig gewisse Striche häufiger als andere. So fand ich namentlich dicht bebuschte, besonders mit Dornbüschen bewachsene Partien dichter von dieser Schlange bevölkert. Eben diese Partien werden auch seltener von den Schlangenadlern aufgesucht. Die meisten Exemplare lagen träge am Rande von Gebüschen und Pfaden tellerförmig zusammengerollt. Ihre Trägheit und Unbeholfenheit ist merkwürdig—denn ich sah sie in Wasserlöchern liegen, aus denen sie sich nicht mehr emporwinden konnte. Ihrer stark nach rückwärts gekrümmten Giftzähne halber, kann die Buffadder nicht gleich den gewöhnlichen Species verwunden, sie muß vielmehr um dies zu thun, ihren Vorderkörper nach rückwärts krümmen, den Kopf senken und sich mit dem halben oder ganzen Körper auf ihr Opfer werfen. Dies vermag sie auf mehrere Fuß Entfernung hin und mir sind namentlich Beispiele dieses Angriffs aus der Cap-Colonie und Natal bekannt. Außer dieser finden wir noch eine zweite Eigenthümlichkeit, die mehrmals schon, und dies namentlich in der westlichen Cap-Colonie, beobachtet wurde und welche ich mir in folgender Weise zu erklären suche. Zufällig trifft hier ein Landmann, dort ein Jäger oder ein Hirt auf eine dieser Schlangen. Nicht ihr Anblick, sondern ein eigenthümlicher Ton, der zwischen Fauchen und Aechzen die Mitte hält, wird die Aufmerksamkeit desselben erregen. Diesem fauchenden Aechzen nachforschend, findet der Beobachter eine Buffadder vor sich, welche sich hin- und herwindet, hin- und herschlägt und sich wiederholt krümmt. Bei näherem Herantreten sieht er, daß der Leib des Thieres durchlöchert ist und aus diesen Oeffnungen sich die kleine Brut einen Weg nach Außen zu bahnen sucht. Jene, welche dies beobachtet, waren und sind der Ansicht, daß die »Brut« auf diese Weise zur Welt gebracht wurde, d.h. daß sie sich selbst aus dem Mutterleibe herausfresse; ich konnte dieser Ansicht nicht beipflichten und wurde darin später durch den Bericht eines gebildeten Augenzeugen bestärkt. Unter den Schlangen, die ich in Süd-Afrika kennen gelernt, ist die Buffadder durch die Anhänglichkeit an ihre Brut wohlbekannt. Bei Gefahr, die sie außerhalb ihres Schlupfwinkels überrascht, bläst sie sich auf und droht dem Feinde mit weit aufgesperrtem Rachen. Dabei geschieht es nun—doch bleibt es mir ein Räthsel, ob das Thier dies absichtlich thut oder nicht—daß ein Theil der herumschlängelnden über und unter der Mutter hingleitenden, sich an sie schmiegenden Brut in dem weiten Rachen verschwindet. Die Mutter bläst sich noch mehr auf, wobei die Jungen bald darauf sich gewaltsam einen Ausweg nach außen bahnen, nachdem ihnen zum Theile oder insgesammt vielleicht durch das Schließen der Kinnladen der Mutter der natürliche Ausweg benommen wurde.
Von den Buffadder-Höhen am Unterlaufe des Sirorume herabfahrend, kamen wir in das Thal des Limpopo (auch Ouri und Krokodil-River genannt); die hügelige Gegend am linken Ufer desselben geht nach Westen in ein bewaldetes Hochplateau über, während das rechte und flache theils bewaldete, theils prairienartige Ebenen besäumt. Das Bett des 12-30 Meter breiten Flusses ist sandig, das Ufer steil geböscht und mit undurchdringlichem Gebüsch oder mit hohem Gras bewachsen. Am Ufer fand ich häufig Krokodil-, sowie einige Flußpferdspuren, an den freieren und lehmigen Uferstellen Löwen- und Leopardenspuren und in dem anliegenden Walde konnten wir folgende Wildarten theils beobachten, theils deren Anwesenheit an den frischen Spuren erkennen: Kudu's, Roenantilopen, Wasserböcke, Buschböcke, Hartebeeste, Gnu's, Giraffen und Zebra's.
Wir waren noch nicht weit das Limpopothal nach aufwärts gefahren, als wir erstaunt ein Gefährte vor uns erblickten. Es war ein mit Mehl schwer beladener Wagen, Eigenthum eines Baharutse in Linokana, der den Ertrag seiner Felder nach Schoschong bringen wollte, um ihn da an die Händler oder an die Bamangwato's zu verkaufen. Ein auf südafrikanischen Wegen häufiger Unfall, ein Achsenbruch, nöthigte dem armen Manne an dieser Stelle einen unfreiwilligen, dreiwöchentlichen Aufenthalt auf, denn so lange währte es, bis seine Diener aus Linokana Ersatz herbeischaffen konnten.
Am 22. langten wir an der Mündung des Notuany, eines im westlichen Maricodistrict des Transvaal-Gebietes entspringenden, nur nach heftigem Regen und selbst dann nur stellenweise fließenden etwa 150 engl. Meilen langen Flusses an. Sein Bett ist tief, grubenförmig, und an seinen bewaldeten Ufern finden sich hie und da große, stets wasserhaltende Lachen, welche zahlreiche Fische und oft auch Krokodile beherbergen. Zur Zeit unseres Besuches floß der aus Westen zahlreiche Sand-River aufnehmende Notuany, und da seine Mündung stark verschilft war, dachten wir, daß die Saurier nicht über Land in den Fluß gelangen könnten und gönnten uns an der ziemlich tiefen Furth die Wohlthat eines Bades.
