Die Zeit, in die Jennys Jugend fiel, pflegt heute als die des Biedermeiertums bezeichnet zu werden, und der moderne Gebildete, dessen prätentiöser Geisteshochmut jeden Zweifel an seiner tiefgründigen Kenntnis aller Dinge für verdammenswerte Majestätsbeleidigung erklärt, stellt sich darunter eine Periode geruhigen, geistesarmen Philistertums vor, eine ereignislose Pause inmitten der beiden Akte der Welttragödie: Napoleon und 1848. Redselige Gefühlsergüsse, die Pfeife und die geblümte Kaffeetasse sind, so meint er, ihre Symbole. Wer aber unter dem Einfluß dieser allgemein verbreiteten Auffassung in der Geschichte der Menschheitsentwicklung nach dieser Pause sucht — sehnsüchtig sucht vielleicht, wie der vom Lärm der Großstadt Umtoste nach einem stillen, grünen Winkel — der mag die Jahresblätter noch so oft hin und her wenden, er findet sie nicht. Und vor dem, was er findet, löst sich das Bild der guten alten Zeit auf wie ein Traum am Morgen.
Nationale Kämpfe erschütterten Europa. Der Freiheitskampf der Griechen begeisterte die Jugend, der der Polen stempelte sie wieder zu bewunderten Märtyrern; die Magyaren und die Italiener rangen um ihr Volkstum. Unterirdisch und doch für alle schon fühlbar grollte der durch die Metternichsche Zuchthauspolitik erregte Zorn des Bürgertums. Politische Attentate in ungewöhnlich großer Zahl wurden zu Verkündern der Revolution der Zukunft. Und die trotz aller Beschränkung der Preßfreiheit sich rasch ausbreitende Tagespresse begann in das stille Heim des Bürgers den Strom des öffentlichen Lebens zu leiten und wurde zum Sprachrohr nicht nur der Unterdrücker, sondern auch der langsam zur Manneskraft reifenden liberalen Ideen. Daneben aber entwickelte sich mit der zunehmenden Zahl der zum Himmel ragenden Fabrikschlote, mit der wachsenden Herrschaft der Maschinen etwas Neues, nie Dagewesenes: das Selbstbewußtsein der in den Höllen der Industriemagnaten zusammengezwängten Massen. In England und Frankreich griffen sie zum erstenmal zur Selbsthilfe der Arbeitseinstellung, und gegenüber dem allgemeinen Elend fingen soziale Ideale an, Hirn und Herz der Denker und Dichter zu erobern. St. Simons Sozialismus ward vielen zur neuen Religion, von der sie die Erlösung der Welt erwarteten.
Doch das wachsende Interesse für politische und soziale Fragen nahm den geistig belebten und empfänglichen Teil der Bevölkerung nicht in dem Maße in Anspruch, daß Kunst und Wissenschaft darüber zu kurz gekommen wären. Die Tatsache, daß deutsche Gelehrte — Vertreter jenes Typus weltfremder Stubenweisheit — ihre stille Studierstube verließen und auf die große Bühne des politischen Kampfes traten, trug mit dazu bei, daß auch die Ergebnisse ihrer Forschungen über den engen Kreis der Fachgelehrsamkeit hinaus mehr und mehr in die Köpfe der Laien drangen. Aber von noch größerer Bedeutung als sie war die Kunst für das geistige Leben der Gesellschaft. Je älter der letzte der Klassiker wurde, desto lebendiger wurden er und seine Zeitgenossen, die Schiller, Herder, Wieland, für das gebildete Deutschland. Und die Romantiker mit dem Zauber ihrer weltentrückenden Phantasie, dem funkelnden Glanz ihrer Sprache machten ihnen den Rang vielfach streitig. Mit ihnen wetteiferten um Ruhm und Gunst die glänzenden Sterne am Dichterhimmel des Auslandes — Scott, Dickens, Shelley, Lamartine, George Sand, Balzac, Hugo — während die Vertreter des jungen Deutschlands schon anfingen, der Romantik den Krieg zu erklären.
Da das Berufsleben den Bürger noch nicht in jenes Prokrustesbett fesselte, das ihn heute nur zu oft zu geistiger Verkrüppelung zwingt, und seine Frauen und Töchter die Befreiung aus innerer oder äußerer Not noch nicht in der Lohnarbeit zu suchen brauchten, so gab es in ihrem Familienkreise die schöne Ruhe, die geistiges Genießen ermöglicht. Eine andere Voraussetzung mußte allerdings noch hinzukommen, damit dieser kostbare Besitz nicht in gedankenlosem Zeitvertreib verschwendet werde: der Seelenhunger nach intellektueller Speise, die Sehnsucht nach Nahrung für das Gemüt. Hatten die Kämpfe der Zeit die Männer mehr und mehr aus dem lethargischen Schlaf geweckt, in dem ein behaglich-einförmiges Leben so leicht zu versinken vermag, so hatten die Ideen des St. Simonismus, die geistige Vorkämpferschaft einer Staël und einer George Sand in Verbindung mit dem Einfluß der das weibliche Geschlecht auf das Piedestal geistiger Ebenbürtigkeit erhebenden Romantiker, die alte Überzeugung von der Minderwertigkeit der Frauen in ihren Grundfesten erschüttert und ihnen die Augen geöffnet für die Bedürfnisse ihres eigenen Wesens. Es war nur natürlich, daß ihre plötzliche Befreiung aus den Fesseln alter Sitten und Vorurteile sie auf der einen Seite zu einem Mißbrauch der noch unverstandenen Freiheit, einem kecken Hinwegsetzen über alle Hindernisse führen mußte, und auf der anderen, nach der bisherigen gewaltsamen Unterdrückung, ein überschäumender Ausbruch der Gefühle sich geltend machte. Nachdem die sturmbewegten Wogen sich aber geglättet hatten, blieb als nicht zu überschätzender Gewinn die lebendige Anteilnahme der Frauen am geistigen Leben, die freie Entfaltung ihrer Empfindung und ihrer Fähigkeiten zurück. Der geistige Einfluß einer Rahel, die soziale Wirksamkeit einer Bettina, der erste deutsche Frauenrechtskampf einer Luise Otto-Peters sind demselben Boden entsprungen wie der phantastische Selbstmord einer Charlotte Stieglitz, die Liebesrasereien einer Hahn-Hahn.
"Still und bewegt," dieses schöne, von Rahel geprägte Wort war das Motto der Biedermeierzeit: still das tägliche Leben des einzelnen, still das Heim, ruhig das Zimmer mit seinen Mullvorhängen und geradlinigen Möbeln; der Geist aber und das Herz bewegt vom eigenen Denken und Fühlen und von dem der großen Welt.
Weimar war während der zwölf Jahre, die Jenny von Pappenheim als erwachsenes Mädchen dort lebte, wie ein Brennpunkt der Zeit. Hier hatte die Klassik der Romantik in ihren besten Vertretern die Hand gereicht, hier strömte alles zusammen, was geistige Bedeutung besaß, und wer von den Führern intellektuellen und künstlerischen Schaffens nicht persönlich kam, um einmal eine Luft mit dem Größten zu atmen — als einen Segen fürs Leben —, der wurde doch durch seine Werke den meisten vertraut. Angehörige aller Nationen kamen, brachten ihre Interessen mit und die Kunde von ihrem Heimatland. So waren denn die engeren und weiteren Kreise, die sich um Goethe zogen, in ihrer Mannigfaltigkeit bunt wie ein Regenbogen und vielfach wechselnd wie ein Wellenspiel. Je älter Goethe wurde, desto ausgedehnter wurde die Völkerwanderung. Aus England besonders, wo es damals zum guten Ton gehörte, die Sprache Goethes sprechen zu können, kamen zahlreiche Gäste.
Die jungen Mädchen Weimars sahen sie besonders gern, denn die Fremden waren meist reiche, unabhängige junge Leute, nur gekommen, um Goethe zu sehen, Deutsch zu lernen und sich zu amüsieren. Keinerlei Berufsarbeit zog sie von ihren literarischen und anderen Interessen ab, keinerlei Ermüdung durch des Tages Arbeit hinderte sie am Genuß der Geselligkeit. Zu jeder Zeit konnten sie sich den Damen widmen, der einheimischen männlichen Jugend waren sie daher stets ein Dorn im Auge. Alfred von Pappenheim, der seine Halbschwester Jenny zärtlich liebte und vor seinem Eintritt in russische Kriegsdienste in Weimar lebte, auch auf Urlaub oft dorthin zurückkehrte, konnte selbst in seinen Briefen seinen Ärger über die Engländer, die die "ersten Liebhaberrollen spielen", nicht unterdrücken, und Karl von Holtei, ein häufiger, beliebter Gast in Weimar, sekundierte ihm dabei, indem er schrieb: "Zum erstenmal in meinem Leben wünsch' ich ein Engländer zu sein, wenigstens immer so lang, als ich in Weimar bin, denn
Der Einfluß der Engländer, unter denen sich manch einer befand, der später im künstlerischen oder politischen Leben eine Rolle spielen sollte, war unverkennbar: das Interesse für englische Literatur, das sie erregten, stieg bis zur Schwärmerei. In den verschiedenen geselligen Kreisen war die gemeinsame Lektüre interessanter Literaturerscheinungen allgemein üblich. Sie regte zu ernsten Gesprächen an und trug dazu bei, daß zu oberflächlicher Unterhaltung und seichtem Tagesklatsch wenig Neigung blieb. Englische Bücher — Lord Byron vor allem und Walter Scott, die beide Goethes höchste Anerkennung gefunden hatten — wurden besonders gern gelesen.
