Mamba auf der Lauer.
[Mamba auf der Lauer.]

Etwas Aehnliches ereignete sich einige Jahre vor meinem Besuche Süd-Afrika's in dem Freistaat-Städtchen Philipolis. Einer meiner Freunde, Mr. K., den ich in den Diamantenfeldern kennen lernte, war daselbst in dem Geschäfte eines Herrn H. thätig und wohnte in dessen nächster Nähe, in einem etwas höher als das Niveau der Straße stehenden, aus Backsteinen solid erbauten Hause. Er war eines Nachmittags mit einigen Boers beschäftigt, als ihn seine Magd mit der Nachricht abrief, daß sein kleines Kind in Lebensgefahr schwebe. Ohne Ahnung, was diese Nachricht zu bedeuten habe, ließ der Mann Waare und Käufer im Stich und eilte nach Hause. Heimgekommen findet er seine Frau vor Schrecken wortlos im Vorhause, während ihm sein Töchterchen in kindlicher Harmlosigkeit erzählte, daß eine lange schwarze Katze aus Baby's Flasche die Milch trinke. Mr. K. eilte in die Kinderstube und findet sein kleines Kind schlafend, auf der Erde die halbgeleerte, mit einem Gummisauger versehene Milchflasche. Unterdessen hatte sich die Frau einigermaßen von dem tödtlichen Schrecken erholt und begann den Vorfall zu erzählen. Als ihr das kleine Töchterchen von einer schwarzen, langen Katze erzählte, da war sie sofort zum Baby geeilt; ein ihr Mutterherz mit Entsetzen erfüllender Anblick bot sich ihr; eine schwarze Schlange, die neben dem Säugling zusammengerollt lag und aus der halbliegenden Flasche, die dem schlafenden Kinde aus dem Munde entschlüpft war, Milch sog. »Mit einem Schrei stürzte ich heraus und das mußte wohl das Reptil so erschreckt haben, daß es herunterfiel, oder sich irgendwo im Bettzeug versteckte, ich hörte auch die Flasche fallen, dann fühlte ich ein solches Zittern, daß ich nicht mehr das Zimmer betreten konnte.« Mr. K. sah sich erst im Zimmer nach der Schlange um, und der erste Blick, den er unter das Bett warf, überzeugte ihn, welchen gefährlichen Gast das Zimmer beherberge. Um die Schlange anzulocken und sie sicher zu treffen, schob er die Flasche mit dem Sauger nach dem Reptil zu unter den Rand des Bettes, während ihm seine Frau einen Kiri brachte. Die Schlange konnte dieser Lockung nicht widerstehen, doch im nächsten Augenblicke zerschmetterte ein einziger Schlag Schlange und Flasche. Nach Jahren erst erfuhr Baby[1] in welcher Gefahr sie geschwebt und welch' wunderliche, schwarze Katzen es früher in Philipolis gab.

1 Baby nennt man ein kleines, unmündiges Kind, und zwar stets das Jüngste.

In geographischer Hinsicht war es mir von großem Interesse, die Tiefen der von mir überschrittenen und besuchten Flüsse kennen zu lernen, und ich war, wo dies nur immer anging, und nicht Krokodile ein solches Beginnen vereitelten, bemüht, diesbezügliche Messungen anzustellen; in Ermanglung eines Bootes und anderer Apparate mußte ich die Tiefe an meiner Person selbst erproben. Ein Unfall im Harts-River, der mich näher als ich ahnte, an den Rand des Grabes brachte, verleidete mir für die Folge solch' gewagte Experimente immer mehr, bis ich sie schließlich ganz aufgab.

Es sei mir hier gestattet, diesem Unfall einige Worte zu widmen. Um eine passende Uebergangsstelle für meinen Wagen zu finden, mußte ich die Tiefe des nahe unserem Lagerplatze 6-8 Meter breiten Harts-Rivers untersuchen. Ich fand endlich eine mir günstig scheinende Stelle, die hohen und trockenen Ufer, die geringe Wassertiefe von 14-16 Zoll in dessen Nähe, bestärkten mich in der Hoffnung, die richtige Furth gefunden zu haben. Nachdem ich mit einem kühnen Wurfe den nothwendigsten Theil meiner Garderobe an das jenseitige Ufer befördert, ging ich daran, den Fluß zu übersetzen; schon nach dem ersten Schritt versanken meine Füße in tiefem Schlamm, langsam und vorsichtig den Grund prüfend, hatte ich etwa die Mitte der Flußbreite erreicht, ich stand in zwei Fuß tiefem Schlamm und ebenso tiefem Wasser. Jeder weitere Schritt zeigte mir, daß die Schlammschichte an Tiefe zunehme, ich wollte nur noch einen Schritt nach vorwärts versuchen und wenn die Tiefe nicht abnahm, umkehren, doch dazu kam es nicht mehr; ich sank immer tiefer und tiefer. Dabei fühlte ich, wie der Schlamm immer zäher und consistenter wurde.

Ein Hilferuf hätte kaum Erfolg gehabt, denn der Wagen war zu weit entfernt. Meine Lage war, ich muß gestehen, eine mich im höchsten Grade beängstigende. Schon umspülte das Wasser mein Kinn, und ich schien rettungslos verloren, als ich im Bewußtsein der eminenten Gefahr, vielleicht instinctmäßig den Oberkörper mit einem gewaltsamen Ruck nach vorwärts bog und mit den Händen die Bewegungen des Schwimmens versuchte. Ich kam so, nachdem die Brust die dünne oberste Schlammlage zertheilt hatte, mit Gesicht und Brust unter das Wasser, flach auf den Schlamm zu liegen; ein mit aller Kraft unternommener Versuch, den einen Fuß aus dem zähen Schlamm zu befreien, glückte. Doch nun drohte mir der Erstickungstod im Wasser und ich mußte wieder den Kopf über Wasser halten, um Athem zu schöpfen. Es war indeß kein Moment zu verlieren, wollte ich nicht den errungenen Vortheil opfern; ich wiederholte den vorerwähnten Versuch und endlich fühlte ich den zweiten Fuß aus seiner Umklammerung befreit. Ein zweiter Ruck nach vorwärts und es gelingt mir, meine Hände in den festen Schlamm des jenseitigen Ufers einzugraben. Ich war gerettet. Es bedarf wohl keiner weiteren Worte um meine Stimmung, meinen Körperzustand zu schildern, als ich wieder festen Boden unter mir fühlte.

Ich hatte mich kaum von der natürlichen Aufregung in Folge des mir zugestoßenen Unfalls erholt, als mir schon am folgenden Tage eine andere, höchst empfindliche Ueberraschung erwuchs und ich den bei vielen afrikanischen Stämmen so hoch entwickelten Diebssinn kennen lernte. Mein Reitpferd war plötzlich verschwunden, vergeblich alle unsere vereinten Bemühungen, eine Spur der Diebe zu entdecken. Erst nach sieben Jahren, gelegentlich eines Ausfluges, den ich aus den Diamantenfeldern nach dem Vaal machte, erfuhr ich von dem bereits mehrfach erwähnten Kaufmann, daß Jantsche's Leute das Pferd gestohlen hatten.

Nach mehrtägigem Aufenthalte an dieser mir in lebhafter Erinnerung bleibenden Stelle setzten wir unsere Reise im Thale des Hart-Rivers aufwärts fort.

