Fördermaschinen in den Diamantengruben.
[Fördermaschinen in den Diamantengruben.]

Am besten konnte man dies an der Kopje zu Kimberley bemerken. Da diese den kleinsten Rauminhalt hat, allein, weil die reichste, die meisten Diamantengräber zählt, war es diesen nicht möglich, ihre in der ersten Zeit mit Handarbeit betriebenen Aufzüge nebeneinander aufzustellen. Deshalb wurden riesige Gestelle aus schwedischen Fichtendielen errichtet, diese in drei Stockwerke getheilt, und so drei Aufzüge übereinander auf einer Fläche von etwa 2 Quadrat-Meter errichtet. Diese Gestelle standen in Gruppen, von welchen jede 18-30 Diggern das Heraufholen der Diamantenerde ermöglichte. Gegenwärtig ist der dammartige Rand der Grube von großen durch Pferdekraft betriebenen Fördermaschinen und aus England eingeführten Dampfmaschinen bedeckt; auch ist es jetzt nicht mehr gestattet, den diamantenhaltigen Grund nahe an der Ausholungsstelle zu sortiren, wie es früher geschah, und viele Unannehmlichkeiten zur Folge hatte. Der Besitzer muß ihn auf seinen Grund und Boden oder auf eine dazu außerhalb der Stadt gemietete Stelle verführen, um ihn zu durchsuchen. Die letztere Prozedur ist gegenwärtig auch viel schwierigerer Natur.

Kimberley.
[Kimberley.]

Früher wurde die diamantenhaltige Erde mit Hilfe verschiedener Siebe von den gröbsten Bestandtheilen befreit, dann der feinere Rückstand auf einen flachen Tisch ausgeschüttet und mit Hilfe eines Eisenblechstückes oder eines kleinen Holzbrettchens sortirt. Bei einem solchen Verfahren konnte man aber viele, namentlich kleine Steine übersehen, so daß der früher schon durchsuchte Boden um die Kimberley-Kopje als diamantenhaltig verkauft wurde und als solcher die Mühe des Käufers reichlich lohnte. Man bedient sich (unbemittelte Diamantengräber durch Handarbeit in Bewegung gesetzter, wohlhabendere mit Pferdekraft getriebener, von den bedeutenderen Claimbesitzern auch mit Dampfkraft bewegter) complicirter Waschmaschinen, in denen die diamantenhaltige Erde von ihren lehmigen Bestandtheilen befreit, blos die körnerartigen Steinchen zurückläßt, welcher Rückstand, nochmals in Wasserfässer geworfen, die letzten ihm noch anhaftenden erdigen Bestandtheile verliert, gewöhnlich allabendlich mit Sieben herausgeschöpft, etwas durchgeschüttelt und dem Aufseher oder Claimbesitzer zur Ansicht auf eine Tafel vorgelegt wird. Finden sich Diamanten in der Lage, so sinken sie bekanntlich unter dem körnigen kleinen Gestein der diamantenhaltigen Erde als die schwereren Körper bis an das dichte Drahtnetz des Siebes, so daß sie beim Umstürzen des Inhaltes des letzteren obenauf zu liegen kommen, und gleich in's Auge fallen.

Im selben Maße aber als das Betriebsverfahren und die hierbei verwendeten Maschinen verbessert wurden, stiegen auch die Kosten desselben. Zur Zeit erfordert das Diamantengraben schon eine ziemlich ansehnliche Capitalsanlage, dadurch ist auch der Betrieb ein ruhiger und geschäftsmäßiger, das Heer der Glücksjäger bedeutend gelichtet worden, auch die Gesetze, welche das Diamantengraben behandeln und die Rechte der Digger sowie jene der Diamantenhändler schützen, sind geregelter geworden.

Unter der Bevölkerung der Diamantenfelder sind namentlich die Diamantengräber, die Diamantenkäufer, »The Diamond-buyers oder merchants« und die Kaufleute im allgemeinen stark, die Kanteenkeeper (Besitzer von Localen, in denen blos Spirituosen verkauft werden) zahlreich vertreten. Bei der großen Menge der schwarzen Diener und dem Werthe des gesuchten Artikels ist es leicht erklärlich, daß Veruntreuungen, namentlich von Seite der Eingebornen häufig vorkommen und in raffinirtester Weise ausgeführt werden, zur Steuer derselben wurden sowohl gegen die Verkäufer als auch Käufer verheimlichter und veruntreuter Steine drakonische Gesetze erlassen. Nebstdem wurde ein eigenes Detectiv-Korps errichtet, welches zur Säuberung der Diamanten-Districte von den diese Gesetze noch umgehenden Elementen beitragen soll. Die dagegen Handelnden werden mit Gefängnißstrafe (verbunden mit hard labour, d.h. schwerer Arbeit auf öffentlichen Orten) mit Geldstrafen bis zu 300 und 500 £ St. und in manchen Fällen mit körperlichen Strafen (der neunschwänzigen Katze) belegt.

Der Anblick, der sich uns bietet, wenn wir eine der größeren Diamantengruben von dem Kamme der ringsherum aufgetürmten Thonwälle aus betrachten, ist ein so seltsamer, daß Worte kaum hinreichen, ihn naturgetreu zu beschreiben. Die Kopje läßt sich zutreffend mit einem großen Kraterkessel vergleichen, der vor der Abarbeitung bis zum Rande, an dem wir stehen, mit vulcanischen Auswurfstoffen, hier der grünen, aus zerfetztem Tuff begehenden, bröckligen, diamantenführenden Erde ausgefüllt war, nunmehr aber tief ausgehöhlt ist. Die zu ungleicher Tiefe abgebauten viereckigen Claims füllen nun diesen großen Kraterkessel mit einer chaotischen Menge von Erdmassen, die hier als Pfeiler, Thürme, Plateaus, dort als Schächte, Wälle, Gräben, Treppen erscheinen, und es bedarf keiner erregten Phantasie, um in diesem Labyrinth sich das Bild einer vor Jahrhunderten versunkenen, nunmehr aber an das sonnige Tageslicht hervorgezauberten Stadt zu vergegenwärtigen, namentlich aber in der Abenddämmerung oder gar wenn des Vollmonds fahles Licht die Tiefen durchfluthet.

Die Illusion wird jedoch zerstört, wenn unser Auge das lebhaft pulsirende Leben, die geräuschvollste, emsigste Thätigkeit am Grunde dieses tiefen, dunklen Kessels erblickt, und sich uns der Vergleich mit einem zerstörten Ameisenhaufen unwillkürlich aufdrängt. Die unabsehbare Menge von Drahtseilen, die den Raum über dem dunklen Grunde wie mit einem riesigen Spinngewebe überzieht, an denen, glänzenden Knoten gleich, die zahllosen Fördereimer auf- und abrollen, verwirren die Sinne, dazu vermag das Ohr des Fremden das Geräusch der zahlreichen knarrenden Winden, das Summen der Drahtseile, das Getöse fallender Massen, alles noch übertönt von dem Rufen, Singen und Schreien der Arbeiter und von dem Klappern der das Wasser aus den Gruben entfernenden Saugpumpen auf die Dauer nicht zu ertragen. Fast betäubt verlassen wir diese, ein neues Weltwunder bergende Stätte.

Bevor ich diese in allgemeinen Zügen gehaltene Skizze der Diamantenfelder beschließe, will ich noch einiger eigentümlicher Scenerien des Straßenlebens in den Städten der Diamantenfelder gedenken. Vor Allem sind es die täglich mit Ausnahme Sonntags auf dem Markte zu Dutoitspan und Kimberley abgehaltenen Morning-markets (öffentliche Auctionen). Ein von der Regierung angestellter Morning-master (Auctionär), der jedoch auch Privatauctionen abhalten kann, versieht dieses, wenn auch die Lunge über die Zuträglichkeit anstrengende, dafür aber sehr lucrative Amt. Dieser alltägliche Morgenmarkt bietet ein höchst interessantes Schauspiel. Der ganze, von eisernen und leinenen Häusern umgebene, ungepflasterte Marktplatz ist in den Morgenstunden von 6-8 Uhr mit einer fast unabsehbaren Masse der bekannten Ochsenwagen förmlich bedeckt, die Mehl, Früchte, Gemüse, Kartoffeln, Mais, Schlacht- und Federvieh aller Art, aber auch Brennholz, Fourage, Schilfrohr zur Bedachung u.s.w. zuführen. Der Verkauf geschieht ausschließlich durch Auction. Von dem Markterlös erhält der Staat 5 Percent, der Marktmeister 2 Percent. Die Preise der Waaren sind ungemein schwankend und hängen ganz von der Größe der Zufuhr ab, der Preis eines Sackes Kartoffeln schwankte auf dem Markte in Kimberley zwischen 15 Shillingen und 3 bis 4 £ St.

