Vieux soldats de plomb que nous sommes,
Au cordeau nous alignant tous,
Si des rangs sortent quelques hommes,
Nous crions tous: A bas les fous!
On les persécute, on les tue,
Sauf, après un lent examen,
A leur dresser une statue
Pour la gloire du genre humain.
Fourier nous dit: Sors de la fange,
Peuble en proie aux déceptions,
Travaille, groupé par phalange,
Dans un cercle d'attractions;
La terre, après tant de désastres,
Forme avec le ciel un hymen,
Et la loi, qui régit les astres,
Donne la paix au genre humain.
Qui découvrit un nouveau monde?
Un fou qu'on raillait en tout lieu;
Sur la croix que son sang inonde,
Un fou qui meurt nous lèque un Dieu.
Si demain, oubliant d'éclore,
Le jour manquait, eh bien! Demain
Quelque fou trouverait encore
Un flambeau pour le genre humain.
Wir lassen richten, drillen uns und kneten,
Soldaten nur, die des Kommandos harren;
Kommt's Einem bei, aus Reih' und Glied zu treten,
Es schreit die Menge: „Nieder mit dem Narren!“
Er wird gehetzt, verleumdet und vernichtet,
Bis man zuletzt, als würde etwas Rechtes
Damit gethan, ein Denkmal ihm errichtet,
Zu Ehr' und Ruhm des menschlichen Geschlechtes.
Dem Volk ruft Fourier zu: „Im Schlamme heute,
Entwinde dich dem Truge deiner Feinde
Und schaare dich, daß Keiner aus dich beute,
Zur brüderlichen, schaffenden Gemeinde.
Der Zwist verstummt, des Hasses Brand erkaltet,
Willkür und Herrschsucht weichen scheu dem Rechte,
Und das Gesetz, das über Sternen waltet,
Bringt Frieden auch dem menschlichen Geschlechte.“
Wer hat den Weg zur neuen Welt gefunden?
Ein „Narr“, verfallen afterweisem Spotte.
Am Kreuz erliegend seinen Nägelwunden,
Wird uns ein „Narr“, der elend stirbt, zum Gotte.
Versänk' die Sonne in des Dunkels Schlünden,
Daß uns das morgen keinen Morgen brächte,
So würde morgen eine Fackel zünden
Irgend ein Narr dem menschlichen Geschlechte.
Zum Schlusse werfen wir noch einen Blick auf die Ausbreitung, welche die Fourier'schen Ideen über die Grenzen Frankreichs und speziell auch in Deutschland gefunden hatten. Bei der Bedeutung, die Frankreich seit der großen Revolution für alle vorwärtsstrebenden Geister in der ganzen Kulturwelt erlangte, mußten auch die Erscheinungen in der sozialen Bewegung, die namentlich nach der Restauration mit der Entwicklung der ökonomischen Verhältnisse immer mehr in den Vordergrund trat, lebhafte Beachtung finden. Der Kapitalismus begann in allen Ländern Europas immer mehr Wurzel zu schlagen und sein Produktionssystem auszubreiten. Damit kamen selbst für den oberflächlichen Beobachter eine Reihe von Erscheinungen zu Tage, welche die Selbstzufriedenen beunruhigten, die Vertreter und Anhänger der kleinbürgerlichen Wirthschaftsform aber in größte Aufregung versetzten. Man sah vielfach schwärzer in die Zukunft, als es durch den Gang der Dinge sich rechtfertigte. Der pessimistischen Schwarzseherei der Einen stand die optimistische Schönfärberei der Anderen gegenüber. Zwischen diesen beiden Lagern stand eine kleine Zahl von kritischen aber ideal angelegten Geistern, welche weder dem „Kreuzige“ der einen Seite, noch dem „Hosianna“ der anderen Seite zustimmen konnten; sie sahen, daß das alte ökonomische System verrottet, unhaltbar und unmöglich geworden war, aber sie konnten auch vor den Uebeln, die das neue in seinem Gefolge führte, nicht die Augen verschließen. Diese bemächtigten sich jetzt mit Gier der neuen sozialen Ideen, die in dem ökonomisch und politisch vorgeschritteneren Frankreich das Tageslicht erblickten und dort die ideal angelegten Geister ergriffen hatten. In der Schweiz, in England, in den Vereinigten Staaten fanden die in Frankreich auftauchenden utopistischen Ideen für Gründung einer auf friedlicher Verständigung aller Klassen der Gesellschaft basirten neuen Gesellschaftsordnung begeisterte Anhänger und die bezüglichen Schriften Uebersetzer und Dolmetscher. Für die praktische Verwirklichung dieser Ideen waren aber ebenso wenig wie in Frankreich in diesen Ländern aus schon angeführten Gründen die Massen zu gewinnen.
Deutschland, dessen geistige Vertreter damals alle Vorgänge in Frankreich aufmerksam verfolgten und aus seiner Literatur zahlreiche Anregungen zu ähnlichem Vorgehen schöpften, ward so ebenfalls im Beginn seiner großbürgerlichen Entwicklung mit einer sozialistischen Literatur bedacht. Während Karl Marx und Friedrich Engels, der Eine mehr theoretisch, der Andere mehr praktisch, ihre ökonomischen Studien begannen und die ersten Bausteine zu dem Lehrgebäude des auf rein materialistischer Grundlage beruhenden wissenschaftlichen Sozialismus, wie er heute die Geister beherrscht, herbeischafften, begnügten sich Andere, die Lehren und Ideen der französischen Utopisten und Sozialisten, mit deutsch-philosophischem Geist durchtränkt, in die deutsche Sprache zu übertragen. Das geschah insbesondere dem Begründer der sozietären Schule, Fourier, und dem kleinbürgerlichen Sozialisten Proudhon. Neben verschiedenen kleineren Schriften, die in Zürich in den vierziger und fünfziger Jahren hauptsächlich auf Veranlassung Karl Bürkli's, eines alten Schülers von Fourier, herauskamen, liegen mehrere größere Bearbeitungen des Fourier'schen Systems in deutscher Sprache von A. L. Churoa, Michael ***** und Franz Stromeyer vor.25 Ferner erschien 1845 in Kolmar eine im Fourier'schen Geiste gehaltene Schrift, betitelt: „Die Welt, wie sie ist und wie sie sein soll“, aus dem Französischen von Math. Briancourt. Karl Scholl ließ 1855 in Zürich eine Schrift erscheinen, betitelt: „Viktor Considerant über die Erlösung der Menschheit in ihrem wahren Sinn.“ Auch erschienen in demselben Jahre in Zürich eine Anzahl Schriften, in welchen für die Auswanderung nach Texas zur Gründung von Phalanstèren im Fourier'schen Sinne Propaganda gemacht wurde. Diese Versuche sind kläglich mißlungen.
