Fußnoten:

[H] Der König schlug einst sein Lager zwischen den Bergen auf, und der Platz wo er lag war gerade dem Thau und einer scharfen Zugluft ausgesetzt. In der Nacht erkältete er sich und bekam einen Husten, wonach Einer seiner Höflinge diese Nacht eine Husten-Nacht (von po Nacht und mare Husten) nannte. Dem König gefiel der Klang des Worts vielleicht, vielleicht hatte er eine andere Ursache, kurz er beschloß sich von der Zeit an Po-mare zu nennen, und der Titel ist jetzt, als erblich, auf seine Nachkommen übergegangen.

[I] Aimata oder Pomare IV. ist etwa 1812 geboren und war zuerst an einen jungen Häuptling von Tahaa verheirathet, von dem sie sich wieder schied und zu ihrem zweiten Gemahl einen anderen jungen Häuptling von Huaheine, einer Nachbarinsel, nahm.


Capitel 9.

Die vier Häuptlinge.

Ein sonniger Himmel spannte sich über die wildzerrissenen aber bis in ihre höchsten Kuppen bewaldeten Berge von Tahiti; aus den tiefen Thälern stiegen in festen, zusammengedrängten Massen die weißen schwankenden Schwaden auf, und wollten sich ausbreiten gegen den mächtigen Feind, aber die sengenden Strahlen trieben sie zurück, hinein wieder in Schlucht und Bergeshang, und hie und da niedergepreßt auf eine Halde, oder hingetrieben von dem neckischen Seewind über den saftigen Anwuchs breitblättriger Feis[J], mußten sie sich wohl dicht an den Boden schmiegen, unter Laub und Busch, dem einsamen Jäger das wunderliche Schauspiel einer Schneelandschaft in den Tropen bietend, so weiß und weich lagen sie unter Busch und Strauch und füllten die Thäler aus, Inseln bildend aus Kuppe und Kraterhang.

Und die Palmen im Thal unten schüttelten den Thau aus ihren wehenden Kronen, und rauschten und flüsterten dem Morgenwind ihren Gruß entgegen; aus dem Schatten eines mächtigen Wibaums[K] flötete der Omaomao[L], die Tahitische Drossel und der gellende Schrei der Möve, die über dem spiegelglatten, crystallhellen Binnenwasser der Riffe nach Beute strich, mischte sich darein. Von fern herüber aber donnerte klar und gewaltig das Brausen der ewigen Brandung über die Corallenwälle, die in einem weiten, nur an sehr wenigen Stellen kaum unterbrochenen Kreis all diese Inseln umgeben, als ob sie das freundliche Land schützen wollten gegen den wilden ungestümen Andrang der Wogen und ihre zerstörende Macht — die Elemente waren freundlicher gegen dies Paradies als die Menschen.

Weit aus nach allen Seiten breitete dabei das blaue Meer, hie und da über die Fläche blitzte der Schein eines hellen Segels, und aus der Ferne herüber ragten die schroffen pittoresken Kuppen Imeos oder Moreas, mit dem Palmengürtel, der den Fuß ihrer Berge umschloß, eben sichtbar über dem Meeresspiegel. Massen von kleinen schlanken Canoes, den Luvbaum[M] an der Seite, der das schwanke Fahrzeug vor dem Umschlagen wahren sollte, glitten über das blitzende Binnenwasser, aus den Corallen herauf, mit Harpune oder Netz ihr Mahl zu holen, und oft unter der stürzenden Brandung hin, der kochenden Woge wie im Sprung entgehend, schoß der schwanke Bau wie ein dunkler Streif durch den schneeigen Schaum, und das braune trotzige Gesicht warf sich den Gischt aus dem lockigen Haar mit fröhlichem Lachen.

Wie lauschig und versteckt lagen die Hütten der Eingeborenen in jenen schattigen Hainen, die das Ufer mit ihrem schwellenden Grün überzogen, und aus dem heraus sich die prachtvollen Cocospalmen noch weit über den Meeresspiegel beugten, als ob sie ihr Bild wiederfinden wollten in dem Crystall da unten. Wie dufteten die Orangen und Citronen, die schneeigen Sternblumen und die Mangablüthe so süß; das Bananenblatt zitterte und raschelte in dem Zephyr, der sich durch Blum und Blüthe stahl, seine Bahn zu suchen, den Klüften der Berge zu, und der stattliche Brodfruchtbaum drängte sich mit seinen gefingerten einzelnen Blättern in das stattliche Laub der Mape; die Papaya schüttelte ihre Kelche aus auf Ananas und Tappo-Tappo[N], die köstlichen Früchte dieser Zone, und tief im schattigen Laub versteckt glühten duftende Blüthen, und hoben ihre Kelche dem sonnigen Licht entgegen.

Es war ein Paradies das Gottes milde Vaterhand erschaffen, ein Paradies von seinem Athem durchweht, und Seiner Werke Herrlichkeit kündend zu jeder Stunde — ein Paradies das nur die Leidenschaft und das trotzige Herz des Menschen oft, ach wie oft, so muth- und böswillig verdarb und zerstörte und Haß und Schmerz säete, selbst zwischen diese Palmen, und den Frieden verjagte, der auf den stillen Matten in heiterer Ruhe lagerte. Ehrgeiz und Fanatismus, Sinnlichkeit, Geldgier und sorgloser Leichtsinn reichten sich einander die Hand und der Indianer, der gastliche Herr dieses Aufenthalts in dem Engel hätten schwelgen können, sah in kurzsichtiger Lust wie die fremden Männer Spiel nach Spiel in sein Canoe häuften, es schmückten und verzierten und beluden — bis es sank.

Sorglose Kinder des Augenblicks, denen Palme und Brodfrucht jeden Tag gaben was der Tag begehrte, was kümmerte sie die Zukunft? Der bunte Flittertand freute sie, jeder goldenen, blitzenden Masche jubelten sie entgegen, und ahneten das Netz nicht, das sich langsam aber sicher daraus wob, sie niederzuziehen aus ihrem Himmel.

Aber nicht Alle theilten diese Apathie an den Ereignissen des Tages, denen das Volk kaum das Ohr lieh wenn sie geschehen; wie die Protestantischen Missionaire um den erschütterten Stamm die Wurzeln wieder tiefer senkten und gruben, ihm mehr Festigkeit zu geben bei dem nächsten Sturm, so nagte der Ehrgeiz, und andere Leidenschaften vielleicht, an den Herzen jener stolzen Häuptlinge, die Königsblut in ihren Adern fühlten, und der stille Frieden selbst der sie umgab reizte den schlafenden Grimm in ihrer Brust, und wandelte ihnen ihr Paradies zu einem Aufenthalt der Qual.