Außer diesen Morning-markets werden noch an allen Orten und Ecken mit Ausnahme der Feiertage, in dazu errichteten Hallen, sowie Abends in den Cantinen öffentliche Versteigerungen von Privatsachen sowie anderer sonst unverkäuflicher Geschäftsartikel abgehalten. Um die Kauflust anzufachen, wird auf riesigen Plakaten nebst den zur Veräußerung gelangenden Artikeln hervorgehoben, daß während der Versteigerung liquors gratis an das kauflustige Publicum abgegeben werden.

Die Mehrzahl der Cantinen waren die ersten Jahre hindurch zumeist nur wahre Lasterhöhlen und bildeten eine der traurigsten Schattenseiten der Diamantenfelder; in letzterer Zeit macht sich indessen eine starke Abnahme dieser Locale bemerkbar. Die hie und da in den Straßen oder am Rande der Niederlassungen errichteten hohen Ziehbrunnen mit dem sie umkreisenden bunten Gewirre sind eine andere Specialität. Das Heraufziehen der Wasserkübel wird von Kaffern oder Pferden besorgt, das Wasser aber verkauft. Hunderttausende von Gulden werden jährlich in den Central-Diggings für dieses so notwendige, namentlich auf den Sortirplätzen unentbehrliche Element verausgabt.[1]

1 Zum Betriebe der Waschmaschinen und weil der diamantenhaltige Grund aus den Kimberley-Gruben erst längere Zeit der Atmosphäre ausgesetzt und mit Wasser benetzt werden muß, bevor er waschungsfähig ist. Gegenwärtig ist man darauf bedacht, die Grubenstädte aus dem etwa 15 Meilen entfernten Vaalflusse mit Wasser zu versorgen.

An Vergnügungen und Belustigungen fehlt es in den Diamantenfeldern keineswegs, dem Freunde lärmender Schauspiele bieten sie sich im Theater, auf Bällen u.s.w., wenn auch die Kosten solcher Vergnügungen exorbitante sind; wer zurückgezogen bleiben will und hier nur die Gelegenheit sucht, sein angelegtes Capital rasch zu verdoppeln oder überhaupt Ersparnisse zu machen, findet in den zwischen Kimberley und Old de Beers angelegten öffentlichen Gärten manche Zerstreuung. Wie indeß in den californischen Goldgruben ist auch hier Alles, selbst die luxuriösesten Dinge—allerdings zu fabelhaften Preisen—zu haben. Die hohe Fracht von der Küste bis hierher vertheuert eben alle Artikel europäischer Industrie in ungewöhnlichem Maße, besonders gilt dies von Metallartikeln, Maschinenbestandtheilen, Holzarbeiten u.s.w.

Unter den Unannehmlichkeiten, welche der Aufenthalt in den Diamantenfeldern mit sich bringt, sind die Unbilden des Wetters hervorzuheben, namentlich die in der trockenen (Winters-) Jahreszeit täglich daherbrausenden Staubstürme, welche eine den Athmungsorganen, Augen und Ohren wenig zusagende, mit allem möglichen Unrath gemischte Atmosphäre erzeugen, in die Häuser dringen und hier in kurzer Zeit Alles verderben. An meisten jedoch leiden jene unter dieser Unbill des Wetters, welche den Tag über unausgesetzt in den Diamantengruben arbeiten, oder sich als Karrentreiber etc. in den Straßen bewegen müssen.—Wird dann das Land im Sommer, während der Regenzeit, von heftigen Regengüssen überfluthet, wo sich die am Südende von Dutoitspan in einer 1/8 englischen Meile im Durchmesser haltenden Bodenvertiefung befindliche große aber seichte Brackpfanne (einer der bekannten, seichten, jährlich austrocknenden Salzseen) oft in einem Tage füllt, so werden die Straßen so sehr aufgeweicht, daß es namentlich bei dem regen Verkehr in Kimberley kaum für den Fußgänger möglich ist, sie zu passiren. Die neue Munizipalität war jedoch bemüht, diesem Uebelstande abzuhelfen, indem sie Abzugscanäle herstellen und die Straßen schottern ließ.

Wir nehmen nun vorläufig von den Diamantenfeldern Abschied, ich werde jedoch noch wiederholt Gelegenheit finden, manch' interessante Episoden und Scenen aus dem socialen Leben daselbst zu schildern.

Ich will nun noch eines dreitägigen Jagdausfluges gedenken, den ich in Gesellschaft von Pavianjägern zur Weihnachtszeit des Jahres 1872 von den Diamantenfeldern aus nach den nahen Höhen im westlichen Theile des Oranje-Freistaates unternahm.

Nachdem ich meine Patienten besucht und ihren Zustand derart gefunden hatte, daß ich sie auf einige Tage verlassen durfte, brach ich am ersten Weihnachtstage in den ersten Stunden des Nachmittags bei einer wahrhaft tropischen Hitze von Dutoitspan auf, um mich mit der Thierwelt der den Horizont im Osten begrenzenden Höhen im Oranje-Freistaat bekannt zu machen. Welch' großer Contrast zwischen jetzt und einst! Unwillkürlich stieg die Erinnerung an die in der Heimat verlebten Abende der Weihnachtszeit vor meiner Seele auf; anstatt in der gemütlichen, warmen Stube die Feier des Tages zu begehen, schritt ich jetzt unter afrikanischer Sonnengluth dahin, ohne durch irgend etwas an die Weihe des Tages gemahnt zu werden. In meiner Gesellschaft befanden sich ein junger deutscher Kaufmann, der hier mehr als in der Heimat zu Ausflügen Muße fand, ein junger Pole aus Posen, den sein Hang zum Abenteuerlichen nach den Diamantenfeldern verschlagen hatte, und ein Fingo, der mit den Reise-Utensilien beladen, die Wohlthat eines Dampfbades im Freien zu genießen verurtheilt war. Ich und der junge Pole waren jagdgerecht bewaffnet.

Wir zogen anfänglich über eine mit niedrigen, kaum 12-18 Zoll hohen Zwergbüschen (Scapbusch) bewachsene Ebene, auf welcher nur hie und da die tiefer liegenden Einsenkungen das saftige Grün eines Rasens, die höheren mit Felsblöcken besäeten Partien hohes Gras zeigten, die weite Fläche war von einem ungezählten Heere von Insecten bevölkert, unter welchen uns verschiedene, schön gefärbte Species von Heuschrecken—manche mit hervorgehenden stacheligen Schildern wie gewappnet—in dichten Schaaren die Milkbüsche (Euphorbiacea) occupirend, besonders auffielen.

Die 2-3 Zoll langen Thiere mit ihrem walzenförmigen Körper, hell bis dunkelgrün gefärbten und roth umsäumten Flügeldecken saßen in großer Menge träge an den Büschen und fielen bei der Berührung anscheinend todt zur Erde nieder. Bei dem großen Heere ihrer Feinde aus der gefiederten Welt (vom Adler bis zur Wildgans herab) fiel mir ihre Menge und Verwegenheit, sich auf die exponirtesten Stellen der Büsche zu wagend schon auf meiner Reise von Port Elizabeth nach den Diamantenfeldern auf, hier wurde mir das Räthsel durch mein Geruchsorgan gelöst. Diese Heuschrecken sondern nämlich einen äußerst penetranten und übelriechenden Saft aus, von dessen »Parfüm« wir uns nur mit Mühe nach längerem Reiben der Hände mit Sand befreien konnten. Außer diesen Heuschrecken fanden wir mehrere Käferarten—einige Sandkäfer, zwei große Laufkäfer und an den Büschen in schönen metallisch schillernden Farben prunkende Blattkäfer. Die artenarme und von der Sonnengluth gedörrte Vegetation erklärte uns den Mangel an Tagfaltern, deren Stelle zahlreiche Mottenarten einnahmen.

Von Vierfüßlern beobachteten wir nur ein hellrothes Scharrthier (Rhyzaena) und ein Erdeichhörnchen mit seinen Gesellschaftern, den großen Spitzmäusen, am Rande ihrer unterirdischen Bauten hoch auf ihren Hinterfüßen aufgerichtet und neugierig die Ankommenden anblickend. Das Scharrthier leise knurrend, die Eichhörnchen mit einem schrillen Pfiff, verschwanden bei unserer Annäherung.