Ab und zu verengt oder erweitert sich das Thal, je nachdem die es zu beiden Seiten begrenzenden, zumeist parallel laufenden Felsenhöhen näher aneinander oder weiter auseinander rücken, und behält diesen Charakter bis in die Nähe des Hauptortes des freien Batlapinenreiches, Taung. Von der Fruchtbarkeit des Bodens gaben die durchschnittlich ¼-½ Aere Flächeninhalt messenden und gut bebauten Felder Zeugniß, deren Gesammtausdehnung ich zu 1000 Schritt Länge und 2-400 Schritt Breite schätzte. Etwa hundert einzeln oder in kleinen Gruppen die Parzellen dieser bebauten Fläche bearbeitende Frauen belebten diese Strecke. Hier war eine Gruppe damit beschäftigt, die reifen Maiskolben abzubrechen, dort wieder das Feld auszujäten, andere wieder bearbeiteten mit äußerst primitiven Hauen den Ackerboden. Manche der Maispflanzen standen noch sehr niedrig, dagegen waren bereits Kürbisse und Wassermelonen in der Reife so weit vorgeschritten, daß den arbeitenden Frauen das Vergnügen vom Gesichte abzulesen war. Unter den Frauen bemerkten wir auch Mädchen und Greisinnen, denen die leichten Arbeiten, namentlich das Grasjäten und das Zusammentragen der Maiskolben oblag. Mehrere der Frauen trugen einen Säugling in einem Ledersacke am Rücken befestigt, oder hatten ihn auf einer auf der Erde liegenden kleinen Carosse gebettet, umgeben von mehreren bereits den Kinderschuhen entwachsenen Vertretern der hoffnungsvollen Jugend von Lekatlong, welche sichtlich bemüht waren, den kleinen Schreihälsen die Zeit und die quälenden Fliegen zu vertreiben, welches letztere sie theils mit Blättern, theils mit aus Thierschwänzen verfertigten und auf Holzstäbchen befestigten Wedeln mit wechselndem Erfolge zu Stande brachten. Manche der Frauen hatten blos einige Lappen (meist die Mädchen), andere eine kurze bis zu den Knieen reichende, glatt gegerbte Carosse um die Hüften geschlungen, andere wieder ein kurzes, viereckiges Fell als Vorder- und ein größeres, mit eingenähten schwarzen Lederringen geschmücktes als Rückenschürze benützt. Von der Stirn perlender Schweiß gab Zeugniß, daß sie wacker zur Arbeit hielten. Als Schmuck trugen die meisten Schnüre von großen blauen Glasperlen am Halse, aus Messingdraht geflochtene Ringe an den Armen und aus einem ähnlichen Material gearbeiteten Ohrschmuck, der jedoch bei den ärmeren nur aus rundlichen Holzpflöckchen bestand. Den Kopf hatten beinahe alle mit einem kegelförmigen aus Stroh oder aus Binsen und Gras geflochtenen, tief in's Gesicht fallenden Hute bedeckt, der ihnen unter ein »pund« (£ St.) nicht feil war.

Im Schlamme des Harts-River versunken.
[Im Schlamme des Harts-River versunken.]

Ackerbau bei den Batlapinen.
[Ackerbau bei den Batlapinen.]

Das heitere und spöttische Lachen der schwarzen Schönen galt besonders unserem Begleiter F., dessen herausforderndes Benehmen das Hauptziel ihrer Witze bildete,—diese fröhliche Stimmung der Batlapinen erleichterte auch den lebhaften Tauschhandel, der sich an unserem Reisewagen entwickelte und bei welchem wir gegen einige Stückchen Transvaaltabak und einige färbige Taschentücher unseren Bedarf an Melonen und Kürbissen einhandelten.


V.

Von Lekatlong nach Wonderfontein.

Batlapinenleben.—Webervögel und ihre Nester.—Zuckerrohr-Pflanzungen.—Spitzkopf.—Mitzima's Dorf.—Schlauheit der Batlapinenweiber.—Termitenbauten.—Reisende Batlapinen.—In Lebensgefahr.—Springbockfontein.—Transvaal-Emigranten.—Gassibone und seine Residenz.—Tauschhandel.—Wanderheuschrecken.—Ein seltsamer Labetrunk.—Am Vaal-River.—Wasser- und Landleguane.—Christiana, die westlichste Transvaal-Stadt.—Einfache Rechtspflege.—Landschaftlicher Contrast der beiden Vaalufer.—Bloemhof.—Ein gefährlicher Nachtmarsch bei Gewittersturm.—Waidmann's Eldorado.—Königskraniche.—Gnu und Bläßbock.—Romberg's Farm.—Von schwarzen Gnu's überrascht.—Hühnervögel.—Klerksdrop.—Potschefstroom.—Das Moi-Riverthal.—Geognostische Entdeckungen—Wonderfontein und seine Grotten.


Die Hauptstadt des südlichsten der Batlapinenstämme, Lekatlong (der Name bedeutet Vereinigung, wohl in Bezug auf die beiden Flüsse), die Residenz des Fürsten Jantsche, bestand aus circa 160-200 Hütten, welche drei größere Gehöftgruppen bildeten, in welchen je 2-4 Hütten zu einem Gehöft vereinigt waren. Die einzelnen Gehöfte waren von einem 4-6 Fuß hohen, aus dürren Zweigen hergestellten Zaune umgeben. Die Hütten der mittleren Gehöftgruppe zeigten die emsigste Arbeit, auch reichte die Gruppe bis an den Fluß. In ihrer Mitte standen auf einem freien Platze die Ruinen eines Missionsgebäudes, welches einige Jahre zuvor abgebrannt war. Zur Zeit meines Besuches hielt sich hier kein Missionär auf, in neuerer Zeit soll jedoch von der »London Missionary-Society«, in deren Wirkungsbezirk Lekatlong gehört, ein solcher dahin delegirt worden sein. In einiger Entfernung vom Missionshause erhob sich die Kirche, ein längliches, aus ungebrannten Backsteinen aufgeführtes, unscheinbares Gebäude, dessen Giebeldach mit dürrem Grase gedeckt war.

Vom rechten Ufer aus gesehen bot die Stadt mit ihren regelmäßig aneinander gereihten Gehöftgruppen einen ganz netten Anblick. In den Straßen, d.h. den freien Räumen zwischen den einzelnen Gehöften herrschte reges Leben, hier sah man Frauen, welche, große thönerne Gefäße auf dem Kopfe tragend, zum Flusse eilten, dort wieder Frauen, die unter der Last großer schwerer Bündel dürren Grases oder Gestrüppe seufzend nach Hause gingen, während eine Schaar nackter Kinder sich spielend am Flußufer ergötzte, andere wieder mit den ihrer Obhut anvertrauten Heerden auf die Weide zogen. Zu diesem Bilde emsiger Thätigkeit der Frauen contrastirte das dolce far niente der Männer auffällig, man sah sie allerorts müßig auf der Erde liegen, sich einer gesättigten Schlange gleich im Freien sonnend und von den Anstrengungen des eingenommenen Mahles erholend.

Tauschhandel am Wagen.
[Tauschhandel am Wagen.]

Einige der Männer hatten aus europäischen Stoffen, andere aus weichgegerbten Fellen gearbeitete Jacken und Hosen an; ihre Köpfe bedeckten kleine, aus Gras oder Binsen gearbeitete Hütchen. Die Männer waren meist von Mittelgröße, ihr Wuchs war aber weder so schön wie jener der Zulu's, noch so kräftig wie jener der Fingo's, auffallend hell schien mir ihre Hautfarbe. Ihre Gesichtszüge waren durch eine anormale Breite der Nase nicht wenig verunstaltet—eine Mißbildung, welche durch den Gebrauch kleiner, die Stelle des Taschentuchs vertretender Eisenlöffel hervorgerufen wird. Ihr Ruf als notorische Faullenzer war wohl begründet, denn obwohl ihr Gebiet sehr fruchtbar ist, verwendeten sie sehr wenig Mühe auf den Anbau von Cerealien und waren auch auf dem Markte von Kimberley seltene Gäste.

In moralischer Hinsicht war der Ausgang des letzten Krieges zwischen den Engländern und einem Bruderstamme dieser Batlapinen, den Botlaros, von wohlthätiger Wirkung. Vor dem Kriege, besonders aber zur Zeit der Entdeckung der River-Diggings kannten Jantsche's Hochmuth und seine Prätensionen keine Grenze, seine Unterthanen verübten zahlreiche Einfälle in die Provinz und ließen die berittene englische Polizei am Vaalflusse nie zur Ruhe kommen. Diesem Allen machte der Sieg der Engländer ein schnelles Ende.

Nachdem wir das Weichbild der Stadt Jantsche's verlassen hatten, betraten wir wieder einsamere Partien des Hart-Riverthales, in welchen erst in größerer Entfernung flußaufwärts zwei bedeutendere Eingebornenstädte liegen. Es sind dies Taung (nach dem früheren Herrscher »Mahura's Stadt« genannt), circa 70 Meilen von der Mündung des Hart-River's entfernt, und Mamusa, die Residenz eines freien Korannafürsten. Zur Zeit meiner ersten Reise (auf welcher ich jedoch die Stadt nicht besuchte) regierte daselbst ein Greis, der Maschon hieß, von den Boers jedoch Tibusch, d.h. Zerbusch genannt wurde, und welcher nach einer Version 112, nach einer andern 130 Jahre alt war. Mamusa liegt gegen 40 engl. Meilen flußaufwärts von Taung entfernt, welches, nebenbei erwähnt, der Sitz des unabhängigen Batlapinenfürsten Mankuruane ist. Außer diesen beiden Städten finden wir zwischen Lekatlong und Mamusa zahlreiche Eingebornendörfer, welche zu 90 Percent von Batlapinen, zwischen Taung und Mamusa auch von Barolongen und nur ostwärts und gegenüber von Mamusa von Koranna's bewohnt werden. Diese Dörfer sind mit Ausnahme der von Koranna's bewohnten zumeist auf den Gipfeln der niedrigen, an den Hart-River herantretenden und begrasten Höhen oder unmittelbar unter dem Gipfel dieser Höhen erbaut und bestehen gewöhnlich aus zwei bis acht Gehöften. Nur wenige, darunter das größte dieser Dörfer, Mitzima genannt, liegen im Thale; dieses zählt etwa 30 Hütten. Die von den Bewohnern dieser Dörfer bebauten Felder und Gärten liegen theils im Flußthale, theils an den Abhängen. Außer Kafirkorn und Mais wird auf diesen Grundstücken auch Zuckerrohr gebaut, dessen Schaft 7-8 Fuß Höhe erreicht.