In Papara, dem südwestlichen Theil von Tahiti stand, von mächtigen Mapebäumen beschattet, dicht am Uferrand eines kleinen klaren Bergbachs, der sprudelnd und silberrein aus den Bergen niedersprang, eine jener breitovalen, aus Bambus errichteten und mit den Blättern der Pandanus dicht gedeckten Hütten, um die sich der weiche Rasen schloß und der Brodfruchtbäume und wehende Palmen das Dach bildeten, den sengenden Sonnenstrahl abzuhalten von dem stillen Platz. Ein lauschiges Halbdunkel lagerte auf dem nur leise rauschenden, flüsternden Hain, dem die von der Brise kaum bewegten Wasser tausend und tausend kleine funkelnde Lichter entgegenblitzten.

Aber keine fröhliche Kinderschaar spielte und sprang hier am Muschelstrand, oder schaukelte sich an langem, in die Wipfel der Palmen geknüpften Bastseil weit und keck hinaus über den korallendrohenden Wasserspiegel; kein schlankes Weib mit blumengeschmücktem Haar sammelte die Frucht von dem nahen Baum und breitete das reinliche Hibiscusblatt zum frischen Mahl. Nur an den Stamm einer Palme gelehnt, die Lenden mit dem pareu, noch aus der auf der Insel selbst gefertigten Tapa[O] umwunden, deren gelbbraune Falten ihm fast bis zum Knie niederfielen, während Bein, Schultern und Leib die zierlichen blauen Linien der alten, und durch die Missionaire sonst fast überall verpönten Tättowirungen zeigten, lehnte ein Insulaner und schaute still und schweigend, wie in tiefem Nachdenken versenkt, auf das weite sonnige tiefblaue Meer hinaus, das seinen Strand bespühlte.

Es war eine edle, kräftige Gestalt wie sie da stand unter der Königin des Waldes, und das weiche rabenschwarze lockige Haar fiel ihr, ungleich der frommen von den Protestantischen Geistlichen eingeführten Sitte es kurz abzuschneiden, voll und lang um die Schläfe, bis auf die Schultern nieder. Aber keine Blume stak darin oder hinter dem Ohr, noch glänzte sonst ein Schmuck an Arm, Hals oder Handgelenk, und die kühnen Züge und Arabesken des Tättowirers, alte heidnische Zeichen mit Haifischzähnen in unvergehbaren Punkten der Haut eingegraben, lagen fast drohend auf den vollgespannten Muskeln und Sehnen der nervigen Glieder.

Da wurden leise aber regelmäßige Schritte im Laube laut — näher und näher kamen sie heran, und eine andere Gestalt erschien unter den schattigen Blüthe und Frucht bedeckten Orangen; aber der Sinnende hörte die Schritte nicht, seinem Träumen willenlos hingegeben, und der Neugekommene stand mit verschränkten Armen wohl mehrere Minuten lang schweigend neben ihm, indeß sein Blick in tiefem Ernst und Sinnen auf ihm haftete.

Dem Aeußeren nach aber war es eine andere Gestalt, als die des ernsten Träumers an der Palme, seine Lenden umschloß, wie bei dem Ersten nur ein etwas bunterer Pareu, der Oberkörper stak aber in einem noch bunteren Oberhemd, und unter den, mit wohlriechendem Oel gesalbten Locken vor leuchteten die eben aufgebrochenen Knospen des Cap-Jasmin, jener reizenden lilienartigen Gardenia mit dem vollen Narcissenduft. Die Beine waren nackt, und die alten Tättowirungen auch auf ihnen sichtbar, aber der Pareu ging tief hinab und verhüllte das meiste davon, bis auf die zierlich gezeichneten Palmen, deren Wurzeln auf den Hacken saßen während der Stamm am hinteren Theil des Beines schlank und zierlich hinauf lief, sich über den Waden mit seinen breiten, federartigen Blattkronen auszubreiten. In der Hand trug er einen schlanken langen Bogen und einige buntbefiederte Pfeile mit Eisenspitzen (keine Waffen in jener Zeit, wo die inneren Kriege aufgehört hatten, und die Insulaner recht gut die Nichtigkeit solcher Wehr gegen Feuerwaffen erkannten, sondern mehr ein Spielzeug oder besser gesagt ein Uebungsspiel der Vornehmen, das besonders der Lieblingszeitvertreib des vorigen Königs gewesen) und um den Scheitel zog sich ihm ein wunderlich geflochtener Kranz von Gardenien mit den silberweißen Fasern der Arrowroot und kleinen rothen Blüthen bunt durchwebt.

»Joranna Tati!« rief er endlich lachend, als er wohl glaubte den Sinnenden seinen Betrachtungen lange genug überlassen zu haben, und während ein leichtes Lächeln seine schönen Züge überflog — »Joranna Mann, und was hängst Du den Kopf und schaust so still und brütend vor Dich hin, als ob Du« — es zuckte spöttisch um seinen Mund — »plötzlich ein Missionair geworden wärest? Wollen Dich die frommen Väter vielleicht nach den Gambier-Inseln senden, ihren »Brüdern in Christo« dort Gleiches mit Gleichem zu vergelten, und bereitest Du Dich vor den Neubekehrten da drüben zu beweisen, daß man nur des Himmels Seligkeit erndten könne, wenn man die Mundwinkel an beiden Seiten herunterhängen lasse, und das Weiße der Augen zeige in brünstigem Gebet?« —

Tati, denn der Häuptling war es, schaute rasch und finster auf bei dem Gruß, und seine Züge heiterten sich nicht auf, als er den bunten Schmuck und Tant erkannte, mit dem sich der Freund behangen.

