Die eigentliche Stadt liegt auf einem nach allen Seiten fast gleich abschüssigen Berge, der eine Höhe von 800 Fuss136 über dem Meere haben mag. Sie bildet ein längliches Viereck, dessen schmale Seite dem Meere zugewandt ist. Die hohen krenelirten Mauern sowie die Bastionen, die jene unregelmässig flankiren, sind, obgleich in gutem Zustande was das Aeussere anbetrifft, doch aus schlechtem Material aufgeführt, so dass sie die Stadt fast ohne Widerstand gegen einen Angriff der Europäer lassen würden. Ebenso sind die wenigen Kanonen, die sich in den Batterien befinden, ihres Alters wegen fast unbrauchbar.
Die Stadt Agadir wurde um 1500 von einem portugiesischen Edelmann137 gegründet. Man nannte die Stadt Santa-Cruz, während die Berber den Ort Tigimi-Rumi, die Araber ihn Dar-Rumia nannten. Einige Zeit später erwarb der König von Portugal die Veste, und liess den Namen Santa-Cruz bestehen. Zur Zeit Leo's war der Ort noch im Besitze von Portugal, Leo nannte den Ort Gargessem. Im Jahre 1536 wurde die Festung vom Scherif Mulei Ahmed erobert, und blieb seitdem immer im Besitze der Marokkaner. Schon 1572 liess Mulei Abdallah eine Batterie bei den Quellen "Fonti" errichten.
Der Name Agadir, der offenbar gleich nach Eroberung der Stadt durch die Marokkaner gang und gäbe wurde, bedeutet in der Tamasirht-Sprache "Umfassungsmauer," auch "Festung". Renou p. 38 fügt noch hinzu: "Da Agadir ein generischer Name ist, sollte man noch einen zweiten, um denselben zu vervollständigen, erwarten. In der That nennt sich die Stadt, die uns angeht, Agadir-n-Ir'ir, die Festung des Ellenbogen, d.h. des Vorgebirges" etc. etc.
Was das Innere der Stadt anbetrifft, so sind alle Häuser, ausgenommen das der Regierung, welches der Kaid bewohnt, sowie die Djemma, die sich in gutem Zustande befindet, halb oder ganz verfallen. Ich glaube die Einwohnerzahl schon zu gross anzugeben, wenn ich sie auf 1000 Seelen schätze138. Gråberg di Hemsö glaubt kaum 600 Einwohner annehmen zu dürfen. In neuerer Zeit hat sich der Ort aber etwas gehoben, so dass jetzt vielleicht gegen 1000 Menschen in Agadir und Fonti leben mögen.
Der zweimalige Markt, der in der Woche ausserhalb vor dem einzigen Thore der Stadt abgehalten wird, führt derselben einigen Handel zu, und es sind hauptsächlich die Juden, die für die kleinen Bedürfnisse der Stadt sowohl als auch des umliegenden Landes Sorge tragen.
Die Stadt liegt auf der südwestlichsten Seite des Atlas, und während nach Osten und Norden hin das Auge Nichts wahrnimmt, als sich übereinander häufende Berge, verliert sich nach dem Süden zu die Aussicht in die unendliche Ebene, die den Ued-Sus vom Ued-Nun trennt. Der Ued-Sus selbst ergiesst sich eine halbe Stunde südlich von der Stadt in die Meeresbucht. Diese ist die vortrefflichste von ganz Marokko. Gråberg di Hemsö sagt: "Der Hafen von Agadir ist der schönste der ganzen Küste, und der werthvollste für den Handel mit Innerafrika, namentlich wenn er in Händen einer europäischen Macht sich befände, die denselben sehr leicht erwerben und davon immer mehr Vortheile würde ziehen können." So sehr wir mit Hemsö, was die Geräumigkeit der Bucht anbetrifft, übereinstimmen, so sehr möchten wir bezweifeln, dass es heute leicht sein würde den Hafen käuflich von Marokko zu erwerben, obschon auch wir überzeugt sind, dass für den Handel kein Hafen erbiebiger [ergiebiger] sein würde als Agadir.
Gleich beim Eintritt in die Stadt wurde ich überrascht, indem ich über dem Thore neben einer arabischen Inschrift eine mit lateinischen Buchstaben geschriebene bemerkte; ich war so glücklich sie später unbemerkt copiren zu können. Sie lautet:
Man darf wohl annehmen, dass diese Inschrift von einem Renegaten, der wahrscheinlich Maurer oder Steinhauer von Profession war, verfertigt wurde.
In Agadir angekommen, begab ich mich zuerst nach einem Kaffeehause, um dort nach dem Funduk Erkundigungen einzuziehen; zu meinem Erstaunen erfuhr ich, dass ein solches nicht vorhanden sei, und auch dies deutet genugsam die Unbedeutendheit des Ortes an. Der Abkömmling eines Spaniers hatte indess die Liebenswürdigkeit, mir seine Tischlerwerkstätte als Wohnung anzubieten, was ich dankbarlichst annahm. Ausserdem was Kleidung, Gebräuche und Sitten anbetrifft ganz Marokkaner geworden, war er der gastfreundlichste Mann, und schickte täglich aus seiner Wohnung einige Speisen. Aber ich hatte nicht nöthig in dieser Beziehung dem guten Manne zur Last zu fallen, denn der Kaid der Stadt sandte mir täglich zu essen oder ich speiste in seiner Wohnung.
Derselbe hatte nämlich kaum meine Ankunft in Erfahrung gebracht, als er mich rufen liess. Ich glaubte schon, es gälte ein Examen zu bestehen: wer ich sei, wes Landes, wohin ich wolle, was ich treibe u. dgl. m.
Aber davon war keine Rede. Der arme Mann war stark erkrankt, und da sollte Rath geschafft werden. Glücklich für mich konnte ich Linderung bringen, und von dem Augenblicke an war ich in Agadir ein gern gesehener Gast.
Meine eignen Fieberanfälle stellten sich aber wieder ein, wohl hervorgerufen durch die starken Nebel, die um diese Jahreszeit täglich dort herrschten. Es ist auffallend, wie kalt die Luft in Agadir war, selten durchdrang die Sonne den Nebel vor Mittag und die Leute versicherten, dass selbst im hohen Sommer diese starken Nebel selten vor Mittag zerstreut würden.
Ich blieb sieben Tage in Agadir und konnte mich hinlänglich erholen. Vom Verlassen des Ortes, um spazieren zu gehen, konnte nicht die Rede sein, da die ganze Gegend äusserst unsicher ist. Unsicherer wird sie noch dadurch, dass Schmuggler in den Gebirgsabhängen oberhalb von Agadir ihr Wesen treiben. Der Ort Fonti am Meere ist nämlich, wie gesagt, das eigentliche Eingangsthor für die directen Karavanen vom Sudan, wenigstens für die, welche den Weg über Nun eingeschlagen haben.
Ich schloss mich sodann einer durchpassirenden Karavane an, um mit ihr nach Tarudant zu gelangen. Denn wenn man auch von hier noch nicht Wassermangel zu befürchten hat, so herrscht das Faustrecht dennoch so sehr, dass es gerathen schien in Gesellschaft zu reisen. Gerade am selben Tage hatte ich in Fonti noch Gelegenheit mich zu überzeugen, wie wenig fremdes Eigenthum respectirt wird: zwei Fremde kamen vollkommen ausgeplündert, sogar ihrer sämmtlichen Kleider beraubt in die Stadt geflüchtet. Gewiss ist hier nur die reine Raubsucht der Berber der Beweggrund zu solchen Handlungen, keineswegs aber Mangel. Man könnte den Rlnema am Ued-Ssaura entschuldigen, wenn er ein Räuber ist, weil er in einer der ärmsten Gegenden der Welt lebt, aber das Land am Sus ist eins der reichsten in ganz Marokko.
Wir brachen Nachmittags von Fonti auf, und machten Abends nach Sonnenuntergang Halt in einem Dorfe; Duar, d.h. Zeltdörfer, findet man in diesem Theile südlich vom Atlas nicht, die ganze Bevölkerung ist sesshaft. Und gleich hier am ersten Tage unserer Reise sollten wir einen recht greiflichen Beweis der Räubereien dieser Völker haben: es wurde uns Nachts ein Kameel gestohlen. Wenn man nun bedenkt, dass die Kameele Nachts mit fest zusammengebundenen Vorderbeinen im Kreise lagen, so kann man sich einen Begriff von der Schlauheit und Kühnheit der Diebe machen. Ich sah das Thier forttreiben im schnellsten Galopp, wir machten uns gleich auf, man schoss, aber Alles war bei der Dunkelheit der Nacht vergebens. Als am anderen Morgen die Eigenthümer der Karavane beim Schich der Oertlichkeit klagten, der würdige Mann hiess el-Hadj-el-Arbi, versprach er Alles zu thun die Diebe ausfindig zu machen, aber weitere Erfolge wurden nicht erzielt. Zum Glück für die Besitzer des verlorenen Kameels waren die anderen Thiere stark genug, um die Ladung des verlorenen, die aus 4 Centner Zucker bestand, aufnehmen zu können. Mit dem Kameele waren aber 90 Metkal = 170 Fres. verloren.
Ich wurde nun zum ersten Male recht in das Karavanenleben eingeweiht, das einfache Frühstück aus Sesometa (geröstete Gerste, die grob gemahlen in Schläuchen mitgeführt wird, man geniesst sie, indem man Salz, Arganöl oder Olivenöl zusetzt, ganz arme Leute setzen bloss Wasser zu), das Treiben der Kameele, Abends das Brodbacken, oder erreicht man ein gastliches Dorf, Bewirthung durch die Bewohnerschaft—das ist der gewöhnliche Gang der Sus- Karavanen.
Der Weg, der sich fortwährend in östlicher Richtung hinzieht, und meist dem Flusse parallel ist, gehört zu einem der schönsten, was die Reichhaltigkeit der Natur anbetrifft, den man sich nur denken kann. Als Lempriere diese herrliche Natur durchzog, er giebt die Distanz von Santa-Cruz (Agadir) nach Tarudant auf 44 engl. Meilen an, muss er sehr übler Laune gewesen sein. Er sagt davon weiter nichts: ich hatte einen schönen, aber langweiligen Weg, da wir nichts als Haiden und Waldungen zu durchwandern hatten. Und doch kann man diese herrlichen Ebenen nur mit der lombardisch-venetianischen des Po vergleichen. Freilich fehlt der mächtige Strom, aber wie entzückend schlängelt sich der stets Wasser führende Sus durch die Oliven und Orangengärten hin. Und im Norden der stolze Atlas, zeigt er auch nicht so hohe schneegipflige Spitzen, wie der Montblanc und andere Riesenberge der Schweiz und Tirols, so hatten die Alten doch keineswegs ganz Unrecht das kolossale Atlasgebirge als Träger des Himmels zu bezeichnen. Das Thal des Flusses ist ein wahrer Garten, ein Dorf, ein Haus neben dem anderen, Oel-, Feigen-, Stachelfeigen-, Granaten-, Pfirsich-, Mandel-, Aprikosen-, Orangenbäume und Weinreben bilden ein liebliches Durcheinander.
