Es hat dies zur Folge, dass Hornhautkrankheiten alltägliche Erscheinungen sind. Chronische Hornhautentzündung nennt der Marokkaner Bu Tillis, d.h. den Vater des Schleiers. Manchmal heilen sie derartige Fälle im Entstehen dadurch, dass sie Feuer im Nacken, an den Schläfen, hinter den Ohren örtlich anwenden. Meist aber enden alle Augenkrankheiten mit Erblinden. Citronensaft und Wasser gemischt und in die Augen getröpfelt, wird häufig genug angewandt. Auch Antimon (Kohöl) ist in vielen Gegenden Gebrauch; es wird dies im Atlas gefundene Metall, dessen sich alle Frauen nicht nur Marokko's, sondern ganz Nordafrika's als Schönheitsmittel bedienen, und das auch unsere Theaterdamen, um den Glanz der Augen zu erhöhen, anwenden, oft mit Erfolg gebraucht. Man bestreicht mit Kohöl die Augenlider, mittelst eines feinen Holzspatels und unzweifelhaft hat dies Mittel gute Präservativeigenschaften bei dort herrschenden Augenkrankheiten. Als Arzneimittel wird es deshalb auch vielfach von den Männern gebraucht. Die Wirksamkeit des Spiesglanzes als Präservativmittel erhellt schon daraus, dass bei weitem mehr Männer von Augenkrankheiten betroffen werden als Frauen. Als äusserstes Mittel gegen Augenkrankheiten59 führe ich noch an, dass in einigen Orten pulverisirter Pfeffer in die Augen geblasen wird.
Von inneren Mitteln gegen Augenkrankheiten ist natürlich keine Spur vorhanden, als ich einige Male versuchte durch Calomel, innerlich gegeben, oder durch Purgantien Ableitungen herbeizuführen, wurde mir ernstlich gesagt, mit solchen Mitteln aufzuhören: "nicht der Bauch sei erkrankt, sondern die Augen".
Schwarzer und grauer Staar sind unter einer Bevölkerung, bei der fast jedes Individuum augenkrank ist, nichts Seltenes, und merkwürdig genug, giebt es in Marokko einige Familien, die sich damit beschäftigen, Staaroperationen und zwar mit Erfolg auszuüben. Diese Familien sind vorzugsweise auf dem grossen Atlas ansässig, die Fähigkeit den Staar zu stechen geht vom Vater auf den Sohn über, der natürlich bei jenem in die Lehre geht. Die beiden Doctoren-Staarstecher, die ich kennen lernte, waren Berber ihrer Abkunft nach. Ohne sich mit anderen Krankheiten zu beschäftigen, verschmähten sie es sogar, andere Augenkrankheiten als Staarerblindungen in Behandlung zu nehmen. Sie machten für dortige Verhältnisse gute Geschäfte und man würde sie wirklich als gute Specialärzte haben hinstellen können, wenn sie die Fähigkeit gehabt hätten, irgend wie eine Diagnose zu stellen, geschweige von einer Prognose zu reden. Aber da kam es oft genug vor, dass irgend eine andere Krankheit der inneren Theile des Auges, wohl gar Gutta serena mit Gutta opaca verwechselt wurde. Da ich nicht selbst der Operation eines Staares beigewohnt habe, so kann ich nur anführen, dass mittelst eines glattgeschliffenen nadelförmigen Instruments der Einstich, nach Aussage der Staardoctoren, seitwärts gemacht wird, dass nach der Beschreibung sodann die Linse zerstückelt wird, um später resorbirt zu werden. Eine Extraction oder Depression der Linse war offenbar diesen Leuten nicht bekannt.
Sehen wir, wenn es auf eine chirurgische Operation ankommt, wie bei der Staarstechung, die Heilkunde auf einer bedeutend höheren Stufe als bei inneren Krankheiten, so ist das im Allgemeinen in der Chirurgie auch der Fall. Es ist dies auch ganz natürlich. Bei Verwundungen, bei äusseren Verletzungen kennt auch der gewöhnliche Mensch gemeiniglich die Ursache, er kann es dann bedeutend leichter unternehmen, eine Heilung zu versuchen. Und nicht nur in ganz uncivilisirten Ländern, oder in halbcivilisirten wie Marokko, auch in den am weitesten in der Cultur vorgeschrittenen findet man, dass die Chirurgie auf einer höheren Stufe steht als die Heilkunde innerer Krankheiten.
Reine Hiebwunden, die durch das fast überall geübte Faustrecht so häufig unter den Bewohnern Marokko's vorkommen, werden entweder mit einem Teig verbunden, der aus Henne (Lawsonia inermis) und Chobis (Malva parviflora) geknetet wird, oder man verbindet die Wunden mit geschmolzener salzloser Butter, in welche vorher, sobald die Butter siedend ist, ein Säckchen mit Schih (Artemisia odorif.) getaucht worden ist. Hierdurch bekommt die Butter einen starken aromatischen Gehalt, nimmt einen fast Kölnischem Wasser gleichenden Geruch an, der später selbst nicht vom übelstriechenden Eiter verdrängt wird. Wunden auf diese Art behandelt, nehmen fast immer einen guten Verlauf. In vielen Gegenden verbindet man die Wunden mit Rinderkoth, namentlich nomadisirende Stämme glauben an die Heilkraft der verdauten Kräuter.
Verwundungen, welche die Knochen verletzen, einerlei ob sie durch Kugeln oder Hiebwunden herrühren, werden auf gleiche Art rationell behandelt. Ist eine vollkommene Knochenzerschmetterung vorhanden, so wird ein fester Verband angelegt, um die Heilung der zerschmetterten Knochen mittels Callusbildung herbeizuführen. Man kümmert sich nicht um Herausziehen der Knochensplitter oder Kugelstücken60, so schnell wie möglich wird der Verband angelegt. Eine aus Ziegen- oder Schafleder bestehende Binde, die ihren Halt durch kleine Rohrstäbchen, die hineingenäht werden, bekommt, wird um die verletzten Theile gelegt und das Ganze dann mit Thon umkleistert. Ein solcher Verband soll nach den Regeln der dortigen Chirurgie 28 Tage liegen bleiben. Das einzige Misslingen bei diesem Verbande liegt darin, dass nicht gehörig für Eiterabfluss gesorgt wird, und dadurch für den Patienten oft missliche Zustände eintreten.
Fracturen werden ebenfalls durch festen Verband geheilt, ohne dass man aber vorher einrichtet. Natürlich werden dabei meist schiefe Heilungen erzielt, und oftmals sieht man Röhrenknochen die Weichtheile durchbohren, und es entstehen dann für immer offene Wunden. Nie fällt es ein irgend wie zu amputiren. Der Marokkaner hält das für sündhaft. Die durch die Gerechtigkeit abgehauenen Hände oder Füsse werden sorgfältig vergraben, weil sie sonst am Auferstehungstage fehlen könnten, und die Stümpfe werden in siedende Butter oder kochendes Oel getaucht, um die Blutung zu stillen. Verrenkungen einrichten kennt man nicht, so dass gewöhnliche Folge eine schmerzhafte Entzündung mit oft bösem Ausgang ist. Natürlich ist selbst bei schwersten Verwundungen von einer inneren Behandlung nie die Rede, aber Amulette, Zaubersprüche u. dergl. m. sind auch hier an der Tagesordnung.
Was die Geburtshülfe anbetrifft, so ist es schwer darüber nur das Geringste anzugeben, da nur Frauen als Beistand geduldet werden. Die Wendung sowie die Zange sind unbekannt, einzelne Praktiken, die mir erzählt wurden, sind zu abgeschmackt, als dass ich sie hier wiedergeben sollte. Nur so viel kann ich bezeugen, dass einst meine Hauswirthin in einer kleinen Oase der Wüste, Nachts mit einem Kinde niederkam und am andern Morgen trotzdem ihre gewöhnliche Beschäftigung verrichtete.
Es giebt Bücher genug, die über Marokko handeln, und keine Geographie älteren oder neueren Ursprungs unterlässt es, irgend ein Capitel diesem Reiche zu widmen; aber wie Afrika im Allgemeinen noch heute ein Terra incognita für uns ist, so ist von all den Staaten, welche an den Küsten liegen, namentlich an den Küsten des Mittelmeers, kein Land so wenig bekannt wie Marokko und von allen Städten in Marokko ist Uesan die unbekannteste. So sehen wir denn auch, dass ein Hemsö, Ali Bey, Richardson und Renou nur ganz oberflächlich des Ortes Uesan im Vorübergehen erwähnen.
Ali Bey verlegt Uesan auf den 24° 42' 29" N. Br. und 7° 55' 10" L. von Paris, Renou, der die Breite gelten lässt, glaubt aber Uesan die Länge von 7° 58' geben zu müssen. Dieselbe Position finden wir auch auf Petermanns trefflichen Karten von Marokko61. Bis genauere Messungen an Ort und Stelle angestellt sind, können wir uns auch einstweilen recht gut daran halten. Die Stadt Uesan liegt etwa 900 Fuss über dem Meeresspiegel, erfreut sich also unter diesen Breiten eines äusserst günstigen Klimas.