Aber auch die französische Literatur wurde nicht vernachlässigt. Graf Alfred Vaudreuil und seine schöne Frau Luise, der französische Gesandte am Weimarer Hof, und Graf Karl Reinhard, sein Attaché, der Sohn des uns aus Jeromes Geschichte bekannten Reinhard, sorgten dafür, daß sie der Weimarer Gesellschaft vertraut wurde, und Jennys französische Beziehungen, die besonders durch ihre Korrespondenz mit den Türckheims und mit Graf Eduard Waldner aufrechterhalten blieben, machten sie selbst zur geeigneten Mittelsperson für Frankreichs geistiges Leben, das in den Namen eines Chateaubriand, Lamartine, Balzac, George Sand, Victor Hugo kulminierte. Galt das Interesse der Jugend hauptsächlich der schönen Literatur, so wurde durch die häufigen Besuche berühmter Gelehrter in Weimar, durch die von Maria Paulowna eingeführten literarischen Abende am Hof, wo von ihnen oder von den stets geladenen Jenaer Professoren Vorlesungen gehalten wurden, auch für die wissenschaftliche Bildung und Aufklärung gesorgt.
In einem anderen geselligen Zirkel, der sich im Hause Johanna Schopenhauers zusammenfand, waren es die politischen Fragen, die am häufigsten erörtert wurden. "Es wehte eine eigentümliche Luft in diesen Räumen," erzählte Jenny von Pappenheim in Erinnerung an sie, "die von der Luft Weimars verschieden war. Man atmete, man bewegte sich freier als bei Hofe, weniger frei als bei Ottilie. Die Interessen, die uns hier zusammenführten, waren mehr geistige als Herzensinteressen; der Kreis, in dem die Unterhaltung sich bewegte, umschloß nicht nur die Literatur, sondern auch jede Art der Wissenschaft; selbst die sonst unter uns verpönte Politik, der wir mit ziemlicher Gleichgültigkeit begegneten, fand hier Beachtung. Johanna Schopenhauer hatte eine unvergleichliche Art, sich selbst in den Hintergrund zu stellen und trotzdem, wie mit unsichtbaren Fäden, die Geister in Bewegung zu erhalten. Oft schien sie selbst kaum an der Unterhaltung teilzunehmen, und doch hatte ein hingeworfenes Wort von ihr sie angeregt; ein ebensolches belebte sie, sobald sie ins Stocken zu geraten schien. Ihre Tochter Adele, meine sehr liebe, wiewohl bedeutend ältere Freundin, war in anderer Art wie die Mutter, aber doch auch ein belebendes Element dieses Kreises. Ihre Leidenschaftlichkeit riß sie oft über die Grenzen der geselligen Unterhaltung hin. Ihre Empfindungen waren von verzehrender Glut und ein Hauptgrund ihrer vielfachen körperlichen Leiden. Von Natur reich begabt, fehlte ihr die Kraft, sich zu beschränken, so daß sie weder ihr poetisches, noch ihr künstlerisches Talent zu Bedeutendem ausbildete. Goethes eindringliches Wort: 'Beschränkung ist überall unser Los' wollte sie nicht verstehen, daher das Gefühl des Unbefriedigtseins dauernd auf ihr lastete. Vollkommen und tadellos war ihre Geschicklichkeit im Silhouettenschneiden. Sie illustrierte einmal ein Märchen, das Tieck vorgelesen hatte, und zwar während er las, mit einer Feinheit und poetischen Auffassung, die deutlich zeigten, was sie hätte leisten können, wenn sie die Ausdauer gehabt hätte, zeichnen und malen zu lernen. Durchaus verschieden von Mutter und Schwester zeigte sich Arthur Schopenhauer, der, so selten er auch in Weimar war, doch oft genug erschien, um sich uns unsympathisch zu machen. Goethe verteidigte seine Persönlichkeit einmal ziemlich lebhaft. Er, der so innigen Anteil an dem Ergehen seiner Freunde nahm, sah ungern, wie das Zerwürfnis zwischen Johanna Schopenhauer und ihrem Sohne ständig zunahm und sein Einfluß machtlos dem gegenüberstand. Die Treue in der Freundschaft, die tätige Liebe zu den Kindern seiner Freunde ist immer einer seiner schönsten Charakterzüge gewesen, von dem die Schopenhauersche Familie das beste Zeugnis ablegen konnte. Er war ein häufiger Gast in deren Hause gewesen; nun, da er nicht mehr ausging, zog er Adele oft in seine Nähe, der Mutter so am besten seine Dankbarkeit für ihre Gastfreundschaft, ihren anregenden Umgang beweisend.
"Ein ständiger Besucher ihrer Teeabende war Dr. Stephan Schütze, eine sehr beliebte, originelle Persönlichkeit. Er hielt sich bescheiden zurück, sprach nicht viel, aber dann mit liebenswürdigem, trockenem Humor, der auch in seinen Gedichten, die er uns häufig vorlas, Ausdruck fand. Vorlesen, Vorsingen, Vorzeigen eigener oder gesammelter Kunstwerke machte überhaupt unsre damalige Geselligkeit zu einer so belebten. Man wetteiferte darin, man hatte einen aufmerksamen, geschärften Blick für alle Vorkommnisse inneren und äußeren Lebens und teilte anderen die eigenen Beobachtungen und Erfahrungen rückhaltlos mit. Daß sie sich nicht auf die engen Grenzen Weimars beschränkten, daß uns auch für das politische Leben der Blick geöffnet wurde, war mit das Verdienst Johanna Schopenhauers."
Diese vielfachen Anregungen sollten aber auch in verschiedenster Weise fruchtbar werden, zu eigener Fortbildung und selbständiger Tätigkeit anregen, und es war wieder Goethe, der dies Bestreben nach jeder Richtung eifrig unterstützte. An der Zeitschrift "Chaos", die nur für einen abgegrenzten Teil naher Bekannter erschien, nahm er regen Anteil. Jenny, die sich darin in Versen — englischen, französischen und deutschen — und in Prosa oft vernehmen ließ, erzählt von ihr:
"Ihre Gründung war ebenso originell wie sie selbst. Wir saßen ziemlich einsilbig bei Ottilie im Mansardenstübchen, Emma Froriep, Hofrat Soret, Mr. Parry und ich. Eckermann, den sein Herr und Meister eben losgelassen hatte, kam ebenfalls hinauf und sah betrübt aus dem Fenster.
"'Es regnet', sagte er.
"'It rains!' wiederholte Parry.
"'Il pleut!' lachte Soret.
"Ottilie, ärgerlich über diese animierte Unterhaltung, schlug vor, irgend etwas zu erfinden, um die einschlafende Gesellschaft wieder aufzurütteln. Nach langem Hin- und Herreden wurde ein 'Musenverein' feierlich gegründet. Er sollte regelmäßig zusammenkommen und dichtend, singend, malend den Musen dienen. Goethe aber sollte unser Oberhaupt, unser Apollo sein; davon wollte er jedoch nichts wissen, und der Musenverein als solcher kam nur noch einmal zusammen, um dann dem 'Chaos' Platz zu machen, das nun während fast zweier Jahre im Mittelpunkt unseres Interesses stand.[71] Es war ein geselliger Zeitvertreib, weckte, förderte Interessen, Talente und Talentchen und hinderte wertlose Klatsch-Konversionen, war also in Goethes Sinn. Ottilie, Dr. Froriep, Soret und Parry redigierten das 'Chaos' mit vielem Takt und großer Verschwiegenheit. Es erschien jeden Sonnabend, man fand Herzensergießungen in drei Sprachen, riet, hoffte verstanden zu werden, hatte Stoff zu angenehmen Gedanken und Unterhaltungen; es war ein anmutiges Spiel. August Goethe, Karl von Holtei, der den ersten Prolog für sie geschrieben, und Felix Mendelssohn, Goethes David, waren unsere eifrigsten Mitarbeiter; Mendelssohn verfaßte einige allerliebste Verse dafür, sandte auch später einen Reisebrief aus Schaffhausen und mystifizierte uns, indem er, sich hinter dem Namen einer Dame versteckend, eine Warnungspredigt vor Weimars Gefahren einschickte. Sein immer sehr harmloser Zorn richtete sich gern gegen die Engländer, besonders gegen Mr. Robinson, den er stets nach seinem Freytag frug. Ganz besondere Freude bereitete uns Mendelssohn mit seinen Kompositionen einzelner Chaoslieder. Eins derselben ist fast zum Volkslied geworden und hat mich immer gerührt, wenn ich es hörte.[72] Im zweiten Jahrgang unserer Zeitung erschienen drei Briefe Mendelssohns,[73] die dieser an Goethe geschrieben hatte. Die Briefe seiner Freunde, die Goethe an Ottilien zuweilen zum Zweck der Veröffentlichung gab, wurden von ihm erst einer genauen Revision unterworfen; er strich Unnötiges, kürzte die Sätze und änderte oft noch den ersten Druck. Ebenso verfuhr er mit Gedichten, die ihm in die Hände fielen. Er vernichtete oft über die Hälfte der Strophen; waren die Verse gar zu schlecht, so schüttelte er nur bedenklich den Kopf, brummte 'hm, hm' oder 'nu, nu' und legte sie beiseite. Von den Erzeugnissen unserer dilettantischen Muse, die er zurechtgestutzt hatte, pflegte Ottilie scherzend zu sagen: 'Wir haben sie durch das Fegefeuer geschickt.'