Von Vögeln fiel uns der bekannte, kleine südafrikanische dunkelgefiederte Steppenstaar auf, der sich auf die zahlreichen Termitenhaufen schwingt oder die Spitzen vereinzelt stehender Dornenbüsche aufsucht und neugierig den Fremden zu mustern scheint. Er ist ein dreistes und munteres Thierchen, welches oft die verlassenen Höhlen der Scharrthiere und Erdeichhörnchen bewohnt, und sich, wenn verfolgt, namentlich aber wenn verwundet, dahin flüchtet.

Kaffer, Schafe hütend.
[Kaffer, Schafe hütend.]

Nach etwa 1½stündigem Marsche befanden wir uns am Rande einer jener kleinen viereckigen »Pfannen«, welche den Charakter der größeren, Süd-Afrika namentlich in seiner Längsachse charakterisirenden, seichten Salzseen zeigten. Nahe dabei befand sich (die Salzpfanne war trocken) eine kleine mit grünlichen. Wasser gefüllte Regenlache, deren Inhalt mit einem Löffel »Brandy« gemischt, genießbar war. Wir trafen hier auch einen Schafe hirtenden Kaffer, der, nachdem wir durch ein Stückchen Tabak seine Zuneigung gewonnen, uns über die weiter nach Osten liegenden Farmen belehrte; die sogenannte Krichofarm (auch Kuudu-place genannt) war die Stelle, die wir uns zu unserem Feldlager ausersehen hatten. Von hier wollten wir dann unsere Ausflüge nach den Höhen unternehmen.

Gegen Abend erreichten wir die ersten von Süden nach Norden sich erstreckenden Ausläufer der Freistaathöhen. Die Vegetation war hier schon üppig, wir fanden zahlreiche Büsche und die von den Diamantenfeldern als dunkle Punkte sichtbaren Stellen entpuppten sich uns als Kameeldornbäume, deren breite niedere Kronen und große, flache, graubewollte Samenschoten ihren Mimosen-Charakter verriethen. Seit der Zeit sind schon die meisten der Axt zum Opfer gefallen und in den Diggings zu Asche verwandelt worden. Was uns an diesen Bäumen, die bis zu zwei Schuh stark, den knorrigen Stamm mit dunkelgrauer zerrissener Rinde bedeckt, ein sehr hartes Holz liefern, auffiel, waren ihre bis drei Zoll langen und oft an ihrer Basis fingerstarken, je paarweise sitzenden, doch mit den Spitzen divergirenden Dornen und die an ihnen hängenden Vogelnester, von denen wieder zwei besonders erwähnenswerth waren. Es waren dies die Nester einer kleinen Kolonie von Siedelsperlingen (Philetaerus socius). Die Bauart dieser Nester ist eine höchst merkwürdige; haben diese Bienenfleiß entwickelnde Thierchen ein geeignetes Stämmchen gefunden und den Bau ihrer Nester begonnen, so verfertigen sie gemeinschaftlich das allen dienende Dach. Jedes Pärchen baut sein eigenes Nest aus trockenem Gras und bedacht es, aber eines so dicht neben dem andern, daß man nur ein einziges von einem großen, 2-5 Fuß Durchmesser und 1-3 Fuß Höhe haltenden Dache bedecktes Nest erblickt, zu dem von unten unzählige kreisrunde Löcher führen. Oft brechen die unter der Last dieser Nester sich biegenden Aeste, deren Kronen über das kegelförmige und steil abschüssige Dach herausragen. Obgleich die Eingänge zu diesen Nestern sich an der unteren Seite befinden und man doch denken würde, daß die munteren Thierchen durch ihr abschüssiges Dach nicht nur gegen Regenschauer, sondern auch gegen ihre Feinde geschützt wären, ist dies doch nicht der Fall; ich beobachtete, daß sich namentlich größere Schlangen, wie die Cobras, daran wagen, und habe selbst einige Jahre später einen solchen Räuber an einem Baume auf der Oliphantfontein-Farm erlegt, als er sich in einem Nestbau dieser Siedelsperlinge verkrochen und Verderben unter seinen Bewohnern angerichtet hatte. Die Vögel, welche die Schlange im Neste überraschte, waren von ihr gebissen und die Leichen herausgeworfen, die Jungen und die Eier verschluckt und die aufliegenden Eltern durch Fauchen verscheucht, die Muthigeren durch Bisse getödtet worden. Da ich durch einen Schuß nicht die vielleicht noch lebenden Jungen in den Nestern tödten wollte und auch nur den Schwanz der Schlange sah, brachte ich sie durch einen wohlgezielten Steinwurf zur Erde, um dann der davon Eilenden mit einem Doppelschusse den Garaus zu machen.

Am Abend nachdem wir die Ausläufer der felsigen Höhen erreicht hatten, befanden wir uns auf einer bis zu den gegenüberliegenden, etwa drei englische Meilen entfernten Höhen reichenden Grasebene. Unter einer nahen felsigen Erhebung standen zwei Zelttuchhäuschen, in denen ein Eingeborner eine kleine Cantine hielt, ein Beweis, daß wir auf den von den Diamantenfeldern nach dem Freistaate führenden Weg gestoßen waren. Aus einer nahen umfriedeten und bebuschten Stelle schlug das Meckern einiger Ziegen an unser Ohr.—Ein Geschenk von einigen österreichischen Zigarren billiger Sorte zauberte auf das Gesicht des Cantinenwirthes ein freundliches Lächeln und rief in seiner Seele eine wohl seltene Anwandlung von Freigebigkeit wach, denn als Gegendienst bewirthete uns der krausköpfige Schwarze mit Brandy, denselben vorsichtig in kleinen Gläschen credenzend. Ein befriedigendes Schmunzeln, mit dem er wieder in's Häuschen zurücktrat, überzeugte uns, daß er sich nicht zu viel zugemuthet und sein Vorrath an Brandy durch die eben bewiesene Gastfreundschaft nicht sehr gelitten hatte. Die Freigebigkeit unseres Wirthes brachte auch das Gespräch etwas in Fluß und bald zeigte er sich noch freigebiger, als er erfuhr, daß ein Farmer, den ich in den Diamantenfeldern behandelt hatte, und den er kannte, auf der Krichofarm wohne. Er glaubte wohl sich seinem Freunde erkenntlich zu zeigen, wenn er dessen Arzt in seinem kleinen Heim bewirthete. Seinen uns anstaunenden, im tiefen Negligé und barfuß erschienenen Kindern bedeutete er, den Fremden eine Christmaßboox zu bieten. Wir alle verstanden jedoch nicht, was er damit meine, bis die beiden größeren Knaben, mit drei Tassen schwarzen, duftenden Kaffee's und einem Teller Kuchen erschienen, eine Gabe, die von uns dankbar angenommen wurde. Nach dem Kaffee lud uns unser Wirth ein, die Nacht in seinem Häuschen zuzubringen, doch ich wollte noch desselben Tages an Ort und Stelle sein und so dankten wir herzlich für die Christmaßboox und die Bewirthung und setzten durch tiefen Flugsand watend, unsern Weg fort. Es war dunkel und deshalb gewagt, quer durch das hier dicht bebuschte Thal zu schreiten, das viele Schlangen zu beherbergen schien.

Trunk aus einer Sumpflache.
[Trunk aus einer Sumpflache.]

Spät Abends langten wir bei der Krikofarm an, ich entschloß mich im Freien zu übernachten, und da wir auch sehr durstig geworden waren, folgten wir dem Schimmer eines kleines Wassers, der uns zu einem halb ausgetrockneten Teich brachte, und wählten uns nahe an demselben eine ebene Uferstelle zu unserem Nachtlager aus. Unser Nachtimbiß war bald fertig, die tagsüber erlegten rothfüßigen Kibitze, sowie einige kleinere Trappen (eine von den Boers Patluperken genannte Art) mundeten nicht minder wie eine Tasse Thee, zu welcher wir das Wasser aus dem Teiche genommen hatten; bei Tage hätte uns wohl nur der peinlichste Durst dazu gebracht, dieses Wasser zum Munde zu führen, denn es schillerte im Feuerschein in allen Farben des Regenbogens und wurde selbst von den Rindern der Farm verschmäht.

Während wir um das Feuer sitzend die Erlebnisse des Tages besprachen, wurden wir durch den Besuch dreier Korannas beehrt. Vom Feuer angelockt, waren sie von dem etwa 100 Schritte entfernten Farmhause herangekommen und mochten uns wohl für arbeitsuchende Basutos (ein im Westen vom Oranje-Freistaat wohnender Eingebornenstamm) halten, die sich hier ein Nachtlager ausgesucht. Sie wunderten sich nicht wenig Weiße hier campiren zu sehen. Bald nachdem uns die neugierigen Besucher verlassen und das Gekläffe der Farmhunde verstummt, herrschte in unserer Umgebung tiefe Stille, nur durch das monotone Zirpen einer kleinen Grillenart unterbrochen. Nach so vielen in der Staubatmosphäre von Dutoitspan verlebten Tagen waren wir froh, hier in frischer, gesunder Luft zu athmen, und waren bald in tiefen Schlaf versunken.

