Koranna.
[Koranna.]

Wie die Hottentottenrace überhaupt, die eigentlichen, die Cap-Colonie bewohnenden Hottentotten, die Griqualand-West an der Einmündung des Vaals in den Oranje und jene, Neu- oder Ost-Griqualand oder das sogenannte Nomansland um Kockstadt herum bevölkernden Griqua's, sind auch die Koranna im Aussterben begriffen, ihre Zahl hat sich beinahe um 50 Percent, ihr Besitz um 25-75 Percent verringert. Arbeitsscheu und unrein, hinterlistig und in der Mehrzahl der Fälle untreu, rachsüchtig und nur für den Moment lebend, ohne auf das Morgen zu denken etc., sowie fähig, alle möglichen Verbrechen zu begehen, um sich nur den Branntwein zu sichern, boten sie mir ein abschreckendes Bild. Da sie jedoch als Rosselenker und Gespanntreiber im nüchternen Zustande (nur in der Wildniß, wo ihnen kein Europäer das Feuerwasser reichen kann) besser als die Kaffern etc. zu verwenden sind, so versuchte ich es auch mit ihnen und trachtete nach Möglichkeit, sie nüchtern zu erhalten—vergebliche Mühe, ich mußte den Versuch sehr bald aufgeben.

In England herrschen gegenwärtig unter den Gebildetsten bezüglich der Eingebornenfrage irrige Ansichten; dieses Mißverständniß beruht hauptsächlich darauf, daß die betreffenden Persönlichkeiten sich nicht selbst von dem Stand der Dinge überzeugt haben. Wenn einzelne Menschenfreunde oder ganze Gesellschaften etwas für die Eingebornen Süd-Afrika's thun wollten, wenn sie sich selbst ein Denkmal setzen und den Farbigen die größte Wohlthat erweisen wollten, so wäre es nöthig gewesen, daß sie die gegenwärtige Bewegung in Süd-Afrika, jene der Good-Templers in re unter den Eingebornen unterstützt hätten, welche auf Grund von namentlich in den Diamantenfeldern gesammelten, sehr bitteren Erfahrungen den Verkauf von Spirituosen an die Schwarzen zu hemmen suchten. Kriege mit den Eingebornen können denselben nicht so viel materiellen Schaden an Körper und Habe (die Habe des Einzelnen schmälernd) verursachen, als ein jahrelanger ungestörter Genuß des Feuerwassers und dies namentlich bei Stämmen, die schwach in ihren geistigen Anlagen, sich leicht durch alles Glänzende, kleinen Kindern gleich, bethören lassen. Ja, ich bin dessen vollkommen sicher, daß viele meiner hohen Gönner in England, denen die Eingebornenfrage Süd-Afrika's am Herzen liegt, nie einen solchen Anblick vergessen würden, wie er sich den Bewohnern vieler Capland-Städte noch darbietet, in den Diamantenfeldern jedoch ein alltäglicher war: daß der weiße Mann betrunkene Korannafrauen, wild fluchend, von Schmutz halb verzehrt, in den staubigen Straßen herumwanken sah, bis sich ihrer ein Wachmann erbarmte. Der Anblick eines unreinen, im Schlamm sich wälzenden Thieres könnte nicht mehr anwidern als jener. Wenn ich aber hinzufügen darf, daß in den Diamantenfeldern, in der Provinz Griqualand-West selbst, in dieser Beziehung ein lobenswerther, ein bedeutender Fortschritt geschah, daß die Regierung, um die materielle Lage ihrer farbigen Bevölkerung zu verbessern, die Summe von 3000 £ St. in Kantinenlicenzen (Kantinensteuern) aufopferte und sonst bemüht ist—obgleich gegen eine starke Opposition ankämpfend—den Verkauf des Brandy an Eingeborne zu beschränken, wird dies jeden einsichtsvollen Mann gewiß befriedigen. Unstreitig wird sich die materielle Lage der Eingebornen bessern, und sie als kleine Steuerzahler, den der Regierung durch jene Maßregel verursachten Schaden wieder gut machen.

Es ist zu hoffen, daß die in den letzten Jahren so vollkommen zerrütteten Verhältnisse, das über alle Begriffe demoralisirte Familienleben der Koranna's sich verbessern und sie namentlich als Viehzüchter und Ackerbauer etwas Bedeutendes leisten können. Einen kleinen Preis müßte die Regierung ausschreiben für jene, welche an ihren Hütten den einfachen europäischen Styl nachahmend, ihre Wohnungen sich selbst errichten, welche das meiste Feld bebauen, welche die schönsten Feldfrüchte gewinnen oder das beste Vieh aufziehen; so aufmunternd, edlere Gefühle in der bis jetzt nur noch von blinden thierischen Regungen erfüllten Brust zu wecken trachten. Die Koranna's könnten in der Holzschnitzerei und Steinschneiderei manches Gute leisten, wären also auch hier zu unterstützen.

Durch den moralischen Verfall der Koranna's im letzten Jahrzehnte haben dieselben die meisten ihrer früheren erwähnenswerthen Gebräuche außer Acht gelassen, ja ich möchte sagen; vollkommen vergessen; was sich jedoch noch bei ihnen erhalten hat, das ist eine Art Freimaurerthum. Die Mitglieder dieser Gesellschaft erkennen sich an einem äußeren Abzeichen, in der Regel drei auf der Brust ausgeführte 1-1½ Zoll lange (vernarbte) Schnitte. Ein Mitglied dieses Bundes findet überall, wo er zu Seinesgleichen hinkommt, die freundlichste Aufnahme, sowie er dem Hausherrn die Narben auf der Brust gewiesen, oder dieser, dem Besucher das Hemd an der Brust öffnend, das Zeichen erblickt hat. Solch' ein Freimaurer wird nun von dem Bruderhausherrn auf das Freundlichste aufgenommen, bewirthet, und einem Verwandten oder Familiengliede gleichgehalten. Will ein Koranna diesem geheimen Bunde beitreten, so macht er, da das Erkennungszeichen ziemlich bekannt unter dem Stamme ist, einem seiner Nachbarn, an welchem er ein solches beobachtet, seinen Entschluß bekannt, daß er beitreten wolle. Hat sich der Angesprochene überzeugt, daß der Antragsteller im Stande ist, die Kosten der Einweihungs-Ceremonie zu tragen, so meldet er es den in demselben Dorfe oder ringsherum Wohnenden, und wenn sich keine in der Nähe aufhalten, sondern weitab wohnen, so wird um diese gesendet und nachdem sie sich versammelt, die Einweihungs-Ceremonie vorgenommen, welche darin besteht, daß man dem neuen Bruder die gegenseitigen Unterstützungspflichten bekannt macht, und wobei er, von dem Aeltesten der Anwesenden mit den drei Schnitten gekennzeichnet, das Gelübde, jenen Verpflichtungen nachzukommen, abgibt und dies mit dem gewöhnlichen Schwure »so wahr als ich eine Mutter habe« bekräftigt. Eine Orgie beschließt diese Ceremonie, wobei einige Stück Rindvieh, Schafe und Ziegen geschlachtet werden und die Gesellschaft nicht eher scheidet, als bis alles consumirt ist.

