Man kann sich denken, dass der auf diese Art die Grossmuth des Sultans anrufende Faradji leichtes Spiel hatte, in der That umarmte ihn Sidi Mohammed, und Faradji wurde aufs neue in seine Kaidwürde eingesetzt, und ihm alle seine Güter gelassen. Als der Sultan von Neu-Fes nach Mikenes übersiedelte, besuchte ich mehreremal Faradji, er war immer sehr freundlich und zuvorkommend, pflegte den ganzen Morgen, auf einem Teppich sitzend, vor dem Magazin (es ist dies der officielle Ausdruck für das Palais des Sultans, und bedeutet zugleich die ganze Regierung) zuzubringen. Faradji war ein stattlicher schwarzer Greis mit intelligenten Gesichtszügen und schönem, wenn auch nur spärlichem weissem Barte. Seiner eigenen Meinung nach war er 1863 neunzig Jahre alt, was wohl eher zu wenig als zu viel sein dürfte, da er schon unter Sultan Sliman91, also zur Zeit als Ali Bey Marokko besuchte, Kaid war.

[Fußnote 91: Die jetzige Dynastie in Marokko wird die der Filali genannt, weil der Gründer Mulei Ali ans Tafilet (der Bewohner Tafilets heisst ein Filali) stammt. Dessen Sohn Mulei Mohammed wurde von seinem Bruder Mulei Arschid vom Throne gestürzt, und dieser, der von 1664-1672 regierte, war nach Jussuf ben Taschfin der mächtigste Monarch. Die Grausamkeit dieses Sultans wurde von den raffinirten Grausamkeiten Mulei Ismaëls, der sein Bruder war und ihm 1672 folgte, noch übertroffen. Ismaël, jetzt einer der grössten Heiligen von Marokko, regierte bis 1727. Nach ihm folgte Mulei Ahmed Dehabi, vierter Sohn Ismaëls, regierte jedoch nur bis 1729; sein Bruder Mulei-Abd-Allah folgte bis 1757, und nach ihm kam sein Sohn Sidi Mohammed, der bis 1790 regierte und im Jahre 1760 Mogador gründete. Die beiden folgenden Söhne, Mulei Mohammed Mahdi el Tisid und Mulei Haschem regierten nach einander zusammen nur zwei Jahre. Mulei Sliman behauptete sodann den Thron von 1792-1822, und nach ihm regierte Mulei Abd-er-Rhaman ben Hischam bis 1859, und dessen zweiter Sohn, Sidi Mohammed, behauptet heute noch den Thron.]

Si Mohammed ben Thaleb, der Bascha von Alt-Fes, dessen Gast ich während der ganzen Zeit meines Aufenthalts in Fes war, hatte freilich ein ganz anderes Schicksal. Er war ein Mann von rechtlichem Charakter und vollkommen vorurteilsfrei, was in Marokko viel sagen will; ich finde in meinem Tagebuch sogar die Notiz: "Ben Thaleb war der einzige wirklich ehrliche und durchaus rechtliche Mensch, den ich in Marokko kennen lernte." Gebürtig aus Ain Tifa, einem Orte etwa einen Tagemarsch südöstlich von der Stadt Marakisch gelegen, war er fast unabhängiger Herrscher über eine dortige Berbertribe, welche seiner eigenen Aussage nach sieben Hauptstämme umfasste. Mächtig und reich (er verkaufte jährlich für etwa 200,000 Fr. Mandeln nach Ssuera), wäre er gewiss lieber in seiner Stellung als Berberchef geblieben, wie er überhaupt nie fröhlicher und vergnügter war, als wenn seine Stammgenossen, Berber von der Heimath, ihn in Fes besuchten und er mit ihnen Schellah oder Tamashirt reden konnte. Aufstände, wie sie so häufig in Marokko vorkommen, verwickelten seine Berberstämme im Jahre 1846 gegen die kaiserliche Regierung; Ben Thaleb selbst betheiligte sich jedoch nicht daran, sondern hielt mit seiner ganzen Familie zum Sultan. Der Aufstand endete, wie in der Regel, mit der Niederlage der Rebellen, der Sultan Abd-er-Rhaman aber, um einen so mächtigen Stamm für immer an sein Haus zu ketten, ernannte ihren Schich Ben Thaleb zum Bascha-Gouverneur von Fes, welche Stelle als die erste nach dem Uïsirat (Ministerium) im ganzen Reich betrachtet wird. Der Berberstamm wurde durch eine so schmeichelhafte Auszeichnung, die seinem Chef widerfuhr, vollkommen zum Sultan hinübergezogen, und auch Ben Thaleb schien diesen Platz, der mehr als jeder andere abwirft, zuerst nicht ungern angenommen zu haben.

Indess schon zu Lebzeiten Mulei-Abd-er-Rhaman's war Ben Thaleb wiederholt um seinen Abschied eingekommen, er hatte in Erfahrung gebracht, dass ein Gouverneur von Alt-Fes, der reichsten Stadt des Landes, nie eines natürlichen Todes stürbe. In Marokko haben nämlich die Beamten eine ganz andere Stellung als bei uns. Nicht dass sie vom Staate, wie denn dort Staat und Sultan noch eins sind, oder vom Herrscher Gehalt bekommen, müssen sie im Gegentheil der Regierung, oder der Casse des Sultans, Gelder abliefern. Sie können allerdings dafür von ihren Schutzbefohlenen so viel erpressen, wie sie wollen. Da nun jeder Beamte darauf ausgeht, seinen Säckel zu füllen, ausserdem aber grosse Summen dem Sultan abzuführen hat, so kann man sich denken, wie schlecht das Volk dabei fährt, und meistens sind Uebersteuerungen und willkürliche Erpressungen die Ursachen der so häufigen Revolten. Es ist dieses System auch andererseits Ursache der schlechten Cultur des Bodens; abgesehen davon, dass weder Berber noch Semiten je etwas im Ackerbau geleistet haben, giebt sich kein Mensch Mühe, den Boden so ergiebig wie möglich zu machen, weil er weiss, dass die Erzeugnisse der Regierung verfallen sind. Ebenso ist der Handel dadurch gelähmt, der reiche Kaufmann von Fes sieht mit Bangen dem Tage entgegen, wo die Regierung sich seiner Ersparnisse bemächtigt, und es giebt deshalb auch in keiner Stadt, in keinem Ort Jemand, der nicht seinen geheimen Schatz hätte, der in der Regel vergraben ist.

Der Bascha ben Thaleb regierte im Jahre, als ich Fes betrat, die Stadt seit 13 Jahren. Da er seinen Abschied auch von Sidi Mohammed nicht bekommen konnte, tröstete er sich mit den Gedanken, diesem bei seinem Regierungsantritt den wichtigsten Dienst geleistet zu haben, und rechnete auf seine Erkenntlichkeit.

Wie bei jedem Kaiserwechsel, so waren auch bei dem Tode Mulei-Abd-er- Rhaman's grosse Unruhen und Fehden um die Nachfolge ausgebrochen. Es war vor allen der älteste Sohn des Sultan Sliman, Namens Mulei Abd-er-Rhaman- ben-Sliman, der mit Hülfe der Franzosen hoffte, den Thron seines Vaters wieder zu gewinnen, aber trotzdem er seinen Sohn Hülfe bittend an den gerade mit der Niederwerfung der Beni Snassen beschäftigten französischen General Martimprey schickte, konnte er nicht aufkommen. Da war ferner der erste Sohn des verstorbenen Sultans und älterer Bruder des jetzt regierenden, auch er wurde aus dem Felde geschlagen, und wurde wie der ersterwähnte nach Tafilet verbannt92. Der jetzt regierende Sultan Sidi Mohammed verdankte seine schnelle Installirung hauptsächlich dem Umstande, dass sich Sidi el Hadj-Abd-es-Ssalam von Uesan für ihn erklärte, dass er schon bei Lebzeiten des Vaters Califa, d.h. Stellvertreter des Sultans gewesen und grosse Schätze angesammelt hatte, und dass sich Ben Thaleb, der Gouverneur von Fes, sofort zu seiner Partei bekannte.

[Fußnote 92: Beide Prinzen, die ich dort kennen lernte im Jahre 1863, lebten in freiwilliger Verbannung, obschon man in Marokko behauptet, die Regierung habe sie dorthin verbannt. Die Lage ist aber derart, dass, wenn der Sultan seines Bruders und Vetters habhaft werden könnte, er sie sicher würde hinrichten lassen.]

Der Bascha von Alt-Fes hatte indess gar nicht so leichtes Spiel, denn wenn auch Faradji, der Gouverneur von Neu-Fes, des jetzigen Sultans Panier ergriff, so hatte dieser mit seinen wenigen Soldaten genug zu thun, um das Palais des Sultans und Neu-Fes vor Plünderung und Angriff zu schützen. Ben Thaleb hatte aber ausser einem Dutzend Maghaseni (Reiter) nur von seinen eigenen, mit Flinten bewaffneten Berbern vielleicht 50 Mann zur Verfügung. Der jetzige Sultan war mit der Armee noch fern von der Hauptstadt.

Eines der wichtigsten Quartiere der Stadt, das der Djemma Mulei Edris, vorzugsweise von Schürfa (Abkömmlingen Mohammed's) bewohnt, empörte sich nun sofort nach dem Tode Abd-er-Khaman's und rief den ältesten Sohn des Sultan Sliman zum Nachfolger aus. Aber sie hatten nicht auf Ben Thaleb's eiserne Energie gerechnet: er liess fast vom ganzen Quartiere die erwachsenen Männer decimiren, die Häuser der vornehmsten Schürfa wurden dem Boden gleich gemacht, und alles was am Leben blieb, wurde seines Eigenthums beraubt. Diejenigen nun, welche wissen was es heisst, einen Scherif in Marokko beleidigen, strafen oder gar tödten, können sich denken, welche Aufregung dieses Verfahren Ben Thalebs hervorrief, der nicht einmal Araber, geschweige Scherif, sondern nur ein Brebber93 war. Aber der Berber-Schich war nicht der Mann, sich einschüchtern zu lassen, andererseits vertheilte er den anderen Quartieren der Stadt je 2000 Metkal, ein ganz artiges Sümmchen für 17 Quartiere. So brachte er durch Strenge und Güte es dahin, dass Fes den jetzigen Sultan gleich anerkannte, und als der Vetter des Sultans mit seinem Heere vor die Hauptstadt rückte, wurde er von den Bewohnern von Fes, an deren Spitze Faradji und Ben Thaleb standen, feindselig empfangen; er musste fliehen, als Sidi Mohammed herbeirückte, diesem wurden die Thore geöffnet, und damit hatte Marokko einen Sultan,

[Fußnote 93: Bezeichnung für Berber in Marokko. Man sieht hieraus, dass der Araber den Wahn, den Mohammed lehrte, das arabische Volk sei besser als jedes andere, noch immer aufrecht erhalten. Es trug dies wesentlich zum Untergange des arabischen Volkes bei, wie denn auch die Juden den Dünkel das auserwählte Volk Gottes zu sein schwer genug haben büssen müssen.]