Zeitlich des Morgens durchstöberten wir die nächste Umgebung der Farm. Dieselbe liegt in einem breiten Thale, in welches, nahe der Farm, einige Querthäler münden, die von den isolirten Hügelketten gebildet sind. Diese Höhen fallen ziemlich steil, oft sogar perpendiculär ab und zeigen Riesenblöcke der Trapdykes. Es that unserem Auge wohl, an den Abhängen dieser Hohen eine ziemlich reiche Vegetation zu finden, selbst die flachen Kuppen waren mit kleinen, baumartigen Mimosen bewaldet. Außer einer Menge gestreifter Mäuse fanden wir keine Säugethiere, dagegen eine Menge Turteltauben, Kibitze, Wiedehopfe, langschwänzige, weiß und schwarz gescheckte Würger, die gemeinen braunen Aasgeier oben auf den Felsen hockend, die von ihrem Unrath so weiß getüncht waren, daß man diese Stellen 15 englische Meilen weit erblicken konnte, ferner kleine Rothfalken und schöne braune Gabelweihen, uns die günstigste Gelegenheit bietend, unsere Jagdtasche zu füllen und den Mittagstisch mit manch' leckerem Bissen zu versorgen. Auch unsere Spiritusflaschen füllten sich mit Fröschen, Chamäleons, Eidechsen, riesigen Spinnen und zahlreichen Insecten. Zu unserem Lagerplatz zurückgekehrt, trafen wir den Farmer. Meine Frage, wie wohl den die Höhen bevölkernden Pavianen beizukommen sei, ließ ihn sehr gesprächig werden.

»Hier,« meinte er, »hausen in der Nachbarschaft zwei Pavianheerden, eine kleinere und scheuere geht in der Regel Vormittags in der nahen Bergschlucht zur Tränke, die große Heerde wagt sich täglich an den zweiten Teich in unserer Nähe.« Der Farmer klagte nun sein Leid über die Frechheit dieser Affen; sie waren eine große Plage, denn kaum, daß sie durch ihre auf den Felsen ausgestellten Wachen entdeckten, daß Feld und Garten verlassen waren, so war die Heerde auch schon bald über den Zaun eingebrochen und der Garten verwüstet, besonders schädlich aber wurden sie den weidenden Schafen. Geschah es, daß der hütende Hirt auch nur für kurze Zeit eingeschlafen, oder die Thiere aus einem anderen Grunde unbewacht blieben, so konnte der Farmer gewiß sein, einige Lämmer mit zerrissenem Körper zu finden. Die Paviane folgen den Thieren auf den Höhen, während die Schafe im Thale weiden und stürzen, sobald sie selbe unbeschützt sehen, auf sie herunter und reißen mit ihrem furchtbaren Gebiß den Thieren den Bauch auf, um zu dem Milchinhalt des Magens zu gelangen; haben sie diesen entleert, so lassen sie die zuckenden Körper liegen, um dasselbe an anderen der blöde hin- und herrennenden Lämmer zu versuchen. (Ich fand dies später oft bestätigt.) Nun begriffen wir wohl des Farmers zufriedenes Schmunzeln, als er unser Vorhaben, einige der Thiere zu erlegen, erfuhr. Des Farmers Redseligkeit bewog mich, ihn über die weiteren Absichten bei dieser Jagd zu unterrichten, daß ich gerne einige schöne Bälge zum Ausstopfen und einige Kopfskelette erlangen wollte. Diese Mittheilung machte ihn stutzen. Etwas ähnliches hatte er doch noch nicht vernommen »Allmachtag (Allmächtiger) wat will ye dun[1] und kopfschüttelnd ging er zu seiner Frau, um ihr das »wonderlijke« Vorhaben des »albernen« Doctors mitzutheilen, der einen »Babuin« todtschießen und das Fell, ja sogar das Kopfskelett nach »Duitsland« schicken wollte.

1 Das in der Regel von den Farmern gesprochene Holländisch in Süd-Afrika ist nicht das reine Holländisch, wie wir es in Europa hören, sondern ein Gemisch von vielen Sprachen, englisch, plattdeutsch, französisch etc., dagegen sprechen die gebildeten Holländer der Capstadt, in Bloemfontein und in der Nachbarschaft anderer Städte ein sehr reines Holländisch.

Viele der Freistaatfarmer sind einfache, gute, oft wahrhaft herzensgute Leute, denen nur die nöthige Bildung fehlt, um sie als beständige Gesellschafter zu wünschen. Ich habe nie dankbarere Patienten gekannt als sie.

Gegen die Mittagsstunde verließen wir die Farm und brachen nach den Felsenhöhen im Osten derselben auf, um noch zur Tränkezeit der kleinen Heerde auf dem Platze zu sein. Wir passirten einige von Korannas und Basutos, Dienern des Farmers bewohnte Hütten. Die Basutos kommen von ihrem im Osten gelegenen Lande und verdingen sich mit ihren Frauen an die Farmer, sie werden jährlich mit einer bestimmten Anzahl von Schafen, ein oder zwei Kühen und Ochsen, hie und da auch noch mit einer Mähre oder einem Fohlen bezahlt und bekommen nebstdem die nöthige Nahrung; außerdem wird ihnen gestattet, sich nach einem fruchtbaren Stück Land umzusehen, wo sie sich Korn (Sorghum-Art), Mais, Kürbisse, Tabak etc. anbauen können. Auf meinen späteren Reisen beobachtete ich, daß namentlich wohlhabende Farmer, wie Mynheer Wessels, auf dessem Gebiet auch jene auf unserem Marsche berührte Cantine lag und dessen Farmen einen Umfang von mehreren Meilen hatten, von welcher Fläche aber nur etwa 1/36 angebaut war, mehrere kleine Basutodörfer ihr eigen nennen, deren Bevölkerung sich in der obbeschriebenen Weise auf mehrere Jahre verdingt. Es sind meist mittellose Leute aus dem dicht bevölkerten Basutolande am Caledon-River, welche durch jahrelange Trockenheit um alle ihre Ernte-Erwartungen gebracht, genöthigt waren, aus der Heimat auszuwandern und günstigere Gebiete aufzusuchen.

An der Bauart der Hütten konnten wir sofort den ethnographischen Unterschied zwischen beiden Stämmen deutlich wahrnehmen; während die Hütten der Basuto's, aus Baumästen in cylindrischer Form (circa 3 Meter im Durchmesser haltend) gebaut und von einem kegelförmigen Dache bedeckt, das auf dünnen Pfählen ruhte und mit dürrem Grase überdeckt war, hatten die Koranna's halbkugelförmige Hütten, welche aus dürren Aesten erbaut und mit Matten lose überdeckt waren.

Wir hatten die Ehre, von einer der schwarzen Damen gemustert zu werden; sie war vor den Zaun getreten und blos mit einem grauen kurzen Kaliko (Unterrocke) bekleidet. Stirn, Wangen und die Brüste waren mit einem bläulich-schwarzen Ocker mit Wellenstrichen bemalt; an einer der Korannahütten stand ein europäisch gekleideter Mann, dem eben ein ältliches Weib, ebenfalls in schmutzige europäische Fetzen gekleidet, aus der Hütte einen mächtigen Feuerbrand brachte. Ich war neugierig, was sie wohl damit thun wolle, und siehe, er blieb ohne eine Miene zu verziehen, gleichgiltig vor sich hinstarrend stehen, die ältliche Frau jedoch hob das brennende Holz, von dem eine wahre Rauchsäule emporwirbelte, auf, legte die glühende Spitze desselben sachte an ihres Mannes kurze Pfeife, der nun mit seiner Rechten nachzuhelfen sich bemühte. Hervortretend fragte ich nach dem besten Aufgang auf die Höhe und erhielt von dem braungelben Phlegmatiker eine artige, meinem Ansuchen entsprechende Antwort. Eine halbe Stunde später erreichten wir die Kuppe der Höhe, die eine mit Busch bewachsene, wellenförmige, mit Steinblöcken besäete Ebene bildete. Nachdem wir sie in ihrer Länge von Süden nach Norden durchschritten und uns der vom Farmer erwähnten Schlucht genähert hatten, vernahmen wir von dem gegenüber liegenden Abhange derselben, etwa 300 Schritte vor uns, ein heiseres, mehrstimmiges Gebelle. Hinblickend sahen wir sieben, darunter vier erwachsene Paviane mit Sprüngen die Höhe erreichen, auf der kleinen Tafelebene noch einmal nach uns umsehen und dann wieder in einer weiter rechts liegenden Schlucht verschwinden. Wir folgten ihnen rasch, erkannten auch an den frischen Spuren am Boden der Schlucht, daß sie erst vor kurzem die Tränkstelle verlassen haben mußten. Um nicht die größere Heerde zu versäumen, folgten wir der Schlucht, die in unser Thal mündete, füllten auch unsere Waidmannstaschen mit einigen Taubenpaaren, die am Feuer geröstet, uns einen guten Imbiß lieferten.

