Hotel am Riet-River.
[Hotel am Riet-River.]

Unser Weg führte uns nun weiter im Thale des Riet-Rivers über Coffeefontein, nächst Jagersfontein bei Fauresmith, die zweite Diamanten-Fundgrube des Freistaates, woselbst kleine aber schöne und weiße Brillanten gefunden werden. Spät am Abend des ersten Tages unserer Reise gelangten wir zu der Furth des genannten Flusses, die wir benützten, und übernachteten in einem am jenseitigen Ufer stehenden Hotel.

Der pompöse Ausdruck Hotel wird bei den geehrten Lesern leicht irrthümliche Vorstellungen erwecken. Die folgende Skizze wird am besten diesem Irrthume vorbeugen. Denken wir uns zwei mit Segeltuch überspannte Bretterhäuschen, die zugleich als Wohnstätte und als Geschäftslocal dienen, einige auf der Erde ausgebreitete Ziegen- und Schaffelle und wir haben ein Bild der äußeren und inneren Ausstattung des sogenannten Hotels. Ein ungemüthlicher Aufenthalt fürwahr, besonders da ein heftiger Wind, durch die Fugen eindringend, die in Fetzen herabhängenden Reste einer Stofftapete, deren Aussehen kaum mehr ihre Provenienz errathen ließ, in schwingende Bewegung versetzte und uns mit einem dichten Staubregen bedeckte; dazu eine empfindliche Kälte während der Nacht, die mich in Versuchung führte, die Tapetenlappen vollständig abzureißen und sie als Decke zu benützen.

An Schlaf war in dieser angenehmen Situation nicht zu denken, und so erhob ich mich zeitlich des Morgens, nahm ein Gewehr und schlich mich in's Freie, die Richtung nach dem nahen Flusse einschlagend. Kaum angelangt, hörte ich stromaufwärts das mir schon bekannte, weithintönende Geschrei der Kraniche; ein Zug kam den Fluß abwärts geflogen. Es war mir leid, auf eines der Thiere anzuschlagen, allein die Aussicht, einen schönen Balg zu gewinnen, den ich vielleicht in den mir Tags zuvor als nahe bezeichneten Diamantenfeldern präpariren konnte, besiegte alle Bedenken. Als die Schaar mir beinahe über dem Kopfe hinflog, sandte ich eine Schrotladung hinauf, die Thiere wichen rechts und links aus dem Zuge, nur einer schien mir zu schwanken, senkte sich, und im nächsten Augenblick fiel er an einer seichten Stelle todt in den Fluß herab. Da war auch schon der kalte Morgen vergessen, rasch entledigte ich mich der Stiefel und watete in den Fluß, um mir meine Beute zu holen.

Von einem Rudel heißhungriger Köter begleitet, die der Schuß aus dem Hotel und den nahen Hütten der Koranna's herbeigelockt, kehrte ich, die Jagdbeute hochhaltend, zum Hotel zurück. Nach beendetem Morgenimbiß—einigen auf Kohlen gerösteten Fleischstücken und Zwieback—brachen wir auf, froh, diesem wenig einladenden Hotel den Rücken gekehrt zu haben. Nachmittags hatten wir das Städtchen Jakobsdaal erreicht, das mit seinen 25 ärmlichen, über eine von der Hitze ausgetrockneten Ebene zerstreuten Häuschen ein trostloses Bild bot. Schon am folgenden Morgen verließen wir auch dieses letzte der Freistaat-Städtchen und erreichten nach mehrstündiger Fahrt die Central-Diamantenfelder. Je näher wir denselben kamen, desto trauriger wurde die Gegend, die Büsche schwanden zusehends, blos hie und da war an den niedrigen Höhen zu beiden Seiten des Weges etwas trockenes Gras zu erspähen. Ich muß eingestehen, daß mir der Tag, an dem ich die Diamantenfelder erblickte, unvergeßlich bleiben wird. Wir fuhren mit unserem vierspännigen Karren rasch die Höhen von Scholze's Farm herab; mein Gefährte wies auf eine, etwa zwei Stunden vor uns liegende kahle, nur im Osten in der Entfernung von bläulichem Gebirge begrenzte Ebene und bedeutete mir, daß sich unter dem auf ihr ruhenden, uns sichtbaren Dunstkreise meine neue Heimat befinde. Ein kalter Wind strich von den Höhen nach der Ebene hin und ließ uns in dem luftigen, hohen Karren, trotzdem, daß wir uns in unsere Mäntel gehüllt hatten, den südafrikanischen Winter recht unangenehm empfinden. So weit der Himmel reichte, hingen an ihm dichte, graue Wolken, welche die ohnehin trostlose und wenig anmuthende Landschaft noch trauriger erscheinen ließen. Unser Wagen rollte schnell nach dem gepriesenen Eldorado von Tausenden aus aller Herren Länder, welche der Reiz eines reich entlohnenden Erwerbszweiges angezogen. Je näher wir kamen, desto mehr sank mein Muth, einen so deprimirenden Eindruck übte die trostlose Gegend auf mich. Der graue Dunstkreis, den wir früher von der Höhe erblickt, war endlich erreicht und Gesicht und Geruch des Besuchers konnten ihn nur zu leicht analysiren. Es waren dies dichte Staubwolken, die der Westwind aus dem röthlich-gelben Sande, der den Boden auf der Ebene bedeckt, aufwirbelte, und der sich mit den losen Theilchen der überall zwischen den primitiven Wohnungen und um die Diamantengruben angehäuften kalkhaltigen Erdmassen mischend, die Atmosphäre erfüllten, so daß es keiner besonders erregten Phantasie bedurfte, um sich in das Wüthen eines Sandsturmes in der Sahara zu versetzen. Der Zeltstadt nahe gekommen, jagte uns der Sturmwind eine so dichte Staubwolke entgegen, daß wir uns vorsichtshalber, da wir auf 30 Schritt nicht sehen konnten, nur langsam vorwärts bewegen mußten. Bald waren Gesicht und Kleider grau incrustirt, kein Wunder, daß wir uns—wie alle Neulinge—in dieser Atmosphäre, bevor wir das Geschäftslocale des Fauresmither Kaufmannes (er hatte in einem der Fundorte eine Geschäftsfiliale), das noch etwa 1000 Schritt im »Camp« entfernt lag, erreicht hatten, sehr unwohl fühlten; selbst die Pferde schnaubten und schienen dem reichsten Minendistrict der Erde keinen Geschmack abgewinnen zu können. Die aus dem eisen- und kalkhaltigen Sande bestehende Wolkenmasse schien die beiden Ortschaften in den Diamantenfeldern Bultfontein und Dutoitspan förmlich zu bedecken und erfüllte bis zu einigen hundert Fuß Höhe die Luft, alles in ein undurchdringliches Dunkel hüllend. Hie und da erblickte ich, rechts und links von uns—so weit es eben die staubgeschwängerte Atmosphäre erlaubte, einfache runde und längliche Zelte, Zelthäuser und aus geripptem Eisenblech errichtete, doch geschlossene Verkaufslocale. Die Zeltstangen bogen sich unter der Gewalt des Sturmwindes, der so heftig an den Stricken zerrte, daß man jeden Augenblick befürchten mußte, die luftigen Behausungen im Sturmwinde verschwinden zu sehen. Von den Dächern der eisernen Häuschen halb losgelöste Blechplatten kreischten mit dem heulenden Sturme um die Wette und vervollständigten den entmuthigenden Anblick. Gewiß ein seltsamer Willkommengruß für den Ankömmling! Hie und da hatten sich die Pflöcke, mit denen die Zelte zur Erde gehalten werden, losgelöst oder die Oesen hatten sich ausgerissen und das halbe Zelt flatterte wie eine Fahne lustig im Winde, hie und da lugten einige dunkle Körper aus dem Hintergrunde des flatternden Zelthäuschens hervor, die sich bei näherer Besichtigung als auf der Erde liegende, schlafende oder ausruhende halbnackte Gestalten der in den Diamanten-Fundorten arbeitenden Eingebornen entpuppten.