Aber so entzückend die Gegend ist, so unheimlich fallt es auf, dass alle Welt nur bis an die Zähne bewaffnet ausgeht. Jeder Mann hat seine lange Flinte auf dem Rücken, sehr häufig sieht man hier auch schon Doppelflinten, welche vom Senegal hierher dringen: ausserdem hat Jeder seinen krummen Dolch mit meist aus Silber gearbeiteter Scheide.
Ich hatte eigentlich die Absicht nach dem Nun-District vorzudringen, aber die fortwährenden Fieberanfälle, dann das Verlangen wieder unter civilisirte Menschen zu kommen, endlich die Schilderung, die man in Agadir von einem gewissen Scherif Sidi-el-Hussein, der in der Sauya Sidi-Hammed- ben-Mussa residiren sollte und über dessen Gebiet ich kommen müsse, liessen mich davon abstehen. Man erzählte in Agadir die scheusslichsten Grausamkeiten von diesem Menschen, der sogar seinen eignen Bruder und Sohn hatte köpfen und vor Kurzem noch zwei spanische Renegaten hinrichten lassen. Das hinderte natürlich nicht, dass er im Rufe der grössten Heiligkeit steht, und gerade um die Zeit, als ich in Agadir mich befand, war die Hauptperiode der Wallfahrt nach seiner Sauya, man nennt diese Wallfahrtszeit "Mogor". Tausende von Leuten aus der ganzen Umgegend zogen nach der Sauya-Sidi-Hammed-ben-Mussa, um dem Abkömmling Mohammed's ihre Ersparnisse zu überbringen, wofür sie sodann den Segen und Ablass für ihre Sünden bekommen.
Ich vermuthe, dass Sidi-Hammed-ben-Mussa der auf der Petermann'schen Karte angegebene Ort Wesan ist oder, wie wir Deutschen ihn schreiben würden, Uesan. Denn häufig pflegten die Pilger zu sagen, sie zögen nach Uesan, und als ich dann meinte, da hätten sie doch einen weiten Weg, denn Uesan läge weiter entfernt und jenseits Fes', erwiederten sie, nicht nach Uesan Mulei Thaib's, sondern nach Uesan Sidi-Mohammed-ben-Mussa's wollten sie pilgern. Gatell, der nach mir bis zum Nun vordrang, erwähnt dieses Ortes nicht.
Wir hätten sicher am zweiten Tage die Stadt Tarudant erreichen können, da wir aber mit Nachforschungen nach dem gestohlenen Kameel viel Zeit verbrachten und erst Mittags aufbrachen, übernachteten wir noch ein Mal. Und an dem Tage wäre ich selbst fast ausgeplündert oder gar ermordet worden. Ich hatte mich etwas von der Karavane entfernt, als auf einmal zwei bewaffnete Männer mich anhielten, und während der eine fragte, was es Neues in Agadir gäbe, spannte der andere den Hahn seines Gewehres; sie hatten unstreitig die Absicht mich auszuplündern, als glücklicherweise zwei Leute der Karavane, auch bewaffnet und die ebenfalls zurückgeblieben waren, zu mir stiessen und mich so der Gefahr meiner Kleidungsstücke beraubt zu werden, überhoben. Zugleich bekam ich einen derben Verweis von ihnen, und sie verboten mir, mich wieder von der Karavane zu entfernen, da der Kaid von Agadir die Karavane verantwortlich gemacht für meine glückliche Ueberkunft nach Tarudant.
Das Gebirge wird immer höher, je weiter man nach Osten vordringt, obgleich man fortwährend in der Ebene bleibt. Unendlich viele leere Flussbetten, die nur im Frühjahr Wasser schwemmen, ziehen sich vom Atlas in den Sus hinein, aber nur ein einziger (auf der Petermann'schen Karte richtig eingetragen) einige Stunden westlich von Tarudant hat das ganze Jahr hindurch Wasser. Dieser Fluss ist wahrscheinlich der von Gatell erwähnte Ued-Eluar. Zu der Zeit, als ich ihn durchwatete, konnte ich seinen Namen nicht erfragen.
Abends machten wir Halt bei einem Hause, das zufälligerweise von Arabern bewohnt (die ganze Sus-Gegend hat durchaus Berberbevölkerung) war, die wenig oder gar nicht Schellah verstanden. Welch ein Unterschied im Empfange! Während uns am Abend vorher, als wir in einem grossen Dorfe übernachteten, Niemand etwas zu essen brachte, sondern wir gezwungen waren, uns selbst zu beköstigen, versorgte hier der Hausherr die ganze Karavane mit Speise auf die freigebigste Art. Und hier hatten wir wieder einen Beweis, dass Araber gastfreundlicher als Berber sind.
Am folgenden Morgen waren wir schon vor Sonnenaufgang wieder unterwegs, wir hatten heute nur einen halben Marsch zu machen, da wir Mittags in Tarudant eintreffen mussten. Rechts auf der linken Flussseite tauchte jetzt auch eine Bergkette auf, die, von Nordosten kommend, sich nach Südwesten hinzieht. Je näher wir der Stadt kamen, desto angebauter fanden wir die Gegend, obgleich vom ganzen Lande, wie überall, kaum der zwölfte Theil des Bodens nutzbar gemacht wird. Kurz vor Mittag fragten mich meine Gefährten, ob ich die Stadt nicht sähe; auf meine Verneinung zeigte man mir einen nahen Palmwald, hinzufügend: das sei die Stadt, aber die Gebäude könne man wegen der hohen Palmen und buschigen Olivenbäume nicht sehen. So war es auch in der That, fortwährend in einem Oelbaumwald fortmarschirend, befanden wir uns plötzlich vor den Thoren, ohne vorher das Geringste von den Gebäuden der Stadt wahrgenommen zu haben. Es war gerade Mittag, als wir das Stadtthor durchzogen; ich trennte mich hier von den freundlichen Leuten der Karavane, um ein Unterkommen zu suchen, und war auch so glücklich in einem Funduk ein Zimmerchen zu finden. Die Thür dieser Zelle war aber so niedrig, dass ein grosser Jagdhund kaum ohne zu schlüpfen, würde Eingang gefunden haben, und wenn ich auch der Länge nach mich ausstrecken konnte, so betrug die Breite doch kaum mehr als halbe Körperlänge. Statt der Möbeln bestand der Fussboden aus gut gestampftem Lehm.
Tarudant, zwei kleine Tagemärsche vom Ocean, fast am Fusse des südlichen Atlasabhanges139, dessen südliche Vorberge bis fast zur Stadt stossen, liegt auf dem rechten Ufer des Sus, ca. eine Stunde vom Flusse selbst entfernt. Was die Einwohnerzahl anbetrifft, so vergleicht Renou dieselbe mit der von Tanger oder Lxor, Hemsö giebt dieselbe auf ca. 22,000 Seelen an, Lempriere, der selbst längere Zeit in Tarudant lebte, spricht sich nicht darüber ans. Die Stadt könnte indess wohl 30-40,000 Einwohner haben. Nach Renou erlangte die Stadt erst Wichtigkeit im Jahre 1516, zu welcher Zeit Schürfa sie neu aufbauten und beträchtlich vergrösserten. Aber auch hier machte ich wieder die Erfahrung, wie wenig man sich auf die Aussagen der Eingebornen verlassen kann. Man hatte mir Tarudant geschildert als eine Stadt, die man nur mit Fes oder Marokko vergleichen könne, sowohl was Grösse, als auch was die Einwohnerzahl anbeträfe. Ich fand den Umfang der Stadt nun allerdings gross, grösser als den von Fes, reichlich so gross wie den von Marokko, jedoch ist fast Alles, was innerhalb der Stadtmauer sich befindet, Garten. Diese Stadtmauer, in sehr verfallenem Zustande, hat durchschnittlich eine Höhe von 20 Fuss und an der Basis 4 oder 6 Fuss, ihre Breite ist oben da, wo sie noch die ursprüngliche Höhe bewahrt hat, 2 Fuss. Sie bildet eine unregelmässige Linie, ohne Plan und Kunst angelegt. Alle 50 Schritte werden die Zickzacke von Thürmen flankirt, die jedoch nicht höher als die Mauer selbst sind. Was das Material anbetrifft, aus dem sie sowie alle Häuser erbaut sind, so besteht dasselbe aus mit Häckerling gemischtem und zwischen zwei Brettern gegossenem Lehm, kann also europäischen Geschützen, keinen Widerstand leisten; auch Gräben sind nicht einmal vorhanden.
Die Stadt ist ein einziger grosser Garten, nur nach dem Centrum drängen sich die Häuser, welche meist nur aus einem Erdgeschoss bestehen, mehr zusammen, und hier befinden sich auch die Buden und Gewölbe, wo man arbeitet und verkauft, hier sind auch die Funduks. Moscheen giebt es eine grosse Anzahl, grössere jedoch, die ein Minaret haben, nur fünf. Die Hauptmoschee, Djemma-el-Kebira schlechtweg genannt, zeichnet sich durch nichts Besonderes aus. Den inneren grossen Hof derselben, in den man Orangen gepflanzt hat, umgeben ungemein plumpe Säulen, die eben so unförmliche Bogen tragen. Die zweite Hauptmoschee, fast eben so gross, ist dachlos, von den übrigen ist keine bedeutend. Ebenso habe ich in der ganzen Stadt kein einziges nur etwas geschmackvolles Gebäude gefunden.