Pavianjagd.
[Pavianjagd.]

Während wir beim Mahle saßen, ließen wir alle unwillkürlich die Blicke auf die zu beiden Seiten und vor uns liegenden Abhänge schweifen, um vielleicht einen der gesuchten Vierfüßer zu erspähen, allein vergebens. Da erscholl plötzlich ein lautes Geschrei von der Farm her, welches sich uns zu nähern schien, allein bald verstummte. Gegen diese hin standen hohe Mimosenbäume, zwischen denen nur durch eine schmale Lichtung ein Theil des Hauses sichtbar wurde, rechts von uns erhob sich der etwa 12 Fuß hohe steinerne Damm des Teiches, an dessen Ufer wir campirt hatten, so daß uns von unserem Standpunkte aus der Blick über die Ursache des Geschrei's nicht belehren konnte. Scherzweise warf ich hin, daß, während wir uns hier gütlich thaten die Paviane wohl die Mittagszeit benützend, dem Farmer einen Besuch abgestattet haben konnten. Ich hatte kaum ausgesprochen, als ich aufbringend auf die etwa 250 Schritte von uns entfernte Höhe zur Linken wies. »Seht, ist das nicht ein Affe?«—und richtig ein Pavian, ein zweiter—eine ganze Heerde lief den Abhang hinan, allein nicht sehr eilig und von Zeit zu Zeit auf einem Felsblock hocken bleibend; am Fuße der Höhe erschienen schon die Leute, der Farmer und die farbigen Diener mit Knütteln und Stocken bewaffnet und laut schreiend. In einem Nu waren wir unter der Höhe, bogen etwas nach rechts, wohin sich auch die Affen, den höheren Partien zustrebend, zu wenden schienen und meine Gefährten zur Vorsicht mahnend, stiegen wir empor. Ich schlug vor, in stille wie möglich uns aufwärts zu bewegen, damit die Aufmerksamkeit der Thiere sich auf die übrigen, ungefähr 200 Schritte mehr zur Linken langsam emporklimmenden, laut schreienden Verfolger richten möge.

Da der eine meiner Gefährten nur mit einem Schrotgewehr, der andere nur mit einem Stock bewaffnet war, hieß ich beide, in meiner Nähe bleiben, um ihnen, im Nothfalle beistehen zu können, denn ein erzürnter, erwachsener Pavian ist als Feind gefährlicher als ein Leopard. Wir hatten bereits den Abhang zur Hälfte erstiegen und noch immer war keiner der Flüchtigen zum Schuß gekommen. Endlich erschien einer über mir, doch hoch oben von Block zu Block springend, bald deckte ihn ein Busch, bald ein Felsen, so daß kein Schuß mit Erfolg anzubringen war. Das Thier verschwand als es die Höhe erreicht hatte und wir mußten, höher klimmend, trachten, es noch auf der flachen Kuppe zu treffen, oder vielleicht einen seiner Genossen zu erspähen. Meine Hoffnung wurde nicht getäuscht, denn schon 40 Fuß höher entdeckte ich ein erwachsenes Weibchen. Doch alle Mühe, zum Schuß zu kommen, war vergebens, einmal stand der schwarze Diener des Farmers mir in der Schußlinie, und die zweite günstige Gelegenheit verdarb mein Gefährte, der, als sich das Weibchen uns bis auf fünf Schritte genähert hatte, mit lautem Schrei in die Höhe sprang und damit das Thier in die Flucht jagte. Obwohl wir athemlos die steile Höhe emporklommen, um das Thier nicht gänzlich aus dem Auge zu verlieren, war es zu spät. Auf der Kuppe angelangt, war nirgends mehr eine Spur von den Affen zu entdecken.

Wir stiegen herab, gewiß nicht in der rosigsten Laune und gaben nicht allein jeden Gedanken auf, noch am selben Tage einen Pavian zu sehen, sondern hatten auch nicht die geringste Ahnung, daß uns mit derselben Heerde noch ein ähnliches Mißgeschick begegnen würde. Unten angelangt, hörten wir nun von den Koranna's, daß die Paviane einen Versuch gemacht hatten, in den Schafkraal (Umzäunung) zu gelangen, zu dem einige blökende Lämmer die Affen hingezogen hatten. Sie wurden jedoch zeitig bemerkt und damit sie ihren Raubzug nicht zu bald wiederholten, nicht nur verscheucht, sondern auch verfolgt. Man versicherte uns jedoch, daß sie gewiß noch einmal zur Tränke an den andern, uns schon früher bezeichneten nahen Teich kommen würden; alle Müdigkeit war bei dieser Nachricht vergessen und wir begaben uns sofort auf die bezeichnete Stelle. Ein kleiner von Regenwasser gefüllter Teich lag im Thale, zur Linken, etwa 300 Schritte entfernt zogen sich die Höhen hin, die wir eben verlassen hatten, zur Rechten, ihnen gegenüber, in der Entfernung einer Meile eine zweite Reihe von Höhen. Der Teich war an drei Seiten eingedämmt, nach dem Hause zu war der Damm aus Steinen errichtet und lag der freien Einflußstelle des Wassers gegenüber. Diese Stelle war sandig, zur Linken bildete das trübe, gelbliche Wasser eine kleine Bucht, zur Rechten fiel dem Beschauer ein dichtes, niederes von der schon erwähnten strauchartigen Euphorbia gebildetes Gebüsch auf. An der Sandseite des Dammes wuchsen aus den Steinspalten einige Sträucher hervor. Hinter einem derselben, ihn als Deckung für den Kopf benützend, hatte ich Stellung genommen.

Wir hatten kaum unsere Stellungen bezogen, als uns der Knabe des Farmers auf zwei dunkle auf dem Abhange des Hügels zur Rechten sichtbar werdende Punkte aufmerksam machte; in der That konnten wir eine größere Anzahl beweglicher dunkler Körper wahrnehmen. Sie bewegten sich bergab und als sie auf etwa 900 Schritte nahe gekommen waren, erkannten wir die Pavianheerde. »Sie kommen zum Wasser!« meinte der Knabe. Zu unserer Verwunderung schienen sich die Affen nicht von der Stelle rühren zu wollen, es verging eine Viertel-, eine halbe Stunde und noch immer war der Haufen auf derselben Stelle—da auf einmal, wie aus der Erde herausgezaubert, erschienen uns gegenüber an dem freien Ende des seichten, kaum 60 Schritt langen Teiches zwei riesige Männchen, keiner unserer Gesellschaft hatte ihre Annäherung beobachtet, ob sie in einem Bogen quer über das Thal oder durch das Gras geraden Weges von der Heerde zu uns gekommen waren, konnten wir uns nicht aufklären. Da ich die Thiere beobachten und mich dessen vergewissern wollte, ob sie zu jener Heerde, die unter den niedrigen Mimosenbäumen spielte, gehörten, kam ich von dem Entschlusse, sofort eines der Thiere zu erlegen, ab und wartete mit Spannung der weiteren Dinge. Nun sprangen sie vom Damme zum Wasser, beugten sich nieder und tranken; sich wieder emporrichtend, verließen sie recht gravitätisch auf allen Vieren einherschreitend das Wasser und schlugen die Richtung nach der Heerde ein; sie gehörten ihr also thatsächlich an und waren die ausgesandten Kundschafter. Zu den Ihren gekommen, setzte sich die ganze Truppe sofort in Bewegung; kurze Zeit darauf waren schon alle am Teiche. Da gab es Mütter mit Säuglingen und halb erwachsenen Thieren, der erwachsenen Männchen nur drei oder vier. Die Thiere kamen einzeln heran, tranken und kehrten unverweilt zurück; nachdem etwa zehn in dieser Weise ihren Durst gelöscht hatten, kamen mehrere auf einmal, während die übrigen sich auf dem Sande ringsum mit Sprüngen und Herumrollen ergötzten. Bald wären wir jedoch um alle weiteren Betrachtungen gekommen, denn vom Hause her näherten sich zwei Korannafrauen, Töpfe auf den Köpfen tragend, um Wasser aus dem Teiche zu holen, an dem wir lagen. Durch Gesticulationen hielten wir glücklicher Weise die Frauen ab, näher zu kommen, allein es war auch die höchste Zeit, zum Schusse zu kommen. Eben waren, wie ich mir einbildete, dieselben Männchen, welche so geschickt das jenseitige Ufer ausgekundschaftet, zum zweiten Mal an's Wasser getreten, sie setzten sich auf jede Seite der kaum zwei Fuß hohen Einbuchtung und beugten sich mit dem Vorderkörper zum Saufen nieder. Diesen Moment wollte ich benützen, um mein Glück zu versuchen. Wie wir später an den Spuren ersahen, hatten sich die beiden Thiere so gegeneinander vorgebeugt, daß blos ein Raum von nicht ganz vier Zoll zwischen den gesenkten Köpfen frei blieb. Da donnerte meine Büchse—wie wir uns später überzeugten, hatte die Kugel, zwischen den Köpfen der Thiere durchfliegend, etwa drei Fuß hinter denselben eingeschlagen. Hoch sprangen sie beide auf, wie auf ein Tempo mit den Händen nach der Schnauze greifend, und unmittelbar darauf eilte die ganze Heerde bellend, die größeren Thiere etwas zurückbleibend und sich oft umdrehend, von dannen.——Obgleich wir bis zum Abend liegen blieben und sogar unser Nachtlager hierher verlegten, sahen wir nichts mehr von den Affen, deren heiseres Gebell wir noch die halbe Nacht hindurch von den Bergen herab deutlich vernahmen. Wir blieben noch einen Tag, allein die Thiere, die uns von den Höhen bemerken konnten, behielten uns im Auge, und wollten sich von den Felsenhängen, wo sie Herren der Situation waren, nicht herabwagen.