Interessant für die Geschichtsauffassung, welche die Schüler nach den Lehren ihres Meisters theilten, ist die Darlegung, die seitens eines Deutschen in dem Buche: „Abbruch und Neubau“ oder „Jetztzeit und Zukunft“ von Michael ***** gegeben wird. Der Verfasser erläutert dort die Fourier'sche Geschichts-Entwicklungstabelle, die wir auf Seite 240 und 241 dieser Schrift anführten und bei dem Interesse, das diese Erläuterung nach unserer Auffassung verdient, geben wir sie ausführlich wieder. Es heißt da:
„Der Adels-Feudalismus herrscht in der Kindheit der Zivilisation; die Sklaverei hat der Leibeigenschaft Platz gemacht; die Frau ist aus dem Gynäceum (Frauengemach) oder Harem herausgetreten und hat ihre bürgerlichen Rechte erlangt Mit der Verleihung der bürgerlichen Rechte an die Frau ist die Gesellschaft aus dem Zustand der Barbarei in die Zivilisation übergegangen.
„Diese Veränderung im Zustande einer Hälfte des Menschengeschlechts giebt den Sitten eine ganz neue Färbung, indem sie dieselben verfeinert und im hohen Grade das Gedeihen der Künste und Wissenschaften, der Dichtkunst und der Musik begünstigt.
„In der Periode der Barbarei ist die Herrschaft des Oberhauptes der Gesellschaft eine unumschränkte; in der ersten Phase der Zivilisation ist sie bereits getheilt, indem die Verbündung (Föderation) der großen Vasallen der königlichen Gewalt Schranken setzt.
„Nach und nach werden die arbeitenden, dem Betriebe der Gewerbe, Künste und Wissenschaften obliegenden Leibeigenen mächtig: Die Gemeinden erlangen Rechte und Privilegien; Munizipien, freie Städte erstehen. Sie erstehen aber nicht kraft eines willkürlichen Befreiungs-Ediktes; sie erstehen nicht, weil es dem Staatsoberhaupt beliebt hat, sie in's Leben zu rufen. Sie erstehen, weil sie sich bereits selbst emanzipirt haben, weil die schon erlangte Macht sie faktisch frei gemacht hat. Kommen solche Edikte vor der Zeit, so ist es gerade, als wären sie nicht da, und der Feudalismus bleibt zum deutlichen Beweise, daß Verfassungen bloße Chroniken vollendeter Thatsachen sind, daß sie die Geschichte der Fortschritte einer Nation schreiben, wenn ich mich so ausdrücken darf, nicht aber nothwendig sie hervorrufen.
„Mit der steigenden Aufklärung der früheren Leibeigenen, mit ihrem steigenden Reichthume, mit ihrem fortschreitenden Kunst- und Gewerbefleiße wächst auch ihre Macht in demselben Maße, in welchem das Feudal-Element geschwächt wird.
„Die alten Leibeigenen sind Bürger und Volk geworden. Bürger und Volk verbünden sich miteinander gegen den Feudalismus, und der Sieg ist ihnen gewiß.
„In diesem Stadium ihrer Entwicklung ist die Gesellschaft von steten Stürmen und Umwälzungen bedroht. Die Zähigkeit des Feudal-Elements kann das volksthümliche Element zu Gewaltthaten treiben, gegen welche die der Barbarei verschwinden. Die Kritik liegt mit den alten religiösen Anschauungen im Kampfe; die Philosophie stellt die Bedingungen des neuen Staats gegenüber dem alten auf.
„Mit der politischen Befreiung, mit der Entfesselung der Gewerbe und des Ackerbaues spielt das Repräsentativ-System der Gewalt gegenüber dieselbe Rolle, die früher die großen Vasallen gespielt hatten.
„Der Bürger braucht nun den Schutz des Ritters nicht länger: schon hat er ihn in der Person Don Quixote's moralisch getödtet. Der Bürger hat aber auch die Gleichheit vor dem Gesetz verkündet, und so folgen die Freiheits-Illusionen auf die Illusionen des Ritterthums. Die Freiheit ist noch nicht da, weil sie in der Verfassung steht; sie bleibt auf dem Papier, weil die Bedingungen, unter welchen sie wirklich in's Leben treten kann, noch nicht erfüllt sind.
„Unterdessen hat die Zivilisation ihren Höhepunkt erreicht, sie hat die Schifffahrt, überhaupt erleichterte Verbindungswege, Eisenbahnen, Kanäle u. s. w., sowie die Experimental-Chemie in's Leben gerufen, und nun kann sie, wenn ihr die Wissenschaft zu Hülfe kommt, zu einer höheren Periode aufsteigen, die wir, mit Fourier, Garantismus nennen wollen, da sie die Verwirklichung eines Systems von Garantien wäre, wovon die jetzige Gesellschaft einige bemerkenswerthe Keime aufzuweisen hat.“
Der Verfasser bezeichnet als solche mit Fourier: Die wissenschaftliche Einheit, die Quarantänen, das Assekuranzsystem, die Sparkassen etc.
„Mit der Experimental-Chemie tritt die große Industrie in's Leben; die kleine Industrie geht in der großen auf. Neue Verfahrungsarten verdrängen die alten, eine ganz neue industrielle Welt ist im Werden; Fabriken mit Hunderten und Tausenden von Arbeitern schießen wie Pilze aus dem Boden hervor und versetzen den in altherkömmlicher Weise betriebenen Gewerben den Todesstoß.