In dem südlichen Winkel der Notuany-Mündung finden wir, wie an mehreren anderen Stellen im Limpopothale, ein »Dornfeld«, d.h. eine umfangreiche ebene und humusreiche Strecke, die mit bis sechs Fuß hohen Acacia horrida-Gebüschen bewachsen ist. Es sind dies Strecken, deren Bodengattung das Herz eines europäischen Landwirthes erfreuen müßten, die hier aber lange Jahre noch brach liegen werden. Auf meinen Ausflügen während des zweitägigen Aufenthaltes am Notuany schoß ich einen grauen Uhu und einen Aasgeier. Thier- und Pflanzenleben boten mir reichlichen Stoff zu den interessantesten Studien.
Im Jahre 1870 hatte einer der Schoschonger Händler zwei Wägen unter der Oberaufsicht von drei Colonial-Halbcastmännern und eines ihnen untergeordneten Bamangwato-Dieners nach Zeerust gesendet. Eine ihrer Raststellen war an der Furth des Notuany-Flusses. Da es die Wagenführer für gut fanden, in der Tageshitze nicht zu reisen, so betrug die Rast mehrere Stunden, welche Zeit sich einer der Halbcast mit einem Ausflug verkürzen wollte und zu diesem Zwecke von einer Meute Hunde gefolgt auf die Jagd zog. Längs des Ufers vordringend, sah er sich bald von seinen vierfüßigen Freunden verlassen, die eine Wildspur aufgenommen zu haben und ihr nun kläffend zu folgen schienen. Er achtete anfangs nicht darauf, als es ihm jedoch däuchte, daß sie mit vereinten Kräften auf eine bestimmte Stelle anschlugen, nahm er diese Richtung auf und näherte sich vorsichtig derselben. Dichtes Gebüsch, hie und da ein Baum und hochbegraste Lichtungen bildeten die Scenerie seiner nächsten Umgebung.
Löwe von Hunden umringt.
[Löwe von Hunden umringt.]
Je deutlicher das Gebell ihm entgegendrang, um so rüstiger schritt er darauf los und sah sich nach einer Viertelstunde einem seltsamen Schauspiele gegenüber. Von der kläffenden Meute umringt, saß einige Schritte vor ihm ein ausgewachsener, dunkel bemähnter Löwe, der seinen mächtigen Schädel bald nach dieser, bald nach jener Seite wendete und dem das heisere Kriegsgeschrei der Hunde kein besonderes Vergnügen zu bereiten schien. Der Jäger schlich sich gedeckt durch einen Busch, bis auf 50 Schritte heran und konnte nun das Zähnefletschen des Löwen sehen und sein dumpfes Brummen vernehmen. Der Mann legte an, doch in dem Augenblicke als er losdrücken will, springt der größte der Hunde, der in Schoschong als ein Hyänenwürger bekannt war, vorwärts, um den König des Waldes zu fassen. Das arme Thier büßte seinen Muth mit dem Tode, ein blitzschneller Hieb mit der Pratze schlug ihn nieder. Seine Brust und der Unterleib zeigten eine klaffende Wunde, aus der die Eingeweide hingen. Nach allen Seiten stoben daraufhin die Hunde auseinander, auch des Schützen Hand zitterte fühlbar und er mußte niederknieen, und mit aller Kraft das Gewehr an die Schulter und Wange pressen, um einen sicheren Schuß zu erzielen. Der Löwe war aufgestanden und beschnupperte sein zuckendes Opfer—da traf ihn die Kugel, wie eingegossen saß sie unter dem Blatte in der Brust und der königliche Räuber fiel auf derselben Stelle, an der er seinen verwegenen Angreifer getödtet hatte.
Am 24., als wir uns der Marico-Mündung näherten und einige der hier zahlreichen den Weg kreuzenden, nach dem Limpopo zu führenden engen Regenschluchten passirten, brach die in Schoschong gezimmerte Achse, doch gelang es dieselbe noch so weit herzustellen, daß sie bis zur nächsten Transvaal-Farm Dienste leistete. Am folgenden Tage hatte ich Gelegenheit, zwei Heerden der schönen, im Buschlande in den Wäldern nördlich vom Molapo bis in's centrale Afrika wohnenden, hier an Häufigkeit den südlichen Bläßbock der Grasebenen vertretenden Pallah's zu treffen. Unsere Weiterfahrt war durch anhaltende Regen gehindert und da wir noch immer in der Niederung des Limpopo und später jener des Maricothales aufwärts zogen und es in den letzten Wochen hier ebenso stark wie in Schoschong geregnet haben mußte, so reisten wir fast die Hälfte der Strecke hindurch durch Wasserlachen und Sumpfland, ohne selbst zu unserem Nachtlager eine trockene Stelle ausfindig machen zu können.
Auf einer großen Wiesenfläche zu unserer Linken (am linken Maricoufer) wurden wir auf der Morgenfahrt des 26. von einem seltenen Anblick überrascht. Mehr denn die Hälfte der Au, einige hundert Schritte im Gevierte messend, glich einem einzigen feuerrothen Teppich, ringsum von dem üppigen Grün der Wiesenflur und dem dunklen Grün der Mimosen-Büsche und Bäume umrahmt. Dieses herrliche Bild war durch blühende Aloën hervorgerufen, welche aus dem Kranze ihrer fleischigen und bedornten Blätter, die bis drei und vier Fuß hohen, oben armleuchterförmig verästelten Aehrenblüthen tragenden Stengel emporhoben. In den dichteren Büschen beobachtete ich manche derselben mit einer schön schwefelgelbblüthigen Schlingpflanze überladen.