Wir setzten im Thale des Hart-Rivers unsere Reise fort; die zahlreichen, unseren Weg kreuzenden, tiefen Schluchten nöthigten uns zu zeitraubenden Umwegen und bereiteten uns mancherlei Schwierigkeit. Einige Meilen hinter Lekatlong sah ich mich genöthigt Rast zu halten; es währte nicht lange, so kamen aus dem nahen Gehöfte ein Junge und ein Greis, welche mit uns Makoa (Weißen) in Tauschhandel traten. Ich war über ihre hohen Forderungen überrascht, fand aber bald die Erklärung; die Eingebornen kannten hier bereits den Werth des englischen Geldes.

Auf der Weiterreise fanden wir in den reichbebuschten und mit hohem Gras bedeckten Thalpartien nicht minder wie in den Ufergebüschen, günstige Jagdgelegenheiten. In den letzteren trafen wir vier Arten von Trappen, darunter zwei Zwergtrappenarten und eine Art von seltener Größe, die beiden ersteren in größeren Gruppen, die beiden größeren Arten nur paarweise aus den Büschen auffliegend; in der Nähe der niedrigen Dornbüsche fanden wir das große Cap-Perlhuhn paarweise in der Erde scharrend. An sandigen Uferstellen und mit Flugsand bedeckten Partien der Thalabhänge sonnten sich Steppenhühner, die dicht beschilften Ufer des Flusses, das Versteck großer Schwärme von Wildenten, lieferten uns manche Beute. Die freieren Uferstellen waren zumeist mit den herabhängenden Aesten der Mimosen überhangen, deren dünne Endzweige von den schönen gelben, mit einem schwarzen Flecke an der Kehle geschmückten Webervögeln entblättert waren, und an welchen diese ihre kunstvollen Nester erbaut hatten, welche herabhängenden Früchten ähnelten. Sie waren platt gedrückt, hatten einen elliptischen Querdurchmesser von 6-10 und 12-15 Centimeter und eine Höhe von 12-25 Centimeter. Der Eingang befand sich an der unteren, ebenen Seite des Nestes.

Nest des Webervogels.
[Nest des Webervogels.]

Diese Eingangsöffnungen haben eine halbmondförmige Gestalt und sind nur so groß, daß ein Thier hineinzuschlüpfen vermag. Die obere Nestfläche läuft kegelförmig zu, so zwar, daß das Nest mit der Kegelspitze an den Zweigen befestigt ist. Die Nester waren aus frischem biegsamen Grase gewoben. Die Bauart des Nestes ist eine kunstreiche zu nennen, die einzelnen Grashalme sind sehr geschickt ineinander verwoben und der Bau so fest, daß er allen Stürmen vollkommen Widerstand zu leisten vermag. Bei dem leisesten Winde fingen die schönen Nester zu schaukeln an und diese Bewegungen spiegelten sich in der ruhigen, durch zarte, in der Tiefe wuchernde Algenformen verdunkelten Fluth treu wieder, ein Bild, das dadurch noch an Anmuth gewann, daß sich einer der einfliegenden Vögel zuweilen längere Zeit an der Oeffnung festklammernd schaukelte. Dann erschien am Wasserspiegel ein sich hin- und her wiegender schön gelbgefärbter Punkt, der wie ein schimmernder Edelstein über die hellen und dunklen Grottenpartien am Grunde des Flusses zu gleiten schien. Diese Webervögel zeigten nicht die geringste Scheu, so daß wir sie namentlich gegen Abend leicht im Neste fangen konnten. Hatten wir uns von dem Neste entfernt, und waren die bei unserer Annäherung entflohenen Sänger wieder nach ihren Wohnungen zurückgeflogen, so beobachteten sie mit anmuthiger Neugierde längere Zeit hindurch jede unserer Bewegungen.

Reisende Batlapinen.
[Reisende Batlapinen.]

Am dritten Tage unserer Reise erblickten wir im Osten einen aus Süden hervortretenden, in das Thal des Hart-Rivers tief eindringenden Höhenzug, der uns als zum Gebiete des Chefs Mitzima gehörig bezeichnet wurde. Den äußersten vorgebirgsartigen Ausläufer dieses Höhenzuges nannten die Boers Spitzkopf. Die von uns durchzogene Ebene glich auf weite Strecken hin einem carminrothen Teppich, welcher bei näherer Besichtigung aus einer Unzahl mehrblüthiger Lilien bestand. An anderen Stellen der Ebene trafen wir schöne, dunkelgrüne, auf der Erde wuchernde Blätter einer anderen Liliacee, welche mit verschiedenen Rüsselkäfer-Species förmlich bedeckt waren.

In der Nähe einer Zuckerrohrpflanzung begegneten uns vier arbeitende Frauen—ich benützte diese Gelegenheit, um noch vor unserem Eintreffen in Mitzima's Stadt unsern Milchbedarf zu decken und sprach die Frauen in dieser Absicht an. Sie zeigten sich überaus gefällig, ihre Hauen im Stiche lassend, eilten sie lachend und schreiend ihren mehr denn 300 Schritte entfernten Hütten zu und es währte nicht lange, so waren sie wieder da, zwei von ihnen mit irdenen Töpfen, die dritte, ein altes hageres Weib mit einem großen Holzgefäße, gefüllt mit köstlich frischer Milch. Als Kaufpreis forderten auch sie ein Stück Tabak, mein Erstaunen wuchs, als sie mir durch Gert, meinen Dolmetscher, zu verstehen gaben, daß sie leidenschaftliche Consumenten von Schnupftabak wären. Um mir jeden Zweifel zu benehmen, machten sie die Pantomime des Zerreibens und ließen mit dem Rufe »Monati« (d.h. das ist schön) den Tabak in den breiten Höhlen ihrer Nasen verschwinden.

Am Nachmittag fuhren wir an einem aus drei Hütten bestehenden Gehöfte, dessen Sauberkeit mir sogleich auffiel, vorüber. Auch auf meiner zweiten Reise unter den verschiedenen Batlapinenstämmen fand ich kein zweites, das sich mit ihm hätte messen können. Die Hütten waren geräumig und aus starken Pfählen erbaut, auch stand in einem aus Schilfrohr gearbeiteten Schuppen ein gut erhaltener schwerer Lastwagen und im Hofe ein kleinerer, an dem eben, was mir noch mehr auffiel, der Hausherr mit einem Diener Verbesserungen vornahm. Außerdem fehlte auch ein Pflug nicht—im Batlapinenlande war dies im Jahre 1873 noch eine große Seltenheit—und ein halbes Dutzend der ledernen Milchsäcke hing an der für das Vieh bestimmten Umfriedung. Im Schatten des Wagenschuppens saßen zwei andere Batlapinen, damit beschäftigt, aus Segeltuch ein neues Wagendach zusammenzunähen; ich habe nie wieder Leute dieses Stammes so eifrig an der Arbeit gesehen als diese beiden.

Im geräumigen Hofraume des Gehöftes tummelten sich 15 muntere dunkelgefärbte Kinder umher, welche bis auf ein kaum blattgroßes Lederschürzchen splitternackt waren. Den größeren oblag es, die Heerden an den Ufern des hier eine englische Meile entfernten Hartflusses zu hüten. Alles zeigte den Segen und die Früchte der Arbeit und des Wohlstandes.

Im Laufe des Nachmittags hatten wir uns den am Morgen erblickten Höhen genähert. Sie sind die nördlichsten Ausläufer des bei Hebron am rechten Vaalufer beginnenden Höhenzuges; ich fand sie namentlich durch die Form der sie bildenden Felsen interessant. Bald sind es senkrechte Blöcke, Menschengestalten nicht unähnlich und säulenartig aneinander gereiht, bald liegen sie stufenförmig übereinander und erwecken die Vorstellung einer gigantischen Treppe.

Als wir das diesseits vom Spitzkopf liegende Mitzima erreichten, waren wir, kaum angelangt, von den Neugierigen umringt, deren größtes Contingent das schöne Geschlecht und die hoffnungsvolle zarteste Jugend des nach seinem gegenwärtigen Besitzer genannten Eingebornendorfes stellten. Sie setzten sich in der nächsten Umgebung des Wagens gemüthlich nieder und begannen zuerst die Makoa (die Weißen) selbst, dann den Wagen und unsere ganze Ausrüstung auf das lebhafteste zu kritisiren. Ihr von oft höchst komischen Gesticulationen begleitetes Gespräch erregte die Lachlust unserer Diener im höchsten Grade, während wir im Zweifel waren, ob das Mienen- und Geberdenspiel Bewunderung oder abfällige Kritik zum Ausdruck bringe. Mein Begleiter K., dem böse Zungen Eitelkeit zum Vorwurfe machten, hielt es für das erstere, wofür auch die Thatsache sprach, daß F. ihn mehrmals mit dem Pennyspiegel in der Hand überraschte.