III.

Die Diamantenfelder.

Leiden und Freuden in meiner ärztlichen Praxis.—Ein nächtlicher Ueberfall.—Dutoitspan und Kimberley.—Diggerverfahren.—Panorama der Kopje.—Morgenmarkt.—Meine erste Pavianjagd.—Vorbereitungen zur ersten Reise.


Es war nicht allein die trostlose Gegend, der höchst unfreundliche Anblick der Städte (Diamanten-Fundorte) und das rauhe stürmische Wetter, welches täglich in den verschiedensten, aber immer gleich unangenehmen Variationen uns seine Wuth fühlen ließ, was mich so niedergeschlagen machte. Meine Verhältnisse waren auch trostlose. Im Vertrauen auf die Versprechungen des Kaufmannes in Fauresmith hatte ich es versäumt, mir von Herrn Adler in Port Elizabeth Empfehlungsbriefe für die Diamantenfelder zu erbitten und meine Baarschaft war auf fünf Shillinge reducirt, ein Betrag, kaum hinreichend, um die Kosten einer Mahlzeit zu decken. Ich sollte hier entweder »diggen«, d.h. nach Diamanten graben, oder unter der aus aller Herren Ländern zusammengewürfelten, theilweise mehr als zweifelhaften Gesellschaft ärztliche Praxis ausüben, um meine Existenz fristen, sowie um mir die Mittel zur Weiterreise verschaffen zu können. Meine Lage war um so schlimmer, als ich weder der englischen, noch der holländischen Sprache mächtig war, die wenigen Redephrasen, die ich mir früher aneignen konnte, reichten kaum hin, um mich nothdürftig über die allereinfachsten Dinge zu verständigen, geschweige denn mit einem Kranken zu verkehren. Die Wahl zwischen dem »Diggen« und »Prakticiren« war bald entschieden, zu dem ersteren brauchte ich ein Capital—das ich nicht besaß—zum letzteren blos eine mitleidige Seele, welche mir auf einige Wochen ein Zelthäuschen und einige Möbelstücke lieh. Der Zufall war mir hold.

Ich hatte nämlich einen Brief in der Tasche, der mir als Empfehlungsbrief dienen, zugleich aber auch dem Adressaten mehr als ein solcher sein sollte. Dieser war nämlich kränklich und wollte, da er in den Diamantenfeldern keine Besserung erreichen konnte, nach Europa reisen, um hier von den Aerzten Heilung seiner Krankheit zu suchen. Glücklicherweise war dieser Mann der deutschen Sprache mächtig, und als ich ihm meinen Empfehlungsbrief übergab, aus welchem er entnahm, daß er einen Arzt vor sich habe, wollte er es noch mit mir versuchen, ehe er die beabsichtigte Fahrt nach Europa antrat, ein Entschluß, der angesichts der hohen Kosten einer solchen Reise dem praktisch angelegten und sparsamen Mann nicht schwer fiel. Es gelang mir denn auch, denselben in acht Tagen so weit herzustellen, daß er seine Reise definitiv aufgab, und sich meiner Behandlung vollends anvertraute. In dem Maße aber als mein Patient praktisch war, fehlte mir diese Tugend, ich unterließ es, meine Forderungen zu fixiren, und nahm mit Dank gleichsam als Abschlagszahlung für meine Dienste das an, was er mir bot. Er stellte mir nämlich ein altes, morsches Zelthäuschen zur Verfügung, lieh mir großmüthig 5 £ St., eine Gefälligkeit, um welche er von dem Kaufmanne in Fauresmith ersucht worden war, und einige der nothwendigsten, allein nichts weniger als comfortablen Möbelstücke. In meiner Lage sah ich jedoch all' dieses als eine sehr große Gefälligkeit an, und hatte meine herzliche Freude, den »Herrn Gönner« unter meinen Augen genesen zu sehen.

Dieses etwa 3½ Meter breite, ungefähr 3 Meter lange und 2 Meter hohe Zelthäuschen bestand aus Fichtenlatten, die mit einfacher Segelleinwand überzogen waren. Die Leinwand war durch Staub und Regen so morsch geworden, daß sie weder vor Wind noch vor den eindringenden Staubmassen schützte, die Latten knarrten bei jedem Windstoß und wäre nicht ein hölzernes Waarenhaus zur Seite gestanden, das dem Zelthause einigen Schutz verlieh, ich glaube die heftigen Südwinde, welche ihm oft eine völlig windschiefe Form gaben, hätten diese Ruine schon längst von der Erde gefegt. Auch der Zugang war recht bequem. Die Hütte stand nämlich knapp an der nach Kimberley (dem Hauptorte der Diamanten-Fundstätten) führenden Straße, und es kostete immer einen beherzten Sprung über den Straßengraben, wenn man den Eingang erreichen wollte. Die Thüre stellte ein beweglicher, mit Segeltuch überzogener Holzrahmen dar; um halbwegs sicher zu sein, stemmte ich Nachts von Innen eine Eisenstange vor, die ich in meinem »Grund und Boden«, den natürlichen Parquetten meines luftigen Palastes, gefunden. Statt des Fensters war eine bewegliche Leinwandklappe angebracht, welche bei dem geringsten Windstoße auf- und zuflog. Ein grüner Tuchlappen theilte den Innenraum in zwei Gemächer.

Das erste Gemach war mein Consultations-, mein Arbeitszimmer und die Apotheke; sein Meublement bestand aus einem alten, unangestrichenen Tische, zwei gleichen Stühlen und zwei Kisten, von welchen die eine zur Aufbewahrung meiner Medicamente, die zweite als Bücherschrank diente; war der Krankenbesuch zahlreich, und dies geschah, wenn eine ganze holländische Farmerfamilie mir in's Haus fiel, so stellten diese Kisten so etwas wie Fauteuils im Ordinationszimmer meiner etwas comfortabler eingerichteten europäischen Collegen vor. Die zweite und etwas kleinere Hälfte meines Zelthauses war meine Küche, meine Speisekammer und Schlafzimmer, sowie das für die Arbeiten meines Dieners bestimmte Local—Arbeiten, die ich mir vorderhand, bevor sich noch ergiebigere Einnahmen eingestellt hatten, nolens volens selbst verrichten mußte. Eine ähnliche splendide Ausstattung hatte mein Lager, auf welchem ich mich ohnehin meistens schlaflos vor Kälte zitternd, zusammenkauerte. Das eleganteste europäische Möbelstück war noch mein von der Reise arg hergenommenes Kofferchen.