Ich werde noch mehrfach Gelegenheit finden, diese in allgemeinen Zügen gehaltene Charakteristik dieses Stammes zu vervollständigen.

Nach einem fast dreistündigen Aufenthalte verließen wir Pniel, der Weg führte nun über bebuschte Hochebenen, welche von zahllosen rothen Flugsanddünen durchzogen waren, die unseren Zugthieren die größten Schwierigkeiten bereiteten. Wir mochten etwa zwei Drittel des Dünengürtels durchmessen haben, als unsere Thiere, erschöpft, nicht mehr von der Stelle zu bringen waren, und wir hier auf vorbeiziehende Batlapinen warten mußten, welche nach den Diamantenfeldern Holzhandel treiben. Wir waren schon mit der Herstellung unseres primitiven Nachtlagers beschäftigt, als uns der bekannte gedehnte Knall der Ochsenpeitsche (eines Monstrums in seiner Art) auf ein ankommendes Gefährte aufmerksam machte. Es waren, wie ich vermuthet, von Klipdrift kommende Holzfuhrleute; die Unterhandlungen über die geforderte Entlohnung waren bald beendigt, und der Wagen in kürzester Zeit aus der mit Dünen besäeten Ebene auf festem Boden in Sicherheit. Eine neue bange Sorge verursachte uns die Beischaffung des nöthigen Trinkwassers für unseren persönlichen Bedarf und zum Tränken der durstigen Thiere. Die Nacht war sehr dunkel, ein kalter Nordwind durchdrang unsere Kleider, nur ein ungewöhnliches Wetterleuchten am westlichen Horizonte erhellte zuweilen die tiefe Finsterniß.

Die Wegrichtung zum Strom war uns wohl bekannt, allein in der Dunkelheit, die uns kaum erlaubte, auf 40 Schritte hin deutlich zu sehen, war es uns unmöglich, uns über die Stelle zu orientiren, auf welche wir lossteuerten; es konnte ein steiler Abhang oder eine schlammige Uferpartie sein, beides gleich gefährlich.

Ich mein Reitpferd, meine weißen Gefährten je ein Paar der Zugthiere führend, steuerten wir, unseren zurückbleibenden Wagen allen Göttern empfehlend, in die Dunkelheit hinaus, von »Nigr« begleitet, der sich um die Dunkelheit wenig zu kümmern schien und vorwärtseilend durch lautes Bellen seine Befriedigung über den nächtlichen Ausflug kundgab. Anfangs ging es über eine kurz begraste Ebene, die nach dem öfteren Ausgleiten zu urtheilen, mit vielen breitblättrigen Liliaceen bedeckt zu sein schien, dann kamen wir an zahllose vom Regenwasser aufgewühlte Rinnsale, deren erstes uns ein Schrei meines Begleiters F. ankündigte, der bis zu den Hüften darin versank. Wir brachen von den unseren Weg säumenden Gebüschen Aeste ab, um damit das Terrain vor uns zu sondiren, doch half dies nicht viel, namentlich als wir uns dem Flusse nähernd, den Abhang heruntergingen. An den zahlreichen Mimosenzweigen blieb so manches wollene Wahrzeichen unseres kühnen Nachtmarsches zurück, der den Koranna unwillkürlich Achtung abringen mußte.

Am Flusse angelangt, war eine sichere Tränkstelle nicht anders zu entdecken, als daß wir selbst mit Stöcken den schlammigen Ufergrund sondirend, nach einer solchen suchten. Unsere Bemühungen waren über alles Erwarten glücklich, nur wenige Schritte unterhalb unserer Haltstelle stieß mein Begleiter F. auf einen vorzüglichen Tränkplatz. Nachdem die Pferde mit aller Vorsicht einzeln getränkt waren, hieß es, den Rückweg zum Lagerplatze auf der Hochebene antreten. Dies war nichts Leichtes, denn wir hatten uns bald überzeugt, daß wir beim Abstieg zu sehr vom directen Wege abgekommen waren. In der herrschenden undurchdringlichen Finsterniß war unser Beginnen nicht ohne Gefahr, nach wenigen Schritten, die wir vom Ufer ab zurückgelegt hatten, versperrte uns eine dichte Gebüschbarriere den Weg, wir mußten also versuchen, stromaufwärts freieres Feld zu gewinnen, ein in den letzten Zügen flackerndes Feuer in der Entfernung von etwa 600 Schritten wies uns auf die richtige Fährte. Vor Kälte zitternd (das Thermometer zeigte blos 7 Grad Reaumur) langten wir endlich am Wagen an, der heftige Wind und ein vom Blitz und Donner begleiteter Regenschauer machten alle Versuche, ein tüchtiges Feuer zu entzünden, zu Schanden. Obwohl auf das Aeußerste ermüdet, wollte dennoch kein Schlaf unsere Glieder stärken, die durch das Unwetter unruhig gewordenen Pferde zerrten ununterbrochen an unserer »Arche« und vereitelten dadurch jeden Versuch, Morpheus an uns zu fesseln, mit Gewalt. Da sich die Pferde durchaus nicht beruhigen ließen, vermutheten wir, daß sie durch herumschleichende Hyänen beängstigt wären und durchstreiften die nächste Umgebung, indeß ohne etwas Verdächtiges wahrzunehmen.

Gegen Morgengrauen des nächsten Tages brachen wir weiter gegen Klipdrift auf. Kleine in unsern Weg mündende Thälchen und mit hohem Busch bestandene Ebenen brachten in die bisherige Monotonie einige Abwechslung und waren durch Deuker und Steinbockgazellen belebt, auch die graue Zwergtrappe tummelte sich zwischen den in kleinen, dichten Gruppen stehenden, 6-12 Fuß hohen Büschen. Beide Gazellen halten sich tagsüber in dem niedrigen und dichten Gebüsch im Versteck, die Steinbockgazelle (Tragalus rupestris) verläßt dieses nur zur Nachtzeit oder bei annähernder Gefahr. Ich glaube auch darin, daß sie des Tageslichtes entwöhnt ist, den Grund des Erblindens der in der Gefangenschaft gehaltenen Thiere (zu 90 Percent) zu finden. Im minderen Grade ist das bei dem Deuker (Cephalolophus mergens) der Fall, da er auch zuweilen tagsüber der Nahrung nachgeht. Geübte Schützen jagen beide Thiere mit dem Riflestutzen; unter allen Umständen erfordert das Erlegen der zierlichen, kaum 20 Zoll hohen Gazelle auf 200-400 Schritte Entfernung eine meisterhafte Handhabung der Waffe.

»Sportsmänner« jagen die schönen Thiere mit Windhunden; ähnliche Thierquälerei, einem der unschuldigsten Thiere gegenüber, hat der Weiße auch in allen anderen Welttheilen eingeführt. In Süd-Afrika war es bisher nur unter den Eingebornen im Gebrauch, schädliche und namentlich des Pelzwerkes halber nützliche Thiere mit Hunden zu jagen und selbst bei diesen verkürzte man thunlichst die Dauer der Verfolgung. Dazu gehören die südafrikanischen Schakale (Canis mesomelas und cinereus), der Kamafuchs, sowie der Erdwolf (Proteles Lalandii), die Genettkatzen und das Scharrthier.

