Title: Von Tripolis nach Alexandrien - 1. Band
Author: Gerhard Rohlfs
Release date: January 24, 2006 [eBook #17599]
Language: German
Credits: Produced by Magnus Pfeffer, Hagen von Eitzen, Clare Boothby
and the Online Distributed Proofreading Team at
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Beschreibung
der im Auftrage Sr. Majestät des Königs von Preussen
in den Jahren 1868 und 1869 ausgeführten Reise
von
Gerhard Rohlfs.
Mit einer Photographie, zwei Karten, vier Lithographien
und vier Tabellen.
Erster Band.
Bremen, 1871
[Illustration: Marmor-Widder Gefunden in der Oase des Jupiter Ammon 1869.]
Marmor-Widder
Gefunden in der Oase des Jupiter Ammon 1869.
Seiner Majestät
Dem Kaiser Wilhelm von Deutschland
König von Preussen etc. etc.
mit Allerhöchster Bewilligung
in tiefster Ehrfurcht
gewidmet
vom
Verfasser.
Seit dem Herbste 1868, in welchem die Reise nach Tripolitanien auf Befehl des Königs von Preussen unternommen wurde, welche Ereignisse sind da an uns vorüber gegangen!
Der König von Preussen ist Kaiser von Deutschland geworden; und wenn schon in den letzten Jahren die Deutschen im Auslande nicht mehr wie Schutzlose oder als nicht ebenbürtig und gleich berechtigt den übrigen Nationen gegenüberstanden, um wie viel mehr wird jetzt „Kaiser und Reich“, selbst in den „weitesten Fernen“ die Deutschen beschirmen.
Und inmitten dieser gewaltigen Begebenheiten ist auch schon die Nachricht vom günstigen Resultate der Expedition nach Tripolitanien und nach dem Inneren von Afrika angelangt: Dr. Nachtigal erreichte mit den Geschenken glücklich die Hauptstadt von Bornu, Kuka, und wurde, wie zu erwarten stand, auf's Zuvorkommendste vom Sultan Omar empfangen.
Das vorliegende Buch, Ergebniss der Reise nach Tripolis, und der von hier aus unternommenen Reise nach Cyrenaica und der Oase des Jupiter Ammon, sollte ursprünglich Mitte 1870 dem Publicum vorgelegt werden. Die Kriegsereignisse brachten eine Verzögerung der Herausgabe hervor. Möge diesem Werke dieselbe günstige Aufnahme und nachsichtige Beurtheilung von Seiten des Publicums zu Theil werden wie den früheren Arbeiten des Verfassers.
Gestattet sei mir hier, der Verlagshandlung für die schöne Ausstattung des Buches meinen Dank auszusprechen, namentlich dafür, dass dieselbe nicht gescheut hat, ohne den Preis desselben wesentlich zu erhöhen, die musterhaften Karten von Kiepert, sowie die von G. Hunckel ausgeführten Chromolithographien beizufügen. Leider konnten die zahlreichen Photographien, die der Reisende in Cyrenaica aufnehmen liess, nicht eingeschaltet werden, da der Preis des Buches sich dadurch verfünffacht haben würde.
Weimar, im Januar 1871.
Gerhard Rohlfs
Es war im Herbste des Jahres 1868, als ich von der preussischen Regierung den Auftrag bekam, die Geschenke, welche der König für den Sultan von Bornu bestimmt hatte, nach Tripolis zu übermitteln, um sie von dort aus mittelst eigener Karavane ins Innere zu befördern. Die mit den letzten Entdeckungsreisen im Innern von Afrika Vertrauten werden sich erinnern, dass König Wilhelm, in Anerkennung der grossen Dienste, welche Sultan Omar von Bornu gegen deutsche Reisende geleistet, beschlossen hatte, diesem dadurch seine Dankbarkeit zu bezeigen, dass er demselben eine Reihe passender Geschenke übermachte. Sultan Omar hatte von der englischen Regierung aus ähnlichem Anlass auch früher schon Geschenke bekommen.
Die preussischen bestanden in einem in Berlin gearbeiteten Thron, Zündnadelgewehren, Doppelfernglas, Chronometer, Uhren, Bildern der königlichen Familie, und dazu sollten noch in Tripolis durch Consul Rossi angeschaffte Sachen kommen, als Rosenessenz, ächte Corallen, 2Seiden-, Tuch- und Sammetstoffe. Die von Berlin aus abgegangenen Sachen sollte ich in Marseille empfangen.
Mein Weg führte mich daher über Frankreich, wo ich namentlich meine Ausrüstung zu machen hatte, denn nicht nur hatte ich von Tripolis aus den Abgang der Geschenke einzuleiten, sondern auch die Erlaubniss und Mittel zu einer Reise durch Cyrenaica und die Jupiter-Ammons-Oase erhalten.
Keine Stadt am mittelländischen Meer nimmt einen so raschen Aufschwung wie Marseille, besonders hervorgerufen durch den Handel mit der gegenüberliegenden Colonie. Und was würde Marseille sein, befände sich die Colonie in einem blühenden Zustande, hätten die Franzosen von Anbeginn der Eroberung den Grundsatz befolgt: die Araber, vielleicht die Berber, in die Wüste zu drängen, wohin sie gehören, und so ein freies Terrain für europäische Cultur und Gesittung geschaffen! Unter diesen Umständen würde Algerien statt jetzt einige hunderttausend Europäer, einige Millionen haben. Aber die falschen Grundsätze von Philanthropie, die civilisatorischen Ideen solcher Leute, welche auf die fanatischen Eingebornen dieselben Regeln anwenden wollten, welche man auf durch Jahrhunderte hindurch gereifte Völker anwendet, haben dies alles verhindert.
Ich will damit nicht sagen, dass die Araber sich nicht civilisiren liessen; sie haben sicher dieselben Anlagen, 3Fähigkeiten, Gefühle, wie wir; aber sie wollen keine Civilisation, ihre Religion erlaubt es nicht. Und eben deshalb werden sie verschwinden, denn die Civilisation lässt sich nun einmal nicht aufhalten, und die Völker, welche nicht mit fort wollen, werden absorbirt oder vernichtet werden. So sehen wir denn auch unaufhaltsam den Islam seinem Ende entgegen gehen, sowohl Araber als Türken können sich gegen das Christenthum nicht halten; ohne dass diesen Völkern ein Zwang angethan wird, gehen sie ihrem Untergange entgegen. Und selbst in der christlichen Religion sehen wir bei den Völkern, welche durch die Religion gefesselt sind, ein geistiges Verkommen, einen Rückschritt; der Franzose sieht und constatirt mit Bangen keine Zunahme der Bevölkerung, und in Spanien, in Italien, wie sieht es da aus!
Dem Islam gegenüber ist aber selbst die katholische Religion Fortschritt, deshalb wird auch das mohammedanische Element über kurz oder lang dem Christenthum in Algerien unterliegen, so sehr sich die französische Regierung auch Mühe giebt, die Araber zu civilisiren, zu pflegen, zu begünstigen und auf Kosten der Europäer zu bevorzugen.
Wir fanden in Marseille alles in bester Ordnung, und wie immer die liebenswürdigste und zuvorkommendste Aufnahme bei unserm deutschen Consul, Hrn. Schnell.
Wie wenig übrigens sonst von den Marseillern auf deutsche Sitte und Sprache gegeben wird, geht daraus 4hervor, dass nicht ein einziges deutsches Journal im ersten Club der Stadt, dem Cercle des Phocéens, vorhanden war, von den englischen war nur die Times vorhanden. Die eigentlichen Marseiller sind eben nur Krämer, keine Kaufleute; der Grosshandel ist einzig in den Händen eingewanderter Franzosen oder Schweizer.
Aber grossartig ist die Stadt und hat in Hrn. Maupas, dem vorletzten Präfecten, einen wahren Haussmann1 gehabt. Die Präfectur, die neue Börse, das kaiserliche Palais, das bischöfliche Schloss, ohne viele andere Gebäude zu nennen, sind alle Prachtbauten, und die neuen Stadttheile, die Faubourgs mit den beiden grossartigen Häfen Port Napoléon und Joliette machen Marseille zu einer der glänzendsten Städte des Mittelmeeres.
Und auch die Umgebung hat merkwürdige Veränderungen erlitten. Früher von kahlen Kalkfelsen bordirt, welche die Meeresufer pittoresk, aber nicht schön machten, hat man durch sorgfältige Bewässerungen und Auftragen von Humus grüne, mit Pinien und anderen Bäumen geschmückte Hügel geschaffen, und der Prado von Marseille ist einer der schönsten der Welt. Wer nach Marseille kommt, versäume ja nicht, nach der sogenannten Reserve zu gehen, auf dem Wege nach Toulon längs dem Meere gelegen; eine Restauration, im grossartigsten Verhältnisse aufgeführt, von der aus man die prachtvollste 5Aussicht auf Stadt, Meer und die vorliegenden Inseln hat.
Doch alle diese Einzelheiten sind in den Reisebüchern zu finden, und ich für meinen Theil hatte Marseille schon so oft gesehen, vom Anfange seines neuen Daseins an (da wo die prächtigen Häuser unterhalb des bischöflichen Palais sich hinziehen, hatte ich vor Jahren gebadet), dass ich gar keine Lust verspürte, den Aufenthalt unnöthig zu verlängern.
Es war mir deshalb sehr erwünscht, dass Consul Schnell sich bereitwilligst erbot, meine sämmtlichen Kisten nach Malta spediren zu wollen; auf diese Art wurde es möglich, dass ich gleich am folgenden Tage Passage an Bord des nach Tunis fahrenden Dampfers nehmen konnte, um so auf diesem Umwege Malta zu erreichen. Der directe Dampfer sollte erst am 27. November und mit ihm mein Gepäck abgehen, wir gingen Nachmittags desselben Monats am 20. an Bord. Unser Schiff, Cayd genannt, war kein der Messagerie gehörender Dampfer, sondern ein von dieser Gesellschaft gemiethetes Boot, welches der Compagnie der Navigation mixte zugehörte. Klein und mangelhaft eingerichtet, war das Schiff bis Philippeville mit Passagieren aller Classen überfüllt, und selbst die erste Classe hatte ein knotiges Aussehen. Mit Ausnahme eines Engländers, der wie ich nach Tunis wollte und ein sehr gebildeter und feiner Gentleman war, bestand die ganze Zahl der Passagiere aus Franzosen. 6Die zweite Classe war theils mit französischen Officieren, theils mit Kaufleuten besetzt; das Verdeck war überfüllt mit Soldaten aller in Algerien üblichen Truppen, mit leichten Frauenzimmern, welche das Mutterland einer Colonie sandte, und einigen arabischen Pilgern, welche von Mekka kamen.