»Du siehst aus als ob Du zum Tanze gingst mit den Areoïs[P], Paofai,« sagte er ernst, ohne den Gruß zu erwiedern, »ein Richter des Landes sollte sich das Schicksal desselben zu Herzen nehmen, in so schwerer Zeit!«

»Das Schicksal?« lachte Paofai, die Locken schüttelnd, daß die Blüthen auf seine Schultern niederfielen, »das Schicksal liegt in der Hand jedes Einzelnen für sich selbst, und die ihre Nacken dem Joch gutwillig neigen, dürfen nachher nicht klagen wenn es sie drückt. Wer, beim Oro, heißt die fröhlichen Kinder unserer schönen Inseln sich den Fremden beugen und die Knie wund reiben vor einem Gott, der uns bis jetzt nur Arbeit und Krankheiten, nur Haß und Feindschaft geschickt hat aus fernem Land? — Ich für mein Theil bin es müde die helle Schattirung einer Haut, und Kenntnisse die dem Träger hier, wo er sie nicht gebrauchen kann, nur zur Last sind, höher geschätzt zu sehn als das, was unsere Väter ehrten. — Gleisnerische Worte — Oros Zorn über sie, daß sie zu Gift würden in dem Mund ihrer Träger.«

»Und wer ist Schuld als wir selber, daß wir’s so lange zu tragen haben?« rief Tati sich hoch und stolz emporrichtend, »ruht nicht der Fluch unserer Götter auf diesem Lande, seit jene knechtischen Pomare’s den Scepter führen, ja liegt nicht selbst die junge Königin in der Gewalt dieser schleichenden Priester, die sich nur immer die Diener des Herrn nennen, und dabei den Fuß selber auf die Nacken der Arii Rahi’s[Q] dieses Landes zu setzen wagen?«

»Und weißt Du daß sie das Volk wieder zusammenrufen wollen zu neuem Unheil?« frug Paofai lauernd.

»Sie wagen es nicht,« sagte Tati verächtlich mit dem Kopfe schüttelnd — »sie wagen es nicht, denn ihre Häuser stehn breit und bequem gleich vorn am Strand, und die eisernen Kugeln des nächsten Französischen Schiffes mähten sie nieder.«

»Aber sie hoffen auf Englands Schutz!« rief Paofai, »und Piritati[R] ist dorthin gegangen Hülfe zu holen für sich und die Seinen.«

»Bah, der Weg ist lang,« sagte Tati verächtlich, »und die Engländer haben einen großen Mund; sie sind kalt und ohne Herz wie ihr Gott, und so geizig, daß sie dem nicht einmal opfern lassen, sondern Cocosöl und Perlmutterschalen fortführen auf ihren Schiffen und die Schweine selber essen — Piritati wird kommen und Versprechungen bringen.«

»Aber sie warten nicht bis er kommt!« entgegnete Paofai — »der tolle Uebermuth der Priester, mit dem sie sich so lange eine wirkliche Macht vorgelogen haben, bis sie sie selber glauben, läßt sie jede Vorsicht vergessen, und um den Augenblick als Heilige und Halbgötter vor dem Volk zu stehn, wagen sie ihre Existenz.«

»Sie hätten recht — die Feranis werden uns auch nimmer den Segen bringen,« sagte Tati finster — »mich reut schon die Hand die ich dabei im Spiel gehabt, denn der gierige Wi—Wi scheint Lust an der Beute zu bekommen, nach der er schon zweimal die Krallen ausgestreckt. So lange noch ein Fremder auf dieser Insel lebt, blüht uns kein Friede und wir warfen uns selbst hinaus, als wir den Gleisnern einst den Aufenthalt gestatteten, und den Bambus schlugen zu ihren Hütten — wir hätten ihr Grab graben sollen.«

»Ha dort kommt Botschaft von Papetee!« rief Paofai plötzlich, und deutete mit dem Arm hinaus in das Binnenwasser der Riffe, über das hin ein leichtes Canoe, von zwei Indianern gerudert, mit zwei Anderen im Hintertheil desselben, rasch über die klare Fluth herbeischoß. Schon von weitem erkannten sie die beiden Häuptlinge Paraita und Utami und Tati sagte finster:

»Deren Eile kündet schon vorher des Kommens Grund, und der Feind ist uns ins Lager gerückt — o daß er die Streitaxt mit sich brächte und den Speer, und nicht ewig das todte Wort mit Singen und Beten.«

Die beiden Männer erwarteten jetzt schweigend die Ankunft des Canoes, das draußen um eine etwas weit auszweigende Corallenspitze bog, und dann im geraden Strich auf den Platz zuschnitt auf dem die beiden Häuptlinge standen, und dessen helleres Dach sich schon von weitem, als treffliche Landmarke, erkennen ließ.

»Ha sieh nur Utamis Gesicht!« rief da Paofai, als beide Führer endlich landeten und an’s Ufer sprangen — »der dunkle Zug über der Stirn deutet bei ihm nichts Gutes — es ist wie ich gesagt!«

»Gruß Euch und Frieden — Joranna, Joranna bo-y!« riefen die beiden Männer, als sie den Schattenrand betraten, den die Fruchtbäume und Palmen der senkrecht stehenden Sonne abgezwungen.

»Joranna Utami — Joranna Paraita, und was führt Euch über das Wasser im Aoatea, wenn die Sonne über Euerem Scheitel brennt?« frug Paofai, während Tati ihnen die Hand entgegenstreckte sie zu begrüßen.

»Fröhliche Botschaft,« lachte Paraita, aber die fest zusammengebissenen Zähne und der lauernde Blick mit dem er die Züge seiner Freunde beobachtete straften sein Lachen Lügen — »ein neues Englisches Kriegsschiff ist eingelaufen und die Mi-to-na-res schwimmen oben auf; der Englische Capitain will ihren Gott schützen, daß ihn der andere nicht über den Haufen wirft, wie sie bei uns Taaroa und Oro bei Seite geworfen haben, und der morgende Tag schon soll ihren Triumph beleuchten. Auf Tati, auf Paofai, ich glaube die Richter sollen vor Gericht, denn wir sind Alle aufgefordert zu erscheinen.«

»Und gilt es wirklich dem Vertrag, den wir mit dem Ferani abgeschlossen?« frug Tati finster.

»Kein Zweifel,« lautete die Antwort — »der Königin Boten fliegen heute durchs ganze Land — gestern schon gingen die Canoes nach Morea hinüber und uns Beiden wurde selber aufgetragen Euch mit zur Stelle zu bringen, genügt Euch das?«

»Und wißt Ihr genau was berathen werden soll?« frug Paofai.

Paraita lachte.

»Es ist ein öffentliches Geheimniß, und das Volk in Papetee spricht von nichts Anderem — sie wollen unseren Vertrag verwerfen und das Protectorat Frankreichs von sich weisen.«

»Das Französische Schiff im Hafen wird’s nicht leiden,« rief Tati.

»Es liegt ein stärkeres daneben s’ihm zu wehren,« sagte achselzuckend Paraita.

