Zimmer im Gasthofe.
Wild, La Feu, Blasius (treten auf in Reisekleidern).
Wild. Heida! nun einmal in Tumult und Lärmen, dass die Sinnen herumfahren wie Dachfahnen beim Sturm! Das wilde Geräusch hat mir schon so viel Wohlsein entgegengebrüllt, dass mir’s wirklich ein wenig anfängt besser zu werden. Soviel hundert Meilen gereiset, um dich in vergessenden Lärmen zu bringen—tolles Herz! du sollst mir’s danken! Ha! tobe und spanne dich dann aus, labe dich im Wirrwar! —Wie ist’s euch?
Blasius. Geh zum Teufel! Kommt meine Donna nach?
La Feu. Mach dir Illusion, Narr! Sollt’ mir nicht fehlen, sie von meinem Nagel in mich zu schlürfen, wie einen Tropfen Wasser. Es lebe die Illusion! —Ei, ei! Zauber meiner Phantasie, wandle in den Rosengärten von Phyllis’ Hand geführt—
Wild. Stärk’ dich Apoll, närrischer Junge!
La Feu. Es soll mir nicht fehlen, das schwarze verrauchte Haus gegenüber, mitsamt dem alten Turm, in ein Feenschloss zu verwandeln. Zauber, Zauberphantasie!— (lauschend) Welch lieblich geistige Symphonieen treffen mein Ohr? —Beim Amor! ich will mich wie ein alt Weib verlieben, in einem alten baufälligen Haus wohnen, meinen zarten Leib in stinkenden Mistlaken baden, bloss um meine Phantasie zu scheren. Ist keine alte Hexe da, mit der ich scharmieren könnte? Ihre Runzeln sollen mir zu Wellenlinien der Schönheit werden; ihre herausstehende schwarze Zähne zu marmornen Säulen an Dianens Tempel; ihre herabhangende lederne Zitzen Helenens Busen übertreffen. Einen so aufzutrocknen, wie mich! —He, meine phantastische Göttin! —Wild, ich kann dir sagen, ich hab’ mich brav gehalten die Tour her. Hab’ Dinge gesehen, gefühlt, die kein Hund geschmeckt, keine Nase gerochen, kein Aug gesehen, kein Geist erschwungen—
Wild. Besonders wenn ich dir die Augen zuband. Ha! Ha!
La Feu. Zum Orcus! du Ungestüm!— Aber sag’ mir nun auch einmal, wo sind wir in der wirklichen Welt jetzt? In London doch?
Wild. Freilich. Merktest du denn nicht, dass wir uns einschifften? Du warst ja seekrank.
La Feu. Weiss von allem nichts, bin an allem unschuldig.— Lebt denn mein Vater noch? Schick doch einmal zu ihm, Wild, und lass ihm sagen, sein Sohn lebe noch. Käme soeben von den Pyrenäischen Gebirgen aus Friesland. Weiter nichts.
Wild. Aus Friesland?
La Feu. In welchem Viertel der Stadt sind wir dann?
Wild. In einem Feenschloss, La Feu! Siehst du nicht den goldnen Himmel? die Amors und Amouretten? die Damen und Zwergchen?
La Feu. Bind’ mir die Augen zu! (Wild bindet ihm zu.) Wild! Esel! Ochse! nicht zu hart! (Wild bindet ihn los.) He! Blasius, lieber, bissiger, kranker Blasius, wo sind wir?
Blasius. Was weiss ich?
Wild. Um euch einmal aus dem Traum zu helfen, so wisst, dass ich euch aus Russland nach Spanien führte, weil ich glaubte, der König fange mit dem Mogol Krieg an. Wie aber die spanische Nation träge ist, so war’s auch hier. Ich packte euch also wieder auf, und nun seid ihr mitten im Krieg in Amerika. Ha! lass mich’s nur recht fühlen, auf amerikanischem Boden zu stehen, wo alles neu, alles bedeutend ist. Ich trat ans Land—O dass ich keine Freude rein fühlen kann!