Während F., der die Kinderschuhe noch nicht abgelegt hatte, in das Lachen und das Mienenspiel mit einstimmte, behauptete E., wie immer, sein Pfeifchen schmauchend, stoische Ruhe. Seine Miene und sein ganzes Benehmen zeigten Verachtung, deren Ausdruck ihn aber zur besonderen Zielscheibe der Spötteleien des schönen Geschlechtes machte, während manch' wohlwollender Blick auf den netten K. gerichtet war.

Die anwesenden Frauen waren sämmtlich, wahrscheinlich um den Weißen ihren Reichthum zu zeigen, in Kattunröcken erschienen und hatten Brust und Hals mit zahlreichen Perlenschnüren geschmückt. Unter ihnen stachen zwei Mädchen durch bemerkenswerthe Häßlichkeit der Gesichtszüge hervor, die durch die rothen Ockerstriche im Gesichte keineswegs gemildert wurde.[1]

1 Im Allgemeinen gebrauchen die Batlapinenfrauen jedoch nicht so viel Ocker, um sich Gesicht, Hals und Brust zu beschmieren, als die Frauen der Hottentottenrace und der in der Cap-Colonie wohnenden Kaffernstämme.

Das schöne Geschlecht, der passiven Haltung müde, ging bald zum Angriff über und eine der Frauen ließ uns durch Gert bedeuten, unsere Waaren zur Schau auszulegen, da sie uns für reisende Händler hielten. Die mit ausgestreckter Hand uns entgegen gehaltenen Schnupftabakdosen waren eine stumme aber directe Aufforderung, dieselben zu füllen. Da wir keine Miene machten, ihren Wünschen nachzukommen, beschlossen einige unter den Frauen einen neuen Angriff, dessen Ziel unsere beiden Begleiter F. und K. waren, deren Lächeln sie den Frauen als die Zugänglichsten erscheinen ließ. Nach abgehaltener Berathung trat die Häßlichste und Aelteste der Frauen zu F. heran und machte ihm eine so aufrichtige und herzliche Liebeserklärung, daß es Gert, der hierbei als Dolmetsch fungirte, kaum möglich war, seine Lachmuskeln im Zaume zu halten. Die Scene rang uns Allen ein helles Lachen ab, während es F. in Wuth versetzte.

Um unseren Neckereien zu entgehen, wagte er die Behauptung, es sei Mitzima's jüngstes Weib, die hübscheste des ganzen Dorfes gewesen.

Als die Frauen bemerkt hatten, daß aller Minne Mühe vergeblich war, entfernten sie sich vom Wagen und legten den Rückweg tanzend zurück; im eigentlichen Sinne des Wortes war es kein Tanz, sie hüpften vielmehr, sie bewegten sich dabei in kleineren Gruppen zuerst in einem Halbkreise nach links, dann in einem Halbkreise nach rechts, dann machten sie einen etwa zwei Schritte langen Doppelsprung nach vorne, drehten sich um, und begannen die Bewegung von Neuem.

Wir waren froh, der lästigen Besucher los geworden zu sein—unsere Freude war aber leider nicht von Dauer, denn bald kam eine noch größere und zudringlichere Gruppe und umstellte den Wagen. Diesmal half uns eine List aus der Noth, ich erstieg den Wagen und begann das Schrotgewehr zu reinigen. Beim Anblick desselben machten die Angekommenen eine unwillkürliche Bewegung nach rückwärts, und ehe ich es vermuthete, war das Feld geräumt.

In später Nachmittagsstunde verließen wir Mitzima's Dorf, das Passiren mehrerer Schluchten nahm so viel Zeit in Anspruch und ermüdete die Zugthiere derart, daß wir noch diesseits des Spitzkopfes, in 1½ Meilen Entfernung von Mitzima, in der Nähe von drei kleinen Batlapinengehöften, Halt machen mußten.

Ein in unserem Rücken aufsteigendes Gewitter hatte uns auf dieser Straße bange Sorge gemacht, denn ein halbstündiger Platzregen hätte genügt, um jede dieser Schluchten, die zu überwinden wir große Anstrengungen machen mußten, in einen reißenden und gefahrbringenden Regenstrom zu verwandeln. Unsere Ankunft bei den erwähnten Gehöften war trotz vorgerückter Abendstunde nicht unbemerkt geblieben, es stellte sich auch bald Besuch ein.

Die Nacht, die wir hier zubrachten, war eine besonders helle und schöne, aber auch empfindlich kalte. Die Felsenbildungen am Abhange der Höhen glichen phantastischen Gestalten, deren dunkle Schatten weit in die Ebenen hinausragten. Der niedrige Spitzkopf schien einem Riesen gleich über uns Wache zu halten, aus der Nähe und Ferne klangen die hellen Töne der Batlapinengesänge zu uns herüber.

Am nächsten Morgen tauschten wir von dem Ortsvorstande der naheliegenden Gehöfte einige Kürbisse ein und brachen weiter nach Norden auf. Je weiter wir den Hart-River hinaufzogen, desto fruchtbarer schienen mir die Gefilde des Batlapinenlandes zu sein. Namentlich erregten die kleinen Zuckerrohr-Pflanzungen auf den Feldern und in den Gärtchen mein Erstaunen. Was mir aber besonders auffiel, war, daß die Eingebornen diese Zuckerrohrart nicht anders benützen, als daß sie den unteren und mittleren saftreichen Theil des Stengels in kleine Stücke schneiden und zerkauen.

Wir durchschritten zunächst eine baum- und buschlose Ebene, auf welcher mir namentlich ganz eigenthümlich geformte Termitenbauten auffielen. Diese Termitenbauten stellen statt der gewöhnlichen, manche der südafrikanischen Ebenen zu Tausenden bedeckenden halbkugel- und brodlaibförmigen bis 4 Fuß hohen Hügel, an dessem Rande zwei bis drei kleine Eingangslöcher in das Innere führen—eine aus der Erde hervorstehende bis zu 6 Fuß hohe und 3-10 Zoll im Durchmesser haltende gebrechliche, aus Thonerde und Sandkörnern mit Hilfe des Speichels der Thiere zusammengekittete Röhre dar. Wir beobachteten den Boden in einem Umkreise von 10-48 Fuß etwas wenig gehoben und meist kahl; aus der Mitte einer solchen Stelle erhoben sich in der Regel eine oder drei, doch auch mehrere nach oben zu offene Röhren, während im weiteren Umkreise die Anfänge zu solchen Röhren lagen, die oft in großer Menge als kleine kegelförmige nach oben zu geschlossene Erdaufwürfe zu Tage treten.

Gegen Mittag hielten wir in der Nähe des Flusses und mußten uns mit dem sehr trüben Wasser begnügen, das wir in einigen Lachen in seinem Bette vorfanden, welches überdies durch das Eintreiben der Heerden von Seite der Eingebornen sehr verunreinigt worden war. Auch das mit diesem trüben Wasser bereitete Mahl wollte nicht munden. Während unseres Mahles kamen hoch auf gehörnten Saumthieren einige Batlapinen von einem der nahen auf einem kleinen Höhenrücken zu unserer Rechten gelegenen Dörfchen herbeigeritten. Sie sprangen ab und machten sich's in der Nähe unseres Feuers bequem. Die Saumthiere blieben, kaum abgesattelt, wie an die Erde angewurzelt stehen. Man kann sich des Lachens nicht erwehren, wenn man eine solche Batlapinengruppe heranziehen sieht; ohne angetrieben zu werden, eilen die Ochsen dahin, wie wenn sie miteinander um die Wette liefen. Die Nasenscheidewand ist an den Nüstern durchbohrt und ein Holzpflöckchen durchgesteckt, an welches, an beiden Enden eingeschnitten, ein etwa 2 Meter langer Riemen, der Zaum, befestigt ist. Ueber den Rücken des Thieres ist in der Regel ein Sack oder eine Decke, oder ein Stück Leder geworfen, welches den Sattel vorstellen soll. Zu beiden Seiten hängen Riemen mit eisernen oder ledernen Steigbügeln. Die Ankömmlinge zeigten sich sehr freundlich und einer derselben antwortete auf meine Frage, wie weit es noch nach Springbockfontein sei, schnell gefaßt, indem er auf die über uns stehende Sonne wies: »Wenn Ihr jetzt diese Stelle mit Eurem Wagen verlaßt, so werdet Ihr zur Zeit, wenn sich jener Gebieter da droben zur Ruhe gelegt, mit der klaren Fluth des Wassers, in dem die Springböcke ihren Durst stillen, auch Eure Wassergefäße füllen können.«