Der Steinbock, von den Boers »Steenbuck« genannt, sowie der Deuker oder Ducker sind in den dichtbebuschten und bewaldeten Partien am Abfalle des süd- und centralafrikanischen Hochplateau's nach der Küste zu durch den Grysbock (Tragalus melanotis) und den kleinen Blaubock (Cephalolophus coerula), nach Norden hin durch den auf den Ebenen des Salzpfannengebietes paarweise, jenseits des Zambesi in kleinen Heerden lebenden Orbecki vertreten.

Die Fahrt über die bebuschten Hügelpartien nahm unsere ganze Aufmerksamkeit in Anspruch, denn der Weg glich dem trockenen Bette eines mit Geröll übersäeten Wildbaches, der Wagen kam in die bedenklichste Situation, seine Schwankungen kosteten einem unserer Hunde, der sich unvorsichtiger Weise zu nahe gewagt, das Leben. Endlich war die Vaal-Fähre erreicht und wir alle gegen zehn Shillinge Entlohnung über das Wasser gesetzt.[1]

1 Zur Trockenzeit benützen die Wägen eine unterhalb der Fähre befindliche Furth.

Am rechten Ufer des Vaal angelangt, schlugen wir in unmittelbarer Nähe von Klipdrift, am Fuße einer Anhöhe unser Lager auf. Mit anderen südafrikanischen Orten verglichen, verdient Klipdrift ein hübsches Städtchen genannt zu werden. Aus etwa 150 theils steinernen, theils Eisenblechhäusern (die Ueberreste des früher 5000 Einwohner zählenden Hauptortes der River-Diggings) bestehend, liegt es am Abhange niedriger, kaum 80 Fuß das Niveau des Flußbettes überragender, mit unzähligen dunkelbraunen Felsblöcken (Trapdykes) bedeckter Höhen; der aus Südsüdost kommende Fluß macht hier eine Biegung nach West. Kleine, theils kahle, theils begraste, hie und da mit Bäumen bedeckte Inseln in dem ober- und unterhalb Klipdrift über Felsenblöcke rauschenden Strome verleihen dieser Ansiedlung einen nicht geringen Reiz. Zur Zeit meines Besuches schmückten hohe Bäume beide Ufer des Flusses, von denen das linke höher als das rechte ist.

Lange Zeit besaß Klipdrift eine architektonische Merkwürdigkeit, nämlich das einzige aus Steinen erbaute einstöckige Haus, das Kanzleigebäude der »Standardbank«, eines Institutes, dessen Noten vollen Goldwerth haben. Am Ostende von Klipdrift schließt sich die native location (die Niederlassung) der farbigen Eingebornen an, damals von Koranna's Batlapinen und Barolongen bewohnt, von welchen gegenwärtig nur noch die beiden ersten Stämme vertreten sind. Das Aeußere dieser Eingebornen-Niederlassung erhält durch ein buntes Gemisch verschiedener Baustyle (Korannahütten, Basutohütten und in europäischem Style aufgeführte Holz- und Lehmhäuschen) einen eigentümlichen Charakter.

Inneres einer Korannahütte.
[Inneres einer Korannahütte.]

Die Bewohner, Männer sowohl als Frauen, entwickeln regen Arbeitssinn, während sich die ersteren im Taglohn oder zu anderen Arbeiten (Jobs) verdingen, steuern auch die Frauen (besonders die Kaffern- und Betschuanafrauen) durch ihren Verdienst als Wäscherinnen zu den Kosten der Haushaltung bei. Ihre Thätigkeit belebt die Scenerie am Flusse.

Ein flüchtiger Blick genügt, um die beiden Racen zu unterscheiden, und ohne Zaudern werden wir den Vertretern der Betschuanarace, den Batlapinen und Barolongen den Vorzug angenehmerer Gesichts- und Körperbildung einräumen. Von mattschwarzem bis dunkelbraunem Teint, sind ihre Gesichtszüge weder schön noch häßlich, während das gelblich-braune Gesicht des Koranna direct häßlich zu nennen ist. Die kleinen Augen liegen in tiefen Höhlen, das kurze und schmale Gesicht zeigt kaum einen deutlichen Nasenansatz, die unnatürlich vorgehenden Kinnbacken und wulstigen Lippen sind die Hauptmerkmale der vorderen, ein kleiner, länglicher Schädel jener der hinteren Kopfbildung. Der Körper der Frauen wird durch jene bekannte Sattelbildung der unteren Wirbelsäule, welche ihren Gang schwerfällig erscheinen läßt, nicht wenig verunstaltet. Viele Korannafrauen hatten Wange und Stirne mit rothem Ocker überschmiert, oder blau bemalt, und zwar mit vom Ohre zu den Augen, Nase, Mund und Kinn laufenden geraden oder nach oben zu concaven Linien. Häufig fand ich die Wangen und Stirne auch braun und schwarz bestrichen, was ihnen das Aussehen von gekleideten Affen verlieh.

Kranken-Ordination in Klipdrift.
[Kranken-Ordination in Klipdrift.]

Bei einem meiner Besuche im Eingebornenviertel trat ich in eine der Korannahütten. Es bot sich mir da ein eigentümliches Bild dar. In einer schüsselförmigen Vertiefung in der Mitte der Hütte lag in glühender Asche ein wolliger Gegenstand; bei näherer Besichtigung erkannte ich, daß es ein Lämmchen war, das gebraten wurde. Zwei Frauen, den Oberkörper vollkommen entblößt, beide gemüthlich rauchend, saßen auf Matten, während einige nackte Kinder, deren gelblich-graue, lichte Körperfarbe durch Unreinlichkeit schwarz übertüncht war, herumspielten. Das Familien-Oberhaupt, in abgetragene europäische Lappen gekleidet, saß unmittelbar am Heerde und verfolgte mit gespannter Aufmerksamkeit das Garwerden des Bratens, das ein lautes Schnalzen mit der Zunge anzukündigen schien. Dies betätigte mir auch die Entfernung des Stückchens Kautabak, das der Koranna nur während des Mahles weglegt. Es währte nicht lange, so war der Lammsbraten von der glühenden Asche befreit, der verkohlten Wolle entledigt, in Stücke geschnitten und zertheilt. Während die Kinder fest und gierig darauf losbissen, schnitten sich der Mann und die Frauen, indem sie das eine Ende eines Fleischstückes mit den Zähnen, das andere mit der Hand festhielten, jeden Bissen mit dem Messer unmittelbar an den Lippen ab. Außer Fleisch, wobei sie namentlich die Eingeweide und das Hirn der Thiere vorziehen, genießen die Koranna's häufig Mehlbrei, gekochte Kürbisse und Milch, nur Fische, Krebse, Muscheln und Aehnliches verabscheuen sie wie die meisten afrikanischen Völker im Innern des Erdtheils, während wir überall längs der Seeküste Spuren von Menschen finden, welche sich durch eine sehr lange Periode nur von Fischen genährt haben mußten.