La Feu. Krieg und Mord! o meine Gebeine! o meine Schutzgeister! —So gib mir doch ein Feenmärchen! o weh mir!
Blasius. Dass dich der Donner erschlüg’, toller Wild! was hast du wieder gemacht? Ist Donna Isabella noch? He! willst du reden? meine Donna!
Wild. Ha! Ha! Ha! du wirst ja einmal ordentlich aufgebracht.
Blasius. Aufgebracht? Einmal aufgebracht? Du sollst mir’s mit deinem Leben bezahlen, Wild! Was? bin ich wenigstens ein freier Mensch. Geht Freundschaft so weit, dass du in deinen Rasereien einen durch die Welt schleppst wie Kuppelhunde? Uns in die Kutsche zu binden, die Pistole vor die Stirn zu halten, immer fort, klitsch! klatsch! In der Kutsche essen, trinken, uns für Rasende auszugeben, In Krieg und Getümmel von meiner Passion weg, das einzige, was mir übrig blieb—
Wild. Du liebst ja nichts, Blasius.
Blasius. Nein, ich liebe nichts. Ich hab’s so weit gebracht, nichts zu lieben, und im Augenblick alles zu lieben, und im Augenblick alles zu vergessen. Ich betrüge alle Weiber, dafür betrügen und betrogen mich alle Weiber. Sie haben mich geschunden und zusammengedrückt, dass Gott erbarm’! Ich hab’ alle Figuren angenommen. Dort war ich Stutzer, dort Wildfang, dort tölpisch, dort empfindsam, dort Engelländer, und meine grösste Conquete machte ich, da ich nichts war. Das war bei Donna Isabella. Um wieder zurückzukommen—deine Pistolen sind geladen—
Wild. Du bist ein Narr, Blasius, und verstehst keinen Spass.
Blasius. Schöner Spass dies! Greif zu! ich bin dein Feind den Augenblick.
Wild. Mit dir mich schiessen? Sieh, Blasius! Ich wünschte jetzt in der Welt nichts als mich herumzuschlagen, um meinem Herzen einen Lieblingsschmaus zu geben. Aber mit dir? Ha! Ha! (Hält ihm die Pistole vor.) Sieh ins Mundloch und sag, ob dir’s nicht grösser vorkommt als ein Tor in London? Sei gescheit, Freund! Ich brauch’ und lieb’ euch noch, und ihr mich vielleicht auch. Der Teufel konnte keine grössre Narren und Unglücksvögel zusammen führen als uns. Deswegen müssen wir zusammen bleiben, und auch des Spasses halben. Unser Unglück kommt aus unserer eignen Stimmung des Herzens, die Welt hat dabei getan, aber weniger als wir.
Blasius. Toller Kerl! Ich bin ja ewig am Bratspiess.
La Feu. Mich haben sie lebendig geschunden und mit Pfeffer eingepökelt. —Die Hunde!
Wild. Wir sind nun mitten im Krieg hier, die einzige Glückseligkeit, die ich kenne, im Krieg zu sein. Geniesst der Scenen, tut was ihr wollt.
La Feu. Ich bin nicht für’n Krieg.
Blasius. Ich bin für nichts.
Wild. Gott mach euch noch matter! —Es ist mir wieder so taub vorm Sinn. So gar dumpf. Ich will mich über eine Trommel spannen lassen, um eine neue Ausdehnung zu kriegen. Mir ist so weh wieder. O könnte ich in dem Raum dieser Pistole existieren, bis mich eine Hand in die Luft knallte! O Unbestimmtheit! wie weit, wie schief führst du die Menschen!
2
From Leisewitz’ ‘Julius of Tarentum,’ Act 3, Scene 3.2
Guido, Julius
Guido. Julius, kannst du die Tränen eines Vaters ertragen? Ich kann’s nicht.