Die nahen Mais- und Kürbißfelder boten mir Gelegenheit, meine Sammlungen zu bereichern, namentlich durch einige schöne Species von Sandkäfern (Cicindelidea). In meinem Eifer bemerkte ich nicht, daß ein Gewitter bereits dem Ausbruche nahe war, und erst als ein tüchtiger Regenschauer mich durchnäßte, eilte ich zum Wagen. Ein Blitzstrahl fuhr in diesem Momente einige hundert Schritte thalabwärts in einen der Maisgärten nieder; am Wagen angekommen, fand ich, daß meine Begleiter es unterlassen hatten, einige zum Trocknen an die Sonne gesetzte Pflanzenpräparate, sowie auch die an einem nahen Busche angelehnten Gewehre vor dem Regen in Sicherheit zu bringen. Der fremden Besucher saßen nur noch drei am halberloschenen Feuer, doch rückten sie nun, um etwas Schutz gegen den Regen zu suchen, auch näher an den Wagen heran. In den Wagen springend ersuchte ich meine Freunde, mir rasch die Pflanzen und dann die Gewehre zu geben.

Unfall im Hart-Riverthale.
[Unfall im Hart-Riverthale.]

Einer meiner Begleiter hatte mir die ersteren gereicht, und war eben daran, mir auch die Gewehre zu übergeben, als ein Blitzstrahl in unmittelbarer Nähe hinter dem Wagen zur Erde niederfuhr. Ich hatte in diesem Momente das Gewehr mit der linken Hand am Laufende erfaßt, um es im Innern des Wagens an die gehörige Stelle zu legen (die Gewehre sind stets an der Innenwand des Wagens gebrauchsbereit angeschnallt). Durch den plötzlichen nahen Donnerschlag außer Fassung gebracht, ließ mein Freund das Kolbenende fallen, dabei hatte sich der eine Hahn (es war ein Doppellauf) an der Deichsel aufgespannt und als ich eben mit der Absicht, das Gewehr im Wagen zu bergen, dasselbe an mich heranzog, entlud sich der mit Hasenschrot geladene rechte Lauf. Ich weiß mich nur noch zu erinnern, daß in dem Augenblicke, wo der Blitzstrahl die ganze Umgebung grell beleuchtete, eine heftig auflodernde, von starker Detonation begleitete Feuererscheinung unmittelbar folgte. Ich fühlte heftigen Schmerz in der linken Augengegend, und theils durch den Schreck, theils betäubt von dem Schusse, verlor ich das Gleichgewicht und fiel vom Wagen herab. Meine Freunde hielten mich im ersten Augenblicke für todt, glücklicher Weise war meine Verwundung keine tödtliche. Die Schrote waren durch die linke Hohlhand von unten nach aufwärts gegangen und hatten die linke Schläfe so gestreift, daß sie die Hutkrämpe durchbohrt und die so erzeugten Löcher in derselben mit meinen Haaren ausgefüllt hatten.

Da jedoch der Schuß in solcher Nähe der linken Gesichtshälfte abgefeuert worden war, so war auch das Aeußere des linken Auges bedeutend verletzt. Ich blieb auf zwei Tage auf diesem Auge vollkommen blind und litt noch vierzehn Tage an einer äußeren Augenentzündung. Unmittelbar nach dem Schusse waren auch die Eingebornen aus ihrem Verstecke gesprungen und wunderten sich nicht wenig über das Ereigniß, das sich vor ihren Augen abgespielt hatte. Im Momente desselben war ein Batlapinengreis zu dem Wagen herangekommen, der bei seiner Annäherung auch ein Zeuge dieser Scene gewesen. Bevor meine Freunde noch eingespannt hatten, um wenigstens noch an diesem Tage Springbockfontein zu erreichen, kamen noch einige Eingeborne zu Besuch, wovon einer, der Anrede nach zu schließen, der Sohn des alten Mannes zu sein schien, und von diesem folgende weise Ermahnung erhielt: »Sieh hinein in den Wagen, dort liegt ein todter »Bas« (Gebieter, Meister). Mein Herz sagt es mir, daß es ein sehr böser Mann gewesen sein mußte, denn als er vorne am Wagen stand, und seine Freunde, die ihm langsam die Gewehre reichten, mit lauten zornigen Worten schalt, da schlug ihn »Morena« (der Herr der Wolken) mit Donner und Blitz, so daß er vom Wagen herabrollte, und wenn er nicht schon todt ist, gewiß nicht mehr lange Mais essen und das Zuckerrohr aussaugen wird.«

Obwohl Springbockfontein nicht mehr weit entfernt war, mußten wir es mit Rücksicht auf meinen Zustand aufgeben, denselben Abend noch hinzukommen. Die Erschütterungen des Wagens verursachten mir die heftigsten Schmerzen. Nach zweistündiger Fahrt machten wir auch Halt.

Am folgenden Vormittage erreichten wir die sogenannte Ansiedelung der Weißen, welche aus mehreren Zelten und Schilfhütten bestand und von vier holländischen Familien, Flüchtlingen aus der Transvaal-Republik, bewohnt waren, die wahrscheinlich Schulden halber ihre früheren Wohnsitze verlassen hatten.

Ich fand ähnliche Ansiedelungen auch in den anderen Betschuanaländern, deren Bewohner sich meist theils durch die Jagd, theils als Gerber, Holzschläger oder als Händler ernähren. Im Allgemeinen führen diese Menschen ein elendes Dasein und gehören wohl zu dem ungebildetsten Theile der holländischen Bevölkerung in Süd-Afrika. Ihre Lage ist furchtbar, wenn sie, von Krankheiten heimgesucht, ohne Rath und Mittel darnieder liegen.

Die Springbockquellen sind sehr schwach und durchfließen einen kleinen Morast, bevor ihr Wasser den Hart-River erreicht; in dem kleinen Moraste fand ich die gewöhnliche südafrikanische Wasserschildkröte zahlreich vertreten.

Am folgenden Morgen, als ich mich etwas besser fühlte, verließen wir den Ort und zogen thalaufwärts weiter; ich hatte im Sinne, das Gebiet des damals noch unabhängigen Batlapinenfürsten Gassibone zu bereisen; leider hatten uns die an den Quellen wohnenden Holländer eine falsche Richtung angegeben, was wir erst spät Abends von zwei vorübergehenden Eingebornen erfuhren. Unsere Reise an diesem Tage war eine recht beschwerliche, wir zogen theils durch sehr dichtes Buschland, theils über sandigen Boden, und mußten sehr oft halten und den Thieren Rast gönnen. Je weiter wir nach Nordosten vordrangen, desto waldreicher schien die Gegend, d.h. das Land war mit schwachen Beständen von Kameeldornbäumen bedeckt.

Nach und nach hatten wir uns vom Hart-River entfernt und mußten, nachdem wir von den beiden vorübergehenden Eingebornen die wahre Richtung von Gassibone's Stadt erfahren, denselben Weg bis zu dem Hart-River zurückgehen; reichliche Jagdbeute entschädigte uns indeß für diesen Zeitverlust.

Wir schlugen nunmehr eine ostsüdöstliche Richtung ein und zogen quer durch den Wald nach der das Hart-Riverthal im Osten begleitenden Höhenkette, an welcher der Hauptkraal Gassibone's liegen sollte. Der Weg war einer der beschwerlichsten, die wir auf der ganzen Reise zurückzulegen hatten, und erheischte die größte Vorsicht, um Wagen und Gespann vor Schaden zu behüten. Anfangs führte derselbe durch ein monotones Buschland, später durch einen Mimosenwald, in dem uns einige Batlapinen, Unterthanen Gassibone's, begegneten, die uns in freundlicher Weise den kürzesten Weg nach des Häuptlings Kraal zeigten. Ueber eine tiefe Einsattelung im Höhenrücken gelangten wir nun in ein kesselförmiges Thalbecken; im Hintergrunde, da wo mehrere Höhenzüge sternförmig zusammenstießen, lag theilweise in dem Hauptthale, theils in einem der einmündenden Querthäler, die Stadt Gassibone's. Das Hauptthal, vor dessen Eingang wir standen, war ziemlich gut angebaut.

Der lange beschwerliche Ritt hatte uns alle ziemlich abgespannt, ich beschloß daher, da der Kraal des Häuptlings noch ziemlich entfernt lag, hier das Nachtlager aufzuschlagen.