Um die zu einer Reise in's Innere nöthigen Mittel möglichst bald zu erwerben und den Verpflichtungen, unter denen namentlich die Holitzer Sparcasse mit 300 fl., Herr Hermann Michaelis mit 16 £ St. etc. figurirten, gerecht zu werden, nahm ich mir vor, mich auf das Möglichste einzuschränken und so lebte ich auf Monate hin—als ich auch später eine Wohnung nehmen mußte, in der größten Einfachheit und Zurückgezogenheit; da mich die Theuerung in den Diamantenfeldern sehr erschreckte und mir der geringe Werth des Geldes—denn damals herrschten noch gute Zeiten in jenen Districten—auffiel, besorgte ich mir selbst die Küche. Sobald es dunkel geworden war und die Straßen menschenleer erschienen, besorgte ich meine Einkäufe und versah mich mit dem nöthigen Wasservorrath für den nächsten Tag, theilweise zur Herstellung der Arzneien, größtentheils aber, um allen gewöhnlichen Ansprüchen—und diese waren, wie sich leicht denken läßt, ziemlich mannigfaltige—zu genügen; mußte ich doch das Amt der Waschfrau und Köchin versehen—daß ich mein eigener Leibschneider war, brauche ich nicht weiter hervorzuheben.

Ich will die geehrten Leser nicht weiter in die Details meiner Wirthschaft einführen, sondern nur bemerken, daß ich all' dies sehr geheim halten mußte, da das Bekanntwerden dieser Details mir in meinem Ansehen als Arzt sehr geschadet hätte. Mit der Zeit hatte ich nach und nach eine ganz respectable Praxis erworben, deren Ertrag mich schon zu Beginn des Monats October 1872 (ich war am 26. August in den Diamantenfeldern angelangt) in den Stand setzte, meine Verpflichtungen in der Heimat zu tilgen.

Allmälich konnte ich mich auch aus meiner Zurückgezogenheit hervorwagen, mir eine kräftigere Kost gönnen, wenn auch meine Wohnung noch für lange hin ein Zelthäuschen verblieb, was wohl etwas unbequem war und manches Ungemach im Gefolge hatte, allein mir in meinem »öffentlichen« Auftreten zu jener Zeit keinen Abbruch that. Meine Praxis war mir dadurch bedeutend erleichtert worden, daß viele Deutsche, die von dem neu angekommenen, deutschsprechenden Arzte hörten, zu mir pilgerten. Damit war auch beiden Parteien geholfen, ich hatte aber noch den Vortheil, meine Kenntnisse in der holländischen Sprache in überraschend kurzer Zeit zu erweitern.

Zu der Zeit meines ersten Besuches waren die Diamanten-Fundorte noch nicht von allen den unreinen Elementen so gesäubert, wie es gegenwärtig der Fall ist; viele Abenteurer hatten sich da eingefunden und da die Engländer in dem erst kürzlich zuvor erworbenen Lande noch nicht alle Reformen durchzuführen Gelegenheit gehabt hatten, war die Sicherheit des Eigenthums und selbst des Lebens noch ziemlich problematisch. Den Uebelthätern konnte man aber um so weniger beikommen, als die meisten nach vollbrachter That das Weite suchten und in einer halben Stunde, von den Central-Diamantenfeldern (Dutoitspan, wo ich mich niedergelassen, bildet den östlichen Theil derselben) aus, den Oranje-Freistaat erreichten, wo sie vollständig geborgen waren, da die Regierung des Freistaates den Engländern noch immer ob der Annexion von West-Griqua-Land (d.h. eben der Diamantenfelder) grollte und sich deshalb auch nicht bemüssigt hielt, der englischen Polizei hilfreich die Hand zu bieten. Seitdem aber England die Ansprüche des Freistaates auf diese Provinz mit 90.000 £ entschädigte, haben sich diese Verhältnis selbstverständlich zum Besseren verändert. Unter jenen Abenteurern gab es viele, die sich darin getäuscht sahen, ohne jede Anstrengung in dem Diamanten-Eldorado Reichthümer zu erwerben, und da sie schwere Arbeit scheuten, bildete sich aus ihnen eine lichtscheue Bande, die auch unter der schwarzen Bevölkerung Rekruten und Helfershelfer fand. Gelang es nun auch, einen oder den anderen dieser Wegelagerer dingfest zu machen, so bot die nichts weniger als solide Bauart der Gefängnisse keine Sicherheit gegen Fluchtversuche; die Loslösung einer oder mehrerer Platten der Blechbedachung war keine schwierige Leistung, auf dem Camp gab es genug frei grasende Pferde, nichts leichter daher, als eine Flucht, die nach einem viertelstündigen scharfen Ritte in ein schützendes Asyl führte.

Nächtlicher Ueberfall.
[Nächtlicher Ueberfall.]

Wie sehr Vorsicht im Umgange mit den Bewohnern der Diamantenfelder am Platze war, erfuhr ich leider selbst an einem im nahen (zwei englische Meilen entfernten) Kimberley wohnenden Landsmann, in dem ich einen Freund zu finden glaubte. Gleich vielen seiner Genossen hatte auch er gehofft, hier in kurzer Zeit Schätze zu sammeln, und war Digger geworden. So freundlich er sich mir aber im Verkehr zeigte, so hinterlistig und ehrlos manövrirte er hinter meinem Rücken und trieb länger denn zwei Jahre dieses Doppelspiel, bis mir Briefe aus der Heimat die Augen öffneten.

Es mag vielleicht unglaublich erscheinen, aber thatsächlich war Neid die Triebfeder seines ganzen Benehmens; er, der sich dazu ausersehen wähnte, Afrika als Vertreter Oesterreichs zu erforschen, suchte mich, seinen Nebenbuhler, zu verdächtigen.