Als Gast des Bascha's bezog ich mit meinem Dolmetsch, welcher Hauptmann der regelmässigen Armee des Sultans war, ein Zimmer, welches zur Privatmoschee des Bascha's gehörte, welche gleich neben seiner Amtswohnung gelegen ist. Mit zunehmender Wärme wurde der Aufenthalt in diesem Zimmer bald unerträglich, und als eines Tages der Bascha fragte, wie ich mit meiner Behandlung zufrieden sei, machte ich ihn auf die unerträgliche Hitze aufmerksam. Er rief einen seiner Diener und fragte ihn, welche Wohnung in der Nähe der seinigen auf der Stelle zu haben sei; dieser bezeichnete einen reizenden Sommersitz, welcher, obschon in der Stadt gelegen, einen hübschen Garten habe, vom Fes-Flusse durchzogen würde, an die Wohnung des Bascha anstiesse, "aber, fügte er hinzu, der Scherif, dem es gehört, hat seinen Sommeraufenthalt schon darin genommen." "Geh' auf der Stelle und sage ihm, ich brauche seine Wohnung," war des Bascha's kurze Antwort "Und du Mustafa,"94 fuhr er fort, "kannst heute noch umziehen, und wirst nun gewiss zufrieden sein." Der Scherif schien indess nicht grosse Eile zu haben; vielleicht glaubte er auch, weil er Scherif (Abkömmling Mohammed's) sei, dem Befehle trotzen zu können. Kurz, als ich am folgenden Tage Ben Thaleb besuchte und er sich nach meiner Wohnung erkundigte, musste ich gestehen ich sei, weil der Eigenthümer sich noch immer in seinem Hause befände, noch in meinem Moschee-Zimmer. Aber kaum liess der Bascha mich vollenden; ein Diener wurde gerufen, er bekam Befehl, auf der Stelle den Scherif mit seinem beweglichen Eigenthum auf die Strasse zu setzen; so geschah es, und an demselben Tage konnte ich einziehen. Es würde nichts genützt haben, hätte ich zartfühlend gegen diesen Befehl, den Eigenthümer aus seinem Besitze zu vertreiben, protestiren wollen, Niemand würde ein solches Benehmen verstanden haben, da das unfehlbare Benehmen, d.h. willkürliches Betragen, sich vom Sultan auch auf seine Beamten übertragen hat.

[Fußnote 94: Es war dies mein in Marokko angenommener Name.]

Folgendes nun wirft auch Licht auf das summarische Gerichtsverfahren in Marokko und Fes überhaupt, und ich schreibe die hier folgenden Zeilen wörtlich aus meinem damals geführten Notizbuch ab.

Das neue Haus, welches ich bezog, hat ein Stockwerk und ist nicht nach Art der Wohnhäuser in Fes eingerichtet, sondern nach anderen Regeln erbaut. Mitten im Garten liegend, fliesst unter dem Hause der kleine Ued Fes, der hier in den Garten tritt und in einer 4' tiefen und 6' breiten gemauerten Rinne läuft, bis er an eine dem Hause gegenüberliegende Veranda kommt, und unter dieser in einen andern Garten tritt. Das Haus selbst hat unten eine geräumige Veranda, einen Salon und ein Zimmer, das alkovenartig (eine Art von Kubba) hinten angebaut ist; oben sind drei Zimmer, die wir unbewohnt liessen; ebenso wurde das platte Dach selten benutzt. Der mir als Dolmetsch beigegebene Offizier schlief mit mir im hintern alkovenartigen Zimmer; in der einzigen Thür, welche zum Salon führte, schliefen drei Diener zwei andere in der Veranda, und zwei waren in der gegenüberliegenden Veranda, wo wir der Bequemlichkeit halber auch unsere Pferde stehen hatten. So bewacht, dachten wir nicht im entferntesten an Diebstahl, zudem in Fes Nachts, weil die einzelnen Quartiere, wie früher schon erwähnt ist, abgeschlossen sind, die grosse Communication ganz aufgehoben ist.

Eines Abends hatten wir, der Kaid oder Hauptmann und ich, auf unserem Teppich liegend, spät Abends Thee getrunken, beim silbernen Mondschein, am Rande des vorbeiplätschernden Flüsschens, unter duftenden Orangenbäumen hatten wir die Zeit vergessen, und der Muden ilul (das erste Avertissement zum Gebet wird im Sommer schon um 1 Uhr Morgens von den Minarets gegeben) ertönte, als wir schlafen gingen. Wir mochten kaum eine halbe Stunde geschlafen haben, als einer der Diener "Sserakin, Sserakin" (Diebe, Diebe) rief. Alle liefen wir hinaus mit Gewehren bewaffnet, aber nichts war zu finden. Wie hätte aber auch ein Dieb herein und so schnell hinauskommen können: an drei Seiten hatte der Garten fast 20 Fuss hohe Mauern, und die vierte Seite führte mittelst einer senkrechten, etwa 30 Fuss hohen Mauerwand in einen anderen Garten, unmöglich konnte er hier hinuntergesprungen sein. Indess fanden wir, nach unserer Behausung zurückgekehrt, dass wirklich ein Dieb dagewesen sein musste, es fehlten von meinen Kleidungsstücken, die ich abgelegt hatte, Hosen, Pantoffeln, dann der Turban des Hauptmanns, ferner ein erst Tags zuvor angebrochener Hut Zucker, endlich unser ganzes Theeservice, Eigenthum des Bascha's. Eine genauere Untersuchung ergab, dass der Dieb unter der Gartenthür sich durchgewühlt, und wahrscheinlich schon mehrere Gänge gemacht hatte.

Auf unsere am anderen Morgen erfolgte Anzeige wurden von Ben Thaleb sämmtliche umwohnenden Bürger verhaftet, sie mussten die Sachen in Gemeinschaft ersetzen, ausserdem ein jeder 20 "Real" (so nennt man die französischen fünf Francs-Stücke) Caution erlegen, bis der Dieb von ihnen selbst ermittelt wäre. Mit Erlegung der 20 Reals erlangten sie zwar ihre Freiheit wieder, aber ich glaube kaum, dass sie je wieder zu ihrem Gelde gekommen sind, sollte es ihnen auch gelungen sein den Dieb zu ermitteln. Ich bemerke hiebei, dass ich einige Jahre später in Leptis magna von der türkischen Behörde eine ganz ähnliche Justiz üben sah, als einem meiner Diener aus dem Zelt ein Revolver Nachts gestohlen wurde.

Ausser den beiden Gouverneuren der Stadt giebt es sodann Vorsteher der einzelnen Quartiere, Vorsteher der Moscheen, Einsammler der Gelder, Marktvögte, einen Marktkaid der Kessaria, und einen Marktkaid des grossen, einmal in der Woche ausserhalb der Stadt abgehaltenen Marktes. Die Marktvögte und der Marktkaid haben hauptsächlich die Obliegenheit Streitigkeiten zu schlichten und Ordnung zu halten. An jedem Thore findet man einen Kaid el Bab, der die Thore zu öffnen und zu schliessen, sowie den Zoll zu erheben hat, es ist sodann eine Hauptzollamt in der Stadt, endlich sind als Behörden noch die Zunftmeister zu nennen, da jedes Handwerk zu einer Zunft verbunden ist, welcher ein Meister, der den Titel Kebir hat, vorsteht.

Die nächste Umgebung der Stadt zeigt im Norden, Osten und Westen die blühendsten Gärten, die man sich nur denken kann, im Südwesten sind Vorstädte; fast vor allen Thoren ziehen sich Gräberreihen und Gottesäcker hin, von denen einige äusserlich recht stattlich aussehende grössere Grabmonumente aufzuweisen haben. Indess liegt in diesen kaiserlichen Grabmonumenten eine gewisse Einförmigkeit, alle haben viereckige Form, darüber eine achteckige oder viereckige oder auch ganz runde Bedachung. Im Innern findet man in der Regel einen Sarkophag, oft mit Tuch überzogen, oft aber auch nur aus einem hölzernen Gestell bestehend. Neben einem solchen Hauptgrabe findet man manchmal zwei bis sechs und noch mehre kleinere einfache Gräber; entweder waren es Kinder der hier begrabenen Fürsten oder manchmal auch Vornehme und Grosse des Landes, die gegen hohe Geldsummen das Recht erwarben, sich an der Seite ihres Sultans begraben lassen zu können. Von der jetzt regierenden Dynastie ist niemand in oder ausserhalb Fes' beerdigt, sie hat ihre Grabstätten in Mikenes.

Ein grosser und für uns Europäer fast unerträglicher Uebelstand ist, dass dicht vor den Thoren sich verwesende Berge, oft 50 Fuss hoch, von crepirten Thieren befinden; seit Jahrhunderten ist es Brauch, jedes todte Vieh, allen Unrath vor die Thore der Stadt zu bringen, aber so dicht an den Wegen sind diese verpestenden Hügel errichtet, dass es eine Qual ist, aus der Stadt heraus und in dieselbe hinein zu kommen.

Der die Stadt beherrschende Berg, der im Norden und Nordwesten sich um dieselbe herumzieht, heisst Djebel-Ssala, er hat vielleicht 1000 Meter absolute Höhe. Unter dem Vorwande, Kräuter für Bascha Ben Thaleb suchen zu wollen, bekam ich eines Tages Erlaubniss hinauf zu reiten; durch einen breiten Gürtel lachender Feigen- und Orangengärten, wo ausserdem Pfirsiche, Aprikosen, Granaten, Wein und Kirschen gezogen werden, gelangt man in Oelwaldungen, das zweite Drittel ist von immergrünen Eichen, von Lentisken und anderen das Laub nicht verlierenden Bäumen bestanden, das letzte Drittel hat nur Buschwerk und Zwergpalmen. Oben auf dem Berge, von dem aus man eine prächtige Uebersicht über die Stadt, über die Ebene bis zum grossen Atlas und über das nach Westen sich ziehende Serone-Gebirge hat, traf ich einen Einsiedler, Sidi Mussa, schon seit 50 Jahren in einer Höhle auf dem Ssala-Berge lebend. Im Rufe grosser Heiligkeit, lebt er von den Gaben der Pilger, hat aber ausserdem eine grosse Bienenzucht. Auf dem Plateau des Ssala-Berges sind mehrere Quellen und sogar Gärten und Ackerbau.

Was die Bevölkerung von Fes anbetrifft, welche wir auf 100,000 Seelen schätzen können und die vor der Cholera im Jahre 1859 wohl noch 20,000 mehr betrug, so besteht dieselbe vorzugsweise aus Arabern und Berbern.