Julius. Ach, Bruder, wie könnt’ ich?
Guido. Meine ganze Seele ist aus ihrer Fassung, ich möchte mir das Gewühl einer Schlacht wünschen, um wieder zu mir selbst zu kommen. —Und das kann eine Träne? Ach, was ist der Mut für ein wunderbares Ding! Fast möchte ich sagen, keine Stärke der Seele, bloss Bekanntschaft mit einem Gegenstande—und wenn das ist, ich bitte dich, was hat der Held, den eine Träne ausser sich bringt, an innerer Würde vor dem Weibe voraus, das vor einer Spinne auffährt?
Julius. Bruder, wie sehr gefällt mir dieser dein Ton!
Guido. Mir nicht, wie kann mir meine Schwäche gefallen! Ich fühle, dass ich nicht Guido bin. Wahrhaftig, ich zittre—o wenn das ist, so werd’ ich bald auf die rechte Spur kommen!—ich hab’ ein Fieber!
Julius. Seltsam—dass sich ein Mensch schämt, dass sein Temperament stärker ist als seine Grundsätze.
Guido. Lass uns nicht weiter davon reden!—meine jetzige Laune könnte darüber verfliegen, und ich will sie nutzen! Man muss gewisse Entschlüsse in diesem Augenblick ausführen, aus Furcht, sie möchten uns in den künftigen gereuen. Du weisst es, Bruder, ich liebe Blancan, und habe meine Ehre zum Pfande gegeben, dass ich sie besitzen wollte. —Aber diese Tränen machen mich wankend.
Julius. Du setzest mich in Erstaunen.
Guido. Ich glaube meiner Ehre genug getan zu haben, wenn sie niemand anders besitzt, wenn sie bleibt, was sie ist—denn wer kann auf den Himmel eifersüchtig sein? Aber du siehst, wenn ich meine Ansprüche aufgebe, so musst du auch die deinigen, mit all den Entwürfen, sie jemals in Freiheit zu setzen, aufgeben. —Lass uns das tun, und wieder Brüder und Söhne sein! —Wie wird sich unser Vater freuen, wenn er uns beide zu gleicher Zeit am Ziel sieht, wenn wir beide aus dem Kampfe mit einander als Sieger zurückkommen, und keiner überwunden. —Und noch heute muss das geschehen, heut’ an seinem Geburtstage.
Julius. Ach, Guido!
Guido. Eine entscheidende Antwort!
Julius. Ich kann nicht.
Guido. Du willst nicht? so kann ich auch nicht. Aber von nun an bin ich unschuldig an diesen väterlichen Tränen, ich schwör’ es, ich bin unschuldig. Auch ich bekäme meinen Anteil davon, sagt’ er. —Siehe, ich wälze ihn hiemit auf dich. Dein ist die ganze Erbschaft von Tränen und Flüchen!
Julius. Du bist ungerecht,—glaubst du denn, dass sich eine Leidenschaft so leicht ablegen lasse, wie eine Grille, und dass man die Liebe an- und ausziehen könne, wie einen Harnisch? —Ob ich will—ob ich will—wer liebt, will lieben und weiter nichts. —Liebe ist die grosse Feder in dieser Maschine; und hast du je eine so widersinnig künstliche Maschine gesehen, die selbst ein Rad treibt, um sich zu zerstören, und doch noch eine Maschine bleibt?
Guido. Ungemein fein, ungemein gründlich—aber unser armer Vater wird sterben!
Julius. Wenn das geschieht, so bist du sein Mörder! —Deine Eifersucht wird ihn töten, und hast du nicht eben gesagt, du könntest deine Ansprüche aufgeben, wenn du wolltest—heisst das nicht gestehen, dass du sie nicht liebst, und doch bleibst du halsstarrig? Dein Aufgeben wär’ nicht Tugend gewesen, aber dein Beharren ist Laster!