Vortheilhafter wird die Lage noch dadurch, dass die Stadt am Fusse des mächtigen und zweigipfligen Berges Bu-Hellöl aufgebaut ist. Dieser herrliche Berg, dessen ganze Nordseite von der Stadt an bis zum Gipfel zum Theil mit Oliven, zum Theil mit immergrünen Eichen und Wachholder bewaldet ist, hält wirksam die heissen Südwinde ab, während er zugleich den regentragenden Nord- und Nordwestwinden einen Damm entgegensetzt.
Der ganze Gebirgscomplex, der sich um Uesan herumzieht, steht im innigen Zusammenhange mit dem sogenannten kleinen Atlas. Ersteigt man den Bu- Hellöl, so sieht man über die Rharbebenen hinweg die blauen Fluthen des atlantischen Oceans, während andererseits nach Norden und Osten der Blick eine vollkommen zusammenhängende Gebirgslandschaft vor sich hat bis zu den zackigen Berggipfeln, der Habib, der Srual, der Schischauun und in erster Nähe der Erhona.
Es scheint, dass Uesan von einem Nachkommen Mulei Edris, Namens Mulei Abd- Allah Scherif, etwa um das Jahr 900 n. Chr. als Sauya gestiftet wurde. Da nun Edris der Gründer der Stadt Fes als der directeste Nachkömmling des Propheten angesehen wird, so ist seine männliche Nachfolge in erster Linie noch heute in demselben Ansehen. Aus diesem Grunde sind die Schürfa von Uesan, d.h. die Edrisiten, bedeutend heiliger gehalten als die übrigen von Mulei Ali stammenden, wozu die Familie des Sultans gehört.
Dennoch haben aber diese Vorrechte genug, und was der kaiserlichen Familie an Heiligkeit directer Abkunft abgeht, ersetzt sie eben dadurch dass sie die regierende ist. Bei den Mohammedanern nun ist aber das Heiligsein ganz anders als bei uns Christen.
Mein seltsamer Anzug, halb christlich, halb mohammedanisch, hatte rasch einen Haufen Neugieriger herbeigezogen, mein Begleiter und ich wurden umdrängt und befragt, wer ich sei, was ich wolle, woher ich komme, wohin ich wolle u. dergl. unverschämte Fragen mehr. Es ist vollkommen falsch, wenn man glaubt der Mohammedaner sei schweigsam, ernst und nicht neugierig; in Afrika habe ich überall das Gegentheil erfahren. Manchmal freilich mag der Vornehme, der Mann vom "grossen Zelte," sich gegen Christen so zurückhaltend benehmen, aber nie gegen seines Gleichen. Und man erinnere sich, dass ich als Mohammedaner reiste.
Nachdem die Neugier befriedigt und nachdem namentlich die Menge beruhigt war über meinen Glauben, d.h. nachdem ich auf ihre Aufforderungen zum "Bezeugen" mehrere Male "es giebt nur Einen Gott und Mohammed ist sein Gesandter" geantwortet hatte, sagten sie aus, "Sidi" befände sich mit den Schürfa und Tholba im Rharsa es Ssultan, so hiess man Garten und Gartenhaus des Grossscherifs.
Man kann sich denken, mit welcher Spannung ich der ersten Zusammenkunft mit diesem Manne, der in den Augen der meisten Marokkaner höher als Gott, ja höher als der Prophet gehalten wird, entgegen sah.
Meine Begleiter und ich gingen also nach seinem Landsitze, der sich bald, er liegt nur ca. 5 Minuten ausserhalb der Stadt, unseren Blicken zeigte. Wie erstaunt war ich, ein Haus halb im neuitalienischen, halb im maurischen Style zu erblicken. Dort ist Sidna,62 sagte man mir. Aus den Fenstern des oberen Stockes sah ich eine Menge Neugieriger herabgucken, vorne stand ein junger Mann in französischer Capitäns-Uniform mit dem Degen an der Seite, ein langes Fernrohr in der Hand. Jetzt rasch durch ein hohes gewölbtes Steinthor in den Garten tretend, befanden wir uns bald vor der Hauptthür, welche direct auf eine enge und so niedrig gebaute Treppe ging, dass jeder nur etwas grosse Mann sich bücken musste, um hinaufzuschreiten. Oben angekommen, riefen uns mehrere uniformirte Sklaven ein "Okaf" (Halt) entgegen, das aber gleich vom lauten "sihd" (marokk. Ausruf, bedeutend "tritt näher") des Grossscherifs übertönt wurde.
[Fußnote 62: Der Titel Sidna, d.h. "unser Herr," kommt eigentlich nur dem Sultan zu. Jeder Scherif hat den Titel sidi oder mulei, was "mein Herr" bedeutet Tholba, d.h. Schriftgelehrte, Standespersonen, Beamte, haben den Titel "sid," was Herr bedeutet. Der Plural von mulei, muleina, wird nur Gott und dem Propheten gegeben.]
Mein Begleiter prosternirte sich, küsste die gelben Stiefel Sidi-el-Hadj- Abd-es-Ssalam's, und berichtete dann über mich. Ich selbst begnügte mich, seine dargebotene Hand (der Grossscherif sass auf einem Teppich in einer Ecke des Zimmers) zu ergreifen, und sodann führte ich die meine an Stirn und Mund. Unter der Zeit hatte ich Musse, ihn und seine Umgebung zu betrachten.
Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalam-ben-el-Arbi-ben-Ali-ben-Hammed-ben-Mohamméd-ben- Thaib63, wie sein ganzer Titel lautet, war (1861) etwa 31 Jahre alt; von fast zu hoher Statur, wurde das Ebenmaass seines Körpers durch eine angenehme Wohlbeleibtheit hergestellt. Sein Teint ist stark gebräunt, und auch etwas dick aufgeworfene Lippen deuteten auf Negerblut, wie denn in der That seine Mutter aus Haussa stammte. Eine gerade Nase, ein feurig schwarzes Auge, im Ganzen ein längliches Gesicht, so präsentirte sich der Mann, dem von fast der ganzen mohammedanischen Welt eine abgöttische Verehrung gezollt wird. Seine Bekleidung bestand in einer weiten skendrinischen64 rothen Tuchhose, einem französichen [französischen] Waffenrock mit französischen Epauletten, auf dem Kopfe hatte er einen tunesischen Tarbusch mit schwerer goldener Troddel. An der Seite trug er einen äusserst schön gearbeiteten Degen, wie ich später erfuhr, ein Geschenk vom General Prim.
[Fußnote 63: In seinen Briefen titulirt sich Abd-es-Ssalam bis zum Grossvater, Thaib, seines Urgrossvaters Hammed hinauf, weil Mulei Thaib der Erneuerer der religiösen Gesellschaft der Thaib gewesen ist, in ganz Nord- Afrika die allergrösste religiöse Genossenschaft. Seines marokkanischen Ahnen Mulei Edris, oder des Gründers der Sauya Uesan, Mulei Abd Allah Scherif, wird in den Briefen nicht Erwähnung gethan.]
Eine goldene Schärpe, die er um hatte, enthielt zugleich einen Revolver vom System Lefaucheux, der überdies mittelst einer rothseidenen Schnur um den Hals befestigt war. "Merkwürdig," dachte ich, "den Mohammedanern ist durch den Koran verboten, Gold und Seide auf ihren Kleidern zu tragen, und nun sehe ich den directesten Sprössling des Propheten damit überladen.["] Die übrigen Anwesenden bestanden zum Theil aus nahen Anverwandten, also ebenfalls Abkömmlingen Mohammed's, dann aus Tholba, endlich aus vielen Fremden von vornehmer und geringer Herkunft. Ueberdies ging es ohne Unterlass aus und ein, da ging kein Mann oder keine Frau aus dem Gebirge vorbei (das Gartenhaus lag an einer sehr frequenten Strasse), ohne rasch heraufzuspringen, um den Grossscherif zu küssen und um einige Mosonat65 niederzulegen. Da kamen Processionen von Ferne, um den uld en nebbi (Sohn des Propheten) zu besuchen, von diesen wurde nur der "Emkadem" (geistige Vorsteher und Hauptgeldeinsammler) vorgelassen, die anderen aber einstweilen fortgeschickt, um in die für Fremdenaufnahme eingerichteten weiten Hallen der Sauya in Uesan einquartiert zu werden und um später en bloc den Segen zu empfangen.
Sidi winkte; gleich darauf brachte ein kleiner uniformirter Neger Namens Zamba eine silberne Platte, darauf stand ein silberner Theetopf, eine Schale mit grossen Stücken Zucker, eine Theebüchse, und, ausser den sechs üblichen kleinen Theetassen, ein Glas, woraus Sidi seinen Thee nehmen sollte. Alles dieses wurde vor den Sidi zunächstsitzenden Scherif, einen schon älteren Mann, Namens Sidi el Hadj Abd-Allah, gesetzt, und dann ging die Bereitung des Thees vor sich.