"Nach zwei Jahren des Bestehens unserer Zeitschrift mischten sich Neugier und Eitelkeit auch auswärtiger Kreise hinein, und da wurde sie so seicht, daß es eine Art Erlösung war, als der sehr kluge Irländer Goff daneben ein englisches 'Creation' erscheinen ließ, dem ein französisches 'Création' von Soret folgte."
An Goethes Geburtstag, dem 28. August 1829, war das erste Blatt der Zeitschrift erschienen. Sie enthielt außer einigen Beiträgen von Goethe selbst solche von Riemer und Knebel, Fouqué und Chamisso, von Johann Dietrich Gries, dem geistvollen Übersetzer des Tasso, des Ariost und des Calderon, von Eckermann und August Goethe, von Adele Schopenhauer, von den reizenden Schwesternpaaren Egloffstein und Spiegel. Von Sulpice Boisserée wurde ein Brief an Goethe über das Oberammergauer Passionsspiel veröffentlicht, worüber Goethe ihm selbst Mitteilung machte: "Ihre anmutige Betreibung der traditionellen Aufführung eines geistlichen Dramas ist sogleich in dem Abgrund der chaotischen Verwirrung verschlungen worden." Auch Zelter schickte einen Bericht über Berliner Theaterereignisse, und Bettina von Arnim sandte zierliche Reime. Unter den Ausländern treten[TN1] die jungen Engländer als Mitarbeiter besonders hervor: Lord Loveson Gower, Charles des Voeux, Samuel Naylor brachten Übersetzungen Goethescher Verse in ihrer Muttersprache, der Irländer Goff, der schließlich auf dem Grabe seines geliebten Kindes starb, nachdem er zehn Jahre lang jeden Winter nach Weimar gekommen war, um eine Nacht auf dem Kirchhof zuzubringen, sandte phantastische Träumereien, und W. M. Thackeray, der schon als ganz junger Mann nach Weimar kam, stellte hie und da schüchtern sein noch unbekanntes Talent in den Dienst des "Chaos". Zur Erinnerung an ihn, der in Jennys noch vorhandenem Album durch einige seiner hübschen Zeichnungen vertreten ist, schrieb Jenny später:
"Thackerays 'Vanity fair' rief mir wieder lebhaft den liebenswürdigen Verfasser ins Gedächtnis zurück, der ein so treuer Freund meines väterlichen Hauses war; sein treffender Humor, sein weiches Herz sprechen sich in jedem seiner Werke aus. Er war hauptsächlich in Weimar, um sein eminentes Zeichentalent zu entwickeln. Während wir um den Teetisch saßen und sprachen, zeichnete er die humoristischsten Szenen. Sich selbst zeichnete er in einer Minute und fing immer beim Fuß an, ohne die Feder abzusetzen, daneben pflegte er einen kleinen Gassenjungen hinzustellen, der ihn verspottete, da er einen durch Boxen eingeschlagenen Nasenknochen hatte. Sonst sah er gut aus, hatte schöne Augen, volles, lockiges Haar und war ziemlich groß. Er gehörte zu den beliebteren Engländern, die sich in Weimar länger aufhielten, und deren gab es genug."
Einer ihrer leidenschaftlichsten Verehrer, Prinz Elim Metschersky, Attaché der russischen Gesandtschaft, schrieb in Prosa und Poesie für das "Chaos" und widmete der Angebeteten, nicht zu Erobernden, darin folgendes Gedicht:
Er war es auch, der auf seine Bemerkung, daß man in Weimar nicht zu tanzen verstünde, von Jenny die Antwort erhielt: "Wir vergessen zu tanzen, aber die einzige Ursache ist: zu angeregte Unterhaltungen. Fragen Sie die bösen Zungen nach unserem schlimmsten Fehler, und sie werden Ihnen antworten: zu angeregte Unterhaltungen. Und um Ihnen zu beweisen, daß es nicht die Damen allein sind, die sprechen, sei Ihnen verraten, daß sie alle Englisch gelernt haben durch zu angeregte Unterhaltungen." Durch seine Behauptung, "daß die deutschen Mädchen von sechzehn Jahren mit ebensolcher Sicherheit von der Liebe sprechen wie die Französinnen im gleichen Alter von ihren Puppen", führte Metschersky einen anderen lebhaften Meinungsaustausch herbei. Die Antwort Ottiliens darauf ist so bezeichnend für die damalige Gemüts- und Geistesatmosphäre Weimars, daß sie wiedergegeben zu werden verdient. Sie schrieb:
"Über jede Empfindung sprechen wir uns mit Klarheit und Offenheit aus. Wäre Weimar ein Ort, wo man wenig Fremde sieht, oder diese sich doch in einem großen Zirkel verteilen könnten, wir würden, wie es Sitte und Gewohnheit verlangt, die ganze Stufenleiter, die man mit einem Fremden durchzumachen hat, von der ersten Frage an: Sie sind zum erstenmal in Weimar? bis zu all den Gesprächen über Theater und Wetter, durchkämpfen; doch da die verschiedensten Länder uns ihre Bewohner senden, so haben wir uns alle stillschweigend entschlossen, die entsetzliche Kette der Langenweile, die uns auf die hergebrachte Weise täglich und stündlich drücken würde, abzuwerfen und, nachdem wir die erste Phrase als Abfindungsquantum bezahlt, dann ruhig in unserer Weise fortzufahren, als wäre kein Fremder zugegen. — — Worin besteht denn der Unterschied, sich fremd oder einheimisch fühlen? Doch nur darin, daß man den alten Bekannten mit Vertrauen und ohne Zeremonie entgegenkommt; also tut und spricht, als könnte man nicht mißverstanden werden, während man den Fremden eigentlich immer in anderen Orten mit einer Art behandelt, die doch eigentlich nichts wie ein höflich gezeigtes Mißtrauen ist.
"Sie loben den Enthusiasmus, den wir für unsere Dichter empfinden und die Sorgfalt, mit der wir ihre unsterblichen Werke in unserer Seele aufnehmen. Doch ich frage Sie, was ist mehr das Eigentum des Dichters als das gelobte Land der Liebe, als all die Wunderquellen, die ihm entspringen, sie mögen nun Namen tragen, wie sie wollen. Die Frauen verstehen sich überhaupt schlecht auf das Sondern, im Gegenteil, sie suchen alle Empfindungen zu verketten, und Liebe, Poesie, Ruhm, Vaterland, das alles bildet für sie eine elektrische Kette, von der man nur ein Glied zu berühren braucht, und es erzittert die ganze Reihe. So ist es auch mit ihrem Wissen und Verstehen aller Dinge, sie suchen stets den Teil davon zu erfassen, der es an eine Empfindung anschließt. Nehmen Sie uns die Empfindung oder vielmehr das Recht, sie zu zeigen, schneiden Sie uns von unseren Dichtern ab, und wir werden wie die Pariserinnen genötigt sein, zu witzeln und über Mode, Equipage und dergleichen zu reden; erlauben Sie Ihren Frauen, Frauen zu sein, das heißt ein Herz zu haben, und sie werden uns an Liebenswürdigkeit übertreffen, weil ihre angeborene Heiterkeit nur gemildert werden würde, während bei uns das Gefühl oft so despotisch das Übergewicht erhält, daß jede Eigenschaft des Geistes dadurch unterdrückt und gänzlich untüchtig für die Geselligkeit gemacht wird. — Man verspottet die Chinesinnen, daß sie in der frühesten Jugend die Füße ihrer Töchter in so enge Bande schnüren, daß dadurch der Fuß nie seine natürliche Form erhält, zum eigentlichen Gebrauch untauglich wird und sie durch das Leben schwanken. Doch mich deucht, nach Ihrer Schilderung, daß die französischen Mütter dasselbe Experiment mit ihren Töchtern vornehmen, nur mit dem Unterschied, daß sie statt des Fußes das Herz dazu wählen — und am Ende ist doch ein verkrüppelter Fuß besser als ein verkrüppeltes Herz."