Guido. Bravo! Bravo! Das war unerwartet.
Julius. Und was meinst du denn?
Guido. Ich will mich erst ausfreuen, dass die Weisheit eben so eine schlanke geschmeidige Nymphe ist, als die Gerechtigkeit, eben so gut ihre Fälle für einen guten Freund hat. Ich könnte meine Ansprüche aufgeben, wenn ich wollte? —Wenn die Ehre will! —Das ist die Feder in meiner Maschine—du kannst nichts tun, ohne die Liebe zu fragen, ich nichts, ohne die Ehre:—wir beide können also für uns selbst nichts, das, denk’ ich, ist doch wohl ein Fall.
Julius. Hat man je etwas so Unbilliges gehört, die erste Triebfeder der menschlichen Natur mit der Grille einiger Toren zu vergleichen?
Guido. Einiger Toren! —Du rasest! —Ich verachte dich, wie tief stehst du unter mir! Ich halte meine Rührung durch Tränen für Schwachheit,—aber zu diesem Grade meiner Schwachheit ist deine Tugend noch nicht einmal gestiegen.
Julius. Es ist immer dein Fehler gewesen, über Empfindungen zu urteilen, die du nicht kennst.
Guido. Und dabei immer ums dritte Wort von Tugend zu schwatzen! —Ich glaube, wenn du nun am Ziel deiner Wünsche bist und deinen Vater auf der Bahre siehst, so wirst du anstatt nach getaner Arbeit zu rasten, noch die Leichenträger unterrichten, was Tugend sei, oder was sie nicht sei!
Julius. Wie hab’ ich mich geirrt! Bist du nicht schon wieder in deinem gewöhnlichen Tone?
Guido. Siehe, du hoffest auf seinen Tod, kannst du das leugnen? Glaubst du, dass ich es nicht sehe, dass du alsdenn das Mädchen aus dem Kloster entführen willst? —Es ist wahr, alsdann bist du Fürst von Tarent, und ich bin nichts—als ein Mann. —Aber dein zartes Gehirnchen könnte zerreissen, wenn du das alles lebhaft dächtest, was ein Mann kann. —Gott sei Dank, es gibt Schwerter, und ich hab’ einen Arm, der noch allenfalls ein Mädchen aus den weichen Armen eines Zärtlings reissen kann! Ruhig sollst du sie nicht besitzen, ich will einen Bund mit dem Geiste unsers Vaters machen, der an deinem Bette winseln wird.
Julius. Ich mag so wenig als unser Vater von dir im Affekt hören, was du tun willst. (Ab.)
3
From Maler Müller’s ‘Golo and Genevieve,’ Act 3, Scene 4.3
Golo (hervor). Wie unruhig die Nacht! Hat mich der schönste Stern hervorgezischt? Oder war sie es selbst, die jetzt ebenso liebeunruhig im Grünen irret wie ein angeschossen Reh, meiner heissen Sehnsucht zu begegnen? Wie entglommen mein Herz! O Mathilde, du sagtest mir nicht alles; ich bin wohl glücklicher als ich es selbst gewusst.
Ach, süsses Glück der Liebe,
Wer dich nicht kost,
Des Lebens Freude kennt er nicht,
Des Lebens besten Schatz.
Still! Was hör’ ich droben am Fenster? Sie selbst, o Himmel! (Zieht sich in die Grotte.)
Genoveva (oben auf dem Altan). Die du alles bedeckst, Nacht, bedecke auch meinen Gram, süsse, liebe, heitere Nacht! Ich bin schon wieder froh. Was trauere ich denn auch? Was hat mein Herz verbrochen? (Singt.)
Viel lieber wollt’ nicht leben
Als mich dem Gram ergeben;
Der Gram das Leben frisst.
Was nur der Waldbruder meinte? Sollte es möglich sein, grosser Gott, möglich? Golo ein Verräter an mir, an Siegfried, der ihn so brüderlich liebt? Und warum sollt’ er’s sein? Worin? (Singt.)