Während aber auf dem Lande die Mischung von Berbern und Arabern bedeutend seltener ist, kommt sie in den Städten häufiger vor, indess doch nicht der Art, dass man sagen könnte, ein Volk habe das andere absorbirt. Aeusserlich unterscheiden sich die Bewohner von Fes, wie die der übrigen Städte von den Landbewohnern durch grosse Weisse der Haut, es hat dies aber einzig seinen Grund darin, dass sie fast nie der Sonne ausgesetzt sind, da selbst, wenn sie auf die Strassen gehen, diese so eng sind, dass sie nur auf kurze Zeit von der Sonne beschienen werden. Der Grund der häufigen Corpulenz bei den Männern ist denn auch nur darin zu suchen, dass sie wenig Uebung, wenig Bewegung bei verhältnissmässig kräftiger Kost haben. Im allgemeinen sind trotz des sehr hellen Teint die Leute von Fes sehr hässlich, namentlich häufig findet man wulstige Lippen und krauses, obschon langes Haar. Negerblut ist hier unverkennbar, wie denn überhaupt in ganz Marokko viel Negerblut unter die Arabern gekommen ist. Fes vor den übrigen Städten des Landes zeichnet sich noch dadurch aus, dass mit den arabischen und berberischen Elementen sich stark das jüdische gemischt hat. Nicht etwa durch freiwillige Heirathen, sondern dadurch, dass hübsche Jüdinnen gezwungen werden, in den Harem des Sultans oder eines Grossen des Reichs zu treten oder durch gezwungene Uebertritte, durch Kinderraub; so pflegen denn auch die übrigen Bewohner des Landes von den Familien in Fes zu sagen: die Hälfte derselben habe jüdisches Blut in ihren Adern.

Die Zahl der Juden in Fes, welche, wie alle marokkanischen, zum Theil direct von Palästina eingewandert, zum Theil von Spanien zurückvertrieben sind, mag sich auf 8-10,000 belaufen. Sie leben hier ebenso unglückselig wie in den übrigen marokkanischen Städten. Der verstorbene Sultan Abd-er- Rhaman glaubte es durchsetzen zu können, den Juden eine Art Emancipation zu verschaffen, und gestattete den Juden gleiche Tracht mit den Moslemin. Der erste Unglückliche, der es wagte seine Melha (den Juden-Ghetto) mit rothem Fes, mit gelben Pantoffeln zu verlassen, kehrte nie zurück: er wurde gesteinigt. Der Sultan hatte, trotz seiner Unfehlbarkeit, nicht die Macht den religiös-fanatischen Wuthausbruch seiner Unterthanen zu dämpfen.

Der religiöse Fanatismus, der ja allen semitischen Religionen innewohnt, ist überhaupt eine der schlimmen Seiten der Bewohner von Fes. Wie oft habe ich selbst mich von irgend einem Lumpen auf der Strasse angehalten gesehen, der mir mit den Worten "Scha had," d.h. bezeuge, den Weg vertrat, und er und die sich rasch ansammelnde Menge liessen mich sicher nicht eher passiren, als bis ich "Lah il Laha il Allah" gesagt hatte, bekanntlich die Glaubensformel der Mohammedaner.

Die Tracht der Bewohner von Fes ist die der übrigen Städter, d.h. es kann hier nur von der Kleidung der Reichen die Rede sein, da ein Armer nur seinen Haik, d.h. ein langes weiss wollenes Umschlagetuch und ein cattunenes Hemd darunter zum Anziehen hat, sonst aber barfuss und barhaupt daherkommt. Im Winter wird freilich der wollene Burnus darüber gezogen, der manchmal aus schwarzer, manchmal aus weisser Wolle besteht.

Der Anzug des wohlhabenden Bewohners von Fes ist indess viel reichhaltiger. Auf dem Kopf trägt er einen hohen spitz zulaufenden rothen Fes, Saschia genannt, um den ein weisser Turban, Rasa, gewickelt wird. Ueber ein langes weissbaumwollenes Hemd, Camis, vervollständigen eine Tuchweste mit vielen Knöpfen, und bis oben eng anschliessend und zugeknöpft, Ssodria, dann ein Tuchkaftan aus schreienden Farben und eine weite Hose, Ssrual, den Anzug, gelbe Pantoffel bilden die Fussbekleidung. Die meisten Jünglinge und Männer tragen Fingerringe aus Silber mit werthlosen Steinen, einige haben Ringe mit Steinen, welche man im Wasser auflösen kann (nach der Aussage des Besitzers), und welche Auflösung alsdann ein Mittel gegen Vergiftung ist. Einen solchen Ring besass Ben Thaleb auch, dennoch entging er nicht seinem Tode.

Sehr unangenehm ist die entsetzliche Unreinlichkeit, welche überall herrscht; die Kleider werden nie gewechselt, sondern, wenn einmal angezogen, immer Tag und Nacht, so lange auf dem Körper getragen, bis man neue Kleidungsstücke anschafft. Allerdings spricht Leo von grossen öffentlichen Waschanstalten in Fes; ich konnte leider solche zu meiner Zeit nicht mehr constatiren. Der reiche Bewohner kauft sich einmal, wohl auch zweimal, im Jahr einen neuen Anzug, bei Gelegenheit eines grossen Festes. Das altgewordene bekommen sodann die Kinder, Verwandten, Diener, oder auch arme Freunde zum Weitertragen. Der Arme kauft sich, nachdem er lange darauf gespart hat, einen Anzug, legt ihn dann aber nie wieder ab, bis er absolut unbrauchbar geworden ist. Freilich findet einmal im Jahr eine grosse Kleiderreinigung, eine allgemeine Wäsche, statt: am Tage vor dem aid-el- kebir, dem grossen Bairain der Türken. Da an diesem Tag Jeder geputzt erscheint, wer es kann sich ein neues Kleid kauft, und wer nicht, doch darauf hält so rein als möglich zu erscheinen, so sehen wir denn am Tage vor dem aid-el-kebir alle Welt, Jung und Alt, Männer und Frauen den Wasserplätzen zueilen; man entledigt sich der Kleidungsstücke und wie besessen tanzt und springt Jeder auf seinem Zeuge herum, um mit den Füssen den jahrelangen Schmutz herauszustampfen: eine einfache Handwäsche würde dazu nicht genügen.

Die Nationalspeise der Fessi ist ebenfalls Kuskussu—ein Mehlgericht, welches aus geperltem Weizen- oder Gerstenmehl bereitet und mittelst Dampf gekocht wird. Der nahe Sebu liefert indess ausgezeichnete Fische, die man in einer gepfefferten und durch Tomaten rothgefärbten Oelsauce stets fertig auf dem Marktplatze bekommen kann. Hammel-, Ziegen- und Schaffleisch ist gleichfalls billig zu haben, und in Fes wird wohl mehr animalische Nahrung consumirt, als im ganzen übrigen Lande, die Städte ausgeschlossen, zusammen.

Wie alle Marokkaner, sind auch die Fessi grosse Liebhaber von Thee, der vor dem Essen gereicht wird; die Manier zu essen ist aber eben so unsauber bei den vornehmsten Fessi, wie im ganzen Lande. Mehrere Personen hocken um eine irdene Schüssel, die in einem niedrigen Tischchen, etwa zwei Zoll hoch, Maida genannt, aufgetragen wird. Alles kauert auf der Erde, in solcher Stellung, wie Jeder sie nehmen will; nachdem ein Sklave oder einer der Gesellschaft Wasser zum Abwaschen der Hände herumgereicht hat, spült man sodann diese ab, und ein gemeinsames Handtuch bei den Reichen dient zum Trocknen, bei Unbemittelten trocknet man sich einfach die Hände mit dem Zipfel seines Burnus. Dann, auf ein gegebenes Zeichen, greift mit dem Worte "Bi' Ssm' Allah" (Im Namen Gottes) ein Jeder mit der Rechten in die Schüssel, um den erhaschten Bissen zum Munde zu führen. Alle befleissigen sich einer ausserordentlichen Eile, um nicht zu kurz zu kommen, nur bei sehr Reichen wird langsam gegessen, weil da mehrere Schüsseln folgen. Es gehört übrigens zum guten Ton für die Frauen, Diener und Kinder, oder auch für die herumlungernden Armen, Anstandsbrocken in der Schüssel zu lassen. Eine grosse Auszeichnung aber ist es jedenfalls für einen Fremden, wenn der Wirth selbst mit seiner schmutzigen Hand in die Schüssel fahrt, einen Lockina, d.h. Bissen oder Mundvoll, hervorholt und ihn dem Gast in den Mund schiebt. Obschon ich nicht lange Zeit brauchte um mich an diese Art des Essens zu gewöhnen, denn Hunger überwindet Alles, so hatte ich doch längere Zeit nöthig zu lernen geschickt und anständig zu essen, denn es gehört Geschicklichkeit dazu die oft halb flüssigen Bissen mit Eleganz an den Mund zu befördern, namentlich, wenn man nicht zu kurz kommen will.

Ein Trunk Wasser, eine abermalige oberflächliche Handabspülung und ein nie unterlassenes "Hamd ul Lah" (Lob sei Gott) beschliesst jedes Mahl.

9. Mikenes und Heimreise nach Uesan.

Ben Thaleb hatte geglaubt, auf die Dankbarkeit des Sultans rechnen zu können, der seine Thronbesteigung gewissermassen ihm zum Theil verdankte. Verschiedene Male war Ben Thaleb um seinen Abschied eingekommen, er hatte nun seit mehr als 13 Jahren der reichsten Stadt des Landes vorgestanden. Vielleicht hoch in den Fünfzigen, hoffte er seine letzten Lebensjahre ruhig in seiner Heimath, inmitten seiner treuen Berbertribe beschliessen zu können. Da starb er eines Tags, plötzlich, ohne vorher auch nur ernstlich unwohl gewesen zu sein.

Dem Sultan musste der Tod des Bascha's äusserst erwünscht sein. Er hatte gerade jetzt Kriegsentschädigung zu zahlen. Spanien verlangte für Zurückziehung der Truppen aus Tetuan 23 Millionen spanische Thaler. Woher das Geld nehmen? Den grossen Schatz, der in Mikenes sein soll, wollte oder konnte er nicht anbrechen. Wie froh musste der Sultan sein, dass Ben Thaleb in diesem Augenblick ihm den Gefallen that, zu sterben; er war somit Erbe seines ganzen baaren Vermögens geworden.

Sobald der Tod Ben Thaleb's ruchbar geworden war, kamen seine Diener, Sklaven und Maghaseni vor meine Wohnung unter dem drohenden Geschrei, ich habe den Bascha vergiftet, und man müsse mich tödten. Glücklicher Weise für mich war der älteste Sohn des Bascha's da, um mich zu beschützen. Noch am Abend vorher waren wir bei seinem Vater, dem Bascha, gemeinsam zum Thee gewesen, derselbe hatte, genesen von einem leichten Unwohlsein, noch am Abend einen Ochsen, als Opfer und Geschenk an die Moschee Mulei Edris geschickt, und noch am selben Abend äusserte sich der Bascha in Gegenwart dieses Sohnes, dass Mustafa (mein angenommener Name) stets sein volles Vertrauen gehabt habe, und dass ich ihn bei seinem leichten Unwohlsein stets zur Zufriedenheit behandelt habe. "Und," fügte er hinzu, als ob er ein Vorgefühl seines nahen Todes habe, "wenn Gott mein Dasein verkürzen sollte, so beschütze Mustafa, der mein Gast gewesen ist."