Einen eigentlichen besonderen Handelszweig hat die Stadt nicht, man lobt die Lederarbeiten und Färbereien. Hauptgewerk ist Kupferschlägerei, indess beschränkt sich das bloss auf Kessel, auf kleine Geschirre und Sachen, wie sie von den Eingebornen hergestellt werden können. Aber wie ausgedehnt diese Manufactur ist, geht am besten daraus hervor, wenn ich anführe, dass diese kupfernen Geschirre bis Kuka, Kano und Timbuktu ausgeführt werden. Und wie ergiebig müssen erst die Kupferminen in der Nähe von Tarudant sein, wenn man bedenkt, auf wie primitive Art die Eingebornen dort eine solche Mine ausbeuten. Nach der Aussage der Eingebornen soll nicht nur dies Metall, sondern auch Gold, Silber, Eisen und Magneteisenstein in grosser Menge vorkommen. Alle übrigen Landesproducte sind wie in Agadir und im ganzen Sus-Lande sehr billig. Das Pfund Fleisch wird mit 2 Mosonen bezahlt, für eine Mosona erhält man 6-10 Eier und im Frühjahr noch mehrere.
Bei der Beschreibung von Tarudant kann ich nicht unerwähnt lassen, dass die einst so berühmten Zuckerplantagen heute nicht mehr existiren. Indess findet man in Marmol und Diego de Torres so glaubwürdige Angaben, dass an der einstigen Existenz der Zuckercultur nicht gezweifelt werden kann.
Als im 16. Jahrhundert die Dynastie der Schürfa Marokko neu umgestaltete, suchten sie vor allen Dingen sich in Tarudant festzusetzen. Es wurde Zucker um Tarudant gepflanzt und um einen Ausgangshafen für das Product zu gewinnen, unternahm der Scherif Mohammed die Belagerung von Santa Croce, damals den Portugiesen gehörend. 1536 war dieser Hafen in den Händen der Gläubigen. Ein Slami oder übergetretener Jude hatte unter der Zeit Mühlen in Tarudant errichtet und von dem Augenblick an war der Handel mit Zucker, wie Marmol als Augenzeuge berichtet, der ergiebigste von allen marokkanischen Handelszweigen.
Auch christliche Sklaven wurden nun zur Fabrikation von Zucker verwandt, und nicht nur aus Marokko oder aus den Sudanländern kamen Leute nach Tarudant, um Zucker zu kaufen, auch Europäer stellten sich ein, sobald sie erfuhren, dass man sie gut behandle. Der Ertrag ergab für den Sultan jährlich 7500 Metkal, eine für damalige Zeit grosse Summe.
In welcher Zeit der Verfall des Zuckerbaues vor sich ging, habe ich nicht ergründen können, vielleicht wurden bei einer der so häufig in Marokko stattfindenden Revolten die Zuckergärten zerstört und nachdem nicht wieder angebaut. Aber die Erinnerung vom einstigen Zuckerreichthum in der Provinz existirt in Marokko heute noch.
Ich musste mehrere Wochen in Tarudant bleiben und überstand während dieser Zeit eine förmliche Krankheit, da ich fortwährend von Wechselfiebern geschüttelt war.—Den zweiten Tag nach meiner Ankunft liess mich der Kadi der Stadt rufen. Er unterwarf mich einem langen Examen, woher ich komme, warum ich in Tarudant sei, wohin ich gehen wolle, warum ich Mohammedaner geworden sei, u.s.w. Ich glaubte schon, da er immer sehr ernsthaft blieb, dass er mich trotz meiner genügenden Antworten, als Sohn eines Christen ins Gefängniss senden würde, als er plötzlich die Unterhaltung auf die Medizin brachte und ein Mittel gegen Gichtschmerzen von mir verlangte. Zugleich wurde Thee servirt und ein gut zubereitetes Frühstück hereingetragen. Das Gespräch ging dann hauptsächlich auf die christliche Civilisation über, und ich sah mit Erstaunen im Kadi einen dem Fortschritte huldigenden Mann vor mir. Nach beendigtem Frühstücke verabschiedete er mich, und sagte, er würde mich rufen lassen, damit ich in seiner Gegenwart die Medizin bereite.
Am folgenden Tage gegen Abend musste ich zu ihm gehen, und da ich nichts Anderes zu thun wusste, so bereitete ich eine Kamphersalbe und liess ihn Einreibungen damit machen. Ich musste wieder Thee mit ihm trinken und zu Abend essen; beim Abschiede gab er mir ausserdem einen grossen Korb mit Datteln und einen kleineren mit Mandeln, dann eine Schüssel mit süssem Backwerke, das sehr gut zubereitet war und sich fast jahrelang hält. Obgleich die Datteln und Mandeln von der letzten Ernte und von ausgezeichneter Güte waren, so verkaufte ich doch den grössten Theil derselben. Ich bekam für das Pfund Mandeln den für dortige Gegend hohen Preis von 6 Mosonat; es war Missernte für die Mandeln gewesen, denn in guten Jahren erhält man für Eine Mosona mehrere Pfunde.
Am vierten Tage stellte sich mein Fieber heftiger als je ein, ich glaubte schon vom Typhus befallen zu sein; acht Tage musste ich meine Höhle hüten. Ich nahm die letzte mir übrig gebliebene Dosis Chinin, genoss die ganze Zeit hindurch bloss Wasser und Brod und alle Tage einige Granatäpfel, die mir der Fundukbesitzer aus seinem Garten brachte.
Mit einer ziemlich grossen Karavane brach ich sodann auf. Sie setzte sich aus etwa 20 Mann und 30 Stück beladenen Maulthieren und Eseln zusammen. Die Leute selbst waren aus der Oase Draa. Vom Thaleb des Kadi war ich ihnen empfohlen und deshalb gut bei ihnen aufgenommen worden. Diese Art Karavanen rechnen von Tarudant acht Tagemärsche, welche aber sehr stark sind; das Vieh wird dabei von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang mit der grösstmöglichsten Eile vorwärts getrieben. Es war also eine harte Tour für mich, da ich von den Fiebern mitgenommen, sehr erschöpft war, und manchmal dafür, dass ich mitgenommen wurde, und was Nahrung anbetrifft von den Eigenthümern des Viehs freigehalten wurde, das Vieh mit treiben helfen musste.
Den ganzen ersten Tag folgten wir dem Ued-Sus, der an beiden Seiten lachende Gärten bildet. Rechts und links hatten wir hohe Berge, doch ist die Kette im Norden wenigstens noch einmal so hoch, als die nach Südwesten streichende, welche überdies nur ein Zweig vom grossen Atlas ist. Gegen Mittag, wir marschirten immer in östlicher Richtung, machten wir bei einem Dorfe der Beni-Lahia Halt; es wurde dort Markt abgehalten, und die Leute unserer Karavane wollten nun noch Getreide einkaufen, um es mit in ihre Heimath zu nehmen. Nach beendetem Einkauf ging es weiter. Ich weiss nicht, durch welchen Zufall es kam, dass der Theil der Karavane, bei dem ich mich befand, von dem anderen sich trennte, kurz, wir verloren den Weg und es war, glaube ich, Mitternacht, als wir das Dorf erreichten, wo die Anderen seit Abends campirten. Dazu hatten wir elende Wege gehabt, da das ganze Land von breiteren und schmäleren Rinnsalen, welche zur Bewässerung des Bodens dienen, durchschnitten ist, in der Dunkelheit geriethen wir nun alle Augenblick in ein solches Wasser, oder auch ein Esel versank in den Schlamm und sein Herausziehen konnte nur mit Mühe und Zeitverlust bewerkstelligt werden.
Desto kürzer war der folgende Tagesmarsch, wir mussten sehr bald in einem Dorfe Halt machen, weil vor uns zwei Volksstämme sich bekriegten und dadurch die Gegend unsicher gemacht war. Sieben Tage mussten wir in diesem Orte liegen bleiben, fanden jedoch die gastlichste Aufnahme daselbst. Ich war mit vier Anderen in einem grossen Bauernhofe einquartiert und so war die ganze Karavane vertheilt. Endlich schienen die feindlichen Parteien Frieden gemacht zu haben und wir konnten aufbrechen, der Weg war offen. Wir folgten dem Ued-Sus, bis fast an seine Quelle, welcher Landestheil, wie überall, den Namen Ras-el-Ued hat, und schlugen von da an eine südöstliche Richtung ein.
So scharf markirt der südwestlich vom Atlas sich abzweigende Gebirgszug, vom Sus-Thale gesehen, sich ausnimmt, so wenig ist er es in der That, man kömmt südöstlich fortgehend in keinen Gebirgszweig, sondern in ein zerrissenes Gebirge. Obschon man nun auch aus dem eigentlichen überall culturfähigen Lande heraus ist, hat man doch noch die eigentliche Sahara nicht erreicht. Allerdings sind die Berge nackt und kahl, aber die Gegend ist äusserst abwechselnd, Wasser nicht selten und kleine Oasen auf Schritt und Tritt. Gegen Sonnenuntergang erreichten wir eine Oase, die erste echte Palmpflanzung, die ich zu sehen bekam (den Palmen in Marokko und Tarudant merkt man gleich an, dass sie eigentlich für den dortigen Boden und das Klima noch fremd sind), einige Dörfer lagen darin versteckt. Wir lagerten von jetzt an nie mehr im Dorfe, sondern immer im Freien, und suchten dann zu dem Ende ein zwischen Felsen liegendes sicheres Versteck auf. Auf diese Art marschirten wir 4 Tage immer in südöstlicher Richtung fort. Die Gegend bewahrte ihren eigenthümlichen Charakter, nackte, kahle Felsen, von Bergen eingeschlossene Ebenen, ohne Vegetation, nur von Steinen bedeckt, hie und da eine Oase, welche sich schon von Weitem durch die hohen Palmen ankündigte, manchmal auch noch grosse Strecken mit Schih (Artemisia) bedeckt, Zeichen, dass wir die eigentliche Sahara noch nicht erreicht hatten, solche Bilder waren stets vor unseren Augen.
Am fünften Marschtage kamen wir, nachdem wir verschiedene Ebenen durchschritten hatten, an einen Bergpass, wie ich noch nie einen gesehen habe, und auch wohl kein ähnlicher auf der Erde existirt. Mit diesem Bergpass, oder vielmehr mit dieser Schlucht, die ebenfalls durchschnittlich in unserer Marschrichtung war, hatten wir zugleich das eigentliche Gebirge hinter uns. Diese Schlucht war etwa 5 Schritt breit, an beiden Seiten von senkrechten Marmorwänden gebildet, und in derselben rieselte ein kleiner Bach mit reizenden grünen Ufern. Am Austritte der Schlucht gab der Bach Veranlassung zu einer Oase. Der Marmor, der sich in der Sonne spiegelte und stellenweise so glatt war, als ob er künstlich polirt wäre, glänzte in allen möglichen Farben.