Glücklicherweise dauerte die Fahrt nicht lange Zeit, und das Wetter war andauernd günstig; schon am Sonntag Morgens, den 22. Novbr., waren die Berge Afrika's in Sicht, und um 2 Uhr lagen wir vor Stora, dem kleinen Hafenorte von Philippeville. Stora ist für Philippeville derselbe Platz, der Mers el Kebir für Oran ist, auch die topographische Lage ist fast dieselbe. Aber sowohl an Wichtigkeit im Verkehr als an Schönheit übertreffen die beiden Orte der Provinz Oran um ein bedeutendes die der Provinz Constantine. Die Ausschiffung ging rasch von Statten, da Barken genug vorhanden waren, und die Araber doch unter französischer Herrschaft schon ein gutes Theil jener Zudringlichkeit und Unverschämtheit verloren haben, welche sie da ausgezeichnet, wo sie unter eigener oder türkischer Herrschaft stehen. Aber nun, wo unser Schiff ruhig auf den glatten Wellen lag, merkte ich, dass es noch eine berühmte und glänzende Schönheit beherbergt hatte, die Marquise von G..., eine der ersten Schönheiten am Hofe Napoleons III. und Ehrendame seiner kaiserl. Gemahlin. Diejenigen, welche mit dem Hofe Napoleons vertraut sind, werden 7leicht errathen können, wer diese hervorragende Schönheit ist, welche hier von ihrem Gemahl, dem Obersten des 3. Regiments der Chasseurs d'Afrique, empfangen wurde. Wir liessen uns alle direct nach Philippeville rudern, und die meisten von uns stiegen im Hôtel d'Orient ab; das heisst, ich schreibe Hôtel, man denke „Kneipe“. In der That merkwürdig genug, wie gleich beim Betreten der Provinz Constantine die angenehme Erinnerung der so sehr guten Hôtels in Algier und Oran zu nichte wird. Gerade das Hôtel d'Orient der Stadt Algier selbst kann mit den grössten Hôtels der grössten Städte wetteifern, und hier? Ein Zimmer, dessen Wände nur hell getüncht waren, schmutzige Wäsche, das primitivste Ameublement. Wie wird sich die Marquise von G..., die so eben aus den glänzendsten Salons von Compiègne kommt, hier zurecht finden, dachte ich, und doch waren ihre Zimmer, welche sie mit ihrem Manne innehatte, wohl nicht besser als das meinige. Doch wozu braucht man Zimmer in einem Lande, wo ewig Frühlingslüfte wehen! Riefs und ging hinaus auf den Platz, wo die Miliz-Musik gerade eine Pièce aus der Afrikanerin spielte. Darüber kam der Abend heran und denselben verbrachten wir, d.h. der Engländer Herr B. vom Foreign Office und ich, gemeinschaftlich. Wir hatten viele Anknüpfungspunkte zusammen, abgesehen davon, dass er, wie jeder Engländer, sehr deutsch gesinnt war, kannte er fast alle meine Bekannten in London und ich die seinigen in Berlin, er 8war bei der letzten Reise der Königin nach Berlin in deren Gefolge gewesen. Wir durchliefen die verschiedenen Cafés, die Strassen und waren Abends einen Augenblick im Theater, wo zum Besten der Armen ein Ball gegeben wurde. Herr B. war ein ganz angenehmer Gesellschafter, sprach auch gut deutsch und französisch, jedoch konnte er es nie lassen, den Engländer herauszubeissen, wenn's an's Bezahlen ging; dann drang er den Leuten immer mit Gewalt die doppelte Summe auf, so dass Manche ihn sicher für verrückt hielten.
Wir weilten noch einen andern Tag in Philippeville; ich verbrachte ihn damit, die sehr merkwürdigen Alterthümer der Stadt zu besehen. Zum Theil bestehen dieselben aus grossartigen Cisternen, auf den Anhöhen, welche zu beiden Seiten die Stadt flankiren, gelegen. Es scheint, dass Philippeville unter der Römerherrschaft ausschliesslich sein Wasser das ganze Jahr hindurch aus Cisternen bezog, und selbst heute, wo die Franzosen den Ort durch eine Wasserleitung versorgt haben, wird noch ein grosser Theil der Stadt aus den antiken renovirten Wasserbehältern gespeist. Und noch alle Tage entdeckt man neue Reservoirs. So hat man ganz kürzlich noch hinter der Commandantur eine der grossartigsten alten Cisternen, vollkommen gut erhalten, blosgelegt; niemand hatte eine Ahnung davon seit den mehr als 30 Jahren, dass die Franzosen Philippeville besitzen. Die herrlichsten Bauüberreste von Philippeville finden sich da, wo 9heute das College hingebaut ist, und hier hat man auch das archäologische Museum eingerichtet. Ein Theater, halbzirkelförmig, wie ein ähnliches, aber viel kleiner, in Verona vorhanden ist, beherbergt jetzt eine Menge werthvoller Statuen, Sarkophage und Grabsteine, welche mit den zahlreichen, oft gut erhaltenen Inschriften dem Forscher ein ganzes Blatt aus der Geschichte vorlegen. Eine fast vollkommen erhaltene Statue eines römischen Imperators fesselte vor allem unsere Aufmerksamkeit. Herr Roger, der gelehrte Vorsteher des Museums, glaubt in derselben einen Hadrian zu sehen, Andere haben einen Caracalla darin erkennen wollen. Ich denke, dass der Grund des Herrn Roger, ein Vater-, Bruder- und Menschenmörder könne unmöglich eine so „ausgezeichnete, intelligente und gute Physiognomie gehabt haben,“ nicht stichhaltig ist. Die Geschichte zeigt, dass sehr häufig die körperlich bestgeformten Menschen die grössten Scheusale waren. Viel richtiger ist indess Herrn Rogers Behauptung, eine grosse Aehnlichkeit in den Gesichtszügen der Statue mit den dem Hadrian gewidmeten Münzen gefunden zu haben. Es sind noch mehrere andere Marmorstatuen aufgestellt, von denen es jedoch noch unsicherer ist, was sie vorstellen sollen. Ein einfacher Marmorsarkophag wurde, vollkommen gut erhalten, dicht bei Philippeville auf dem Wege nach Stora gefunden. Das Skelett befindet sich im Museum selbst. Andere Sarkophage mit Basreliefs, jedoch ohne Deckel, sind in 10grosser Zahl vorhanden. Die Capitäler vom schönsten corinthischen Laube lassen schliessen, wie reich das alte Rusicade war. Viele dieser Schätze sind aus der Umgegend hergebracht, zum grössten Theil jedoch in der Stadt selbst gefunden worden.
In der That muss das alte Rusicade, aus seinen Ruinen zu schliessen, ein viel bedeutenderer Ort gewesen sein, als wir nach den spärlichen Ueberlieferungen der Alten glauben sollten. Ptolemäus führt Rusicade nicht einmal als Colonie auf, aber durch die Peutinger'schen Tafeln erkennen wir die Bedeutung der Stadt aus den beigemalten Häuschen. Bei Pomp. Mela und Plinius geschieht ihrer Erwähnung. Nach Vibius soll dicht bei Rusicade der kleine Fluss Tapsus ins Meer gemündet sein, und dies ist offenbar der heutige ued Safsaf. Ihr erster Name scheint Thapsa, die Stadt überhaupt phönicischen Ursprungs gewesen zu sein. Im Alter war sie der Stadt Cirta von derselben Bedeutung, wie sie es heute als Hafenort für Constantine ist.
Der Alterthumsforscher findet aber seine eigentlichen Kleinodien im Museum selbst, und wenn das Gebäude auch schuppenartig aussieht, so birgt es doch manche Sachen, um welche es die Museen in London und Berlin beneiden würden. Erst auf Antrieb des Prinzen Napoleon im Jahre 1850 in's Leben gerufen zu der Epoche, wo dieser gelehrte und die Wissenschaften pflegende Prinz rein Rundschreiben an die Präfecten von Algerien richtete: 11„d'aviser à la conservation des ruines, vestiges et débris de la domination romaine,“ hat in der kurzen Zeit von nicht 10 Jahren, unter der sorgfältigen Hand des Herrn Roger das archäologische Museum einen raschen und blühenden Aufschwung genommen. Aber um ein solches Werk zu fördern, gehört auch eben ein Mann dazu, wie es Herr Roger ist. Ich hatte das Glück, von ihm selbst, der von Stand Architekt und Professor der Zeichnenkunst am Collegium in Philippeville ist, im Museum herumgeführt zu werden, und konnte mich überzeugen, mit welcher väterlichen Sorgfalt er jedes, auch das kleinste Object würdigte.
Und nicht nur hatte er seine Aufmerksamkeit auf alte römische Ueberreste oder Gegenstände aus der ersten Periode des Christenthums gerichtet; da finden wir prachtvolle Stalaktiten, Korallen, Krystalle aus der Umgegend der Stadt, eine Schädelsammlung, ethnographische Gegenstände selbst aus China; ja in letzter Zeit war es Herrn Roger gelungen, einen echten Tintoretto, den ein Malteser Marketender im Winde aushängen hatte, für's Museum zu erstehen, und das zu dem fabelhaft billigen Preise von 3 Francs. Es soll unzweifelhaft feststehen, dass das Bild von Tintoretto ist, und so würde es jetzt einen Werth von einigen Tausend Thalern erlangt haben.
Hauptsächlich reich ist die Sammlung von Lampen, einige davon auf dem Boden mit einem Kreuze versehen, ein Zeichen, dass sie der christlichen Zeitrechnung angehören; 12Thränenvasen, Amphoren, Aschenvasen sind in reichhaltigster Auswahl vorhanden, und täglich werden noch neue gefunden.