Der Hadj Abd-Allah nahm eine tüchtige Hand voll grünen Thees, warf ihn in den Topf, während ein anderer kleiner Neger, Ssalem, schon das siedende Wasser in Bereitschaft hielt; der erste geringe Aufguss diente nur dazu, den Thee zu reinigen. Sodann wurde eine tüchtige Portion Zucker in den Topf geworfen, und nun derselbe mit kochendem Wasser gefüllt. Unter der Zeit hatte der Hadj auch schon einige aromatische Kräuter in Bereitschaft, als Minze, Wermuth und Luisa, die noch obendrein hineingeworfen wurden. Nach einiger Zeit wurde sodann für Sidi ein Glas gefüllt, nachdem jedoch vorher der Hadj Abd-Allah mehrere Male durch Kosten sich überzeugt, dass der Thee genug gezuckert sei. Sodann wurden die übrigen sechs Tassen gefüllt, und sie den Gästen von den beiden kleinen Sklaven präsentirt; da wohl 30 Leute anwesend sein mochten, ohne die vielen Besucher, die ab- und zugingen, die meisten auch drei Tassen tranken, wie es die Sitte erheischt, so kann man sich denken, dass es ziemlich lange dauerte, ehe Alle, da nur sechs Tassen vorhanden waren, befriedigt wurden. Es versteht sich von selbst, dass die Theekanne verschiedene Male wieder nachgefüllt wurde.
Unter der Zeit wurden die verschiedensten Gespräche geführt, Sidi wollte vor allem von den politischen Zuständen in Europa unterrichtet sein, und ich merkte, dass es ihn ärgerte, dass einige ältere Schürfa mich fragten, wann, wo und wie ich zum Islam übergetreten, ob ich auch vollkommen überzeugt sei, dass die mohammedanische Religion besser sei als die jüdische und christliche, ob ich auch ordentlich "bezeugen" könne etc.
Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalam, der wohl merkte, wie unangenehm mir solche Fragen sein mussten, sprang auf und winkte zu folgen. Alle erhoben sich, da er aber auf mich speciell gedeutet hatte, so blieb die ganze Versammlung im Zimmer und setzte sich wieder, während er und ich, begleitet von seinen beiden Günstlingen und einigen Dienern, die einen Teppich, ein Fernrohr, Doppelflinte etc. trugen, in den Garten hinabgingen.
Diese beiden Günstlinge, Ibrahim und Ali, die den ganzen Tag nicht von der Seite des Grossscherifs wichen, waren Ssalami66, d.h. jüdische Renegaten! Der eine, aus Fes gebürtig, war Schriftgelehrter, und aus freiem Antrieb übergetreten, Ali aber, aus Uesan gebürtig, war, wegen Diebstahls verfolgt, in die Sauya geflüchtet, und hatte sich dann, um der Strafe zu entgehen, mohammedanisirt. Beide trugen französische Capitäns-Uniform mit weiten Hosen und rothem Tarbusch. Sie waren beide verheirathet und wohnten sogar beide im Hause von Sidi, der ihnen je einen Flügel abgesondert angewiesen hatte. Sie waren zu der Zeit die Personen, die Sidi gar nicht entbehren konnte, Alles ging durch ihre Hände.
Im Garten angekommen, gefiel sich Sidi darin, mir seine europäischen Einrichtungen zu zeigen; hier war auf einem Bassin ein Schiffchen mit Rädern, eine Nachahmung der europäischen Dampfschiffe, dort kostbare Blumen aus Europa und Amerika, Gewächse feinerer Art, wie sie im übrigen Marokko unbekannt sind, zwischen denen künstliche Springbrunnen auf verschiedenste Art Wasserstrahlen auswarfen, sogar eine kleine Eisenbahn mit Wagen, welche durch ein Radwerk in Bewegung gesetzt wurde.
"Der Sultan, die Grossen und auch die Schürfa," fing Sidi an, "wollen nichts vom Fortschritt wissen, deshalb sind wir auch von den Spaniern geschlagen; wenn ich nur könnte, ich würde Alles einführen wie es bei den Christen ist, d.h. vor allem eine feste Gesetzgebung und regelmässiges Militair."—"Aber, wenn du nur willst, Sidi," erwiederte ich, "so wird der Sultan auch wollen und müssen."—"Der Sultan und ich sind beide vom Volk abhängig, und dass ich mich christlich kleide, was doch die Türken jetzt auch thun, nimmt man gewaltig übel." Unter diesen Gesprächen waren wir durch einen blühenden Rosengarten, wo Jasmin und die köstlich duftende Verbena Luisa mit Heliotropen und Veilchen ihre Wohlgerüche der Luft spendeten, zu einem prächtigen Orangenhain gekommen. "Diesen ganzen Garten hat mir der Sultan geschenkt," sagte Sidi, "oder eigentlich zurückgeschenkt, denn mein Grossvater, Ali, schenkte ihn seinem Vater." Nach dem Orangengarten kamen ausgedehnte Olivenpflanzungen, wir drangen bis dahin durch, kehrten dann zurück, wo wir die Schürfa und Tholba noch im Zimmer versammelt fanden.
Gleich nach der Rückkehr Sidi's stellten sich Sklaven ein mit Schüsseln auf dem Kopf. Alles nahm Platz, da wurde zuerst eine Maida (kleiner Tisch) vor Sidi gestellt, und, nachdem Sklaven ein messingenes Becken und eine Kanne gebracht, die Hände abgewaschen. Ein Handtuch, vielleicht hatte es schon einmal als Hemd gedient, war für Alle zum Abtrocknen bereit. Es bildeten sich Gruppen: Sidi ass aus einer Schüssel mit 5 oder 6 Schürfa, hier sass wieder eine Gruppe, dort eine andere, ich selbst wurde eingeladen, an der Schüssel der beiden Günstlinge Ali und Ibrahim, zu der ausserdem noch zwei Vettern von Sidi zugezogen waren, theilzunehmen. Man ass, mit Ausnahme des Tisches, an dem Sidi sass, mit grosser Hast, um ja nicht zu kurz zu kommen. Die Speisen waren gut, gebratenes Fleisch, gebratene Hühner, und bei jeder Schüssel lagen fünf oder sechs Brode, die vorher gebrochen wurden. So, dachte ich, ass man zur Zeit Jesu aus einer Schüssel und mit den Händen.
Sidi, der in Frankreich gewesen, konnte es nicht lassen ein paar Mal herüberzusehen: "Mustafa (diesen Namen hatte ich angenommen), hast du schon oft mit der Hand gegessen?" fragte er. "Gott erbarm dich!" rief ein graubärtiger Scherif, "essen denn die Christenhunde nicht mit der Hand?" "Nein," erwiederte der Grossscherif, "als ich auf der französischen Fregatte nach Mekka reiste, ass ich mit einer Gabel." "Gott sei meinem Vater gnädig," erwiederte jener, "unser Herr Mohammed hat mit der rechten Hand gegessen, Mohammad ist der Liebling Gottes, und der Segen Gottes ruht auf seinen Nachkommen." Sidi, wohl um ein religiöses Gespräch abzuschneiden, rief einen Sklaven, gab ihm ein saftiges Stück Fleisch, das er vom Knochen abgelöst hatte: "gieb das Mustafa." Von dem Augenblick, d.h. seitdem ich aus der Hand Sidi's einen Bissen erhalten hatte, wurde ich als sein erklärter Günstling angesehen.
Nach beendetem Essen wurde Kaffee herumgereicht, und nachdem man noch eine Zeitlang gesessen und darauf in Gemeinschaft das l'Asser Gebet abgehalten war, befahl Sidi sein Pferd. Er bestieg einen ausgezeichneten Fuchs, die beiden Günstlinge Ali und Ibrahim hatten nicht minder schöne Pferde zur Verfügung, und nun ging's heimwärts. Vor den Thoren des Gartens lauerten Haufen von Menschen, alte und junge, Männer und Weiber, die sich bemühten, seinen Fuss oder den Saum des Burnus zu berühren, oder auch nur sein Pferd, denn diesem wird dadurch, dass der Sohn des Propheten es besteigt, ebenfalls eine Heiligkeit mitgetheilt, und man kann den Segen herausziehen.
Einige von den Schürfa bestiegen ebenfalls Pferde oder Maulthiere, die meisten folgten zu Fuss. Unter ihnen war ich; einer der Emkadem67 Sidi's hatte sich meiner Hand bemächtigt, als ob ich nicht allein gehen könnte, oder um ja ein von Sidi ihm anvertrautes Gut nicht zu verlieren: "ich soll für dich sorgen," sagte er, und so betraten wir Uesan el Dar Demana.
Eine enge Strasse führte uns gleich in die eigentliche Sauya, d.h. das heilige Viertel, das Sidi bewohnt, welches von der übrigen Stadt durch Mauern und Thore geschieden ist. Denn wenn auch die ganze Stadt (Uesan el dar demana heisst: Uesan das Haus der Zuflucht) ein geheiligtes Asyl ist, so ist doch speciell das Stadtquartier, welches Sidi bewohnt, heilig und unverletzlich. In diesem Quartier, gleich unterhalb seiner Hauptwohnung, bekam ich im "Rheat"68 einen Pavillon als Wohnung angewiesen, der einstmals reizend gewesen sein musste, jetzt aber etwas vernachlässigt aussah.