Aufs sichere Nest kein Vogel geht,
Auch Sturm es manchmal rüttelt;
Kein Baum im freien Walde weht,
Den Winters Gewalt nicht schüttelt.
Was auf der Erde lebt und steht;
Wechselt immer Schmerz und Wonne;
Der Winter wohl nach Sommer geht,
Nach Regen lacht die Sonne.
Also packt euch, ihr Grillen, wohin ihr wollt; ich mag nicht länger mit euch zu schaffen haben. Wie angenehm der falbe Mondglanz zwischen den Bäumen dort unten! Ich will auch hinunter, mich noch ein Weilchen erlaben, jetzt, da ich allein bin. Das will ich. (Ab.)
Golo. Kommt sie herunter? Sie fliegt herunter meinen Armen zu. O Stunde, Stunde, bist du da? Ich hör’, ich hör’ sie schon; da ist sie, da bin ich, wie über Wolken zu dir auf, himmlisches, seliges Wesen!
Genoveva. Wer hält mich? Wer ist da? Himmel! Bin ich nicht allein?
Golo. Ach, kannst du noch fragen? Ich bin’s, Genoveva, ich, der schon so lange anbetet, nach dir lechzt wie der Hirsch nach frischem Trank, nach dir! Genoveva, Genoveva, du, selig machst du mich jetzt, selig! (Er kniet vor ihr und hält sie.)
Genoveva. Edler Ritter, lasst ab, ich bitt’ Euch; haltet ein, Ihr irrt.
Golo. O Leben! Nimm mir das Leben! Teure, ich liebe Euch, liebe Euch.
Genoveva. Ihr liebt mich, Ritter? Wie? Ihr? Was sagt Ihr?
Golo
Ach hier, wo sich mein Herz verlor,
In süssen Jugendtagen,
Ihr Stauden, hänget noch betrübt
Von meinen schweren Klagen!
O schau’ hinauf ins Sternenchor,
Sie werden’s all dir sagen,
Wie treu und rein der Ritter liebt,
Der dir so ist ergeben.
So rein ihr Schein,
Steht hoffnungsfroh nach dir allein
Mein Streben und mein Leben.
Erlös’ mich, schönstes Herz, eine arme Seele ans Flammen zu dir! Erbarme dich!
Genoveva (zitternd). Was wollt Ihr? Golo, Golo, was sprecht Ihr? Gedenkt doch—O nein, nein, es darf ja nicht—Schweigt doch, der Himmel hört uns beide. Schaut um Euch, junger Ritter; in der Welt werdet Ihr noch eine schöne Gemahlin finden, die Euch trösten darf; sprecht nicht so zu mir; ich vermag’s ja nicht.
Golo. O bei den Lichtern, die dort oben brennen, keine unter dem Himmel und auf Erden als du allein! Eh soll sich dies Herz so in Glut verzehren! Du allein, süsses, seliges Wesen, dein Abdruck, rein bis in den Tod.
Genoveva. O lasst mich, lasst mich, lasst mich doch, Ritter! Kann Euch nicht länger anhören. O Himmel!
Golo. Flieh nicht, Genovevchen, reissest mir die Seele mit weg. Ermorde mich, Grausame; gib mir den Tod; sage, du wollest mich nicht trösten; dein Zorn macht mich zur Leiche.
Genoveva. Golo! Ritter, bedenkt doch ums Himmels willen!
Golo. Es ist vorbei, ich kann nicht. (Küsst ihre Hand.)
Genoveva. Halt!
Golo. Engel, süsser Engel!
Genoveva. Falscher, was treibt Ihr? Unsinniger!
Golo. Umsonst! Umsonst! (Umfasst sie und trägt sie der Höhle zu.)
Genoveva. Ungeheuer! Nicht edler Ritter! —Ihr droben, erbarmt euch mein! Hilfe! Hilfe!