»Und was spricht Utami?« frug Tati, dessen Hand ergreifend, »auf welcher Seite siehst Du den Segen unseres Landes?«

»Auf keiner,« entgegnete kopfschüttelnd der greise Richter, »auf keiner von diesen Beiden. — Ich hatte gehofft durch einen solchen Schritt, der gewissermaßen nur zum Schein unsere Rechte beschränkte und mehr ein Freundschaftsbündniß war mit einer stärkeren Macht, jenen ehrgeizigen Priestern ein Ziel zu stecken, aber die Feranis schauen mit gierigem Auge auf dies Land, und wer weiß ob wir nachher bei dem Tausch gewönnen. Jedenfalls liegt das noch Alles in der Zukunft Schooß, und ich habe keine Lust einen Arm aufzuheben für Franke oder Missionair — laß sie sich unter einander schlagen.«

»Und Du gehst?«

»Gewiß — sie sollen nicht sagen können daß Utami ihren Ruf gefürchtet habe.«

»Gefürchtet,« wiederholte Paofai verächtlich und spannte wie im Spiel den Bogen von dessen Sehne der Pfeil schwirrend abschnellte, und etwa vierzig Schritt davon entfernt den schlanken Stamm einer Papaya durchbohrte, in deren Holz er zitternd stecken blieb — »gefürchtet,« wiederholte er noch einmal, den Bogen auf die Schulter werfend — »aber es führt uns nicht zum Ziel dieses Kinderspiel — dem Volk wird wieder Sand in die Augen gestreut und so lange gesungen und gebetet, bis es ermüdet auseinandergeht, und Alles bleibt beim Alten. Da doch noch lieber dem Franzosen unterthan, dessen Sitte und Denkungsart besser zu uns paßt, als den schleichenden Frömmlern.«

»Unterthan? — keinem!« rief da Tati trotzig, der indeß mit verschränkten Armen und in tiefem Brüten dem Gespräch der Freunde gelauscht — »aber wie dann, wenn wir den Augenblick benutzten, wo die Bewohner Tahitis das eine Joch abgeschüttelt und auch das andere von uns würfen? — Was sagst Du, Utami, wenn wir die Fremden stürzten mit dem einen Schlag und, wie die Missionaire jene fremden Priester, auf das Schiff packten das sie gebracht und sie fortschickten, gleichviel wohin, so sie jetzt dem Engländer gäben, sie heimzuführen in ihre Heimath? Jetzt, jetzt noch ist es Zeit wieder ein Reich, ein glückliches Reich zu gründen in unserem Inselland — jetzt wo das Volk gesehen welchen Fluch ihnen die Fremden gebracht in jeder Art, wird es zu uns stehn mit Kraft und Gewalt, und dem einigen Volke können auch selbst die Feuerschlünde des Feindes nicht mehr fürchterlich sein.«

Utami schüttelte ernst mit dem Kopf und sagte finster:

»Zu spät — zu spät! — ein großer Theil der Unseren hängt dem neuen Gotte an, und die Missionaire haben dafür gesorgt daß ihr Wohl von der Anbetung jenes nicht getrennt werden konnte — sie stehen zu fest, während die Englischen Schiffe unsere Küsten verwüsten und unsere Fruchtbäume niederschmettern würden, ihrem Gotte Seelen zu gewinnen, wie sie dann sagten. — Ich fürchte wir haben uns selber Schaden gethan, als wir dem Ferani die Hand boten und bei ihm Hülfe zu finden hofften gegen den geistlichen Stolz.«

»Gewalt thut hier Nichts,« stimmte auch Paraita bei — »wir sind zu schwach etwas derartiges zu unternehmen, und wenn wir auch Hand zu Hand mit den geschorenen Köpfen[S] fertig würden, ist uns die Europäische Macht zu stark. Wir müßten jedenfalls warten bis sich ihre Kriegsschiffe entfernt hätten, ein plötzlicher Schlag dann und es würde den Feinden schwer werden das zu rächen, was sie jetzt mit leichter Mühe verhindern können. Aber noch haben wir den Vertreter jener fremden Macht unter uns, die uns Schutz und Freiheit versprochen für Glauben und Recht; wird der Französische Consul, denn zu solchem ist Mörenhout ernannt als ihn die Amerikaner nicht länger anerkannten, wird er es dulden, daß man den doch nun einmal von der Königin unterzeichneten Contrakt mit Füßen tritt?«

»Wie kann er’s hindern?« sagte achselzuckend Paofai. — »Mit ein paar Redensarten ist nichts abgemacht, wenn der Fanatismus erst einmal in Schuß, bergab gekommen. Die Missionaire haben da ihre Leute, Aonui, Potowai, Terate und wie sie heißen; mit Jehovah auf den Lippen werfen die Narren sich blind in’s Feuer selbst der Schiffe, und wenn das Volk nur schreien und von Freiheit hört, dann brüllt es auch seinen Chor hinein, möge die Folge sein wie sie wolle. Ich habe große Lust der Versammlung gar nicht beizuwohnen; was kanns helfen?«

»Das sie nachher sagen wir hätten uns gescheut ihnen unter die Augen zu treten?« rief Tati rasch. »Nein, keiner darf fehlen von uns, wenn wir nicht selber unsere Sache aufgeben wollen in Schimpf und Spott — keiner, und dort wird sich uns auch ein Ausweg zeigen das Schwerste abzuwenden.«

»Dem stimme ich bei,« sagte Utami ernst — »unsere Aufgabe ist dem Land die Freiheit zu erhalten, die der Fanatismus der einen wie die Gier der anderen Seite gleich schwer bedroht, und gebe Gott daß uns das gelingt; einer späteren Zeit mag es dann vorbehalten bleiben unsere inneren Einrichtungen zu ordnen, von denen Franzosen wie Missionaire nichts verstehn. Unser Glück liegt in unserer eigenen Hand — wir wollen es aus keiner fremden. — So zögern wir denn nun auch nicht länger, kommt mit zu meinem Haus, daß wir uns dort mit Speiß und Trank stärken zu der Fahrt, und die morgende Sonne grüße uns die ersten auf dem Kampfplatz.«

»Kampf?« lachte Paofai, während er seinen fortgeschossenen Pfeil wiederholte, den anderen zu folgen — »ein schöner Kampf wird es werden, der mit Singen anfängt und mit Beten aufhört. — Ich kenne meine Landsleute nicht mehr, daß sie aus dem fröhlichen glücklichen Volk solche Kriecher und Heuchler geworden sind. Aber zum Henker mit den Grillen — unsere Palmen müssen sie uns lassen und das stille Wasser unserer Riffe, unsere Blumen und Blüthen und unsere Weiber, und den Schwarzröcken zum Trotz will ich das Leben jetzt genießen. Himmel und Hölle? — Die Leute können vortreffliche Geschichten erzählen und man lacht darüber wenn man sie hört — tödten sie doch die Zeit« — und den Pfeil aus dem Holz reißend schob er ihn lachend in seinen Köcher zurück, und trat, die Locken aus seiner Stirn werfend, zu den Uebrigen in das Haus.