Früh Morgens ließen wir die Thiere grasen und dann ging es aufwärts nach Gassibone's Residenz. In den Maisgärten waren schon die Frauen emsig beschäftigt und die Jungen trieben nach allen Richtungen hin die Heerden in die Berge auf die Weide. Es war ein schöner warmer Morgen und die gesammten Mitglieder der Expedition (Weiße und Farbige) im besten Humor.—Der volle Titel des Königs dieses Batlapinenlandes, der sich zwei Jahre später der Transvaal-Republik freiwillig unterwarf, gegenwärtig aber, seit der Annexion derselben durch die Engländer, ein englischer Unterthan wurde, ist Morena Botlazitse Gassibone. Seinem Charakter nach ist er ein Mann, der vielen Lastern, besonders aber dem Trunke ergeben ist. Die Häuser der Stadt zeigten denselben Charakter wie jene Lekatlongs, die Stadt mochte ungefähr 2500 Einwohner zählen. Meine Absicht war, von der Stadt aus eine südliche Richtung nach dem Vaal-River zu nehmen und dann nordöstlich nach der Transvaal-Provinz vorzudringen. Da in dieser Richtung kein Weg nach derselben führte, so sandte ich zum König um einen Wegweiser und betraute mit dieser Mission den hoffnungsvollen F., der überdies den Auftrag erhielt, vom König einige Töpfe Milch zu erstehen. Um dem Ueberbringer meiner Botschaft mehr Ansehen zu verleihen, wurde ihm ein Revolver um den Leib gehängt und ein Paar hohe Stiefel angezogen. F. fühlte sich durch die Mission so geehrt, daß sein ganzes Gesicht mit dunkler Röthe überzogen war und seine Augen leuchteten, seine imponirende Haltung flößte nicht nur den Eingebornen, die ihm begegneten, demuthsvolle Scheu ein, sondern gewann ihm auch das zuvorkommendste Benehmen Seiner schwarzen Majestät, so daß dieser nicht nur seiner Bitte um Ueberlassung einiger Töpfe Milch zu willfahren versprach, sondern sich auch noch erbot, mir für einen zweiten Shilling einen Führer zur Verfügung zu stellen, der uns durch die Schluchten auf die freie Ebene bringen sollte. Ja der Fürst ging noch so weit, um dem martialisch aussehenden Jüngling einen Ausdruck seines besonderen Wohlgefallens zu geben, daß er ihm von dem Gerichte anbot, mit dem eben eine seiner Königinnen ihren Batlapinen-Appetit stillte.

Die cylindrische, etwa 5 Meter im Durchmesser haltende und bis zum Giebel des kegelförmigen Daches etwa 3 Meter hohe Hütte war durch einen Mimosenbaum gestützt, der bis zur Höhe des Daches reichte. Am Fuße dieser Säule saß die erwähnte schwarze Schönheit in ein europäisches Kattunkleid gehüllt und auf ihrem Schooße hielt sie eine Holzschüssel, gefüllt mit einem beliebten Batlapinengerichte. Unser wackere Herold wollte, nachdem er des Königs Antwort durch meinen Diener, der ihm als Dolmetsch beigegeben war, erfahren, vom Anerbieten Gebrauch machen, und griff mit voller Hand zu. Erschreckt zog er die Hand zurück, denn die Schüssel enthielt getrocknete Heuschrecken, nach deren Genuß es unserem Freund durchaus nicht gelüstete. Zum Wagen zurückgekehrt, versicherte F., ähnliche Gesandtschaftsdienste zu anderen Betschuanakönigen nicht mehr annehmen zu wollen.

Die königliche Hütte war inwendig mit Thonerde überschmiert und der Boden glatt cementirt, an den Wänden hingen ringsum auf Pfählen aus den Fellen des Proteles, des grauen Fuchses, des Schabrakenschakals und der schwarzgefleckten Genetta gearbeitete Carossen. Dem Eingange gegenüber hing an der Säule ein amerikanischer Hinterlader; auf der Erde längs der Wand lagen Schaf- und Ziegenfelle ausgebreitet—die primitiven Ruhebetten. Während des Gespräches mit F. hatte Gassibone sich entschuldigt, daß die Kürbisse auf den Feldern noch nicht reif seien, und daß er mir auch kein Fleisch übersenden könne, weil seine Heerden der Wassernoth halber am Vaal-River weideten. Ich konnte mich auch späterhin überzeugen, daß es zu jener Jahreszeit im Jahre 1873 zwischen dem Vaal- und Hart-River kein trinkbares Wasser gab. Selbst in Gassibone's Stadt floß die Quelle so spärlich, daß sie fortwährend von Batlapinenfrauen umlagert wurde und blos eine nach der andern zum Wasser gelangen konnte. Als unser Diener zur Quelle kam, wurde er von den Frauen so angeschrieen, daß er es vorzog, sich schleunigst mit dem leeren Eimer zurückzuziehen. Uns blieb nichts übrig, als uns welches von den Eingebornenfrauen zu kaufen oder uns mit einer entsprechenden Menge einer mispelartigen, wildwachsenden Obstart zu versehen, um unseren Durst zu stillen.

Im Allgemeinen schien es mir, daß diese Batlapinen ihr Oberhaupt nicht besonders respectiren. In den letzten Jahren (seit dieser ersten meiner Reisen) kam es zwischen Gassibone einerseits und Mankuruan und Jantsche andererseits zu Reibungen, welche größtentheils auf zwei Gründen beruhten: erstens behauptete Gassibone wie Mankuruan, daß jeder der Paramontchief (oberster Fürst oder der eigentliche König) der Batlapinen sei, zweitens bewies sich Jantsche wie Mankuruan den Engländern und Missionären gewogen, während Gassibone gegen dieselben eingenommen, den Holländern stets gewogen war. Darum trat er auch sein Land an die Transvaal-Republik ab, als Mankuruan daran dachte, sich der englischen Regierung zu unterwerfen. Als nun die Transvaal-Republik von den Engländern annectirt wurde, belästigte er die holländischen Boers, die er nunmehr als englische Unterthanen haßte, derart, daß gegen ihn ein Commando abgesendet werden mußte, dem gegenüber er sich ebenso feig als vorher prahlerisch bewies.

Mein Gesandter bei König Gassibone.
[Mein Gesandter bei König Gassibone.]

Batlapinen bei der Arbeit.
[Batlapinen bei der Arbeit.]

Wie in allen Eingebornendörfern hatten wir auch hier eine Belagerung von Seite der Eingebornen auszuhalten, die an Lärm nichts zu wünschen übrig ließ; es wurde geschrieen, gesungen und gelacht, dabei Tauschhandel getrieben, alte und frische Raubthierfelle, Ziegen- und Ochsenhäute, Holzlöffel und stumpfe unbrauchbare Assagayen, Mais und unreife Kürbisse, geröstete Heuschrecken und Honig zum Kaufe angetragen. Der Eine bettelte, der Andere bat, ein Dritter klagte, daß ihm alles mögliche fehle, dazwischen kreischte eine weibliche Stimme, ob ich auch ein Medicinmann sei, wie ihr einer meiner Diener berichtet, sie wolle eine Medicin kaufen, welche ihr zu einem Kinde verhelfen würde; sie hätte weder Sohn noch Tochter. »Ich habe aber einen Mann und mehrere andere Frauen wohnen in demselben Gehöfte und die haben Kinder, aber ich keine.« Je bereitwilliger man sich aber diesen Leuten gegenüber zeigt, desto ärger und unverschämter werden sie in ihren Forderungen; je zurückhaltender man ist, ohne jedoch barsch mit den Leuten zu verfahren, desto bessere Resultate erzielt man.

Nachdem wir etwas Mais von den Leuten erstanden, machten wir uns auf den Weg. Unsere Frage, ob wir unsere Fässer mit Wasser füllen sollten, verneinte der uns vom Könige mitgegebene Führer mit der Bemerkung, wir würden an vielen Stellen des Wegs hinreichend Wasser antreffen. Da wir den Mann als Führer erhielten, glaubten wir ihm vollkommen trauen zu dürfen, allein wir wurden bitter enttäuscht. Wir fanden auf der ganzen Strecke zum Vaalflusse kein Wasser, und hatten, da wir diesen und den folgenden Tag in brennender Sonnenhitze reisen mußten, viel Durst zu leiden. Das Land zwischen Gassibone's Stadt und dem Vaalflusse ist eine einzige Hochebene, theilweise bewaldet und bebuscht, theilweise, und namentlich in feuchten Jahren, hochbegrast.