Ueberhaupt sind alle Haushaltungsgegenstände vorhanden, Schmucksachen, Küchengeschirr etc. Dass die Münzen nicht fehlen, versteht sich von selbst, und besonders ist es der Meeresstrand, der nach heftigen Stürmen oft eine reiche Ernte giebt für's Museum. Die meisten Münzen sind von Hadrian, dann von Antonin dem Frommen, Faustin, Maxentius, Constantin dem Grossen, Constantin dem Jüngern, Marcus Aurelius, Claudius II, Trajan, Vespasian, Alexander Severus und einzelne von allen Imperatoren. Sehr zahlreich sind die numidischen Münzen, alle daran kenntlich, dass sie auf einer Seite ein laufendes Pferd zeigen, meist nach links gerichtet.
Nachmittags besahen wir die Umgegend von Philippeville, welche überall einen lachenden Garten bildet, und selbst zur Winterzeit hatte der warme Regen in wenigen Tagen eine so üppige Vegetation hervorgerufen, dass der Frühling wirklich vor den Thoren zu sein schien. Die Bäume sind meistens Oliven, Korkeichen und Lentisken, und vom kleinerem Gebüsch findet man die Zwergpalme und Aloe; Zahlreiche kleine Dörfer umgeben die Stadt, es scheint aber keines in besonders blühendem Zustande zu sein; wenigstens sehen die, welche wir besuchten, nur kläglich aus. Will man von der einheimischen Bevölkerung sprechen, so fällt einem fast die Feder aus 13der Hand; die schreckliche Hungersnoth, welche so eben die Araber decimirt hat und jetzt freilich zu Ende ist, sprach noch aus den Augen fast jedes Individuums. Zerlumpt, schmutzig, der Körper nur aus Haut und Knochen bestehend, schleichen sie wie Phantome umher. Aber sie haben schon Alles vergessen und nichts gelernt, eine nächste Missernte wird ihnen ein gleiches Schicksal bereiten. Am Hafen lungerten immer Hunderte dieser halbnackten Kerle herum, und blickten mit stolzer Verachtung auf die arbeitenden Christen, ohne indess zu stolz zu sein, einem Fremden gleich die bettelnde Hand entgegenzustrecken.
Hr. B., der Engländer, kehrte noch Nachmittags an Bord zurück, das Wirthshaus war ihm zu schlecht, und da er seines kranken Zustandes wegen nicht gehen konnte, also fast die ganze Zeit auf das Hôtel d'Orient angewiesen war, konnte er auch nichts Besseres thun.
Ich selbst blieb mit meinen Leuten noch bis am andern Morgen und dann gingen wir zu Fusse nach Stora. Der Weg geht immer längs des Meeres und an zahlreichen Landhäusern, von hübschen Lustgärten umgeben, vorüber und bei jeder Drehung des Weges bietet er ein anderes Panorama, dass die vier Kilometer Entfernung ganz unbemerkt dahin schwinden.
Stora selbst ist ein kleiner Ort von einigen Häusern, und diese sind fast alle Schnapsläden oder Kaffeehäuser, aber auch eine Kirche und Schule fehlen nicht, beide 14hoch über dem Orte gelegen. Der Ort war auch schon in alten Zeiten besiedelt; eine grossartige Cisterne, von den Römern erbaut und jetzt renovirt, und eine reizende Marmorfontaine, am Meere gelegen und von der Cisterne gespeist, bezeugen dies hinlänglich. Noch heute hat die Cisterne Wasser genug für den ganzen Ort, und die Marmorfontaine strahlt das Wasser noch ebenso aus, wie zur Zeit der Römer. Von einem hohen Gewölbe überdacht, ein Gewölbe, welches halb in die Felswand gehauen und halb aus Ziegeln errichtet ist, aber auch aus den Römerzeiten herstammt, verbreitet die Fontaine eine so angenehme Kühle, dass ich hier mein Frühstück auftragen liess und die Zeit verbrachte, bis ich an Bord zurückging.
Von Zeit zu Zeit kamen die jungen Storenser Mädchen mit ihren Wasserkrügen, um sie zu füllen, fast alle barfuss und fast alle italienisches Blut, denn die eigentliche Volksschichte besteht hier meist aus Maltesern. Sah man aus der künstlichen Grotte heraus, so hatte man das schönste Bild vor Augen; der ganze herrliche Golf, im Hintergrunde Philippeville, die auf den Wellen schaukelnden Dampfer, zahlreiche kleine Fischerboote mit ihren grossen lateinischen Segeln—tagelang hätte ich in diesem Zauberneste bleiben mögen. Aber die Stunde schlug, der alte Bootsmann bemächtigte sich des Gepäckes, und wir ruderten wieder auf unsern Caid los.
15Am andern Morgen, der Dampfer war schon gegen Mitternacht angekommen, lagen wir auf der Rhede von Bone.
Stolz lag die Tochter des alten Ortes Hippo regius vor uns. Hatte der heilige Augustin wohl geahnt, dass einst nach 1000 Jahren hier wieder das Evangelium gelehrt werden würde?
Bone liegt jetzt ganz auf der Stelle des alten Hippo, von dem wir wissen, dass es 5 M. nordwestlich von der Mündung des Ubus- (Seibouse-) Flusses gelegen war. Der Name Bona, der schon im zwölften Jahrhundert erscheint und offenbar von ἱππὼν βασιλικός gebildet ist, hat jetzt sich in das französische Bone verwandelt. Von den Tyriern angelegt, ist der Name Hippo phönicischen Ursprunges. Zuerst den Carthagern botmässig, wurde von den Römern der Ort Massinissa und seinen Nachfolgern überlassen, und erhielt zu dieser Epoche den Beinamen regius, theils um nun dies Hippo von dem nahen Hippo Zaritus zu unterscheiden, theils weil es oft Sitz der numidischen Könige selbst war. Als die Römer sich später selbst dieses Landes bemächtigten, blieb Hippo noch eine bedeutende, indess wenig beachtete Stadt; aber die Häuschen der Peutinger'schen Tafel beweisen auch hier zur Genüge die Ansehnlichkeit des Ortes.
Der heilige Augustin, der in Tagasta geboren, in Carthago erzogen, hier als Bischof wirkte, war es, der hauptsächlich die Christen zu jener heldenmüthigen Vertheidigung 16gegen den Vandalen Genserich anspornte. Sein Gebet, nicht in die Hände der Barbaren zu fallen, sollte erfüllt werden: im 3. Monat der Belagerung starb er. Hippo Regius wurde dem Boden gleich gemacht; aber Augustin, einer der grössten Kirchenväter, würde allein das Andenken an Hippo bewahrt haben, wenn nicht in der Neuzeit die grossartigen Ruinen, die selbst dem Vandalismus nicht erliegen konnten, Zeugniss von der einstigen Blüthe dieses Ortes gegeben hätten.
Ich nahm sogleich ein Boot und liess mich ans Land setzen, da wir bis Nachmittag Zeit hatten, und die Strassen der Stadt durchlaufend, kam ich bald ans andere Ende, wo unter einem alten Aquäduct hindurch und zwischen lachenden Gärten liegend der Weg zur Pepinière führt. Fast jede Stadt Algeriens hat eine Pepinière oder Baumpflanzschule. Meist sind dieselben zu vollkommenen Jardins d'essai ausgebildet, und haben somit für die Colonisation das Gute, dass die Pflanzer sich nicht mit unnützen Versuchen abzumühen brauchen. Gedeiht ein Baum gut, oder sieht man namentlich nützliche Pflanzen im Klima Algeriens anschlagen, so wird das öffentlich bekannt gemacht und Sämereien oder Stecklinge zur Disposition der Pflanzer gestellt. Es ist dies gewiss ein sehr nützliches Unternehmen der Communalbehörden, und namentlich der grosse Garten dieser Art von Algier selbst hat grosse Verdienste um Einführung früher nicht gekannter Pflanzen.
17Es würde überhaupt zu weit gehen, zu sagen, „der Franzose versteht ganz und gar nicht zu colonisiren“. Der französische Bauer ist, namentlich der aus dem Norden, ebenso fleissig, wie andere, und die Bearbeitung wird von den einzelnen ebenso rationell betrieben, wie von uns. Auf den meisten grösseren Farmen wird jetzt Dampf als Hauptarbeitungsmittel angewendet, und die Irrigationen, welche man in Algerien findet, sei es durch Canalisation oder durch das Noria-System, sind bewundernswerth. Will es trotzdem mit der Colonisation nicht recht vorwärts gehen, so liegt das theils an der Militär-Administration, theils an der Einrichtung der Bureaux arabes, welche die Eingeborenen fortwährend auf Kosten der Europäer bevorzugen. Strassen durchziehen sonst nach allen Richtungen das Land, und die Hauptörter werden demnächst durch Eisenbahnen miteinander verbunden sein.
Der Garten ist gross und gut gehalten, und birgt in seinem Innern ein kleines naturhistorisches Museum, das indess nichts besonderes aufzuweisen hat. Ein alter römischer Sarkophag, erst kürzlich hieher gebracht, ist die einzige Reliquie des Alterthums, die man hier aufbewahrt, obschon sonst die Gegend an Ueberresten der Phönicier, Carthager, Römer und Byzantiner überreich ist.
Durch einen glücklichen Zufall erfuhr ich, dass General Faidherbe hier stationirt war, er war es eben, der den Sarkophag hieher hatte transportiren lassen. Die 18Bekanntschaft dieses ausgezeichneten, so hoch um die Geographie von Afrika2 verdienten Mannes musste also rasch gemacht werden, und ich liess mich auf das Hôtel der Subdivision, welche Hr. Faidherbe jetzt commandirte, führen. Ich brauche wohl kaum zu sagen, wie zuvorkommend ich vom General empfangen wurde, ich durfte ihn natürlich während der Stunden meines Aufenthaltes nicht mehr verlassen, und nach dem Frühstück hatte er die Güte, mich nach den sehenswerthesten Ruinen der Umgegend zu führen, hauptsächlich zu den grossen Cisternen, oder vielleicht waren es Bäder, an deren oberen Partie man dem heiligen Augustin ein hübsches Denkmal errichtet hat. General Faidherbe, der lange Zeit am Senegal Gouverneur war, theilte vollkommen meine Ansicht, dass die Neger, wenigstens die nördlich vom Aequator, ein viel besseres Naturell als die Araber hätten, und für Cultur und Civilisation weit empfänglicher als diese seien. Er hat sich hauptsächlich mit ethnographischen Studien beschäftigt und wir verdanken ihm manche wichtige Aufschlüsse über die Pullo und namentlich verschiedene Berberstämme. Herr Faidherbe war so aufmerksam, mich bis an Bord zurückzubegleiten, und so konnten wir bis zum letzten Augenblicke zusammen sein. Gastfrei, zuvorkommend und liebenswürdig, das sind Eigenschaften, 19welche man nirgends so sehr wie bei den Franzosen antrifft.
Die Fahrt nach Tunis ging glücklicherweise rasch von Statten, schon andern Morgens ankerten wir vor der Goletta. Nach einem Augenblick kam der Canzler des preussischen Consulats an Bord, um mich in Empfang zu nehmen; denn um nicht die Unannehmlichkeiten der Tuniser Douane durchmachen zu müssen, hatte ich von Bone aus telegraphirt und um den Consulatskavassen gebeten. Nicht nur brachte der Canzler einen Kavassen mit, sondern auf Befehl des Bei von Tunis hatte der Admiral des Hafens von Goletta eine Barke zur Disposition stellen müssen, um uns an's Land zu rudern. Ohne weitere Formalitäten konnte also gleich das Ausbarkiren vor sich gehen, und die zehn Marine-Soldaten brachten uns rasch an's Land. Ich bemerkte hier, dass die tunisische Flage nicht die des Sultans der Türkei ist, während dieser nämlich einen weissen Halbmond und Stern im rothen Felde führt, hat der Bei von Tunis im rothen Felde eine weisse Kugel, und darin einen rothen Halbmond und einen rothen Stern.
Gelandet, mussten wir dann dem Admiral aufwarten, und machten da zugleich die Bekanntschaft des englischen Generalconsuls, Hrn. Wood, und des französischen Viceconsuls von Goletta. In Tunis ist man schon von der Sitte des Kaffee's und Tschibuks abgekommen, eine Visite 20verläuft dort bei den höheren Beamten oder bei dem Bei jetzt mit derselben Steifheit wie bei uns.
Bei den Türken und namentlich in den türkischen Provinzen herrscht aber noch die gute alte Sitte einer Tasse Kaffee, und ein Tschibuk oder eine Wasserpfeife fehlen nie. Es ist dies aber nicht die einzige Umwälzung, die in Tunis vor sich gegangen. Seit der Mission des Lords Exmouth nach Tunis, und seit dem Ultimatum, welches die Grossmächte von Aachen aus am 18. Novbr. 1818 an Tunis richteten, und das im folgenden Jahre am 21. Septbr. durch die englischen und französischen Admirale Freemantle und Jurien dem Bei notificirt wurde, schaffte man zuerst die Piraterie ab. Mahmud Bei gab nach, und seit der Zeit sehen wir gewaltige Veränderungen in der Regentschaft vor sich gehen.
Es ist wahr, dass mit dem Vorfahren der jetzigen Dynastie, Hussein ben Ali, welcher am 10. Juli 1705 auf den Thron kam, eine neue Epoche im Staatsleben der Regentschaft begann; denn vorher, und dies ist wichtig zu notiren, hatten alle Regenten von Tunisien den Titel Dei geführt, während Hussein ben Ali zuerst den Titel Bei annahm. Dei nun bedeutet den nicht vollkommen unabhängigen Herrscher, während Bei, welches ausserdem einen sehr weiten Begriff hat, als Regent mit Ausschluss eines jeden andern, die Vollheit der Autorität in sich begreift. Wenn nun auch in der Reihe der Regenten, welche von Hussein-ben-Ali (der, beiläufig gesagt, 21der Sohn eines griechischen Renegaten war) bis auf den jetzigen Bei, Namens Sadduk, bei Zwistigkeiten, früher mit der Regierung des Deis von Algier, später mit christlichen Mächten, manchmal die hohe Pforte um Intervention angegangen wurde, ja im Kriege gegen Russland das tunisische Gouvernement es sich nicht nehmen liess, der Türkei ein Hülfsheer zu senden, so sieht man immer doch, dass die Regierung in dem Sultan der Türken nur eine Art spirituelle Suprematie erkennen, keineswegs aber von ihm abhängig sein will.
Seit dem Anfang des 18ten Jahrhunderts ist denn auch gar kein Tribut mehr nach Konstantinopel bezahlt worden, und die Nachfolge in Tunis geht ganz ohne Einmischung der Pforte vor sich. Nach Eroberung von Algerien hat keine Macht die Unabhängigkeitsgelüste von Tunis so sehr unterstützt und befördert wie Frankreich, und keine Macht hat dieselben so viel wie möglich einzuschränken gesucht als England. Ersteres Land ging dabei von dem Grundsatz aus, dass ein kleines unabhängiges Land, noch dazu nächster Nachbar, im gegebenen Augenblick leichter zu nehmen sei, als wenn ein gewisses Abhängigkeitsverhältniss zu einem andern Staat, und hier zur Pforte, bestände. Und aus eben diesem Grunde hat England die Beziehungen von Tunis zur Türkei wieder enger zu machen versucht.
Tunis, das gerne vollkommen unabhängig sein möchte, zugleich aber auch das Gefährliche einer solchen Lage 22Frankreich gegenüber erkannt hat, schwankte in den letzten Jahren von einer Seite zur andern, dazu kam die schreckliche Finanznoth, welche freilich noch nicht beseitigt ist.
Es scheint aber, dass jetzt die Regierung von Norddeutschland im Verein mit England und Italien den französischen Planen gewachsen ist, ohne dass Tunis genöthigt wäre, sich wieder in die Arme der Türkei zu werfen. Wenigstens wurden die letzten Anschläge der französischen Regierung in Betreff der Schuldforderung von diesen drei Mächten hintertrieben; ohne die kräftige Intervention von England, Norddeutschland und Italien wäre Tunis heute eine französische Präfectur und zwar auf ganz friedlichem Wege geworden. Wenn man aber bedenkt, wie wichtig strategisch Tunis für das mittelländische Meer gelegen ist, und was Frankreich durch den Zuwachs einer solchen Provinz gewonnen hätte, dann kann man sicher nicht genug darauf bedacht sein, eine Vergrösserung Frankreichs nach dieser Seite hin zu verhindern.
Ob je Tunis seinem Schicksal entgehen wird, einer europäischen Macht anheim zu fallen, das bezweifle ich. Eigentliche Civilisation ist hier ebenso wenig wie in Aegypten und in der Türkei, und es wird von der Nachwelt gewiss als eines der grössten Wunder betrachtet werden, dass solche Staaten im 19ten Jahrhundert vor den Thoren Europa's haben existiren können.
23Staunen wir nicht darüber, wenn wir lesen, dass im Jahr 1823 n. Chr. in Tunis es fast zum Bruch mit der englischen Regierung gekommen wäre, weil die Juden anfingen, sich europäisch zu kleiden und namentlich sich des Hutes bedienten, ja im selben Jahre für dasselbe Verbrechen, d.h. einen schwarzen Cylinder getragen zu haben, zwei Juden in Tunis die Bastonade bekamen und nur mit Mühe durch Hrn. Nylsen, dem holländischen Consul, welcher derzeit Toscana vertrat, ihre Freilassung erlangten. Aber solche Sachen passiren noch alle Tage, wenn auch nicht so eclatant und öffentlich.
Zwei Wagen, die Hr. Tulin, schwedischer General-Consul und preussischer Agent, herausgeschickt, brachten uns in anderthalb Stunden von der Goletta nach Tunis selbst. Der Weg war, da es seit Tagen geregnet hatte, entsetzlich, und je näher wir der Stadt kamen, desto bodenloser wurde er. In der Stadt selbst waren denn die Strassen auch ganz ein Schmutzmeer; es war, als hätte man sie mit Chocolade einen halben Fuss hoch begossen. Eine mohammedanische Stadt kann ich mir nun einmal nicht ohne Schmutz denken, und es würde mir selbst befremdend vorgekommen sein, wenn dem nicht so gewesen wäre; mich amüsirte nur mein Berliner Photograph, der fortwährend ausrief, dass es unter den Linden doch ganz anders sei. Damit man durch diese Schmutzüberschwemmung zu Fuss hindurchkommen kann, hat die europäische Colonie in Tunis ein eigenes Schuhwerk 24erfinden müssen, hohe Holzschuhe, welche auf noch höheren eisernen Ringen ruhen, und die man mit Lederriemen unter sein Schuhwerk bindet.
Leider sollte es mir nur vergönnt sein, in Tunis eine Nacht zu bleiben, denn die Fahrten der Dampfer waren der Art eingerichtet, dass ich ohne einen Verzug von zehn Tagen den am folgenden nach Malta abfahrenden nicht versäumen durfte. Ich machte indess hier die interessante Bekanntschaft des Herrn von Maltzan, welcher sich Studien halber für längere Zeit in Tunis aufhielt.
Baron von Maltzan, schon seit Jahren an der Nordküste von Afrika und in Arabien heimisch, ein poetisches Gemüth, was seinen Reisebeschreibungen allerdings einen eigenen Reiz verleiht, andererseits aber auch eben der poetischen Auffassung wegen Abbruch thut, hat der Wissenschaft einen grossen Dienst gethan durch Veröffentlichung seines Werkes über Sardinien. Offenbar einer der besten Kenner der phönicischen Sprache und Alterthümer, hat Niemand in Deutschland so sehr auf den Reichthum, den Sardinien in dieser Hinsicht birgt, aufmerksam gemacht, wie Maltzan.
Zu gleichem Zwecke hielt er sich in Tunis auf; bot doch die Stätte des alten Carthago eine wahre Fundgrube für unseren gelehrten Phönicier. Zudem hatte er entdeckt, dass der Sohn des Chasnadar ein ganzes Museum phönicischer Alterthümer besässe mit kostbaren Inschriften. 25Nach vielen Schwierigkeiten gelang es Hrn. von Maltzan, Einsicht dieses Museums zu bekommen, aber alle seine Bemühungen, Photographieen der interessanten und wichtigen Inschriften machen zu dürfen, sind bis jetzt gescheitert.
Die Bevölkerung von Tunis machte indess einen ebenso peinlichen Eindruck, wie die der algerischen Provinz, man sah, dass Cholera und Hungertyphus hier gewüthet hatten. Dazu die grösste Insolvenz der Regierung, alle Beamten von oben bis unten, das ganze Heer und die Marine hatten seit zwei Jahren keinen Lohn erhalten. Diese Thatsachen sprechen laut genug, wie es um den tunisischen Staat bestellt ist. Möge die Finanzcommission, zusammengesetzt aus Norddeutschland, England, Frankreich und Italien, von der man jetzt Rettung und baldiges Eintreffen erwartet, nicht lange auf sich warten lassen.
Der Rückweg nach Goletta und die Einschiffung ging auf dieselbe Weise von Statten, nur dass wir diesmal an Bord eines Dampfers kamen, der gerade doppelten Tonnengehalt hatte, wie die Germania, welche so eben die erste deutsche Nordpolfahrt zurückgelegt hat.
Man kann sich denken, wie wir an Bord dieser Nussschaale herumgeworfen wurden, aber wir hatten einen englischen Capitän, der Rio-Janeiro, Canton, Danzig, Stettin und andere Häfen gesehen hatte, also ein alter Seelöwe war; und trotz eines Sturmes, welcher auf dem Mittelmeere gar nicht spasshaft ist, kamen wir gut über.
26Aber wie sah es oft in der engen Cajüte aus! Der alte Capitain hatte nämlich das Steckenpferd, sich eine ganze Menagerie an Bord zu halten, diese bestand aus seiner Frau, vielen Hunden, Katzen, Hühnern, Vögeln, Enten und anderen Vier- und Zweifüsslern. Das Sonderbarste war, dass alle Thiere einen Namen hatten—da war ein Neufundländer Nelson, eine schlaue Katze, die Napoleon hiess, andere Thiere Wellington, Blücher, Malborough etc.; bitter beklagte indess der alte Capitän, dass Bismarck desertirt sei.
Ich konnte Bismarck das nun gar nicht verdenken, denn wenn bei einem besonders starken Wellenschlage alle diese Thiere mit Bänken und Schüsseln in der Cajüte umhertanzten, gehörten mehr als starke Nerven dazu, um es auszuhalten. Abends 8 Uhr am 28. November warfen wir Anker im Hafen von La Valetta, und waren einige Augenblicke später wieder auf europäischem Grund und Boden.
Im freundlichen Imperial-Hôtel in Lavaletta abgestiegen, mussten wir nun freilich in Malta längere Zeit bleiben, als wir, wenn es nach unserem Wunsche gegangen wäre, beabsichtigt hatten; aber mit Malta hat 27der regelmässige Verkehr ein Ende, wenigstens wenn man nach Tripolis will, und man muss sich den Launen der türkischen Dampfschiffs-Eigenthümer, sowie dem Wetter fügen.
Indess kann man die Zeit in Lavalletta und Malta recht gut hinbringen. Freilich bietet die Stadt für einen Nichtmilitair des Interessanten nicht viel. Das Palais des Gouverneurs, ehemals das des Grossmeisters der Johanniter, die Johanniskirche, einige Palläste der ehemaligen Zungen, besonders das castilianische Hôtel, einige hübsche Promenaden, zwei Bibliotheken, endlich Oper und einige Clubs gewähren wohl für einige Tage dem Fremden Unterhaltung, wer aber all dies von früher her schon kennt, und ich war nun schon verschiedene Male in Lavalletta gewesen, der sehnt sich nach etwas Anderem. Dazu kömmt nun noch, dass an keinem Orte von Europa die Familien so abgeschlossen und für den Fremden schwer zugänglich sind, als in Malta. Längere Zeit unter der Herrschaft der Araber, wie ja auch heute noch die Volkssprache auf Malta ein arabischer Dialekt ist, halten die Familien ihr Haus dem Fremden fast so fest verschlossen, wie es der Mohammedaner einem nicht zu seiner Sippe Gehörigen thut, und trotzdem ich mehrere Bekannte in Lavalletta hatte, war es mir nie gelungen, Eingang zu ihren Familien zu bekommen. Natürlich nehme ich die dort residirenden Engländer hiervon aus, welche 28auch hier wie überall ihre gastlichen Eigenschaften beibehalten haben.
Wer nun aber längere Zeit einen gezwungenen Aufenthalt auf diesen Inseln haben sollte, der bleibe nicht in der Stadt, sondern mache Ausflüge, und ob er diese zu Fuss mache, oder mit jenem antiken Einspänner ohne Springfedern, er wird seine Spaziertouren nicht bereuen. Malta hat die lieblichsten Buchten, viele interessante Ruinen aus phönicischer Zeit, von denen ich hier nur Hedjer Kim, Mnaidra und die merkwürdige natürliche Einsenkung Makluba nenne. Auch Gozzo mit seinem ebenfalls aus phönicischer Zeit stammenden Riesenthurm ist eines Besuches werth; kurz wenn man nicht seinen Aufenthalt auf Lavalletta selbst beschränkt, kann man 14 Tage recht gut auf Malta hinbringen.
Erst am 11. December war der „Trabulos Garb“, ein türkischer Dampfer, welcher dem Schich el bled von Tripolis gehört, segelfertig. In den Wintermonaten ist es gar nicht angenehm und oft sehr gefahrvoll auf dem Mittelmeere, und Jeder erinnert sich noch wohl der heftigen Stürme, welche gerade in dem Monat auf unserer Hemisphäre stattfanden. Zudem kam noch, dass „Trabulos Garb“ so eben erst eine unheilvolle Katastrophe erlebt hatte: Von Smyrna abgehend mit für Tripolitanien bestimmten Soldaten, sprang der Kessel noch ehe der Dampfer den Hafen verlassen hatte. Der Maschinist, die Heizer und über 50 Soldaten waren 29augenblickliche Opfer, wie viele aber noch später starben infolge von Verwundungen, hat man nie erfahren können; in dem türkischen Reiche kümmert man sich um dergleichen nicht. Andererseits bot jedoch jetzt das Dampfschiff eine gewisse Garantie, denn in den Docks von Lavalletta mit einem neuen Kessel versehen, durfte man annehmen, dass das Schiff nur seetüchtig entlassen worden sei. Ueberdies war es das einzige Mittel, um nach Tripolis zu kommen, wenn man nicht mit einem Segelschiffe, die im Winter jedoch noch weit gefährlicher und unsicherer sind, die Fahrt hätte machen wollen.
Die Einpackung und Verladung der vielen Kisten hatte unser norddeutscher Consul, Hr. Ferro, schon besorgt, und überhaupt während der ganzen Zeit meines Aufenthaltes in Malta sowohl als auch später in Tripolis nicht aufgehört, auf das Liebenswürdigste sich meiner Sache anzunehmen.
Unsere Ueberfahrt nach Tripolis war eine sehr gute, schon nach 30 Stunden erreichten wir das afrikanische Ufer. Oea mit seinen grossen Palmenwäldern lag vor uns, und einen Augenblick später konnten wir schon die einzelnen Häuser unterscheiden. Angesichts der Stadt, liess ich mit Bewilligung des Capitains unsere norddeutsche Flagge am Hauptmaste aufhissen, es war das erste Mal, dass sich dieselbe vor Tripolis zeigte; für meine vielen Freunde und Bekannten daselbst sollte es zugleich ein verabredetes Zeichen sein, dass ich mich 30an Bord befände. Und kaum hatte man unsere Flagge bemerkt, als sämmtliche Consulatsfahnen an ihren hohen, langen Mastbäumen emporstiegen. Nirgends ist wohl unsere deutsche Flagge ehrenhafter und freudiger bei ihrem ersten Erscheinen begrüsst worden; die Stadt hatte ihr sonntäglichstes Aussehen angenommen. Die Formalitäten des Passes, der Douane und der Sanitätspolizei waren rasch durchgemacht, und kurz nachdem wir Anker geschmissen hatten, konnten wir landen.
Die Ankunft des Dampfers, der zugleich die verschiedenen Posten aus Europa bringt, ist für eine so abgelegene Stadt wie Tripolis immer ein Ereigniss, und die ganze Stadt findet sich dann am Quai des Hafens versammelt; auf diese Art konnte ich auf Ein Mal fast meine sämmtlichen Bekannten begrüssen, fast alle waren auf dem Quai versammelt.
Ich hielt mich nicht lange in der Stadt auf, sondern fuhr gleich nach der Mschia hinaus, wo Consul Rossi mit bekannter Liebenswürdigkeit seinen Landsitz zu meiner Disposition gestellt hatte. Tripolis hatte einen weiteren Schritt in der Civilisation gemacht: es hatte ein Fuhrwerk bekommen, eine kleine Malteser „Kascha“, welche Droschkendienst verrichtete. Früher hatten nur der Pascha und einige der Consuln Wagen, jetzt konnte sich jeder, wer einige Piaster über hatte, das Vergnügen des Fahrens machen, und oft genug sah man elegant gekleidete Judendandi's, die noch vor wenigen Jahren baarfuss bei 31jedem Moslim vorbeigehen und sich jedwede Schmach von einem fanatischen Druisch gefallen lassen mussten, die Kascha benutzen, und durch Extrabakschische angefeuert, fuhr der Kutscher sie zum Aerger der Rechtgläubigen in rasender Geschwindigkeit über den Grossen Platz, zwischen Stadt und Mschia.
Unsere Sachen waren auch bald in dem Landhause des Herrn Rossi, das recht freundlich und heimisch in einem Palmgarten gelegen ist, angekommen; die nach Bornu bestimmten Sachen liess ich indess alle in einem eigens dazu gemietheten Hause in der Stadt. Beim Auspacken fand sich, dass alle unversehrt, mit Ausnahme einer grossen Glasglocke übergekommen waren. Die noch fehlenden Sachen: Kameele, Seidenstoffe, Corallen etc., wurden nun auch gleich eingekauft, da man dergleichen in Tripolis besser, und eigens für den Geschmack der innern Völker hergerichtet, bekommen kann, als in Europa. Ich hatte hier wieder Gelegenheit, zu bewundern, wie die Tripolitaner, seien es Christen oder Juden, es geschickt anzufangen wissen, einem Fremden gegenüber den Uneigennützigen zu spielen, ohne dabei im Mindesten ihren oft beträchtlichen Gewinn aus den Augen zu verlieren. Man sollte in der That meinen, wenn man es mit diesen Leuten zu thun hat, als ob sie beim Verkauf verlören, und trotzdem, wenn sie Fünfzig auf Hundert gewinnen, glauben sie schlechte Geschäfte gemacht zu haben—denn sie hätten ja hundert Procent und mehr 32gewinnen können. Es ist dies übrigens so natürlich, dass ich mich gar nicht darüber wundern sollte: Die Juden und Christen leihen den Arabern ihr Geld zu 5 Procent monatlich; 2 Procent oder 1½ Procent monatlich zu nehmen, sind seltene Fälle, ein solcher Mann ist sicherlich ein Ehrenmann, und wird allgemein wegen seiner Uneigennützigkeit gelobt. Die meisten, oder man kann fast sagen, alle in Tripolis lebenden Juden und Christen haben auf diese Weise ihr Geld verdient, denn der eigentliche reelle Handel wirft in Tripolis keinen grossen Gewinn ab.
Welch merkwürdige Schicksale hat aber diese Stadt erlebt und welche Zukunft steht ihr noch bevor, wenn sie einst wie Algerien in die Hände einer aufgeklärteren Regierung kommen sollte. War nicht das alte Tripolis jener Dreistädteverein Leptis magna, Oea und Sabratha, einst eine der blühendsten und reichsten Colonien am Nordgestade Afrika's? Ohne hier einen Abriss der Geschichte der Stadt geben zu wollen, welche sich auch gar nicht, was die alte Zeit anbetrifft, von der Geschichte aller Städte und Colonien Nordafrika's trennen lässt, werden gewiss meine Leser gern einen Blick in die Vergangenheit thun, um zu sehen, unter welchen Verhältnissen Tripolis das geworden, was es jetzt ist.
Im heutigen Tripolitanien hausten im Alterthume nach Herodot die Nasomonen, welche um die grosse Syrte nomadisirten und uns als verwegene und gefährliche 33Seeräuber geschildert werden. Unter Augustus bekriegt, verschwinden sie von der Seeküste und statt ihrer führt Ptolemäus die Makakutae und die höhlenbewohnenden Lesaniki an, die Nasomonen verlegt er weiter ins Innere. Westlich von den Nasomonen grenzten die Psylli und von diesen wieder westlich die Maccae. Im äussersten Westen des heutigen Tripolitanien waren nach Scylax die Lotophagen. Andere Völkerschaften werden von Herodot und Ptolemäus im Innern genannt, als die Machlyes, Auses, Nigintini, Astskures etc. Am bekanntesten von allen waren jedoch die Garamanten, welche wir heutzutage, wenn auch nicht in Tripolitanien, so doch im Stamme der Tebu südlich davon deutlich wiedererkennen. Aus allen Angaben aber müssen wir schliessen, dass die Garamanten früher das ganze heutige Kaimmakamlik Fesan inne hatten.
Während die Kenntniss von den Garamanten unter den Griechen sich gänzlich verlor, tauchte dieses Volk unter römischer Herrschaft wieder auf, und wir finden nun auch zum ersten Mal den Namen Fesan, Phasania genannt, erwähnt. Plinius führt uns eine Menge Städte und Oerter der Garamanten auf mit der Hauptstadt Garama. Ob übrigens die Garamanten eine so grosse Ausdehnung gehabt haben, wie die Alten es annehmen und auch noch einige Gelehrte der Neuzeit, möchte nicht ganz erwiesen sein, man müsste denn ganz Bornu als ihnen damals unterworfen betrachten. Die Hauptstadt Garama 34finden wir im heutigen Djerma in Fesan wieder, auch Krema in Tibesti erinnert an Garama, sowie Berdoa an Borde in eben dem Lande.
Zu diesen an der Küste wohnenden Libyern, welche von den Römern Numider (vom Worte νομάδες, herumziehende Völker) genannt wurden, kamen zur Zeit der trojanischen Kriege phönicische Handelsleute: so entstand Leptis, Oea, Sabratha und die wichtigste Colonie von allen, Carthago. Während so die Geschichte Tripolis' mit der von Carthago eng Hand in Hand geht, sehen wir dann, wie Massinissa, ein numidischer König, sich mit Hülfe der Römer an der Küste ein unabhängiges Königreich gründet. Nach dem zweiten punischen Kriege war er Herrscher fast des ganzen heutigen Tripolitanien mit Ausnahme von Cyrenaica. Die Empörung Jugurtha's, des Enkels von Massinissa, gegen römische Vormundschaft, die Herrschaft Juba's führten dann diese Länder bald gänzlich in die Gewaltherrschaft der Römer.
Mit dem Einbruche der Vandalen und später der Araber wurde das Christenthum, welches an der ganzen Nordküste von Afrika in mehr denn 500 Bischofssprengeln gelehrt wurde, zu Grabe getragen; und im Jahre 647 erschien Abd Allah, vom Kalifen Otman geschickt, unter den Mauern Tripolis'. Im Jahre 680 sehen wir alle Berberstaaten durch Akbah unterworfen, und im neunten Jahrhundert finden wir die Aglabiten in Tripolis herrschend. Obgleich nun die Stadt vom tapferen 35Normannenkönig Roger im Jahre 1146 den Mohammedanern wieder entrissen wurde, bemächtigten sich unter Abd el Mumin schon im Jahre 1159 wieder die Almohaden des Ortes. Darauf unter dem Scepter von Abu Fares von Tunis, eroberten 1510 die Spanier die Stadt unter Peter von Navarra. Dieser schleppte alle mohammedanischen Einwohner fort, Carl V. erlaubte ihnen jedoch zurückzukehren und die Stadt, zwar ohne Wälle, wieder aufzubauen. 1530 wurde Tripolis von Carl V. an die Malteser Ritter gegeben, aber schon drei Jahre darauf vom berüchtigten Seeräuber Barbarossa erobert; dieser wurde jedoch von Carl wieder vertrieben und bis 1551 blieb sie unter der Herrschaft des Malteser Kreuzes, um in diesem Jahre für immer durch den türkischen Admiral Sinan Pascha dem Halbmonde unterworfen zu werden.
Zwar hatten die Türken auch nicht viel Ruhe und Frieden, schon acht Jahre darauf empörte sich ein Scherif und wurde nur nach vielen Anstrengungen unterdrückt. Ausserdem kam es jetzt der häufigen Seeräubereien der Tripolitaner wegen zu häufigen Conflicten mit den christlichen Mächten. Durch Verträge geschützt waren nur die Engländer und Franzosen, aber auch diese mussten von Zeit zu Zeit Expeditionen senden, um mit Gewalt die Aufrechthaltung der Verträge zu erzwingen. So sandte Cromwell im Jahre 1655 den Admiral Blake, um Genugthuung zu fordern; 1675 erschien Sir John Narborough 36vor Tripolis, um begangene Verräthereien der Piraten zu züchtigen. 1683 zerstörte der französische Admiral Duquesne im Wasser von Tripolis eine grosse Zahl von Piratenschiffen, und zwei Jahre später legte sich d'Estrées vor die Stadt und bombardirte sie; erst nach Abschluss eines Vertrages und nach Zahlung von 500,000 Fr. hob d'Estrées die Belagerung auf.
Im Jahre 1714 trat endlich für Tripolis ein wichtiges Ereigniss ein. Hammed Caramanli, ein Araberchef, der zugleich Häuptling einer Reiterabtheilung war, unter dem türkischen Pascha, benutzte dessen Reise nach Constantinopel, um sich zu empören und unabhängig zu machen. Durch List hatte er die türkischen Soldaten aus der Stadt zu entfernen gewusst, und dann zu einem grossen Feste, was an Beamten und Officieren übrig blieb, eingeladen. Als die Türken sich, der Einladung folgend, zu Hammed Caramanli begaben, wurde einer nach dem andern beim Eintreten in sein Haus getödtet, und wer sonst von den Türken noch übrig war, wurde am folgenden Tage ermordet gefunden. Die Zahl der Eingeladenen zum Festessen betrug allein 300 Personen, welche alle erdrosselt wurden. Hammed schickte nun gleich grosse Geschenke, das Eigenthum der ermordeten Personen, nach Constantinopel, und der Grossherr hatte die Schwäche, seine Regierung anzuerkennen und zu bestätigen.
37Die Caramanli's haben dann die Regierung bis zum Jahre 1835 inne gehabt.
Aber auch unter den Caramanli's gestalteten sich die Verhältnisse mit den christlichen Mächten nicht gleich von vornherein günstig. 1728 schon sah Frankreich sich genöthigt unter Grandpré von Neuem eine Flotte gegen Tripolis zu schicken, welches von seinem alten Piratenunwesen nun ein Mal nicht lassen wollte. Im Jahre darauf wurde ein neuer Vertrag geschlossen. 1766 musste Prinz Listenois im Auftrage der französischen Regierung für erlittene Unbill Genugthuung verlangen, und erhielt dieselbe. Im Jahre 1745 war der zweite Sohn Ali seinem Vater Hammed Caramanli gefolgt. Im Jahre 1790 wurde sein ältester Sohn von seinem jüngsten Sohne Jussuf getödtet, worüber ein blutiger Civilkrieg ausbrach; Jussuf hatte aber durch einnehmendes Wesen und Geldbestechungen sich einen so grossen Anhang zu verschaffen gewusst, dass Ali, um dem Kriege ein Ende zu machen, seinem Sohne, dem Brudermörder, verzieh und in Gnaden wieder aufnahm. Von anderer Seite aber drohte ihm Gefahr und hätte bald schon die Regierung der Caramanli's beendigt. Ein Abenteurer Namens Ali Bugul, landete 1793 in Tripolis und bemächtigte sich durch Verrath und Ueberrumpelung der Stadt. Keineswegs von der türkischen Regierung abgeschickt, scheint Ali Bugul geheime Unterstützung des Kapudan Pascha's gehabt zu haben. Der 38nach Tunis geflüchtete Ali Caramanli fand aber Hülfe beim Bei, derselbe kam nach Tripolis, vertrieb Ali Bugul und setzte die Caramanli wieder ein. Ali Bugul floh nach Aegypten. Der alte Ali Caramanli nahm aber die Regentschaft nicht wieder auf, sondern übergab dieselbe seinem zweiten Sohne Hammed, welcher aber gleich darauf vom Brudermörder Jussuf vertrieben wurde.
Während der französischen Expedition nach Aegypten, stand Tripolis im Geheimen zu den Franzosen, General Vaubois auf Malta, wurde während der Belagerung mit Lebensmitteln unterstützt. Als Jussuf Pascha nachher durch die Drohungen der Engländer gezwungen, offen den Krieg an Frankreich erklären musste, instruirte er heimlich seine Corsaren den französischen Pavillon zu schonen. Ja, es scheint, als ob Napoleon einen Augenblick daran gedacht habe, seine Armee durch Tripolitanien aus Aegypten zu ziehen. 1801 wurde von ihm ein gewisser Xavier Naudi, geborner Malteser, nach Tripolis geschickt, und derselbe schloss mit Jussuf am 18. Juni des Jahres Frieden. In den Stipulationen war hauptsächlich die freie Communication von Gütern und Personen zwischen Tripolitanien und Aegypten betont. Die bald darauf erfolgende Räumung der französischem Truppen machten jedoch diese Clausel überflüssig.
Im Jahre 1819 wurde durch Freemantle und Jurien de la Gravière der Regentschaft die Beschlüsse von Aachen mitgetheilt, wie das in Algier und Tunis geschehen 39war, und Jussuf, besonders da man das Recht schwarze Sklaven zu halten und zu kaufen nicht antastete, nahm offen alle Bedingungen an. Es war hiemit ein grosser Schritt gewonnen. Denn durch diesen Vertrag bekommen zum ersten Male die Schiffe der kleinen Mächte, wie Toscana, der Kirchenstaat, die Hansestädte, Hannover und Preussen, dieselbe Berechtigung wie die Fahrzeuge der Staaten, welche wie Oesterreich, Frankreich und England Verträge mit den Berberstaaten hatten. Wenn mit diesem Aachener Vertrage ein für alle Mal die Piraterie aufgehoben war, so waren damit alle anderen demüthigenden Verträge auch vernichtet. Ich schreibe das Wort „demüthigend“, denn obwohl seit Jahrhunderten Engländer, sowohl wie Franzosen mittelst ihrer Flotte die Macht gehabt hätten, längst die Piraterie zu zerstören, und diese Raubstaaten bei wiederholten Gelegenheiten dem Erdboden hätten gleichmachen können, so schlossen sie doch selbst die schimpflichsten Verträge ab, bloss um den Handel der kleinen christlichen Mächte, welche keine Kriegsflotte zum Schutze ihres Handels hatten, gänzlich zu vernichten. Was sagt man dazu, dass in dem am 2. Aug. 1729 zwischen Frankreich und Tripolis geschlossenen Frieden festgesetzt ist: „dass die Corsaren französische Pässe vom französischen Consul erhalten, um sie vor den französischen Kriegsschiffen zu sichern, dass sie in den französischen Häfen Schutz finden können, aber nur Prisen in der Entfernung 40von 10 Meilen vom französischen Ufer machen dürfen. Die französischen Kriegsschiffe dürfen die Piratenschiffe untersuchen, aber das Durchsuchungsrecht ist auch den Piraten für die französischen Kauffahrer gewährt.“ Es versteht sich von selbst, dass alle Schiffe, welche nicht französisch oder englisch waren, den Piraten als verfallen betrachtet wurden. Mit dem Jahre 1819 waren solche Zustände glücklicher Weise überwunden.
Im Anfange der zwanziger Jahre hatte Jussuf eine Rebellion seines Sohnes, welcher Statthalter in Bengasi war, zu unterdrücken, und übermüthig geworden, glaubte er nun an Sardinien einen leicht zu besiegenden Gegner gefunden zu haben. Dieser Staat war interimistisch durch einen Agenten in Tripolis vertreten, und als dieser sich weigerte, das übliche Geschenk an den Pascha zu entrichten, liess Jussuf seinen Pavillon herabziehen, und erklärte Krieg an Sardinien. Es dauerte aber nicht lange, so erschien Admiral Sivoli mit sardinischen Schiffen vor Tripolis, und Jussuf Pascha, jetzt eingeschüchtert, wollte durch das englische Consulat unterhandeln, verlangte aber dummerweise zum Segen des Friedensschlusses gleich von vornherein die Summe von 30,000 Piastern. „30,000 Kugeln soll er haben,“ antwortete der tapfere Sivoli und die Beschiessung der Stadt begann sofort. Es versteht sich von selbst, dass 41die Sardinier nach kurzer Zeit erlangten, was sie wollten, der Stolz Jussuf's war gebrochen.
Etwas später kam auch ein neapolitanisches Geschwader vor Tripolis, um für erlittene Unbillen Genugthuung zu verlangen, aber nicht so energisch wie die Piemontesen, musste es unverrichteter Sache wieder abziehen.
Durch seine eigenen Unterthanen, die nun einmal die gewinnreiche Piraterie nicht aufgeben wollten, wurde der Regierung Jussuf's die meisten Unannehmlichkeiten bereitet; so im Jahre 1826, wo drei unter päpstlicher Flagge fahrende Kauffahrer gekapert wurden. Der Papst selbst ohnmächtig, seine Unterthanen gegen die mohammedanischen Seeräuber zu schützen, wandte sich an Frankreich, und das schickte unter Arnous de Saulsays eine Flotte, welche die Herausgabe der drei Schiffe bewerkstelligte. Da aber Jussuf Pascha dem päpstlichen Stuhle ausserdem eine starke Entschädigungssumme zahlen musste, so suchte er sich durch die kleinlichsten Chikanen an dem derzeitigen französischen Consul zu rächen. Zu der Zeit war im Innern der englische Reisende Major Laing ermordet worden, und Jussuf Pascha scheute sich nicht, den französischen Consul der Mitwissenschaft dieses Mordes und namentlich des Besitzes der Papiere Laing's anzuklagen. Da Herr Rousseau, der französische Consul, vom Pascha keinen bestimmten Widerruf erlangen konnte, strich er seinen Pavillon 42und schiffte sich nach Frankreich ein. Der darüber zwischen Paris und London ausbrechende diplomatische Briefwechsel, hatte eine gründliche Untersuchung des Vorganges zur Folge, bei der sich die Unschuld des französischen Consuls auf's glänzendste herausstellte. Das französische Gouvernement benutzte diese Gelegenheit indess, um Tripolis ein für alle Mal eine tüchtige Lection zu geben, und einen Monat später als die Einnahme Algiers, erschien Gegenadmiral Rosamel vor der Stadt und legte der Regierung Bedingungen auf, welche aber trotz der Demüthigung, welche sie enthielten, angenommen wurden. Frankreich trat hier als Fürsprecher der ganzen Christenheit auf, denn ausser den Entschuldigungen, welche der Pascha wegen seiner Verläumdungen machen musste, wurde die unbedingte Aufhebung christlicher Sklaverei und jeder Piraterie und die Abschaffung gewisser Geschenke, welche einige kleine Staaten noch leisteten, decretirt.
Zu diesen äusseren Complicationen, welche den Schatz des Paschas verminderten, und da sie immer mit einer Demüthigung für die Regierung Tripolis endeten, dessen Ansehen im Inneren der Provinz schwächten, kamen nun noch Revolten und Empörungen der eigenen Unterthanen, so dass man jetzt schon den Untergang des alten Jussuf's voraussagen konnte.
Ein gewisser Abd el Djelil, Kaid der uled Sliman, empörte sich offen 1831, marschirte auf Fesan los, und 43bemächtigte sich dieses Landes. Jussuf schickte seine Söhne Ali und Ibrahim ab, um ihn zu verfolgen, als sie aber den Djebel Ghorian passirten, empörten sich die Bergvölker, und zwangen sie zu einer eiligen Umkehr nach Tripolis. Um das Unglück des Pascha's voll zu machen, präsentirte sich 1832 eine englische Flotte unter Dundas, und verlangte für rückständige Schulden an britische Unterthanen die Summe von 200,000 spanischen Piastern. Dem Pascha waren nur 48 Stunden Zeit gegeben. Da es ihm unmöglich war, diese Summe so schnell zusammen zu bringen, denn seine Geldnoth war so gross geworden, dass er sogar schon die bronzenen Kanonen des Forts an die christlichen Kaufleute verkauft hatte, so zog der englische Generalconsul Warrington seine Flagge ein und begab sich an Bord des Kriegsschiffes. In dieser argen Klemme liess sich Jussuf verleiten, die Bewohner der Mschia mit einer Kriegssteuer zu belegen. Diese, die von Alters her immer von allen Steuern frei gewesen waren und es auch noch sind, wofür sie jedoch kriegpflichtig waren, antworteten sogleich mit offener Empörung; aber dabei blieben sie nicht stehen, sie erklärten Jussuf Pascha für abgesetzt, und zu seinem Nachfolger Mohammed Caramanli! Zu spät war es jetzt, die Ordre für die Mschia zurückzunehmen, zu spät, dass er seine Söhne nach Sauya schickte, um sich an die Spitze der Araber im Sahel, welche sich für ihn erklärt hatten, zu setzen. Nichts half mehr, 44Die Mschia blieb in Revolte, und seine Söhne flüchteten sich zu Schiff nach Tripolis zurück. Obgleich er in dieser Stadt nun noch 1200 treugebliebene Soldaten hatte, sah er doch ein, dass er den Umständen weichen müsse, und dankte zu Gunsten seines Sohnes Ali Caramanli ab.3
Die Consulate von Europa setzten sich gleich mit Ali in Verbindung, und auch Major Warrington, der englische Generalconsul, kehrte nach Tripolis zurück, sobald er die Abdankung Jussuf's erfahren hatte. Statt aber wie thunlich, seine Residenz in Tripolis (die Stadt war noch immer belagert) zu nehmen, bezog er sein in der Mschia gelegenes Landhaus, befand sich also inmitten der Rebellen. Es ist wohl zu natürlich, anzunehmen, dass dies absichtlich geschah, jedenfalls schöpften die Rebellen dadurch Hoffnung für ihre Sache, da sie mit Recht glaubten, England unterstütze ihre Sache. Durch einen gewissen Mohammed bit el mel, der früher Uisir von Jussuf Pascha gewesen war, und sich in Malta befand, wurden sie überdies von dieser Insel aus mit Nachdruck unterstützt. Mohammed bit el mel rüstete sogar ein kleines Geschwader von drei Schiffen aus, man braucht wohl kaum zu fragen mit wessem Gelde, indess obschon die Schiffe vor Tripolis erschienen, konnten sie doch nichts Ernstliches ausrichten.