Wer heute die vergilbten Blätter des "Chaos" zur Hand nimmt, dem wird die ganze Zeit lebendig: wieviel Geist und Wissen, wieviel mehr noch Schwärmerei und Leidenschaft! Selbst das Lächeln glänzt nur zwischen Tränen, und in den poetischen Liebesgrüßen, die hin und her gewechselt wurden, herrscht weniger die Seligkeit als das Leid der Liebe.
Auch Jennys Herz, das achtzehnjährige, liebte zum erstenmal; es war nicht jenes wild aufflackernde, strahlende und rasch wieder erlöschende Feuerwerk, dem die erste Liebe junger Menschen gleichzusehen pflegt, es war die verzehrende Flamme heißer Liebesglut, die sie ergriffen hatte. Sie ist niemals ganz erloschen, und noch im späten Alter muß sie still auf dem Altar der verborgenen Herzenskammer gebrannt haben, denn junger Liebe, für die andere meist ein mitleidig-spöttisches Lächeln übrig hatten, begegnete die Greisin mit tiefster, fast mit ehrfürchtiger Teilnahme. Und nie kam der Name dessen, dem ihr Herz gehört hatte, über ihre Lippen. So weiß ich nur, daß er ein Engländer war, daß sie sich ihm, den ein schweres Lungenleiden nach dem Süden trieb, gegen den Willen der Eltern heimlich verlobte und durch Ottiliens Unterstützung mit ihm in Verbindung blieb, bis er im Jahre 1834 in Korfu einsam gestorben ist. Die Schwermut, die alles beherrscht, was sie in diesen fünf Jahren sehnsüchtiger und sorgenvoller Liebe geschrieben hat, ihre Unnahbarkeit für die Bewerbungen derer, die ihr Herz an sie verloren hatten, ihre Abneigung gegen die gewohnten Freuden der Jugend sprachen für die Tiefe ihrer Empfindung. Was an den Geliebten erinnerte, hat sie vernichtet; vielleicht zeugt dieses Opfer aller Liebeszeichen von größerer Pietät, als wenn sie sie bewahrt und damit vor den Händen und den Blicken Gleichgültiger nicht geschützt hätte. Nur diese zwei Gedichte, die sie unter dem Eindruck ihres Schmerzes schrieb, und eine Erinnerung an das Haus Goethes, von dem ihres Lebens Inhalt in Glück und Leid ausging, sind erhalten geblieben:
Menschenschicksal
Ein Leichenbegängnis
"... Ich stieg jene breite klassische Treppe empor, die meine Schritte schon so oft durchmessen hatten — mit fünfzehn Jahren, als ich im runden Hut, im Pensionskleid und grünen Spenzer mit kindlicher Erregung und jugendlichem Enthusiasmus an der Seite meiner Mutter hinausging, um zum ersten Male den Nestor, den Herkules des deutschen Parnassus zu besuchen; mein Herz grüßte ihn mit jener heiligen Ehrfurcht, die uns die Arme über der Brust kreuzen läßt, mit jener vertrauenden Zärtlichkeit, die voll Hingebung einen Vater in dem erhabenen Greis mit den weißen Haaren, mit der Jupiterstirn findet; mit sechzehn Jahren ging ich denselben Weg, um mein Püppchen (Alma von Goethe) zu finden, ein reizendes Kind, das ich wickeln und umhertragen durfte; später wurde seine Mutter meine Freundin. Mit wie viel verschiedenen Gemütsbewegungen betraten meine Füße diese Stufen! Sie fühlten den leichten Schritt des jungen Mädchens, das, zum Fest geschmückt, nur dem Gedanken an das Vergnügen nachhängt, jenem Gedanken, der die Füße beflügelt und die runden Wangen abwechselnd weiß und rosig färbt; sie fühlten denselben Tritt, unsicher und zögernd vor Hoffnung und Furcht wegen einer möglichen Begegnung, die das Herz nicht mehr ganz gleichgültig ließ, und wenn die Füße wieder langsam die Stufen hinuntergingen, hätten sie fühlen müssen, ob andere sie begleiteten und oft für ein Wort, für einen Blick still standen, oder ob das junge Mädchen enttäuscht und allein, fast gedankenlos den gewohnten Weg betrat. Während vieler trauriger Tage stieg ich empor, teils um zu trösten, teils um selbst getröstet zu werden, um zu klagen, um zu lernen, um Gewißheit zu erlangen über dunkle Gerüchte oder um manchmal an der Freude über gute Nachrichten teilzunehmen. Als Krankenpflegerin stieg ich empor wie als harmloser Besuch, als Geladene zu einer geistreichen Gesellschaft, die sich am Flügel oder um den runden Tisch mit seinen zwei Kerzen versammelte. Mit brennenden Wangen ging ich hinauf, getrieben vom wild pochenden Herzen, zurückgehalten von zitternden Knien — ich glaubte unter diesem Dach mein Glück, meine Zukunft zu finden; — dann, eines Tages, schritt ich dieselben Stufen abwärts; an einer Stelle hörte ich ein Wort, und das Wort hieß 'Lebewohl'; und es war so mächtig, daß es sich den Mauern, der Treppe einprägte; und noch nach acht Jahren, wenn ich eintrat, schrien Mauern und Treppe mir dies Wort bis in die Tiefe des Herzens zu."
Wie Jenny einmal von Goethe gesagt hatte, daß er zu denen gehöre, die ihre Größe mit dem "Pfahl im Fleisch" bezahlen müssen, so erging es ihr: jede seelische Erschütterung ergriff auch den Körper. Jener furchtbare Abschied, der wohl den Abschied fürs Leben schon ahnen ließ, schien sie aller Lebenskraft zu berauben, und da keiner der Weimarer Ärzte ihr helfen konnte, wandte sich ihre Mutter schließlich an Dr. Samuel Hahnemann, den Begründer der Homöopathie, der nach langem Wanderleben und Anfeindungen aller Art sich endlich in Köthen als Hofrat und Leibarzt des Herzogs Ferdinand niederlassen konnte. Er nahm den wärmsten Anteil an dem Ergehen seiner Patientin, und seine Briefe an sie — winzige Zettelchen mit winziger Schrift — gewähren Einblick in die originelle Art seines Verkehrs mit ihr. So schreibt er im November 1827:
"Mein gnädiges Fräulein!
"Die pünktliche Folgsamkeit, mit welcher Sie meinen Wünschen nachkommen und die Offenheit in Darlegung Ihres körperlichen und Gemütszustandes in Ihrem Berichte verdienen meinen ganzen Beifall. Seyn Sie versichert, daß ich den innigsten Theil an Ihrem Wohle nehme und daß ich Alles thun werde, Sie herzustellen. Auch Ihre trüben Ideen sind bloß Folgen Ihres körperlichen Unwohlseyns, was bei Ihnen schon in zartester Kindheit begonnen haben muß. Mit der Gesundheit Ihres Körpers weichen aber jene niederschlagenden Vorstellungen gänzlich. Bis hierher hatte diese melancholische Gemüths-Verstimmung doch den großen Vortheil für Ihre Sittlichkeit, Sie vor dem Leichtsinn zu bewahren, welcher so oft junge Frauenzimmer Ihres Alters von dem edelen Ziele ihres Daseyns entfernt und der modigen Frivolität Preis giebt ...
"So hat der Allgütige selbst durch dieses Seelenleiden Ihnen eine Wohlthat erwiesen in Sicherstellung Ihrer Moralität, deren Reinheit mehr als alle Güter der Erde werth ist ..."
Wenige Monate später hieß es:
"Mein liebes gnädiges Fräulein!
"Sie haben allerdings bei reiferen Jahren, wenn Ihr jetzt noch zu zartes und daher so viel bewegtes Herz mehr Kraft und ruhigere Schläge bekommen wird, auch Ihr inneres Siechtum noch mehr sich gebessert hat, frohere, gleichmäßigere Tage zu verleben. Die unnennbaren, Sie jetzt noch bestürmenden Gefühle werden sich dann am besten in einer, wie Sie verdienen, glücklichen Ehe zu einem ruhig frohen Leben auflösen unter schönen Mutter- und Gattenpflichten. Nur getrost; bei Ihrer edlen Denkungsart wird es Ihnen noch recht wohl gehen, da, wie ich sehe, Sie nicht zu große Ansprüche an diese etwas unvollkommene Welt machen und mehr bei sich selbst an Vervollkommnung arbeiten. Ich bitte mir ferner Ihre Körper- und Geisteszustände treu zu berichten, und versichert zu sein, daß ich auf Alles achte, was Ihnen zum Wohlsein gereichen kann als
Ihr teilnehmender untertäniger
S. Hahnemann.
"Im Tanze bitte ich stets sehr mäßig zu sein, dann kann er Ihnen nicht anders als wohl bekommen."