Dieser Rheat war zur Zeit Sidi-el-Hadj-el-Arbiis, des Vaters des jetzigen Grossscherifs, ein üppiger Garten gewesen; künstlich vom Djebel Bu Hellöl hergeleitete Wasser tränkten die Orangen- und Granatbäume, hübsche Veranden und Kubben im reinsten maurischen Style erbaut, aufs prächtigste geschmückt mit Stucco-Arabesken, mit echten Slaedj69 von Fes, standen an den schönsten Punkten, und von einer jeden hatte man eine unvergleichliche Aussicht auf die gegenüberliegende Gebirgslandschaft. Sie dienten dazu, die zahlreichen Pilger aufzunehmen, eine einzelne Kubba enthielt manchmal hundert solcher frommer Leute, die monatelang auf mühevollste Art gereist waren, um Uesan und den Sohn des Propheten zu sehen: hier auf den Terrassen der Kubben, im Schatten der Arkaden einer Veranda ruhten sie aus von ihren entbehrungsvollen Wegen, sie schauten auf das Bild zu ihren Füssen, sie bewunderten die Bauten, vor allem aber priesen sie Gott, dass er ihnen die Gnade erzeigt habe, Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalam sehen zu können, dass er ihnen die Gunst gewährt habe, seine Nahrung geniessen zu können, denn alle Pilger, mochten auch 1000 vorhanden sein, werden zweimal täglich aus der Küche Sidi's gespeist.
Zwischen dem Rheat und dem Hauptgebäude befindet sich eine grosse Djema70, die auch Freitags zum Chotba benutzt wird; ein freier Platz, auf dem die Pferde Sidi's angebunden stehen, führte dann aufs Hauptgebäude. Dies zeigt nach aussen die Thür, welche zu den Küchenräumen führt, eine Schule, worin die Söhne Sidi's mit vielen anderen Altersgenossen ihren täglichen Unterricht erhalten, und eine andere sehr niedrige Thür, welche zur eigentlichen Wohnung des Grossscherifs führte.
Man kommt zuerst in einen von zwei Orangenbäumen beschatteten Hof, auf diesen Hof öffnen sich eine Veranda und eine reizende Kubba71, deren eine Seite ebenfalls nach dem Hofe zu offen war. In diesen Räumlichkeiten empfängt Sidi, und namentlich nach dem Freitagsgebet findet hier immer ein grosses Essen statt, woran, alle die Theil nehmen, die mit Sidi gemeinschaftlich das Chotba-Gebet verrichtet haben. Das eigentliche Wohngebäude, welches an diesen Hof stösst, besteht aus mehreren Abtheilungen. Zuerst kommen verschiedene Zimmer, zu denen man mittelst einer niedrigen Thür und einer Treppe hinangelangt und welche die Bibliothek Sidi's enthalten, dann folgen einige auf europäische Art eingerichtete. Ausser seinen beiden kleinen Söhnen, seinen Günstlingen, Ali und Ibrahim, und einigen Sklaven, die Nachts vor seiner Thür schlafen, hat der Grossscherif diese Zimmer von Niemand betreten lassen, für seine Frauen, für seine nächsten Verwandten sind sie ein vollkommenes Harem. Da ich die Beschreibung der Zimmer gegeben habe, brauche ich wohl kaum zu sagen, dass es mir ebenfalls vergönnt war, sie zu betreten: ich musste mehrere Male auf einem Harmonium spielen, welches in einem dieser Zimmer seinen Platz hat. Von diesen Räumen gelangt man in die Häuser seiner Frauen: das Harem. Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalam hatte im Anfang der sechziger Jahre drei rechtmässige Frauen.
Mittelst eines Thores gelangt man aus dieser Sauya in die eigentliche Stadt Uesan; eine enge Strasse windet sich den Berg hinan, überall kleine Läden, hier findet man siedende Sfindj (in Oel gebackene Kuchen), dort werden Kiftah (Leber und Fleischstückchen) über Kohlenfeuer geröstet, hier werden Fische gebacken, dort liegen flache Brode aus: es ist dies die Garküchenstrasse, sie geht allmälig in die Gasse der Oelhändler über, welche zugleich Butter und braune Schmierseife (diese wird in Marokko bereitet), eingemachte Oliven und Chlea (in Butter eingeschmortes Fleisch) verkaufen. Grosse Thorwege der auf die Strasse mündenden Häuser zeigen uns Fonduks (marokkanische Gasthöfe), und die zahlreichen Esel, Maulthiere und Kameele, die man im Innern erblickt, sagen, dass hier viel Leben und Treiben herrscht.
So ist es auch in der That! Die grossen Schaaren von Pilgern, welche täglich in Uesan zusammenströmen, ziehen viele Kaufleute herbei. Die Pilger, die in der Sauya eine dreitägige Gastfreundschaft geniessen, bleiben oft noch länger, sie haben Waaren oder Kleinigkeiten zum Verkauf mitgebracht, andererseits wollen sie Uesaner Gegenstände erhandeln. Man kann sich denken, dass Alles was von Uesan kommt für besonders gut gilt, die Frau zu Hause will Brod vom "dar demana" haben, oder ein Stück Zeug, der Sohn muss eine hölzerne Schreibtafel vom ssuk es Uesan (Markt von Uesan) haben, dann prägt er sich die Koransprüche viel leichter ein, der Grossvater muss einen neuen Rosenkranz von Mulei Thaib haben und die echten werden nur in Uesan verkauft.
Zahlreiche kleine Kaffeehäuser, mit heimlichen Zimmerchen, wo "Kif"72 geraucht wird, liegen allerorts zerstreut und meist an den schönsten Punkten der Stadt, welche übrigens, wohin man sieht, über paradiesische Gegenden das Auge schweifen lässt. Viele dieser Kaffeehäuser, wie überhaupt die meisten Buden, gehören Sidi zu, der sie vermithet oder auch an seine Günstlinge temporär zum Ausnutzen überlässt.
In einigen dieser Kaffeehäuser wird sogar zur Traubenzeit Wein, und fast zu allen Zeiten Schnaps, der von Gibraltar her importirt wird, verkauft. Denn auch hierin offenbart Uesan seine Aehnlichkeit mit andern religiösen Städten, dass es ein Ort der Laster und Schwelgerei ist. Wie häufig sah ich Schürfa, die nächsten Anverwandten Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalams in einem total betrunkenen Zustande. Aber ebensowenig wie die grössten Ausschweifungen, die gröbsten Verstösse gegen Sitte und Religion, je Rom den Charakter einer heiligen Stadt genommen haben, ebensowenig leidet der Ruf Uesans darunter. Der Grossscherif selbst hat bei Lebzeiten seines Vaters der Flasche fleissig zugesprochen, und ob er nicht noch manchmal im Innersten seines Hauses, an der Seite seiner Günstlinge dem Bacchus opfert, wer wollte darauf mit Gewissheit Nein sagen? Oeffentlich freilich ist er jetzt die Enthaltsamkeit selbst, er raucht nicht, er schnupft nicht, er nimmt weder Kif noch Opium (beides, obschon ebenso religionswidrig wie Weintrinken, wird in Marokko keineswegs für sehr sündhaft gehalten), kurzum, äusserlich lebt er sehr streng nach den Vorschriften des Islam, wie duldsam er aber ist, geht daraus hervor, dass er, sobald ich mit ihm und seinen Günstlingen allein war, uns erlaubte, in seiner Gegenwart zu rauchen.
Kommt man noch weiter in die Stadt, so hat man die Kessaria vor sich, d.h. die Strassen, wo Kleidungsstücke Tuche, Baumwollenzeuge und Wollfabrikate verkauft werden. Hier sieht man auch jene schönen in ganz Marokko bekannten Djelaba Uesania ausbieten, Ueberwürfe aus feinster weisser Wolle gewebt. Man durchschreitet die Atharia, d.h. die Strassen, wo Gewürze, Essenzen und Kramwaaren feil geboten werden, und befindet sich nun vis à vis der grossen Moschee von Mulei Abd-Allah Scherif.
Diese Djemma ist eine der berühmtesten im ganzen marokkanischen Reiche, hier liegt der Gründer Uesans, der Stifter der Sauya, die heute dar demana, d.h. Zufluchtsort fürs ganze Reich73 ist, begraben. Wie alle marokkanischen Moscheen bildet ein grosser Hofraum, dann verschiedene Säulenreihen, deren Gallerien man Schiffe nennen kann, die architektonische Anordnung. Ausser Mulei Abd-Allah liegt der Hadj el Arbi, der Vater des jetzigen Grossscherifs, in der Moschee begraben. Ein kostbarer Sarkophag mit Tuch überhangen, birgt in einer Nebencapelle die irdischen Reste dieses grossen Heiligen. In der That war kein Abkömmling des Propheten so wunderthätig wie der Vater Sidi's, namentlich soll er die Gabe gehabt haben, die Fruchtbarkeit der Weiber zu vermehren. Er selbst hatte freilich nur einen Sohn, den jetzigen Grossscherif, der ihm im späten Lebensalter von einer Sklavin geboren wurde.
[Fußnote 73: Häufig entfliehen Leute ans den Gefängnissen des Sultans, gelingt es ihnen Uesan zu erreichen, wo sie sich entweder in das Grabgewölbe eines Heiligen flüchten, oder zu den Füssen des Pferdes des Grossscherifs legen, so werden sie immer begnadigt. Schwere Verbrecher dürfen aber die Sauya nicht mehr verlassen, sonst sind sie vogelfrei.]