Fußnoten:

[J] Wilde Pisang.

[K] Der Wibaum oder die Brasilianische Pflaume (spondias dulcis) hat mit den stärksten Stamm auf den Inseln — oft bis 4 und 5 Fuß im Durchmesser. Die Rinde ist grau und glatt und er trägt eine förmliche Masse großer pflaumenartiger saftiger Früchte von angenehmen Geschmak.

[L] Der Omaomao, die Tahitische Drossel, und der einzige wirkliche Singvogel, wenigstens der bedeutendste, der Inseln. Er ist gelb und braun gefleckt, und von der Größe einer Drossel, mit der sein Gesang auch etwas Aehnliches hat. Von Gestalt ist er etwas schlanker.

[M] Ein, an der einen Seite des Canoes, durch Queerhölzer etwa drei oder vier Fuß vom Fahrzeug selber ausgehaltener Baum, eine Art Kufe von leichtem Holz, die auf dem Wasser liegt und mitschwimmt, und nur dazu dient das leichte schwanke Fahrzeug vor dem Umschlagen zu bewahren.

[N] Mape, Tahitische Kastanie. Die Papaya eine von Brasilien herüber gekommene, der Melone ähnliche aber auf einem Baum wachsende Frucht. Der Tappo-Tappo der Englische Crêmeapfel.

[O] Das eigenthümliche Gewebe dieser Inseln, das die Frauen aus der gegohrenen Rinde verschiedener Bäume, die sie vorher zu fester Masse kneten so lange ausschlagen, bis ein dünnes, ziemlich dauerhaftes Zeug daraus wird.

[P] Areoïs, die früheren heidnischen Tänzer auf den Inseln, die eine gewisse, sogar religiöse aber wüste Sekte bildeten und von Insel zu Insel zogen ihre Orgien zu feiern.

[Q] Die ersten und obersten, aus fürstlichem Blut entsprossenen Häuptlinge.

[R] In ihrer Aussprache Pritchard.

[S] Die eifrigsten der Missionaire hatten ihren Gläubigen empfohlen die Haare kurz am Kopfe abzuschneiden, wahrscheinlich um nicht den sündigen Blumenschmuck darin tragen zu können.


Capitel 10.

Die Versammlung.

Weißer Rauch quoll aus den Schießluken der Englischen Fregatte »Talbot« und der rasch folgende donnernde Schlag des Geschützes, der das Echo grollend weckte in den Bergen, grüßte das goldene Taggestirn, das eben seinen rothglühenden Schein über die östliche, palmenbedeckte Spitze der Bai warf, und seine Strahlen sandte über das weite Meer.

Es war ein reizendes Bild das sich dem Blick entrollte, und Athem und Leben gewann mit dem ersten Licht; im Hintergrund die wildzerrissenen Kuppen des Gebirgs mit der dunklen kühn eingerissenen Schlucht — auseinandergebrochen als die Grundvesten der Berge einst in ihrem inneren Mark erbebten, und rechts und links das niedere palmenbedeckte Land ausschießend, als ob es die sonnige spiegelglatte Bai umspannen wolle mit liebendem Arm, während an dem Ufer hin die weißen niederen Gebäude dicht hineingeschmiegt standen in Palmen- und Orangenhain, mit hie und da einem alten mächtigen Banianbaum, der die dunkel glänzenden Zweige niederschüttelte, neue Wurzeln dem Erdreich um sich her abzugewinnen. Vorn schäumte und spielte die Fluth an dem hellen Corallensand, und den vorderen, von Banane und Palme eingeschlossenen Rand, in dem die stillen Wohnungen der Menschen so dicht versteckt wie Perlen in einer halbgeöffneten Muschel lagen, bildete ein dichter Wald von Brodfrucht und Orangen und buntblüthigen Akazien und breitblättrigen Hibiscus Tiliaceus mit den großen malvenähnlichen Blumen.

Und nicht öde und weit lag das Meer, dem wunderschönen Lande gegenüber; nein, hinter dem licht funkelnden Wasserspiegel, den nur hie und da ein ruhig vor seinem Anker reitendes Schiff, oder das rasche Canoe mit dem blitzenden Streifen hinter sich unterbrach, dehnten sich die weiten schäumenden Riffe mit ihren Schneekronen und rollendem Donner, und umspannten selbst die kleine Königinsel Motuuta, die wie ein Smaragd, von silbernem Band umfaßt, in dem herrlichen Rahmen palmenwiegend lag, während hinter ihr, noch neben dem weiten Horizont des Oceans, die zackigen kühn gerissenen Kuppen und Spitzen Imeos, wie Nadeln emporstarrend oder riesige Kegel, in blauer Ferne lagen, bei klarer Luft selbst den Palmengürtel zeigend der sie umschloß.

Still und regungslos lag dabei der Strand, bis zu dem Schuß, mit dem zugleich fast sich die Sonne über den Palmenstreifen hob — nur hie und da zeigte sich ein einzelner Indianer der, vielleicht nach seinem Canoe schauend, langsam am Ufer auf- und niederging; aber wie mit einem Zauberschlag nach dem Schuß, und während das Echo noch in den fernen Schluchten dröhnte und grollte, quoll und drängte es sich ordentlich aus den Häusern und Hütten vor, in bunter glänzender Tracht, und fröhliches Leben brach sich die Bahn in’s Freie mit einem Mal.

Es war Tag geworden in Papetee, und ein bedeutungsvoller wichtiger Morgen angebrochen für den kleinen Staat; ob zum Heil, ob zum Leid, was kümmerte das das fröhliche Inselvolk mit seinem leichten, glücklichen Sinn. Wie die sonnige Welle ihrer Binnenwasser trieben sie leicht über des Lebens Meer — ein Sturm rüttelte sie auf, wild und gewaltig, es ist wahr, aber mit der Ursache die sie gehoben, mit dem Sturm, legte sich auch leicht beruhigt das Element, und ließ in derselben Stunde fast schon den Schiffer niederschauen in die cristallreine Tiefe, die offen wie ihr Herz da vor ihm lag.