Aus den übrigen Briefen sei noch folgendes wiedergegeben:
"Billig hätten Sie mir längst den Gegenstand Ihrer so tiefen Betrübniß eröffnen sollen, wo nicht speziell und mit Namennennung, doch im Allgemeinen bezeichnend — nicht etwa bloß, weil ich als Mensch herzlichen Anteil nehme, sondern weil ich als Ihr treuer Arzt doch wissen muß, ob auch der Gegenstand der Art war, daß auch eine gesunde Person so stark hätte müssen davon affiziert werden, oder so beschaffen, daß eine solche Trauer der Sache nicht angemessen war und Sie nicht so tief und anhaltend davon hätten gebeugt werden können, ohne körperlich krank zu sein. So aber stehe ich da, wie vor einem Rätsel, dessen Aufklärung ich von Ihnen erwarten muß, ehe ich besondere Rücksicht mit meiner Arznei darauf nehmen kann. Bloß beiliegende 16 Pülverchen bitte ich noch zu gebrauchen ... Allein spazieren wünsche ich nicht, wohl aber recht viel ins Freie in Gesellschaft, damit Sie Ihren Gedanken nicht zu sehr nachhängen. Vor Wein sollten Sie sich gänzlich hüten ... Nach Verbrauch der Pülverchen bitte ich sogleich zu berichten
Köthen, d. 1. Sept. 1828
Ihrem untertänigen Hahnemann."
"Mein liebes gnädiges Fräulein!
"Wenn die gütige Vorsehung den sendet, der Ihrer würdig ist, der wird um Ihre schöne Seele freyen, und Ihre Schönheit nur als vortreffliche Zugabe ansehen — der wird auch ein Mann sein, vor dem die Gecken fliehen und die Wüstlinge beschämt zurücktreten, die keine Ahnung von dem Werthe einer engelreinen, weiblichen Seele haben, die ich durch Ihre Briefe in Ihnen zu verehren das Glück gehabt habe ... Diese Pülverchen nehmen Sie getrost von Ihrem
Köthen, d. 3. Nov. 1828.
untertänigen S. Hahnemann."
In einem der letzten Briefe lesen wir:
"Fahren Sie nur so fort, nächst Ihrer diätetischen Folgsamkeit, mir in Ihren Briefen Ihre Denkungsweise, Ihr Herz und Gemüth aufzuschließen. Sie haben einen alten Mann vor sich, der ungemein empfänglich für so etwas ist, ungeheuchelten Theil daran nimmt, auch wohl hierin guten Rath zu geben weiß. Erhält, wie bei Ihnen, das geistige Gefühl und die Empfindsamkeit die Oberhand, so wird das körperliche davon übermannt und über die Maße gestört. Da ist es nöthig, auf den rechten Weg einzulenken, wo der Körper neben dem Geiste seine Rechte behaupten könne, da ist es nöthig, solche Beschäftigungen zu wählen, wobei die Phantasie möglichst wenig aufgeregt und mehr das Denken und Beobachten geübt wird .... Nächstdem bitte ich bloß leichte, frohe Lieder (keine andere Poeterey), gute, wahre Reisebeschreibungen, Lebensbeschreibungen und Geschichte zu lesen. Um Ihnen aber etwas und womöglich vielmehr Vergnügen bei Ihren Spaziergängen zu verschaffen, haben Sie in Weimar die beste Gelegenheit, sich einen unpedantischen Lehrer in der Naturgeschichte zu verschaffen, der Ihnen, im Beiseyn Ihrer gnädigen Frau Mama, Kenntnisse beibringen wird, die Ihnen dereinst weit schätzbarer und lieber sein werden, als viele andere weibliche Beschäftigungen. Dann sind Sie auf Ihren Spaziergängen nicht mehr einsam und ohne Unterhaltung. — —"
Der gute Rat des Seelenarztes mochte dem trauernden Gemüt des jungen Mädchens eine bessere Arznei sein, als seine "Pülverchen" ihrem Körper. Aber den Rat, der überall zwischen den Zeilen seiner Briefe zu finden und sicherlich von den besorgten Eltern diktiert war: durch die Verbindung mit einem "würdigen Mann" die erste Leidenschaft zu überwinden, vermochte sie nicht zu befolgen. An Bewerbern fehlte es nicht; ihre Schönheit und noch mehr der Liebreiz ihres Wesens bezauberte alle.
In einem Briefe Eckermanns aus dem Jahre 1829 heißt es unter anderem: "Der rechte Balkon wird leer gewesen sein, denn es war ziemlich alles bey Frau v. Goethe. Man las den Egmont, welches bis gegen 11. dauerte. Da ich, wie gewöhnlich mich unter den Zuhörenden befand, so könnte ich über die lesenden Personen, ihre Art des Vortrags, ihre Betonung, im Vergleich zum Theater, meine stillen Bemerkungen machen ... Was soll ich aber zu unserm Liebling Jenny sagen, auf der meine Augen ruhten und die sich nur auf andere Gegenstände wandten, um zu ihr erfrischter und mit größerer Neigung zurückzukehren.
"Sie hatte die Rolle des Ferdinand, welcher wie Sie wissen erst spät kommt. Sie saß aber gleich von Anfang an dem Tisch der Lesenden, gegen den die Zuhörer einen langen Halbzirkel bildeten. An den übrigen vorlesenden Personen war besonders anfänglich eine gewisse Verlegenheit merklich, wie sie unter solchen Umständen gewöhnlich sein mag, und welche sich besonders darin zeigte, daß die Seele der Lesenden nicht ganz bei der Sache war, wodurch dann falsche Betonungen und dergleichen entstanden. Jenny aber saß da in der ruhigen Unschuld eines Kindes, die Hand unter ihr Köpfchen gestützt. 'Jetzt,' dachte ich, 'ist freilich an Dir nicht die geringste Spur einer Verlegenheit sichtbar, aber ich will sehen, wie Du thust, wenn es an Dich kommt.' Nun kommt Alba, er spricht mit Silva, mit Gomez, er ruft seinen Sohn Ferdinand. Jenny fängt ihre Rolle an, es ist dieselbige Ruhe, dieselbige Unbefangenheit, dasselbe Kind. Die durchaus edle Rolle des Ferdinand sagte ganz ihrer schönen Seele zu, und ich kann nicht sagen, daß je die Unschuld eines reinen Wesens mir in solchem Grade und solcher Liebenswürdigkeit erschienen sey. Nach beendigtem Stück sagte ich ihr manches gute. Sie sagte aber, daß sie groß Angst gehabt und daß ihr Herz während dem Lesen laut gepocht habe. Ich sah sie mit verwunderten Augen an und konnte nicht begreifen, wie einer Regungen des Herzens so verbergen könne, daß man ihm nicht das geringste ansieht.
"Es waren auch zwey englische Damen zugegen, Lady Murray in mittleren Jahren und eine junge Lady in ihrer Begleitung, von deren Schönheit man mir viel gerühmt hatte ... Allein neben der schönen Melany und Jenny konnte sie sich in meinen Augen nicht halten ..."[74]
Alfred von Pappenheim schrieb einmal an seine Stiefschwester Cecile von Gersdorff, Dianens Tochter aus ihrer zweiten Ehe: "Es tut mir leid, daß ich Dich nicht begleiten kann ... Mit Jenny würde ich mich nicht leicht entschließen, zu reisen, aber Du als Backfischchen fändest vielleicht nicht so viel Verehrer, und meine Rolle als Chapron würde dann nicht so schwer sein."[75] Und Karl Wolfgang von Heygendorff, der Sohn von Karl August und Caroline Jagemann, der Jenny sehr verehrte, schrieb noch in der Erinnerung begeistert, wie "wunderschön und engelgut" sie damals war.
Sie blieb allen gegenüber, die sich um sie bewarben, von gleichmäßig kühler Freundlichkeit. Die Freundschaft mußte ihr ersetzen, was ihr die Liebe schuldig geblieben war, und in einer Zeit wie die ihre, wo die Herzen einander weit offen standen, weil der eigene innere und äußere wüste Lebenskampf die Empfindungen noch nicht bis zu dem traurigen Rest vollkommener Selbstsucht abgestumpft hatte, gab es noch echte, teilnehmende Freunde. Ottilie Goethe nahm unter ihnen die erste Stelle ein. Deren Charakteristik, die sie bald nach der Trennung von ihr niederschrieb und auch im Alter noch für zutreffend erklärte, gibt ein deutliches Bild dieser merkwürdigen Frau:
"Ich fand meine Freundin in ihren hübschen Mansardenstuben, umgeben von Büchern und Papieren, vor einem kleinen offenen Bücherschrank; ihre Augen glänzten, ihre braunen Locken schienen schon zwanzig Mal nach hinten geschüttelt zu sein; ihre kleine weiße Hand hielt ein Buch, ihre Wangen brannten, und schon ihre Begrüßung zog mich in die lebhafteste Unterhaltung.
"'Herr Noël,' sagte sie, 'frug mich nach einer Charakteristik seines Geschlechtes, und ich gab ihm Gottes Recept einer Männerseele: eine starke Dosis Egoismus, dreimal so viel Eitelkeit, ein gut Theil Berechnung, das sie Vernunft nennen, das Alles gewürzt durch eine Portion Geist — und das Ragout ist fertig.'