Wie gross aber von jeher Macht und Ansehn der Schürfa von Uesan gewesen ist, geht am besten aus einer Beschreibung von Ali Bey hervor T.I. p. 269: Je parlerai ici des deux plus grands saints qui existent maintenant dans l'empire de Maroc: l'un est Sidi Ali Ben-Hamet qui réside à Wazen (dies ist der Grossvater Sidi's und Wazen ist englische Schreibart für Uesan) etc. Ferner p. 270: J'ai déjà remarqué que ce don de sainteté était héréditaire dans certaines familles (A. Bey bestätigt hier meine oben angeführte Thatsache von der mohammedanischen erblichen Heiligkeit). Le père de Sidi Ali était un grand saint, Ali l'est à présent et son fils aîné commence à l'être aussi.
Ausser diesen Hauptstadttheilen sind dann noch verschiedene Strassen, wo Handwerke betrieben werden: hier werden gelbe Pantoffeln, dort rothe Frauenschuhe verfertigt, hier arbeiten Sattler, dort sind Schmiede, hier wird gedrechselt, dort wird geschneidert; überall halten sie die verschiedenen Handwerke beisammen. Auch eine Mälha, d.h. ein Judenquartier, giebt es, und warum auch nicht, hatte nicht Rom auch sein Ghetto? Es giebt keine marokkanische Stadt, ja es giebt keine marokkanische Oase in der Sahara, wo nicht Juden wären74.
In Uesan unter dem milden Scepter Sidi's lebten die Juden ziemlich erträglich, aber in anderen Städten Marokko's Israelit sein, heisst die Hölle hier auf Erden haben. Dennoch dürfen sie auch in Uesan keinen rothen Tarbusch tragen, sondern nur einen schwarzen, sie dürfen die Oeffnung des Burnus nicht wie die Muselmanen nach vorn tragen, sondern müssen dieselbe auf der Seite haben, sie dürfen keine gelbe oder rothe Pantoffeln, sondern nur schwarze und auch diese nur in ihren Häusern und in der Mälha tragen. Sie müssen, sobald sie einem Gläubigen begegnen, links ausweichen, endlich sind ihnen verschiedene Strassen, wie bei der Hauptmoschee oder bei den Grabstätten der Heiligen vorbei, gänzlich untersagt. Sie dürfen ausserdem in den Städten und Oertern nie ein Pferd besteigen und müssen jeden Mohammedaner mit "Sidi," d.h. "mein Herr," anreden. Man könnte Seiten vollschreiben, wollte man all die Vexationen, die Erniedrigungen und Demüthigungen, welchen die Juden in Marokko unterworfen sind, aufschreiben.
v. Augustin75 sagt p. 129: "Auf dem Markte müssen sich die armen Juden die empörendsten Erpressungen von den Marokkanern gefallen lassen, und unter ihren Bedrückern stehen obenan die Garden des Sultans, welche sich alle möglichen Frechheiten erlauben. Nicht selten reisst ein solcher Halbmensch dem Juden eine Waare aus den Händen, welche dieser eben einem Käufer vorzeigt, und hat dieser selbst nicht die feste Absicht sie zu kaufen und wehrt sich gegen solche Eingriffe, so schreitet jener unbekümmert und laut lachend mit seinem Raube fort, trotz des Jammergeschreies, welches ihm von dem Beraubten nachtönt, welcher aber dennoch seine Bude nicht verlassen darf, um den Räuber zu verfolgen, weil sie sonst in wenigen Augenblicken rein ausgeplündert wäre. Wagte er es aber, sich thatsächlich zu widersetzen, so kann er sich versichert halten, halbtodt geschlagen zu werden, oder man führt ihn zum Kadi, wo er Unrecht bekommen muss, da kein Jude einen Mohammedaner schlagen darf."
Man kann die Bevölkerung von Uesan auf 10,000 Einwohner rechnen, wenn man die der Dörfer Rmel und Kascherin, die mit Uesan zusammenhängend sind, hinzurechnet. Von diesen sind etwa 800 bis 1000 Juden. An manchen Tagen vermehrt sich die Bevölkerung um einige 1000 Pilger, namentlich zur Zeit der grossen Feste.
Die Tendenz des jetzigen Sultans von Marokko, Sidi-Mohammed-ben-Abd-er- Rahman, ist darauf aus, den Einfluss der Schürfa so viel wie möglich einzuschränken, und so hat er es denn auch durchgesetzt, dass gegenwärtig ein Kaid und einige Maghaseni (Reiter von der regelmässigen Cavallerie des Sultans, die in Friedenszeiten auch zu Polizeidienst gebraucht werden), welche die Regierung des Sultans repräsentiren sollen, in Uesan wohnen. Ihr Einfluss ist aber gleich Null, und sie selbst sind angewiesen, in wichtigen Sachen die Entscheidung Sidi's einzuholen. Wie einflussreich beim marokkanischen Gouvernement der Grossscherif von Uesan ist, geht allein schon daraus hervor, dass kein marokkanischer Kaiser anerkannt wird, wenn er vorher nicht gewissermassen die Weihe vom Grossscherif von Uesan erhalten hat. Als nach dem Tode des Sultans Mulei-Abd-er-Rahman-ben-Hischam verschiedene Bewerber um den Thron von Fes auftraten, und namentlich der älteste Sohn des Sultan Sliman, ein gewisser Mulei-Abd-er-Rahman-ben- Sliman, mit viel grösseren Rechten zur Nachfolge hervortrat, verdankte Sidi Mohammed seine rasche Besteigung des Thrones nur dem Umstände, dass Sidi- el-Hadj-Abd-es-Ssalam ihm nach Mekines entgegen reiste und durch seine Anerkennung (er stieg von seinem Pferde und führte das edle Ross dem Sultan zu Fuss entgegen, der es bestieg und dann sein Pferd dem Grossscherif zum Geschenk machte) alle Mitbewerber aus dem Felde schlug.
Der Einfluss des Grossscherifs ist indess nicht bloss deshalb so gross, weil er der directe Nachkomme Mohammeds, sondern weil er der reichste Mann im ganzen Kaiserreich Marokko ist. Es giebt in Marokko keinen Tschar, keinen Dnar, keinen Ksor76, in dem der Grossscherif nicht eine Filialsauya oder einen Emkadem hätte. Die Emkadem sind angewiesen, in ihren Sprengeln jährlich Geld zu sammeln, das, wie der Peterspfennig nach Rom, in die Gasse Sidi's nach Uesan fliesst. In der ganzen Provinz Oran, in der Oase Tuat sind fast alle Mohammedaner "Fkra," d.h. "Anhänger" Mulei Thaib's von Uesan. Der reelle Einfluss geht bis Rhadames im Osten, bis Timbuktu im Süden. Aber selbst in Alexandrien, in Aegypten, in Mekka, in Arabien, sind Sauya des Grossscherifs von Uesan.
Um den Glauben der Mohammedaner, d.h. die Opferwilligkeit, wach zu halten, werden jährlich zahlreiche Schürfa, die nächsten Verwandten Sidi's in die ganze mohammedanische Welt geschickt, um die Wunder und Herrlichkeit Uesans zu verkünden. Sidi beklagte sich bitter, dass die Franzosen in letzter Zeit den Schürfa von Uesan verboten hatten, in Algerien ihre Rundreisen zu machen. Es hat dies aber seinen guten Grund, zum Theil wollen damit die Franzosen verhüten, dass so viel Geld ausser Landes geht, zum Theil aber hatten die Schürfa sich in Politik gemischt, die Gläubigen gegen ihre ketzerischen Herren aufgereizt, was die algerische Regierung sich natürlich nicht gefallen lassen konnte.
Während der ganzen Zeit meines Aufenthalts erfreute ich mich der grössten Zuneigung und Gastfreundschaft des Grossscherifs.
Ich musste fast den ganzen Tag mit ihm zubringen, von Morgens früh, wo er mich rufen liess, Kaffee mit ihm und seinen Günstlingen zu trinken, bis Abends, wo er sich in seine Wohnung zurückzog. Wenn ich manchmal Zeuge war, wie er im selben Augenblicke den Leuten, die soeben ihr Geld, ihre Kostbarkeiten ihm geopfert hatten, mit ernstester Miene den Segen ertheilte, und dann, sobald sie den Rücken gekehrt hatten, sich über sie lustig machte, auch wohl sagte: "was für Thoren sind diese Leute, mir ihr Geld zu bringen", so dachte ich den aufgeklärtesten Mann vor mir zu haben, andererseits sah ich aber so viele Thatsachen, wo er von seiner eigenen Macht, von seinem besseren "Sein" überzeugt war, dass es mir schwer wurde, diese Widersprüche zu erklären.