Die Anstrengungen der Reise, die Fieberluft der durchzogenen Gegenden und die feuchten Nachtlager der letzten Tage blieben nicht ohne Folgen für meine Gesundheit, am 28. hatte sich mein Zustand derart verschlimmert, daß wir die Reise unterbrechen mußten. Die allgemeine Abspannung hatte in einem solchen Grade zugenommen, daß ich nicht im Stande war, vom Wagen herabzuklimmen, sondern von den Gefährten heruntergehoben werden mußte. Nach 1½ Stunden trat heftiges Erbrechen ein, der Kopf schien mir centnerschwer, und ich war unfähig, auf die Fragen der mich bestürmenden Freunde zu antworten. Allmälig schwand die Kraft der Sinne und ich verfiel in ein zweistündiges Delirium, aus dem ich auf einen Moment—Dank der Hilfe meiner Gefährten—erwachte. Die drei Männer knieten an meiner Seite und frottirten mich mit kühlem Wasser. Freund E. schluchzte laut und F. lief wie sinnlos umher. Nur nach der aufopfernden Pflege des um mich besorgten Freundes Eberwald, und nachdem ich mir, des heftigen Blutandranges zum Kopfe halber, mit Noth zur Ader gelassen hatte, trat eine merkliche Besserung ein. Die rührende Sorgfalt und Theilnahme Eberwalds zeigte sich mir bei dieser Gelegenheit im schönsten Lichte und machte mir den Freund um so werther. Das eiserne Gebot der Notwendigkeit, die afrikanische Natur, hatten indeß den besten Einfluß auf meine Genesung, am dritten Tage war ich wieder so weit hergestellt, daß wir die Reise fortsetzen konnten.
Am 3. verließen wir das eigentliche Thal des Marico[1] überschritten den Sattel und kamen in einen nur nach dem Marico zu offenen Kessel, der von dem Betschuanaspruit durchkreuzt, im Süden von der interessanten Gruppe der Berthahöhen gebildet wird. An ihren südwestlichen Ausläufern liegt Tschune-Tschune (engl. Tshwene-Tshwene), die Stadt der unter dem Häuptling Matlapin stehenden Batloka, die auf dem Gebiete Seschele's liegt, das von der Sirorume-Mündung bis an die Dwarsberge reicht. In dem Niederwald im Kessel, namentlich gegen Tschune-Tschune, fand ich den Morula-Baum mit reifen Früchten.
1 Ich beobachtete am Marico-Ufer Granit- und Gneisfelsen mit aufsteigenden mächtigen Quarzadern, die von großen Goldglimmerplättchen durchzogen waren.
Am 4. trafen wir im Weichbilde der Stadt ein. Die Stadt selbst war ziemlich reinlich gehalten. Die Gehöfte und Hütten waren größer und geräumiger als jene der meisten Betschuana's und hie und da von Gärtchen umgeben. Auf den Feldern stand nur noch hie und da etwas Korn, Mais und Kafirzuckerrohr. Ich hielt vor der Stadt, da mir von Batloka's bedeutet wurde, daß der Morena betrunken sei und es in der Stadt lustig hergehe. Von dem Hochplateau, aus dem sich der letztgenannte Höhencomplex erhebt, herabsteigend, fanden wir an dem Abfall desselben in dem harten grauen Kalksteinfelsen mehrere tiefe Löcher, welche kühles Quellwasser enthielten. Von diesen Quellen bot sich uns ein überraschender Anblick. Vor uns lag ein mehrere Meilen breites, leicht bewaldetes Thal, das sich gegen Osten nach dem Marico zog und im Süden von einem langen bebuschten und bewaldeten, zahllose Kuppen aufweisenden Höhenzuge, den Dwarsbergen, begrenzt war. Jenseits derselben lag bereits das Gebiet der Transvaal-Republik. Den Paß, über den ich die Dwarsberge am 6. überschritt, nannte ich Schweinfurths-, den nächsten westlichen Rohlfs-Paß. Von der Sattelhöhe desselben erblickten wir auf einer namentlich nach Osten gegen den Marico sich ausbreitenden Ebene die erste Farm. Am jenseitigen Fuße der Höhen begegneten wir einem nach dem Damaralande auswandernden Boer.
Auf der Farm Brackfontein angelangt, entdeckte ich zu meiner freudigsten Ueberraschung, daß der Eigenthümer ein Schmied war, und ich nun die Schäden an meinem Wagen ausbessern lassen konnte. Der Einladung seiner beiden Söhne, sie auf die Jagd zu begleiten, konnte ich mit Rücksicht auf meine Reconvalescenz nicht folgen, obwohl der Reichthum der Gegend an Wild verlockend war. In den dichter bebuschten Partien an den Dwarsbergen gab es Gazellen und Kudu-Antilopen, in den leicht bewaldeten Partien an ihrem Fuße und auf den Grasebenen nach Osten und Süden Heerden der beiden Gnu-Arten, Zebras, Springböcke und zuweilen wurden auch Säbel-Antilopen und Strauße sichtbar. Fourier, der Farmer, erwähnte auch, daß Löwen zur Winterszeit die Gegend beunruhigen und erzählte mir mehrere Jagdabenteuer, von welchen ich eines hier anführen will, das er und seine benachbarten Farmer im Maschonalande erlebten.
Elephant und Boer.
[Elephant und Boer.]