Was das Interesse dieser einzigen Schlucht noch erhöhte, war, dass sich am Austritte oder am südöstlichen Ende derselben eine kohlensaure Quelle befand. Ich glaube, es giebt wohl kaum ein zweites an Kohlensäure so reiches Wasser, wie dieses; dicke Blasen steigen fortwährend auf, und beim Trinken prickelte es Einem im Munde, als ob man Champagner tränke. Das Land, worin sich diese Schlucht und Quelle befindet, heisst Tassanacht, und die vom Flüsschen gebildete Oase, Tesna140. Die Gegend war hier, wie auch sonst fast überall, äusserst metallreich, ich fand auf dem Wege bei Tesna offen zu Tage liegend, Antimon-Stücke von 1-1/2 Zoll Dicke, reines, unvermischtes Metall.
Die nächsten Tage gingen vorüber, ohne dass sich etwas Besonderes ereignete, ich hatte jedoch grosse Mühe, diese anstrengenden Märsche mitzumachen, zumal mich eine erschöpfende Diarrhöe, durch die ungewohnte Nahrung hervorgerufen, befallen hatte. Die Leute mischten nämlich Mehl mit gestampften Datteln zu einem Teige, gossen etwas Oel hinzu, und roh wurde dies genossen, oder man ass auch, bloss mit Wasser vermischt, gestampfte Datteln. Dazu kam, dass wir manchmal sehr an Durst zu leiden hatten, denn die Thiere waren alle übermässig beladen, so dass man für Wasser keinen Platz hatte. Die schlimmste Strecke war die letzte. Wir waren noch einen guten Tag vom Draa entfernt und lagerten Abends in einem öden Thale. Um den Ued-Draa am folgenden Tage früh zu erreichen, brachen wir um Mitternacht auf. Unglücklicher Weise waren meine Schuhe gänzlich unbrauchbar geworden, die Sohlen waren abgefallen. Ich behalf mich damit, dass mir die Leute aus den Lederresten Sandalen zusammenflickten, welche mit Riemen an den Füssen befestigt wurden. Ueberhaupt tragen südlich vom Atlas fast alle Leute Sandalen. Für Einen, der nicht daran gewöhnt ist, ist es aber ein qualvolles Schuhzeug, da die Riemen gleich tief einschneiden. In der dunklen Nacht stiess ich nun jeden Augenblick gegen einen Stein, und es schien mir eine Ewigkeit bis die Morgenröthe anbrach. Als endlich der Tag anfing und wir frühstückten, hatten wir kaum das nöthige Wasser, aber die Aussicht, noch wenigstens einen halben Tagemarsch gehen zu müssen, ohne Hoffnung einen Brunnen oder Quelle anzutreffen. Gegen Mittag war mein Gaumen ganz trocken, und als wir endlich von Weitem die Palmen sahen, mit dem lachenden Grün der Orangen, Feigen, Granaten, Pfirsichen und Aprikosen darunter, glaubte ich, sie nicht erreichen zu können; erst um 4 Uhr Nachmittags waren wir im Dorfe Tanzetta, wo mehrere Leute unserer Karavane zu Hause waren. Mein Erstes war, meinen brennenden Durst zu löschen, ich trank wenigstens 3 Liter Wasser auf ein Mal.
Vom ewigen Schnee des Atlas gespeist, hat der Ued-Draa, der längste der marokkanischen Ströme, Veranlassung zu einer der schönsten Oasenbildungen gegeben, wie man sie überhaupt nur in der Sahara findet. Denn nur da, wo überirdisch immer rieselndes Wasser ist, bildet sich so üppige Vegetation und gedeihen die Fruchtbäume, die das glückliche Klima des Mittelmeerbeckens hervorbringt. Und wenn man nach tagelangen Märschen durch die steinigte und vegetationslose brennende Wüste, jenes lachende Grün erblickt, wie es sich frisch unter dem schirmenden Dache hochstämmiger Palmen entwickelt, dann vergisst man fast die Mühen und Beschwerlichkeiten einer Fussreise durch die Wüste, denn man glaubt eine der Inseln der Glückseligen erreicht zu haben.
Der bewohnteste und fruchtbare Theil des Ued-Draa ist das vom Gebirge nach dem Süden zu laufende Flussthal, sobald der Draa nach dem Westen umbiegt, d.h. etwa unter dem 29° N. B. fängt er an unbewohnt und unfruchtbar zu werden. Es hat das seinen Grund darin, weil die vom Atlas kommenden Gewässer ständig nur bis zu dem Punkte fliessen, den atlantischen Ocean aber nur ein Mal im Jahr, nach der grossen Schneeschmelze des Gebirges, erreichen. Ist der Draa-Fluss aus dem sonderbar geformten Gebirgslande, welches südwärts vom Atlasgebirge, unabhängig von diesem, liegt, heraus, dann durchströmt er sein mehr oder weniger breites Thal, welches er sich selbst geschaffen hat. Aber auch hier sind die Ufer und Bänke des ursprünglichen Flussthales manchmal so hoch, so sonderbar geformt, dass man, vom Flussbette aus gesehen, sie für zwei nach Süden streichende paralell laufende Gebirge halten könnte. Einmal und zwar ziemlich in der Mitte des von Norden nach Süden laufenden Flusses erhebt sich aber ein wirklicher Berg, der Sagora, auf dem linken Ufer des Ued-Draa. Dass der grosse Debaya weiter nichts ist als ein Sebcha und nur zeitweise ein See genannt werden darf, wage ich Renou und Delaporte gegenüber aufrecht zu erhalten. Renou sagt p. 180: "ce grand lac d'eau clouce est remplie de poissons et les indigènes naviguent dessus et y font la pêche d'après Mr. Delaporte."—Ich will nicht in Abrede stellen, dass der Debaya sich ein Mal im Jahre mit Wasser füllt, ich will ebenfalls nicht bezweifeln, dass er zu der Zeit ohne Fische sei, dass er mit Schiffchen befahren werde, aber das dauert nur eine kurze Zeit, vielleicht nur einige Wochen; so rasch, so gewaltig die Gewässer vom Atlas herabbrausen, so rasch und schnell eilen sie dem Ocean zu. Und wenn diese ausserordentlichen Schwemmungen den Debaya nicht mehr erreichen, so trocknet er rasch aus, wird Sebcha und zuletzt vielleicht weiter nichts als eine grosse Einsenkung.
Es liegen ausserordentlich wenig sichere Nachrichten über die Draa-Gegend vor. Freilich als solche wird dieselbe schon im Mittelalter genannt. Aber darauf, dass man die Draa Landschaft nennt, höchstens noch eine Ortschaft derselben notirt, beschränkt sich auch Alles. Leo hebt nur den Ort Beni-Sabih hervor, offenbar die grosse von mir besuchte Ortschaft Beni- Sbih in der südlichen Provinz Ktaua. Marmol führt die Stadt Quiteoa (offenbar Ktaua) an, er nennt auch Tinzeda, welches wohl mein Tanzetta ist. Ferner nennt er die Oerter Taragale, Tinzulin (die Provinz Tunsulin von mir), Tamegrut, Tabernost, Afra und Timesquit (wohl Mesgeta). Delaporte kennt ebenfalls Quiteoa. Mouette nennt einen Berg, den Lafera oder den höhlenreichen Berg, Marmol nennt diesen Berg Taragale oder Taragalt, und es ist dies jedenfalls der Berg, der mir von den Eingebornen als der Dj. Sagora bezeichnet wurde141. Es ist das das Hauptsächlichste, was vom Draalande bekannt war, denn Caillié streifte auch nur die südöstlichste Umbugsecke des Thales, beim Orte Mimmssina.
Das Draa-Land zerfällt vom Norden nach dem Süden (ich spreche immer nur von dem bewohnten Theile, der sich nach Süden bis zu dem Punkte erstreckt, wo der Draa nach dem Westen umbiegend seinen Lauf ändert) in fünf Provinzen: die nördlichste Mesgeta, dann Tinsulin oder Tunsulin (Tinjulen), drittens Ternetta, viertens Fesuoata und endlich die südlichste und grösste Provinz Ktaua. Obschon in der Provinz Ternetta ein Kaid des Sultans residirt, also eine Regierung von Marokko aus eingesetzt ist, so existirt dieselbe bloss als nominal. Das Ansehen des Kaid und seiner Maghaseni geht wohl nicht über seinen Wohnort hinaus. Die ganze Gegend im Draa-Gebiete ist derart, dass jede einzelne Ortschaft unabhängig von der anderen ist, und jede Gemeinde durch ihren Schich dem die Djemma, (Versammlung der ältesten und angesehensten Männer) zur Seite steht, regiert wird. Selbst nicht einmal die einzelnen Provinzen haben eine eigene gemeinsame Regierung. Als Hauptort oder Hauptstadt des Draa-Landes kann man Tamagrut bezeichnen, aber auch nur insofern, als hier eine berühmte religiöse Genossenschaft, eine Sauya sich befindet. Aber keineswegs ist Tamagrut eine officielle Hauptstadt, auch nicht einmal was Einwohnerzahl anbetrifft die erste. Die grösste Ortschaft im Draa-Thale ist die in Ktaua gelegene Stadt Beni-Sbih.
Sämmtliche Ortschaften sind mit einer hohen Thonmauer umgeben, einzelne haben auch noch mehr oder weniger breite und tiefe Gräben. Alle haben wenigstens eine Moschee, die grösseren auch mehrere. Die Häuser, von gestampftem Thon erbaut, haben im Innern einen meist geräumigen Hofraum, haben alle ein flaches Dach und meistens ein Erdgeschoss und ein Stockwerk. Im Erdgeschoss verwahrt man das Vieh, und oben halten sich die Menschen auf. Die Strassen in den Ortschaften sind schmal, staubig und voller Unrath, obwohl auch hier wie in Tafilet und Tuat überall öffentliche Latrinen zahlreich vorhanden sind. Die Palmgärten, welche alle wohl eingefriedigt sind durch hohe Thonmauern, erhalten ihre Berieselung durch den ewig strömenden Ued-Draa, und da das Wasser sehr reichlich vorhanden ist, so hat man keine Zeitbestimmung über die Vertheilung des Wassers zu treffen nöthig gehabt. Die Datteln, welche in der Draa-Oase producirt werden, gehören zu den vorzüglichsten der ganzen Sahara, und da sie kein anderes Absatzgebiet dafür haben als nach Marokko, das überdies noch von Tafilet und Tuat und anderen kleinen Oasen seinen Dattelbedarf bezieht, so sind sie äusserst billig, in guten Jahren verkäuft [verkauft] man eine Kameelladung (ca. 3 Centner) für einen halben Thaler. Der Getreidebedarf muss indess von aussen bezogen werden, das was die Eingebornen bauen, reicht nicht hin sie zu ernähren, obschon das ganze Jahr hindurch gepflanzt und geerntet wird. Es kommt das deshalb, weil ein groser [grosser] Theil der Gärten nur zum Gemüsebau, Kohl, Rüben, Carotten, Zwiebeln, Pfeffer, Knoblauch, Tomaten, Melonen etc. verwandt wird, und weil die grösste und schönste Provinz, Ktaua, derart von Süssholz (Glycirrhiza) überwuchert ist dass dies fast den ganzen fruchtbaren Boden unter den Palmen einnimmt.