"In dem Ausdruck, mit dem Ottilie ihr Epigramm begleitete, lag genug Wahrheit, um den verächtlichen Zug, der ihren Mund umspielte, anziehend zu machen, und Coquetterie, um ihm den Stachel des Beleidigenden zu nehmen, aber auch genug Triumph, genug von dem 'je ne sais quoi' der Frau, welche den Sklaven neben der Gebieterin verrathen läßt.
"Mr. N. lehnte sich an den Bücherschrank; ich hatte mich in einen Lehnstuhl geworfen, dessen Rücken in kunstvoller Stickerei das Wappen Englands zeigte, Ottilie stand in der Vertiefung des Fensters, das durch die schrägen Wände gebildet wurde. Die Unterhaltung drehte sich um Irland und die Irländer, ein Thema, das sie ganz beherrschte; sie in dieser Festung anzugreifen, hieß alle Waffen ihres Geistes gegen sich richten.
"'Nicht wahr, Du würdest bei einem Feuerwerk nicht versuchen, eine Ferse in Deinen Strumpf zu stricken?' sagte ich ihr; 'und so kann ich mir an der Seite eines Irländers kein häusliches Glück vorstellen!'
"'Ich liebe dieses Feuerwerk!' entgegnete sie; 'ich würde ohne Strümpfe gehen und leicht diese prosaischen Kerzen entbehren, die man vernünftige Leute nennt; sie haben kein Herz und setzen die Vernunft an dessen Stelle — starke Liebe, starker Haß, ernster Kampf und keine Berechnung, das ist es, was ich liebe. Der Irländer allein hat Herz, Feuer, Muth —'
"'Auch Narrheit und Unbeständigkeit,' unterbrach sie Mr. N. Nach diesem unerwarteten Einwurf trat sie vor, war mit einem Schritt auf der Fußbank, mit dem nächsten auf dem Stuhl und warf, wie ein verzogenes Kind, ein Buch nach dem andern auf die Locken ihres Gegners. Und doch war nichts Rohes in dieser Kinderei; ich, das junge Mädchen, lächelte wie eine Großmama zu den Schülerstreichen dieser Frau und Mutter, die von Zeit zu Zeit zwanzig Jahre ihres Lebens vergaß; alles war an ihr natürlich und ungeziert, aber ihre Seele, ihrem Geist, ihrem Herzen fehlten die Zügel — wie schwer hat sie diesen Mangel büßen müssen!
"Mr. N. suchte mit den Augen einen unauffindbaren Gegenstand. 'Sie suchen eine Uhr!' rief sie aus; 'ich besitze keine, ich bin dafür zu sehr Irländerin.' Erstaunt erwartete er eine Erklärung dieser weder in Roman noch Geschichte jemals erwähnten Nationaleigentümlichkeit. 'Das heißt, ich habe eine zu hohe Meinung von Gastfreundschaft; es gibt nichts Gröberes als solch eine Uhr, die in jeder Viertelstunde die Besucher an die verflossene Zeit erinnert; schlimm genug für die, welche sich an die Zeit binden, bei mir findet sie keinen Platz, um ihre Sense anzulehnen.'
"'Und dadurch,' antwortete er, 'werden wir unpünktlich, denn die Langeweile vertreibt uns nie!'
"'Warten Sie nur, habe ich erst Salons, Lakaien und schöne seidene Kleider, so werde ich schrecklich langweilig sein. Ich war es schon weniger, als ich aus Sparsamkeit noch Talglichter brannte, denn jedesmal, wenn ich sie putzen mußte, sah ich meine Gäste an, sagte schnell etwas Lustiges, und während sie lachten, putzte ich sie geschwind incognito. Jetzt bin ich liebenswürdig zwischen meinen schiefen Wänden, weil ich sie dadurch meinen hohen Besuchern vergessen lassen muß.' Mr. N. nahm seinen Hut, sie sagte ihm freundlich Lebewohl, tauschte einen Händedruck von zehn Jahren Bekanntschaft mit ihm und kehrte zu mir zurück. 'Er ist doch sehr schön,' sagte sie. 'Der Vater hat mir eine angenehme Bekanntschaft ausgesucht. Er soll ein Herzogthum zu erwarten haben, jedenfalls paßt er gut in mein Herzogthum.'
"'Also wieder und immer wieder,' rief ich traurig aus.
"'O Du neugierige, kleine Katze, spielst Du wieder die erfahrene Frau und ich das kleine Pensionsmädchen?'
"Währenddessen hatte die Phantasie mit zauberhafter Schnelle andere Bilder aufgezogen. Einem Gedanken schien sie nachzusinnen, dessen Schatten schon ihre Züge bedeckte.
"'Keinen Brief von H. und doch bin ich jetzt frei!'
"'Er hat keinen Pfennig, Ottilie, du weißt es recht gut!'
"'Was soll mir das Geld! Er wollte Missionar werden, ich stimme dem bei, es ist ein edler Beruf. Kannst Du Dir in der Mitte der Wilden Deine Freundin vorstellen, sie selbst als seine ergebenste Schülerin? — Auch eine Schule wollte er gründen; ich würde die Wirtschaft führen —'
"'Aber, liebes Herz, Du verstehst ja nichts davon.'
"'Die Liebe wird es mich lehren! Nur eins beunruhigt mich, ich kann Desvoeux nicht vergessen; ich schrieb davon an H. —'
"'Und erzählst es N. morgen.'
"Sie lachte, aber ich hatte Recht, denn nichts hatte Bestand in diesem Kopfe, in dem die Phantasie Alleinherrscherin war. Da warf sie zwanzig verschiedene Männerbilder, tausend Lebenspläne, Gedanken, momentane Empfindungen durcheinander, bis die Bilder zerbrachen, die Gedanken ausarteten — dann saß sie vor den Trümmern und weinte! Aber wie bei kindlichen Schmerzen, tröstete sie die Blume, die ein Fremder ihr reichte, sie lächelte, sie berauschte sich an ihrem Duft und warf sie schließlich in die allgemeine Unordnung zu Bildern und Gedanken. Und doch waren edle unter ihnen, Gedanken von Pflicht, Barmherzigkeit und Hingebung, aber kein einziger entsprang einem Grundsatz. Der Ursprung war Liebe, das Ziel war Liebe, das Leben war Liebe, trotzdem diese Frau nicht mehr jung und nicht schön war. Die Strahlen der Schönheit, mit denen ihr Geist sie oft zu verklären schien, warfen sie nur noch tiefer in Gram und Reue, denn oft entzündete sich die Leidenschaft an diesem Glanz, um, wenn er erlosch, ebenso schnell zu vergehen; sah sie die Flamme matter und matter brennen, fühlte sie, daß ihr Athem sie nicht mehr anzufachen vermochte, so weihte sie die Stunden der Nacht ihrem wilden Schmerz. Und dennoch entsagte sie nicht diesem Phantom der Liebe, sie begehrte in der ganzen Welt nichts als sie, inmitten brennender Thränen rief sie aus: 'Immer nur Leidenschaft, niemals Liebe!' Aber schon im nächsten Augenblick klammerte sie sich an die Leidenschaft, die ihr in der Maske der Liebe nahte — und dann immer dasselbe Trauerspiel: Glück, Seligkeit, Verlust und Reue. Trotzdem fehlte es ihr an Freundinnen. Sie hatte alte und junge, fromme und kluge, Weltfrauen und junge Mädchen mit derselben Einbildungskraft wie die ihre; Freundinnen mit gebrochenem Herzen und Priesterinnen der Vernunft — sie Alle waren ihr ergeben, denn sie war von Herzen liebenswürdig — liebenswürdig selbst in ihrer Thorheit. Ja, sie hatte Freundinnen, doch diese hatten sie nicht!
"'Glaubst Du, daß er kommt?' fuhr sie fort. 'Da stehe ich nun den ganzen Tag am Fenster und warte auf den Briefboten und denke dazwischen an D.'
"'Du bist zu müßig, Ottilie!'
"'Was soll ich tun? D. gab mir zu thun: den Tasso mußte ich übersetzen und drucken lassen, dann nahm ich drei Monate lang Zeichenstunden, weil er sich die Copie eines Bildes wünschte, und ich hatte noch nie einen Bleistift berührt! Übrigens — doch, du wirst lachen — nachdem N. mich gestern Abend verlassen hatte, kam mir ein Gedanke, den ich diesen Morgen aufschrieb, ich will ihn dir vorlesen. — Du sagst, ich sei müßig, und weißt doch, daß ich sechs Stunden des Tages dem Vater widme; oft kann ich nicht mehr und glaube ohnmächtig zu werden vor Schwäche, doch der Gedanke, daß ich ihm nützlich, ihm nothwendig bin, daß ich seine alten Tage verschönen und in der Welt zu etwas gut sein kann, dieser Gedanke giebt mir die Kräfte wieder. Neulich haben wir den Plutarch zu lesen angefangen, und schließlich las er mir aus dem zweiten Teil des Faust; es war schön und groß, als ich aber nach elf Uhr mein Zimmer betrat, fiel ich, meiner ganzen Länge nach, zu Boden.'