Auf einem gemeinschaftlich unternommenen Jagdausfluge im Gebiete der Tsetsefliege hatten dieselben eine Elephantenheerde aufgespürt; da sich die Spuren plötzlich theilten, folgte Fourier mit seinen Matabele-Dienern den zahlreicheren, während sein Freund die riesige eines männlichen Thieres aufnahm. Er war auch der erste, der seiner Beute nach einem halbstündigem Marsche ansichtig wurde. Fourier hörte auch dessen Schuß und kehrte, nachdem sein Bemühen, die Heerde aufzufinden, erfolglos war, zu seinem Freunde zurück, er fand ihn, doch nur als Leiche, wieder. Auf den Boden gestreckt, sein Gesicht mit Blut befleckt, das aus Mund, Nase und den Ohren floß. Vor ihm lag sein Gewehr[1] mit geborstenem Kolben und etwa 30 Schritte in gleicher Richtung unter einem Baume der Cadaver eines großen männlichen Elephanten. Während der Erzählung des Farmers hatte ich eines der riesigen, unbeholfenen und schweren, stark verrosteten Vierpfünder in die Hand genommen, die Innenfläche (Backenfläche) war mit Schafwolle ausgefüttert und mit einer weichen Haut überzogen.
1 Das Gewehr, von ¼pfündigem Kaliber, wird, da vier Kugeln auf ein Pfund gehen, von den Boers Vierpfünder genannt.
Von Brackfontein wandte ich mich am 12. nach Süden, um—das sogenannte »Bushveldt« (Buschfeld) durchkreuzend—die in dem eigentlichen Marico-Höhennetze liegende Eingebornenstadt Linokana aufzusuchen.
Ohne vorläufig auf eine nähere Beschreibung des Bushveldts einzugehen, will ich hier nur erwähnen, daß es von einem bewaldeten Hügelland gebildet wird, das zahlreiche mit den Dwarsbergen zusammenhängende, niedere Kämme, sandige Bodenerhebungen, isolirte Hügel und zahlreiche Thäler aufweist und dessen Boden mit üppigem Grase bewachsen ist. Bevor ich es durch den Buyspaß (Buysport) verließ, berührte ich die Farmen Markfontein, Sandfontein, Witfontein. Der Eigenthühmer der erstgenannten, Zwart, hatte die ziemlich umfangreiche, große Farm um 300 £ St. erstanden. Auch Zwart war ein alter Elephantenjäger und hatte das Damaraland und die Zambesi-Fälle auf seinen Streifzügen besucht. In Sandfontein wohnte in einem Hartebeest-Häuschen ein Holländer, der für Herrn Taylor, den Kaufmann bei Seschele, die Verfrachtung der Waaren besorgte. Wir wurden von ihm und seiner freundlichen, alten Mutter, trotzdem daß er hier nur mit den Seinen periodisch einige Tage im Monat wohnte, auf das Beste bewirthet.
Buysport, Felsenthor im Bushveldt.
[Buysport, Felsenthor im Bushveldt.]
Abends erreichten wir den erwähnten Buysport (Paß) und überschritten ihn am folgenden Tage (15. März). Der Buyspaß gehört zu den anziehendsten Partien des Marico-Höhennetzes. Ein Spruit, der in kleinen, tiefen Lachen das ganze Jahr hindurch Wasser in seinem felsigen Bette birgt, muß einigemal gekreuzt werden, und wenn auch das Fortkommen dadurch sehr erschwert wird und die größte Vorsicht erheischt, so bietet sich dem Auge in dem bald von bewaldeten, bald schroff abfallenden oder stufenförmigen Felsenblöcken eingeengten Flußthale ein so pittoreskes und schönes Bild dar, daß man die Mühen der Reise durch den Paß nicht scheut, und dies um so mehr, als der Naturfreund sich reichlich belohnt findet.
Baharutse Wasser schöpfend.
[Baharutse Wasser schöpfend.]
Buschböcke, Roibock-Gazellen, Klippspringer, Paviane und Meerkatzen gehören nebst kleineren katzenartigen Raubthieren und dem Hyrax zu den gewöhnlicheren Erscheinungen unter den größeren Vierfüßlern, doch trifft man auch zuweilen Leoparden, Luchse und Kudu's. Der Reichthum an Vögeln, Schlangen, Insecten und Pflanzen ist überraschend. Nebst dem schon hie und da erwähnten Wildgeflügel—mit Ausnahme der Trappen und der trappenähnlichen Otis—fand ich Wachteln, zwei mir neue Drosselarten, einen Wendehals, zwei Mandelkrähen-Arten etc.
Das Hochplateau, das wir nach Passirung des Passes betraten, war ein herrliches Wiesenland und von zahlreichen bebauten Flächen bedeckt, nach Westen und Osten senkt es sich zu den Notuany- und Zeerust-Höhen herab. Diese Höhen einige Meilen in südwestlicher Richtung herabfahrend, kamen wir in das Thal des obern Notuany, das von dem unmittelbar vor uns einmündenden Matebethal durch einen Höhenzug theilweise getrennt und zur Hälfte seiner Ausdehnung bebaut war. Diese Felder bildeten das Wahrzeichen Linokana's, einer Baharutsestadt, von deren blühendem Ackerbau ich schon in Moschaneng, Molopolole und an anderen Orten vernommen hatte. Der Notuany, den wir einige Meilen oberhalb seiner Quellen überschritten, floß in einem grabenförmigen Bette und war mit einigen Holzstämmen neu nothdürftig überbrückt, über welchen höchst primitiven und gefährlichen Bau wir den Wagen übersetzen mußten. Wir fuhren in das Thal des Matebeflüßchens und kamen bald in den Thalkessel von Linokana, in dessen Mitte, sowie an dessen nördlichem und östlichem Rande der Höhen die gleichnamige Eingebornenstadt erbaut ist.