Meine Begleiter waren in der dem mißglückten Jagdtage folgenden Nacht in tiefen Schlaf versunken, während mich das Gebell der Paviane in steter Spannung erhielt. Allein außer ihren heiseren Tönen konnte ich auch nichts Anderes vernehmen. Selbst der leise Wind war eingelullt und ließ von seinem Spiele mit den zarten Blüthen der Mimosen ab. Solch' stille Nächte—unter südafrikanischem Himmel—üben auf den Fremden einen mächtigen, lange hin nachklingenden Reiz aus. Die Atmosphäre war rein, der Himmel so dunkel und zwischen ihm und der Erde unzählige Wölkchen in solch' lebendigen Schattirungen zwischen milchfarben und grau, daß ich mich nicht entsinnen konnte, je etwas Aehnliches zuvor beobachtet zu haben.

Die Kimberley-Kopje im Jahre 1872.
[Die Kimberley-Kopje im Jahre 1872.]

Nach den Diamantenfeldern zurückgekehrt, nahm ich wieder meine Berufsthätigkeit auf, die immer ausgebreiteter wurde, und es mir erlaubte, zur Verwirklichung meiner weitgehenden Pläne manches Pfund Sterling bei Seite zu legen. Nachdem ich schon im Laufe des Jänner mir einen der bekannten Wagen angeschafft hatte, also im Besitze des wichtigen Reisemittels war, hielt ich zu Beginn des Februar 1873 die Zeit für gekommen, um meine erste größere Reise, gewissermaßen eine Recognoscirung, zu unternehmen.


Meine erste Reise in das Innere von Süd-Afrika.

IV.

Von Dutoitspan nach Lekatlong.

Meine Reisebegleiter.—Schwierigkeit der Beschaffung geeigneter Zugthiere.—Aufbruch aus den Diamantenfeldern.—Trostloser Zustand der Wege.—Südafrikanischer Vorspann.—Old de boers-Farm.—Bismark's Retreat.—Der Vaal-River und sein Thal.—Ein Besuch im Korannadorfe bei Pniel.—Bauart der Korannahütten.—Sociale Zustände unter den Koranna's.—Vorschläge und Mittel zur Besserung derselben.—Freimaurerthum unter den Koranna's.—Ein gefährlicher Nachtmarsch zum Vaal-River.—Klipdrift.—Racenunterschiede zwischen Koranna's und Betschuana's.—Das Innere der Korannahütten.—Die River-Diggings am Vaal.—Die Fauna des Vaal-Thales.—Eine Krankenordination in Klipdrift.—Gong-Gong, Waldeks-Plant und der Fly-Diamond.—Eine desolate Strasse.—Die Holitzer Schlucht.—Die Cobra capella und ihre Gefährlichkeit.—Ringhalsschlangen.—Im Schlamme des Vaal River Versunken.—Ankunft in Lekatlong.


Meine Vorbereitungen waren beendet, die Ausrüstung besorgt; es blieb mir nur noch die für Reisen in Afrika wichtige und folgenschwere Wahl meiner Begleitung zu treffen. Von der Idee, mich blos mit eingebornen Dienern zu umgeben, kam ich bald ab und entschied mich in Begleitung von Weißen zu reisen. Meine Wahl fiel auf jene beiden jungen Männer, deren ich eben vorher auf meinem Ausflüge nach dem Freistaate erwähnte und als dritten Gefährten lud ich Herrn Friedrich Eberwald aus Thüringen ein, einen biederen Charakter, der später einer meiner herzlichsten Freunde wurde und mir auch auf der zweiten Reise treu zur Seite stand. Ein unwiderstehlicher Drang, fremde Länder mit eigenen Augen zu schauen, hatte ihn, nachdem er einen großen Theil von Europa, Kleinasien, Nord- und Südamerika gesehen, nach den Diamantenfeldern geführt, um hier sein Glück als Diamantengräber zu versuchen, doch war ihm dieses nicht besonders günstig. (Ich kam auch nach meiner letzten Reise mit ihm zusammen und bat ihn, mit mir nach Europa zurückzukehren, doch vergebens.)

Vor meiner Abreise galt es noch, jedem meiner Begleiter sein specielles Arbeitsressort zu bestimmen; mein Freund Eberwald legte sich die freiwillige Pflicht auf, uns, so weit es mit dem Schrotgewehr anging, mit Wildgeflügel zu versorgen und über den Wagen zu wachen. K., der zweite meiner Gefährten nahm die Küche auf sich, während der dritte, F., mir im Jagen und Sammeln behilflich sein sollte. Diesen letzteren hoffte ich mir zu einem steten Begleiter für künftige Reisen heranzubilden. Meine Mühe scheiterte jedoch an seinem ganzen Wesen; nicht nur, daß er sich gänzlich unfähig zeigte, er war auch böswillig und blieb verstockt—und obwohl ich mich von seinem Charakter bereits auf der ersten Reise überzeugt hatte, ließ ich mich verleiten, ihn auf der zweiten Reise mit mir zu nehmen, auf welcher er alle meine Geduld mit schwärzestem Undank lohnen sollte.

Der Zweck der ersten Reise war, mich durch einen mehrwöchentlichen Aufenthalt im Freien dem afrikanischen Klima anzupassen, einen Begriff vom Reisen im Innern zu gewinnen und namentlich durch eine solche Versuchsreise den Umfang der Ausrüstung für eine größere Forschungsreise nach dem Innern kennen zu lernen. Die endlich zur Abreise anberaumte Frist war schon verflossen, allein mein Wagen konnte sich noch immer nicht von der Stelle rühren. Man rieth mir, Ochsen als Gespann zu wählen, ich jedoch dachte einen Versuch mit jenen stillen, selbstzufriedenen Geschöpfen zu wagen, welche schon im grauen Alterthume durch mehrere ihres Gleichen, wie jenen, der durch Bileam's »Dressursinn« sprechen lernte, hochgeehrt waren und in dieser Absicht durch die Behauptung der Eingebornen bestärkt, daß die südafrikanische Race »tsetsefest« sei. Ich fand unter meinen Patienten einen im Besitze von zwölf solchen Stilldenkern und schloß den Kauf ab, 3 £ St. per Stück. Als jedoch der Tag der Abreise kam und wir auf den Farmer warteten, erschien er nicht, auch nicht den folgenden, sondern erst den dritten Tag und nun erst mit der traurigen Nachricht, daß sich seine zwölf »Grubh« in ihrem Wissensdrang nach neuen (newe d.h. frisch) Kräutern und Gras verlaufen hätten. »Vergebens habe ich sie überall gesucht und, heute heimgekehrt vernommen, daß sie etwa 30 Meilen von hier in der »Pound« seien.« To keep in Pound heißt das Recht, aufsichtslose Hausthiere, vom Pferde bis zur Ziege, wenn diese von dem Besitzer einer Farm auf seinem Grund und Boden angetroffen und von diesem an dazu gesetzlich bestimmte Stellen, d.h. Farmen, abgeliefert wurden—auf einen Monat zu behalten und zu überwachen. Eine solche Farm heißt eine Pound, der dazu gesetzlich bestimmte Farmer ist ein Poundmaster. Werden die so eingebrachten Thiere, die in den Districtsblättern genau beschrieben werden, nicht binnen vier Wochen (vom Tage des Einfangens) von ihrem rechtmäßigen Besitzer gegen Entrichtung eines verhältnißmäßig geringen Betrages ausgelöst und abgeholt, so werden sie in einer öffentlichen Auktion, die vom Poundmaster gehalten und in den Districtsblättern annoncirt wird, feilgeboten. Der Ertrag kommt dem Staatssäckel zu Gute.