Das Thierreich bietet nichts Besonderes da, das Schaf ist in den südlichen Provinzen von Ternetta an ohne Wolle, Pferde, Esel, Maulthiere und Ziegen sind gut und von derselben Art wie in Marokko, Rinder sind sehr selten. Von Vögeln hat man wild die Taube, Sperlinge, Schwalben, dann einen reizenden kleinen Vogel, ebenfalls zu den Sperlingen gehörend, aber mit buntem Gefieder und hübscher Stimme. Die Eingebornen nennen ihn Marabut (der Heilige) und man findet ihn frei, aber zahm in jedem Hause, jeder Oase südlich vom grossen Atlas.
Was die Bevölkerung anbetrifft, deren Zahl auf 250,000142 Seelen sich belaufen kann, so nennt man sie Draui. Der Mehrzahl nach sind sie Berber: die Araber, vornehmlich Schürfa, leben nur vereinzelt in Ksors. Zu erwähnen sind noch die in Palmhütten lebenden Beni-Mhammed, reine Araber ihrer Abkunft nach, sie sind durchs ganze Draa-Thal zerstreut in kleinen Gemeinschaften von wenigen Familien anzutreffen. Auch einige Berberstämme haben diese Art des Wohnens in Palmhütten. Während die Araber, welche diese Oase bewohnen, vorzugsweise Schürfa, Marabutin und vom Stamme der Beni- Mhammed sind, gehören die Berber fast alle der grossen Fraction der Ait- Atta an.
Der Neger, der natürlich auch zahlreich vertreten ist, hat auf die grosse Menge der Bevölkerung wenig Einfluss gehabt, aber der Draaberber, wenn er es auch nicht liebt, sich mit dem Schwarzen zu vermischen, hat doch unmerklich Negerblut aufgenommen, dann haben Sonne und Staub das Ihrige dazu beigetragen der Hautfarbe eine dunkle Färbung zu gehen. Die Schwarzen, welche man im Draa antrifft, sind meistens von Haussa und Bambara, auch Sonrhai-Neger sind nicht selten.
Die in einigen Ksors ansässigen Juden leben hier nicht in derselben unterdrückten und ausgestossenen Weise wie im übrigen Marokko, obschon sie auch hier sich manche Vexationen gefallen lassen müssen. Sie sind hier weniger dem Handel zugethan, vertreten hingegen mehr den eigentlichen Handwerkerstand. Büchsenschmiederei, Blechschlägerei, Tischlerarbeit, Schneiderei und Schusterei sind ihre hauptsächlichsten Beschäftigungen. Und eben weil sie durch diese Handwerke den Draa-Bewohnern unentbehrlich geworden sind, werden sie weniger gequält. Nach dem heiligen Ort Tamagrut dürfen sie indess nicht hinkommen, nicht einmal den dort ausserhalb der Stadt abgehaltenen Wochenmarkt besuchen. Aber damit sie die Strenge dieser Maassregel weniger fühlen, hat man doch die Rücksicht gehabt, den Markttag für Tamagrut auf einen Samstag zu verlegen, Tag, wo es den Juden ohne das untersagt ist zu handeln und zu verkaufen.
Ausser der Sprache bemerkt man, was das Aeussere (abgesehen natürlich von den Schwarzen) anbetrifft, zwischen den Draui keinen Unterschied, wäre dieser nicht, würde man glauben, das Land sei von einem Volke bewohnt. Die Lebensweise der Bewohner ist äusserst einfach. Morgens wird eine dünne heisse und stark gepfefferte Mehlsuppe mit Datteln gegessen, Mittags und Nachmittags Datteln, wozu die Reichen ungesalzene Butter nehmen, auch Buttermilch dazu trinken, während der Arme bloss Wasser zum Trunk hat, und Abends ist Kuskussu die allgemein übliche Kost. So lebt der Draui täglich und Jahr aus Jahr ein.
Tanzetta, Ort wo ich zuerst ankam, ist wie alle Ortschaften durch eine hohe Mauer umgeben und befestigt. Nördlich dicht dabei liegt der nur von Schürfa (Abkömmlinge Mohammed's) bewohnte Ort Alt-Tanzetta, und ausserhalb von Alt- Tanzetta ist eine Milha (Judenviertel). Eine halbe Stunde südlich von Tanzetta liegt der grosse Ort Sauya-Sidi-Barca, und dicht dabei erhebt sich der sonderbar geformte und unter den Draa-Bewohnern sehr berühmte Berg Sagora, berühmt, weil er eine Höhle enthält, in welcher in der Vorzeit die Christen einen grossen Schatz verborgen hätten, den bis jetzt noch Niemand gehoben. Der Sagora bildet gerade die Mitte des Draa-Landes oder Draa- Thales (d.h. des von Nord nach Süd laufenden Stromtheiles), und er ist ein wirklicher Berg, nicht nur eine Erhöhung des Ufers.
Nach einem Aufenthalte von acht Tagen brach ich von Tanzetta nach dem Süden auf, um nach dem berühmten Hauptorte, dem heiligen Tamagrut, Oertlichkeit, die nur eine kleine Tagereise südlich von Tanzetta liegt, zu kommen. Ich hatte Begleitung, was mir schon deshalb lieb war, da ich mich mit der berberischen Bevölkerung gar nicht verständlich machen konnte. Da eine ausserordentliche Hitze herrschte, machten wir den Weg in zwei Tagen, und blieben am ersten Tage in einem grossen Ksor, von Berbern bewohnt, Namens Alaudra. Der Weg folgte nicht den Krümmungen des Flusses, sondern lief gerade südwärts, und so befanden wir uns bald in steiniger Wüste, bald in einem lachenden Thale. Mittags erreichten wir am anderen Tage Tamagrut, das sich nur durch seine Grösse, und dadurch, dass ein beständiger Markt darin gehalten wird, von den übrigen Ortschaften unterscheidet. Die Sauya, nach Sidi-Hammed-ben-Nasser genannt, ist eine der grössten, die ich gesehen habe.
Sidi-Hammed-ben-Nasser war ein berühmter Heiliger, aber kein Nachkomme Mohammed's. Dafür hatte Allah ihm die Gabe verliehen, in der eignen Sprache der Thiere mit den Thieren sich unterhalten zu können (nach dem Glauben der Marokkaner konnte das vor ihm nur Sultan Salomon, dann Harun al Raschid und Djaffer sein Minister); aber leider hat diese grosse Gabe auf seine Nachkommen sich nicht vererbt. Wenigstens kann ich constatiren, dass die Urenkel weder mit dem Kameele, noch mit dem Pferde oder anderen Thieren sich unterhalten konnten.
Ich habe an anderer Stelle entwickelt, dass die Mohammedaner einen grossen Vorzug vor uns Christen haben: dass ihre Heiligen schon häufig bei Lebzeiten heilig gesprochen werden, dass ihre Heiligen heirathen dürfen, dass die Kinder und Nachkommen solcher Heiligen auch für heilig erachtet werden, ja, dass das Heiligsein bei den Mohammedanern wachsend ist, d.h. dass die Nachkommen solcher Heiligen für heiliger erachtet werden, als die Vorfahren selbst.
Aber hat man im Christenthum nicht ganz dasselbe. Sind auch die Päpste nicht fleischliche Nachkommen Christi, so folgt doch einer dem anderen als geistiger Erbe, und verfolgt man vom ersten Bischof in Rom, die zunehmende Macht und Heiligkeit bis zum letzten jetzt regierenden, der sich Gott gleich gestellt hat durch seine Unfehlbarkeit, so findet man, dass wir doch nicht so sehr hinter der anderen semitischen Schwesterreligion zurückstehen. Und ist es in den anderen christlichen Bekenntnissen nicht ebenso?
Der derzeitige Besitzer der Sauya, Si-Bu-Bekr, ein Ur-Ur-Enkel des erwähnten Heiligen, wurde denn auch für viel heiliger gehalten, als der Vorfahr selbst. Seine Familie war übrigens eine, die sich von jeher durch Frömmigkeit, durch Gelehrsamkeit in den Schriften, aber auch durch Glaubenseifer ausgezeichnet hatte.
Ich begab mich sogleich in die Sauya, wo man mich zu Sidi Bu-Bekr führte. Es war gerade die Zeit des öffentlichen Empfanges, der ehrwürdige Greis nahm daher bei der Menge der Leute, die von allen Seiten herbeigeströmt waren, wenig Notiz von mir, sondern gab bloss Befehl mir ein Zimmer anzuweisen. Desto zuvorkommender empfingen mich seine beiden Söhne, ich musste mehrere Wochen bei ihnen bleiben und täglich überhäuften sie mich mit Aufmerksamkeiten aller Art. Als ich Sidi143 Bu-Bekr einige Tage später meine Aufwartung machte, entschuldigte er sich, dass er mich nicht zuvorkommender empfangen, indem er nicht verstanden habe, dass ich von Europa (Blad-el-Rumi) käme; er fragte, ob ich mit Allem zufrieden sei, und gab seinen Söhnen den Auftrag für mich zu sorgen.
Diese Sauya kam mir gerade wie ein Kloster vor; die grossen von Bogengängen umgebenen Höfe, in welche die Zimmerchen oder vielmehr die Zellen münden, die von länger verweilenden Reisenden, oder von Studenten und Schriftgelehrten, die hier ihren Studien obliegen, bewohnt werden; das ewige Beten und Ablesen des Koran, die wallfahrenden Leute, die täglich kommen, um das Grab Sidi Hammed-ben-Nasser's zu besuchen, und ihre Gaben, die in Geld oder Sachen aller Art bestehen, zu den Füssen des Marabuts legen, alles dies erinnert an unsere Klöster, nur ist hier die Prälatur in einer Familie erblich, und zwar geht bei den Marabutin die Würde nur auf den ältesten Sohn über, während die übrigen Söhne, einmal aus dem elterlichen Hause ausgeschieden, in den gewöhnlichen Bürgerstand zurücktreten. Bei den Schürfa geht die Würde auf Söhne und Töchter über, ist dann nur erblich durch die Söhne.