In den zahlreichen Schilfrohrdickichten am Matebeflüßchen macht sich eine reiche Thierwelt bemerklich. Der Abend und der Morgen sind die Zeiten, an denen wir ihrem Treiben lauschen, die graue Wildkatze im Beschleichen der Schnepfen und der langschwänzigen Capfinken, den Wasserleguan und seltener auch den Caracal beobachten können, den letzteren doch nur dann, wenn es ihm in seinem Felsengeklüfte an Nahrung gebricht und er sich gezwungen sieht, in das Thal herabzusteigen, wo ihm dann die Schilfrohrdickichte reiche Beute und einen sicheren Schlupfwinkel bieten.
Gleich beim Betreten des östlichen Thalkessels fällt uns neben den wohlbebauten Feldern eine dichte Baumgruppe am nördlichen Ende der Stadt auf, aus welcher Baumgruppe sich namentlich einige schlanke und weithin sichtbare Eucalyptus-Bäume[1] bemerkbar machen. Sie beschatten mehrere im europäischen Style erbaute Häuschen, die einem freundlichen und zuvorkommenden Manne als Wohnstätte dienten, der mit seinem Beispiele so wohlthätig auf die Baharutse eingewirkt hat, daß diese jetzt unter den Transvaal-Betschuana's die bedeutenden Ackerbauer und wohl auch die wohlhabendsten sind. Thomas Jensen ist der Name dieses Missionärs, ein Mitglied der Hermannsburger Missionsgesellschaft; er nahm uns freundlich auf, führte mich zum Häuptling Moilo (oder Moiloa) und zu den anderen an den Bergen wohnenden Häuptlingen, Tschukuru etc. Moiloa war eine hohe Greisengestalt, freundlich, obgleich mit harten Gesichtszügen, er war ein treuer Unterthan der Transvaal-Republik, besorgt um das Wohl seiner Unterthanen und überragte in mehrfacher Hinsicht die Herrscher der Nachbarreiche. Er stellte mir seine Söhne vor, von denen er keinen der Nachfolge auf den Thron fähig bezeichnete, übrigens war der in Moschaneng lebende Sohn eines verstorbenen Verwandten, als Ursprosse des alten Königshauses aller Betschuana's, der Baharutse in Linokana, der rechtmäßige zukünftige Häuptling.
1 Dieselben hatten bei einer Höhe von über 60 Fuß einen Stamm-Durchmesser von zwei Fuß.
In jedem größeren Gehöfte in der Stadt fand ich einen Pflug und überall ragten Wagendächer zwischen den kegelförmigen Grasdächern hervor. Dem Rathschlage Rev. Jensens folgend, haben es die Baharutse verstanden, die an den westlichen Höhen des Thalkessels entspringende Quelle des Matebeflüßchens auszunützen; sie wird theilweise durch die Stadt, doch auch in mehreren Armen durch die Felder und Obstgärten geleitet und sowohl zur Bewässerung des angebauten Landes, als auch als Wasserleitung für häusliche Zwecke in Anspruch genommen. Die erwachsene männliche Bevölkerung zahlte zehn Shillinge Kopfsteuer an die Transvaal-Republik und war im Kriegsfalle verpflichtet, Männer und Zugthiere beizustellen. Rev. Jensen war mit der Inempfangnahme der Kopfsteuer betraut und lieferte sie an die Regierung ab, wofür ihm keine Vergütung irgend einer Art zu Theil wurde, obgleich er jährlich an 400 £ St. abgab.
Um das Missionsgehöfte ziehen sich die Gärten und Felder, in denen Mais und Weizen angebaut wird und Pfirsiche, Aprikosen, Birnen, Feigen, Orangen und Zitronen gedeihen, deren Ertrag eine willkommene Beisteuer zu dem allzu bescheidenen Gehalt des Missionärs bildet. In dem kleinen Blumengärtchen begrüßten wir alte Bekannte aus der trauten Heimat, da gab es mehrere Arten von Rosen, theils einzeln, theils als Hecken gezogen, Schwertlilien, die buntfarbigen, duftenden Nelken, den Pfeifenstrauch, verblühte Tulpen, Hyazinthen etc.
Das Familienleben des Missionärs unter den hohen Bluegum-Bäumen am Matebeflüßchen glich einer stillen, glücklichen Idylle, und war um so beachtenswerther, als sie den dunklen Nebenmenschen ein leuchtendes Vorbild war. Rev. Jensen theilte uns auch mit, daß sicheren Nachrichten zufolge, die über Capstadt von Zanzibar gekommen waren, Livingstone einem Ruhr-Anfall am Bangweolo-See erlegen sei, was unsere allgemeine Freude über die freundliche Aufnahme nicht wenig trübte. Von Rev. Jensen erfuhr ich, daß der erste Begleiter Livingstone's auf seinen Missionsreisen in Linokana noch lebe.
Der Häuptling Moiloa beklagte sich bei mir durch Rev. Jensen über das Betragen einiger Weißen, die in die Stadt gekommen waren, namentlich eines Photographen von Gewerbe (eines Amerikaners) und eines Engländers, der sich C.H. nannte. Rev. Jensen berichtete mir eine höchst interessante Heilung von Schlangenbiß, die er an einem Bewohner Linokana's beobachtet hatte. Ein Mann war während des Holzfällens von einer Cobra gebissen worden. In seiner Angst laut schreiend, ließ er Beil und Pfähle im Stiche und lief aus Leibeskräften über Stock und Stein nach dem Missionshause zu. Verwundert sieht Jensen einen über und über mit Schaum bedeckten Mann heranstürzen, der, bei ihm angekommen, vor Ermattung niederfällt und kein Wort zu stammeln im Stande ist. Als er nach einiger Zeit zu sich kommt und die Wunde vorzeigt, war ihre nächste Umgebung nur etwas geschwollen, allein der Mann fühlte sich ganz wohl und ward gesund, ohne ein Medicament genommen zu haben. Der heftige und reichliche Schweiß hatte zweifellos das Gift aus dem Körper getrieben.