Aber Alles dient in Uesan dazu, von Jugend auf dem Grossscherif einzuprägen, dass nicht nur die Mohammedaner, die vor Gott allein Gläubigen, sondern dass unter den Mohammedanern die Araber (der Koran darf z.B. bei allen mohammedanischen Völkern nur arabisch gelehrt werden) das auserwählte Volk sind, dass im auserwählten Volk die Schürfa als Nachkommen Mohammeds den vorzüglichsten Platz einnehmen, und dass unter den Schürfa wieder der directeste Nachkomme der von Gott am meisten Bevorzugte ist. In dieser Art und unter dieser Auffassung wird der Sohn Sidi's erzogen. Dieser, Namens Sidi-el-Arbi, entwickelte denn auch zu der Zeit schon ganz den Stolz und Eigendünkel, den eine solche Lehre hervorbringen muss. Dass trotzdem bei Sidi sowohl als auch, wie es den Anschein hatte, bei seinem ältesten Sohne, Sidi-el-Arbi, Herzensgüte und eine gewisse Bescheidenheit nicht unterdrückt werden konnte, ist wohl darin zu suchen, dass immer fremdes Blut in die Familie kommt, wie denn Sidi's Mutter, wie schon gesagt, eine Haussa ist. Es beruht dies auf dem Gesetz der Erblichkeit, denn während Hochmuth, Eigendünkel etc. väterlicherseits mitgebracht wird, können andererseits die Eigenschaften, welche von mütterlicher Seite in die Familie kommen, nicht unterdrückt werden.
Dass aber der spanische Krieg auch keineswegs nachhaltend civilisatorisch auf den Grossscherifs wirkte, sah ich daraus, dass er, als ich später wieder Uesan besuchte, seine christliche Militairuniform abgelegt hatte, und dafür sich mit einer Djelaba wie die übrigen Schürfa kleidete. Er mochte, wohl recht haben; auf meine Frage nach dem Beweggrund, erwiederte er: sein Ansehen leide, und er müsse, um die Gelder reichlich fliessen zu machen, dem Volke in seinen Vorurtheilen nachgeben.
Die Haltung des Grossscherifs hat aber natürlich auf das ganze Leben und Treiben in Uesan den grössten Einfluss. Und wenn wir auch Fortschritte in Tanger und Mogador constatiren können, wo die grössere Frequenz mit Europa neben Hotels in ersterer Stadt sogar Dampffabriken ins Leben gerufen hat, wo man angefangen hat, den Christen heute mit den Gläubigen eine gleichberechtigte Stellung einzuräumen, so braucht man solche Fortschritte von Uesan nicht zu fürchten. Sollte es einem Europäer heute gelingen, nach dieser heiligen Stadt hinzukommen, er kann sicher sein, Uesan el dar demana so zu finden, wie es geschildert ist, d.h. auf demselben Standpunkte der Bildung, auf dem es sich seit Jahrhunderten schon befunden hat: man glaubt sich ins volle Mittelalter zurückversetzt.
Ich blieb nicht lange in Uesan, trotzdem "Sidi" wollte, ich sollte ganz bei ihm bleiben; als er dann aber mich fest zum Weitergehen entschlossen sah, stellte er auf liebenswürdige Art ein Maulthier zur Disposition, und empfahl mich einem Kaufmann aus Uesan, der ebenfalls nach Fes reisen wollte. Abends vorher, ehe ich Uesan verliess, musste ich im Hause dieses Kaufmanns zubringen, um die Zeit nicht zu verschlafen; der Hadj Hammed, so heisst der Mann, war ein grosser Freund von Musik und hatte als Abschiedsfest verschiedene Freunde geladen, die auch alle musikalisch waren. Man kann sagen, dass eine Art Soirée musicale abgehalten wurde, denn Hadj Kassem, ein alter graubärtiger Musikus aus Lxor, berühmt in Marokko wegen seiner Spielfertigkeit auf dem Alut, wie Liszt bei uns auf dem Klavier, war auch zugegen, andererseits war sein Schüler, ein Neger Ssalem, ein fast ebenso bedeutender Künstler auf der Violine wie weiland Paganini, auch anwesend. Man denke aber ja nicht in Marokko an Flügel, Klaviere, Harmonium oder dergleichen, denn wenn auch Sidi sich solche Instrumente hatte kommen lassen, wenn auch beim Sultan dergleichen zu finden sein möchten, so kennt das Volk sie nicht. Ich glaube kaum, dass das marokkanische Volk für unsere Musik Verständniss haben würde; wenn es musikalisch denken könnte, wenn es überhaupt ein Urtheil abgeben könnte, würde es vielleicht unsere Musik mit "Zukunftsmusik" bezeichnen.
Ich konnte an dem Abend sämmtliche Instrumente, deren sich die Marokkaner bedienen, kennen lernen. Eingebürgert von europäischen Instrumenten hat man Guitarre, Violine und Violoncell, welch letzteres in Marokko als Bass dient. Ausser diesen hat man ähnliche abenteuerlicher Art, und im Lande selbst angefertigte Instrumente!77 Da ist das Saiteninstrument "Alut", eine Art Guitarre, nur mit gewölbtem Boden, es hat auf den vier Saiten die Laute g, e, a, d. Da ist ein Streichinstrument mit zwei Saiten, "Erbab" genannt, von dem der Hals auch hohl und resonirend ist, es hat die Grundlaute d, a; der Fiedelbogen dazu besteht aus einem Bogen so gross wie eine Hand, und die Streiche dazwischen haben nur eine Spannung von etwa 4 bis 5 Zoll. Endlich hat man noch eine grössere Art "Kuitra" mit drei Saiten, dem Cello entsprechend, mit den Tönen d, h, g. Als Blasinstrumente besitzen die Marokkaner das "Schebab", eine kurze Flöte mit verschiedenen Löchern; die "Rheita", ein kleines Instrument mit clarinetartigen Tönen, endlich eine grosse Posaune, "El-Bamut" genannt. Trommeln verschiedener Form und Grösse, Schellen u. dgl. vervollständigen die Liste der Instrumente. Dass ein Unterschied in der Anwendung der Instrumente Seitens der Araber, Juden und Neger bestände, wie Höst bemerkt haben will, ist mir nie aufgefallen. Von allen Instrumenten ist die "Rheita" allein das, welches einen angenehmen Ton hervorbringt. Unsere europäischen Instrumente, Violine, Guitarre u.s.w. werden von ihnen auf ohrzerreissende Art behandelt. Das eigentliche Nationalinstrument der Marokkaner ist aber die "Gimbri", ein kleines zweisaitiges Instrument, eine Guitarre oder Violine im Kleinen. Der Resonanzkasten ist gemeiniglich nicht grosser als 4 oder 5 Zoll Durchmesser, irgend eine trockne Kürbisschale oder auch ein aus Holz geschnitztes Becken ist gut dazu, ein Stück dünnes Leder oder Pergament wird darüber gespannt, ein Stiel daran befestigt und die Saiten aufgezogen. Jeder verfertigt es selbst, meist ist e und a Grundton. Die "Gimbri" wird nicht gestrichen, aber auch nicht einfach mit den Fingern geknipst, sondern man bedient sich dazu eines Hölzchens, wie bei uns es die Klavierstimmer haben, um über die Saiten dieses Instrumentes zu fahren. Bei grösseren Concerten findet übrigens die Gimbri keine Anwendung.
Wenn uns nun aber auch Alles wie Katzenmusik vorkommt, so muss man doch keineswegs glauben, dass die Marokkaner ganz ohne musikalisches Gefühl sind, nur sind eben ihre Empfindungen für Musik anders als unsere. Was für uns Harmonie und Consonanz ist, hören sie als Dissonanz, ohne aber deshalb in ihrer eignen Musik gewisser Regeln zu entbehren.
Der Abend ging angenehm hin; hatte ich auch keinen musikalischen Genuss, so war doch Alles neu. Mit dem Spielen der Stücke war immer Gesang verbunden. Und auffallend war es mir, dass je mehr Jemand näselte oder Fisteltöne hervorbrachte, er desto mehr bewundert wurde.
Früh am andern Morgen wurde aufgesessen, ich ritt ein gutes Maulthier. Wie Spanien ist Marokko das Land der Maulthiere, die meist braun oder grau von Farbe sind. Die guten Maulthiere sind theurer als die guten Pferde, aber nicht so theuer wie die besten Pferde. Man kann schon für 30 bis 40 französische (Fünffranken-) Thaler ein gutes Pferd kaufen, aber unter 60 bis 80 Thaler kein starkes gutes Maulthier bekommen. Edle Pferde, wie sie der Sultan besitzt oder vornehme Schürfa und Kaids, werden aber selbst in Marokko bis 1000 Thaler geschätzt. Dies ist die Summe, welche mir als die höchste angegeben wurde.
Zu Pferde oder Maulthier braucht man von Uesan nach Fes anderthalb Tage, aber da die Hitze jetzt immer grösser wurde, die Wege sehr schlecht waren, und weil Hadj Hammed unterwegs allerlei Geschäfte abzuschliessen hatte, brauchten wir drei Tage. Er machte Einkäufe, oder auch bekam hier ein Töpfchen mit Butter, dort einige Eier zum Geschenk, was zur Folge hatte, dass zuerst sein, dann auch mein Maulthier so beladen war, dass wir beide zu Fuss gehen mussten. Man kann sich einen Begriff von der Macht und dem Reichthum Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalam's machen, wenn ich anführe, dass fast alles Land bis dicht vor Fes sein persönliches Eigenthum ist. Dennoch glaube ich kaum, dass er viel baares Vermögen besitzt, da die grosse Zahl der Pilger, welche in Uesan auf liberalste Weise bewirthet werden, wieder Alles verausgaben macht.