Wie ein Bienenschwarm zog es und drängte es dort eine Weile am Ufer herum, beide Geschlechter bunt gemischt durcheinander, und oft klang der fröhliche Laut lachender Mädchenstimmen silberrein über das Wasser selbst bis zu der Stelle, wo etwas einsam in der Bai, und in der That so weit abseits als er eben ankern durfte, ein großer weitbäuchiger, entsetzlich schmutziger und wettermitgenommener Wallfischfänger lag. Auf seinem Heck stand, etwas geschmacklos, aber vielleicht nicht ohne Grund, mit grellrothen Buchstaben im grünen Felde, der Name desselben, Kitty Clover, und von der Gaffel seines Besahnsegels wehte die Englische Flagge.

Auf dem Quarterdeck desselben standen zwei Männer, beide in die gewöhnliche Seemannstracht, in blaue Jacken und weiße Hosen gekleidet, einen breiträndigen Strohhut mit langem schwarzen Band gerad auf den Kopf gesetzt. Der eine von ihnen, der ältere, war der Capitain der Kitty Clover, der so wenig den Schotten in seinem ganzen Wesen und Aussehn verleugnen konnte, wie der Andere den Iren.

Dieser hatte das fast unvermeidliche rothe Haar seiner Landsleute, aber in merkwürdig kleine feste Locken mehr geknotet als gedreht, und auch um Kinn und Oberlippe zog sich ihm ein ungeheuer starker, aber eben so fest verworrener ineinandergedrehter Bart bis hoch unter die kleinen, lichtblauen Augen hinauf, die manchmal, wenn er seinen Kopf dem neben ihm Stehenden zuwandte, mit einem eigenen drollen Humor daraus vorblitzten.

Noch acht oder zehn Matrosen etwa waren außer den beiden an Deck, und zwar mit Waschen desselben beschäftigt, wozu sie die vollen Eimer aus der klaren Fluth heraufschwangen, und mit raschgezieltem Wurf den breiten Strahl unter die oben befestigten Fässer und langs Deck hin sandten.

Der Capitain oder Master des Wallfischfängers, Mac Rally, galt für einen vortrefflichen Seemann, aber noch besseren Händler, und das hagere scharfgeschnittene Gesicht, die hellblauen unstäten Augen, die eisernen Lippen zeigten zugleich Entschlossenheit wie List und Ausdauer.

Die Kitty Clover war erst gestern hierher, angeblich vom Wallfischfang, eigentlich aber direkt von Valparaiso kommend, eingelaufen, und hatte den Iren gewissermaßen als Passagier, der übrigens auch einen ziemlichen Theil spirituöser Getränke als Fracht bei sich führte, mitgebracht. Theilweise gehörte von demselben Artikel, außer einer Anzahl von Fässern, von denen nicht einmal die Matrosen wußten was sie enthielten, auch eine ziemliche Parthie dem Capitain selber, und er zog es deshalb vor, den letztverlassenen Hafen nicht als direkt von dort gekommen anzugeben, einer vielleicht unangenehmen und zu ängstlichen Aufmerksamkeit der Steuerbehörden zu entgehen. Nichtsdestoweniger haben diese auf Wallfischfänger ebenfalls ein sehr scharfes und wachsames Auge, denn sie wissen recht gut daß solche Fahrzeuge, wenn sie auch gerade kein wirkliches Geschäft daraus machen, doch stets eine oft nicht unbedeutende Quantität gestatteter oder auch verbotener Waare bei sich führen, und was sie eben schmuggeln können, nicht gern versteuern.

Die verbotene Landung spirituöser Getränke war übrigens mit ungemeinen Schwierigkeiten verbunden, denn auf alle den Inseln hatten die Missionaire schon gegen die Einführung des Branntweins die heilsamsten Gesetze erlassen, die sie mit großer Strenge aufrecht hielten und bewachten; anderseits waren die Indianischen Behörden selber mit solcher Maßregel sehr zufrieden, denn die Einführung des bösen Getränks hatte nur Elend und Unfrieden, Zank und Blutvergießen in die Stämme gebracht, so daß sie gern und willig, was nicht immer der Fall war, ihre weißen Lehrer und Gesetzgeber in der Ausführung unterstützten.

Die Franzosen nahmen es noch am leichtesten mit der Einführung von Spirituosen, aber nur wenn sie von ihren eigenen Schiffen gelandet wurden, denen sie dadurch gewissermaßen ein Monopol zu sichern wünschten, aber auch hartnäckig von den Behörden überwacht wurden und nicht, ohne öffentlich die einmal bestehenden Gesetze umzustoßen, dawiderhandeln durften.

»Und Ihr seid hier bekannt, O’Flannagan,« sagte der Capitain endlich, nachdem er wohl eine Viertelstunde lang, ohne ein Wort zu sprechen, das Ufer durch sein langes Schiffsglas scharf beobachtet hatte, »und glaubt fest daß Ihr die ganze Ladung nach und nach sicher und ohne einen Penny Steuer zu zahlen an Land würdet schmuggeln können?«

»Von glauben ist da gar keine Rede, Captain dear,« lachte der Ire, »meiner Mutter Sohn kennt hier jeden Zollbreit Boden am Ufer, und was mehr ist, jeden Zollbreits Sohn und Tochter, und die Mädchen besonders, hahaha liebe Dinger, sind rein auf mich versessen. Die führen nun schon einmal in der ganzen Welt das Regiment und die zu Freunden, das andere ist Alles Kleinigkeit und Kinderspiel.«

»Aber wenn uns da nur die jetzigen politischen Verhältnisse keinen Strich durch die Rechnung machen,« sagte kopfschüttelnd der Schotte. »Wie uns der alte Indianer gestern Abend erzählte, so waren die Englischen Missionaire wieder die Herren da drüben, so gut wie früher, und das will mir nicht so recht einleuchten.«

»Wir wären verloren mit unserem Geschäft wenns anders aussähe;« lachte Jim, »zum Teufel wenn die Franzosen das Heft in Händen hätten, dürften wir unseren Brandy nur getrost selber trinken, denn die würden eine solche Masse ihres eigenen Fabrikats hinüber an Land geworfen haben, daß sie die Stadt damit ersäufen könnten. Die Missionaire dagegen können höchstens die Strafe auf Einfuhr noch erhöhen, die Einfuhr selber noch schwieriger machen; das Alles muß uns aber die Preise nur gerade in die Höhe treiben, und — was wollen wir mehr?«

»Weiter nichts,« schmunzelte der Schotte, das Fernrohr niederlegend und sich mit einem höchst vergnügten Gesicht die Hände reibend — »weiter nichts, Jimmy — höchstens noch etwas baar Geld — gutes Silber für unsere flüssige Waare.«