Scene aus dem Leben der Baharutse.
[Scene aus dem Leben der Baharutse.]
Die Baharutse besitzen zahlreiche Heerden, obgleich sie jährlich eine bedeutende Anzahl durch die herrschende Lungenseuche verlieren.[1]
1 Nur durch von der Regierung erlassene Maßregeln und durch die Einführung von Acid. sulphuricum dilutum als Specificum, wird man mach meinem Dafürhalten diesem Uebel kräftig entgegenwirken und damit ein großes Capital, das jährlich im Transvaal-Gebiete nutzlos verloren geht, vielleicht retten können.
Linokana (=ein kleiner Fluß—Li=der—noka=Fluß—nokana=Flüßchen) wurde früher, aber nur zu Lebzeiten des Häuptlings Moiloa und ihm zu Ehren Moiloa genannt. Für den Sammler ist, wie Karl Mauch dies bestätigt hat, ein mehrwöchentlicher Aufenthalt in Linokana sehr lohnend. Mit Ausnahme der Mamalia sind naturhistorische Objecte aller Art reichhaltig vertreten.[1] Die Höhen, von denen der nördliche der To- (Elephanten-), der östliche Po- (Büffel-) Berg genannt werden, die Wiesen und morastigen Partien des Matebethales, die bewaldeten des Notuany zeigen eine große Reichhaltigkeit an Vögeln, unter denen namentlich Raubvögel, langschwänzige Finken, Bienenfänger, grünliche Tauben und Purpurreiher etc. auffallen.
1 Eisenhaltiger Schiefer sowie der harte graue Transvaal-Kalkstein mit Kalkspath, Blei-, Eisen-, und Kupfererzen durchschlossen und ganze Hügel von Petrefacten, der letzten Periode angehörend, welche deutlich auf ein Vorhandensein heißer Quellen schließen lassen, werden die mineralogischen Sammlungen bereichern.
In früheren Zeiten hatte Moiloa große Treibjagden veranstaltet, welche auf der westlichen Hochebene abgehalten wurden. Er ließ große Flächen derselben umzingeln und die Treiber das aufgescheuchte Wild gegen den Abfall der Hochebene nach Linokana zu treiben, wo es von den Schützen erwartet und zum großen Theile erlegt wurde.
Am 16. verließ ich Moiloa's freundliche Ackerbauer und schlug eine südliche Richtung ein, um nach Zeerust zu gelangen. Wir kamen am selben Tage bis zur nächsten schönen Farm, die dem Fieldeornet Martin Zwart gehörte, und den wir eben mit der Destillation von Pfirsichbranntwein beschäftigt fanden. M. Zwart besaß hier zwei Farmen, hatte mehrere an der Grenze verkauft und befand sich trotzdem in keineswegs rosigen Verhältnissen. Gleich vielen anderen einst wohlhabenden Farmern ließ die leidenschaftlich betriebene Jagd auch ihn nicht aufkommen. Er war 21 Jahre lang Jachter (Jagter-Jäger) gewesen, während welcher Glanz- und zugleich Verarmungsperiode er 294 Elephanten erlegt hatte.
Südafrikanische Trappe.
[Südafrikanische Trappe.]
Im Notuanythal aufwärts zu den Quellen dieses Flusses ziehend, unternahm ich eine Excursion, nach der Farm des Oosthuisen, der hier mit mehreren Verwandten in einem schönen Thalkessel wohnte. Seine Farm ist nennenswerth reich an Kupfererzen, welche auch hier zuvor von den Eingebornen gewonnen, geschmolzen und zu Armringen etc. verarbeitet wurden; ebenso wie man an den Höhen unfern der Matebequellen bei Linokana Stellen findet, an denen Eisenerze in ähnlicher Weise verarbeitet wurden. Oosthuisen beschäftigte sich namentlich mit Mais-, Weizen- und Tabakbau und dem Gerben von Thierfellen, die er den aus dem Inneren heimkehrenden Jägern abgekauft hatte. Nach Zwarts Farm zurückgekehrt, fuhren wir zwei Stunden später in das nahe liegende Zeerust, den Sitz der Behörde für den District Marico. Damals nur aus circa 40 Häusern bestehend, hatte das Städtchen eine mit hoher Mauer umfriedete holländische Kirche, welche bei der früheren Unsicherheit der Gegend, der holländischen Bevölkerung der nächsten Umgebung als Zufluchtsort diente.
Tschukuru, Häuptling der Baharutse.
[Tschukuru, Häuptling der Baharutse.]
Zeerust liegt am kleinen Marico, der sich nach Osten durch die Höhen Bahn bricht, um sich mit dem großen Marico zu vereinigen. Der Marico-District ist zum größten Theile ein von zahlreichen fließenden Bächlein und Flüßchen durchzogenes und äußerst fruchtbare Thäler besitzendes Höhenland, das auch verhältnißmäßig besser als die meisten übrigen Transvaal-Districte angebaut ist. Ein Theil ist mit einem Mimosen- und anderem Niederwald bedeckt und in seiner Gesammtheit ein gutes Weideland für Pferde und Rinder. Die Farmen stehen hier auch dichter und wir sehen die Gartencultur ziemlich schwunghaft betrieben, daß wir jedoch trotz Allem die Wohlhabenheit nur auf gewisse Farmen concentrirt fanden, rührt daher, daß sich die Besitzer der meisten derselben der Elephantenjagd ergeben hatten und dabei die Erträgnisse des fruchtbaren Bodens an dieses so beschwerdenreiche Vergnügen vergeudeten. Das von den Betschuana-Königen erlassene Jagdverbot wird diese Jäger zwingen, daheim bei ihren Pflügen zu bleiben, was ihre materielle Lage heben und in einigen Jahren dem Reisenden nur ein Bild allgemeiner Wohlhabenheit im Marico-District bieten wird.