Eingedenk der Worte seines Vaters, trieb Si-Hammadi (so hiess der Sohn) seine Leute auseinander, und schon nach zwei Tagen befahl er, mit ihm nach Mikenes zu reisen, zum Sultan. So sagte ich denn Fes Lebewohl, um es nie wieder zu betreten.

Si-Hammadi, von einer glänzenden Suite umgeben, dann mein Dolmetsch Si- Mustafa und ich mit unserem Tross, endlich eine Reihe von wenigstens 200, mit schweren Kisten bepackten Maulthieren und vielleicht 100 Kamelen ebenso beladen, von Maghaseni escortirt, das war unsere Karavane. Ich wusste nicht, was aus diesem gleichartig gepackten Zuge machen, seine Gepäckthiere hatte Si-Hammadi ausserdem noch, bis ich erfuhr, dass dies das vom Bascha hinterlassene Baarvermögen sei, ungefähr zwei Millionen spanische und französische Thaler. Die Summe mochte nicht übertrieben sein, in Anbetracht, dass ein Maulthier mit leichter Mühe hundert Pfund Silber = 2000 französische Thaler, ein Kamel aber ohne Beschwerde das Dreifache tragen konnte. Ohne Anhalt erreichten wir in einem Tage das nahe Mikenes.

In Mikenes angekommen, verabschiedete ich mich von Si-Hammadi und nahm im Funduk el Attarich in der Stadt Logis, ging Abends noch ins Lager hinaus, um meine militärischen Bekannten zu begrüssen, welche sich ebenso sehr wunderten, mich jetzt plötzlich wieder zu sehen, als sie vorher erstaunt gewesen waren, eines Morgens mein Hanut mit dem schönen Aushängeschild ohne Arzt zu finden, und erst später nach und nach inne wurden, ich sei auf allerhöchsten Befehl nach Fes zurückgeschickt worden.

Anderen Tages machte ich bei dem Grosswessier einen Besuch, er war schon von meiner Ankunft unterrichtet, und hatte, als ob ich selbst nichts dabei zu sagen hätte, schon Befehl gegeben, für mich Zimmer einzurichten, in einem Hause, welches neben dem seinigen lag. Ich hatte Abends vorher Ismael (Joachim Gatell) im Lager gesehen, wie kläglich er dort unter den thierischen Soldaten die Zeit verbrachte, und war daher froh, mich von der Armee fern halten zu können. Die mir von Si-Thaib zur Verfügung gestellte Wohnung war neu und geräumig und ich lud Ismael ein, dieselbe zu theilen. Da er dies Anerbieten gern annahm, hatten wir beide jetzt eine angenehme Zeit vor uns, wir konnten unsere Erlebnisse und Enttäuschungen uns mittheilen, wieder einmal europäisch denken und fühlen. So viel merkte ich wohl, dass Ismael von seiner Lage noch weniger erbaut war, wie ich, der ich fern von den marokkanischen Soldaten gelebt hatte.

Aber auch sein Unangenehmes hatte der Aufenthalt bei Si-Thaib für mich. Der erste Minister hatte nicht aus Uneigennützigkeit mir seine Wohnung angeboten, sondern nur um mich zur Hand haben, Krankenwärterdienste bei ihm zu verrichten. Jeden Mittag, wenn, er vom Maghasen (Palais des Sultans und Sitz der Regierung) zurückkam, wurde ich gerufen. Ich hatte dann die unangenehme Pflicht, ihm seine kranken Füsse mit Kampherspiritus zu reiben. Nur auf diese Art glaubte er Linderung in seinen Podograschmerzen zu haben, versprach sich sogar Heilung davon. Und dies Geschäft war keineswegs ein angenehmes, beim Beginn der Operation unterhielt er mich meist über Politik, wobei er die verrücktesten Ansichten auskramte, auch Religion wurde aufgetischt, nach einer halben Stunde pflegte er zurückgelehnt auf seiner Matratze einzuschlafen. Ich durfte aber nicht etwa das Reiben einstellen, sonst erwachte er sogleich und befahl fortzufahren; oft habe ich mit dieser Verrichtung zwei bis drei Stunden zubringen müssen.

Si-Hammadi, der Sohn des Bascha's von Fes, hatte dann bei Ablieferung der Gelder einen so günstigen Bericht über mich gemacht, dass ich eines Tags durch die Botschaft überrascht wurde, ich sei zum Leibarzt des Sultans ernannt und habe von jetzt an alle Tage die Frauen des Sultans zu behandeln. Vorher beschenkte mich Si-Hammadi noch mit einem meergrünen Tuchanzug, grosse Auszeichnung als Belohnung für die Dienste bei seinem Vater.

Es kamen nun jeden Morgen zwei Maghaseni aus dem Harem, um mich zu rufen. Dort angekommen, nahm mich der Oberste der Eunuchen, Herr Kampher, in Empfang und bald darauf wurde ich in ein Vorgemach geführt, wo ich die Damen vorfand, welche sich behandeln lassen wollten. Im Anfange wollten sich die Frauen nicht entschleiern, als ich aber darauf bestand, ging Herr Kampher, der sowie einige andere Eunuchen als Herr Moschus95, Herr Atr' urdi (Rosenessenz) etc., natürlich immer zugegen war, ins Harem zurück, meldete dies dem Sultan, kam aber dann mit dem Bescheid: "Unser Herr (Sidna) sagt, da du ja doch nur ein Rumi und eben erst übergetretener Christenhund bist, brauchen sich die Frauen deinetwegen nicht zu geniren." Somit fielen die Umschlagetücher (eigentliche Schleier werden weder in Marokko, noch sonst wo von mohammedanischen Frauen zum Verdecken des Gesichtes benutzt) und ich hatte alle Tage Gelegenheit, die Reize der Frauen des Sultans bewundern zu können. Man glaube übrigens nur nicht, dass irgendwie besondere Schönheiten im Harem wären, oder diese müssten sich nicht gezeigt haben, meistens waren es sehr junge Geschöpfe mit recht vollen Formen. Die oft kostbaren Anzüge und die vielen Schmucksachen waren mit Schmutz überladen, and in der Regel an den Kleidern irgend etwas zerrissen. Die meisten schienen nur aus Neugier zu kommen, um den "Christenhund" zu sehen. Alle aber, abgesehen von ihrem albernen und läppischen Wesen, waren recht freundlich und hätte ich nicht die Vorsicht gebraucht, Herrn Kampher zu sagen, die und die, nachdem sie zwei oder drei Mal zur Visite gekommen war, nicht wieder vorzuführen, so wäre wohl nach einiger Zeit der ganze Harem herausgekommen. Sie schienen das Krankmelden als einen angenehmen Zeitvertreib zu betrachten, eine ernstlich Kranke habe ich in der ganzen Zeit meines Aufenthaltes nicht gesehen. Ich hütete mich denn auch sehr, irgend wie selbst Medicin zu geben, obschon mir jetzt die dem Sultan von der Königin Victoria geschenkte Arzneikiste zur Verfügung stand. Ich beschränkte mich auf diätetische Anordnungen und culinarische Recepte, die oft grosse Heiterkeit hervorriefen, aber, wie mir Herr Kampher sagte, immer streng befolgt wurden, da die Marokkaner jedem Extraessen (d.h. alles was nicht Kuskussu ist) irgend eine besondere Heilkraft beilegen.

[Fußnote 95: Alle Eunuchen haben stets stark duftende, aromatische Namen.]

Von meinem Gehalt hatte ich seit meiner Reise nach Fes nichts mehr zu sehen bekommen, wahrscheinlich regalirte sich Hadj Asus damit, auch nach der Ernennung zum Leibarzte war von meiner Gehaltsauszahlung oder Erhöhung desselben keine Rede. Allerdings sagte mir Si-Thaib mehrere Male, ich solle nur zum Amin (Schatzmeister) des Sultans gehen, der Sultan habe Befehl gegeben, ich solle jetzt täglich 5 Unzen Silber, also ca. 8 Sgr. beziehen, ich enthielt mich aber dessen. Des Hofes war ich so müde, dass ich nur daran dachte, wie ich fortkommen könne. Ueberdies fehlte es nicht an Geld, die Grossen des Reiches glaubten alle verpflichtet zu sein, weil ich Arzt des Sultans war, sich von mir behandeln zu lassen, und irgend ein Bittsteller, der bei Si-Thaib erschien, kam sicher auch um sich von mir behandeln zu lassen. Und weil er glaubte, ich gehöre mit zum Hause des Ministers, hielt er sich verpflichtet, auch mir ein Geschenk zu machen; indem er Medicin dafür verlangte, meinte er auf diese Art zwei Fliegen mit einer Klappe zu fangen.

Ich war daher so beschäftigt, dass ich nur die Abende für mich hatte, bekam daher von Mikenes wenig zu sehen. Freitags hatte ich jedoch Zeit, eine oder die andere Moschee zu besuchen, die, welche den Namen Mulei Ismael hat, ist jetzt die berühmteste, und da der "blutdürstige Hund" Mulei Ismael längst einer der berühmtesten Heiligen von Marokko geworden ist, hat die Moschee, in der sich das Grabmal Mulei Ismaels, Mulei Sliman's, Mulei Abd-er- Rhaman's und noch anderer Sultane dieser Dynastie befindet, Asylrecht erhalten. Die Berühmtheit dieser Moschee als Asyl Verbrecher gegen das Gesetz zu schützen, scheint durch die Leichen der eben genannten Herrscher Marokko's fast eben so gross geworden zu sein, wie die der heiligen Moschee Mulei Edris Serone, und die des Mulei Edris in Fes.

Eines Tages war ich Zeuge, dass verschiedene Artilleristen, welche wegen nicht erhaltener Löhnung revoltirt hatten, in die Djemma Mulei Ismael's flüchteten. Sie blieben dort mehrere Tage, sogar während eines Freitag- Gebetes, an welchem Tage der Sultan selbst in dieser Moschee das Chotba zu hören pflegt, und erst die positive Zusage vollkommener Straflosigkeit machte sie aus ihrem Zufluchtsorte hervorkommen. Ob diese später gehalten worden ist, weiss ich nicht, glaube es aber, da dem Sultan natürlich daran liegt, die Heiligkeit des Ortes, worin seine Vorfahren begraben liegen, aufrecht zu erhalten und zu erhöhen.