Ehe ich weiter reiste, begab ich mich nach Ktaua, um einige Notizen über den Handel mit dem Sudan zu erhalten. Ktaua, diese grosse selbstständige Oase, hat allein für sich gegen 100 Ksors, die von Berbern, oder auch von Araber-Schürfa oder vom Stamme der Beni-Mhammed bewohnt sind. Ich ging zuerst nach dem grossen Orte Aduafil, ausschliesslich von Schürfa bewohnt. Von hier aus wird der hauptsächlichste Handel mit dem Sudan betrieben. Gold (in geringer Qualität), Elfenbein, Leder und Sklaven sind die hauptsächlichsten Gegenstände, welche man von dorther holt. An eignen Producten liefern indess die Draui den Schwarzen Nichts, sie können ihnen nur europäische Producte zuführen, denn das Kupfer, welches sich von Tarudant aus nach dem Sudan verbreitet, geht wohl zumeist über Tekna und Nun. Die Sklaven kauft man im Sudan zu den billigen Preisen von 15-20 Thaler, junge hübsche und hellfarbige Mädchen sind jedoch theurer. In Fes und Marokko werden sie dann mit bedeutendem Gewinne abgesetzt, zu 100 bis 150 Thaler. Von Aduafil bis Timbuktu brauchen die Karavanen ca. 8 Wochen, die längste wasserlose Strecke soll 10 Tage (nach Aussage der Eingebornen, jedoch halte ich das für übertrieben) betragen.
Ich blieb in Aduafil 14 Tage, und besuchte von hier aus auch die wichtigen Handelsplätze und Märkte Beni-Haiun und Beni-Sbih südlich gelegen. Dann begab ich mich nach Beni-Smigin, Ort, der am nördlichsten in Ktaua liegt, und nahm die Gelegenheit wahr, mit einer Karavane von hier nach Tafilet zu gehen.
Während man auf dem Wege von der Provinz Ternetta nach Tafilet die grosse Oase Tessarin antrifft, hat man von Ktaua aus nur wüstes Land. Man braucht fünf Tage und hält immer Nordost-Richtung. Die Wüste ist indess auch hier nicht aller Vegetation bar, man trifft hin und wieder auf Akazien. Ich war froh, als ich am fünften Tage Nachmittags von einer Felsanhöhe die Palmen Tafilets erblickte. Vom Orte Beni-Bu-Ali, dem östlichsten Ksor, auf den wir trafen, begab ich mich direct nach dem Hauptorte der Oase Abuam, und da ich ohne Bekannte war, ging ich direct in die grosse Moschee. Ich hatte mich, müde wie ich vom Wege war, schlafen gelegt, fand mich aber unangenehm erweckt durch einen Fusstritt. Vor mir stand ein Scherif, er fragte, wer ich sei, wie ich hiesse, was ich wolle. Wie gewöhnlich antwortete ich, ich sei ein zum Islam übergetretener Deutscher, Namens Mustafa (ich machte nie Hehl daraus, dass ich übergetreten sei, und konnte das auch nicht, da ich zu der Zeit das Arabische noch sehr mangelhaft sprach). Für uns Deutsche haben die Marokkaner das durch die Türken den Arabern zugebrachte und aus dem Slavischen entlehnte Wort Nemsi. Aber mit dieser Erklärung war der Scherif nicht zufrieden. Wie überhaupt durch die drohende Nähe der Franzosen in Algerien, die Filali (Bewohner Tafilets) bedeutend misstrauischer gegen Fremde sind, so schien Misstrauen, Glaubenseifer, Religionsdünkel und jesuitischer Fanatismus in diesem Scherif personificirt zu sein. Die übrigen Tholba wurden herbeigeholt, man wollte einen sichtbaren Beweis meines Islams haben, und als sie nach einigem Kopfschütteln erklärten, dass man in dieser Beziehung mir nichts vorwerfen könne, fingen sie trotzdem an, meine Kleider zu durchsuchen. Und um mein Unglück voll zu machen, fanden sie einen alten Pass, den ich aufbewahrt hatte.
Mit fanatischem Geheul wurde ich nun von diesen Zeloten nach Rissani, der officiellen Hauptstadt, wo der Kaid des Sultans residirt, geschleppt, und ich glaubte schon mein letztes Stündchen sei gekommen, denn was ist gegen fanatische Glaubenseiferer zu machen. Fortwährend brüllten sie: "er ist ein Spion, er ist ein Sendling des christlichen Sultans", womit sie den Kaiser Napoleon der Franzosen meinten, "er ist gekommen, um unser Land auszukundschaften, zu verrathen und zu verkaufen."—So dumm sind nämlich diese fanatischen Leute, wie ja überhaupt Dummheit und Fanatismus immer Hand in Hand mit einander gehen, dass sie überzeugt sind, ein einzelner Christ könne nur so ohne Weiteres ihr Land verkaufen.
Glücklicherweise aber traf ich im Kaid des Sultans einen Mann, der schon irgendwo einen Pass gesehen haben musste, oder doch wusste, welche Bewandniss es damit hatte, aber auch er würde wohl kaum den wutschnaubenden Volkshaufen haben besänftigen können, wenn nicht zur rechten Zeit ein marokkanischer Prinz, nach der Meinung Vieler der rechtmässige Sultan von Marokko, herbeigekommen wäre: Mulei Abd-er-Rhaman-ben-Sliman.
Als nämlich Sultan Sliman gestorben war, folgte nicht sein Sohn, sondern sein Neffe Mulei Abd-er-Rhaman-ben-Hischam, und als dieser im Jahre 1859 starb, hätte nach dem Herkommen der Aelteste der Familie und zwar Mulei Abd-er-Rhaman-ben-Sliman folgen müssen. Sultan Abd-er-Rhaman hatte aber bei Zeiten dafür gesorgt, dass sein Sohn Sidi Mohammed nachfolgen würde, und in der That fand im Herbste 1859 Abd-er-Rhaman-ben-Sliman den Thron besetzt. Da er sich bis dahin 16 Jahre in der Sauya Sidi Hamsa's, nördlich von Luxabi gelegen, verborgen aufgehalten hatte, um dem Dolche und Gifte seines Vetters zu entgehen, brach er Ende 1859, von einigen wenigen Getreuen begleitet, auf nach Fes, um sich des Thrones zu bemächtigen. Aber schon hatte sich Bascha ben Thaleb und Kaid Faradji von Fes für den jetzigen Sultan erklärt, der lange Zeit vorher dort Chalifa gewesen war und sie durch reiche Geschenke an sich gezogen hatte. Wenig fehlte, so wäre der Sohn Sliman's mit seinen einigen hundert Reitern gefangen genommen.
Dieser Mulei Abd-er-Khaman-ben-Sliman lebte jetzt in Tafilet, und ihm, in seiner Eigenschaft als Prinz und seinem unfehlbaren Charakter als Scherif— ihm war es ein Leichtes das tobende Volk zu besänftigen. Es könnte befremdend erscheinen, dass dieser geächtete und vom Throne ausgestossene Prinz so friedlich an der Seite des Kaids des Sultans stand, aber man muss bedenken, dass die Regierung von Marokko südlich vom Atlas nur eine Scheinregierung ist, und namentlich dieselbe in Tafilet gar keine Autorität besitzt.
Der Prinz fasste für mich Freundschaft, und diese wuchs noch, als sich herausstellte, dass ich in der Campagne der Franzosen gegen die Beni- Snassen 1859 schon seinen ältesten Sohn, der ebenfalls Abd-er-Rhaman hiess, kennen gelernt hatte. Derselbe war dahin gekommen, um die Hülfe des französischen Generals Martimprey gegen seinen Verwandten, der den Thron von Fes usurpirt hatte, anzurufen; Martimprey lehnte selbstverständlich jede Einmischung in die inneren Angelegenheiten Marokko's ab. Ich blieb längere Zeit bei dieser gastfreundlichen Familie, die für gewöhnlich in Marka, Provinz Ertib der Oase Tafilet144, wohnt, und sodann bereitete ich mich vor, meine Reise zu vollenden.
Ich hatte im Laufe der Zeit durch Prakticiren wieder einiges Geld zusammengebracht, allerdings durch mühsames Sparen, denn die ärztliche Praxis muss in Marokko und namentlich in den regierungslosen Theilen ganz anders ausgeübt werden, als bei uns. Namentlich muss sich der Arzt, der keine starke Sippe oder Verwandtschaft hinter sich hat, wohl hüten, einem Patienten eine Medicin zum inneren Gebrauche zu verabfolgen, denn hat er das Unglück sodann einen Kranken durch den Tod zu verlieren, so ist entweder die Medicin, oder der Arzt die Ursache davon gewesen; andererseits hat der Arzt aber von wirklich guter Medicin gar nicht einmal den erhofften Erfolg, denn gesundet ein Kranker, dann haben weder die Medicin noch der Arzt geholfen, sondern irgend ein Heiliger, auch wohl Mohammed, in seltneren Fällen Gott145, dies Wunder bewirkt. Es ist daher am besten die Praxis so auszuüben, wie es landesüblich ist: durch Feuer und Amulette.
Mit einer Karavane machte ich mich sodann auf den Weg und zwei Tage nach unserem Aufbruche von Ertib erreichten wir die nordöstlich davon gelegene Oase Budeneb. Wir blieben hier nur einen Tag, und am folgenden Tage Abends erreichten wir die Oase Boanan, den ganzen Weg hatten wir ebenfalls in nordöstlicher Richtung zurückgelegt. Mit einem Empfehlungsbriefe vom obengenannten marokkanischen Prinzen für den Schich der Oase versehen, kehrte ich bei ihm ein, und wurde auch gastfreundlich empfangen. Der Schich hiess Thaleb Mohammed-ben-Abd-Allah.