In geringer Entfernung von dem Eingebornenviertel in Klipdrift liegen die in früheren Jahren bearbeiteten River-Diggings. Welcher Unterschied—wie unscheinbar gegen die Dry- (Central) Diggings. Eine Unzahl zwei bis acht Quadratmeter großer, bis zwei Meter tiefer, theilweise mit Gerölle, namentlich calcedonartigen Steinen und kopfgroßen Grünsteinblöcken gefüllter Gruben, einem durchstöberten Friedhof nicht unähnlich, war Alles, was von den einst von Tausenden emsiger und mit Fieberhast arbeitender Menschen belebten Diamanten-Fundstätten übrig geblieben, seit Dutoitspan entdeckt worden war. Obwohl die Gruben keine besondere Tiefe hatten, mußte trotzdem das Diamantensuchen in diesem steinigen Boden sehr beschwerlich gewesen sein; ich traf jetzt nur zwei Digger, welche im Schweiße ihres Angesichts nach den kleinen, glänzenden Kieseln und allem Anscheine nach mit wenig Erfolg fahndeten; ein Engländer, der mit zwei Batlapinen arbeitete, und eine abgemagerte, etwa dreißigjährige weiße Frau, in deren Zügen Krankheit und Noth nur zu deutlich zu lesen waren; in ihrer Gesellschaft ein kleines Kind, welches mit farbigen Steinen spielte. Ihre sorgenschweren Mienen flößten mir Mitleid ein und ich konnte die Frage nach dem Erfolge ihrer Bemühungen nicht unterdrücken; ihre Antwort entrollte mir eines jener traurigen Bilder, an denen das Diggerleben in den Diamantenfeldern trotz der kurzen Zeit, die seit ihrer Entdeckung verflossen, überreich ist. Vor mir stand eine junge Frau, welche ihrem diamantensuchenden Gemahle nachgereist war, um ihn in sterbendem Zustande wiederzufinden und nun selbst allen tückischen Wechselfällen des aufregenden und aufreibenden Diggerlebens preisgegeben zu sein.—Ich werde später noch Gelegenheit finden, die Geschichte manches Opfers der Diamantenfelder zu erzählen.

Die mit üppiger, durch einige tropische Species charakterisirte Vegetation bewachsenen, kleinen Bergthäler, sowie einige morastige Wiesen in der Nähe des Flusses, hauptsächlich aber seine dichtbebuschten und belaubten Ufer und sein bald felsiges, bald schlammiges Bett, beherbergen als vorzüglich geeignete Schlupfwinkel, eine artenreiche Thierwelt. Ich bedauere, daß ich Klipdrift und seine nächste Umgebung stets nur flüchtig, meist auf dem Durchmarsche berühren konnte; bei längerem Aufenthalte winkt hier dem naturwissenschaftlichen Sammler reichliche Ernte, wie denn überhaupt der Ort wie eine Oase aus der eintönigen Oede des südafrikanischen Hochlandes hervorsticht. Doch selbst während meines kurzen Aufenthaltes fand ich von Falken und Sperbern manche interessante Art, graue Uhu's, Berg-, Baum-, Sumpf-, sowie auch Zwergeulen ziemlich vertreten; mehrere Krähenarten und namentlich in den Buschdickdichten der Ufer, sowie in der Nähe der Gehöfte fünf Staararten, von denen ich den kleinen, und den schönen großen, langschwänzigen Glanzstaar besonders hervorheben will. Zahlreich sind die Würger, doch noch zahlreicher die körnerfressenden Singvögel vertreten, von den letzteren fielen mir mehrere langschwänzige Finkenarten auf, doch fehlen auch Drosseln und andere Insecten fressende Singvögel nicht, namentlich Bachstelzen, Schnapper, Rohrfänger etc. Von spechtartigen Vögeln traf ich nur zwei, dagegen mehrere Arten Colibri's und eine Art des Bienenfängers, sowie zwei Eisvögel- und Kukuksarten an. Auch der schon erwähnte langschwänzige kleine Mäusevogel, mehrere Schwalben und eine Ziegenmelker-Species gehören zu den häufigeren Erscheinungen, in entsprechendem Verhältnisse sind auch die übrigen die Fauna Süd-Afrika's charakterisirenden Vogelarten vertreten, vor Allem aber Tauben, Zwergtrappenarten, Stelzenvögel, Enten und Taucher. Unter den Reptilien waren namentlich drei Species von Landschildkröten, neben einer im Wasser lebenden, häufig zwischen den Felsenblöcken an den Höhen anzutreffen. Die gewöhnliche Schildkröte, die gemeine südafrikanische Landschildkröte, und eine flache Art mit viereckigen grünlichen Zeichnungen in den Centren der oberen Schilder. Von Fischen beobachtete ich fünf Species, von welchen ich eine nordwärts bis über den Zambesi hinaus in allen Gewässern sowohl im Süßwasser, als auch in den Salzpfannen und Salzflüssen vorfand. Es ist der südafrikanische Wels mit schildförmigem Kopfe.

Erst hier, in der unmittelbaren Nähe von Klipdrift, gelang es mir, meine vier Pferde gegen die tauglicheren Zugochsen einzutauschen; obgleich ich dabei in pecuniärer Beziehung Einbuße erlitt, ging ich hocherfreut auf den Tausch ein, denn schon war in der Umgegend die alljährlich grassirende Pferdekrankheit ausgebrochen und in unserer Nähe sonnten sich bereits mehrere Pferdecadaver. Mein Gespann bestand nun aus sechs Zugochsen, von welchen leider zwei äußerst störrisch und unlenksam waren, während der Verkäufer mir alle als äußerst zahm, gefügig und Thiere par excellence anpries. Hätte nicht die grassirende Pferdekrankheit bereits so deutliche Beweise ihres mörderischen Auftretens in unserer Nähe gegeben, so wäre ich beim Tausche wohl besser weggekommen; so aber schien der Mann nur zögernd das Geschäft abschließen zu wollen. Mit der Vermehrung meines Gespanns erwuchs mir auch die Sorge, wenigstens zwei farbige Diener zu miethen; einen als »Leader«, um das vorderste Paar der hintereinander gespannten Zugthiere zu leiten und einen »Driver«, der das Gespann mit der Peitsche anzujagen hatte. Auch dieser Bedarf war bald gedeckt; bei einem Besuche des Korannadörfchens hatte Freund F. einen hier lebenden Deutschen angetroffen, den ich nun ersuchen ließ, uns unter seinen Nachbarn zwei rüstige, junge Männer auszusuchen und auf einige Wochen als Diener zu miethen. Noch am selben Tage brachte uns dieser einen echten Korannajüngling von ungefähr 16 Jahren und einen Korannabastard mit Namen Gert, welche sich beide geneigt zeigten, gegen einen wöchentlichen Lohn von 8 Shillingen und 6 Pence in meine Dienste zu treten.