45Während so einerseits durch England unterstützt, die Rebellen der Mschia den Muth nicht verloren und fortwährend die Stadt cernirt hielten, gewann anderer Seits Ali Pascha Terrain. Abd el Djelil hatte Verhandlungen mit ihm angeknüpft, ihm sogar einige Soldaten zur Unterstützung nach Tripolis gesandt, und ein gewisser Rhuma, der im Djebel sich unabhängig erklärt hatte, bot ebenfalls unter Bedingungen seine Unterwerfung und Hülfe an. In Bengasi hatte man sich vollkommen dem neuen Pascha unterworfen und Ali der Stadt seinen Bruder Otman als Gouverneur geschickt. Um die Unterwerfung der Provinz noch mehr zu beschleunigen, schickte Ali seinen Bruder Ibrahim zu Rhuma, und vereint brachen diese gegen Sauya auf, wo sich Mohammed Caramanli, der Rebellen-Pascha aufhielt. Dieser wurde auch geschlagen, und wenn jetzt die vereinigten Consulate zu Ali Pascha gehalten hätten, wäre sicher bald die ganze Provinz wieder dem rechtmassigen Nachfolger von Jussuf Pascha unterworfen worden.
Aber England hat von jeher eine eigene Politik im Orient verfolgt; wobei die Hauptsache die war, die Türkei soviel wie möglich zu kräftigen, und gewiss war der Plan, Tripolitanien in die Hände der Pforte zu spielen, schon längst vorbereitet. Dass es sich dabei hauptsächlich darum handelte, den Einfluss Frankreichs auf der Nordküste von Afrika zu schwächen, liegt auf der Hand, denn Frankreich hatte eben erst 46Algerien erobert, früher schon mal Aegypten besessen, war also mehr als irgend eine andere Macht von den Bewohnern Nordafrika's gefürchtet.
Tripolis Stadt wurde den Türken ohne Blutvergiessen in die Hände gespielt. Eine geistige Suprematie der Pforte, hatten auch die Caramanli immer noch anerkannt, und obgleich sie unabhängig regierten, sie jährlich durch Absendung von Geschenken nach Constantinopel bethätigt. Jetzt hiess es auf einmal, es sei Zeit, dass die Pforte intervenire, um dem Streite der Parteien ein Ende zu machen. Der Sultan kam nur zu gerne dieser Aufforderung nach und schickte 1834 einen Gesandten, Schekir Bei, nach Tripolis, um Aufklärung über die Sachlage zu bekommen. Schekir Bei kehrte nach Constantinopel zurück, und auf seinen Bericht, wurde Ali Caramanli als Pascha von Tripolis bestätigt, mittelst eines grossherrlichen Firmans, und die Insurgenten zugleich aufgefordert, sich ihm zu unterwerfen. Diese aber waren, durch die Anwesenheit des englischen Generalconsulates in ihrem Hauptquartiere zuversichtlich gemacht, nichts weniger als entmuthigt, hatten sogar die Kühnheit, gleich nach dem Abgange von Schekir Bei, die Stadt zu bombardiren.
Auf dieses hin liess nun die türkische Regierung eine Flotte von Constantinopel mit 6000 Soldaten nach Tripolis abgehen. Den europäischen Mächten wurde einfach mitgetheilt, es handle sich nur darum, Ali Caramanli in Tripolis 47Achtung und Gehorsam zu verschaffen. Die Flotte, von Nedjib Pascha commandirt, kam vor Tripolis an und der türkische Befehlshaber setzte sich gleich mit Ali Caramanli in Verbindung. Dieser, mit allen seinem Range zukommenden Ehren von den Türken behandelt, gab zu, dass die Soldaten debarquiren und das Fort besetzen durften, und als er dann sich selbst, um Nedjib Pascha einen Besuch abzustatten, auf's Admiralschiff begab, am 26. Mai 1835, wurde ihm einfach seine Absetzung vorgelesen und ihm gesagt, er würde nach Constantinopel transportirt werden. Am selben Tage noch verlas Nedjib Pascha den Firman, der ihn zum Gouverneur von Tripolitanien ernannte, liess die Thore der Stadt öffnen, und die Rebellion der Mschia war wie ausgelöscht, da Mohammed, der Prätendent, gleich nach Mesurata floh, und sich dort entleibte.
Aber obschon nun die Türken Herren der Stadt und der nächsten Umgebung derselben waren, hatten sie damit noch keineswegs die ganze Regentschaft unterworfen. Angesichts der Eroberung Algiers durch eine christliche Macht, fühlten jedoch alle Mohammedaner der Nordküste Afrikas instinktartig, dass allein ein Anschluss an die nach ihrem Glauben allmächtige Dynastie der Osmanli, sie vor einem ähnlichen Schicksale bewahren könne. Wir können deshalb auch gleiche Phänomene in Tunis wahrnehmen, wo Unabhängigkeitsgelüste der Furcht vor einer christlichen Eroberung die Waage 48halten. Nur in Marokko sehen wir bei dem Volke das Bewusstsein seiner Kraft unerschüttert, vermehrt durch den festen Glauben an das Kalifat seiner Sultane. Und selbst die Niederlage von Isly konnte im marokkanischen Volke niemals den Gedanken aufkommen lassen, sich Constantinopel in die Arme zu werfen. In Aegypten hingegen war das Volk durch Unterdrückung und Sklaverei seit Jahren ganz unzurechnungsfähig geworden; was aber die Herrscher des Landes anbetrifft, so constatiren wir hier, schon lange vor 1835, in welchem Jahre sich die Pforte Tripolitaniens bemächtigte, ein allmäliges Fortschreiten auf der Bahn gänzlicher Unabhängigkeit.
Und so müssen wir denn, wenn wir die grosse Geschwindigkeit bewundern, mit der die Türken Tripolitanien zu einer der ruhigsten und sichersten Provinz des ganzen Reiches gemacht haben, auch nie aus den Augen verlieren, dass die um ihre Religion besorgten Mohammedaner, so sehr sie auch immer türkische Raublust und Grausamkeit hassten und fürchteten, andererseits wenigstens, was den grossen Haufen anbetrifft, von der Nothwendigkeit der türkischen Herrschaft überzeugt waren.
Der erste türkische Gouverneur Nedjib Pascha blieb nur 3 Monate auf seinem Posten, ihm folgte Mehemmed Raïf Pascha, im August 1835. Seine erste Massregel, welche er verfügte, war die Ausweisung aller noch lebenden 49Caramanlis, resp. ihre Verbannung nach Constantinopel. Otman, von seinem Vorgänger zum Gouverneur von Bengasi gemacht, entzog sich diesem Schicksal durch seine Flucht nach Malta. Abd el Djelil verhielt sich um diese Zeit ruhig im Besitze Fesans, und ebenso Rhuma im Djebel, der Bei Otman von Mesurata schrieb einen Unterwerfungsbrief, aber damit hatte es auch sein Bewenden. Schon 1836 wurde wieder ein neuer Gouverneur geschickt, da die Pforte immer zu besorgen schien, dass ihre eigenen Gouverneurs eine Unabhängigkeitserklärung versuchen würden, es war Taher Pascha, der sich hauptsächlich durch seine Unverschämtheit gegen die Europäer auszeichnete, Intriguen mit Tunis unterhielt, und sogar den Bei von Constantine unterstützen wollte. Zu seiner Zeit fällt denn auch die Absendung einer anderen türkischen Flotte unter dem Capudan Pascha Ahmed, welche heimlich wohl Tunesien zur Unterwerfung unter die Pforte verhelfen, dann auch den Bei von Constantine unterstützen sollte. Das französische Geschwader unter Lalande vereitelte dies jedoch, und später hatte Prince Joinville den Auftrag von seiner Regierung an den Bei von Tunis, dass Frankreich auf alle Fälle den Status quo aufrecht erhalten würde.
Nach Taher Pascha folgte August 1838 Hassan Pascha. Derselbe erkannte Rhuma als Chef vom Djebel an und unterhandelte auch mit Abd el Djelil, welcher 50sich anheischig machte dem Gouverneur von Tripolitanien jährlich 25,000 spanische Piaster zu zahlen. Da Hassan Pascha aber auch den rückständigen Tribut verlangte, wurden die Verhandlungen abgebrochen, und Abd el Djelil verband sich in Folge davon mit Rhuma. Als aber 1840 schon in der Person von Asker Pascha wieder ein neuer Pascha als Gouverneur kam, wurde ein anderer Vertrag mit den beiden Chefs gemacht, in Folge dessen wie früher Abd el Djelil 25,000 und Rhuma 5000 spanische Piaster der Regierung entrichten sollte. Aber wie immer sind die Verträge mit den Arabern leicht gemacht, geschrieben und beschworen, wenn es jedoch zur Ausführung derselben kömmt, sind sie gegen Gleichgläubige ebenso wortbrüchig, als gegen Ungläubige. In Algerien haben die Araberchefs fast alle Zeit ihre Wortbrüchigkeit gegen die Franzosen damit zu beschönigen versucht, sie seien nicht gebunden, was aber nach den Lehren des Islam keinenfalls ganz gerechtfertigt ist, dem Kafr ein gegebenes Wort zu halten; verfolgen wir aber ihre Handlungen in Tripolitanien, so finden wir da gegen die Türken, welche doch Rechtgläubige sind, ebenso oft Wortbrüchigkeit.