"Ich erhob mich, um sie zu küssen; ich liebte in diesem armen Kinde der Phantasie dieses Gefühl, diese Pflicht, die ihrer Hingebung entsprang, dieser stillen, gewissenhaften, rührenden Hingebung mit all ihren kleinen, stündlichen Opfern, ihren verborgenen Anstrengungen bis zur Entkräftung, deren nur eine Frau fähig ist. Inzwischen hatte sie auf allen Tischen nach ihrer Schrift gesucht, doch vergebens; ich kam ihr zu Hilfe und entdeckte endlich unter Büchern, Briefen, Stickereien und Noten ein mit einer großen engen Schrift bedecktes Papier. Ich begann zu lesen; welch buntes Durcheinander: Kleider und Schärpen, Blumen und Bücher, die sie sich zum Geburtstage wünschte, verschiedene Adressen, quer darüber einige Verse ihrer Tasso-Übersetzung, den Titel einer neuen Geschichte Irlands, und endlich in der Mitte fand ich etwas, das eine Fortsetzung zu haben schien. 'Gib her, das ist's,' sagte sie und begann:
"'In einem dunklen Tempel verbreitete eine einsame Ampel ihr trauriges Licht; lange schon hatte sie gebrannt und Niemand gab sich die Mühe, sie mit Lebensspeise zu versorgen; trotzdem leuchtete sie noch, denn der Tempel lag auf dem Wege frommer Pilger, und sobald die Flamme nahe am Erlöschen war, warf eine barmherzige Hand ihr etwas hin, das Leben zu fristen. Es war nicht immer geweihtes Öl, das ihr gebührte; die Pilger gaben, was sie hatten: eine Blume, ein Lorbeerblatt, einen Dornenzweig; der Eine gab ihr einen Tropfen Blut, der Andere seine Thränen — und die Lampe brennt heute noch!'
"'Du bist es,' sagte ich; 'diese Flamme ist deine Seele, doch der neue Pilger, Ottilie, bringt dir nur einen Dornenzweig!'
"'Sei es darum, auch dieser bringt mir Leben.'
"Goethe hatte während dieses Abends den Besuch eines Freundes, Ottilie war frei, ich blieb bei ihr; um sieben Uhr kam Herr N. und verschiedene junge Engländer, später der Thee auf rundem Tisch, den zwei Lichter erhellten.
"Die Unterhaltung wurde lebhaft, wie immer, sie drehte sich um Armuth und Reichthum, und Ottiliens Verachtung dieser 'kleinen Stückchen von schmutzigem Metall' trat deutlich zu Tage.
"'Doch wie vereint sich deine Verachtung mit den Ansprüchen einer eleganten Frau?' fragte ich lächelnd.
"'Ach, du triffst wieder meine schwächste Seite! Stellen Sie sich vor, meine Herren, sie moquiert sich über mich! Über mich, die ich ein neues Mützchen, eine seidene Schürze, russische Schuhe und die schönste aller Sammetcravatten trage!'
"'Man sagte mir, es sei nicht allzu lang her, daß du dich der Mode fügst!' gab ich zurück; 'und deine Locken —'
"'Sind tausendmal schöner als dein Vogelnest. Sie sind —'
"'Vom Jahre dreizehn,' unterbrach ich sie.
"'Ja, vom Jahre dreizehn!' rief Ottilie bewegt; 'alles Gute, alles Schöne ist vom Jahre dreizehn; — damals gab es noch Begeisterung, damals war Preußen herrlich, und unsere Herzen hatten ein Vaterland! Die Regimenter durchzogen die Stadt und ließen uns ihre Verwundeten; wie Engel des Friedens betraten wir die Krankenhäuser, und die Kranken segneten uns! Des Abends gab die Stadt einen Ball. Wenn wir einem der Officiere einen Walzer versagen wollten, hieß es: vielleicht ist es der letzte, und wir gewährten ihn. Dann die Bivouaks und morgens die Trommler, die Schlachtmusik — ein Gruß, ein Lebewohl mit gesenktem Degen — es gab in Deutschland keine Schlafmützen mehr, sie waren alle Männer geworden und die Männer Helden! Damals war es der Mühe wert, zu leben und zu sterben!' ...
"Die Stunden vergingen. Kein Klatsch, keine Frivolität, keine Taktlosigkeit störte unser Zusammensein. Ottilie hatte es mit jenem Talent, das keine Frau in dem Grade besaß wie sie, verstanden, Jeden mit sich zufrieden zu machen; sie hatte mit Jedem über das ihn am meisten Interessierende gesprochen, wobei Jeder sich naturgemäß am wohlsten fühlt; sie hatte alle Geistesgaben geweckt und welche zu säen versucht, wo sie keine gefunden hatte.
"So war meine Freundin, als ich wußte, warum mein Herz ihr entgegenschlug, jetzt — — Ich will diese dunkeln Mysterien des Schicksals und der Schuld nicht berühren. Dank dem Himmel, der mich nicht zum Richter dieser unglücklichen Frau berufen hat! Ihre Seele war glänzend und liebenswürdig, doch für einen anderen Planeten geschaffen; sie hatte sich in ihrem Fluge getäuscht, statt der blühenden Gärten ihres Sterns fand sie die kalten Nebel des unseren, statt der Liebe fand sie die Vernunft auf dem Thron, statt des heiteren Lebens fand sie Arbeit und Sorgen, statt der unendlichen Räume des Sterns ihrer geflügelten Brüder fand sie die kleinlichen Verhältnisse unserer Erde, wo man geht — oder kriecht. Mit jedem Schritt verstieß sie gegen ein irdisches Gesetz, jedes Gesetz rächte sich, jeder Irrthum kostete ihr eine Feder ihrer Flügel, einen Strahl ihres Lichts, eine Blume ihrer Schönheit — sie weinte, doch sie lernte nichts! Man donnerte ihr in die Ohren: Die Vernunft ist König, du bist des Majestätsverbrechens schuldig; zum Schaffot! zum Schaffot! Sie wollte entfliegen — ihre Flügel waren gebrochen, sie wollte durch einen Strahl ihres Lichts ihre Richter gewinnen — das Licht war erloschen; auf ihrer Harfe wollte sie ihre Klagen singen — zerrissen waren die Saiten!"
Wie über der Familie Bonaparte, so schien über der Familie jenes anderen Titanen ein dunkles Schicksal zu walten, und wie der Schatten des einen über Jennys Leben seinen Schleier warf, so auch der Schatten des anderen, da die Freundschaft sich noch inniger als mit der Mutter das ganze Leben hindurch mit den Enkeln verband und ihr auch den Vater nahe geführt hatte. Die Nachwelt ist im Urteil über ihn so hart und ungerecht gewesen, wie die Mitwelt grausam war gegen seine Söhne. Jenny charakterisierte ihn folgendermaßen:
"August Goethe habe ich sehr gut gekannt; er war nichts Außergewöhnliches, sondern ein kluger, gutmüthiger Mann, der, als Sohn eines anderen Vaters, einen ernsten, ruhigen Lebensweg gefunden hätte. Der alte Goethe liebte seinen Sohn unendlich, er sah in ihm ein Stück seiner selbst, oder wollte es vielmehr sehen; das empfand August aber nicht als Glück, sondern als drückende Last. Goethe hatte viele Kinder verloren, dieser Eine sollte ihm alle anderen ersetzen. Er nahm ihn schon als Knaben auf seinen Wanderungen mit, versuchte ihm seine Passionen einzuimpfen. Augusts frischer Geist faßte leicht und fröhlich auf, was der Vater ihm lehrte; er zog aber, wie es ganz natürlich war, den Umgang mit gleichaltrigen Gefährten dem alleinigen mit seinem Vater vor. Das schmerzte diesen, denn er vergaß, wie so viele Väter den Söhnen gegenüber, die eigene Kinderzeit. Er wurde strenger, überwachte seinen Unterricht, überhörte ihn zuweilen und unterdrückte die aufwallende Zärtlichkeit, weil sie ihm nicht in sein Erziehungssystem zu passen schien. Augusts heißes Herz wandte sich mehr und mehr der Mutter zu, die ihn von Anfang an verhätschelte. Sie verstopfte das schreiende Mäulchen des Babys mit Süßigkeiten und anderen Dingen; sie öffnete dem streng bewachten Knaben jede Hinterthür; sie steckte, was sie vom Wirthschaftsgeld erübrigte, dem Jüngling zu.
"Er muß bildschön gewesen sein; eine dunkle Erinnerung aus meiner ersten Kinderzeit zeigt ihn mir wie einen jugendlichen Halbgott. Nun stelle man sich Weimar, stelle man sich die Welt ringsum vor, die von Goethes Namen erfüllt war, und man wird sich nicht wundern, daß Jeder, der zu Goethe kam, um dem Vater seine Huldigungen zu Füßen zu legen, dem schönen Sohn alle erdenklichen Zärtlichkeiten erwies. Ein großer Charakter oder ein großes Talent allein hätten das Gegengewicht halten können.