Die Zahl der Einwohner wird von allen Schriftstellern über Marokko verschieden angegeben, Höst nennt über 10,000 Einwohner, Hemsö 56,000 Ew., Leo 6000 Feuerstellen, Marmol 8000 Ew., Diezo de Torres 5000 Ew., Jackson 110,000 Ew. Das Wahre dürfte auch hier in der Mitte liegen, wenn man eine ungefähre Zahl von 40,000-50,000 Seelen annimmt. Marmol, Höst und Hemsö haben das alte Silda des Ptolemaeus in Mikenes sehen wollen. Nach Walsin- Esterhazy96 wurde Mikenes von einer Abtheilung der Znata, der Meknâca, gegen die Mitte des 10. Jahrhunderts gegründet. Der eigentliche Gründer der Stadt war aber Mulei Ismael, der hier beständig residirte, und unter dem sie ihre Berühmtheit erlangte und von der Zeit eine der vier Residenzen des Reiches geblieben ist. Einige Stunden südwärts vom Abhange des Berges Mulei Edris Serone gelegen, hat die Stadt die reizendsten Gärten, die man sich denken kann. Schon Leo hebt die kernlosen (?) Granaten und wohlriechenden Quitten hervor, und dass die Stadt einen grossen Oliven-Reichthum hat, bekundet das Beiwort Meknas-el-situna, d.h. das olivenreiche. Zum Theil liegen die Gärten innerhalb der Mauer.

[Fußnote 96: Siehe: Renou pag. 254.]

Das heisst die eigentliche Stadt mit der Kasbah und dem Palais des Sultans, ist durch eine sehr gut erhaltene, von hohen viereckigen Thürmen flankirte Mauer umgeben, und innerhalb dieser hohen Mauer befindet sich auch der prächtige Garten des Sultans. Dann zieht sich eine Stunde entfernt eine andere, niedrigere, an manchen Stellen zwiefache Mauer um die Stadt, um die nächsten Gärten zu schützen.

Mikenes hat fast durchweg eine Bevölkerung, die in irgend einer Beziehung zum Hofe oder zum Heere steht. Die von Hemsö angeführte und dem Leo nachgeschriebene grosse Eifersucht der Männer auf ihre Frauen dürfte wohl nicht grösser sein, als in den anderen marokkanischen Städten, besonders schön fand ich die Frauen nicht. Mikenes ist die einzige Stadt in Marokko, wo öffentliche Prostitutionshäuser sind. Im Uebrigen sind die Strassen gerader, reinlicher, die Häuser in einem besseren Zustande, als in irgend einer anderen Stadt des Reiches. Sogar der Palast des Sultans zeichnet sich dadurch aus, obschon der Theil, den Mulei Ismael mit Marmorsäulen, die er von Livorno und Genua kommen liess, schmückte, in Ruinen liegt. Diese schönen Monolithen liegen als Zeugen jüngst vergangener Grösse im Staube. Kein anderes Gebäude zeichnet sich irgendwie aus, selbst die Moschee Mulei Ismaels, welche doch Begräbnissstelle der jetzigen Dynastie ist, liegt halb in Verfall. Die Stadt wird durch eine ausgezeichnete Wasserleitung mit Wasser versorgt, irre ich nicht, von einem in den Ued Bet gehenden Bache aus, der nordwärts von der Stadt entspringt.

Erwähnen muss ich eines Abstechers nach Mulei Edris Serone, einer ungefähr 3 Stunden nördlich von Mikenes gelegenen Stadt; indess kann ich von diesem reizend gelegenen Orte nichts weiter anführen, als was ich bei Beschreibung der Stadt Fes schon mitgetheilt habe. Trotzdem ich Leibarzt des Sultans war, im Hause des ersten Ministers wohnte, alle Gebräuche und Sitten der Mohammedaner aufs Genaueste mitmachte, war ich dennoch immer mit misstrauischen Augen angesehen. Nach irgend einer Oertlichkeit direct fragen, ging schon gar nicht. Man würde gleich gesagt haben, ich sei ein Spion.

Glücklicher Weise trat ein Ereigniss ein, was mich aus des Sultans Dienste befreite, eine englische Gesandtschaft wurde in Aussicht gestellt, und nach einigen Wochen traf auch Sir Drummond Hay mit zahlreichem Gefolge und escortirt von einer starken Abtheilung Maghaseni in Mikenes ein. Man kann sich denken, wie gross meine Freude war. Seit über einem Jahre, so viel Zeit war nun verflossen, hatte ich nichts von Europa gehört, hatte weder einen Brief noch eine Zeitung gehabt, und erhielt nun auf einmal Bücher, Zeitungen, und konnte mich mit gebildeten Herren unterhalten. Im Anfange hatte ich grosse Schwierigkeit zu Sir Drummond Hay zu gelangen, da die marokkanische Regierung den strengsten Befehl ausgegeben hatte, keinen Renegaten auf die Gesandtschaft zuzulassen. Nur durch eine List verschaffte ich mir Einlass, indem ich Si-Tbaib sagte: ich müsse seiner Krankheit wegen mit dem der englischen Gesandtschaft beigegebenen Arzte sprechen. Das wurde bewilligt und ich durfte dann, von meinem ehemaligen Dolmetsch begleitet, die Gesandtschaft betreten.

Sir Drummond bewohnte eines der schönsten Häuser der Stadt, worin es sogar an europäischen Möbeln nicht fehlte, da der Sultan alle dergleichen Utensilien besitzt, sie aber für seine Person nicht gebraucht. Ueberhaupt wurde die Gesandtschaft mit einer Zuvorkommenheit und Artigkeit behandelt, wie sie Sir Drummond Hay, dem eigentlichen geheimen Herrscher von Marokko, zukommt. Auf den Strassen, vom Volke, überall wo die Gesandtschaft sich zeigte, wurde sie aufs respectvollste begrüsst. So gut wie der Sultan, fühlt das Volk, dass nur England eine wirkliche Hülfe gegen die Spanier und Franzosen ist. Es versteht sich von selbst, dass Sir Drummond sich mit aller Freiheit bewegen konnte, ebenso die übrigen Herren der Gesandtschaft.

Was mich anbetrifft, so gab mir Sir Drummond ein Schreiben (arabisch ausgefertigt) und sagte mir, dasselbe durch den ersten Minister dem Sultan vorzeigen zu lassen. In diesem Schreiben war betont, die marokkanische Regierung solle mich nicht mit den übrigen Renegaten verwechseln und mir meine Freiheit wiedergeben. Das Blättchen Papier wirkte Wunder. Als Si- Thaib mir dasselbe nach einigen Tagen wieder einhändigte, fügte er hinzu, der Sultan habe das Blatt gelesen, und gesagt, ich könne thun was ich wollte, sei vollkommen frei, Mikenes zu verlassen, ja ich dürfe überall im "Rharb" reisen und mich aufhalten, wo ich es für gut fände. Wer war froher als ich. Jetzt aber war auch der Wunsch das eigentliche Land Marokko zu durchreisen, erst recht wachgerufen, und namentlich fühlte ich einen starken Trieb von nun an weiter in das Innere Afrika's einzudringen. Aber ich war mir nun auch erst recht bewusst geworden, wie viel noch abging, solche gefährliche Reisen ohne Mittel ausführen zu können. Wenn auch einestheils gerade diese Mittellosigkeit ein grosser Schutzbrief für mich war, so hatte ich andererseits im Arabischen wenige Fortschritte bis dahin gemacht. Der Umstand, dass ich fortwährend einen Dolmetsch zur Seite gehabt, machte, dass ich kaum mehr von dieser Sprache verstand als beim Beginn meiner Reise. Auch war ich mit den Sitten und Gebräuchen des eigentlichen Volkes noch zu wenig vertraut. Ebenso wenig wie man diese z.B. in London was das englische Volk, in Berlin was das deutsche Volk anbetrifft, in Erfahrung bringen kann, zu dem Ende vielmehr das eigentliche Land selbst besuchen muss, ebenso wenig ist dies in Marokko in der Hauptstadt der Fall, und bislang war ich eigentlich nur in Fes und Mikenes gewesen.

Ich beschloss nun nach der heiligen Stadt Uesan zurückzukehren. Wo konnte ich besser Sitten, Gewohnheiten und auch die Sprache des Volkes kennen lernen, als in dieser grossen Pilgerstadt, wo täglich Hunderte, oft Tausende von Pilgern aus ganz Nordafrika, ja oft noch von weiter her zusammenströmen. Und es traf sich nun sehr glücklich für mich, dass gerade zwei von den nächsten Anverwandten des Grossscherifs in Mikenes waren. Diese hatten in der Besoffenheit einen Maghaseni des Sultans ums Leben gebracht, und waren selbst nach Mikenes gekommen, um sich deshalb beim Kaiser zu entschuldigen. Sie wurden nicht nur nicht gerügt oder gar bestraft für ihre im Trunk begangene Handlung, sondern der Sultan betrachtete es als einen besonderen Act der Höflichkeit, dass solche heilige Leute und noch dazu wirkliche Vettern des Grossscherifs, keinen Anstand nahmen, sich wegen einer solchen Kleinigkeit bei ihm selbst zu entschuldigen, und im Grunde genommen sah er es wohl nur für einen Vorwand an, Geschenke von ihm zu bekommen. Die erhielten sie denn auch beide. Sidi Mohammed ben Abd-Allah und sein Bruder, Sidi Thami, verliessen reich beschenkt die kaiserliche Residenz.

Si Thaib Bu Aschrin hatte die Güte mir einen Brief für die beiden Schürfa zu geben, welche direct nach Uesan zurückreisen wollten. Und so sagte ich denn dem Hofe des Sultans Lebewohl, nur Trauer empfindend, dass Ismael (Joachim Gatell), der die ganze Zeit bei mir gewohnt hatte, jetzt wieder ins Lager zurück musste, und da er nicht, wie ich, die Protection der englischen Gesandtschaft genoss, nicht daran denken durfte, so bald seine Befreiung zu bekommen.

Den folgenden Morgen begab ich mich mit meinem Gepäck zur Wohnung der Schürfa, und bald war Alles gepackt und wir sattelfest. Sidi Mohammed, ein fetter junger Mann von dreissig Jahren, und sein einige Jahre jüngerer Bruder, Sidi Thami, waren noch von zwei alten Schürfa begleitet und hatten mindestens 30 Diener als Gefolge. Wir verliessen gegen 8 Uhr Morgens Mikenes durch das Nordthor, zogen den Bergen entgegen, indem wir die Stadt Serone etwas östlich liegen liessen. Die Reisen zu Pferde oder Maulthier sind in Marokko keineswegs unangenehm, die mit hohen Lehnen versehenen Sättel, vorn mit einem Knauf, worauf man die Hände legen, die grossen Steigbügel, in welche man den ganzen Fuss schieben kann, lassen die Ermüdung weit später erfolgen, als bei europäischem Reitzeuge. Freilich muss ein Europäer sich die Mühe nehmen, den Sattel durch wollene Decken etwas zu polstern, denn wenn sich die Härte desselben schon ertragen liesse, ist er doch sehr uneben, was auf die Dauer unbequem ist.