Zu meiner nicht geringen Ueberraschung erbat sich der deutsche Ansiedler als einzigen Gegendienst einen Besuch bei seiner kranken Frau. Gern folgte ich ihm und fand mich bald darauf in einem kleinen, halb in europäischem, halb im Style der Korannahütten ausgeführten kleinen Gebäude, wo der Mann in Gesellschaft einer Bastardfamilie wohnte. Auch seine Frau gehörte zu diesen Mischlingen. Sie war in elende, doch reinliche Lappen gekleidet und der erste Blick belehrte mich über die Natur ihrer Krankheit; die Aermste war in Folge drückendster Nahrungssorgen gänzlich entkräftet; ich fand leider erst später Gelegenheit, ihr stärkende Arzneien senden zu können. Während ich noch mit der Frau sprach, hatte sich uns ein kleines, etwa sechsjähriges Mädchen mit wahrhaft feinen und schönen Gesichtszügen und kurzgelocktem, dunkelblondem Haare genähert. Es trug keine Spuren des dunklen Teints seiner Mutter an sich. Ueber meine Frage: wie es der Mann über sich bringen konnte, sich hier unter den Farbigen niederzulassen, erhielt ich die Antwort: »Wohne nicht lange hier, habe über 300 £ St., die ich mir durch langjährige Arbeit in der Colonie erworben, in jenen verlassenen Diamantengruben dort drüben eingebüßt; nun muß ich Taglöhnerarbeit verrichten, und in allen diesen Mühen, Sorgen und Enttäuschungen fand ich an diesem farbigen Weibe ein so treues, aufopferndes und mitfühlendes Wesen, daß ich mich nicht leicht von ihr trennen könnte.«

Trotz häufiger Regenschauer, welche sich während unseres Aufenthaltes in Klipdrift eingestellt hatten, dachten wir nicht daran, unser bisher gewohntes Nachtlager unter dem Wagen aufzugeben; unser Erfindungsgeist fand bald eine entsprechende Abhilfe. Dem Nachtlager war aber auch nicht ein gewisser origineller und phantastischer Zug abzusprechen. Unsere Diener schienen nicht nur in der Mythologie Süd-Afrika's wohl bewandert zu sein, sondern auch unter den Göttern des Alterthums so manchen Gönner zu haben, vor Allem schien Bacchus ihr Schutzpatron und Morpheus ihr Liebling zu sein. Wenn wir sie nicht zur Arbeit angehalten hätten, wären sie im Stande gewesen, sechs Stunden des Tages dem Dienste des ersteren, und den Rest des Tages dem Letzteren zu widmen. Ja, Gert trieb es so weit, daß er oft während des Mahles einschlief.

Nachdem wir uns mit etwas Provision, namentlich Mehl, Thee und Zucker versorgt, verließen wir Klipdrift und brachen nach Norden zu, gegen die Vereinigung des Hart-River mit dem Vaal-River, in die von den westlichen Batlapinen bewohnten Landstriche auf, wobei ich noch einige der flußabwärts liegenden, verlassenen River-Diggings und zunächst das auf halbem Wege liegende Gong-Gong berühren wollte. Die durchreiste Gegend war ein mäßig hügeliges, nach Westen zu dem Vaalfluß' steil abfallendes, nur stellenweise dichter bebuschtes Hochplateau, auf welchem einige Niederlassungen der Koranna's und Batlapinen zerstreut lagen.

Für den Jäger wie Naturforscher hat das Land zwischen dem unteren Hart- und Vaal-River insoferne besonderes Interesse, als man von Süden her hier zuerst das von den holländischen Farmern »blaues Wildebeest«, von den Betschuana's »Kokon« genannte, gestreifte graue Gnu (Catoblepas Gorgon) rudelweise antrifft. Es breitet sich von hier und von den nördlichen Gegenden des Oranje-Freistaates nach Norden zu bis über den Zambesi aus und ist größer als das schwarze oder gemeine Gnu, dabei auch minder wild. Seine Hörner unterscheiden sich auch wesentlich von jenen des gemeinen Gnu, sie sind nämlich nach vorne und innen gebogen und ähneln denen mancher unserer kurzhörnigen Rindviehracen.

Die Jäger unterscheiden beide Arten nach der Farbe der Schwanzhaare, indem das schwarze durch einen weißen, das auf bläulich-grauem Grunde, namentlich am Vorder- und Oberkörper schwarz gestreifte Gnu durch einen schwarzen Schwanz schon aus großer Ferne erkennbar ist. In den baumlosen Ebenen von den westlichen Theilen der Cap-Colonie bis zum 23. Grad nördlicher Breite ist es neben den Springbock- und den Bläßbockgazellen das häufigste Wild.

In später Nachmittagsstunde bogen wir in eine kleine Schlucht ein, an derem Ausgange im Vaalthale einige Segeltuchhäuschen und Zelte sichtbar wurden; es waren die Reste des einst so blühenden Gong-Gong, das anmuthig aus dem dunklen Grün üppiger Laubbäume hervorlugte. Auch fehlten einige Koranna- und Betschuanahütten nicht, die auf dem felsigen und niedrigen Abhange des Plateau's zwischen den Steinblöcken erbaut waren. Gegenüber von Gong-Gong liegt das noch ärmlicher aussehende Waldeks-Plant.

Wir schlugen im Dörfchen selbst auf einer einladenden Rasenstelle unser Lager auf. Ein Wagen war für Gong-Gong und Waldeks-Plant etwas nicht Alltägliches und so waren wir bald Gegenstand der allgemeinsten Aufmerksamkeit geworden.

Die Diamantengruben von Gong-Gong lagen auf dem Abhange; jene im Thale, unmittelbar am Flusse und im alten Flußbette waren schon seit Langem verlassen. Mehr Leben fand ich in Waldeks-Plant, welches sich auch durch den Fund zweier schönen Steine in einer und derselben Grube einen Namen errang. Es war ein gelblicher Stein, der 288¼ Karat wog und ein zweiter weißlicher, der in seiner Mitte einen schwärzlichen Fleck zeigte, einer Fliege nicht unähnlich und deshalb auch der »Fly-(Fliegen-)Diamond« genannt wurde. Ihr Finder wollte einst nach langer fruchtloser Arbeit seinen Claim verkaufen, doch Niemand fand sich, der auf seine Forderung eingegangen wäre; um nicht müßig zu sein, entschloß er sich allein, ohne Beihilfe schwarzer Diener, das Graben und Suchen fortzusetzen. Das bishin treulose Glück lächelte ihm nun zu und er fand zuerst den großen, kurze Zeit darauf den Fly-Diamond und ward über Nacht ein »gemachter Mann«. Der Werth des großen Steines wurde damals mit 10.000 £ St. angegeben und ich erinnere mich, daß er nach meiner Rückkehr von der ersten Reise in den Central-Diggings längere Zeit hindurch gegen 1 Shilling Entrée ausgestellt war.

Batlapinenknaben den Kiri werfend.
[Batlapinenknaben den Kiri werfend.]