Auf dieser Ebene dahinziehend, fiel uns ein eigenthümlicher grauer sich rasch nähernder Wolkenstreifen auf, der den westlichen Horizont bedeckte. Je näher er kam, desto mehr ähnelte er von der Erde aufsteigenden, stellenweise dichteren Rauchsäulen. Es war eine Heuschreckenwolke. Diese Wanderheuschrecken erscheinen oft während der südafrikanischen Sommerszeit in meilenlangen Schwärmen, alles Grün in der Vegetation vernichtend, wo sie einfallen. Ihr Flug ist aber ein ununterbrochenes Einfallen, d.h. während sich der eine Theil zum Fraße niederläßt, fliegen die bereits gesättigten Thiere über die Ersteren hinweg, so lange, bis sie der Hunger zum abermaligen Niederlassen zwingt.

Unser Führer bezeichnete uns in der grasreichen Ebene, in der ich zehn Monate später durch einen Brand beinahe eine aeronautische Excursion unternommen hätte, eine binsenreiche, durch einen hohen Kameeldornbaum gekennzeichnete Stelle in genau südlicher Richtung, wohin wir gegen Sonnenuntergang kommen und Wasser finden sollten. Als wir jedoch am Nachmittag an Ort und Stelle waren, fanden wir eine sehr seichte, bis auf einige wenige, kaum je einen Becher Wasser enthaltende Stellen, vollkommen ausgetrocknete Regenlache. Wasser konnte man es eigentlich nicht nennen; es war vielmehr ein grünlich-dickes reichlich mit Kaulquappen, Insectenlarven und Infusorien versetztes und stark nach Ammoniak riechendes, wässeriges Fluid. Es bedarf wohl keiner besonderen Versicherung, daß uns bei dem bloßen Gedanken an den Genuß dieses Fluids anfänglich Ekel erfaßte, allein der Durst besiegte schließlich alle Bedenken. Die Flüssigkeit wurde aus einigen der Löcher mit einem Löffel geschöpft und damit eine Serviette gefüllt, in der sicher Millionen von, dem bloßen Auge unsichtbaren und eine Unzahl von handgreiflichen thierischen Gebilden herumtummelte, und das Wasser mühselig durchfiltrirt. Das ganze Experiment ergab etwa 1½ Becher einer dicklichen Flüssigkeit, welche Menge in fünf gleiche Theile getheilt wurde.

Nach einer zweistündigen Rast, während welcher wir trotz brennenden Durstes keinen zweiten Filtrirungsversuch machten, brachen wir wieder auf. Im selben Maße als wir uns dem Vaalflusse näherten, schwanden die Büsche und Bäume, das Gras wurde niedriger—ein ausgezeichneter Weideplatz für große Heerden. Wir sahen nichts von den Gnu's und Gazellen, die wir nach der Angabe der Bewohner von Gassibone's Residenz auf der genannten Strecke hätten finden sollen; wir begegneten nur wenigen Batlapinen, welche blos mit Stöcken bewaffnet und von mehreren afrikanischen Windhunden begleitet, auf Niederwild jagten.

Tags darauf, als sich die Sonne bereits hinter dem bewaldeten Freistaatufer des Vaalflusses zu bergen begann, wurden wir von einem kleinen Batlapinenjungen, der auf der weiten Grasebene Ziegen hütete, auf die bewaldeten Hügel aufmerksam gemacht, hinter welchen sich der Fluß hinschlängelte. In der angegebenen Richtung sahen wir einige Hütten, wo Gassibone's Viehhüter wohnten, welche Früh und Abends die auf der Ebene weidenden Rinder nach dem Flusse zur Tränke zu führen hatten.

Der Vaal-River gehört unstreitig zu einem der trügerischesten Flüsse Süd-Afrika's. Seine Ufer, weniger sein Bett, sind so schlammig, daß die zur Tränke gehenden Zugthiere einsinken und eines elenden Hungertodes sterben; und dies namentlich ältere Thiere, welche der längs des Flusses fahrende Gespann- und Wageninhaber (Rider) wegen Abmattung an einer oder der anderen Stelle bis zu seiner Rückkehr von der eben unternommenen Geschäftsreise oder bis zu einem vielleicht mehrere Monate später erfolgenden Besuche zurücklassen muß. Auch ich machte mehrmals bittere Erfahrungen in dieser Hinsicht.

Während sich meine Begleiter daran machten, die Tränkestelle der Batlapinenrinder aufzusuchen, wandte ich mich mit dem Gewehre stromabwärts, um einige Wildenten für unsern Nachtimbiß zu erhaschen. Es wurde allmälich dunkel. Ich trat so leise wie nur möglich, auf den härteren Bodenstellen blos mit den Fußspitzen auf, und wo ich vor mir trockene Büsche an dem steilen Uferabhange zu berühren glaubte, da beugte ich mich nieder, um sie zu beseitigen und so jedes Geräusch durch ein Zertreten derselben zu vermeiden. Da, ein lautes Geschnatter—mir schon bekannt—zu meiner Linken, dann ein schwerer Flügelschlag und über das Wasser stromabwärts bewegten sich zwei der ersehnten Wildgänse (Chenalopa). Unwillkürlich knieete ich nieder, um desto besser sehen und dem Flügelschlage lauschen zu können; die tiefe über dem schönen hier so ruhig, so langsam dahinfließenden Strome herrschende Stille durch einen Schuß zu unterbrechen, schien mir ein Frevel zu sein. Der breite Fluß schimmerte matt vor mir nach dem Westen zu, wie ein riesiges, glänzendes Band; und in der Seele tauchte—unbewußt und ungesucht—ein ähnlich Bild aus weiter, weiter Ferne auf! Ein schönes, fast ähnliches Band, das den Fuß des Mittelgebirgs umsäumt, und an dem ich so manchen Abend und manche Nacht fischend durchgeträumt! In seiner Nähe, aus einem kleinen bescheidenen Häuschen, pflegte ein Licht in die dunkle Nacht mir entgegen zu schimmern!—Schimmert es nun auch jetzt,—wo ich hier in der Abendstille am Ufer eines afrikanischen Stromes weile? O, theures Vaterherz, o, liebe Mutter denkt ihr meiner?—Zürnet nicht, daß ich euch verlassen, ich komme wieder und dann ist ja Alles gut!—Und so saß ich stundenlang unter den hohen Weiden am Ufer des Garip. Nur undeutlich hoben sich die schattigen Bäume am Horizonte des jenseitigen Ufers ab.

Ich machte mich endlich auf den Heimweg. Die Dunkelheit erschwerte mir diesen Versuch mehr als ich dachte. Oft stieß ich mit dem Kopfe an einen quer gegen den Fluß reichenden Ast der Trauerweide oder ich stolperte über ihre Wurzeln. Einige Eulen schienen wohl am jenseitigen Ufer eine Meerkatzenheerde aufgeschreckt zu haben, denn zuerst plötzlich und mehrstimmig, dann nur in Pausen scholl das kurze, schwache Geschrei der Meerkatzen zu mir herüber, welche die Gipfel der höheren Bäume zu ihrem Nachtlager gewählt haben mußten. Mehrmals überraschte mich auch ein plötzlicher Fall in's Wasser, es waren flüchtende Wasserleguane (Polydaedalus), riesige, fünf Fuß und darüber lange Eidechsen, welche die Uferlehnen nach Mäusen, Kerbthieren etc. durchsuchend, geräuschlos bei meiner Annäherung bis an das Wasser geschlichen und dann plötzlich untergetaucht waren. Diese Riesenechsen wählen sich meist ein stetig oder wenigstens periodisch fließendes Gewässer zu ihrem Aufenthaltsorte, sowohl in der Nähe menschlicher Wohnungen als auch in der Wildniß. Ihr Gebiß ist für Thiere, die größer als ihr Schlund sind, ungefährlich, allein sie haben eine gewaltige Kraft in ihren Kiefern und eine noch bedeutendere in ihrem langen Ruderschwanze, der ihnen namentlich beim Fange von Wasserthieren von sehr großem Nutzen ist. Ein solcher Leguan wartet in der Regel am Rande eines Baches, flach auf der Erde oder auf einem überhängenden Baumstamme platt liegend, wie ein Stück Holz, so daß man ihn kaum bemerkt, und oft stundenlang unbeweglich auf Beute. Nichts verräth in dem dunkelbraunen Thiere, dessen Schuppenleib von zahlreichen grünen und gelblichen Querstreifen bedeckt ist, Leben, als die winzigen Augen, die sich ununterbrochen öffnen und schließen, bis sie eine nahende Beute erspäht und dieser ihre Aufmerksamkeit zollen. Mäuse, Frösche und Kerbthiere und alles was er bewältigen kann—also was unter Säugethieren die Größe einer Ratte, unter Vögeln die Größe eines Huhnes etc. erreicht—wird seine Beute. Eine besondere Vorliebe scheint er für Krabben und Eier zu haben. Doch glaube ich, daß jene Vorliebe für das Krabbenessen, die wir häufig beobachten konnten, eigentlich nur ein Gebot der Nothwendigkeit ist und daß die Echse nur aus Mangel an anderer Beute dieses durch ganz Süd-Afrika und auch weit nach dem Norden zu vorkommende Krustenthier aus seinen Löchern herausholt. An solchen Bächen und Flüssen werden wir eine Menge der zerkauten Schalenüberreste gewahr, so daß wohl eine beträchtliche Zahl von Krabben für die täglichen Mahlzeiten des schuppigen Wasserbewohners nothwendig sein mag. An fließenden Gewässern mit hochbegrasten Ufern liegende Gehöfte haben von den Leguanen viel zu leiden, weil sie nur zu gerne die Hühnerställe besuchen und dem Menschen das Einsammeln der Eier ersparen. Ja, sie gehen in dieser Vorliebe auch so weit, daß sie sogar hohe Bäume erklettern, um nach Vogelnestern zu fahnden, wie ich dies in der Missionsstation Limkana am Matebe-Flüßchen beobachtete. Doch werden sie im Baumklettern von ihren nahen Verwandten, den Landleguanen, bedeutend übertroffen. Ich fand die Wasserleguanen von der südlichen Meeresküste bis in das Marutse-Reich verbreitet. In Flüssen, wo sich Krokodile vorfinden, bewohnen sie die Stromschnellen, weil diese von den ersteren gemieden werden.