Wir waren ohne Rast den ganzen Tag unterwegs, da Sidi Mohammed Ben Abd- Allah wohl besonderen Grund haben musste so schnell zu reisen, denn sonst pflegen die Grossen in Marokko nur, kleine Tagemärsche zu machen. Als ich mich in der Höhe der Berge von Mulei Edris etwas entfernte von unserer Karawane, wurde ich der Gegenstand einer Ovation, die in der Nähe wohnenden Leute, die von der Durchkunft von Schürfa von Uesan gehört hatten, wohl im Glauben ich sei auch ein Scherif, kamen haufenweise herbei, mir die Hand und den Saum der Djilaba küssend. Sie verlangten auch das Foetha (Segen), das ich glücklicherweise auswendig wusste. Hoffentlich haben sie eben soviel Nutzen von meinem Segen gehabt, als von dem eines wirklichen Scherifs! Aber wenn sie es gewusst hätten, ich sei ein zum Islam Uebergetretener, wie würden sie mich verflucht haben. Gut, dass wir in den Zeiten leben, wo Fluch und Segen von Menschen gesprochen, den Zauber ihrer Allmacht verloren haben.

Bei Sonnenuntergang hielten wir bei einem dem Grossscherif von Uesan gehörenden Duar (Zeltdorf). Da ich kein Zelt hatte, luden die beiden Schürfa mich ein, das ihrige mit zu theilen. Das Zelt eines Grossen von Marokko zeichnet sich durch Geräumigkeit aus. Aus starkem weiss und blaugestreiften Leinenzeug bestehend, ist es inwendig weiss und mit verschiedenartig zusammengenähtem bunter Tuch gefüttert. Meist von nur einer Stange getragen, kann die rund ums Zelt gehende gerade aufstrebende Seitenumfassung abgenommen werden, was namentlich bei Sonnenschein und grosser Hitze eine grosse Annehmlichkeit gewährt, da das Dach des Zeltes, gewissermassen ein grosser Schirm, frei stehen bleibt und dem kühlenden Winde der Durchlass offen steht.—Ich war froh, als der Koch der Schürfa sogleich ein Mahl auftrug, da ich den ganzen Tag nichts genossen hatte, als ein Stückchen Brod und Trauben. Gegen Mitternacht kam denn auch der Mul' el Duar oder Dorfvorsteher, mehrere Schüsseln voll Kuskussu verschiedener Art, und andere mit gebratenem Fleisch wurden niedergesetzt. Meine Müdigkeit war indess so gross, dass ich vorzog weiter zu schlafen, trotz der wiederholten Aufforderungen am Mahle theilzunehmen.

Frisch gestärkt erweckte man mich am anderen Morgen mit einer Tasse Kaffee (die Schürfa von Uesan trinken auch Kaffee) und sodann kam wieder ein reichliches Mahl der Leute des Zeltdorfes, welche dafür mit Thee bewirthet wurden. Wie am vorhergegangenen Tage war die Gegend hügelig, wohlangebaut und zahlreiche Duar deuteten auf eine verhältnissmässig dichte Bevölkerung. Bald nach dem Aufbruche am zweiten Tage passirten wir die Flüsse Sebu und Uarga, letzteren etwas oberhalb der Stelle, wo er in den Sebu einfällt. Ueberall wie am ersten Tage waren die Schürfa der Gegenstand der grössten Verehrung, im ganzen Lande gelten die Schürfa Uesan's als die grössten Heiligen. Die Sitte will es, dass ein Vornehmer nie seinen Einzug Abends hält, so wurde denn auch an dem Tage schon um 5 Uhr Nachmittags Halt gemacht in einem Duar, der Sidi Abd-Allah selbst gehörte. Nur noch einige Stunden am anderen Morgen, und wir hatten den Berg Bu-Hallöl vor uns, an dessen anderer Seite Uesan gelegen ist.

Sobald wir den Berg umgangen, kamen uns die Verwandten und Bekannten der Schürfa entgegen, die durch den jüngeren Bruder, der am Abend vorher noch die Stadt erreicht hatte, waren benachrichtigt worden. Sidi Thami hatte auch dem Grossscherif schon meine Zurückkunft mitgetheilt.

Ich konnte indess nicht direct nach der Wohnung des Grossscherifs gehen, da ich vorher bei Sidi Abd-Allah frühstücken musste. Ein naher Verwandter von Sidi el Hadj Abd es Ssalam, ist er, was Reichthum und Macht anbetrifft, von den Uesaner Schürfa der dritte, denn Sidi Mohammed ben Akdjebar, obschon entfernterer Linie, hat nach dem Grossscherif den grössten Einfluss und den grössten Reichthum. Die übrigen Schürfa, fast die ganze Stadt besteht aus Abkömmlingen Mohammed's, haben in Uesan selbst gerade keinen Einfluss, da ihrer zu viele sind.

Gleich darauf ging ich dann, nachdem ich meinen meergrünen Anzug angelegt hatte, zum Grossscherif, den ich von einer zahlreichen Menge umgeben in seinem Landhause antraf. Aufs freundlichste aufgenommen, liess er sogleich eine Wohnung für mich einrichten, und mich ein über das andere Mal willkommen heissend, sagte er, ich solle mich von nun an ganz wie zu seinem Hause gehörig betrachten.

Ehe ich nun meine Erlebnisse in Uesan schildere, möchte ich Einiges über die derzeitigen politischen Zustände in Marokko sagen, und knüpfe daran zugleich einige Worte über die sonstige und jetzige Stellung der christlichen Consuln.

10. Politische Zustände

Marokko hat eine Regierung so despotisch und tyrannisch eingerichtet, wie man sie eben nur da findet, wo zu gleicher Zeit geistige und weltliche Herrschaft in einer Person vereint ist, und der Grund zu diesem absolutesten Despotismus liegt doch keineswegs im Charakter des arabischen oder berberischen Volkes, einzig und allein die mohammedanische Religion ist Schuld daran.

In allen Ländern, auf welche sich der Islam ausgedehnt hat, ist es ähnlich. In der Türkei, in Persien, in Aegypten, in Tunis, überall die absoluteste monarchische Herrschaft, ja sogar in Centralafrika hat die mohammedanische Religion in den Staaten, von denen sie Besitz ergriffen hat, dem jeweiligen Fürsten unbeschränkte Macht verliehen, so in Uadai, Bornu, Sokoto und Gando.

Vor dem Islam lebten die Araber in kleinen Triben unter patriarchalischen Herrschern, und wenn die Berber Nordafrika's es zuweilen vermochten, sich zu Königreichen zu vereinigen, so war dennoch die Gemeindeabtheilung, kleine von einander unabhängige Republiken, ihre Urregierungsform. So finden wir in Nordafrika die Araber und Berber noch da, wo sie sich unabhängig von den grossen Staaten zu erhalten gewusst haben.

Nach der Entstehung des Islam folgte es von selbst, die politische Autorität mit der des obersten Priesters in einer Person zu vereinigen. Nach unten giebt es im Mohammedanismus keine Hierarchie, keine Priesterkaste, keine privilegirten Menschen, mit Ausnahme derer, welche Mohammed selbst als bevorzugt bezeichnete: das sind seine eigenen Nachkommen.

Freilich die vollkommene Unbeschränktheit, wie sie jetzt die Sultane von Marokko gemessen, "absolute Unfehlbarkeit," kam erst dann zu Stande, als im Anfange des 16. Jahrhunderts Sultane aus der Familie der Schürfa auf den marokkanischen Thron kamen. Seit der Zeit hat im eigenen Lande der Marokkaner die Macht und Unfehlbarkeit der Herrscher immer mehr zugenommen, das Wohl, die Bildung und der Fleiss des Volkes aber von dem Augenblick an auf merkwürdige Weise abgenommen.

Der Sultan von Marokko nennt sich "Beherrscher" oder auch "Fürst der Gläubigen," Hakem el mumenin, oder will er politisch als Herr des Landes sich bezeichnen, schreibt er Mul' el Rharb el Djoani97.

[Fußnote 97: Alle anderen Titel, wie z.B. bei Lempiere: "Emperor of Africa" (die Marokkaner wissen gar nicht was Afrika ist), "emperor of Marokko, King of Fes, Suz and Gago, Lord of Dara and Guinea and great Sherif of Mohamet" (?), sind Erfindungen der Europäer selbst.]

Von seinen Unterthanen wird er "Sidna," unser Herr, oder auch "Sultan," "Sultana," Sultan, unser Sultan genannt. Andere Ansprachen sind nicht üblich. Seine erste Frau, die nicht nothwendig ein weiblicher Scherif zu sein braucht, hat den Titel Lella-Kebira, und gebiert sie einen Thronfolger, so hat sie für immer das Recht den Harem zu regieren und bei der Wahl der übrigen Weiber eine gewichtige Stimme. Der älteste Sohn bekommt den Titel Sidi el Kebir oder Mulei el Kebir, denn Sidi und Mulei im Singular wird immer gleichbedeutend gebraucht, während Muleina, der Plural, nur auf den Propheten angewendet wird. Wie alle Mohammedaner, hat der Sultan gleichzeitig nur vier rechtmässige Frauen, die nach Belieben fortgeschickt oder erneuert werden; wie viele unrechtmässige, d.h. nicht angetraute junge Mädchen und Frauen in den vier Harems sind, weiss der Sultan, trotz seiner Unfehlbarkeit wohl selbst nicht.

Ein Gesetz über Erbfolge giebt es bei den Mohammedanern nicht, also existirt darin auch keine Regel für Marokko. Der augenblicklich auf dem Thron sitzende Fürst ist der zweite Sohn des verstorbenen Sultans, und dieser selbst war Neffe seines Vorgängers. Er heisst Sidi Mohammed ben Abd- er-Rhaman und ist im Jahre 1805 geboren. Wenn schon unter seinen Vorgängern, Sultan Sliman und Abd-er-Rhaman, Vieles anders am marokkanischen Hof geworden ist, so wechselte noch mehr unter der Regierung des jetzigen Herrschers, und trotzdem dieser nicht wie sein Vater Gelegenheit gehabt hat, mit Europäern auf gleichem Fuss zu verkehren und sie so besser kennen zu lernen, schätzt doch gerade Sidi Mohammed mehr als einer seiner Vorgänger die Christen. Der Vater Mohammed's war nämlich vor seiner Thronbesteigung Bascha in Mogador gewesen, hatte dort viel mit den Consuln verkehrt und somit europäische Gewohnheiten und Gebräuche kennen gelernt. Sidi Mohammed war aber fortwährend Bascha von der Stadt Marokko gewesen, ehe er Sultan ward.

Die Regenten von Marokko haben keinen eigentlichen Divan oder Midjelis, und die Etikette am Hofe ist äusserst streng. Es giebt aber gewisse Leute, die den Vorzug haben, sich setzen zu dürfen, z.B. die Prinzen, Gouverneure der Provinzen, vornehme Schürfa, während die gewöhnlichen Sterblichen vor dem Kaiser nur hocken oder knieen dürfen. Vorgelassene Bittsteller dürfen nur von weitem ihr Anliegen vorbringen in knieender Stellung, und nachdem sie vorher den Erdboden geküsst haben. In Gegenwart des Sultans darf das Wort "gestorben" nicht ausgesprochen werden, damit er nie an den Tod erinnert werde. Man umschreibt dies, z.B. mit: er hat seine Bestimmung erfüllt, ebenso darf nie die Zahl "fünf" vor dem Sultan ausgesprochen werden, man sagt dafür "4 und 1" oder "3 und 2". Dieser sonderbare Brauch98 erklärt sich wohl daraus, weil fünf die Zahl der Finger das Symbol der Hand, der despotischen Macht ist. In allen mohammedanischen Landen wird man auch häufig an den Häusern eine rothangemalte Hand oder einfach den Abdruck einer Hand oder mehrerer finden, man glaubt dadurch Gewalt und Einbruch abhalten zu können, das Haus wird hiemit unter die unsichtbare Macht einer starken Hand gestellt.