(Dragones der Grotte zu.)
Dragones. Was gibt’s hier? Steht! Wer ist’s? —Eure Stimme, Gräfin? Ehrenräuber! Wer du auch bist, halt! Halt!
Golo (lässt Genoveven los, schlägt den Mantel vor.) Hölle! O alles! Da, nimm’s, ungebetener Hund!
Dragones. Weh mir! Bin verwundet! Hilfe! O Hilfe!
Golo. Was soll ich nun? Genoveva! Was fang’ ich nun an? Verflucht! Dort kommen mehr Leute. Ich muss flüchten, bin verraten, verloren. Weh! Weh!
1. Friedrich Maximilian Klinger (1752-1831) was a fellow-townsman and friend of Goethe. His Sturm und Drang, which was at first named Wirrwarr, came out in 1776. The scene is ‘America.’ The speakers are Wild, a lusty and masterful man of action; Blasius, a blasé worldling; and La Feu, a sentimental dreamer. They propose to try their fortunes in the French-Indian War.
2. Published in 1776—the same year with Klinger’s Die Zwillinge, which also deals with fratricide. Julius, the crown prince, is a studious and romantic dreamer; Guido, a young hotspur. Their father has just been imploring them to end their futile quarrel over the girl Blanca, who has been sent to a nunnery. —Julius of Tarentum is by far the most important work of its author, Johann Anton Leisewitz (1752-1806).
3. Friedrich Müller (1749-1825), commonly distinguished as Maler Müller, wrote his Golo und Genoveva between 1775 and 1781. Siegfried, Count Palatine, has gone to aid Charles Martel against the Moors, leaving his virtuous and saintly wife, Genevieve, in the care of his trusted vassal Golo. Inflamed by lust and perverted by evil counsels, Golo proves faithless to his trust. The scene is in Genevieve’s castle-garden, where Golo has hidden in a grotto.
LXXVI. THE GÖTTINGEN POETIC ALLIANCE
In the year 1772 a number of Göttingen youths formed a society for the cultivation of a vigorous Deutschtum in what they supposed to be the spirit of the forefathers. Klopstock was their hero, Wieland their aversion. They wrote songs, ballads, odes, idyls, elegies, etc., treating of freedom, virtue, love of country, the brave days of old; of nature and the seasons; of common folk and their employments. Their work accords with the general spirit of the ‘Storm and Stress,’ and here and there presages the romantic movement. Of the selections, Nos. 1, 4, 9 are by Count Friedrich Leopold Stolberg (1750-1819); Nos. 2, 5 by Johann Heinrich Voss (1751-1826); Nos. 3, 6, 10 by Ludwig Hölty (1748-1776); Nos. 7, 8 by Johann Martin Miller (1750-1814). See Kürschner’s Nationalliteratur, Vols. 49-50.
1Die Freiheit.Freiheit! Der Höfling kennt den Gedanken nicht, Sklave! Die Kette rasselt ihm Silberton! Gebeugt das Knie, gebeugt die Seele, Reicht er dem Joche den feigen Nacken. 5Mir ein erhabner, schauergebärender Wonne-Gedanke! Fre heit, ich fühle dich! Das ganze Herz, von dir erfüllet, Strömet in voller Empfindung über! Nektar der Seele! Helden entflammtest du, 10Welchen die Nachwelt jedes Erstaunen weiht, Du stärktest sie! In Sklavenhänden Rostet der Stahl, wird entnervt der Bogen. Wer für die Freiheit, wer für das Vaterland Mutig den Arm hebt, leuchtet im Blute wie 15Der Blitz des Nachtsturms; der Gefahren Trübt ihm nicht eine die heitre Stirne. Namen, mir festlich wie ein Triumphgesang: Brutus! Tell! Hermann! Cato! Timoleon! Im Herzen des, dem freie Seele 20Gott gab, mit Flammenschrift eingegraben. |
2An Goethe.1Der du edel entbranntst, wo hochgelahrte Diener Justinians Banditen zogen, Die in Roms Labyrinthen Würgen das Recht der Vernunft; Freier Goethe, du darfst die goldne Fessel, Aus des Griechen Gesang geschmiedet, höhnen! Shakespeare dürft’ es und Klopstock, Söhne gleich ihm der Natur! Mag doch Heinrichs Homer,2 im trägen Mohnkranz, Mag der grosse Corneill’, am Aristarchen— Trone knieend, das Klatschen Staunender Leutlein erflehn! Deutsch und eisern wie Götz, sprich Hohn den Schurken— Mit der Fessel im Arm! Des Sumpfes Schreier Schmäht der Leu zu zerstampfen, Wandelt durch Wälder und herrscht! |
3An Teuthard.3Trotz jedem Ausland stürmet Begeisterung In deutschen Seelen. Barden, ihr zeuget es, Die ihr von Sarons Palmen und von Heimischen Eichen euch Kränze wandet! 5Mit schnellern Flügen als der Hesperier Und Brite flogt ihr, Barden des Vaterlands, Zu Bragas Gipfel! Noch war Dämmrung; Dämmrung zerflog, und die Mittagssonne Stand hoch am Himmel. —Muse Teutoniens, 10Du bietest deiner Schwester, der Britin, Trotz Und überfleugst sie bald! Du lächelst, Muse, der gaukelnden Afterschwester, Die in den goldnen Sälen Lutetiens Ihr Liedchen klimpert. Schande dem Sohne Teuts, 15Der’s durstig trinket, weil es Wollust Durch die entloderten Adern strömet! Kein deutscher Jüngling wähle das Mädchen sich, Das deutsche Lieder hasset und Buhlersang Des Galliers in ihre Laute 20Tändelnde Silberaccorde tönet! Schwing deine Geissel, Sänger der Tugend, schwing Die Feuergeissel, welche dir Braga gab, Die Natternbrut, die unsre deutsche Redlichkeit, Keuschheit und Treue tötet, 25Zurückzustäupen! Ich will, o Freund, indes, Wenn deine Geissel brauset, des tollen Schwarms Am Busen eines deutschen Mädchens Unter den Blumen des Frühlings lachen. |
5Trinklied für Freie.Mit Eichenlaub den Hut bekränzt! Wohlauf! und trinkt den Wein, Der duftend uns entgegenglänzt! Ihn sandte Vater Rhein. 5Ist einem noch die Knechtschaft wert, Und zittert ihm die Hand, Zu heben Kolbe, Lanz’ und Schwert, Wenn’s gilt fürs Vaterland: Weg mit dem Schurken, weg von hier! 10Er kriech’ um Schranzenbrot, Und sauf’ um Fürsten sich zum Tier, Und bub’4 und lästre Gott! Und putze seinem Herrn die Schuh, Und führe seinem Herrn 15Sein Weib und seine Tochter zu Und trage Band und Stern! Für uns, für uns ist diese Nacht, Für uns der edle Trank! Man keltert’ ihn, als Frankreichs Macht 20In Höchstädts5 Tälern sank. Drum, Brüder, auf! den Hut bekränzt! Und trinkt, und trinkt den Wein, Der duftend uns entgegenglänzt! Uns sandt’ ihn Vater Rhein. 25Uns rötet hohe Freiheitsglut, Uns zittert nicht die Hand, Wir scheuten nicht des Vaters Blut, Geböt’s das Vaterland. Uns, uns gehöret Hermann an, 30Und Tell, der Schweizerheld, Und jeder freie deutsche Mann; Wer hat den Sand gezählt? |