„Aber die Erfindung neuer Verfahrungsarten, sowie die Steigerung der Produktion genügen nicht: die Zivilisation hat auch den Beruf, diese Verfahrungsarten überall hin zu verbreiten und so die Möglichkeit der Erreichung einer höheren gesellschaftlichen Stufe anzubahnen. Daher die Erfindung der Schifffahrt, der Eisenbahnen, des Dampfbootes, kurz die Vervollkommnung der Verbindungsmittel überhaupt.
„Indessen hat die Zivilisation — als Entwicklungsphase der Menschheit betrachtet — in Folge eines inneren, in ihrem Wesen begründeten Zwiespalts die große Industrie nicht in's Leben zu rufen vermocht, ohne zu gleicher Zeit allgemeine Gebrechen zu erzeugen, die unter dem Titel Entwaldungen und Fiskalanleihen aufgeführt und eine nothwendige Folge der beiden vorangehenden Phasen sind. In der That fällt auch der Boden im Ganzen genommen immer mehr einer anarchischen Kultur anheim, je größer der Zwiespalt der Privatinteressen und des allgemeinen Interesses wird. Die Entwaldung der Anhöhen, welche die Ausmergelung der Berge und die Entblößung der Abhänge mit sich führt, ist der höchste Ausdruck des Uebelstandes, da diese Entwaldungen zur unausbleiblichen Folge haben, daß in der Vertheilung der Wasser nach und nach eine gänzliche Veränderung eintritt. Werden die Entwaldungen bis zum Uebermaß ausgedehnt, so wird am Ende selbst das Klima ernstlich Noth leiden: die schroffsten Uebergänge werden nichts Ungewöhnliches sein; heute eine afrikanische Hitze, morgen eine sibirische Kälte. Die Wissenschaft hat in der Person ihrer würdigsten Vertreter angefangen, auf die üblen klimatischen Folgen der planlosen Entwaldungen hinzudeuten. Zum deutlichen Beweise, daß die Atmosphäre für den Menschen ein wahres Ackerfeld ist, das er durch den Anbau entweder verbessern oder verschlechtern kann.
„Die Fiskalanleihen sind ein anderes Gebrechen der auf ihrem Höhepunkte angekommenen Zivilisation. Die Befreiung der Völker hat gewaltige Kriege nach sich gezogen; das Feudal-Element hat seine letzten Kräfte zusammengerafft, um das neue volksthümliche Element zu erdrücken. Daher der lästige Kriegsfuß, daher der fast ebenso lästige Friedensfuß. Die edelsten Kräfte der Nation werden in soldatischen Spielen vergeudet. Eine Menge anderer unproduktiver Ausgaben vergrößern das Uebel fortwährend, bis endlich das thurmartige Kartenhaus des Staatsschuldenwesens zusammenstürzt.“
Der Verfasser setzt nun weiter auseinander, wie die Charaktere des Höhepunktes der Zivilisation im Keime sowohl die Ursachen ihres Verfalles, als die Mittel zur Ersteigung einer höheren Stufe enthielten. Die Entwaldungen enthielten den Keim zum materiellen Verfall durch die damit verbundene Verschlechterung des Klimas; die Fiskalanleihen enthielten den Keim des politischen Verfalls, indem sie die Ausbildung des industriellen Feudalismus mächtig förderten. Ebenso könnten die neugeschaffenen Verbindungswege in den Händen von Aktiengesellschaften die Rolle einer Saugpumpe spielen, wie die Schifffahrtskunde das den Angelpunkt der dritten Phase bildende Seemonopol in's Leben rufen könne. Endlich gab die Chemie dem Betruge die Mittel an die Hand, alle Arten von Produkten zu fälschen, und der lügnerische Handel gewann so eine Ausdehnung, welche die ernstlichsten Besorgnisse einflößen mußte.
Zwar könne die nun beginnende absteigende Periode ein natürlicher Schritt des Fortschritts werden, aber dieser Weg sei eine Reihe von Klippen und Schändlichkeiten. Unterliege die Zivilisation auf ihrem Wege den ihr gegenübertretenden Einflüssen, so falle sie in eine niedere Periode zurück, um den alten Kampf von Neuem zu beginnen. Glücklicherweise sei das Leben der Menschheit ein vielfaches; falle eine Zivilisation, so sei bei den vielen Nationen und mancherlei Gesellschaften immer die Hoffnung da, daß eine derselben das Erbe der fallenden Gesellschaft übernehme.
Der zweite Theil der Periode, ihre absteigende Bewegung, sei dem ersten umgekehrt analog (verwandt), wie die Morgendämmerung und Abenddämmerung, die Kindheit und das Greisenalter der Menschen, der Anfang und das Ende jeder Bewegung sich einander analog seien, ohne identisch zu sein. Nach diesem aus der allgemeinen Formel der Bewegung abgeleiteten Grundsatze ließe sich erwarten, daß die Zivilisation mit einem Feudalismus enden werde, wie sie mit einem Feudalismus begonnen habe. Diese Voraussetzung erhalte durch die vor unseren Augen vor sich gehenden Thatsachen den Charakter einer mathematischen Wahrheit.