»Ich fürchte nur Ihr habt mit dem anderen Artikel ein schlechtes Geschäft gemacht,« sagte Jim kopfschüttelnd — »ich glaube wirklich nicht, daß es hier je zu einem solchen Ausbruch von Feindseligkeiten kommen kann, die Eingeborenen zu veranlassen wirklich Geld für einen solchen Artikel auszulegen; — ja wenn es Brandy wäre.«

»Nun, ich gehe da ziemlich sicher,« schmunzelte der Schotte, »denn ein Theil der Waffen ist feste Bestellung — von Jemandem aber den ich nicht nennen darf — und verkauf ich das andere nicht hier, so weiß ich daß ich auf den Fidschi- und Navigators-Inseln einen vortrefflichen Markt dafür finde.«

»Ja, aber, das ist ein kitzliches Geschäft,« meinte Jim, sich mit dem Zeigefinger der rechten Hand durch das Halstuch fahrend — »die Engländer und Franzosen haben über derartigen Handel ihre eigenen Ansichten, und es geht bei einer solchen Geschichte immer gleich an die Raanocke[T]. Interessant ist so ein Geschäft wohl schon, aber — verdammt gefährlich, und der Nutzen doch eigentlich nicht im Verhältniß zum Risiko.«

»Nun, das käme auf die Person an,« sagte, mit einem etwas zweideutigen Seitenblick auf den Iren, der jetzt aufmerksam durch das Glas nach der Insel hinüberschaute, der Capitain. Jim verstand aber die etwas malitiöse Anspielung und sagte lachend, ohne jedoch aufzusehen:

»Ich bin gerade so kitzlich am Halse wie der beste Priester, Capitain, und jeder paßt auf sein Bischen Leben so gut er kann, ob’s nun eben der Mühe werth ist, oder nicht.«

»Nein, Jimmy, so war’s gar nicht gemeint,« rief Mac Rally rasch und etwas verlegen.

»Bitte, geniren Sie sich nicht,« lachte Jim, »thun Sie als ob Sie zu Hause wären, Captain dear — »aber dahinten kommen die Canoes,« unterbrach er sich plötzlich, den rechten Arm, ohne das Auge vom Glas zu nehmen, gegen Point Venus hinüberstreckend. Dorthin wurde auch eben, gerade die Spitze passirend, eine kleine Flotte Indianischer Fahrzeuge sichtbar. »Bei Jäsus, Mr. Mac,« fuhr er aber lebendiger werdend fort, als er sich den Inhalt der kleinen schlanken Fahrzeuge etwas genauer betrachtet — »heute geht die Geschichte los da drüben, heute bekommen wir was zu sehen, und je eher wir hinüberfahren, denk’ ich, desto besser ist’s, denn einen besseren Abend unser Ausschiffen zu beginnen, werden wir auch nicht so leicht finden. Kein Teufel paßt heut’ auf die aus- und eingehenden Boote, und solche Zeit muß man benutzen.«

Der Capitain hatte das Glas wieder genommen und einen Augenblick durchgesehen, dann aber sich wieder aufrichtend und es zusammenschiebend sagte er, mit einem halbversteckten Lächeln in den selten aus ihrer Lage gebrachten fast wie ehernen Zügen:

»Ihr habt recht Jim, da hinten schwimmen die Haupt-Schauspieler der heutigen Komödie — drei Canoes voll Schwarzröcke, Gott weiß wo sie alle herkommen. Die Feierlichkeit wird nun wohl auch bald ihren Anfang nehmen, und ich glaube je eher wir hinübergehn, desto besser. Ha, bei Gott,« unterbrach er sich plötzlich, als er sich zufällig nach den Kriegsschiffen hingewandt hatte und deutete mit dem Arm hinüber — »dort geht die Tahitische Nationalflagge!« Und in der That stieg in diesem Augenblick die rothe Flagge mit dem weißen Stern auf der Englischen Fregatte an der Gaffel des Besahnsegels auf. »Was die Leute doch für Streiche machen,« brummte der Alte dabei — »aber meiner Mutter Sohn müßte sich sehr irren, wenn sie nicht heute da drüben Unheil anrichten.«

»Desto besser, Captain dear,« rief Jim, sich vergnügt die Hände reibend, »desto besser; s’wär mir ein wahres Gaudium, wenn ich erleben könnte daß sich die beiden Erbfeinde, Franzosen und Engländer, wieder einmal beim Koller kriegten; s’ist überdies lange genug Frieden gewesen. Aber enges Fahrwasser zum Maneuvriren hätten sie hier, und die Corvette hielts auch mit der Fregatte nicht lange genug aus, den Spaß interessant zu machen.«

»So weit treiben sie’s nicht,« sagte kopfschüttelnd der Capitain — »der Franzose ist zu klug sich hier mit einer solchen Fregatte in einen wahrhaft verzweifelten Kampf einzulassen. Nein, es kommt jetzt Alles darauf an wie das Schiff heißt, das zuerst in den Hafen einsegelt, und die guten Leute hier spielen wirklich nur eine Art Paar oder Unpaar, mit ihrem ganzen Land zum Einsatz.«

»Bah, der Spaß ist der,« lachte der Ire, »daß die, die den Einsatz stellen, nicht einmal mitspielen — die aber die Nichts zu verlieren haben, die Missionaire, trumpfen aus.«

»S’ist Zeit daß wir hinüberfahren,« sagte Mac Rally — »he da vorn — damn it Ihr Burschen, Ihr schwemmt ja heute das Deck, als ob Ihr die Nägel herausweichen wolltet; mein Boot nieder, und viere von Euch hinein. Und Du Bob,« wandte er sich an einen der Leute, den Zimmermann, der eine gewisse Autorität an Bord ausübte wenn die Officiere an Land waren, »passe mir ein Bischen auf, und wenn es am Ufer Skandal geben und Einer von unseren bärbeißigen Nachbarn vielleicht geneigt sein sollte die Zähne zu zeigen — Du kennst ja das Zeichen — so auf mit Euerem Anker, und seht zu daß Ihr außer Schußlinie kommt, denn wir brauchen unsere Hölzer nothwendiger. — Aber bis dahin bin ich auch auf jeden Fall wieder zurück.«

»Und soll die Flagge wehen bleiben, Capitain?« frug der mit Bob angeredete.

Mac Rally stand schon auf der Schanzkleidung, und war eben im Begriff in das Boot hinabzusteigen. Er blieb stehn, und schaute einen Augenblick wie unschlüssig nach dem bunten, flatternden Tuch hinauf.