Vorspann in Süd-Afrika.
[Vorspann in Süd-Afrika.]

Es blieb mir nun nichts übrig, als mich nach einem behörnten Gespann umzusehen, machte hierbei jedoch die Erfahrung, daß es unmöglich war, sofort gute Zugthiere zu erlangen und ich hätte einige Wochen auf solche warten müssen. Dies war noch schlechter, es blieb mir also keine andere Wahl, als mich mit Pferden zu versehen, trotzdem der Preis eines Pferdegespanns das Zweifache eines Ochsengespanns betrug und es angesichts des herannahenden ersten Reifes, zu welcher Zeit eine bösartige Pneumonie in Süd-Afrika alljährlich Hunderte von Pferden vernichtet, sehr gewagt war, Pferde zu nehmen. Da F. prahlte, ein geübter Rosselenker zu sein, nahm ich mir vor, ihm nicht allein das Lenken des Gespanns, sondern auch dessen Ankauf zu übergeben. Allein der Preis, den man für die Pferde forderte, überstieg meine Berechnungen und ich wäre gezwungen gewesen, meine Reise doch noch aufzugeben, wenn mir nicht mein Gefährte K. mit der nöthigen Summe ausgeholfen hätte.

Korannagehöfte im Hart-Riverthale.
[Korannagehöfte im Hart-Riverthale.]

So schieden wir denn—vier Weiße mit fünf Pferden und fünf Hunden auf einige Wochen aus der staubigen Atmosphäre der Diamantenfelder. Ich wollte mich direct nach Klipdrift begeben und im Thale des Vaalflusses abwärts bis zu der Mündung des Hart-River, sodann im Thale des Hart-Rivers nach Nordost vordringen, um einige der Batlapinenstämme kennen zu lernen und nachdem ich diesen Zweck erreicht, in mein neues Heim zurückkehren. Der mir berichtete schlechte Zustand der einzigen Straße nach Klipdrift und mein Sammeleifer bewogen mich, querfeldein über die bebuschte Ebene zu reisen. Wir schlugen daher eine nordöstliche Richtung nach der Riet-Farm, einer der von allen Seiten die Diamantenfelder umgebenden Pounds, ein. Diese ist wie die meisten der übrigen, ein höchst unbeholfen aussehendes, viereckiges Farmhaus, an das ein ebenso einfacher Wagenschuppen angebaut war; ein aus Dornbüschen gebildeter Kraal für die eigenen und eingefangenen Thiere zur Linken war Alles, was von der einst blühenden und durch die Entdeckung der Diamantenfelder im Werthe so hoch gestiegenen Farm übrig geblieben war. Nicht ein Stückchen Garten war zu sehen; unsere Aufmerksamkeit erregten nur zwölf gezähmte, junge Strauße, welche den sie beaufsichtigenden Korannajungen willig folgten.[1]

1 In den letzten Jahren hat sich die Straußenzucht in Süd-Afrika so bedeutend gehoben, daß man gegenwärtig wohl über 100.000 Strauße in den Colonien hält.

Auch in der eben eingeschlagenen Richtung zeigte sich der Boden derart aufgeweicht, daß kaum an ein Fortkommen zu denken war; wir schlugen deshalb die Richtung nach Westen gegen die Old de boers-Farm zu, ein. Neues Mißgeschick! Auch hier stand das Land unter Wasser, nur ein schmaler Streifen am Fuße eines, einen künstlichen Teich umsäumenden Dammes schien passirbar; nahe gekommen, fanden wir selbst diesen Engpaß morastig. Mit vereinten Kräften gelang es, das Gefährt bis zur Mitte des Weges zu bringen, hier aber versanken die Räder bis zur Achse im morastigen Grunde und alle weiteren Anstrengungen waren nutzlos. Selbst als eine diese Strecke passirende Frau uns das Gespann ihres Karrens zur Hilfeleistung überließ, konnten wir keinen Erfolg erzielen. Ermüdet gaben wir jeden weiteren Versuch auf.

Auf einer etwa 50 Schritte vom Wagen entfernten freieren, aber leider nassen Sandstelle, breiteten wir unsere Decken aus und schlugen unser Nachtlager auf. Von Schlaf war keine Rede, ein leiser Regen, ein kalter durchdringender Wind und unzählige Mosquito's hielten uns die ganze Nacht wach. Wie es aber so oft geschieht, daß man über das Unglück eines Armen, trotz der eigenen erlittenen Unfälle noch lacht und spöttelt, so geschah es am Morgen des nächsten Tages dem armen F., als wir sein Antlitz von vielen Insectenstichen verunstaltet sahen. Das Gesicht stellte eine einzige dunkelrothe mit zwei feuerrothen Wülsten (den Lippen) geschmückte Kugelfläche vor, an der man von der Nase nicht viel, statt der Augen blos zwei Spalten bemerkte.

Eine sehr schwache Lösung von Salmiakgeist brachte Linderung und zu Mittag war er bereits wohlauf. Vier prächtige Ochsen und zwei Diener aus der nahen Farm, deren Besitzer uns schon tagsvorher Hilfe zugesagt hatte, stellten sich gegen Mittag beim Wagen ein und bald war derselbe aus dem »Modder« befreit. Kaum dieser Misère glücklich entronnen, fing der Himmel durch ein von Westen heranziehendes Gewitter sich zu verdunkeln an und wir mußten eilen, um noch vor dem Sturme die nahe Old de boers-Farm zu erreichen. Als wir eben die steinige Farmhöhe hinanfuhren, da brach das Ungewitter über uns herein und bald darauf begegnete uns schon ein gelblicher Strom, der von der Ebene herabfließend, den Weg als Abflußgraben benützte, und uns zum Stillstand nöthigte. Der kaum halbstündige, heftige Gewitterregen hatte den Weg so tief versandet, daß wir nun wieder verurtheilt waren, den Wagen aus dem Sande förmlich herauszugraben. In der Farm endlich angelangt, waren wir froh, für die kommende Nacht Ruhe und ein schützendes Dach finden zu können. Ich gewann jedoch auch die Ueberzeugung, daß wir von der Fortsetzung des bisher eingeschlagenen Weges absehen mußten und beschloß, die Pferde nach Kimberley zurückzusenden und sie gegen kräftige Maulesel umzutauschen. Der Tausch kam indessen nicht zu Stande und so waren wir genöthigt, auf dem morastigen Wege nach Klipdrift weiter zu reisen. Die Abwesenheit des Farmers, von dem ich zwei Ochsengespanne zu erhalten hoffte, nöthigte uns noch zu weiterem Aufenthalte, den wir durch einen Jagdausflug ausfüllten.

Unter der Beute dieses Jagdausfluges fanden sich auch zwei Exemplare jenes schon von Livingstone beschriebenen, südafrikanischen Riesenfrosches »Motla metlo«, die ich meiner Sammlung einverleibte. Diese Thiere verbringen die Zeit der Dürre in einer Art Halbschlummer unter der Erde, meist in verlassenen Erdlöchern, und kommen nur nach heftigen Regengüssen zum Vorschein.

Nachdem wir noch unsere Vorräthe auf der Farm ergänzt, brachen wir auf; es war dunkle Nacht geworden, als wir die einige Meilen nordwärts gelegene Bredekam's Farm und das in der Nähe derselben befindliche Hotel erreichten. Auch diese Farm, obwohl sie einem Manne angehörte, der in den Diamantenfeldern reich geworden, war blos ein dürftiger, zur Noth seiner Bestimmung entsprechender Bau. Das Hotel bestand aus zwei mit Eisenblech gedeckten Segeltuchhäusern; es war von einem Deutschen gehalten, von dem es »Bismarck's Retreat« (Erholungsplätzchen) genannt wurde. Trotzdem, daß derselbe dieser Stelle Berühmtheit und sich selbst ein gutes Stück Geld erwerben wollte, und deshalb mit Wort und Inserat einige der vielen, Süd-Afrika charakterisirenden, salzhaltigen Quellen als eminente Heilquellen ausposaunte, war es ihm nicht vergönnt, aus Bismarck's Retreat ein Eldorado zu schaffen.