Mit den Leistungen der vorerwähnten Strauchritterbande sollte ich früher als mir lieb war, bekanntwerden. Von einem Besuche in Kimberley eines Abends heimgekehrt, bemerkte ich, als ich eben mein primitives Lager aufsuchen wollte, daß die Zeltwand in der hinteren rechten Ecke gerade oberhalb der Stelle, wo mein Bettgestell stand, von oben bis unten zerschnitten war. Ich hielt sofort unter meinen Mobilien und Schätzen gründliche Nachschau, überzeugte mich aber, daß alles auf seinem Platze stand, woraus ich schloß, daß der freundliche Besucher, welcher in meiner Abwesenheit durch die Zeltwand hindurch bei mir vorsprechen wollte, an der Ausführung seines Vorhabens durch irgend einen Zufall gehindert worden war. Ich muß gestehen, daß ich diese Nacht nicht zu den angenehmsten zählen konnte, da ich sie im Dunkeln mit dem Revolver in der Hand durchwachen mußte. Bei reiflichem Nachdenken über den mir zugedachten Besuch hielt ich es für das Beste, meine Visiten nach Kimberley vorläufig einzustellen, um abzuwarten, ob sich derselbe nicht vielleicht wiederholen würde. Ich sollte darüber nicht lange im Zweifel bleiben; schon in der nächsten Nacht wurde ich darüber belehrt. Um den nächtlichen Besucher an meiner Wachsamkeit irre zu führen, hatte ich absichtlich den am Zelthäuschen verursachten Schaden nicht ausgebessert. Ich löschte rechtzeitig mein Lieht aus, warf mich mit meinem sechsläufigen Freunde auf meine Lagerstätte und wartete der Dinge, die da kommen sollten. Es ist begreiflich, daß ich jedem, auch dem unbedeutendsten und leisesten Geräusche in der Nähe meiner luftigen Residenz meine volle Aufmerksamkeit schenkte. Als es in den Straßen stille geworden war, glaubte ich Jemanden sich meinem Zelte von rückwärts nähern zu hören, geräuschloser, als es ein Vorübergehender thun würde, und was mir auffiel, nach der Stelle zu, wo Nachts zuvor der Einbruch versucht worden war; ich erhob mich so sachte als möglich von meinem Lager, und da der Lehmboden meine Tritte dämpfte, war es mir möglich, dem von außen das Zelt Umgehenden Schritt für Schritt zu folgen, bis wir beide an der Thüre angelangt waren. Bald vernahm ich den Versuch, die Thüre aufzudrücken, ein Augenblick genügte, um die vorgeschobene Eisenstange geräuschlos zu beseitigen und so dem Ankommenden den Versuch, die Thüre zu öffnen, zu erleichtern. Im nächsten Augenblicke riß ich die Thüre auf und der Eindringling, der sich gegen dieselbe gestemmt, wäre fast in das Zelt hineingetaumelt. Den Strolch bei der Kehle fassen und ihm den Revolver an die Brust zu setzen, war das Werk eines Augenblickes. Nun sah ich bei dem schwachen Schimmer des halb von Wolken bedeckten Mondes, daß ich einen halbnackten Kaffer, der so schwarz wie ein Bewohner der Hölle war, gefaßt hatte. Der Eindringling war durch das plötzliche Nachgeben der Thüre und durch den Zusammenstoß, jedoch noch mehr durch die unsanfte Berührung seiner Kehle und den Anblick der Waffe derart verwirrt, daß er an keinen Widerstand dachte, kaum einige Worte, wahrscheinlich eine Entschuldigung, lallen konnte, und dann flehentlich bat, ihn freizulassen. Wir waren in dieser Weise über den Straßengraben in die Mitte der für ihn glücklicherweise menschenleeren Straße gekommen, ein Allarm hätte wohl den Kerl um sein süßes, schwarzes Dasein gebracht; ich schüttelte ihn weidlich durch, ließ meinen Revolver noch etwas vor seinen Augen verheißungsvoll blitzen und warf ihn dann in den Straßengraben zurück, aus dem er sich blizschnell aufraffte und eiligst die Flucht ergriff. Als ich am folgenden Tage meinen Patienten von dem nächtlichen Besuche erzählte, bedauerten sie allgemein, daß ich den Strolch nicht niedergeschossen hatte. Mein energisches und kluges Abwehren dieses Einbruchversuches hatte den gewünschten Erfolg, ich wurde später nicht weiter belästigt, und habe wiederholt die Erfahrung gemacht, daß dieses Diebsgelichter es scheut, einen mißglückten Versuch zu wiederholen.

Daß mein Heim nichts weniger als einbruchsicher war, ist damit wohl zur Evidenz erwiesen, daß es dem Regen und Winde freies Spiel ließ, habe ich bereits erwähnt; ich sollte aber noch erfahren, daß der ganze Bau sich der Elementargewalt des Windes gegenüber mehr als nachgiebig bewies. Bevor noch die Katastrophe mit meinem Zelte eintrat, die ich in Folgendem schildern will, sei es mir erlaubt, einer Episode aus meiner Praxis zu erwähnen. Eben mit einem Patienten beschäftigt, sah ich einen Fremden in meinen Ordinationssalon eintreten, und gedachte ihn zu ersuchen, noch einige Augenblicke sich auf der Straße zu gedulden, als ich an seiner Stimme einen meiner ersten Kunden erkannte. Es war ein Deutscher, Namens Oppermann, ein Mann, den ich an einer Lungenentzündung behandelt, und der durch einige Tage in Lebensgefahr geschwebt hatte. Während wir unter der gegenwärtigen Behandlung gewöhnliche, meist durch Verkühlung verursachte Fälle der Pneumonie (Lungenentzündung) in den gemäßigten Strichen des europäischen Continentes meist in kurzer Zeit gebessert und auch bald geheilt sehen, gehörten die Pneumonien in den Diamantenfeldern, namentlich als noch die Zelthäuschen und die Zelte überwogen und die Erkrankten gegen die Unbill des Wetters nicht den geringsten Schutz fanden, zu den gefährlichsten Krankheiten. Auch diesen meinen Klienten hatten dessen Freunde aufgegeben und erklärten mir, so oft ich ihn besuchte, daß alle meine Mühe vergebens sei, der Mann müsse doch sterben. Ich that dennoch mein Möglichstes, ihn gegen den eindringenden Staub und die Kälte zu schützen, denn daß mein Erfolg in diesem Falle für mich und die Zukunft meiner ärztlichen Praxis von größter Tragweite sein mußte, ist wohl selbstverständlich.

Zu einem Ausgange in die freie Luft hätte ich den Mann noch nicht fähig gehalten und war daher überrascht und erstaunt, ihn bei mir zu sehen. Ohne auf meine Widerrede zu achten, bestand er, der hier in den Diamantenfeldern Schiffbruch an seiner ganzen Habe gelitten, darauf, mich für meine Mühewaltung zu entschädigen, und schloß seine Ansprache mit den Worten: »Nun, Doctor, nur noch einige Worte: Sie wissen wohl selbst, daß Sie mir das Leben gerettet haben, und da ich Ihnen wirklich mit dem kleinen Geldbetrage nie meine Dankbarkeit hinreichend darthun kann, erlaube ich mir, mich Ihnen zur Verfügung zu stellen, wenn Sie mich als Begleiter auf Ihren Reisen brauchen könnten; ich werde gewiß Alles thun, um mir Ihre Zufriedenheit zu erringen.« So hatte ich meinen ersten Begleiter auf meine Reisen in das Innere gewonnen.

Und nun zum seligen Ende meines Zelthäuschens. Von einem Krankenbesuche zurückkehrend, war ich nicht wenig erstaunt, trotz alles Suchens mein afrikanisches Heim nicht mehr wiederzufinden; verblüfft blieb ich stehen, sah mich nach allen Seiten um, die Staffage war dieselbe geblieben wie immer, von einem Zelte aber keine Spur; während ich jedoch noch darüber nachgrübelte, was da vorgefallen sein mochte, trat einer meiner nächsten Nachbarn, ein Kaufmann, an mich heran und sagte lächelnd: »Sie suchen wohl Ihr Haus, der Wind hat es weggeblasen; sehen Sie, dort liegt es.« Und damit wies er auf einen etwa 150 Schritte weiter liegenden Haufen von Leinwandstücken, zwischen denen einige meiner Karten lustig im Winde flatterten. Ehe ich mich noch recht besinnen konnte, führte mich der Kaufmann zu den Ruinen und dann in sein Verkaufslocale und zeigte mir in einer Kiste die Ueberreste meiner Habe, die er freundlichst gerettet hatte. Mir blieb keine lange Zeit zum Nachdenken übrig, nachdem ich noch Manches aus den Trümmern gerettet, was dem Kaufmann vielleicht überflüssiger Ballast scheinen mochte, beeilte ich mich, da der Abend bereits angebrochen war, ein neues Zelt zu suchen. Nach langem Suchen und Fragen war ich so glücklich, dem Magistratsgebäude gerade gegenüber ein kleines Zelthäuschen vermiethet zu erhalten. Dasselbe war von gleicher Beschaffenheit wie das eben vom Wirbelwinde dagegen nicht so sehr vom Wind und Regen mitgenommen, auch befand es sich in der Reihe der übrigen Segeltuch- und Eisenhäuschen, welche die Hauptstraße von Dutoitspan bildeten, und war dadurch vor der Wuth des Sturmwindes etwas geschützt. Als Miethe mußte ich monatlich 3½ £. St. bezahlen, und da der Besitzer desselben die Wissenschaft der Hauseigenthümer gründlich studirt hatte, wurde mir diese Miethe im Laufe eines Jahres auf 5 £. St. erhöht.

Ich hatte mich bald davon überzeugt, daß ich mit meiner neuen Acquisition aus dem Regen in die Traufe gekommen war. Während der heißen Jahreszeit mußte ich stets im Innern meines Hauses den Schirm aufgespannt erhalten, um mich der durchdringenden Sonnengluth zu erwehren, bei Regenwetter war ohne Schirm noch weit weniger zu bestehen, denn das Wasser rann in feinen Fäden herab, dazu war der Raum so beschränkt, daß ich namentlich bei meinen Kochversuchen in die ärgsten Verlegenheiten gerieth.

Die Situation wurde aber eine in hohem Grade komische, wenn mich meine Patienten consultirten, denn dann wurde ihnen das Vergnügen zu Theil, den Schirm über uns beide emporzuhalten; glücklicherweise nahmen es dieselben nicht so genau, waren an die rauhe Witterung und das rauhe Leben in den Diamantenfeldern gewöhnt und so konnte ich auf Entschuldigung der vielfachen Gebrechen meines Empfangssalons rechnen. Eine der unangenehmsten Seiten meiner, sowie aller der Wohnungen mit ungedielten Fußböden war, daß sie von allem möglichen Ungeziefer strotzten. Mir wurde dieses in meiner neuen Wohnung zu einer wahren Tortur und erst als ich sie nach etwa zehn Monaten mit einer anderen vertauscht hatte, welche von dem Straßengetümmel abseits lag, fühlte ich, was ich in der Mainstraße ausgestanden und war um eine Centnerlast erleichtert.

Das ganze Arsenal von Vertilgungsmitteln, das mir zu Gebote stand, Pulver, Carbolsäure, brachte nicht die mindeste Besserung zu Stande; ergötzlich waren oft die Scenen, die sich unwillkürlich bei dieser Sachlage während meiner ärztlichen Ordinationsstunden abspielten. Da eines Tages wurde ich mitten in der Berathung mit den Worten unterbrochen: »Please pardon, my Doctor, but you have a large flea sitting on your left cheek.« Ja, mein aufmerksamer Patient ging noch so weit, daß er, über diese Landplage der Diamantenfelder losziehend, den Unverschämten von meiner Wange entfernte. Doch damit waren die nächtlichen Ruhestörungen nicht erschöpft, es gehörte nicht zu den außerordentlichsten Seltenheiten, des Morgens sich von einigen Kröten angestaunt zu sehen, oder gar durch ein eigenthümliches Rascheln am Boden aus dem Schlafe gerissen zu werden, und mit dem Licht in der Hand im tiefen Negligé sich plötzlich entsetzt einer Cobra capella gegenüber zu finden, die hochaufgerichtet, mit breit aufgeblähtem Halse den Zelt-Insassen laut anzischte. Gewiß eine erfreuliche Bescheerung!

Werfen wir nun einen Blick in das Straßenleben der Diamantenfelder-Städte. Es ist Mittag, die belebteste Stunde; von allen Seiten strömen die durch den grauen Staub der Diamantengruben fast zur Unkenntlichkeit entstellten Digger von der Arbeitsstätte nach ihren Wohnungen, um hier für kurze Zeit Ruhe und Erholung zu suchen. Diese Digger (Diamantengräber) sind—dies verräth ihr ganzes Benehmen und Auftreten—theils selbstständige Besitzer kleiner Claims (Gruben), welche die Arbeit in diesen selbst beaufsichtigen, oder Aufseher (Overseer), welche im Dienste einer Gesellschaft oder eines reichen Claimbesitzers stehen.

Ein Troß von Eingebornen aller Farben-Nuancen, bald schreiend und lärmend oder sogar tanzend, bald stille wie eine gedrillte Truppe, folgt den Diggern, ihren Herren; die verschiedenen Hautschattirungen verschwinden für den flüchtigen Blick unter der monotonen grauen Staubkruste, die alle gleichmäßig bedeckt, nur das äußere Costüm läßt hie und da auf die innern Neigungen des Einzelnen schließen.

In das Gewühl der bunten Menge von Passanten mischt sich ein Troß von Fuhrwerken aller Art, hier zwei- und mehrspännige, zweirädrige Scotchkarren mit der diamantenhältigen Grubenerde beladen, dort die von 8-10 Ochsenpaaren gezogenen Ungeheuer von Capwägen—alle diese Vehikel, zwischen welchen die leichten zweirädrigen Kaleschkarren mit bewunderungswürdiger Geschicklichkeit sich durchwinden, bilden oft einen dichten Knäuel, dessen Entwirrung kaum möglich scheint. In das Gejohle der Grubenarbeiter mischen sich dann die gegenseitigen höflichen Complimente der Fuhrleute in allen europäischen und südafrikanischen Sprachen.

Dieses rege Leben erklärt sich aber nicht nur aus der Natur und dem leitenden Motiv der Beschäftigung in den Diamantenfeldern, sondern auch aus der Zahl der Beschäftigten. In den auf einer verhältnißmäßig engbegrenzten Fläche sich ausbreitenden vier wichtigsten Fundorten Kimberley, Old de Beers, Dutoitspan und Bultfontein finden außer den häuslich und in Waarengeschäften bediensteten Eingebornen sechs- bis zwanzigtausend Schwarze, Hottentotten, Griqua, Koranna, Betschuana und Zulu lohnende und dauernde Beschäftigung.

Verlassen wir nun die Straßen der luftigen Zelt- und Eisenstadt und folgen wir den nach den Gruben zurückkehrenden Diggern und ihrem schwarzen Arbeiterheere, es erwartet uns ein für den ersten Augenblick sinnverwirrender Anblick. Bevor wir uns jedoch mit dem bunten, aufregenden Treiben in den Diamanten-Fundstätten vertraut machen, sei es mir erlaubt, in Kürze eine geographisch-historische Skizze der Diamantenfelder zu entwerfen.

Die Diamantenfelder Süd-Afrika's liegen zum überwiegenden Theile in der englischen Provinz Griqualand-West,[1] ein Landstrich, der mit der Entdeckung seiner unterirdischen Schätze zum Zankapfel aller eingebornen Fürsten wurde. Der Griquakönig Waterboer, die Batlapinenhäuptlinge Jantje und Gassibone, sie alle stritten sieh um den Alleinbesitz, obschon jeder von ihnen nur einen Theil des Gebietes sein Eigen nannte; Waterboer besaß die Hauptmasse des Landes, zu beiden Seiten des unteren Vaal- und Modder-Rivers, Jantje den nördlichen Theil an der Hart-Rivermündung, Gassibone den nordöstlichen zwischen dem Vaal- und Hart-River und die Koranna das Thal des Vaalflusses von Fourteen stream bis zur Einmündung des Hart-Rivers.

1 Die gegenwärtige Provinz Griqualand-West ist in drei Districte getheilt; einen nördlichen, am mittleren Vaal und am unteren Hart-River, das frühere Gebiet der westlichen Koranna's und jenes des Batlapinenfürsten Jantje in sich begreifend und »the Division of Barkly« (zu Ehren des früheren Gouverneurs der Cap-Colonie Sir Henry Barkly) genannt, einen mittleren District am linken Vaalufer zwischen dem südwestlichen und dem obengenannten gelegen, »the Division of Kimberley« (zu Ehren des gewesenen englischen Colonial-Ministers) genannt und einen südwestlichen an der Vereinigung des Vaal- und Oranje-Rivers gelegen »the Division of Hay« (zu Ehren des Generals gleichen Namens). Dieser war Waterboer's Stammland. Sein Hauptort, in welchen die Hauptmacht der westlichen Griqua's concentrirt ist, hieß früher Griqua-Town, nun Hay; in der mittleren Provinz ist Kimberley (früher New-Rush genannt) und im nördlichen Districte ist Barkly, früher Klipdrift, am rechten Vaalufer, der Berliner Missionsstation Pniel gegenüberliegend, der Hauptort. Im Süden bildet der Oranjefluß die Grenze gegen die Cap-Colonie, im Osten verläuft die Grenze zwischen der Provinz und dem Oranje-Freistaat nach einer von Colonel Warren und einer Freistaat-Commission bestimmten Linie, welche in ihrer nördlichen Fortsetzung die Provinz von der Transvaalprovinz (dem früheren Gebiete Gassibone's) trennt, nach Westen ist die Grenze noch nicht festgestellt—tief in's Kalahari-Bushveldt greifend—und nach Norden zu wurde die früher gezogene Scheidelinie durch den Krieg mit den Botlaros bis zu den südlichsten Viehposten der westlichen Barolongen vorgeschoben. Früher wurde dieser Landstrich von der Cap-Colonie aus verwaltet, seit den letzten sieben Jahren hat die Provinz ihre eigene Regierung, einen Gouverneur, dem ein »executive Council« zur Seite steht.

Platz in Dutoitspan.]
[Platz in Dutoitspan.]

Die Auffindung der ersten »Kieselsteine«, wie die Diamanten anfänglich von den Boers spöttisch genannt wurden, erregte in ihnen allen die Ländergier und als später die Annexion der Diamantenfelder durch die Engländer eine erbitterte Streitfrage zwischen diesen und der Regierung des Oranje-Freistaates hervorrief, hielten sich beide Theile als die allein berechtigten Besitzer kraft der ihnen von den vorerwähnten Eingebornenfürsten eingeräumten Concessionen.

Wie überall mußte auch hier nach kurzem Besitze der schwächere Theil, der Oranje-Freistaat, aus dem Felde weichen; er erklärte sich dennoch für den allein rechtmäßigen Besitzer, und alle Versuche Englands, zwischen der neuen Provinz und der Republik, die, civilisirten Grenzstaaten zum gemeinschaftlichen Wohle gereichenden Gesetze anerkannt zu sehen, blieben fruchtlos, bis das mächtige England, ob als »großmüthiger« Nachbar oder dem »Gerechtigkeitsgefühl« folgend, jedweden Anspruch des Freistaates auf den Landstrich Griqualand-West mit 90.000 £ St. ablöste, und sich nebenbei verpflichtete, weitere 15.000 £ St. zum Ausbau einer Bahn beizusteuern, welche den Anschluß des Freistaates an eine der Eisenbahnen in der östlichen Cap-Colonie herstellen sollte.

Die gesammten Diamantenfelder, sowie die Diamanten-Fundorte im engeren Sinne des Wortes lassen sich in drei Districte eintheilen. Die ältesten sind die am Vaalflusse, von dem Transvaal-Städtchen Bloemhof bis zur Vereinigung des Hart- und Vaalflusses sich erstreckenden »River (Fluß) Diggings«; ihnen folgen die in der Division Kimberley im engsten Umkreise um diese Stadt gelegenen »Dry-Diggings« (so genannt, weil man früher hier die Diamanten ohne die Erde zu waschen durch Sieben und Sortiren der diamanthaltigen Erde auf trockenem Wege gewann) und endlich die außerhalb der englischen Colonie Griqualand-West im Oranje-Freistaate gelegenen Fundorte bei Sagers- und Coffeefontein als dritten District.

Die Niederlassungen der »River-Diggings« wuchsen—wie es leicht begreiflich und wie wir es ähnlich in Californien beobachten können—wie aus der Erde empor. Das der Missionsstation Pniel gegenüberliegende Klipdrift, welches sich ungemein rasch entwickelte, wurde der Hauptort dieser Diamanten-Fundorte, ja zu ihrem Centralpunkte; seit den letzten neun Jahren hat Kimberley (das früher New-Rush hieß) ihm diesen Vorrang abgerungen.

Im Thale des Vaalflusses, wo vor der Entdeckung der »wasserhellen Steinchen« nur der eitle und müßige Koranna sein Dasein zu verträumen gewohnt war, reihten sich schon ein Jahr nach dem Bekanntwerden der Entdeckung ganze Colonnen von luftigen Zelten aneinander. Ganz Süd-Afrika schien wie vom Fieber befallen, Jung und Alt, Gesunde und Kranke, Lords und Diener, Landleute und Städter, entlaufene Matrosen und Soldaten, Boers mit ihren ganzen Familien wanderten nach dem gepriesenen und gelobten Lande. In überraschend kurzer Zeit verwandelten sich diese Zeltlager in Städte von drei- bis fünftausend Einwohnern, denn nach Bekanntwerden der aufregenden Nachrichten aus Süd-Afrika, namentlich seitdem der »Stern von Süd-Afrika«, ein 83½ Karat schwerer, wasserheller Diamant gefunden war, brachte jeder Dampfer aus Europa hunderte und wieder hunderte von Glücksjägern aus aller Herren Länder.

So entstanden neben Klipdrift die Städte Hebron, River-Town, Gong-Gong, Blue-Jacket, New-Kierks-Rush, Delpoortshope, Waldecks-Plant und andere. Doch ihr Wachsthum, ihre Blüthezeit, war ebenso schnell verflossen, als es begonnen, denn kaum war die Nachricht von der Entdeckung der Diamanten auf der Ebene der Farm Dutoitspan unter den River-Diggers am Vaalflusse verbreitet, und die Fama ließ die Diamanten hier in Massen auf der Erdoberfläche zu Tage treten, als Alles diese Orte verließ und nach den viel reicheren Dry-Diggings eilte.

Groß war die Zahl derer, die, durch das Glück begünstigt, sich in kurzer Frist Vermögen erwarben, groß aber auch die Zahl jener, welche es ebenso schnell entschwinden sahen und weitaus die Mehrzahl verkamen hier, denn die Fundstätten waren sehr bald Lasterhöhlen jeglicher Art.

Im Vaalflusse werden die Diamanten in dem angeschwemmten Geröll (Partien im Flußbette wie im Thale oder im Geröll an den höheren Thalpartien) gefunden. Dieses Geröll besteht aus Grünsteinblöcken, welche schöne mandelartige Chalcedons und Achate, bald bis faustgroß und milchquarzartig, bald rosa- oder carminroth und zahlreich und klein, bald bläuliche und gelbliche, kleine und größere einschließen, und welches Gestein als »Vaalgestein« namentlich die Strecken von Bloemhof bis Hebron bedeckt, ferner aus Bruchstücken der die Gegend von Hebron bis zur Hart-River-Mündung, doch auch die meisten Höhen in der östlichen Cap-Colonie, dem Oranje-Freistaat und Griqualand-West charakterisirenden Trap-Dykes, aus ausgewaschenen mannigfarbigen größeren und kleineren Achatstücken, Milchquarz- und Thonschieferfragmenten, titaneisenhaltigem Sand und zahlreichen, früher für Rubin und Granaten gehaltenen Pyropen (letztere in kleinen, Hirse- bis Maiskorn großen Stückchen vorhanden), auch Bruchstücke des die Gegend zu beiden Seiten des Vaalflusses, doch nicht im unmittelbaren Thale, bedeckenden Kalkgesteins, in dem ich jedoch keine Fossilien nachweisen konnte.

Die Diamantengräber holten das diamantenhaltige Gerölle aus den ihnen von der Behörde oder nach Uebereinkunft abgesteckten Gruben »Claims«, fuhren bis zum Flusse herab, um es durch Sieben von den gröberen Steinstücken zu befreien, und dann in einfachen, 2-4 Fuß lange, 1-1½ Fuß breite Wiegen »Craddles« zu waschen, worauf dann im feinen und von dem Lehmgrund befreiten Rückstand nach den Brillanten gesucht wurde. Man fand kleine Steine, selten einen größeren, doch die meisten waren schöne, weiße und reine, sogenannte Glassteine, so daß man seither die schönsten und werthvollsten der in den beiden anderen Diamanten-Districten vorgefundenen Brillanten als »wahre River-(Fluß-)Stones« bezeichnet.

Von den genannten Städten und Städtchen der River-Diggings hat sich nur Klipdrift als der Sitz der Obrigkeit und kleine unbedeutende Handelsstation—das jedoch als solche Hoffnung hat, wieder zu gewinnen—als nennenswerth erhalten, mehrere massive, zur Zeit seiner Blüthe aufgeführte Gebäude weisen noch auf seine frühere Bedeutung hin.

Der zweite und bis jetzt der wichtigste Diamanten-District ist der von mir »The Central-Diggings« oder früher die Dry-Diggings benannte; es ist Kimberley mit seiner Umgebung aus vier Fundorten in zwei Gruppen bestehend, die nordwestliche Gruppe, die Kimberley und das damit an seiner Ostseite zusammenhängende Old de Beers, und die östliche, welche Dutoitspan und das sich südlich und westlich daran schließende Bultfontein in sich begreift. Die letztere Gruppe liegt von Kimberley zwei, von Old de Beers etwas über eine englische Meile, und Kimberley selbst circa 22 englische Meilen von dem oberwähnten Klipdrift in südöstlicher Richtung entfernt. Der wichtigste der vier genannten Diamanten-Fundorte ist Kimberley; hier werden die meisten Diamanten in allen Qualitäten, sowie reiner Krystallbildung gefunden, Dutoitspan ist durch seine zahlreichen großen, hell und bis in's weingelbe spielenden gelblichen und Bultfontein durch seine kleinen, aber schönen den Riverstones ebenbürtigen Brillanten bekannt.

Diese vier, die Central-Diggings bildenden Niederlassungen stellen aus Segelleinwand, aus Brettern, aus galvanisirtem Eisenblech, auch (in der Minderzahl) aus gebrannten und ungebrannten Backsteinen und einige wenige aus Trapdykes (Gebirgsformation) errichtete Städte dar, in deren Mitte sich Krater und muldenförmige Vertiefungen befinden—die jeweiligen Diamantengruben. Diese Niederlassungen liegen auf einer schon von Osten und Süden in einer Entfernung von etwa neun englischen Meilen von Höhenzügen begrenzten und durch eine unmerkliche Bodenerhöhung in zwei Abschnitte gesonderten Ebene. Diese steinige Erhebung »the rise« scheidet auch die beiden oberwähnten Gruppen von einander.

Die Diamantengruben haben 45-200 Fuß Tiefe, 200-760 Schritte im Durchmesser; sie heißen »Diggings« oder »Kopjes« und jede ist in eine Anzahl Quadrate oder Parallelogramme, 10 Fuß breit und 30 Fuß lang, oder 30 Fuß lang und 30 Fuß breit (dies war die ursprüngliche übliche Größe derselben) in »Claims« eingeteilt. Ein Digger (Gräber) kann einen oder mehr, bis zu 20 solcher Claims besitzen, allein er muß sie bearbeiten und monatlich eine gewisse, in der Regel 20 fl. übersteigende Grund- und Wassersteuer (für das Herauspumpen des Wassers) an die Regierung und den Mining-Board (ein Ausschuß von Diamantengräbern, der über die Interessen derselben wacht) entrichten; in Dutoitspan und Bultfontein gesellt sich hierzu noch die Abgabe an den Proprietär, d.h. die Eigenthümer der Farmen, während in der anderen Gruppe Kimberley und Old de Beers die Regierung dieses Eigenthumsrecht von der Firma Ebden & Co. erstanden hat.