»S’wär patriotischer,« sagte er endlich, die Augenbrauen hoch hinaufgezogen, »aber politisch ist’s nicht. — Sie können Einem freilich Nichts anhaben — Ach was,« setzte er dann laut hinzu — »der Wind schlägt das Tuch doch nur zu Schanden — wenn wir an Land sind nimm den Lappen herunter!« und mit dieser höchst unehrerbietigen Bemerkung der eigenen Nationalflagge sprang er, von dem Iren gefolgt, in sein Boot, das sie bald mit kräftigen Ruderschlägen blitzesschnell über das Wasser dem gar nicht so fernen Ufer zuführten.

Hier aber wimmelte und schwärmte es indeß von Menschen und den Strand hinunter schien der Hauptzug zu gehn, wo auch wirklich an dem sogenannten Paré, jenem Theil der Küste wo der Königin Haus stand, der für heute bestimmte Versammlungsort des Festes lag, wenn hier überhaupt ein Fest gefeiert wurde.

Eine bunte Mädchenschaar drängte sich am Ufer hin und an der Kirche vorüber, deren Glocke in einem, oben ausgeschnittenen stämmigen Orangenbusch hing. Es waren blühende, liebliche Gestalten, mit tief dunklen und doch so schwärmerischen Augen, und zartgeschnittenen, rosigen Lippen, oft mit kaum gebräuntem Teint, unter dem das feine liebliche Erröthen, wenn es Wangen und Nacken übergoß, so klar wie bei der weißen Haut fast hervortrat, und den üppigen Formen einen unendlichen Reiz verliehen hätte, wäre der nicht eben durch das sonst so lockige jetzt kurz abgeschnittene Haar und das entsetzlichste Modell eines Frauenhutes, das je die freie Stirn eines schönen Kindes mishandelte, entstellt worden. Es war die fromme Schaar der Tahitierinnen, die sich zur Protestantischen Kirche bekannten, und mit den alten Vorurtheilen auch ihr Lockenhaar wegwerfen mußten, als falsch und sündig. Und weshalb? — es hatte Blumen getragen einst im heidnischen Tanz, und die freundlichen Kinder jenes herrlichen Himmelsstriches schmückten es jetzt selbst noch gern mit den knospenden Blüthen. Aber fort mit dem irdischen Tant! wer Gott dienen wollte, durfte sein Herz nicht an die Erde und ihren Schmuck hängen — fort mit dem Haar das sündige Eitelkeit erweckte und der Verführung den Weg nur bahnte zum wankenden Herzen — fort mit dem duftigen Kranz darin und den wehenden Silberfasern der Arrowroot — einen anständigen christlichen Hut mit christlicher Form auf dem Kopf, und diesen geschoren darunter, und das sündige Herz mußte dann schon selber dem Schopfe folgen.

Wie sie so ehrbar dahin schreiten, die sonst so wilden Mädchen, das Auge züchtig gesenkt, die schwere Bibel im Arm und gegen die volle Brust gepreßt, in der das Herz so ängstlich klopfend schlägt — der Hut verbirgt die Züge, und das lange faltige Gewand umhüllt fast vollkommen die zarten Gestalten, nur den Fuß — nicht das Schönste an ihnen — frei zur Schau tragend.

»Waihine — naha — naha Maïre!« rief da eine neckische Stimme dicht neben dem Zug, und ein reizendes Mädchengesicht, aber ohne den entstellenden Hut, und die vollen blumendurchflochtenen Locken wild um die hohe edle Stirn flatternd, bog sich halb über, dem ihm nächsten Mädchen unter den schrecklichen Hut zu sehen, und die Züge zu erkennen — »naha Maïre

Aber die also Angeredete, ob sie es war oder nicht, bog den Kopf nur mehr zur Seite. Sie schämte sich doch nicht ihrer frommen Tracht? — »naha Maïre,« klang wieder und wieder der neckische Ruf — »bist Du’s aiu[U] oder nicht? — sieh her Maïre, sieh her und wende Dein Köpfchen.«

»Ah — da nimm das!« rief da plötzlich die fromme Maid, und den Kopf herumwerfend nach der Quälerin, deren lachende Augen über zwei Reihen prachtvoller Perlzähne blitzten und funkelten, schlug sie mit der linken flachen Hand (in der anderen hielt sie die Bibel), ein Zeichen gründlicher Verachtung, ihre Lende — »da nimm das Du böse Ate-ate und laß mich zufrieden — bah über die Schwätzerin.«

»Hahahaha!« klangs aber wie Silberton von den Lippen der Anderen — »hahahaha, Maïre, Maïre, armes Kind, armes Kind.«

»Laß sie gehn,« stieß da Maïre eine Nachbarin an, »laß sie gehn es sind wilde Dinger und taugen nicht zu uns — wenn’s der Mitonare sieht daß wir mit ihnen gesprochen ist er bös.«

»Maïre, Maïre, armes Mädchen!« riefen die Ersteren wieder.

»Bah!« lachte aber die Schöne jetzt, den Hut zurückwerfend, daß die funkelnden Augen voll die Gegner trafen — »albernes Zeug hier, könnt Ihr mich nicht zufrieden lassen beim Kirchgang oder beim vollen Zug — oder glaubt Ihr daß Ihr’s nachher wohl toller treibt als ich?«

»Ah maitai maitai Maïre,« jubelte da Ate-ate laut auf — »so lebst Du noch unter dem Hut und Dein Herz liegt nicht bei den Locken daheim im Bananenblatt?«

»Wenn sie nur so schnell wieder wüchsen wie man sie abschneiden kann,« zürnte das schöne Mädchen und warf einen mürrischen mistrauischen Blick nach ihrem Schatten hinunter, aber sie sah nur den Hut und schüttelte ärgerlich mit dem Kopf.

»Wenn mir die Haare wachsen schneid’ ich sie nicht wieder ab,« sagte ein anderes Mädchen das neben Maïren ging — »so lange sie kurz sind bin ich fromm, und dann kann einmal eine Andere an die Reihe kommen.«

Drrrrrrrrum — drum, drum, drum klang der Wirbel und Ton; heller fröhlicher Trommelschlag, das National- und Lieblingsinstrument der Insulaner, im Takt und Schlag ihres wildesten, aber auch deshalb geliebtesten Tanzes.

»Hab’ Acht, Maïre,« rief Ate-ate an ihrer Seite hintanzend — »der Upepehe: