1
Sanct Peter mit der Gais.
Weil noch auf Erden ging Christus
Unnd auch mit im wandert Petrus,
Eins tags auss eym dorff mit im gieng,
Bey einer wegscheid Petrus anfieng:
5O herre Got und maister mein,
Mich wundert sehr der güte dein,
Weil du doch Gott allmechtig bist,
Lest es doch gehn zu aller frist
In aller weit, gleich wie es geht,
10Wie Habacuck sagt, der prophet:
Frevel und gewalt geht für recht;
Der gotloss uberforthailt schlecht
Mit schalckeit den ghrechten und frummen,
1. Recht, ‘lawsuit.’
Auch könn kein recht1 zu end mehr kummen.
15Die lehr gehn durcheinander sehr,
Eben gleich wie die fisch im meer,
2. Verschlind = verschlingt.
Da immer eyner den ändern verschlind,2
Der böss den guten uberwind.
Des steht es ubel an allen enden,
20Inn obern und in niedern stenden
3. Des, for dem (allen).
4. Samb = als ob.
5. Glat = gar.
6. Als . . . undterstan = alles Übel unterdrücken.
7. Int = in die.
Des3 siehst du zu und schweygest still,
Samb4 kümmer dich die sach nit viel
Und geh dich eben glat5 nichts an.
Könst doch als ubel undterstan,6
25Nembst recht int7 hand die herrschafft dein.
O solt ich ein jar herrgott sein
Und solt den gwalt haben, wie du,
Ich wolt anderst schawen darzu,
Fürn viel ein besser regiment
8. Erdterich = Erdreich.
30Auff erdterich8 durch alle stend.
Ich wolt stewern mit meiner hand
Wucher, betrug, krieg, raub und brand.
Ich wolt anrichten ein rühigs leben.
Der Herr sprach: Petre, sag mir eben!
9. Baser, bass = besser.
35Mainst, du woltst ye baser9 regieren,
All ding auff erd bass ordinieren,
Die frummen schützen, die bösen plagen?
Sanct Peter thet hinwider sagen:
Ja, es müst in der welt bass9 stehn,
40Nit also durch einander gehn.
Ich wolt viel besser ordnung halten.
Der Herr sprach: Nun, so must verwalten,
Petre, die hohe herrschafft mein.
Heut den tag solt du herrgott sein.
45Schaff und gepeut als, was du wilt!
Sey hart, streng, gütig oder milt!
Gieb auss den fluch oder den segen!
Gieb schön wetter, wind oder regen!
Du magst straffen, oder belonen,
50Plagen, schützen oder verschonen.
Inn summa, mein ganz regiment
Sey heut den tag in deiner hend!
Darmit reichet der Herr sein stab
Petro, den inn sein hende gab.
55Petrus war dess gar wolgemut,
10. Daucht sich (with gen.), ‘was proud of,’ ‘elated over.’
Daucht sich10 der herrligkeyt sehr gut.
Inn dem kam her ein armes weib,
Gantz dürr, mager und blaich von leib,
Parfuss inn eym zerrissen klaid.
60Die trieb ir gaiss hin auff die waid.
Da sie mit auf die wegschaid kam,
Sprach sie: Geh hin in Gottes nam!
Got bhüt und bschütz dich immerdar,
Das dir kein ubel widerfar
65Von wolffen oder ungewitter,
Wann ich kan warlich ye nicht mit dir!
11. Arbeyten = erarbeiten, ‘earn.’
12. Heint = heute nacht.
Ich muss gehn arbeyten11 das taglon.
Heint12 ich sunst nichts zu essen hon
Dahaym mit meinen kleynen kinden.
70Nun geh hin, wo du weyd thust finden!
Gott der bhüt dich mit seiner hend!
Mit dem die fraw widerumb wend
Ins dorff; so ging die gaiss ir strass.
13. Sagen was = sagend was, ‘was saying’, ‘said.’
Der Herr zu Petro sagen was13:
75Petre, hast das gebett der armen
Gehört? du must dich ir erbarmen.
Weil du den tag bist herrgott du,
So stehet dir auch billig zu,
Das du die gaiss nembst in dein hut,
80Wie sie von hertzen bitten thut,
Und behüt sie den ganzen tag,
14. Hag = Busch, Gehölz.
Das sie sich nit verirr im hag,14
Nit fall noch müg gestolen wern,
Noch sie zerreissen wolff noch bern,
85Das auff den abend widerumb
Die gaiss unbeschedigt haym kumb
Der armen frawen in ir hauss!
Geh hin und richt die sach wol auss!
Petrus namb nach des herren wort
90Die gaiss in sein hut an dem ort
Und trieb sie an die waid hindan.
Sich fing sanct Peters unrhu an.
Die gaiss war mutig, jung und frech,
15. Nech = Nähe.
Und bliebe gar nit in der nech,15
95Loff auff der wayde hin und wider,
Stieg ein berg auff, den andern nieder
16. Schloff, ‘strayed’ (from schliefen = schlüpfen).
17. Echtzen = ächzen.
18. Nachdrollen = nachtrollen.
Und schloff16 hin und her durch die stauden.
Petrus mit echtzen,17 blassn und schnauden
Must immer nachdrollen18 der gaiss,
100Und sehin die sunn gar uberhaiss.
Der schwaiss über sein leib abran.
Mit unruh verzert der alte man
Den tag biss auff den abend spat,
19. Hellig = müde.
Machtloss, hellig,19 gantz müd und mat
105Die gaiss widerumb haym hin bracht.
Der Herr sach Petrum an und lacht.
Sprach: Petre, wilt mein regiment
Noch lenger bhalten in deiner hend?
Petrus sprach: Lieber herre, nein,
110Nemb wider hin den stabe dein
Und dein gwalt! ich beger mit nichten
Fort hin dein ampt mehr ausszurichten.
20. Döcht = taugt.
Ich merck, das mein weissheit kaum döcht,20
Das ich ein gaiss regieren möcht
115Mit grosser angst, müh und arbeyt.
O Herr, vergieb mir mein thorheit!
Ich will fort der regierung dein,
Weil ich leb, nit mehr reden ein.
Der Herr sprach: Petre, das selb thu!
120So lebst du fort mit stiller rhu.
Und vertraw mir in meine hend
Das allmechtige regiment!
2
Das heiss Eysen: Ein Fassnachtspil21 mit 3 Person.
21. Fassnacht. The usual modern form is Fastnacht, as if from Faste, and meaning ‘eve of the Lenten fast.’ So the Grimm Dictionary explains it. But in early texts we find vasnacht, fasnacht, fasenacht, fassnacht, which Kluge in his Etymological Dictionary derives from faseln in the sense of Unsinn treiben.
Die Fraw tritt einn vnd spricht:
Mein Man hab ich gehabt vier jar,
Der mir von erst viel lieber war.
Dieselb mein Lieb ist gar erloschen
22. Aussdroschen, ‘gone bankrupt, ’failed’.
23. West geren = wüsste gern.
Vnd hat im hertzen mir aussdroschen.22
5West geren,23 wes die schulde wer.
Dort geht mein alte Gfatter her,
Die ist sehr alt vnd weiss gar viel.
Dieselbigen ich fragen wil,
Was meiner vngunst vrsach sey,
10Das ich werd der anfechtung frey.
Die alt Gefatterin spricht:
Was redst so heimlich wider dich?
Die Fraw spricht:
Mein liebe Gfattr, es kümmert mich:
Mich dunckt, mein Mann halt nit sein Eh,
Sonder mit andern Frawn vmbgeh.
15Des bit ich von euch einen rath.
Die alt Gefatter spricht:
Gfatter, das ist ein schwere that.
Die Fraw spricht:
Da rath zu, wie ich das erfar!
Die Gefatter spricht:
Ich weiss nicht, mir felt ein fürwar,
Wie man vor jaren gwonheit het,
24. Ein Mensch . . . thet, ‘accused a person of anything.’
20Wenn man ein Mensch was zeyhen thet,24
Wenn es sein vnschuld wolt beweysen,
So mustes tragn ein glüend Eyssen
Auff bloser Hand auss einem kreiss;
Dem vnschulding war es nicht heyss
25Vnd jn auff blosser Hand nit prent,
Darbey sein vnschuld würd erkent.
Darumb hab fleiss vnd richt auch an,
Das diss heiss Eyssen trag dein Man!
Schaw, dass du jn könst vberreden!
Die Fraw spricht:
30Das wil ich wol thun zwischn vns beden.
Kan wain vnd seufftzen durch mein list,
25. Es ist mir um das Herz, ‘I am concerned,’ ‘it is my wish.’
Wenns mir schon vmb das hertz25 nicht ist,
Das er muss als thun, was ich wil.
Die Gefatter spricht:
So komb dem nach vnd schweig sonst still,
26. Lappen; a foolish or ‘soft’ person.
35Darmit du fahest deinen Lappen26
Vnd jm anstreiffst die Narrenkappen!
Ytzund geht gleich herein dein Man.
Ich wil hin gehn; fah mit jm an!
(Die alt Gefatter geht ab. Die Fraw sitzt, hat den kopff in der hend.)
Der Mann kompt vnd spricht:
Alte, wie sitzt du so betrübt?
Die Fraw spricht:
40Mein Mann, wiss, das mich darzu übt
Ein anfechtung, welche ich hab,
Der mir kan niemandt helffen ab,
Mein hertzen lieber Man, wenn du!
Der Mann spricht:
Wenns an mir leyt, sag ich dir zu
45Helffen, es sey wormit es wöll.
Die Fraw spricht:
So ich die warheit sagen söll,
So dunckt mich, lieber Mann, an dir,
Du helst dich nicht gar wol an mir,
Sonder bulest mit andern Frawen.
Der Mann spricht:
50Thustu ein solches mir zu trawen?
Hastu dergleich gmerckt oder gsehen?
Die Fraw spricht:
Nein, auff mein warheit mag ich jehen.
Du abr bist mir vnfreuntlich gar,
Nicht lieblich, wie im ersten jar.
55Derhalb mein lieb auch nimmet ab,
Das ich dich schier nicht mehr lieb hab.
Diss als ist deines Bulens schuld.
Der Mann spricht:
Mein liebes Weib, du hab gedult!
Die lieb im hertzen ligt verporgen!
60Mhü vnd arbeit vnd teglichs sorgen
Thut vil schertz vnd schimpffens vertreiben.
Meinst drumb, ich bul mit andern weiben?
Des denck nur nit! ich bin zu frumb.
Die Fraw spricht:
Ich halt dich vor ein Bulr kurtzumb:
27. Sey denn sach, ‘unless,’ ‘except.’
28. Zicht = Beschuldigung.
65Sey denn sach,27 das du dich purgierst,
Der zicht28 von mir nicht ledig wirst.
Der Mann reckt 2 finger auff, spricht:
Ich wil ein herten Eyd dir schwern,
Das ich mein Eh nit thet versehrn
Mit andren schönen Frawen jung.
Die Fraw spricht:
70Mein lieber Man, das ist nicht gnung.
Eyd schwern ist leichtr, denn Ruben grabn.
Der Mann spricht:
Mein liebes Weib, was wilt denn habn?
Die Fraw spricht:
So trag du mir das heisse Eyssen!
Darmit thu dein vnschuld beweissen!
Der Mann spricht:
75Ja, Fraw, das wil ich geren thon.
Geh! heiss die Gfattern vmbher gon,
Das sie das Eyssen leg ins Fewr!
Ich wil wagen die abenthewr
Vnd mich purgiren, weil ich leb,
80Das mir die Gfatter zeugnus geb.
(Die Fraw geht auss. Er spricht:)
29. Mucken = Grillen.
30. Zepfft . . . stucken, ‘bothers me with this business.’
Mein Frau die treibt gar seltzam mucken29
Vnd zepfft mich an mit diesen stucken,30
Das ich sol tragen das heiss Eyssen,
Mein Vnschuld hie mit zu beweissen,
85Das ich nie brechen hab mein Eh.
Es thut mir heimlich auff sie weh.
Ich hab sie nie bekümmert mit,
Ob sie jr Eh halt oder nit.
Nun ich wil jr ein schalkheit thon,
90In Ermel stecken diesen Spon.
Wenn ich das Eyssn sol tragn dermassn,
So wil ich den Span heimlich lassen
31. Hoschen = huschen.
Herfür hoschen31 auff meine Hendt,
Das ich vom Eyssen bleib vnprent.
95Mein frömbkeit ich beweissen thu.
Da kommen sie gleich alle zwu.
Die Alt tregt das heiss Eyssen in einer Zangen vnd spricht:
Glück zu, Gfatter! das Eyssn ist heiss.
Macht nur da einen weyten Kreiss!
Da legt jms Eyssen in de mit!
100Tragt jrs herauss vnd prent euch nit,
So ist ewer vnschuld bewert,
Wie denn mein Gfattern hat begert.
Der Mann spricht:
Nimb hin! da mach ich einen kreiss.
Legt mir das glüend Eyssen heiss
105Daher in kreiss auff diesen Stul!
Vnd ist es sach, vnd das ich Bul,
Das mir das heyss Eyssen als denn
Mein rechte Hand zu kolen prenn.
(Der Man nimbt das Eysen auff die Hand, tregets auss dem Kreiss vnd spricht:)
32. Vergwiest = vergewissert.
Mein weib, nun bist vergwiest32 fort hin,
110Das ich der zieht vnschuldig bin,
Das ich mein Eh hab brochen nie,
Weil ich das glüend Eyssen hie
Getragen hab gantz vngebrent.
Das Weib spricht:
Ey, las mich vor schawen dein Hendt!
Der Mann spricht:
115Se hin! Da schaw mein rechte hand,
Das sie ist glat vnd vnverprant!
Die Fraw schawt die hand, spricht:
Nun, du hast recht; das merck ich eben.
33. Die Kuh wiedergeben seems to be a peasant phrase for acknowledging that one has been in the wrong.
Man muss dir dein Kü wider geben.33
Der Mann spricht:
Du must mir vnschuldigen Man
120Vor meinr gfattern ein widrspruch than.
Die Fraw spricht:
Nun, du bist fromb, vnd schweig nur stil!
Nichts mehr ich dir zusachen wil.
Der Mann spricht:
Weil du nun gnug hast an der prob,
Wil ich nun auch probieren, ob
125Du dein Eh biss her habst nit prochen
34. Weilt = weil du.
Von anfang, weilt34 mir warst versprochen.
Mein Gfattern, thut darzu ewr stewr!
Legt das Eyssn wider in das Fewr,
Das es erfewr vnd glüend wer!
130Darnach so bringt mirs wider her,
Auff das es auch mein Fraw trag mir,
Darmit jr frömbkeit ich probier!
Die Gefatter spricht:
Ey, was wolt jr ewr Frawen zeyhen?
Thut sie des heissen Eyssens freyen!
Der Mann spricht:
135Ach, liebe Gfattr, was ziech sie mich?
Die Fraw spricht:
Mein hertz lieber Mann, wiss, das ich
Das hab auss lauter einfalt than!
Der Mann spricht:
Gfatter, legt bald das Eyssen an!
Darfür hilfft weder fleh noch bit.
(Die Gefatterin geht hin mit dem Eyssen.)
Die Fraw spricht:
140Mein lieber Mann, weistu dann nit,
Ich hab dich lieb im hertzen grundt.
Der Mann spricht:
Dein that laut anders, denn dein mundt,
Da ich das heiss Eyssen must tragen.
Die Fraw spricht:
Ach, mein Mann, thu nicht weyter fragen,
145Sonder mir glauben vnd vertrawen
Als einer auss den frömbsten Frawen!
Lass mich das heiss Eyssen nicht tragen!
Der Mann spricht:
Was darffst dich lang weren vnd klagen?
Bist vnschuldig, so ists schon fried,
150So prent dich das heiss Eyssen nit
Vnd hast probiert dein Weiblich Ehr.
Derhalb schweig nur vnd bitt nicht mehr!
Die Gfatter bringt das glüent eysen, legts auff den stul im kreiss, spricht:
Gfattern, da liegt das glüend Eyssen,
Ewer vnschuld mit zu beweisen.
Der Mann spricht:
155Nun geh zum Eyssen! greiff es an! . . .35
35. At this point nearly a hundred lines are omitted. The wife confesses several transgressions and pleads to be let off, but the husband insists that she handle the iron. When at last she does so it burns her badly. The husband chides her in strong language, whereupon Gefatter intervenes as a peacemaker.
Die Gefatter spricht:
Mein Gfatter, lasts best bey euch liegen!
Wölt meiner Gfattern vergeben das!
Wer ist der, der sich nie vergass?
Kompt! wir wöllen dran giessn ein Wein!
Der Mann spricht:
160Nun, es sol jr verziehen sein!
36. Häfn = Töpfe.
Mein Fraw bricht Häfn,36 so brich ich Krüg,
Vnd wo ich anderst redt, ich lüg.
Doch, Gfatter, wenn jr bürg wolt werden,
Dieweil mein Weib lebet auff Erden,
165Das sie solches gar nimmer thu.
Die Gefatter spricht:
Ey ja, glück zu, Gfatter! glück zu!
37. Glait = Geleit.
Ich wil euch gleich das glait37 heimgeben.
Vnd wöllen heint in freuden leben
38. Auff ein newes = aufs neue.
Vnd auff ein newes38 Hochzeit halten
170Vnd gar vrlaub geben der alten.
Das kein vnrat weyter drauss wachs
Durch das heiss Eyssen, wünscht Hans Sachs.
XLV. FOLKSONGS OF THE SIXTEENTH CENTURY
While the 16th century brought forth no great German lyrist, it is exceptionally rich in good songs, mostly anonymous, that express the joys and sorrows of the general lot. Not all of them were the work of unlettered poets, but all were made to be sung; for lyric poetry as a branch of ‘mere literature’ had not yet come into being. The selections are from Tittmann’s Liederbuch aus dem 16. Jahrhundert, Leipzig, 1881, which gives full information as to the source of the various texts. The titles have been supplied by the editor.
1Lob der Geliebten.Mein einigs herz, mein höchste zier, Wie we ist mir allzeit nach dir, Wie leuchten deine äuglein klar, Wie schön ist dein goldgelbes har, Dein mündlein rot, dein wänglein weiss! Für allen bleibt dir doch der preis. In deinem dienst, sag1 sicherlich, Bleib ich allzeit und ewiglich. 1. Sag, i.e. sage ich. |
2Begegnung im Walde.Ich gieng einmal spazieren Durch einen grünen walt, Da hört ich lieblich singen Ein freulein wol gestalt. Sie sang so gar ein schönen gsang, Dass2 in dem grünen wald erklang. Ich tet mich zu ir nahen, Schön tet sie mich empfahen. Sie hat ein schönen grünen rock Und war so gar ein hübsche dock; Sie tet mir wol gefallen Und liebet3 mir ob allen. Solt ich ein andre werben, Vil lieber wolt ich sterben! |
3
Liebesbitte.
4. Liebes, a neuter noun = der Geliebten.
Ich kam für liebes4 fensterlein
An einem abend spate;
Ich sprach zur allerliebsten mein:
5. Drate = früh.
Ich fürcht, ich kum zu drate.5
Erzeig mir doch die treue dein,
6. Bin gwarten = erwarte (gwarten for gewartend).
Die ich von dir bin gwarten6;
Sieh, liebe, lass mich ein!
Bei meiner treu ich dir versprich,
7. Verkeren = verführen.
Ich wil dich nit verkeren,7
Mein treu ich doch an dir nit brich,
Tust du mich nun geweren.
Kum, glück, und schlag mit haufen drein,
8. Geweren, ‘gratify.’
Dass sie mich tu geweren,8
Sieh, liebe, lass mich ein!
4
Herzog Ulrichs Jagdlied.9
9. Duke Ulrich of Würtemberg (1487-1550) was a passionate lover of the chase. To please the emperor he married an unamiable Bavarian princess, though he was in love with Elizabeth of Brandenburg.
Ich schell mein horn ins jamertal,
Mein freud ist mir verschwunden,
10. Abelan = ablassen, ‘cease.’
Ich hab gejagt, muss abelan,10
Das wild lauft vor den hunden.
5Ein edel tier in diesem feld
Het ich mir auserkoren,
11. Schieht ab, ‘shies away.’
12. Spir = spüre.
Das schieht11 ab mir, als ich wol spir,12
Mein jagen ist verloren.
Far hin, gewild, in waldes lust!
10Ich wil dich nimmer schrecken
13. Brust; probably to be taken as object of jagen, rather than as a loose appositive to dich.
Mit jagen dein schneeweisse brust13;
Ein ander muss dich wecken
Mit jägers gschrei und hundes biss,
Dass du nicht magst entrinnen.
15Halt dich in hut, mein tierle gut!
Mit leid scheid ich von hinnen.
Kein hochgewild ich fahen kann,
Das muss ich oft entgelten,
Noch halt ich stät auf jägers ban,
20Wiewol mir glück komt selten.
14. Gbirn = gebühren.
15. Beniegen = begnügen.
Mag mir nit gbirn14 ein hochgwild schon,
So lass ich mich beniegen15
An hasenfleisch, nit mer ich heisch,
Das mag mich nit betriegen.
5
Verlorene Liebesmühe.
Ein meidlein zu dem brunnen gieng,
Und das was seuberlichen;
Begegnet im ein stolzer knab,
Der grüsst sie herziglichen.
5Sie setzt das krüglein neben sich
Und fraget, wer er were.
Er kusts an iren roten mund:
16. Unmere = gleichgültig.
Ir seit mir nit unmere,16
Tret here!
10Das meidlein tregt pantoffel an,
Darin tuts einher schnappen.
Wer ir nicht recht zusprechen kan,
17. Kappen = Narrenkappen.
Dem schneidt sie bald ein kappen17;
Kein tuch daran nit wirt gespart,
18. Zwagen = waschen in the sense of ‘reject,’ ‘refuse.’
15Kan einen höflich zwagen,18
Spricht, sie woll nit mer unser sein,
Sie hab ein andren knaben,
Lat traben!
6Hüt du dich.Ich weiss ein meidlein hübsch und fein, Hüt du dich! Sie kan gar falsch und freundlich sein, Hüt du dich, vertrau ir nicht! 5Sie narret dich. Sie hat zwei euglein, die sind braun, Hüt du dich! Sie sech19 dich nicht an durch ein zaun, Hüt du dich, vertrau ir nicht! 10Sie narret dich. Sie gibt dir ein krenzlein wol gemacht, Hüt du dich! Für einen narren wirstu geacht, Hüt du dich, vertrau ir nicht! 15Sie narret dich. 19. Sech = sähe. |
7Insbruck, ich muss dich lassen.Insbruck, ich muss dich lassen, Ich far dahin mein strassen, In fremde land dohin; Mein freud ist mir genomen, 5Die ich nit weiss bekommen,20 Wo ich im ellend21 bin. Gross leid muss ich jetzt tragen, Das ich allein tu klagen Dem liebsten bulen mein. 10Ach lieb, nun lass mich armen Im herzen dein erbarmen, Dass ich muss von dannen sein. Mine trost ob allen weiben, Dein tu ich ewig bleiben, 15Stet, treu, der eren frum.22 Nun muss dich Got bewaren, In aller tugent sparen, Biss dass ich wider kum. |
8Sorgenfrei.Zwischen berg und tiefe tal Do lit ein frie strasse, Wer seinen bulen nit haben mag, Der sol in faren lassen. Far hin, far hin, du hast die wal, Ich kan mich din wol massen23; Im jar sind noch viel langer tag, Glück ist in allen gassen. 23. Sich massen, with genitive = entbehren. |
9
Der Muskateller.24
24. Muskateller, ‘muscatel’; a rich, sweetish wine from the muscat grape.
25. Bulen; object of han, the following den being demonstrative.
Den liebsten bulen,25 den ich han,
Der leit beim wirt im keller;
Er hat ein hölzens röcklein an,
Er heisst der muscateller.
26. Nechten, ‘last night’.
Er hat mich nechten26 trunken gmacht
Und frölich heut den ganzen tag,
Got geb im heint ein gute nacht!
Von disem bulen, den ich mein,
Wil ich dir bald eins bringen;
Es ist der allerbeste wein,
Macht mich lustig zu singen,
Frischt mir das blut, gibt freien mut,
Alls durch sein kraft und eigenschaft;
Nu grüss dich Got, mein rebensaft!
10Der Schwartenhals.27Ich gieng für einer frau wirtin haus, Man fragt mich, wer ich wäre; Ich bin ein armer schwartenhals, Ich ess und trinke geren. 5Man fürt mich in die Stuben ein, Da bot man mir zu trinken; Mein äuglein liess ich umbher gan, Den becher liess ich sinken. Man satzt mich oben an den tisch, 10Als ob ich ein kaufman were, Und da es an ein zalen gieng, Mein seckel der war lere. Und da man nu solt schlafen gan, Man wies mich wol in die scheure; 15Da stund ich armer schwartenhals, Mein lachen ward mir teure. Und da ich in die scheure kam, Da fieng ich an zu nisten; Da stachen mich die hagedorn, 20Darzu die rauhen distel. Da ich des morgens frü aufstund, Der reif lag auf dem dache; Da must ich armer schwartenhals Meins unglücks selber lachen. 25Ich nam mein schwert wol in die hand, Ich gürts wol an die seiten; Da ich kein geld im seckel het, Zu fussen must ich reiten. Ich macht mich auf, ich gieng darvon, 30Ich macht mich wol auf die strassen; Da begegnet mir ein kaufman gut, Sein tasch must er mir lassen. 27. Schwartenhals = armer Teufel, ‘vagabond.’ |
XLVI. THE CHAPBOOKS
The so-called Volksbücher of the 16th century were published in cheap and careless form, and designed to meet the popular demand for entertaining and edifying literature—a demand which increased rapidly with the cheapening of paper and the invention of printing. They vary greatly in content and have no common character except a certain artlessness, which is sometimes pleasing but often runs into extreme vulgarity. Special favor was enjoyed by certain collections of anecdotes, specimens of which are given in the first three numbers. The text of Nos. 1, 4, and 5 follows Braune’s Neudrucke (Nos. 55-6. 34-5, 7-8); that of Nos. 2 and 3 the Bibliothek des literarischen Vereins in Stuttgart (Vols. 85 and 229).
1
From ‘Eulenspiegel,’ the 14th story: Eulenspiegel1 gathers a crowd to see him fly.
Die xiiii history sagt wie Ulenspiegel vss gab, das er zu Megdburg von der lauben2 fliegen wolt, vnd die zuseher mit schimpffred ab wise.
Bald nach diser zeit als vlenspiegel ein sigrist wz gesein,3 Da kame er geen Megdburg, vnd treib vil anschleg, vnd sein nom ward da von erst bekant, das man von Vlenspiegel wusst zesagen, da ward er angefochten von den besten der burger von der stat dz er solt etwz abenthür treiben, da sagt er, er wolt es thůn, vnd wolt vff dz rathuss, vnd von der lauben fliegen, da ward ein geschrei in der stat, dz sich iung und alt samlete vff dem marckt, vnd wolten es sehen. Also stunde Vlenspiegel vff der lauben von dem rathuss, vnd bewegt sich mit den armen, vnd gebar eben als ob er fliegen wolt. Die lüt stůnden theten augen vnd müler vff, vnd meinten er wolt fliegen. Da lacht vlenspiegel vnd sprach, Ich meinte es wer kein thor oder nar mer in der welt dan ich. So sih ich wol, dz hie schier die gantz stat vol thoren ist, und wann ir mir alle sagtẽ dz ir fliegen woltẽ ich glaubt es nit, vnd ir glouben mir als einem toren. Wie solt ich fligen kunde, ich bin doch weder ganss noch fogel, so hon ich kein fettich, vnd on fettich oder federn kan nieman fliegen. Nun sehẽ ir offenbar, dz es erlogen ist, vnd lieff da von der lauben, vnd liess dz volck eins teils fluchende, das ander teil lachende vnd sprachen, Das ist ein schalckssnarr noch, dann so hat er war gesagt.