Nächst dem Wasserleguan finden wir auch in Süd-Afrika eine ähnliche, doch nie im Wasser lebende Species, den schon nebenbei erwähnten Landleguan. Diese Art ist breiter gebaut, unbeholfener, hat einen bedeutend kürzeren Schwanz als jene und wird im Ganzen 4-5 Fuß lang. Man findet sie auf grasarmen wie auf hochbegrasten Ebenen, in Felsenpartien, in Gebüschen, wie auch in Wäldern. Sie suchen kleine Vögel, Mäuse, Ratten, Asseln und Insecten zu ihrer Nahrung auf, auch das Nestausnehmen ist ihnen eine beliebte Sache und die Bäume sind für sie das, was für die Polydaedalus das flüssige Element ist. Wittern sie Gefahr, so klettern sie rasch auf ihren luftigen Wohnsitz und legen sich dann flach auf einen der Queräste nieder; sind sie jedoch am Boden, so verkriechen sie sich rasch in ein verlassenes Erdthierloch, oder wenn sie diese Zufluchtsstätte nicht finden, versuchen sie es, sich an den Boden anzuschmiegen und bewegungslos zu verharren. So wie man sie jedoch berührt, kommt plötzlich Leben in die anscheinend schlafenden Thiere. Sich aufrichtend, strecken sie sich, fauchen laut, und schreiten langsam und gravitätisch—man möchte sagen, blos auf ihren Nagelspitzen einher; ebenso dick als sie uns früher, auf der Erde liegend, erschienen, ebenso dünn und zu wahren Gerippegestalten werden sie nunmehr. Im Unterleibe dieses Pachysauriers trifft man eine reiche lappige Fettansammlung, welche von mehreren südafrikanischen Eingebornenstämmen als Heilmittel für verschiedene Krankheiten gebraucht wird.

Erst gegen Mitternacht war ich wieder zu meinen Begleitern am Wagen zurückgekehrt, welche durch mein langes Fernbleiben beunruhigt, wachgeblieben waren.

Am folgenden Morgen brachen wir, nachdem wir uns die Wohlthat eines Bades im Vaalflusse gegönnt, in ostnordöstlicher Richtung nach der Transvaal-Republik auf. Eher als ich es erwartet, stießen wir schon nach zweistündiger Fahrt auf einige Gebäude am rechten Vaalufer. Näher kommend fanden wir ein längliches Ziegelhaus mit Eisenblech bedeckt, einen zweiten aus Erde und Pfählen aufgeführten Kunstbau, der jeden Augenblick einzustürzen drohte und ein drittes aus gebrannten Backsteinen erbautes Häuschen mit flachem Dache. Diese an drei verschiedenen Enden der ausgemessenen, zukünftigen Stadt aufgeführten »Gebäude«, 2 Zelte und 13 Korannahütten, bildeten im Jahre 1872 das Häusermeer der westlichsten der Städte der Republik, das später durch die Unruhen im Lande Gassibone's und unter den nahe anwohnenden Koranna's in Süd-Afrika ziemlich bekannt gewordene Christiana. Das erstgenannte Haus war die Wohnung des Landdrostes und zugleich das Comptoir der höchsten Civil- und Militärgewalt des Districtes Bloemhof, in dem zweiten kleinen, mit flachem Ziegeldach bedeckten war ein Kaufmannsladen und in dem baufälligen Hause wohnten, wenn ich nicht irre, der Sheriff, ein Notar etc. In dem einen Zelte die dem Sheriff unterstehende Polizeiarmee für die Städte Christiana und Bloemhof und für den ganzen District—in Summa ein Schwarzer. In dem zweiten Zelt hatten sich ein paar Maurer einlogirt, welche ein öffentliches Gebäude, ich glaube ein fensterloses Gefängniß, errichten sollten.

Seit jener Zeit meines ersten Besuches der Transvaal-Provinz hat sich auch in Christiana viel und zum Bessern verändert, so daß das Städtchen gegenwärtig an Bedeutung mit Bloemhof rivalisirt, welches im Jahre 1876 etwa 30 Häuser zählte. Die rasche Entwickelung Christiana's ist, abgesehen von der günstigen Lage der Stadt auf der aus Griqualand nach der Transvaal-Provinz führenden Straße, wesentlich ein Verdienst seines Landdrostes, dessen Bekanntschaft ich zu machen später das Vergnügen hatte, und ich kann nur sagen, daß er unter der Republik seiner schwierigen Stellung als Grenznachbar mehrerer unruhiger Eingebornenstämme in der besten Weise gerecht wurde, so daß er selbst nach der Annexion von Seite der Engländer in seinem Amte belassen wurde.

Als ich damals, im Jahre 1873, dem mich am Wagen besuchenden Kaufmann (Kaufmann, Großhändler, Waffenschmied, Hotelbesitzer, Fleischer und Bäcker zugleich) mein Erstaunen an den Tag legte, daß sich in Christiana die Gesetzeskraft blos auf einen Polizisten stützen könne und man auch kein »Arrestlocal für gemeingefährliche Individuen« besäße, antwortete mir der Mann (der Nationalität nach ein Deutscher), daß man kein Gefängniß brauche, da es keinen Sträfling gebe. Die Einnahmen des Landdrostamtes von Christiana waren damals noch so klein, daß man schon an und für sich nicht darauf erpicht war, »Gefangene« zu machen; aber hätte man auch einen »Vogel« ertappt, wo hin mit ihm? Der Herr Notar konnte ihn unmöglich zu sich in sein Zimmer nehmen, er theilte es ja mit dem Sheriff, aus dem Zelte wäre er mühelos entwischt, ihn im Hause des Kaufmannes unterzubringen, ging auch nicht an, hier wäre ihm die Versuchung zu nahe gelegen, sich für die Flucht noch mit Proviant gratis zu versehen. Das waren alles wichtige Momente, die man berücksichtigen mußte, zudem hatten die Boers es gewöhnlich dem Herrn Landdrost erleichtert, daß sie den Schuldigen unter ihrem »Volke« (schwarzen Dienern) den Schambock (Hippopotamos-Peitsche) zu verkosten gaben, sobald sich einer eines Diebstahls etc. zu Schulden kommen ließ, und wobei jede Mühe (das Transportiren des Diebes zum Gerichte und die Tagfahrten) sowie Geld (all' die mit dem gerichtlichen Verfahren verbundenen Kosten) erspart wurden.

Wir hatten unser Lager unmittelbar am Ufer des Vaal aufgeschlagen, das hier ziemlich hoch ist und einen guten Einblick in die zahlreichen Inseln und Stromschnellen des Flusses gewährt. Unstreitig ist die Flußscenerie bei Christiana recht interessant und für den Ornithologen ein Besuch der Inseln sehr lohnend. Ich habe hier die prachtvollen, langschwänzigen Mandelkrähen an ihrer südlichsten Verbreitungsgrenze beobachtet.

Auch in Christiana wurden Diamanten gesucht, doch nur spärlich gefunden.

Am nächsten Tage (13. März 1873) verließen wir die »Stadt« und zogen weiter flußaufwärts nach Bloemhof. Die zwischen beiden Städten sich erstreckende Gegend gehört zu den kahlsten und ödesten des Transvaal-Gebietes und trägt ganz den Charakter einer Karoo-Ebene. Zu dem trostlosen Anblicke des Transvaalufers bildet das jenseitige Freistaatufer einen scharfen Contrast. Dichte Kameeldornbäume bedecken das Ufer auf weite Strecken hin und in den Fluthen des Vaal spiegeln sich zahlreiche Farmen ab, welche seine Gelände säumen.