Die ganze Gegend, welche man durchzieht, ist gebirgig und aufs reichste angebaut, Getreidefelder von Weizen und Gerste wechseln ab mit Olivenwaldungen, Gärten bestanden mit Orangen, Granaten, Aprikosen, Pfirsichen, Quitten, Mandeln, Feigen und Weinreben, lachen am Wege. Man hat zwei bedeutende Wasser zu überschreiten, den Ued Uerga, ungefähr auf halbem Wege zwischen Uesan und Fes, circa sieben Stunden von letzterer Stadt entfernt, und den Sebu. Beide waren so bedeutend angeschwollen, dass wir mit einer Fähre übersetzen mussten. Die Fähren waren ebenfalls Eigenthum des Grossscherifs von Uesan.
Abends 5 Uhr des dritten Tages waren wir endlich vor Fes, der Hauptstadt des Landes. Mich überwältigte fast der Anblick der ausgedehnten Häusermasse, aus denen hier und da hohe Sma (Minarets) hervorragten. Wir, zogen rasch durch die lange Strasse dahin und ich wurde derart zur "Mhalla", d.h. der Zeltlagerung der Soldaten geführt. Für einen Obersten der Armee, Hadj Asus, hatte ich ein Empfehlungsschreiben des Grossscherifs. Nicht nur wurde ich gut aufgenommen, sondern Hadj Asus, dessen Zeltgenosse und Gast ich bleiben musste, versprach mir schon für den folgenden Tag eine Anstellung.
Am andern Tage war grosse Revue vor dem Sultan; die ganze regelmässige Armee, circa 4000 Mann, musste in ziemlich guter Ordnung vor dem unter einem Baldachin sitzenden Sultan vorbeidefiliren; sobald eine Abtheilung in unmittelbare Nähe des Sultans kam, riefen sämmtliche Soldaten "Allah ibark amar Sidna", "der Herr segne die Seele unseres gnädigen Herrn". Die Anführer selbst präsentirten die Säbel, prosternirten sich und küssten den Boden. Sobald die Abtheilung des Hadj Asus herankam, defilirt und gerufen, und dann Hadj Asus seinen Gruss verrichtet hatte, wurde er in die Nähe des unbeweglich dasitzenden Sultans gerufen. Ursache war, dass ich mich seinem Zuge angeschlossen hatte, und mit Offizieren und Soldaten den Parademarsch mitmachte. Natürlich musste meine Erscheinung Aufsehen erregen, denn ich hatte einen ziemlich langen schwarzen Ueberrock an, der bis auf die Kniee reichte, darunter guckte die Unterhose kaum hervor, gelbe, recht abgenutzte Pantoffeln und ein rother Fes, das war meine übrige Bekleidung. Hadj Asus kam freudestrahlend zurück.
Der Sultan hatte sich in der That über meine Persönlichkeit informirt; Hadj Asus hatte ihm gesagt, ich sei zum Islam übergetreten, habe vom Grossscherif eine Empfehlung gebracht und wünsche in die Armee als Arzt einzutreten: ein "Achiar" (Fi el cheir, d.h. das ist gut) war die Antwort des Sultans gewesen, und Hadj Asus war den ganzen Tag über ausser sich über das Glück, vom Sultan angeredet worden zu sein.
Nach der Parade wurde ich sodann dem Kriegsminister vorgestellt, einem Schwarzen, Si Abd-Allah genannt, der besondere Meldungen unter einem schirmartigen Zelte sitzend entgegennahm. Er war sehr zufriedengestellt über meine Antworten und sagte, dass ich am folgenden Tage meine Anstellung zu erwarten habe. Am folgenden Tage wurde ich denn auch benachrichtigt, ich sei zum obersten Arzte der ganzen Armee seiner Majestät ernannt.
Als Obliegenheit wurde mir bezeichnet, alle Soldaten, die sich krank meldeten, zu untersuchen und zu behandeln. Die Medicamente hatten sie von mir zu bekommen, mussten aber dafür zahlen, da mir überhaupt von der Regierung auch keine zur Disposition gestellt wurden. Mein Gehalt war täglich auf 2-1/2 Unzen angesetzt, ungefähr 3 bis 4 Groschen. So klein das nun auch klingt, so sind doch die Verhältnisse in Marokko derart, dass man damit recht gut existiren konnte, zumal mir volle Freiheit blieb, Privatpraxis zu treiben, wo und soviel ich wollte. Man kümmerte sich überdies nicht viel um mich. Mein Quartier hatte ich vorläufig beim Hadj Asus behalten; wenn ich aber den ganzen Tag von der "Mhalla" abwesend war, fragte Niemand danach. Ich sollte ein Pferd, Maulthiere, Diener zur Disposition erhalten, habe dieselben doch nie bekommen. Meine Nahrung hatte ich mir selbst zu beschaffen, es war das freilich meine wenigste Sorge, heute war ich Gast bei diesem, morgen bei jenem. Wenn gerade keine Hungersnoth in Marokko ist, hat ein lediger Mann dafür nicht zu sorgen.
Nach einigen Tagen liess der Baschagouverneur von Fes, Ben-Thaleb, mich rufen. Er hatte von der Ankunft eines europäischen Arztes gehört, und selbst an chronischem Asthma leidend, bat er mich ihn zu behandeln, zu gleicher Zeit aber auch bei ihm Wohnung zu nehmen. Ich nahm diesen Vorschlag mit Freuden an. Hadj Asus hatte nichts dagegen, dass ich beim Bascha wohnte; dieser, einer der reichsten und einflussreichsten Beamten des ganzen Kaiserreiches, hatte wohl Anspruch auf seine Rücksicht.
Um die Zeit kam denn auch Joachim Gatell, der vorhin erwähnte Spanier, der den Namen Smaël angenommen hatte, nach Fes. Er wurde Si-Mohammed-Chodja, einem andern Commandanten der regelmässigen Truppe zugetheilt, und erhielt bald darauf ein selbstständiges Commando über die Artillerie. Später sollten wir genauer mit einander bekannt werden, als es jetzt der Fall war. Denn der Sultan hatte nach Verlauf von ungefähr vier Wochen Befehl zum Aufbruche gegeben. Es war die Zeit des Residenzwechsels gekommen und der Sultan beschloss, das Hoflager und die "Mhalla" nach Mikenes zu verlegen. Natürlich durfte ich nun auch nicht in Fes bleiben, da alle Truppen mit Ausnahme derer, welche den beiden Gouverneuren beigegeben waren, mit dem Sultan fort mussten.
Schwer würde es sein, ein richtiges Bild von diesem eigenthümlichen Ausmarsche zu entwerfen. Alles lief bunt durcheinander. Da waren die sogenannten regelmässigen Soldaten, in Begleitung ihrer Weiber (fast jeder Soldat ist verheirathet), Kinder und Sklaven. Kaufleute drängten sich dazwischen, hier bot einer Brod feil, hier Zwiebeln, dort hatte ein anderer ein Brettchen mit verschiedenen Fächern und Schachteln darauf; eine ambulante Gewürzkrambude, Zimmt, Pfeffer, Nelken u. dgl. war da zu haben. Hier bot einer Fleisch, dort Fische feil. Und da kam der Sultan selbst daher, ein grosser glänzender Haufe, die Minister, die höchsten Beamten des Landes umgaben ihn, ein langer, langer Tross beladener Maulthiere und Kameele folgte. Dann der Harem, über hundert Frauen und junge Mädchen, dicht verschleiert auf Maulthieren daherreitend, diese allein eine geschlossene Masse bildend, denn auf schnellen Pferden hielten die Eunuchen diese Lieblingsweiber des Herrschers zusammen. Es war dies gewissermassen der ambulante Harem des Sultans, die schönsten, jüngsten und fettesten Frauenzimmer der vier Harems von Fes, Mikenes, Arbat und Maraksch, meist Kinder von 12 bis 15 Jahren. Endlich kam die grosse Abtheilung der Maghaseni, der unregelmässigen jedoch besoldeten Cavallerie; es mochten wohl 10000 Pferde zugegen sein. Man denke sich nun diesen Menschen- und Thierknäuel ohne Ordnung und einheitliche Leitung in Bewegung, der eine schnell, der andere langsam, der hier marschirend, der dort, dieser hier laufend, jener langsam seinen Weg fortsetzend, wie ein Jeder es eben für gut fand.
Als wir, ich befand mich unter den Ersten, Mikenes erreichten, war der ganze Weg zwischen Fes und Mikenes noch mit Menschen und Thieren überschwemmt, denn als die ersteren in letzterer Stadt eintrafen, waren noch lange nicht alle von Fes aufgebrochen. Zwei Tage dauerte es, bis die ganze Armee, vielleicht in allem etwa 40,000 Menschen, eingetroffen waren, und das Terrain zwischen beiden Städten ist derart eben und schön, derart ohne alle Hindernisse, dass man fortwährend mit mehreren Armeen, fast möchte ich sagen im Frontmarsche von einer Stadt zur andern marschiren kann. Die Armee lagerte an der Aussenseite der Stadt, der Sultan selbst bezog sein Palais.