[Fußnote 98: S. Jackson, Account]

Spricht man in Gegenwart des Sultans von einem Juden, so wird vorher "Verzeihung" gebeten, "Haschak," weil die Juden für unrein gehalten werden. Früher galt das auch von den Christen, aber schon unter Abd-er-Rhaman kam diese Unsitte ab. Es versteht sich von selbst, dass Niemand mit Pantoffeln vor dem Sultan erscheint, doch haben die hohen Beamten die Erlaubniss, ihre gelben ledernen Stiefelchen anbehalten zu dürfen. Decorationen giebt es in Marokko nicht, indess dachte man im Jahre 1864 daran, einen Orden zu stiften, den vom Sultan Salomon (dem jüdischen König). Modelle waren angefertigt, ähnlich wie die, welche König Theodor von Abessinien hatte machen lassen. Die grösste Auszeichnung, die der Sultan von Marokko gewährt, ist die, wenn er selbst seines Burnus sich entledigt, und ihn einem der Anwesenden schenkt. Vornehme Personen werden zum Handkusse zugelassen, seine Kinder, seine Brüder und die allernächsten Günstlinge dürfen auch die innere Fläche der Hand küssen99.

[Fußnote 99: S. Aly Bei el Abassi.]

Der vom Sultan gemachte Aufwand ist verhältnissmässig gering und besteht hauptsächlich in schönen Waffen, herrlichen Pferden und einem grossen Harem, bewacht von einer glänzend gekleideten Schaar von Eunuchen. Die einflussreiche Stellung, welche diese unglücklichen Geschöpfe unter den früheren marokkanischen Fürsten hatten, hat indess jetzt ganz aufgehört und beschränkt sich lediglich darauf, unbeschränkt in dem Theile des Palastes zu herrschen, in den auser [außer] dem Sultan keine Mannsperson eintreten darf. Aehnlich gekleidet wie die marokkanischen Maghaseni oder Reiter, haben sämmtliche Eunuchen silbergestickte Leibgürtel. Alle haben einen stark riechenden duftenden Namen; so hiess in Mikenes der Eunuchenoberst "Kaid Kampher", andere hiessen Moschus, Amber, Thymian etc. Ein Theil des Harems ist stets mit dem Sultan unterwegs, dieser besteht aus den Lieblingsfrauen, Quintessenz der vier Harem von Fes, Mikenes, Rbat und Marokko. Marschirt der Sultan, so hat er zwei grosse Zelte, ein jedes umgeben von einer äusseren vom Hauptzelte unabhängigen Zeltwand. Beide Zelte sind durch einen Zeltgang verbunden: das eine bewohnt der Sultan, das andere ist für die Frauen. Im äusseren Umgang des für die Frauen bestimmten Zeltes halten sich die Eunuchen auf.

Die Regierung des jetzigen Sultans besteht aus dem ersten Minister, der vom Volke Uisir el Kebir genannt wird, sonst aber den Titel "Ketab el uamer", Schreiber des Fürsten, hat. Dieser ist der allmächtigste Mann im Reiche, ehemaliger Lehrer des Sultans, und sein Einfluss, namentlich in allen äusseren Angelegenheiten, ist entscheidend; sein Name ist Si-Thaïb-Bu- Aschrin-el-Djemeni. Der unmittelbare Verkehr mit den europäischen Consuln findet in Tanger statt, durch den dortigen Gouverneur, der den Titel Uisir- el-uasitha hat, und der seine Instructionen in dieser Beziehung vom Uisir- el-Kebir oder auch direct vom Sultan bekommt.

In allen despotischen Staaten, und vorzugsweise in mohammedanisch- despotischen Staaten, wird manchmal der niedrigste und dümmste Mann durch eine Laune des unfehlbaren Herrschers zum obersten Posten hinaufgehoben. Wer sollte sich dem auch widersetzen? In Marokko Niemand; allerdings giebt es fast allmächtige Kaids, unabhängig in ihren Provinzen regierend; allerdings giebt es die Classe der Schürfa, der Abkömmlinge Mohammeds, die sich wohl erdreisten, fern vom Sultan in Gegenwart des ganzen Volkes zu sagen: "Ich bin auch Scherif, und der Sultan hat kein besseres Blut in seinen Adern als ich;" allerdings ist da der Grossscherif von Uesan, der sagt, er stamme directer von Mohammed, als der Sultan selbst, und dieser allein wagt auch manchmal zu trotzen—aber sonst ist Niemand im Lande, der in Gegenwart des unfehlbaren Herrschers nicht von seiner eigenen Nichtigkeit und Unbedeutendheit überzeugt wäre.

So ist denn auch der zweitmächtigste Mann im Reiche, Si-Mussa, den ich gewissermaßen "Minister des kaiserlichen Hauses" tituliren möchte, weiter nichts, als ein ehemaliger Sklave, ein Neger von Haussa. Er hat nur das Verdienst, mit dem jetzigen Sultan aufgewachsen zu sein, und leitet augenblicklich alle inneren Palast-Affairen. Sein Bruder, Si-Abd-Allah, ebenfalls ein Haussa-Neger und ehemaliger Sklave, ist dermalen Kriegsminister.

Wichtiger Posten am Hofe von Marokko ist der des Mschuar. Der Kaid el Mschuar hat das Amt, Bittende, Fremde, Besuchende dem Sultan vorzuführen. Da man nur ausnahmsweise, um vom Sultan empfangen zu werden, sein Gesuch durch einen andern Minister anbringen lassen kann, ist dieser Posten sehr einträglich, folglich auch einflussreich. Denn jedes derartige Gesuch muss erst durch ein Geschenk, angemessen nach dem Reichthum des Petenten, unterstützt sein. Ebenso werden Consuln, wenn sie in Gesandtschaft zum Sultan kommen, oder auch in Rbat in gewöhnlicher Audienz empfangen werden, durch den Kaid el Mschuar eingeführt. Wie viele Plackereien damit für Europäer verbunden sind, wie vom Kaid el Mschuar abwärts Jeder, der ein Aemtchen hat, seinen Fremden auszubeuten bestrebt ist, davon hat Maltzan eine anziehende Schilderung gegeben.

Der, welchen man in Marokko den Minister des Innern nennen könnte, der aber zugleich auch Gross-Siegelbewahrer ist, der Mul-el-taba oder Kaid-el-taba, ist derzeit auch eine vollkommen aus dem Staub, oder, wie der Marokkaner sich viel kräftiger ausdrückt, aus dem Dr. ... "Sebel" heraufgekommene Persönlichkeit. Der Mul-el-Taba beräth mit dem Sultan die Besetzung der Kaid- oder Gouverneurstellen in den Provinzen und Städten.

Es giebt keinen eigentlichen Schatzmeister in Marokko, oder gar einen Finanzminister, denn den Schlüssel zur Hauptcasse, welche in Mikenes sein soll, hat der Sultan selbst. Dass eine Hauptabtheilung des dortigen Palastes, von aussen einen vollkommen viereckigen steinernen Würfel darstellend, "el dar-el chasna," oder "bit el mel", Schatzhaus heisst, kann ich aus eigener Anschauung bestätigen; anscheinend hat dieses massive Gebäude von aussen gar keinen Zugang, indess liegt eine Seite nach dem Harem zu, von wo aus der Eingang wohl sein wird. Die Marokkaner behaupten, der Zugang zum Schatz sei unterirdisch vermittelst eines Tunnels. Das Innere wird beschrieben als eine ausgemauerte Höhlung, in deren Innerem wieder ein gemauertes Gemach enthalten sei100. Alles dies ist wohl Fabel, denn Niemand, auch nicht der Kaid-etsard oder Schatzmeister, hat wohl je einen Blick ins Innere gethan. Ebenso sind die Summen, welche im Schatzhaus angehäuft liegen sollen, wohl lange nicht so bedeutend, als Manche herausgerechnet haben. Französische Schriftsteller haben die Ersparnisse der marokkanischen Regenten auf 300 Millionen Franken, ja auf eine Milliarde veranschlagt, ohne zu bedenken, dass das, was der eine Sultan zurückgelegt hatte, oft vom folgenden, der durch Usurpation und Gewaltmittel auf den Thron kam, in einem Tage der Plünderung preisgegeben wurde. Als z.B. an Spanien jene 22 Millionen spanische Thaler Kriegsentschädigung gezahlt werden mussten, fand es sich, dass der Staatsschatz leer war. Oder durfte und wollte der Sultan ihn nicht angreifen? Das Nichtvorhandensein des Geldes ist das Wahrscheinlichere.

[Fußnote 100: S. Höst p. 221, der die Höbe des damaligen Schatzes auf 50 Millionen Thaler angiebt.]

Eine kirchliche Behörde giebt es in Marokko nicht, der Sultan als unfehlbar vereinigt Papst, Cultusministerium oder oberste Synode, wie man bei den Christen dergleichen Einrichtungen nennt, in seiner Person.

Ich unterlasse es, auf niedere Aemter am Hofe von Marokko einzugehen, werde jedoch einige derselben, wie sie jetzt noch existiren, erwähnen: den Mundkoch Mul' el tabach, den Sonnenschirmträger Mul' el schemsia, Säbelträger Mul' el skin, den Theeservirer Mul' el atei, Speiseträger Mul' el taam. Alle diese Aemter werden meist von Sklaven versehen, viele aber auch, und es giebt derer noch fünfzig, von freien weissen Leuten. Für die kleinste Handthierung ist ein besonderer Angestellter vorhanden, z.B. für den, der die Pantoffel des Sultans umdreht, damit er sie beim Anziehen gleich wieder fussgerecht vor sich hat. Um den Steigbügel zu halten, um eine Schale mit Wasser zu bringen, um die ausgetrunkene Theetasse in Empfang zu nehmen, um die Serviette zu reichen, um das Waschbecken zu präsentiren, für jeden kleinen Dienst hat der Sultan einen besonderen Angestellten. Man glaube aber nicht, dass alle diese Leute besoldet sind. Ziemlich gute Kleidung, oft die, welche der Sultan oder die Prinzen abgelegt haben, und die sieh von der fürstlichen Tracht durch nichts unterscheidet, als durch grössere Fadenscheinigkeit—dann Nahrung, das ist Alles, was dieses Heer von Bedienten und Beamten bekommt. Aber keineswegs sind sie deshalb ohne Geld, von Jedem, der nach Hofe kommt, wissen sie etwas zu erpressen; gehen sie in die Stadt auf die Märkte, so entlocken sie bald hier einem unglücklichen Juden, dort einem leichtgläubigen Landmann eine Mosona, wer würde der Bitte oder der Drohung eines Ssahab sidna widerstehen? Es ist das officieller Name aller Beamten und Diener. Der erste Minister des Sultans, wie sein letzter Sklave, schämt sich dieses Titels nicht, was wiederum seinen Grund daher hat, weil in den Augen des Sultans der höchste Beamte keinen grösseren Werth hat als der letzte Sklave. Vor der marokkanischen Unfehlbarkeit verfällt mit derselben Leichtigkeit das Haupt des rechtschaffensten Beamten dem Schwert, wie das eines Verbrechers, der es wirklich verdient hat. Eigentlich kann daher Unfehlbarkeit nur in einem solchen Lande vollkommen blühen und existiren wie in Marokko, d.h. in einem Lande, wo das Gesetz nichts gilt, sondern Alles sich der Laune eines schwachköpfigen Fanatikers fügen muss.

Es giebt kein höchstes Justizamt in Marokko; vom Kadi einer einzelnen Provinz oder einer Stadt, oder eines kleinen Ortes kann nur an den Uisir oder an den Sultan appellirt werden, welche letztere nach ihrem Gutdünken das gefällte Urtheil bestätigen oder verwerfen.

Die einzelnen Provinzen und Ortschaften werden manchmal von Kaids und Schichs regiert, die direct, wenn es sich um Provinzen und um grössere Städte handelt, vom Sultan ernannt werden. So wie wir auf den meisten Karten die verschiedenen Provinzen abgegrenzt finden, existiren sie in administrativer und gerichtlicher Beziehung nicht. Die Kaid stehen einem Kaidat vor, das manchmal aus einer Stadt mit verschiedenen Triben oder Dörfern besteht. Oft ist ein Kaid direct vom Sultan abhängig, oft hat ein Kaid oder Schich 40 oder gar 100 Kaids, die unter ihm stehen. Ein Kaid hat manchmal nur einen Duar101, einen Tschar102, eine Tribe zu commandiren, manchmal deren 20, 50 und noch mehr. Ein Kaid commandirt z.B. vielleicht zu einer Zeit die beiden Rhabprovinzen mit den Triben darin, oder wie zur Zeit des jetzt regierenden Sultans sind sie getheilt, und werden von zwei Kaids regiert. Der Titel "Kaid" ist der allein officielle, sowohl für die Beamten einer grossen Provinz, wie für die einer kleinen Ortschaft. Gleichbedeutend ist der Name "Schich", den man vorzugsweise in den Gegenden von überwiegender Berber-Bevölkerung antrifft. Der Titel "Bascha" wird nur einzelnen besonders hervorragenden Gouverneuren, z.B. dem von Alt-Fes, verliehen. Der Titel "Chalifa" schliesst immer eine Stellvertretung in sich, so hat z.B. der älteste Sohn des Sultans unter der Regierung des jetzigen Kaisers, sobald dieser nach Marokko übersiedelt, den Titel "Chalifa von Fes" als seines Vaters Stellvertreter. Kehrt der Sultan nach Fes zurück, hat einer der Brüder des Sultans, Mulei Ali, in der Hauptstadt Marokko den Titel "Chalifa". Es ist dies die einzige Erinnerung daran, dass ehemals Fes und Marokko getrennte Königreiche waren.

[Fußnote 101: Zeltdorf.]
[Fußnote 102: Bergdorf aus Häusern.]

Es würde unmöglich sein, genau die Grenzen der verschiedenen Provinzen Marokko's angeben zu wollen, da überhaupt je nach den Launen der Regierung heute eine Provinz vergrössert, morgen verkleinert oder gar entzwei geschnitten wird, heute eine Tribe dieser, morgen jener Provinz einverleibt wird, manchmal mit den Provinzen eine geographische Bezeichnung für immer verbunden ist, manchmal auch nicht.

Auf der Abdachung des Atlas nach dem Mittelmeer und Ocean, umfasst von der Gebirgskette, welche zwischen Cap Gehr und Cap el Deir hinzieht, haben wir im Norden die Andjera und Rif-Provinz, südlich von Andjera die beiden Rharb-Provinzen, und dann längs des Oceans von Norden Beni-Hassen, Schauya, Dukala, Abda, Schiadma und Haha. Südlich vom Rif die Hiaina, und südlich von der Hiaina die Provinz Fes. Auf den Stufen des Atlas liegen östlich von Haha die Ahmar und die Erhammena, dann Maroksch (District der gleichnamigen Stadt), und nördlich von Maroksch, Temsena und östlich Scheragna. Diese soeben aufgeführten Districte, die aber keineswegs alle eine besondere Regierung haben, und deren Grenzen nicht genau bestimmt sind, dürften die Benennungen für die bezeichneten Oertlichkeiten sein. In denselben, sind indessen Districte enthalten, die ebenso gut den Namen Provinz führen könnten. Die östliche Partie des Garet, welche Provinz westlich mit dem Rif zusammenhängt, ist in den letzten Jahren als Beni-Snassen bekannt geworden, ein eigener politisch begrenzter District, mit eigenem Kaid. Südlich von der Provinz Fes, von Scheragna, Maroksch und Erhammena sind Atias aufwärts noch die verschiedensten Districte bis zum Kamme des Gebirges, aber die Namen derselben zum Theil unbekannt, zum Theil wissen wir nicht mit derselben Sicherheit anzugeben, wohin sie setzen. Von Fes in südöstlicher Richtung könnte ich constatiren den District der Beni Mtir und der Beni Mgill.

Südlich vom Cap Gehr längs des Oceans sind die Provinzen Sus und Nun (mit Tekna), der Staat des Sidi Hischam existirt nicht mehr103. Die Provinz Draa kommt natürlich nur soweit hier in Geltung, als sie bewohnt ist, das ist bis zum Umbug des Flusses nach Westen. Es folgt sodann östlich vom Draa Tafilet mit seinen verschiedenen Districten, und nordöstlich von Tafilet die verschiedenen kleinen Oasen am südöstlichen Atlasabhange, die bedeutendste davon ist Figig. Endlich die südöstlichste Provinz von Marokko ist Tuat.

[Fußnote 103: Per Name "Dschesula" oder, wie Renou auf seiner Karte hat, Gezoula, existirt nirgends südlich vom Atlas, vielleicht soll er auf den Karten bloss die Gaetuler der Alten in Erinnerung bringen.]

Ueber die Einnahmen und Ausgaben des Sultans von Marokko lässt sich nichts Bestimmtes sagen, da keine Staatsbücher darüber existiren, die Einkünfte dem Zufall unterworfen und der Laune der einzelnen Kaids anheimgegeben sind, oft auch andere Umstände eintreten, die ganz unvorhergesehen sind.

Im Jahre 1778 veranschlagte Höst, auf Koustroup fussend, die Einnahme auf eine Million Piaster104, hervorgegangen aus Zoll, Schutzgeldern, Thorsteuern, Judenabgaben, Monopolen, Miethen, Strassenzöllen und ausländischen Geschenken, letztere figuriren allein mit 250,000 Piastern. An Ausgaben giebt er nur 300,000 an, so dass 700,000 Piaster für den Schatz geblieben wären. Da der zu der Zeit regierende Sultan im Jahr 1778 zwei und zwanzig Jahre regierte, meint Höst den Schatz in der Bit el mel auf 13 Millionen Piaster veranschlagen zu können.

[Fußnote 104: Ein spanischer Piaster ungefähr 1 Thlr. 13 Sgr.]

Im Jahr 1821 giebt Hemsö die Einkünfte auf 2,600,000 Thaler an, darunter an Geschenken für 225,000 Thaler. Die Ausgaben berechnet er auf 990,000 Thaler, und wie Höst schliessend, dass Sultan Soliman seit seiner Thronbesteigung im Jahre 1793 jährlich eine Ersparniss von 1,600,000 Thaler gemacht habe, meinte er, müsse in der Bit ei mel nach einer Regierung von 34 Jahren zum mindestens die Summe von 50 Millionen Thaler sein.

Neuere Nachrichten liegen über den Staatshaushalt nicht, vor, denn Jules Duval in der Revue des deux Mondes von 1859 hat einfach von Hemsö abgeschrieben, die Zahlen für die neuesten ausgegeben, ohne der Quelle dabei auch nur zu gedenken; ebenso wenig verdienen Calderons Angaben Glauben.

Auch über Gesammtausfuhr und Einfuhr, über Handel und Wandel liegen keine statistischen Nachrichten vor. Ueber verschiedene Häfen besitzen wir in dieser Beziehung gar kein Material. Agadir mit sehr bedeutender Importation von Naturalien aus Sudan, der Sahara, Nun, Draa und Sus hat, wie Asamor, keine Consuln irgend eines Staates. Und Asamor ist eine der bedeutendsten Städte. Aus einzelnen Häfen jedoch liegen über ein- und ausgelaufene Schiffe, Tonnengehalt, Aus- und Einfuhrartikel, Nationalität der Schiffe etc. genaue Angaben vor105.

[Fußnote 105: Siehe Richardson Vol II, p. 316.]

Serafin Calderon schätzt den Gesammtwerth des Handels auf 50,000,000 Thaler. England vermittle davon zwei Drittel, das dritte vertheile sich auf Spanier, Portugiesen, Franzosen, Belgier etc. Beaumier giebt die Handelsbewegung von Marokko mit einem jährlichen Mittel von etwa 40 Millionen Franken an, und was die Wichtigkeit der daran theilnehmenden Häfen anbetrifft, stellt er Mogador mit 5/8 voran, während L'Araisch, Tanger, Rbat, Casablanca und Masagan je mit 1/8, und Tetuan und Saffy mit je 1/16 im gleichen Verhältniss daran Theil nehmen106.

[Fußnote 106: Siehe Beaumier, Déscription sommaire de Maroc, p. 31.]

Obschon nun verschiedene Tractate mit den christlichen Nationen geschlossen sind über Zoll bei Einfuhr und Ausfuhr, so hebt sie der Sultan manchmal ohne besonderen Grund auf, weshalb sollte er auch nicht? Braucht er, der unfehlbare Herrscher der Gläubigen, Sklave seines Wortes zu sein? ist er nicht Herr und uneingeschränkter Gebieter aller Leute, die im Rharb sich aufhalten, folglich auch der Christen, so lange wie sie dort wohnen? Giebt es überhaupt einen Fürsten, der sich mit ihm messen kann? Freilich regiert der Sultan von Stambul die andere Hälfte107 der Gläubigen, aber das ist von Gott so geschrieben. Freilich schlugen die Franzosen bei Isly den jetzt regierenden Sultan aufs Haupt, aber das war auch Mektub Allah (von Gott geschrieben); freilich nahmen die Spanier Tetuan, aber auch das war Mektub Allah; einige alte Wahrsager sagen sogar, die Christen werden einst in Mulei Edris (Fes) einrücken, und man antwortet in Marokko: "Gott verfluche sie, aber vielleicht ist es geschrieben."

[Fußnote 107: Anschauungsweise der Marokkaner.]