„Der steigende Reichthum des Bürgerthums hat den Adels-Feudalismus getödtet: Pergamente und Wappen haben aufgehört, die Herrschaft zu verleihen, und das Geld ist an ihre Stelle getreten. Wege zum Reichthum sind Industrie, Handel und Beamtenstellen. Der herrschende Geist wird demnach der kaufmännische und fiskalische sein. Er ist in der Tabelle als einfacher Keim der dritten Phase bezeichnet, weil er einen neuen Feudalismus, nämlich den industriellen, den wir auch Handels- oder Geldfeudalismus nennen können, im Keim enthält. Von nun an muß sich Alles dem neuen Prinzipe unterordnen. Die Parias der dritten und vierten Phase der Zivilisation werden daher auch nicht die Leibeigenen der ersten Phase, sondern die untersten Schichten der Gesellschaft bildenden Proletarier sein. Der Hunger und das Elend werden sie faktisch denjenigen überantworten, welche, Herren des Kapitals, auch die Werkzeuge der Arbeit in Händen haben.“
„Die große Industrie mit ihren Kapitalien, Maschinen und Spekulationen macht die kleine, mit mäßigen Geldmitteln betriebene, unmöglich. Der große Handel unterdrückt den kleinen, und diese Bewegung gestaltet sich immer großartiger, je mehr das Kapital durch glückliche Spekulationen oder durch Gründung von Aktiengesellschaften sich konzentrirt. In demselben Maße, wie das Kapital sich konzentrirt, wächst auch der Pauperismus und das Proletariat, und da die großen Kapitalien sich am liebsten in den großen Städten ansiedeln, so wird zuerst da die Fabrikation in größerem Maßstabe betrieben. Allmälig sammeln sich da Heere von Arbeitern, die von einem Tag zum andern leben und somit viel schlimmer daran sind als die Leibeigenen der ersten Periode. Diese Arbeiter-Heere sind für die Zivilisation das Schwert des Damokles. Die dritte Phase wird mindestens ebenso sehr von inneren Kämpfen und Bürgerkriegen bedroht als die zweite. Nur sind die nun ausbrechenden Revolutionen nicht länger politischer, sondern sozialer Natur; die Insurrektion nimmt einen industriellen Charakter an.“
„Der Handelsgeist und der mächtige Hebel der Kapitalien-Konzentration, welche den großen Kapitalisten das Monopol der Industrie nach und nach in die Hände spielt, sind die Elemente des See-Monopols oder Großhandels-Monopols, wodurch der Geist und die Bestrebungen der ganzen Phase angedeutet werden. Die Politik tritt in die Dienste des Monopols und erhält so eine ganz eigentümliche Färbung, bis sie endlich nur noch das kaufmännische Element vertritt. Diplomatie, Kriege, Kammern, Wissenschaft, Kunst, Alles wirft in unendlich verschiedenen Schattirungen den im Prisma des Merkantilismus gebrochenen Zeitgeist zurück. Alles ist käuflich; der Durst nach Gold hat die edlen Regungen erstickt, und der Egoismus zeigt sich in seiner ganzen Scheußlichkeit.
„Der Grundsatz der freien Konkurrenz, das laisser faire laisser passer, erzeugt zugleich den anarchischen Handel, der unter dem Titel „Gegengewicht“ in der Tabelle aufgeführt ist. Da die großen Handelsoperationen von dem großen Kapital monopolisirt sind, so bleibt dem kleinen Kapital nur noch der Kleinhandel. In Folge des herrschenden merkantilischen Geistes wirft er sich auch auf denselben mit einer wahren Wuth — ein Verhältniß, das sich in der großen Menge schmarotzerischer Zwischenhändler und Mäkler am Besten zu erkennen giebt. Je heftiger der Konkurrenzkrieg dieser Zwischenhändler entbrennt, um so großartiger gestalten sich die Betrügereien und Fälschungen jeder Art, wodurch die Gesellschaft systematisch gebrandschatzt wird. Dieser Anarchie allein aber verdankt der Kleinhandel seine Erhaltung; denn nur sie bildet noch einen Damm gegen die verheerende Macht des Kapitals. Sie ist also ein natürliches Gegengewicht des großen Kapitals. Von dem Tage an, wo das große Kapital an den Hauptplätzen große Niederlagen für den Detailverkauf gründet, wie dies schon jetzt mancher Orten geschieht, von diesem Tage an muß der kleine und mittlere Handel das Gewehr strecken. Von dem Tage an wird aber auch die Anarchie im Handel und Wandel aufhören, und die Regelung des Handels wird immer leichter werden, je deutlicher die Charaktere des industriellen Feudalismus hervortreten.
„Wie ließe sich der Ton der dritten Phase besser bezeichnen, als mit dem Ausdruck „ökonomische Illusionen“? Die politische Oekonomie, ein Erzeugniß des merkantilen Geistes, verhält sich zu der dritten Phase wie die Poesie der Ritterzeit zu der ersten, wie die philosophische Ideologie und die liberale Dialektik zur zweiten. Das Ritterthum hat der Liberalismus unter dem Namen des Donquixotismus zu Grabe getragen, und nun ist der Oekonomismus auf dem Wege, den Liberalismus durch die Politik der materiellen Interessen zu tödten, eine Politik, die den reinen, uneigennützigen Liberalismus bereits in einem ziemlich lächerlichen Lichte erscheinen läßt.“
„Der industrielle Feudalismus wäre eine vollendete Thatsache, sobald das große Kapital nicht allein die Fabrikation und den Handel, sondern auch den Grund und Boden an sich gerissen haben würde.
„Nun aber wird die steigende Handels-Anarchie mit ihren zahllosen Betrügereien, Bankerotten und Fälschungen nicht allein zur Folge haben, daß die Lage des kleinen Gewerbs- und Handelsmannes immer kritischer wird, sondern es wird sie auch die öffentliche Stimmung nachgerade so energisch verdammen, daß das große Kapital darin eine Ermunterung finden wird, nun auch den Kleinhandel zu absorbiren. Und so wird sich dann dieser gewaltsam rückwirkende Geist politisch dadurch bethätigen, daß er Meisterschaften in bestimmter Anzahl und privilegirte Körperschaften in's Leben ruft.
„Die Leihhäuser oder Leihkassen für Landwirthe haben zum Zweck, dem bedrängten Ackerbau zu Hülfe zu kommen. Während die Kapitalien der Spekulation und den Banken zuströmen, leidet der Ackerbau an solchen Noth, so daß er dem Wucher in die Hände fällt. Schlechte Ernten, eine schlechte Bewirthschaftung des zerstückelten Grundbesitzes und ähnliche Ursachen werden das Uebrige thun, bis endlich ein großer Theil des Grund und Bodens den Leihkassen anheimfällt. So wird der in Atome zerfallene Grundbesitz sich wieder zusammenfügen; der kleine Besitz wird vom großen verschlungen werden, wie die Handwerker von den Fabriken, wie das kleine Kapital von dem großen.
„Während alles dies vor sich geht, befindet sich die Gesellschaft in einer wahrhaft fürchterlichen Lage. Nichts als Krisen und Revolutionen. Der Ackerbau wie die Fabrikindustrie ist nur noch ein unermeßliches industrielles Zuchthaus, ein ungeheures Lager; die frühere individuelle Leibeigenschaft ist eine kollektive geworden. Die neuen Leibeigenen werden von Zeit zu Zeit aus ihren Bagnos stürmen und ein Spartakus wird sie führen.
„Der neue Adel aber, der Geldadel, wird neben der Regierungsgewalt eine eigene Gewalt bilden und so für die vierte Phase das sein, was der Feudaladel für die erste war. Und gleichwie die nationale Einheit erst dann begründet werden konnte, als das monarchische Element stark genug geworden war, um das Feudalelement zu zügeln und zu leiten, ebenso wird auch hier die Gesellschaft nicht eher zum Garantismus sich erheben, als bis die Regierung das industrielle Element zu lenken wissen wird.
„Uebrigens keine Burgen, die zerstört, keine hochmütigen Vasallen, die geköpft oder gemeuchelt werden müßten. Die Aufgabe der Regierung wird darin bestehen, daß sie die Rolle einer Vermittlerin zwischen den einander feindselig gegenüberstehenden Interessen übernimmt, daß sie den Waarenaustausch regulirt, die Einheit der Maße, Gewichte u. s. w. herstellt, mit einem Wort, daß sie in sämmtlichen industriellen und kommerziellen Verhältnissen die nöthig gewordenen Garantien herstellt. Dann aber ist die Zivilisation, wie sie in der Tabelle geschildert worden, schon überholt.
„Als Ton der vierten Phase endlich erscheinen in der Tabelle die Assoziations-Illusionen. Wir sagen Illusionen, weil die Assoziation nur die Kapitalien assoziirt, um ihre Absorptionskraft zu vermehren, blos das häßliche Zerrbild der wahren Assoziation ist, die Kapital, Arbeit und Talent assoziirt.
„Fassen wir nun das Gesagte zusammen, so finden wir, daß die aufsteigende und absteigende Bewegung der Periode der Zivilisation sich zueinander verhalten, wie die beiden Hälften des Menschenlebens, d. h. daß sie in Beziehung auf den Höhepunkt oder die Mittelstufe miteinander symmetrisch sind;
daß die Zivilisation mit einem Feudalismus beginnt und endigt;
daß die Arbeit der beiden Phasen der aufsteigenden Bewegung eine Verminderung der persönlichen oder direkten Dienstbarkeit zur Folge hat, während in der Phase der absteigenden Bewegung die kollektive oder indirekte Dienstbarkeit sich befestigt;
daß die Revolutionen der beiden ersten Phasen politischer Natur sind, während die der beiden letzten einen sozialen oder industriellen Charakter annehmen;
daß das Wesen der von der Zivilisation aufgestellten Gleichgewichte ein unstätes soziales Gleichgewicht begründet;
daß die Illusionen der aufsteigenden Bewegung etwas Ritterliches, Edles haben, während denen der absteigenden Bewegung nichts als der gemeinste Materialismus zu Grunde liegt; endlich
daß, während der Fortschritt in den beiden ersten Phasen sich nach den Entdeckungen auf dem Gebiete der Wissenschaft und Kunst, nach der Vervollkommnung der technischen Vefahrungsarten bemessen läßt, der Maßstab für den Fortschritt in der absteigenden Bewegung, die Auffindung derjenigen Institutionen ist, welche die Zivilisation ihrem natürlichen Tode zuführen und so der Gesellschaft die Ersteigung einer höheren Bildungsstufe möglich machen.“
Dies die Auffassung von der historischen Entwicklung und dem Untergang der Zivilisation, wie sie im Fourier'schen Geiste unser deutscher Autor darlegt. Bei ihm tritt in schärferem Maße als bei Fourier das Gesetzmäßige in der Entwicklung, unbeeinflußt von dem Wirken der einzelnen Person, in den Vordergrund. Wir haben es, scheint's, mit einem Schüler der Hegel'schen Schule zu thun, der die Lehre von den Gegensätzen in der Gesellschaft dialektisch auffaßt und behandelt. Fragt man nun nach der praktischen Wirkung dieser Anhänger Fourier's in Deutschland und ihrer Bedeutung für die Bewegung, so weiß Niemand davon zu melden. Die sozialistischen und kommunistischen Ideen, die meist sehr verschwommen im „tollen Jahr“ in den verschiedensten Gegenden Deutschlands unter der vorgeschritteneren Arbeiterwelt in die Erscheinung traten, lassen nirgends Fourieristische Auffassungen erkennen. So weit Marx und Engels nichts die Arbeiterklasse in den Bewegungsjahren beeinflußten, waren es wesentlich die Ideen Weitling's, die Anklang fanden. Die Mehrzahl der Arbeiter, die sich an der Bewegung betheiligten, war von den unklarsten sozialen und politischen Ideen beherrscht. Woher sollte die Einsicht in die Arbeiterklasse kommen, wenn die höher stehende Klasse, das Bürgerthum, in allen ihren öffentlichen Handlungen die kompleteste Unreife und Unerfahrenheit an den Tag legte. Bot doch auch die damals viel weiter vorgeschrittene französische Arbeiterklasse ein keineswegs erfreuliches kaleidoskopisches Bild; sie war zersplittert in Schulen und Sekten, die sich gegenseitig bekämpften. Es war daher auch kein Wunder, daß diese in Deutschland eben erst aufkeimende soziale Bewegung durch die Reaktion der fünfziger Jahre bis auf die Erinnerung ausgetilgt wurde.
Die dann im Laufe der fünfziger Jahre in Deutschland sich vollziehende kapitalistische Entwicklung schuf allmälig auch eine Arbeiterklasse, die besser als ihre Vorgängerin aus den vierziger Jahren für ihren Befreiungskampf ausgerüstet war. Und nun zeigten sich auch die Vortheile der besseren Schulung und geistigen Durchbildung, mit welcher die deutsche Arbeiterklasse der Arbeiterklasse anderer Länder voraus war. Sie erfaßte mit scharfem Verständniß die Theorien und Grundanschauungen ihrer großen Lehrer; der eigentliche Schulstreit, der die französischen Arbeiter Jahrzehnte lang zerklüftete, blieb ihr erspart, und so wuchs die Bewegung, begünstigt durch die politische und soziale Umgestaltung Deutschlands, so, daß sie heute als die vorgeschrittenste in allen Kulturstaaten betrachtet werden darf. Keinem Personenkultus huldigend, nimmt sie dankbar die guten Lehren an, welche die großen Vorkämpfer und Bahnbrecher der sozialistischen Ideen in irgend einem Lande der Welt hinterließen.
Die moderne soziale Bewegung ist wie die ganze moderne Kulturbewegung eine eminent kosmopolitische. Zunächst innerhalb des nationalen Rahmens und der gezogenen Sprachgrenzen wirkend, tragen die zahllosen Verkehrsmittel, die Sprachstudien, Reisen und Auswanderung, Literatur, Güteraustausch etc. in früher ungeahntem Maßstab dazu bei, den Ideenaustausch zu fördern, den Nationalitäten- und Racenhaß zu ertödten, die Interessensolidarität immer inniger zu verknüpfen. Die Entstehung einer Weltsprache, die Fourier befürwortete, rückt ihrer Verwirklichung, wenn auch anders als er gedacht, immer näher, und die Zeit wird auch nicht mehr fern sein, wo aus der Interessen- und Ideengemeinsamkeit der ganzen Kulturwelt eine neue soziale Organisation entsteht, die weder nach Landes- noch nach Sprachgrenzen fragt und den Bürger zum Menschen macht.
Wie das Kreuz der Typus der mittelalterlichen Dome und Kirchen ist, so ist die Serie der Typus des Wohn- und Arbeitsgebäudes einer Phalanx, d. h. ein Zentrum mit zwei mittleren oder Haupt-Flügeln und zwei äußersten oder Neben-Flügeln. Die jeweilige Architektur ist immer nur das äußere Abbild der sozialen Verhältnisse, und ein Kenner wird immer an der Architektur auf die Gesellschaftsform einer Zeitepoche schließen können. — Die Gemeinwirthschaft, in welcher Form immer, bedingt natürlich auch ganz andere Gebäulichkeiten, als die Privatwirthschaft. — Das Zentrum soll diejenigen Räumlichkeiten enthalten, wo die ca. 2000 Personen mehrmals des Tages verkehren, wie Speisesäle, Versammlungslokale, Bureaux, Bazare, Bibliotheken etc.; die zwei Hauptflügel, welche perpendikulär vom Zentrum abzweigen und so den Zentralplatz der Phalanx bilden, sowie die zwei äußersten Flügel, welche nach links und rechts abbiegen und an der Hauptstraße liegen, würden die verschiedenen Werkstätten, die geräuschvollsten am äußersten Ende, enthalten. Die Wohnräume würden die oberen Stockwerke des Gesammtgebäudes in Anspruch nehmen. — Gegenüber der Phalanx, dem Zentralplatz und der Hauptstraße entlang, kämen die Oekonomie- und Maschinengebäude, Ställe etc., welche man hier nicht sieht, zu liegen. — Das Phalanxgebäude ist ca. 2000 Fuß oder 600 Meter lang vom äußersten linken zum äußersten rechten Flügelende gemessen. Um eine allzugroße Ausdehnung zu vermeiden, ist die Reihe der Gebäude doppelt und parallel laufend mit dazwischen liegenden Hofgärten. — Eine breite, gedeckte Galerie verbindet im Innern, gegen die Hofseite hin, alle Theile des Gebäudes und fungirt als Hauptarterie der Zirkulation.
| [1] | Phalanx ist der Name einer von Philipp II. von Macedonien in seinem Heere eingeführten Schlachtordnung; die Phalanx war ein dichtgeschlossener, keilförmig geformter, mit Speeren bewaffneter Truppenkörper, der mit seiner Spitze in den Feind eindrang und ihn auseinander sprengte. Der Name für sein System ist also von Fourier nicht übel gewählt. |
| [2] | Fourier spricht hier denselben Gedanken aus, dem Robinet in seinem 1766 in Amsterdam erschienenen Werke „Ueber die Natur“ (De la nature) Ausdruck giebt: „Alles in der Natur steht miteinander in Verbindung“, und ebenso spricht R. einen Gedanken aus, den Fourier ähnlich wiederholt: „Daß die Natur mit möglichst sparsamer Ausnutzung der vorhandenen Stoffe arbeite.“ Holbach sagt im Systeme de la nature: „In der ganzen Schöpfung herrscht Wesenseinheit.“ Die Ideenassoziation ist augenfällig. |
| [3] | Herm. Greulich bezeichnet in seiner Schrift: „Karl Fourier, ein Vielverkannter“ (Hottingen-Zürich, Volksbuchhandlung 1881), den Ehrgeiz als Auszeichnungstrieb, weil das Wort Ehrgeiz einen häßlichen Beigeschmack habe. Der von Gr. gewählte Ausdruck ist unzweifelhaft korrekt, aber wir wollen doch nochmals ausdrücklich konstatiren, daß nach Fourier's Theorie alle Triebe gut sind und der Ausdruck Ehrgeiz ebensowenig anstößig sein darf, als die nach unserer landläufigen Auffassung von Fourier gebrauchten Ausdrücke Kabalist und Intrigue. Der Ehrgeiz ist auch in der bürgerlichen Gesellschaft an sich eine ganz löbliche Eigenschaft, der nur unangenehm und schädlich wird, wenn er auf Kosten Anderer oder der Allgemeinheit sich Geltung verschaffen will. Im Uebrigen scheint uns, hat Greulich in seiner Schrift, in dem Streben, Fourier zur verdienten Anerkennung zu bringen, ihn ein wenig zu sehr modernisirt und in der Sprache unserer Zeit reden lassen, ohne seiner Einseitigkeit und Schrullen genügend Erwähnung zu thun. Ein solches Zugünstigfärben erklärt sich aus dem Bestreben, Fourier gegen die ungerechten und unqualifizirbaren Angriffe eines Dühring, Most und Bernhard Becker in Schutz zu nehmen. Alle drei bezeichnen Fourier — und Dühring und Most offenbar, ohne sich näher mit seinen Werken vertraut gemacht zu haben — einfach als Narren, womit sie glauben, ihn abgethan zu haben. Ob dieser, Fourier schon zu Lebzeiten von Seiten seiner Gegner entgegengeschleuderte Vorwurf eine Berechtigung hat, mag der Leser am Schlusse obiger Abhandlung entscheiden. Wir möchten aber schon jetzt konstatiren, daß Joh. Most, der sich heute als Anarchistenchef aufspielt, gar keine Ahnung gehabt zu haben scheint, daß er Fourier als Vater des Anarchismus anzusehen hat — das Wort hier in seinem wahren Sinne, der Regierungs- und Staatlosigkeit genommen, und nicht im Sinne der blinden Gewaltstheorie, wie sie Most als anarchistisches Prinzip predigt. Die Fourier'sche Theorie in die Praxis umgesetzt, d. h. der Erdball mit Phalanstèren bedeckt, machte jede Staatsorganisation überflüssig, es wäre die Föderation der Phalanxen, also produzirender und konsumirender Kommunen. Daß Fourier trotzdem nicht blos alle bestehenden Staaten als weiter bestehend voraussetzt, sondern auch noch so viele neue dazu zu gründen in Aussicht stellte, ist einer der Widersprüche seines Systems, die ihm nicht zum Bewußtsein kamen. Aber es ist ein Widerspruch, der das System selbst nicht besser und nicht schlechter macht, es in seinem Wesen unberührt läßt. |
| [4] | Fourier bezeichnete Diejenigen, die nach seiner Meinung die Mittel für die Versuchsphalanx besäßen, als Kandidaten und berechnete, daß es solcher 4000 in Europa gäbe. |
| [5] | „Unter den Philosophen begreife ich“, sagt Fourier an einer Stelle, „nur die Autoren der unsicheren Wissenschaften (sciences incertaines), die Politiker, Moralisten, Oekonomisten und Methaphysiker, deren Theorien nicht auf der Erfahrung beruhen, sondern nur die Phantasie ihrer Urheber zur Basis haben. Wenn ich also von Philosophen spreche, spreche ich nur von dieser zweifelhaften Klasse, nicht von den Vertretern der bestimmten Wissenschaften (sciences fixes).“ Fourier ging von der Ansicht aus, daß die französische Revolution nur ein Werk der Philosophen sei. |
| [6] | Ein Hieb gegen Jean Jacques Rousseau und seine Verehrer, die den „Naturzustand“ als den glücklichsten, tugendhaftesten Zustand priesen und im Hirtenleben eine Art Ideal sahen. Jahrzehnte vorher schon spielte die feudale Gesellschaft in ganz Europa, der französischen Hofgesellschaft nachäffend, ihre idyllischen Schäferspiele, wobei aber regelmäßig die Wolfsnaturen zum Vorschein kamen. Der Verfasser. |
| [7] | Später änderte Fourier die Bezeichnung der Bewegungen und erhöhte sie, wie schon erwähnt wurde, auf fünf: 1. Die materielle, welcher die Erde, 2. die organische, welcher das Wasser, 3. die normale, welcher die Arome (Elektrizität, Magnetismus), 4. die instinktuellen, welcher die Luft, 5. die soziale oder passionelle, welcher das Feuer entspricht. Die eigentliche praktische Bedeutung dieser fünf Bewegungen oder Antriebe wurde bereits weiter oben auseinandergesetzt. |
| [8] | Anspielung auf die Wegnahme des Degens Friedrich's des Großen von seinem Sarge in der Militärkirche zu Potsdam durch Napoleon I. 1806. |
| [9] | Wir brauchen hier nicht auf die Einseitigkeit des Urtheils Fourier's über das achtzehnte Jahrhundert hinzuweisen; das achtzehnte Jahrhundert hat mehr geleistet, als vor ihm viele Jahrhunderte zusammengenommen. |
| [10] | Anspielung auf die Zustände in der französischen Revolution während der Herrschaft des rothen und des weißen Schreckens. |
| [11] | In der ersten Hälfte des Jahrhunderts und zwar bis 1848 herrschte in Frankreich ein sehr hohes Zensussystem, das nur die Wahl der Reichsten ermöglichte. |
| [12] | Der Sold des französischen Soldaten jener Zeit. |
| [13] | Als die sieben natürlichen Rechte des Wilden betrachtet Fourier: 1. Sammelfreiheit der Früchte; 2. Weidefreiheit; 3. freien Fischfang; 4. freie Jagd; 5. innere Verbindung der Horde; 6. Sorglosigkeit; 7. auswärtigen Raub (vol exterieur). Unter diesem etwas seltsam scheinenden Recht versteht Fourier das Recht des Wilden, Alles, was er außerhalb des gemeinsamen Eigenthums der Horde oder des Stammes der Aneignung werth findet, nehmen zu dürfen. In der Zivilisation findet der Raub innerhalb der eigenen Gesellschaft, an Gliedern derselben statt, diesen Raub an der eigenen Genossenschaft kennt der Wilde nicht, der innerhalb der Horde, des Stammes Gemeineigenthum besitzt und dieses respektirt. In der Regel lebt der Wilde mit den benachbarten Stämmen in Feindschaft und so wird dieses Recht des „auswärtigen Raubs“ einfaches Kriegsrecht. Bei uns Zivilisirten sind noch die Rudimente ganz ähnlicher Auffassung vorhanden, die Kontribution der Lebensmittel im Kriege ist in unsern Augen kein Raub, und die Annexion fremder Länder und Provinzen wird auch nicht als solcher angesehen. Fourier will mit seiner ganzen Auseinandersetzung sagen: der Wilde hat einestheils mehr Freiheit und Wohlsein, als der arme Zivilisirte, andererseits weit mehr Solidaritätsgefühl, als die Zivilisirten überhaupt. Um das Solidaritätsgefühl, das der Wilde in der Horde, im Stamm hat, in unserer Gesellschaft zu begründen, brauchen wir eine ganz neue soziale Organisation. |