Zehn Tage lang war ich sein Gast, und täglich assen wir aus Einer Schüssel. Ich hatte dort einen so langen Aufenthalt, weil Thaleb Mohammed der Meinung war, ich solle nur mit einer grösseren Karavane weiter reisen, da je näher der algerinischen Grenze, desto unsicherer der Weg sei. Zu der Zeit nun lebte ich noch in den Illusionen, wie man dieselben so häufig durch Bücher solcher Reisenden genährt bekommt, die nur einen oberflächlichen Blick in das Leben der Mohammedaner geworfen haben und uns erzählen, wer mit einem Muselman aus Einer Schüssel gegessen habe, für heilig und unverletzlich gehalten werde. Zu der Zeit glaubte ich noch an die Heiligkeit des Gastrechtes. Und hierdurch unvorsichtig gemacht; liess ich eines Tages mein Geld sehen. Im Ganzen mochte ich ca. 60 französische Thaler haben. Aber auch für einige Thaler marokkanisches Kleingeld war darunter, welches ich den Schich bat, gegen französisches umzutauschen, da ich wusste, dass ersteres in Algerien keinen Cours hatte.
Thaleb Mohammed wechselte, aber von dem Augenblick an musste er auch schon den Entschluss gefasst haben, mich zu ermorden. Jetzt war nicht mehr die Rede davon eine Karavane abzuwarten, er meinte nun, mit Hülfe seines Dieners, der ganz gut als Führer würde dienen können, könne ich auch ohne Karavane die nur zwei Tagemärsche entfernte Oase Knetsa erreichen. Er fügte noch hinzu, ich könne mich vollkommen auf seinen Diener verlassen, und der Preis für das Führen, 8 Frcs., wurde von mir im Voraus bezahlt.
Mit Freuden war ich auf den Voschlag [Vorschlag] eingegangen, denn nach mehr als zweijähriger Anwesenheit unter diesen durch ihre Religion verthierten Menschen hatte ich die grösste Sehnsucht wieder unter Civilisation zu kommen. Ich fand es auch gar nicht auffällig, als Thaleb Mohammed vorschlug, Abends abzureisen, da man in der Sahara ja so häufig die Nacht zu Hülfe nimmt, um der Sonne zu entgehen, und um vom Durste minder gequält zu werden.
So machten wir uns Abends auf den Weg, der Führer, ein Diener und ich. Es hatte sich nämlich vom Draa her ein Pilger an mich angeschlossen, der gegen Kost, aber sonst ohne Lohn, in ein Dienstverhältniss zu mir getreten war. Nach einem Marsche von etwa 4 Stunden lagerten wir in der Nähe eines kleinen Flusses und machten von trocknen Tamarisken-Aesten ein hoch und hell loderndes Feuer an, welches der Führer besonders gut im Brennen unterhielt, um damit seinem Herrn den Ort zu zeigen, wo wir gelagert wären. Mein Diener und ich beim Feuer ausgestreckt, waren bald eingeschlafen, ebenso schien der Führer sich der Ruhe hinzugeben. Ausser dass ich eine Pistole trug, hatte der Diener und ich keine Waffen, der Führer hatte einen Karabiner. Wie lange ich geschlafen, erinnere ich nicht. Als ich erwachte, stand der Schich der Oase dicht über mich gebeugt vor mir, die rauchende Mündung seiner langen Flinte war noch auf meine Brust gerichtet. Er hatte aber nicht, wie er wohl beabsichtigt hatte, mein Herz getroffen, sondern nur meinen linken Oberarm zerschmettert; im Begriff mit der Rechten meine Pistole zu ergreifen, hieb nun der Schich mit seinem Säbel meine rechte Hand auseinander. Von dem Augenblick sank ich auch schon durch das aus dem linken Arm in Strömen entquellende Blut, wie todt zusammen. Mein Diener rettete sich durch Flucht.
Als ich am folgenden Morgen zu mir kam, fand ich mich allein, mit 9 Wunden, denn auch noch, als ich schon bewusstlos dalag, mussten diese Unmenschen, um mich ihrer Meinung nach vollkommen zu tödten, auf mich geschossen und eingehauen haben. Meine sämmtlichen Sachen, mit Ausnahme der blutdurchtränkten Kleider, hatten sie weggenommen. Obgleich das Wasser nicht weit von mir entfernt war, konnte ich es nicht erreichen, ich war zu entkräftet, um mich zu erheben, ich versuchte mich hinzurollen, Alles vergebens, ich litt entsetzlich vom brennenden Durste.
In dieser hülflosen Lage blieb ich zwei Tage und zwei Nächte. Halb war mein Zustand wachend, halb ohnmächtig. Ich hatte dann die schrecklichsten Visionen. Manchmal glaubte ich Leute zu sehen, und strengte nun alle Kräfte an, um sie herbeizurufen, aber immer war es Täuschung. Mit dem Leben hatte ich vollkommen abgeschlossen. Hauptsächlich quälte mich die fürchterlichste Angst von Hyänen oder Schakalen angefallen und lebendig verzehrt zu werden. Denn diese Uebergangsgegend der Sahara ist besonders das Gebiet dieser feigen Raubthiere. Ich wäre ihnen eine vollkommen hülflose Beute geworden.
Endlich am dritten Tage kamen zwei Menschen. War es diesmal Wirklichkeit, oder wieder Täuschung? Nein, es waren Menschen, sie antworteten auf mein schwaches Rufen durch Winken, mit der Stimme. Es waren Marabutin der unfernen kleinen Sauya Hadjui. Ihre Freude mich lebend anzutreffen, war fast grösser als die meine. Ich stammelte nur "el ma, el ma!" (Wasser). Aber, dachte ich dann, ist ihre Freude auch aufrichtig? Sie hatten eiserne Hacken auf der Schulter, offenbar in der Absicht mich zu beerdigen, aber hauptsächlich waren sie wohl durch den Umstand hergezogen, der jedenfalls ruchbar geworden war: nämlich dass man mir meine Kleidungsstücke gelassen hatte, für die dortige so sehr arme Gegend immer noch ein sehr kostbarer Gegenstand.
Und nun erklärten sie zwar freundlichst mich retten zu wollen, aber sie müssten nach dem zwei Stunden entfernten Hadjui zurückkehren, um behuf meines Transportes ein Maulthier zu holen. So entfernten sie sich wieder, und jetzt durchlebte ich erst die entsetzlichste Zeit.
Diese vier Stunden, die ich jetzt allein zubrachte, kamen mir vor, wie eine nie enden wollende Ewigkeit. "Sie haben dich nur verlassen, um dich sterben zu lassen, und um, wenn du gestorben bist, sich deiner Kleidungsstücke zu bemächtigen", das war der Gedanke, der fortwährend durchgedacht wurde, nachdem ich soeben durch einen Trunk Wasser zu etwas erneuertem Leben gekommen war. Wie konnte ich überhaupt nach einem solchen Mordversuche noch Glauben zu den dortigen Menschen haben.
Da endlich hörte ich Geräusch, ich versuchte den Kopf zu erheben, ich sah ein starkes Maulthier, getrieben von mehreren Menschen, sich nähern, meine Retter waren wieder da. Mit Vorsicht luden sie mich auf das Thier, was keine Kleinigkeit war, da mein linker Arm nur noch an Haut und Muskeln hing, meine rechte Hand auseinanderklaffte, mein rechter Oberschenkel ebenfalls durchschossen war. Das Bluten hatte schon längst von selbst aufgehört, es mussten sich Pfröpfe gebildet oder die Ohnmachten das bewirkt haben.
Wie lachte mein Herz, als ich die Palmen von Hadjui auftauchen sah, und doch wusste ich nicht, wie ich vor Schmerzen auf dem Maulthiere es würde aushalten können. Und die wenigen Palmen, die wenigen armseligen Häuser146 schienen mir ein Paradies zu sein.
Ich wurde nach der Wohnung des Schichs der Oase gebracht. Das Haus Sidi- Laschmy's war aber keineswegs gross, es bestand aus einem Vorzimmer, Aufenthaltsort für das Maulthier, für einen Esel und zwei Ziegen, dann kam ein grösseres Gemach, das als Wohnzimmer für die ganze Familie und zugleich als Küche diente. Daran stiess ein kleines Zimmer, Vorrathskammer, endlich waren oben zwei Mensa, d.h. Räumlichkeiten, die auf dem flachen Dache gebaut waren, und worin die beiden Brüder, denn Sidi-Laschmy bewohnte das Haus mit seinem jüngeren Bruder Abd-er-Rhaman, mit ihrer resp. Frau schliefen. Man machte mir dicht neben der Feuerstelle mein Lager. Mein erster Wunsch war, nachdem ich etwas Mehlsuppe genossen hatte, nach einem Messer, und als man ein solches brachte, bat ich Sidi-Laschmy, mit einem herzhaften Schnitt meinen herabhängenden Arm abzuschneiden.
Aber da kam ich schlecht an. "Das kann bei euch Christen Sitte sein," sagte der Marabut, "aber wir schneiden nie ein Glied ab, und da du, der Höchste sei gelobt, jetzt rechtgläubig bist, wirst du deinen Arm behalten." Mittlerweile hatten sie auch schon aus Ziegenfell eine Binde genäht, in welche Stäbe aus Rohr, um dem Ganzen Halt zu geben, eingezogen waren. Diese Binde wurde umgelegt, mit Thon umschmiert, und so eine Art festen Verbandes hergestellt. Der Arm wurde auf weissen Wüstensand gebettet. Hätte man nicht vergessen gehabt, den Verband zu fenstern, so wäre er vollkommen gewesen. Die übrigen Wunden wurden einfach mit Baumwolle verbunden, welche von Butter, in welche man vorher Artemisia getaucht hatte, um sie aromatisch zu machen, durchtränkt war.