Am 19. verließ ich Zeerust im Thale des kleinen Marico aufwärts nach Süden. Nachdem wir eine Anzahl von Farmen, die theils im Thale und in den Seitenthälern, theils an den Abhängen liegen und Quarifontein, Quaggafontein, Kafirkraal, Graffel und Deukfontein etc. heißen, passirt hatten, gelangten wir auf das Hooge-Veldt (Hohe Feld), eine der größten Grasebenen des südafrikanischen Hochplateaus. Im Osten waren die Zwart-Ruggens (schwarzen Höhenrücken) sichtbar. Die wildreiche Ebene ist der östliche Theil der zwischen dem Molapo- und dem Hart-River liegenden Wildebenen jenes Hochlandes, in dem der Hart-River, der Molapo und der Marico mit vielen ihrer Nebenflüsse entspringen und denen der bei Wonderfontein beschriebene und sonst oft erwähnte graue Transvaal-Kalkstein als Grundlage dient. Auf diesem Hochplateau, dem östlichen Theil des Hooge-Veldt, stießen wir blos auf zwei Farmen, Pit- und Witfontein, welche in kleinen Vertiefungen lagen, die nach dem Hart-River zu führen schienen.
Auf einer der Farmen klagte mir der Eigenthümer über die Dreistigkeit der Hyänen. Eine solche war einige Wochen zuvor Abends, als der Eigenthümer in der Stube saß, in dieselbe eingedrungen. Der Mann, der eben eine holländische Zeitung las, dachte, es sei ein Hund, als ihn sein unter dem Tische liegender Hund, der auf den frechen Eindringling lossprang, eines Anderen belehrte. Auf Pitfontein fanden wir Löwenspuren und die Söhne des Farmers erzählten uns, daß eine der in dem umzäunten Felde arbeitenden Barolong-Dienerinnen zwei Tage zuvor, Früh am Morgen einen Löwen gesehen hätte. Auch war am selben Tage eines ihrer Kälber im »veldt« (auf der Ebene) von einem Löwen getödtet gefunden worden. Nach diesen Mittheilungen zu schließen, mußten es Löwen vom Maretsane- und Konanaspruit gewesen sein, welche vom Westen her ähnliche Besuche diesen Farmen und den wildreichen Ebenen abzustatten pflegten.
Auf Witfontein klagte man über die Unverschämtheit eines Mannes, der in Potschefstroom wohne und zeitweilig das Land bereise, um unter dem Vorwande, neue Quellen aufzufinden, den Bauern schweres Geld ablocke. Nach der Beschreibung der Leute hatten wir dem Mann begegnet, als wir eben das Hochplateau betraten. Es war ein verschmitzt aussehender Alter, das Prototyp eines echten Transvaal-Raubritters, mit einem hoffnungsvollen Sprossen und einem Betschuana, der den zweirädrigen von zwei Ochsen gezogenen Karren lenkte.
Am 22. März begannen wir allmälig herabzusteigen und betraten das Thal des Makoksspruit, an dem Makoks-(Eingebornen-)Kraal liegt. Im Thale fand ich eine Farm und in dem Farmer den Verwandten eines Mannes, den ich in den Diamantenfeldern behandelt. Obgleich sehr verarmt, bemühten sich die Leute uns zu bewirthen. Am folgenden Tage erreichten wir das Thal des oberen Schoenspruit, der reichlich floß und in dessem Thale sich eine Farm an die andere reihte. Zwischen dem Schoenspruit und Potschefstroom hatten wir mehrere flache Höhenrücken zu überschreiten, welche südwestliche Ausläufer des Hooge-Veldts sind und die Moi-River und Schoen-Zuflüsse begleiten.
Unter den in meinem Tagebuche verzeichneten Löwenjagden finde ich einige, welche sich auf dem Terrain zwischen Zeerust und Potschefstroom abspielten. Die interessanteste derselben, welche mir in dem Urwalde des östlichen Bamangwatolandes von dem im Jakobsdaler District ansässigen Elephantenjäger David Jakobs mitgetheilt wurde, will ich hier wiedererzählen.
Im Jahre 1863, während der in der Transvaal-Republik herrschenden Unruhen hatten sich auch die Bewohner des Marico-Districtes an denselben betheiligt und so war ein Haufen der Farmer zu Pferde nach Potschefstroom abgezogen. Unter diesen befanden sich die zwei berühmten Elephantenjäger J.W. van Viljoen und Pit Jakobs, dann der Erzähler und 17 andere Boers. Auf ihrem Wege dahin waren sie bis zu Makoks-Kraal gekommen, als unweit desselben die Reiter nahe am Wege eine ausgewachsene Löwin im hohen Grase liegen sahen. Viljoen, ein Löwenjäger à la Gordon leitete den sofortigen Angriff ein und die übrigen, seine Erfahrenheit in diesen Dingen wohl kennend, fügten sich willig. Er ließ absatteln, die Pferde mit den Zügeln aneinander binden und dann die Männer mit ihren Gewehren eine Stellung zwischen dem Raubthiere und den Pferden einnehmen, in dieser waren sie etwa 100 Schritte von demselben entfernt. Viljoen erlaubte sich bei solchen Gelegenheiten immer einen Spaß; so oft er mit Jemandem jagte und dabei zufällig einem Löwen begegnete, stellte er immer den Muth seines oder seiner Begleiter auf die Probe. Van Viljoen, der seitlich von seinen Begleitern stand, benützte den Moment, wo deren Augen auf die Pferde gerichtet waren, um sich nach der Löwin zu wenden, und um sie herauszufordern, eine Kugel über sie hinwegfliegen zu lassen. Seine Absicht gelang vollkommen. Die Löwin kam zähnefletschend bedächtig herangeschritten. Auf 40 Schritte Entfernung traf sie der Schuß eines der Jäger am Ohr und nun kam sie rascher heran. Als das Raubthier die Entfernung schon um 20 Meter verkürzt hatte, geriethen die Männer in's Schwanken—Viljoen stand ruhig etwa 18 Meter von dem Thiere entfernt und fixirte bald das Thier, bald die auf dasselbe gerichteten Mündungen der Gewehre seiner Genossen—da blitzte es auf, sechs Schüsse fielen und die Löwin that keinen Schritt näher—fünf Kugeln waren ihr in die Brust gedrungen.
»Nun, da haben sich Deine Freunde wacker gehalten,« sagte ich zu David Jakobs.
»Nun, es war nicht so arg mit ihnen, denn als die Löwin näher kam, kehrten sich einige von ihnen nach den Pferden um, d.h. sie wollten sich empfehlen, allein die Pferde, welche die Löwin gewittert, hatten sich ängstlich aneinander gepreßt und waren um volle 20 Schritte zurückgewichen, so mußten die Genossen bleiben, die Löwin hätte ihnen den Rückzug abgeschnitten.
Auf dem Wege vom Schoenspruit nach Potschefstroom entdeckte ich auf der ersten Höhe ein interessantes Felsenthor und mehrere senkrecht aus der Erde meist halbkreisförmig aufsteigende, kammförmige Quarzit-Wälle. Die zwischen denselben gelegene Farm führt den Namen Klip-Port und eine der nächsten Farmen Klip-(Stein-)Fontein; auch hier fand ich massenhaft schönen, ein wellenförmiges Geschiebe bildenden mit Quarzit durchschossenen Eisenschiefer, wie wir es an den Quarzitfelsen auf Klip-Port beobachtet. Auch weiterhin gegen Potschefstroom zu, hatten wir enge Thäler und felsige Höhen zu überschreiten.
Am selben Tage Nachmittags langten wir in Potschefstroom an. Meinem Vorhaben gemäß verkaufte ich daselbst zwei Zugthiere, da mein Baargeld völlig erschöpft war. Freund E. und B. sagten mir hier Lebewohl, um sich nach den in Schwung gekommenen Goldfeldern des Leydenburger Districtes zu begeben und ihr Glück, das sie vergebens in den Diamantenfeldern gesucht, nochmals zu erproben; auch F. verließ mich hier.
Am 28. brach ich von Potschefstroom auf und erreichte Tags darauf Klerksdorp. Auf dieser 34 englische Meilen langen Strecke begegnete ich auffallend vielen Wägen. Es waren Kaufleute und Diamantensucher, sowie Kantinjers, welche Leydenburg mit den Diamantenfeldern zu vertauschen gesonnen waren und nun nach Gold lechzten, ebenso wie kurz zuvor Diamanten ihr Losungswort war. Ich verließ Klerksdorp noch am Abend desselben Tages und fuhr bis zum Estherspruit.
Am 30. begegneten wir der Passenger cart, dem zwischen den Diamantenfeldern und Leydenburg verkehrenden, auch die Transvaalpost befördernden Omnibus.
An der Furth des Maqwasispruit wurde mir eine angenehme Ueberraschung bereitet. Die Zugthiere an der Tränke beaufsichtigend, schlug plötzlich der Ruf: »Doctor, mein Gott, Doctor, sind Sie es?« an mein Ohr. Ich sah auf und blickte in das freundliche Gesicht der Frau P., eine jener Frauen, in deren Höfchen ich in Dutoitspan am Hill gewohnt. Sie war immer so gütig gegen mich, daß ich sie Mutter nannte. Ihr Mann wie ihr Bruder hatten sich aufgemacht, um ihr Glück, das sie in den Diamantenfeldern vollkommen im Stich gelassen, nun in den Goldfeldern zu versuchen.
Am 1. April überschritt ich den Bamboesspruit und 17 Meilen unterhalb Christiana den Vaal an Blignauts (sprich Blechnots) Fähre und langte am 7. April 1874 in Dutoitspan an. Die Gesammtauslagen dieser zweiten Reise überstiegen 9000 fl. Unter den mitgebrachten, mehr als 20 Kisten füllenden Gegenständen waren die ethnographischen Objecte, 400 an der Zahl, am besten vertreten, ihnen folgten, der Zahl und dem Werthe nach: Insecten, Pflanzen, Hörner, Reptilien, Säugethierfelle, Mineralien, Vogelbälge, anatomische Präparate, Spinnen und Krustenthiere, Weichthiere und Versteinerungen. Auch in kartographischer Hinsicht konnte ich während dieser zweiten Reise der Aufnahme meiner Routen mehr Muße widmen; leider verhinderten mich theils Wassermangel, theils verschiedene Unfälle, die der geehrte Leser bereits kennt, an einer umfassenderen Verwirklichung meiner diesbezüglichen Absichten.