"Die Nähe des Vaters floh er, weil die forschenden Blicke, die unausgesprochenen Anklagen ihn einschüchterten. So kam es, daß er, der sonst so Fröhliche, sich in den Räumen Goethes am liebsten stumm und mißmuthig in die Ecken drückte. Das Gefühl, hier nur als der Sohn seines Vaters betrachtet zu werden, der Gedanke, daß er den Mund nur aufthun könne, wenn er etwas Geistreiches zu sagen wisse, wird Jeder begreiflich finden, der sich in seine Lage versetzt. Schmeichler, wahre und falsche Freunde umgaben ihn außerhalb des väterlichen Hauses; unter ihnen ließ er sich nun vollständig gehen, sie nannten seine Streiche genial, die nur jugendlich und unvernünftig waren, sie bewunderten seine Verse, die heute von jedem Tertianer besser gemacht werden. Nur wenige, die Ottilie mir nach seinem Tode mittheilte, sind tief empfunden und schön ausgeführt, die aber kannte Niemand. Goethe schien eine Zeit lang des Sohnes Leben nicht zu beachten, vielleicht daß er auch hoffte, ein Genie würde sich daraus entwickeln. Er wartete vergebens; der Punkt, bis zu dem jeder Mensch innerlich vorschreitet, war von ihm erreicht, er gehörte nicht zu seines Vaters Genossen, die 'immer strebend sich bemühen.' Es kam aber auch für ihn eine Zeit, wo er die innere Leere empfand. Seine Wünsche gipfelten schließlich in dem einen Wunsch: Fort! Nach langem Kampf wagte er endlich, Goethe diesen Wunsch auszusprechen. Es kam zu ernsten Scenen, denn Goethe wollte oder konnte ihn nicht begreifen, selbst als Knebel sich auf seine Seite stellte. Fern von Weimar, womöglich unter anderem Namen, hätten Augusts gute Seiten bald die weniger guten unterdrückt.
"Um dieselbe Zeit ungefähr lernte er Ottilie von Pogwisch kennen. Man hat erzählt, Goethe habe die Heirath mit ihr bewerkstelligt, August habe deshalb eine große Jugendliebe aufgeben müssen. Das ist nicht wahr; er hatte eine ganze Anzahl mehr oder weniger leichtsinniger Verhältnisse, aber, wenn bei ihm überhaupt von großer Liebe gesprochen werden kann, so gehört diese Ottilien allein. Deren Großmutter, Gräfin Henckel, die Oberhofmeisterin bei Maria Paulowna und also auch meine Vorgesetzte war, sträubte sich von Anfang an sehr gegen diese Verbindung. Erst als Christiane von Goethe gestorben war, willigte die stolze alte Dame in die Heirath ihrer Enkelin. Der Jubel und die Glückseligkeit waren groß damals, sie glaubten sich heiß zu lieben, und doch liebte Ottilie in ihm nur den Sohn seines Vaters, den sie mit den schönsten Träumen ihrer Phantasie ausschmückte. Es war nur Phantasie! Ihr Geist vermochte ihn auf die Dauer nicht zu fesseln, und eine Schönheit, die seine Sinne erregen konnte, besaß sie nicht. So ging bald ein Jeder seine eigenen Wege. Ihre Ehe wurde, durch Beider Schuld, sehr unglücklich. Die Enttäuschung, die sie empfand, wenn sie nach und nach aus der glänzenden Hülle ihrer Phantasiegebilde einen gewöhnlichen Menschen sich entpuppen sah, war immer sehr groß, am schmerzlichsten aber bei ihrem Gatten, bei Goethes Sohn. Sie hätte ihn vielleicht nun mit christlicher, helfender, duldender Liebe tragen und heben können, und er, als der Rausch der Leidenschaft verflogen war, mit ernstem Pflichtgefühl als treuer Gatte und Vater ihr zur Seite stehen — daß nichts davon geschah, war mehr Schicksal als Schuld. Charaktere, wie die ihren, durften sich nie verbinden. Wie das in einer kleinen Stadt immer zu sein pflegt, wo die Menschen dicht an einander wohnen, mischte sich der Klatsch auch noch in die Ehe. Beide standen wie auf offener Scene, und besonders das Galerie-Publicum verfolgte mit gehässiger Neugier den Fortgang des Dramas. Ottilie hatte unverdienter Weise, denn sie that wissentlich Keinem etwas Böses an, viele Feinde, besonders Feindinnen, die sie ihrer Stellung wegen beneideten und sich zwischen sie und August zu drängen versuchten. Es gelang ihnen nur zu gut. Die gewohnten Schmeicheleien, die Ottilie ihm bei ihrer unbedingten Wahrheitsliebe nicht zutheil werden ließ, fand er anderswo zur Genüge; die Träume, die sein Geist ihr nicht verwirklicht hatte, suchte sie in ihrer Umgebung zu finden. Erschienen sie öffentlich zusammen, so war ihr Benehmen tadellos; auch zu Hause machten sie den Eindruck eines einigen Paares, sobald die Kinder bei ihnen waren. In der Erfindung immer neuer Spiele für sie war August unerschöpflich; sie zogen ihn — wie oft! — von seinen Kneipereien ab, die seiner an und für sich schwankenden Gesundheit schadeten. Aber auch die Freude an seinen Söhnen verbitterte ihm sein Mißtrauen. Ich stand einmal mit ihm am Fenster des Eßzimmers kurz vor Tisch. Im Garten ging Goethe auf und nieder, seine Enkel kamen hinuntergelaufen, um ihn zu holen. Jubelnd umschlangen sie den Großvater, erzählten, lachten, spielten; er freute sich sichtlich ihrer lieblichen Gegenwart, und ich sah mit Vergnügen zu. Da fiel mein Blick auf August: er starrte mit zusammengekniffenen Lippen, blaß und schwer athmend, auf dasselbe Bild, sein Aussehen sagte mehr als Worte.
"Ein schöner, besonders hervorzuhebender Zug in Augusts Wesen war seine Freundestreue. Wen er lieb gewann — freilich waren's nicht immer die Würdigsten —, für den ging er durchs Feuer. Sein Unglück war, daß Keiner von ihnen ihn, den Sohn Goethes, günstig zu beeinflussen versuchte, alle ordneten sich ihm unter, und doch bin ich überzeugt, daß er sich hätte beeinflussen lassen. Dem Einzigen, der es versuchte, Ernst von Schiller, ist es stets geglückt. August liebte ihn zärtlich, und es wäre von dauerndem Erfolg gewesen, wenn sein Freund immer hätte um ihn sein können. Sein ruhiger Ernst, sein fester Charakter, seine Abneigung gegen alles Gemeine, seine Abstammung nicht zum mindesten, denn sie stellte ihn August gleich, stempelten ihn eigentlich zu seinem Freunde. Es sollte nicht sein — auch hier Schicksal und keine Schuld!
"Am 'Chaos' betheiligte sich August mit großer Lebhaftigkeit; die meisten seiner Reime — Gedichte möchte ich sie nicht nennen — wurden darin gedruckt. Er schrieb hübsche Briefe, eine Tugend, die ich jetzt, wo sie so ganz verloren geht, doppelt als solche anerkenne. Die Briefe an seinen Vater waren weniger natürlich, sie zeigten den Zwang, den Goethe, mit der besten Absicht, auch darauf ausübte. August sollte Beobachtungen über Witterung, Naturerscheinungen usw. anstellen, die ihm fernlagen und ihn gar nicht interessierten. Von Menschen und Ereignissen erzählte er lieber, besonders von Italien aus, wo er sich endlich frei und als Herr seiner selbst empfand.
"Der Gedanke 'Fort von Weimar!' war schließlich zu einer Macht geworden. Fort, recht weit fort, wo er an Leib und Seele zu genesen hoffte. Daß er krank war, fühlte er immer deutlicher. Er kam zur Erkenntnis auch seines seelischen Zustandes, ohne die Kraft zu haben, sich zu ändern, ungefähr wie ein Wahnsinniger, der in lichten Momenten seinen Zustand begreift und dadurch nur noch unglücklicher wird. In besonders trüben Augenblicken sagte er sich: 'Ich will nach Rom, um dort zu sterben.'
"Der Entschluß zu fliehen reifte in ihm. Er glich darin dem alten Goethe, der sich von allen Qualen durch schnelles Losreißen aus den gewohnten Zuständen befreite. Nur wenige wußten um Augusts Plan. Mir theilte ihn Ottilie mit, und ich konnte mir nicht versagen, ihm die herzlichsten Wünsche mit auf den Weg zu geben. Ich war überzeugt, ihn neugeboren wiederzusehen. Der Abschied von seinem Vater soll erschütternd gewesen sein. Mir wurde erzählt, August sei ihm plötzlich weinend zu Füßen gefallen und dann davongestürzt, während Goethe, überwältigt von böser Ahnung, auf seinem Lehnstuhl zusammengebrochen sei. Die Kinder schieden fröhlich von ihm mit allen möglichen Wünschen und Bitten: sie sollten den Vater nie wiedersehen.