Welch' wonniges Gefühl hatte ich Abends, als ich mich unter Dach und Fach wusste, zwar hart gebettet, denn ich lag auf Stroh und war nur mit Teppichen bedeckt, aber doch in Sicherheit mit der Aussicht wieder hergestellt zu werden und noch leben zu können. Man hatte mir meine Kleidung vom Leibe geschnitten, um das Blut heraus zu waschen, aber während der Zeit befand ich mich in Adam's Kleidern, denn die Leute waren so arm, dass sie mir keine anderen verschaffen konnten. Ueberhaupt schien Hadjui einer der dürftigsten Oerter zu sein, die Leute der Oase waren aber auch die gastfreundlichsten der Welt. Sie waren so arm, dass sie in der ganzen Ortschaft nicht einmal Weizen hatten, aber im Glauben, ich dürfe ihre schwere Kost aus Gerstenmehl nicht geniessen, wurde für mich auf Gemeindekosten Weizen von einer anderen Oase gekauft. Auch Butter wurde für mich auf Gemeindekosten geholt, und die jungen Leute mussten dann und wann hinaus, um Strausseneier zu suchen, oder wo möglich einen Strauss zu erlegen, damit ich animalische Kost bekäme. Es war rührend, wie die jungen Mädchen täglich an mein Lager kamen, um mir frisch aufgesprossene Gerste zu bringen. In dieser an Grün so armen Gegend, wo Gemüse, wie Rüben, Zwiebeln und Kohl zu den feinsten und kostbarsten Gartentrüchten [Gartenfrüchten] gerechnet werden, verschmäht man es nicht, das zarte Gras der Gerste zu geniessen.—Ja, fast erstickten mich im Anfange die Frauen durch ihre Güte: von dem Grundsatze ausgehend, dass der grosse Blutverlust nur durch grosse Quantitäten von Nahrung zu ersetzen sei, waren in den ersten Tagen beständig zwei Frauen an meiner Seite damit beschäftigt, mir grosse Klumpen Kuskussu in den Mund zu schieben, und ich, des Gebrauches meiner beiden Hände zu der Zeit beraubt, musste es ruhig geschehen lassen.
Endlich nach langem Schmerzenslager, um so unangenehmer deshalb, weil ich keine Kleidungsstücke zum Wechseln hatte, konnte ich das Ende meiner Reise antreten. Die Wunden am Körper, an den rechten Hand, der Schuss durchs rechte Bein waren geheilt, der zerschossen gewesene linke Arm hatte zwar durch Callusbildung um den zerschmetterten Oberarmknochen Festigkeit gewonnen, aber die Wunden waren offen und von Zeit zu Zeit eiterten Splitter147 heraus.
Wir nahmen Abschied von einander und Sidi-Laschmy liess es sich nicht nehmen, mich bis zur grossen Ortschaft Knetsa zu begleiten. Auf dem Wege dahin haben die Beni-Sithe Minen mit Blei und Antimon, die sie bearbeiten. Knetsa mit einer Einwohnerschaft von ca. 5000 Seelen ist eine für dortige Gegend berühmte Sauya, indess ebenfalls nicht von Schürfa, sondern nur von Marabutin gegründet. Die Schichs Sidi Mohammed-ben-Abd-Allah und Sidi Ibrahim sind die ansehensten. Da ersterer sich in Fes befand, stieg ich bei letzterem ab, für beide hatte ich Empfehlungsschreiben von Mulei Abd-er- Rhaman-ben-Sïiman von Tafilet. Merkwürdigerweise hatte mir nämlich der Schich Thaleb Mohammed-ben-Abd-Allah von Boanan auf Bitten der Marabutin von Hadjui nicht nur meine Empfehlungsbriefe, sondern auch einen Theil meines Tagebuches zurückerstattet. Aber hartnäckig den Mordanfall läugnend, behauptete er, diese Gegenstände dort gefunden zu haben, leider waren Croquis, sowie Notizen über Einwohner, Einwohnerzahl der Ortschaften und eine ganze Reihe von Berge-, Flüsse- und Orts-Namen unwiederbringlich verloren.
Ich wurde gut in Knetsa aufgenommen, aber auf meine Klage, mich zu unterstützen gegen Thaleb Mo-hammed-ben-Abd-Allah, erwiederte Sidi Ibrahim, Nichts thun zu können, da sie keine obrigkeitliche Regierung hätten. In der That ist in diesen Gegenden von Regierung und Obrigkeit keine Spur vorhanden, das Faustrecht in der ganzen primitiven Bedeutung des Wortes herrscht überall. Knetsa selbst liegt in einem breiten Ued gleichen Namens, der meist oberirdisch ohne Wasser ist, indess stöst [stösst] man in geringer Tiefe auf eine Schicht desselben.
Nach einigen Tagen Aufenthalt vernahm ich, dass eine Karavane von Tafilet nach Tlemçen den westlich einen Tagemarsch entfernt sich erstreckenden Ued- Gehr passiren würde; mit mehreren Gefährten brachen wir also von Knetsa auf. Unsere Richtung war den ganzen Tag über westlich, und nach einem für mich entsetzlich mühevollen Marsche erreichten wir spät Abends den Gehr. Hätten an dem Tage die Gefährten mich nicht unterstützt, so wäre ich auf halbem Wege liegen geblieben; mein Schuhzeug war ganz zerrissen, meine Kräfte aber so wenig hergestellt, dass ich alle paar hundert Schritt ausruhen musste. Und am Gehr angekommen, erfuhr ich, die Karavane würde gar nicht nach Tlemçen gehen, sondern nach dem Ued-Ssaura. Ich musste also nach Knetsa zurück, aber bald darauf traf ich denn auch Leute, die nach der Oase Figig reisen wollten.
Sobald man Tafilet hinter sich hat, hört die eigentliche Sahara auf. Man hat alle Tage Wasser, Flüsse, Brunnen und Ortschaften. Aber nirgends hat die Gegend einen eigenthümlicheren, wild durch einander gemischten Charakter wie hier. Selbst in Abessinien, obschon dort die Berge mächtiger und bedeutend höher sind, man aber nur Berge hat, giebt es kaum wunderlichere Formen. So sieht man auf dem Wege zwischen Hadjui und Knetsa einen Berg, der vollkommen die Gestalt einer Kirche mit daneben stehendem Thurm hat, senkrecht aus der Ebene hervorragen. Als ich von Weitem diese eigenthümliche Formation erblickte, glaubte ich zuerst, es sei eine alte kolossale Baute ehemaliger Christen. Hier ist denn auch die Heimath der Antilopen, Gazellen und Strausse, grössere reissende Thiere sind sehr selten, Hyänen, Füchse und Schakale häufig.
Man braucht von Knetsa nach Figig drei Tagemärsche, die aber tüchtig gemessen sind. Meine Gefährten gingen indess nur bis zum Orte Bu- Schar148, einer kleinen Oase am Flusse gl. N., von den Uled Djerir bewohnt. Die Bu-Schar-Oase hat ausserdem noch zwei kleinere Ksors. Ich glaubte schon zu einem längeren Aufenthalte verdammt zu sein, als sich ein Mann erbot, mich nach Figig bringen zu wollen, gegen den geringen Lohn von einem (französischen) Thaler. Er hatte den Empfehlungsbrief des Scherif- Prinzen von Tafilet an Schich Humo-ben-Taher von Figig gelesen und meinte, der würde den Thaler zahlen. Mit diesem guten Manne, der noch dazu einen Schlauch Wasser und einige Lebensmittel trug, brach ich auf. Nach zwei harten Tagemärschen sahen wir die dichten Palmwälder der Oase Figig vor uns. Es ist dies die letzte Oase nach dem Norden zu, deren Datteln noch gesucht werden; alle von hier an nördlich gelegenen Oasen produciren wohl noch Datteln, jedoch von geringerer Güte. Renou t. IX, p. 120 führt nach Carette noch Figig als eine von "Berbern bewohnte Stadt mit 400 bis 500 Häusern oder 2000 bis 2500 Einwohnern" an. Figig ist kein Ort oder keine Stadt, sondern eine ziemlich grosse, 3 bis 4 Stunden im Umfange haltende sehr fruchtbare Oase, mit acht Ksors, die alle befestigt sind, und fast fortwährend in Feindseligkeiten mit den auswärtigen Ortschaften oder unter sich selbst sind. Der Hauptort heisst Snaga, im SO der Oase gelegen, hier residirte auch Schich Humo-ben-Taher. Von den anderen Orten kann ich Maise, dann Hammam-Tachtani und Hammam-Fukkani (oberes und unteres Bad) nennen. Der Name deutet schon an, dass hier Thermalen sind, denn unter Hammam versteht der Araber immer "heisses Bad." Es dürfte wohl nicht übertrieben sein, wenn wenn [wenn] man die Gesammtbevölkerung der Oase Figig auf 10,000 Seelen annimmt. Auch Juden wohnen in Snaga und Maise. Die Oase producirt ausser der Dattel sämmtliche Früchte der Mittelmeerzone. Der Handel ist sehr lebhaft, Araber-Nomaden, besonders aus Algerien bringen Butter, Oel, Felle, Wolle, Schafe, Ziegen und Getreide, und holen dafür Pulver, Kleidungsstücke, Datteln, Waffen und Sklaven.
Leider konnte ich mein Versprechen, dem Führer einen Thaler zu geben, nicht halten. Schich Humo-ben-Taher nahm mich zwar sehr freundlich auf, aber einen harten Thaler für mich auszugeben, dazu war er nicht zu bewegen. Statt dessen rief er den armen Kerl, und ertheilte ihm seinen Segen, er meinte der Segen würde besser sein, als Geld. Betrübt schlich der arme Mann von dannen, er nahm selbst Abschied von mir ohne Fluch und Verwünschung, meinte nur, wenn ich das Geld gehabt hätte, würde ich ihn wohl belohnt haben. Und darin hatte er nicht Unrecht, denn als ich später auf meiner zweiten Reise in der heiligen Stadt Uesan mit ihm zusammentraf, konnte ich ihm reichlich sein mir erwiesenes Gute zurückerstatten.
Von Figig bis zur französischen Grenze hat man noch einen starken Tagemarsch, nach einem mehrtägigen Aufenthalt in Snaga brach ich mit einer grossen Karavane von Algerinern auf und mit Isch hat man die Grenze des Gebietes, das dem Namen nach zu Marokko gehört, hinter sich, und bald darauf ist man auf französischem Grund und Boden.
Ehe ich aber über Ain-Sfran, Schellala etc. und durch zahlreiche Duars nomadisirender Araber kommend, Géryville, die südwestlichste von den Franzosen besetzte Stadt, erreichte, vergingen noch saure, mit starken Anstrengungen verknüpfte Tage.
Mit Géryville aber hatten meine Leiden ein Ende. Herr Burin, Commandant des Ortes, dann der dortige Militairarzt, nahmen mich mit der offensten Gastfreundlichkeit auf, wochenlang wurde ich dort aufs liebevollste im Hospitale der Garnison verpflegt, und bald darauf bekam ich Briefe aus der Heimath, mein ältester Bruder Dr. Hermann schickte die Mittel zur Weiterreise, und als ich dann, kurze Zeit später, in Algier selbst anlangte, brachte nach einigen Tagen der Dampfer eben diesen Bruder, der die weite Reise von Bremen nicht gescheut hatte, "den Wiedergefundenen" an sein treues Herz zu drücken.