Nach mancherlei unangenehmen Zwischenfällen erreichten wir endlich die Höhen, welche von Hebron ab das Ufer des Vaal-River säumen, und begrüßten hocherfreut und aufathmend das uns entgegenschimmernde Grün des Thales; bald weidete sich unser Auge am Anblicke des in ziemlicher Fülle hingleitenden Stromes, an dessen südlichem Ufer wir die zerstreuten Häuschen der Berliner Missionsstation Pniel und ein kleines Korannadorf erblickten.

Von den Pnielhöhen herabfahrend, passirten wir am Wege die Ruinen eines Missionsgebäudes, in dem ein Korannaschmied mit seinem aus Schafhäuten verfertigten Blasebalg den zahlreichen hier nistenden grauen Fledermäusen Gesellschaft leistete. Wir machten nahe am Vaalflusse Halt, und während meine Begleiter Anstalten zur Bereitung des Mittagsmahles trafen, nahm ich das Gewehr, um die Gegend zu durchstreifen. Im Bette einer ausgetrockneten Regenschlucht, die hier in den Vaalfluß einmündete, beobachtete ich zahlreiche Spuren von Wasserleguanen und Fischottern, und erlegte nebst mehreren Mäusevögeln und Turteltauben einige große Regenpfeifer, welche mich mit ihrem lauten Tip-Tip angelockt hatten. Der Vaal, der bedeutendste Nebenfluß des Oranje, ist an dieser Stelle, wo ihn der von Kimberley nach Klipdrift Reisende zuerst trifft, etwa 100 Schritte breit, sehr schlammig und durch seine unzähligen Stromschnellen charakterisirt, welche von einander durch tiefe schlammige Stellen geschieden sind und an welch' letzteren der Fluß eine fast gleichmäßige bis 200 Schritt messende Breite zeigt. Seine Ufer sind gleichfalls auf weite Strecken hin schlammig, und dadurch unnahbar; Hausthiere können nur an den in den Fluß reichenden Felsenbänken oder an den Stromschnellen zur Tränke geführt werden; durstige fremde Thiere, die hier ausgespannt und nicht gut bewacht zum Wasser hinabeilen, büßen einen solchen Versuch meist mit dem Leben.

Ein Besuch im Korannadorfe bot uns einen trostlosen Anblick und gab mir die Ueberzeugung, daß bei keinem anderen Eingebornenstamm, etwa mit Ausnahme der Matabele, die Missionsthätigkeit so geringe Erfolge aufzuweisen hat, als bei den Koranna's. Ihre socialen Zustände und Verhältnisse, ihre Bildungsstufe, bewiesen mir, daß sie nur die Laster der Civilisation angenommen, für die Lichtseiten derselben aber wie vorher unempfindlich geblieben waren. Krankheiten und Trunksucht mit ihren verderblichen Folgen herrschen auch hier unter den Koranna's.[1]

1 Zu Anfang des Jahres 1877, habe ich in einer Brochüre die Eingebornenfrage in Süd-Afrika zu besprechen mir erlaubt und der englischen Regierung angerathen, diesen Koranna's gegenüber, welche zum Theile im Vaalthale von Fourteen-Stream bis zur Hart-Rivermündung als englische Unterthanen wohnen, ferner am mittleren Hart-River um die Stadt Mamusa ein kleines selbstständiges Reich bilden, und auch unter den nördlicher wohnenden Barolongen in der Stadt Koranna leben, den Verkauf spirituoser Getränke zu sistiren, um sie zum Ackerbau anzuhalten, sowie durch wöchentliche Inspicirung durch Polizisten sie zur Reinlichkeit und Instandhaltung ihrer Dörfer und Gehöfte zu gewöhnen. Man kann sich keinen widerlicheren Anblick denken, als diese in europäische Fetzen gekleideten, von Schmutz und Unreinlichkeit im höchsten Grade strotzenden Gestalten. Es freut mich, in der letzten Zeit vernommen zu haben, daß der gegenwärtige Gouverneur Colonel Warren von Griqualand-West, die Ausfuhr von Spirituosen in die nachbarlichen Eingebornenreiche verboten und auf seine Provinz beschränkt hat. Ein voller Erfolg, eine gründliche Verbesserung in den socialen Verhältnissen der Koranna's, wird aber erst dann eintreten, wenn das Gesetz noch bis zur vollkommenen Verweigerung der genannten Getränke verschärft sein wird.

Unter allen Stämmen Süd-Afrika's verwendet dieses Volk die geringste Mühe auf den Aufbau und die Instandhaltung ihrer Wohnungen. In der wohl auch durch das Klima beförderten Indolenz und Energielosigkeit übertreffen die Koranna's und Griqua's diese beiden Bruderstämme der Hottentottenrace, selbst die übel beleumundeten Buschmänner, welche die Felswände ihrer früher bewohnten natürlichen Höhlen mit einfachen mit Ocker übertünchten Zeichnungen bedeckt und die Gipfel der von ihnen bewohnten Höhen, d.h. die diese bedeckenden dunkeln Felsenblöcke mit Ausmeißelungen von thierischen und menschlichen Gestalten und anderen Objecten geschmückt hatten. Wenn der Koranna sich aus der ihm eigenthümlichen Trägheit, dem Mangel an Streben und Ausdauer herausreißt, um als Diener Anderer zur Arbeit zu greifen, so geschieht dies nur, weil ihm dadurch die Möglichkeit geboten ist, sich dem heißersehnten Branntweingenusse hinzugeben.

Hier am Abhange eines kahlen Höhenzuges, dort am Flußufer oder am Rande einer Salzpfanne, hie und da auch in den Felsenschluchten des Vaalflusses, finden wir eine oder mehrere, etwa 1½ Meter Höhe und 3-3½ Meter im Durchmesser haltende halbkugelige, jeder Umzäunung bare Hütten, die augenscheinlich nur dem Nothbehelf dienen, weder geräumig, noch symmetrisch gehalten, mehr thierischen Strohbauten gleichen. Die Herstellung ist denn auch, dem Aussehen entsprechend, eine höchst primitive. Wenn die Frauen, denen die Herstellung der Wohnung obliegt, die oberen Enden etwa zwei Meter langer, dünner, im Kreise aneinander gereihter und gesteckter Baumzweige in einem Mittelpunkte zusammengebunden und das Gerippe mit Binsenmatten überdeckt haben, ist auch schon das Wohnhaus in der Hauptsache hergestellt. Eine Oeffnung, hinreichend groß, um einem Menschen in kriechender Stellung Einlaß zu gewähren, bildet die einzige Verbindung mit der Außenwelt, die im Nothfalle durch eine von innen vorgeschobene Matte abgesperrt wird. Das Innere der Hütte entspricht dem Aeußern, es läßt sich kaum etwas Trostloseres und zugleich Unreinlicheres denken als das Innere einer Korannahütte. In der Mitte eine schüsselförmige Vertiefung als Feuerherd, einige niedrige mit Querhölzern verbundene Holzgabeln, behangen mit den Ueberbleibseln einstiger europäischer Kleidungsstücke, einige Ziegen- oder Schaffelle, weiters einige Töpfe, und die Einrichtung ist damit fertig. Eine von dürren Mimosenzweigen nothdürftig umzäunte Stelle zwischen oder vor den Hütten, beherbergt die Rinder- oder Ziegenheerde, und wo nicht die Hyäne und der Leopard oder andere Raubthiere auf ihren nächtlichen Schleichwegen zu fürchten sind, bezeichnet blos ein Düngerhaufen den Sammelplatz des Vieh's. Bezeichnende Stille herrscht über dieser trostlosen Scenerie, nur nachdem Branntwein die Gemüther erhitzt, den einer der Insassen von der Stadt gebracht, oder den ein vorüberfahrender Händler ihnen überlassen, geht es lärmend zu, sonst aber unterbricht nur des Morgens und Abends, wenn die nackten Kinder die Heerden auf die Weide treiben, einige Bewegung die Monotonie im trägen Leben der Hütteninsassen.

Nur hie und da, wo wohlhabende Koranna's sich den Luxus einiger Makalahari und Masarwa, Diener und Sklaven, gönnen können, wurde im beschränktesten Maße Ackerbau versucht, für dessen Entwickelung an vielen Stellen des Landes die natürlichen Bedingungen vorhanden sind, und welche Versuche selbst bei der genannten Beschränktheit den günstigsten Erfolg hätten, wenn man Dämme aufzuwerfen oder hie und da den Hart-River oder Vaal-River abzuleiten versuchen würde.