| [14] | Fourier erwähnt hier einen selbsterlebten Fall und führt die Namen an, die wir als gleichgültig weglassen. |
| [15] | Der Leser will nicht vergessen, daß das nicht heute, sondern schon vor dreiviertel Jahrhunderten geschrieben wurde. |
| [16] | Jede dieser kurzzeitigen Beschäftigungen nennt Fourier Sitzung (séance). |
| [17] | Der Letztere dürfte wohl kein passend gewähltes Muster sein, indeß man muß stets beachten, wann das Gesagte geschrieben wurde. Die historische Forschung stak damals noch in den Kinderschuhen, Fourier folgte hier dem allgemeinen Vorurtheil, das zu Gunsten Heinrich's IV. sprach. Der Verf. |
| [18] | Das Kloster, ein in Frankreich in sogenannten besseren Familien, wo das nöthige Vermögen zu einer Aussteuer fehlt, oft vorkommendes Auskunftsmittel, sich unbequem gewordener Töchter zu entledigen. Der Verfasser. |
| [19] | Robert Walpole, berühmter englischer Staatsmann, von 1721–1742 Kanzler der Schatzkammer. |
| [20] | Anspielung auf die verschiedenen Attentatsversuche und Verschwörungen, denen trotz aller Sicherheitsmaßregeln Napoleon I. wie Ludwig XVIII. und Louis Philipp ausgesetzt waren. |
| [21] | Unter den Manufakturisten sind hier sowohl die Fabrikanten wie diejenigen Handeltreibenden verstanden, die entweder in eigener Behausung nach dem Prinzip der Arbeitstheilung, aber ohne Anwendung von Dampf und Maschinenkräften — die damals erst im Entstehen waren — oder, wie dies heute noch in manchen Industriezweigen auch in Deutschland geschieht, z. B. in der Spielwaaren-, Messer-, Kleineisenwaaren-Fabrikation, der Hausweberei, Posamentirerei, Strumpfwirkerei, der Bijouterie etc., auf dem Wege der Hausindustrie produziren lassen, wobei der Kaufmann die Rohmaterialien liefert. So weit Massenerzeugung in Betracht kam, war zu Anfang dieses Jahrhunderts in Frankreich die Manufaktur die maßgebende Produktionsform. Unter den Handeltreibenden versteht Fourier, wie der Leser bereits erkannt haben wird, nicht allein die Kaufleute im engeren Sinn, sondern auch alle an der Börse betheiligten Kreise, die Grund- und Bodenwucherer etc., kurz Alle, „welche ohne zu säen ernten“. |
| [22] | Fourier hat hier hauptsächlich den Baustellen- und Häuserwucher im Auge, der auf Kosten der Gesundheit und Lebensannehmlichkeit der Städtebewohner sich breit mache, Luft und Licht der Bevölkerung schmälere. |
| [23] | Diese Charakteristik könnte ebenso gut heute geschrieben sein. Sprach doch im Herbste 1885 die königl. sächsische „Leipz. Zeitung“ es offen aus, daß man heut zu Tage im Zweifel sei, ob man eine gute Ernte wünschen dürfe. Und doch veranstaltet man jährlich für die Ernte auf allen Kanzeln Gebete und feiert Dankfeste. |
| [24] | Fourier meint hier die Herstellung des Zuckers aus Runkelrüben, den er als ein gefälschtes Produkt ansah, weil man bis dahin nur Zucker aus Zuckerrohr gewonnen kannte. Die Einführung des Kontinentalsystems durch Napoleon I. und das Verbot der Einfuhr englischer Kolonialwaaren, hatte zur Erfindung der Zuckerbereitung aus Runkelrüben den Anstoß gegeben und diese Art Zucker bürgerte sich von da ab immer mehr ein. Fourier, der offenbar die Süßigkeiten sehr liebte, sah den Rübenzucker als eine Fälschung des natürlichen Zuckers an. Wir, die wir heute fast nur aus Runkelrüben bereiteten Zucker kennen, denken darüber anders. Schließlich ist kein auf künstlichem Wege gewonnenes Lebensmittel einem sog. Naturprodukt gegenüber als Fälschung zu betrachten, vorausgesetzt, daß über die Art seiner Entstehung kein Zweifel begeht und es dem sog. Naturprodukt, das es ersetzen soll, völlig gleichwerthig ist. Wir werden in dieser Beziehung in Zukunft noch viele Vorurtheile ablegen müssen. Der Verfasser. |
| [25] | Die Titel dieser Schriften sind: „Der Sozialismus in seiner Anwendung auf Kredit und Handel“ von Franz Coignet, Zürich 1851; „Bank- und Handelsreform“ von F. Coignet, aus dem Französischen von Karl Bürkli, Zürich 1855; „Solidarität“, kurzgefaßte Darstellung der Lehre Karl Fourier's von Hipolyte Renaude, deutsch bearbeitet von Kaspar Bär und Karl Bürkli, Zürich 1855; „Kritische Darstellung der Sozialtheorie Fourier's“ von A. L. Churoa, Braunschweig 1840; „Organisation der Arbeit“ von Franz Stromeyer, Bellevue bei Konstanz 1844; „Abbruch und Neubau“ oder „Jetztzeit und Zukunft“ von Michael *****, Stuttgart 1846. |