7Lob der Alten.Es leben die Alten, Die Mädchen und Wein Für Mittel gehalten Sich weislich zu freun! 5Sie übten die Pflichten Des Biedermanns aus Und lachten in Züchten Beim nächtlichen Schmaus. Da lud man die Jugend 10Zum Mahle mit ein, Und predigte Tugend Durch Taten allein; Man rühmte die Grossen, Die, tapfer und gut, 15Kein andres vergossen Als feindliches Blut. Dem Lande zu Ehren Nahm jeder sein Glas; Vergnügen half’s leeren, 20Doch hielten sie Mass, Und lachten sich nüchtern Und sangen in Ruh Von fröhlichen Dichtern Ein Liedchen dazu. 25Um Mitternacht schieden Sie küssend vom Schmaus, Und kehrten in Frieden Zum Weibchen nach Haus. Es leben die Alten! 30Wir folgen dem Brauch, Auf den sie gehalten, Und freuen uns auch. |
9An die Natur.Süsse, heilige Natur, Lass mich gehn auf deiner Spur! Leite mich an deiner Hand, Wie ein Kind am Gängelband! Wenn ich dann ermüdet bin, Rück ich dir am Busen hin, Atme süsse Himmelslust, Hangend an der Mutter Brust. Ach, mir ist so wohl bei dir! Will dich lieben für und für. Lass mich gehn auf deiner Spur, Süsse, heilige Natur! |
10Frühlingslied.Die Luft ist blau, das Tal ist grün, Die kleinen Maienglocken blühn Und Schlüsselblumen drunter; Der Wiesengrund Ist schon so bunt Und malt sich täglich bunter. Drum komme, wem der Mai gefällt, Und freue sich der schönen Welt Und Gottes Vatergüte, Die diese Pracht Hervogebracht, Dem Baum und seine Blüte. |
1. The ode, written in 1773, alludes to Goethe’s newly published Götz, in which there are some drastic comments on German legal procedure under the Code Justinian.
2. Allusion to Voltaire’s Henriade.
3. Teuthard—poetic name for a rugged Old German—is Fritz Hahn, a member of the Alliance.
4. Buben, ‘indulge in shameless vice.’
5. At Höchstädt in Bavaria the French were defeated in 1704 by the English and Germans.
LXXVII. GOTTFRIED AUGUST BÜRGER
1747-1794. The stormy decade 1770-1780, which quickened other germs of what was afterwards to be known as romanticism, brought with it a notable renascence of the ballad. By general consent the first place in the balladry of the time belongs to Bürger’s Lenore (1774). The uncanny supernaturalism and onomatopœic word-jingles, which had lent a mysterious fascination to many an old ballad, but had virtually disappeared from the lyric poetry of the reason-worshiping century, were here revived with telling effect.
LXXVIII. FRIEDRICH SCHILLER
1759-1805. The more important work of Schiller falls without the limit set for this book. His contribution to the literature of revolution begins with the Robbers (1781), a fierce castigation of the social order, and ends with Cabal and Love (1784), which is the only family tragedy of that time that has survived on the stage. The dramatic genius which was to give Schiller the supreme place in the history of the German theater appears full-fledged in his early plays, not, however, his self-control, his wisdom, or his knowledge of human nature.
1Lied Amaliens.Schön wie Engel, voll Walhallas Wonne, Schön vor allen Jünglingen war er, Himmlisch mild sein Blick, wie Maiensonne Rückgestrahlt vom blauen Spiegelmeer. Seine Küsse—paradiesisch Fühlen! Wie zwo Flammen sich ergreifen, wie Harfentöne in einander spielen Zu der himmelvollen Harmonie,— Stürzten, flogen, schmolzen Geist und Geist zusammen, Lippen, Wangen brannten, zitterten,— Seele rann in Seele—Erd’ und Himmel schwammen Wie zerronnen um die Liebenden! Er ist hin—vergebens, ach, vergebens Stöhnet ihm der bange Seufzer nach! Er ist hin, und alle Lust des Lebens Wimmert hin in ein verlorenes Ach! |