Was mich anbetrifft, gebunden, da zu sein, wo die Armee ist, hatte ich andererseits Freiheit genug, wohnen zu können wo ich wollte, und miethete deshalb in einem Funduk der Stadt ein Zimmer zum Wohnen, während ich andererseits ein "Hanut", Bude, in der belebtesten Strasse in Gemeinschaft mit einem Franzosen, Namens Abd-Allah bezog. Ich prakticirte oder hielt ein Polyclinicum ab. Meine Medicamente bestanden wie die der marokkanischen Aerzte aus einem grossen Kohlenbecken, mit Eisenstäben zum Weissglühen, aus grossen Töpfen mit Salben, Kampheröl, Brechpulver, Abführungsmitteln und verschiedenen unschädlichen gefärbten Mehlpulversorten für Hypochonder und hysterische Kranke. Und was nie und nirgends in Marokko gesehen war: ich hatte ein grosses Aushängeschild; darauf hatte Smaël (Joachim Gatell) mit grossen und schönen Buchstaben gemalt: "Mustafa nemsaui tobib ua djrahti", d.h. Mustafa der Deutsche, Arzt und Wundarzt. Es ist kaum zu glauben, welch Aufsehen es erregte in einem Lande, wo die Annoncen, Anzeigen, Aushängeschilde noch nicht etwa in der Kindheit liegen, sondern wo sie noch gar nicht geboren sind, ein solches Schild zu führen. Von Morgens früh bis Abends spät stand Jung und Alt, Vornehme und Geringe, Männer und Weiber vor der Bude, und buchstabirten (lesen kann Niemand in Marokko, aber buchstabiren können alle Städter) die langen arabischen Buchstaben, welche zwei grosse Bogen Papier einnahmen. Der Erfolg war vollständig.
Ich hatte vorhin erwähnt, dass ich mich mit einem Franzosen Namens Abd- Allah zusammengethan hatte, weil ich allein nicht die Miethe für die Bude von Anfang an zu Stande bringen konnte. Dieser Franzose, ein ehemaliger Spahisoffizier, war vor ungefähr zwanzig Jahren mit der Casse seiner Compagnie nach Marokko entflohen, hatte bei dem vorletzten Sultan Muley- Abd-er-Rahman gute Aufnahme gefunden, sein Geld (wie er selbst angab 20,000 Franken) mit liederlichen Dirnen in Saus und Braus, aber in einigen Jahren durchgebracht. Hernach hatte er sich dem Hofe angeschlossen, hatte natürlich geheirathet und lebte nun von mechanischen Fertigkeiten. So behauptete er, der Introducteur des soufflets in Marokko zu sein, und seine damalige Beschäftigung bestand darin, neue Püster anzufertigen, alte auszubessern. Von Zeit zu Zeit pflegte er nach irgend einem Hafenplatz zu gehen, von wo er sich neue Vorräthe holte. Ohne besonderes Wissen, trotzdem er darauf pochte, französischer Offizier gewesen zu sein, war er ein harmloser Mensch, was man nicht immer von den übrigen Renegaten sagen kann. Er war übrigens vollkommen durch seinen langen Aufenthalt in Marokko marokkanisirt, und liess den Rosenkranz auf ebenso scheinheilige Art und Weise durch die Finger gleiten, wie der beste Thaleb oder Faki es nur kann.
Aber sonderbar genug sah unsere Bude aus, auf der einen Seite arbeitete der Franzose Püster, auf der andern Seite quacksalberte ich, denn so muss ich, wenn ich aufrichtig sein will, meine ärztliche Praxis in Marokko nennen.
Das ausgehängte Plakat, dann überhaupt die Ankunft eines europäischen Arztes, hatten indess viel Lärm gemacht, und der Ruf davon war bis zu den Ohren des ersten Ministers, Si-Thaib-Bu-Aschrin, gedrungen. Eines Abends kamen einige seiner Diener und ergriffen meine Hand; ich hatte kaum noch Zeit, den Franzosen Abd-Allah zu bitten, als Dolmetsch mit zu kommen, und fort ging's. Wir trafen Si-Thaib gerade beim Nachtmahl mit mehreren anderen Beamten des Hofes, die seine Gäste waren. Im äussersten Winkel des Zimmers spielten drei Musikanten auf einer Rheita, Kuitra und Erbab. Si-Thaib lud uns beide gleich ein, mit an die Maida (kleiner flacher Tisch) zu rücken, aber Abd-Allah dankte für sich und mich, und wir zogen uns, während die hohen Würdenträger von einer Schüssel zur andern übergingen, in ein Nebenzimmer zurück, und bald darauf brachten uns Sklaven die angebrochenen Schüsseln, worin allerdings noch reichliche und recht gut zubereitete Speisen sich befanden, die mir aber widerlich zu berühren waren, weil jene Würdenträger, so hoch sie nun auch in Marokko sein mögen, mit ihren kaum gewaschenen Händen darin herum gerührt hatten. Anstandshalber musste ich aber einige Bissen von jeder Schüssel nehmen, und dabei nicht vergessen, die Grossmuth Si-Thaib's und die Güte der Speisen zu preisen. Abd-Allah sagte mir dann auch, es würde sehr unschicklich gewesen sein, hätten wir die Einladung Si-Thaib's, mit ihm zu essen, angenommen, er würde aber jetzt über unsere Bescheidenheit und unser Savoir-vivre hoch erfreut sein.
Das Zimmer, worin Si-Thaib sich aufhielt, war eine sogenannte Mensa, d.h. ein Gemach im ersten Stocke. Lang, wie alle marokkanischen Zimmer, war es elegant möblirt, d.h. durch das Zimmer zog sich ein weicher Beni-Snassen- Teppich, und der hohen ogivischen Thür gegenüber waren noch andere Teppiche auf diesem. Hierauf lagen sodann wollene Matratzen und Kissen. Mehrere Lampen von Messing, alterthümlich gestaltet, hingen von der Decke des Zimmers und auch einige silberne Leuchter mit Stearinkerzen brannten in den Nischen. Der Plafond des Zimmers war bunt bemalt, und an den Wänden desselben Arabesken in Gyps.
Als auch wir abgegessen hatten, wurden wir ins Zimmer gerufen und durften am Thee theilnehmen, der nur in kleinen aus sehr feinem Porzellan bestehenden Tässchen herumgereicht wurde. Si-Thaib hielt mir sodann seine Füsse hin und fragte mich, was Krankes daran sei. Abd-Allah, der Franzose, hatte mir vorher schon mitgetheilt, der Minister leide an Podagra ich hatte also eine leichte Mühe, ihm seine Krankheitserscheinungen zu sagen. Dennoch befühlte ich die Füsse vorher genau, fragte nach einigen anderen Umständen, um der ganzen Sache mehr Ansehen zu geben, und als ich ihm dann schliesslich sagte, er hätte die Ministerkrankheit (mrd el uïsirat wird in Marokko das Podagra genannt), war er höchst erfreut, dass ich seiner Meinung nach aus blossen äusseren Kennzeichen seine Krankheit erkannt hatte.—Er fragte mich sodann, ob ich Anhänger der heissen oder der kalten Mittel sei (nach Meinung der Marokkaner haben die Medicamente entweder erhitzende oder abkühlende Eigenschaften), und als ich mich für die ersten erklärte, fand ich, dass ich auch darin seinen Geschmack getroffen hatte.
Si-Thaib entliess uns huldvollst und fügte beim Abschied hinzu, ich solle am andern Tage eine seiner Wohnungen beziehen, um ihn an seinem Podagra zu behandeln. Aber es sollte anders kommen, schon am folgenden Tage früh kamen Maghaseni vom Dar es Ssultan (Palast des Sultans) mit der Weisung, rasch dahin zu kommen; kaum liess man mir Zeit, die Pantoffeln anzuziehen und den Burnus umzuhängen. Dort angekommen, erklärte mir ein Beamter des Sultans, Ben Thaleb, der Gouverneur von Alt-Fes, habe an den Sultan geschrieben, ob ich nicht zurückkehren dürfe, um ihn zu behandeln, der Kaiser habe diese Bitte gewährt und ich habe auf der Stelle abzureisen. Mein Protest, nach Hause zurückkehren zu müssen, um meine Sachen zu holen, um die Medicamente mitzunehmen, um den Bekannten Lebewohl zu sagen, alles das half nichts; die Antwort war immer: "der Sultan hat gesagt, du solltest gleich abreisen, also musst du auch gleich abreisen". Ein gesatteltes Maulthier stand bereit, ein Maghaseni zu Pferde war als Begleiter da, und so musste ich fort, wie ein Packet ohne eigenen Willen. Da der Sultan befohlen hatte, selben Abends noch in Fes anzukommen, wurde scharf geritten, und vor Sonnenuntergange war die Hauptstadt erreicht und bald darauf war ich wieder beim Gouverneur der Alt-Stadt.
Ich hatte indess einen guten Tausch gemacht, Ben-Thaleb sorgte dafür, einen Dolmetsch kommen zu lassen, einen eingeborenen Algeriner Thaleb, Namens Si- Abd-Allah, der leidlich gut Französisch verstand, ich bekam eine gute Wohnung, Pferde, Maulthiere, Diener zur Disposition; Essen und der dazu gehörende Thee wurden vom Bascha geschickt, und ich hatte dafür weiter keine Verpflichtung, als mich täglich eine oder zwei Stunden mit dem Bascha zu unterhalten. Dass ich bei diesem mehrmonatlichen Aufenthalt in Fes hinlänglich Gelegenheit hatte, die Stadt kennen zu lernen, braucht wohl kaum erwähnt zu werden.