Von Gong-Gong schlugen wir eine nördliche Richtung nach dem Hart-River ein; einige weiße, aus der Ferne entgegenschimmernde Punkte an den zum Vaal sich steil herabsenkenden Felsenhügeln bezeichneten uns die Stellen, wo noch vor wenigen Jahren die blühenden River-Diggings New-Kierke-Rush u.a. lagen. Die Strecke von Gong-Gong bis Delportshope (dieses nicht ganz eine Meile von der Hart-Rivermündung entfernt) gehört gewiß zu den unbequemsten, die ich je mit einem Wagen passirte. Ich konnte es nicht fassen, wie zur Zeit der Blüthe der River-Diggings auf solchen Verkehrspfaden die Bedürfnisse von Tausenden von Menschen mittelst der Achse herbeigeschafft wurden. Auf der ganzen zurückzulegenden Strecke glich der als Fahrweg benützte Erdstreifen einem von Wasserfluthen ausgewaschenen Geröllboden. Die Fahrt über diese Chaussee war, wie leicht denkbar, eine martervolle; kaum war das eine Hinterrad aus einem der zahllosen wassergefüllten Löcher durch die vereinten Anstrengungen der Thiere und die virtuose Handhabung der riesigen Peitsche von Seite des Korannatreibers herausgefördert, als schon wieder eines der Vorderräder über einen fast fußhohen Block hinaufgezerrt wurde. Um das Maß voll zu machen, begannen die des Joches ungewohnten Zugthiere in störrischester Weise ihre Dienste zu versagen.

Kein Wunder, wenn diese Fahrt die dreifache Zeit in Anspruch nahm. Ein Blick auf die zu beiden Seiten des Weges zerstreut umherliegenden Wagentrümmer gewährte uns einen, wenn auch schwachen Trost; wir waren nicht die einzigen, die unter diesen Qualen zu leiden hatten. Leider waren dieser Fahrt alle meine Thermo- und Barometer zum Opfer gefallen. Die Begegnung mit einem Batlapinen, der an einem Kiri, einer bei den Zulu und Betschuana beliebten Waffe, ein Häschen trug, nahm mein ganzes Interesse in Anspruch. Die Waffe ist aus Holz (bei den nördlichen Bamanquato auch aus dem Horne des Rhinoceros) gearbeitet, 20-90 Centimeter lang und läuft an einem Ende in eine hühnerei- bis faustgroße, einfache oder geschnitzte Kugel aus. Im Handgemenge ist der Kiri eine sehr wirksame Waffe, auch findet er auf der Jagd Verwendung und einige Stämme werfen ihn mit wahrhafter Virtuosität. Bei den Matabele ist der Kiri jene furchtbare Waffe, mit welcher diese Zulu's die Schädel der männlichen, erwachsenen Bevölkerung der rebellirenden Makalakadörfer einschlugen.

Batlapine.
[Batlapine.]

Nebst dem Hasen trug der Mann auch ein Paar aus gegerbtem Leder gearbeitete, mit Thiersehnen sauber zusammengenähte Unaussprechliche, welche ich ihm sammt der Jagdbeute und der Waffe abkaufen wollte. »Nein,« antwortete er, im gebrochenen Holländisch, »det brüke« (die Betschuana's haben in ihrer Sechuana[1] keine Benennung für viele der von den Europäern eingeführten Artikel, darum nehmen sie das dafür im Holländischen oder Englischen gebräuchliche Wort, es natürlich verunstaltend, oder sie umschreiben es durch mehrere ihrer eigenen Sprache), »bring' ich zu meinem »Bas« (Herrn) nach Klipdrift,« den Hasen, meinte er, könne er selbst gut brauchen und den Kiri könne er uns schon gar nicht überlassen, da er seiner zum Schutze gegen die Phyci (Hyäne) bedürfe. Wie der in der Colonie wohnende Kaffer auf seinen Wanderungen stets seine beiden, in der Regel aus Eisen oder Assagaiholz gearbeiteten Stöcke mit sich führt, so nimmt auch der Betschuana und Zulu seinen Kiri mit. Hat er auf der Weide oder im hohen Grase eine Zwergtrappe bemerkt, so sucht er sich so nah' als möglich anzuschleichen, erhebt sich dann plötzlich, um den Vogel zum Auffliegen zu bringen und in diesem Momente saust sein kleiner, am Ende verdickter Stock durch die Lüfte. Er thut dies ebenso geschickt, wie er sich als Schütze ungeschickt benimmt. Das Wild auf den unabsehbaren Ebenen zwischen dem mittleren Hart-River und dem oberen Molapolaufe ist durch diese Ungeschicklichkeit äußerst scheu geworden.

1 Die Sprache der Betschuana's.

Nach und nach senkte sich das Land gegen den Hart-River, dessen Thal breit und offen erschien, und im Norden aus der Ferne durch den »N'Kaap«, den bebuschten und felsigen Abfall des Hochlandes begrenzt wird. Die Vereinigung des Hart- und Vaal-Rivers wurde mir immer als ein besonders schönes Landschaftsbild geschildert, ich fand dies blos als Gegensatz zu dem an schönen Naturscenerien so armen Gebiete Griaqualand-West bestätigt.

Von Süden kommend, breiten sich hier die vorher über Stromschnellen dahin rauschenden Gewässer des Vaalflusses in einem geräumigen schlammigen Bett aus, wo sie ruhig dahinfließend sich gleichsam etwas Rast gönnen um unmittelbar vor der Mündung des aus Nordost kommenden Hartflusses eine plötzliche Wendung nach West zu machen, und nachdem sie diese Richtung für eine kurze Strecke verfolgt, eine entschieden südsüdwestliche zu nehmen. Das linke Vaalufer an der Biegung ist sumpfig, mit hohen Bäumen bestanden und birgt so manche Wildkatze, Luchse und ähnliches Raubgethier, sowie einige Heerden verwilderter Schweine.

Die südliche Partie des rechten Ufers, in den oberen Schichten aus Humus, in den unteren aus Lehm gebildet, ist eine fruchtbare, nur unmittelbar an der Flußmündung mit hochstämmigen Bäumen bewachsene Ebene. Das jenseitige Ufer des Hartflusses ist viel höher, steigt auch zu einer Felsenhöhe empor, die von Schieferlagern gebildet und von petrefactenarmem Kalk überlagert, jene oben erwähnte nach dem N'Kaap hinziehende Hochebene bildet. Diese Höhe fällt unmittelbar am Vaalflusse oberhalb der Biegung steil ab, und wird von einer hier einmündenden Schlucht getheilt, welche ich manches interessanten Fundes halber (meiner Vaterstadt zu Ehren) die Holitzer Schlucht nannte und die kaum 300 Schritt von der Hart-Rivermündung entfernt liegend, mit der von Hübner entdeckten Klippdachsgrotte nicht zu verwechseln ist. Beide Ufer des unteren Hart-River gehörten früher zum Besitze des 3 englische Meilen entfernt am rechten Ufer in der »Stadt« Lekatlong wohnenden Batlapinenfürsten Jantsche, der gegenwärtig als englischer Unterthan eine jährliche Subvention von 200 £ St. erhält.

Der Abstieg von der hohen Ebene von Gong-Gong in das Hart-Riverthal führte uns an dem im bereits bekannten südafrikanischen Styl erbauten Gehöfte eines Store-Keepers (Kaufmannes) vorüber. Der freundliche Empfang, den wir bei diesem fanden, brachte uns bald näher und so erfuhr ich, daß er ein Deutscher sei, der an eine holländische Frau verheirathet, im nahen Delportshope sein Glück im Diggen versuchte, dabei aber noch ein kleines Tauschgeschäft mit den Batlapinen des unteren Hart-Riverthales betrieb und das Holz der Kameeldornbäume, die hier das jenseitige Ufer des Vaal dicht bedeckten, auf dem Markte in Kimberley verkaufte.

Seine uns bewiesene Gastfreundschaft und das Bestreben, sich uns gefällig und nützlich zu erweisen, hätte bald ein Menschenleben gefordert. Als er meine naturhistorischen Sammlungen, all' die von ihm so verabscheuten Reptilien und das giftige Gewürm in theurem Spirit of wine (Spiritus) präparirt sah, war sein Erstaunen nicht gering, da er aber bemerkte, welchen Werth ich auf die Acquisition schöner Exemplare dieses »Gut« (spr. Chut) legte, war er bemüht, mir solches zu verschaffen. Besondere Freude glaubte er mir durch den Fang einer Fischotter[1] zu bereiten. Da es schwer hielt, die scheuen Thiere lebendig zu fangen, wollten er und seine Freunde mir mindestens zu einigen Bälgen verhelfen. Ein junger Holländer hatte deshalb sein altes Schrotgewehr geladen, jedoch zu stark, beim Schusse barst das Gewehr—glücklicherweise ohne den Schützen oder Jemanden seiner Umgebung zu verletzen.

1 Ich beobachtete drei Fischotterarten in Süd-Afrika, eine in den Strömen der südlicheren Partien und zwei im Limpopo- und Zambesi-Gebiete. Wenn die eine auch größer als die unsrige ist, hat doch keine der drei Arten einen gleich werthvollen Pelz.

In der durch Jahrtausende hindurch thätige Erosion ausgewaschenen Felsenmulde der Holitzer Schlucht, machte ich bei näherer Besichtigung derselben die interessante Entdeckung, daß dieselbe ein wahres schützendes Asyl für die artenreiche niedere Thierwelt und ein natürliches Treibhaus für die Vegetation sei. Während ich an den offenen Ufern des Vaal körner- und insectenfressende Singvögel nur in kleinen, mehrere Pärchen zählenden Colonien vorfand, wiederhallten hier die dichtbebuschten, bald terrassenförmig, bald steil abfallenden Wände der Schlucht von dem tausendstimmigen Gezwitscher der verschiedenartigsten Sänger. Die Bezeichnung »schützendes Asyl« ist eine um so zutreffendere, wenn wir die Lage und Umgebung der Schlucht näher in's Auge fassen. Die Schlucht—offenbar nur die Fortsetzung, d.h. das durch das Wasser muldenartig ausgewaschene Ende eines seichten Wiesenthales der Hochebene—ist an ihrem oberen Rande derart von dichten und dornigen Büschen eingerahmt, daß nur sehr kleine Thiere ungehindert Zu- und Ausgang finden; nach unten ist sie vom Flusse aus begrenzt, dessen steiles und hohes Felsufer, eine wirksame Schutzwehr gegen mordlustige Eindringlinge bildet.

Am Grunde der Schlucht, unter dem Schatten breitstämmiger, dichtbelaubter Bäume, erfreut uns das dunkle, saftige Grün eines üppigen Rasens; hier konnten wir das muntere Treiben der Springhasen, kleiner Gazellen, des Klippdachses und der Wildenten belauschen, während aus dem dichten Laube der Bäume das Geschnatter einer hier in Ruhe nistenden Chenalopex (Gansart) heraustönte. Den Reiz dieses verborgenen Erdenwinkels erhöhte das Rauschen eines von den dichten beerenbehangenen Büschen fast völlig verdeckten Wasserfalles im oberen Theile der Schlucht, dessen Ufer (von einer Kalksteinlage überdeckter Sandstein) grottenähnlich ausgehöhlt sind. Zur Trockenzeit versiegt nun allerdings das die ganze Scenerie belebende Rauschen des Bächleins. Mein Entzücken über dieses aus der anmuthslosen Umgebung edengleich hervorstechende Plätzchen war vollständig, als ich am Boden der Schlucht eine dichte Lage von Fossilien der letzten Alluvial Periode, darunter auch eine Tigerschneckenart entdeckt hatte.

An einem der zahlreichen, sein Geäste über die Schlucht ausbreitenden Bäume entdeckte ich einen mächtigen Nestbau, den ich für den eines Affen hielt, jedoch später erkannte, daß er einem der größten befiederten Nestkünstler, dem Hammerkopf angehöre. Dieser etwa 18 Zoll hohe, durch ein schön braunes Gefieder und einen langen Schopf am Hinterkopfe ausgezeichnete Vogel baut zwischen den Gabeln starker Aeste meist solcher Bäume, welche Abgründe und Flüsse überhängen, oder zwischen steilen Felsenklüften sein 18 Zoll bis 3 Fuß hohes im oberen Umfange 6-8 Fuß haltendes, nach unten spitzig zulaufendes Nest, das einem abgestutzten, oben umgekehrten Kegelkörper nicht unähnlich ist. Das Ganze stellt einen soliden, oben gedeckten und eine geräumige Kammer enthaltenden Bau dar; in die Kammer führt eine viereckige 8-10 Zoll im Quadrat messende Oeffnung. Der Bau, in dem eine Menge von Knochen anzutreffen sind, ist meist aus Reisig aufgeführt.

Doch auch dieses Eden, vielleicht nicht unrichtig mit einem im tauben Flußgerölle verborgenen Diamanten zu vergleichen, hatte seine Schlangen. Ich fand in der Holitzer Schlucht nicht weniger als sieben Arten, unter diesen zwei Species der in ganz Süd-Afrika wohl bekannten Cobra. Das erste Thier erblickte ich in dem Momente, als ich Insecten suchend, einen schweren Stein aufhob. Anfangs bemerkte ich nur, daß sich unter demselben in einer mäßigen Vertiefung die Reste eines Mausnestes befanden; der durch das Laubdickdicht dringende Sonnenstrahl ließ mich aber sofort die glitzernde Haut einer Schlange erkennen. Da ich keine geeignete Angriffswaffe bei mir hatte, blieb ich unbeweglich stehen, um nach der Flucht der Schlange das Nest nach kleinen Insecten durchstöbern zu können. Ich hatte auch nicht lange zu warten; durch die warmen Sonnenstrahlen geweckt, löste sich aus dem weichen Wollbettchen ein über vier Fuß langer Knäuel auf. Beim Emporrichten erblickte mich die Schlange sofort und schon fauchte sie, wie es die Cobras[1] thun, mit dem vorderen Drittel ihres Körpers aufgerichtet, nach mir herüber. Dabei blähte sie den dunkelgefärbten, ringförmigen, etwa zwei Zoll breiten Halstheil auf und züngelte lebhaft mit der gespaltenen dunklen Zunge. Meine Haltung mußte in ihr die Besorgniß einer drohenden Gefahr erweckt haben, denn sie verschwand bald darauf im dichten Gebüsch.

1 Obgleich ich während meines siebenjährigen Aufenthaltes mehr als 200 Schlangen erlegte, beobachtete ich in Süd-Afrika außer den drei Mambaarten keine Schlange, die ungereizt den Menschen angreifen würde.]

Nest des Hammerkopf (Scopus Umbretta).
[Nest des Hammerkopf (Scopus Umbretta).]

Bevor ich mich auf diese erste Versuchsreise begab, hatte ich eines Tages, als ich mit meinem Gefährten F. zwischen den Gesteinen auf den Ebenen zwischen Dutoitspan und Kimberley nach Insecten und Echsen fahndete, eine über 5 Fuß lange Cobra angetroffen; es war ein Exemplar von seltener Schönheit, und da ich keine bessere Waffe zur Hand hatte, griff ich schnell entschlossen nach einem der zahlreich umherliegenden Ochsenskelette, brach eine Rippe davon ab und verfolgte das Reptil. In die Enge getrieben, wendet sie sich plötzlich um und richtete sich fast hart vor mir hoch auf; ich war aber schon zu weit vorgebeugt, um zurückweichen zu können, ein minutenlanges Zagen und ich war verloren, doch meine Geistesgegenwart verließ mich nicht, ein kräftig und sicher geführter Hieb in den Nacken und das schöne aber gefährliche Thier war mein; mit triumphirender Miene trugen wir das um die Rippe gewickelte Reptil heim.

Unter allen südafrikanischen Giftschlangen halte ich die Mambaarten, eine grüne, eine schwarze und eine gelbliche Species für die gefährlichsten. Mir sind Fälle bekannt, daß Mamba's (von den beiden ersten Arten, welche die wärmeren Buschpartien an der Küste bewohnen) nach dem Erblicken eines Menschen sofort zum Angriffe übergingen. Ich will hier nur eines solchen gedenken. Einige Kaffernkinder, die sich in den nur einige hundert Schritte vom Hause entfernten Büschen spielend ergötzten, wurden einer aus diesen hervorschleichenden Mamba gewahr; die Gefährlichkeit des Thieres kennend, wandten sie sich sofort auf der nahebei vorüberführenden Straße zur Flucht; nach einer Weile im Laufe innehaltend, blickten sie hinter sich und mäßigten nun, nachdem sie das Thier nicht mehr erblickten, ihre Schritte. Wenige Minuten darauf aber schrie plötzlich eines der Kinder laut auf, die Schlange hatte ihrerseits deren Verfolgung nicht aufgegeben und nun eines derselben in die Ferse gebissen. Eine Viertelstunde später war das Kind eine Leiche.

Die schmutzig-ockergelbe Mamba der wärmeren, nördlichen Partien des centralen Süd-Afrika, gibt auf eine andere, in den Mapaniwäldern der Sibanani-Ebene häufig zu beobachtende Weise den Rach- und Mordsinn[1] ihrer Familie zu erkennen. Auf Wildpfaden, da wo diese zum Wasser führen und wo sich zwei brüchige und hohle Mapanibäume einander gegenüberstehend mit ihren dichten, doch nicht breiten, unscheinbaren Kronen berühren, wird man diese Mamba finden. Sie liegt in dem Geäste und zwischen dem dichten ölhaltigen Laube der Bäume auf der Lauer; nähert sich ein Geschöpf, so rollt sie sich mit dem Schwanze um einen Ast und läßt sich mit dem Vorderkörper nach abwärts, hier aus dem Gezweige zwischen den zwei Stämmen nach dem Pfade zu wie ein Assagai herunterhängend. Da sie keine auffallende Farbe besitzt, wie ihre grüne und schwarze Schwester, so wird sie namentlich von dem Europäer gar nicht bemerkt und kann so bei der Heftigkeit ihres Giftes leicht sehr gefährlich werden.

1 Ich schreibe ihr ausdrücklich Mordlust zu, denn sie ist nie im Stande, die von ihr getödteten Thiere zu verschlingen.

Am selben Tage als ich in der Holitzer Schlucht jener Cobra gegenüberstand, wurde auch einer meiner farbigen Diener nicht wenig durch eine ähnliche Schlange erschreckt. Eben damit beschäftigt, ein angeschossenes Täubchen aus dem Dickicht des Uferabhanges herauszusuchen, sprang er plötzlich mit einem lauten Schrei aus den Gebüschen und eilte mit dem Rufe »Sir a Slang« zu mir. Alle Eingebornen, mit Ausnahme der unter den Zulus als Zauberer bekannten Medicinmänner, fürchten sich ähnlich wie die Affen, ungemein vor diesen Reptilien. Zwei Tage später erschoß ich am Grunde der Schlucht eine jener kurzen, schwarzen, von den holländischen Farmern ob ihres weißen, die untere Halspartie kennzeichnenden Fleckens Ringhals benannten Schlangen. Der früher erwähnte Kaufmann, dem ich mein Zusammentreffen mit dieser Schlange mittheilte, wußte mir etwas mehr über diese Schlangenart zu erzählen; eines Vorfalls, von dessen Wahrheit ich mich nur zu sehr durch andere ähnliche in der Folgezeit beobachtete Thatsachen überzeugen konnte, sei hier gedacht. Einige Monate vor meiner Ankunft fiel es dem Farmer auf, daß eine seiner täglich am jenseitigen Ufer weidenden Kühe regelmäßig durch mehr denn zwei Wochen um ein bis zwei Stunden später als die übrigen Thiere der Heerde in's Gehöfte zurückkehrte. Da es in der Nähe keine gefährlichen Raubthiere gab, ließ man die Thiere ohne Hirten auf die Weide gehen. Als nun dem Besitzer das eigenthümliche, tägliche Ausbleiben des einen Thieres auffiel, sandte er einen seiner Diener aus, um die Ursache dieser auffälligen Verspätung zu erforschen. Schon nach kurzer Zeit hörte der Farmer den Ruf des Dieners: »Bas, Bas, fat det rur[1] (Herr, fasse das Gewehr) und komm, schnell herüber, ein Ringhals säugt an Deiner Kuh.« Aeußerst begierig den Vorfall zu sehen, rief der Farmer seine Freunde zusammen und eilte nach dem Flusse. Unweit des Flusses sah er die Kuh gemächlich niedergekauert grasen, und um ihre Hinterfüße zur Hälfte geschlungen hielt sich ein Ringhals aufrecht an einem der Euter begierig saugend. Er war schon vollgesogen und hatte ganz das Aussehen eines riesigen Blutegels; der schwer angeschwollene Leib glitt fortwährend ab. Bevor die erstaunten Zuseher noch in die Nähe gelangt waren, verschwand die Schlange spurlos in den Büschen. Am folgenden Tage gelang es den Farmerleuten, sich ganz leise dem Busche zu nähern und das vollgesogene Reptil gefahrlos zu erlegen.

1 Geschrieben wie es ausgesprochen wird.