Ich halte diese Gruben für Oeffnungen von Schlammkratern, glaube aber nicht, daß diese vier Diggings sich von einem gemeinschaftlichen Kraterkanale abzweigen, nur die in Old de Beers und Kimberley zu Tage geförderten Steine zeigen eine gewisse Aehnlichkeit und geben der Vermuthung Raum, daß diese beiden Diggings unterirdisch communicirende Kraterbecken sind. Was die River-Diggings anbetrifft, so glaube ich, daß irgendwo in der Nähe des Flußbettes oder vielleicht an seinem Rande, doch oberhalb Bloemhof, sich eine oder mehrere Kratermündungen befanden.

Die Kimberley-Kopje im Jahre 1871.
[Die Kimberley-Kopje im Jahre 1871.]

Die Jahre 1870 und 1871 waren die Glanzperiode der Diamanten-Diggings, waren jene Zeit, wo es vorgekommen ist, daß sich zuweilen ein übermüthiger Digger mit einer Fünfpfund-Note seine kurze thönerne Tabakspfeife anzündete, und wo es einem ärztlichen Gehilfen möglich war, 1100 £ in sieben Monaten zu verdienen. Man kann nicht sagen, daß die Ausbeute gegenwärtig geringer sei, allein die Steine sind seit 1871 stetig im Werthe gesunken, und so werden die Einnahmen die gleichen geblieben sein; dagegen haben sich die Auslagen mehr denn verzehnfacht und trotz des Sinkens der Preise hat sich der Werth der Gruben bedeutend erhöht. Bei der Entdeckung der Kimberley-Kopje konnte man für 10 £ einen Voll-Claim von 900 Quadrat-Fuß Fläche erlangen, freilich hatte man die bloße Oberfläche der Kopje vor sich, gegenwärtig ist man bis 200 Fuß tief gegangen und der Werth mancher der reicheren Gruben ist 12- bis 15.000 £ Sterling. Diese Thatsache beweist zur Genüge, daß sich die Verhältnisse in den Diamantenfeldern nicht so verschlechtert haben, als man es vielleicht erwartet hätte, weil, wie an ähnlichen stabilen Goldgruben, das zügellose, gierige Rennen und Jagen nach plötzlichem Reichthum einem besonnenen und erfolgreichen Streben nach Erwerb Raum gemacht hat.

Man erkennt dies an Allem und überall. Die Regierungsorgane handhaben mit Strenge und Unparteilichkeit die Gesetze, die socialen Verhältnisse haben sich gebessert. Ein flüchtiger Blick auf die Wohnhäuser belehrt uns darüber. An Stelle der windschiefen, jeden Augenblick dem Zusammensturz nahen Bretterbuden und Hartebeest-Häuschen, nothdürftig aus einigen mit Schilfrohr belegten, mit rother Thonerde und eisenhaltigem Sand angeworfenen Pfählen bestehend, finden wir jetzt solide Eisen- und Ziegelhäuser erbaut, deren innere Einrichtung den verfeinerten Bedürfnissen ihrer Bewohner entspricht, während die früheren Hausgeräthe des Diamantengräbers von ehemals sich kaum noch in einer Rumpelkammer vorfinden oder höchstens als Curiosität auf den »Morning Market« erscheinen dürften; die Zelte, die häufigste Behausung des Diggers in früheren Jahren, werden jetzt zu 95 Percent nur noch von den schwarzen, gemietheten Grubenarbeitern bewohnt.

Wie ich schon erwähnt, haben sich die Verhältnisse im Allgemeinen, sowohl jene für die Sicherheit der Person und des Eigenthums, als auch die gesellschaftlichen und endlich die Beziehungen zu anderen Staaten bedeutend und wesentlich zum Vortheile der Colonisten gebessert. Es besteht jetzt dort, wo früher ziemliche Willkür herrschte, wo man sich nicht viel um behördliche Verfügungen und Anordnungen gekümmert und die wenigen bestehenden respectirt hatte, eine feste, zielbewußte Regierung. Ihre Aufgabe ist keine leichte; denn auf der kleinen Fläche, welche die Central-Diggings bedecken, sind die verschiedensten Elemente, Vertreter aller Eingebornenstämme Süd-Afrika's zusammengewürfelt. Die gesellschaftlichen Verhältnisse gleichen jenen in einem civilisirten Staate, trotzdem daß hier die Eingebornenfrage Schwierigkeiten bereitet, die ein europäischer Staat nicht kennt und alle Industrie-Erzeugnisse, deren sich die Civilisation nicht entschlagen kann, hunderte von Meilen weit hergeschafft werden müssen.

Im Laufe der Jahre nahm der Betrieb des Diamantensuchens immer complicirtere Formen an; in den Jahren 1870 und 1871 schafften die Digger die Erde aus den in Parzellen getheilten Gruben mit Hilfe der als Arbeiter verwendeten Eingebornen, meist Kaffern, Hottentotten und Betschuanen heraus, ein oben am Rande der Grube in die Erde eingelassener Pfahl, an welchen eine Holz- oder Eisenrolle befestigt war, womit der diamantenhaltige Grund in Eimern mit den Händen herausgezogen wurde, war der ganze Apparat und galt für Gruben mit senkrechter Wand; da, wo sie mehr oder weniger geneigt, oder wo man etwa 100 Schritte weit her, über andere Arbeitende hin den Grund herausheben mußte, schlug man unten in der Grube einen, oben drei Pfähle ein, zwischen zweien bewegte sich ein Holzcylinder von 2-3 Fuß Durchmesser oder ein großes Rad; ein oder zwei Eingeborne setzten dieses auf beiden Seiten mit Drehkurbeln in Bewegung, so daß sich an demselben das Seil »ab-« und von demselben »aufrollte«, und die mit Grund gefüllten oder leer nach abwärts laufenden Eimer befördert wurden. Von dem dritten Pfahle lief ein Hanfstrick, ein starker Eisendraht oder ein schwaches Drahtseil zu dem in der Grube eingeschlagenen Pfahle und an diesem bewegten sich zwei eiserne mit einer Rinne versehene Stäbchen, welche ein mit einem Haken zur Aufnahme des Eimers versehenes Eisengestell trugen. Später als die Gruben etwas tiefer wurden und namentlich die Digger ihren Besitz auf mehrere Claims erweiternd, größere Mengen der diamantenhaltigen Erde, und weil sie mit größeren Kosten arbeiteten, auch in kürzerer Zeit herausholen wollten, wandte man zur Erleichterung dieser Arbeit hölzerne Fördermaschinen an, welche mittelst Pferdekraft in Bewegung gesetzt wurden. Von diesen sind gegenwärtig noch viele gang und gäbe, allein die reichen Grubenbesitzer, sowie die in neuerer Zeit gebildeten Gesellschaften haben bereits zu Dampfmaschinen ihre Zuflucht genommen.