Nachdem ich Darius besiegt

Und das ganze Land Persien

4930

Und auch das berühmte Indien

Mir untertan gemacht,

Hob ich mich bald von dannen

Mit meinen lieben Mannen

Nach Caspen Porten.1

4935

Leid und Furcht wähnte ich

Nicht mehr zu erdulden.

Wir kamen zu einem Wasser,

Da liess ich mein Heer ausruhen;

Wir dachten den Durst zu stillen.

4940

Als wir zu dem Wasser kamen

Und es in den Mund nahmen,

War es bitter wie Galle;

Unerquickt blieben wir alle.

Nun brachen wir vom Lager auf

4945

Und sahen über ein Feld hin,

Wo eine schöne Stadt war,

Die war geheissen Barbaras,

Eine Meile über das Wasser.

Meine Ritter all die Weile

4950

Wollten schwimmen in dem Flusse.

Da näherte sich der Schaden:

Krokodile kamen,

Die meiner Gesellen nahmen

Siebenundzwanzig,

4955

Die verloren das Leben;

Ich kann es wahrhaftig sagen,

Da ich es selbst ansah,

Wie sie sie hinunter frassen;

Ich musste sie fahren lassen.

4960

Da brach mein Heer auf

Nach reiflicher Überlegung

Und kam wieder zu dem Wasser,

Das früher bitter war;

Jetzt war es süss und gut,

4965

Des freute sich unser Mut.

Da schlugen wir unsre Zelte

Auf dem Felde beim Flusse

Und machten ein grosses Feuer.

Die Ruhe ward uns sauer,

4970

Denn aus dem Walde kamen

Manch fürchterliches Tier

Und schreckliches Gewürme.

Mit denen mussten wir kämpfen

Beinah die ganze Nacht;

4975

Durst hatte sie dahin gebracht,

Sie wollten sich im Wasser laben.

Skorpionen taten uns viel Schaden,

Die waren breit und lang

Und hatten fürchterlichen Gang,

4980

Teils rote, teils auch weisse;

Sie machten uns grosse Not,

Sie erbissen uns manchen Mann.

Da kamen auch Löwen,

Die waren gross und stark.

4985

Grössere Furcht war nie

Unter einem Heere;

Den Löwen mussten wir uns wehren.

Danach kam zu uns gelaufen

Manch furchtbarer Eber,

4990

Grösser noch als die Löwen.

Mit den Zähnen hieben sie

Alles, was vor ihnen stand;

Dass einer von uns am Leben blieb,

Dafür Gott habe Dank!

4995

Ihre Zähne waren lang,

Eine Klafter oder mehr;

Die taten uns viel weh.

Da kamen auch manche

Elefanten gegangen,

5000

Um vom Fluss zu trinken;

Wir litten Ungemach.

Auch wurden wir heimgesucht

Von masslos langen Schlangen

Mit aufgerichteter Brust;

5005

Wir litten grosse Unlust.

Es kamen auch Menschen,

Die gleich Teufeln waren:

Sie waren wie Affen

Unter den Augen geschaffen,

5010

Sie hatten sechs Hände,

Lang waren ihre Zähne;

Hart plagten sie mein Heer.

Den Leuten mussten wir uns wehren

Mit Speeren und Geschossen;

5015

Sie starben ungesättigt.

Unsre Not war mannigfach;

Da brannten wir den Wald.

Das ward deshalb getan,

Dass wir Frieden haben könnten

5020

Vor den schrecklichen Tieren.

Nicht lange danach

Sah ich das grausamste Tier,

Das früher oder später

Jemand geschaut hat.

5025

Das sah ich mit meinen Augen;

Schrecklicheres Tier gibt es nicht.

Es hatte Geweih wie der Hirsch,

Mit drei starken Stangen,

Die gross und lang waren.

5030

Wär’ ich nicht dabei gewesen,

Es hätte das Leben verloren

Ein grosser Teil meines Heers.

Es waren sechsunddreissig derer,

Die es mit den Hörnern erschlug;

5035

Es war fürchterlich genug.

Auch sag’ ich euch wahrhaftig,

Dass derer fünfzig waren,

Die es zertrat mit den Füssen.

Lines 5193-5358: The wonderful girl-flowers

Der edle herrliche Wald

War wunderbar schön;

5195

Das nahmen wir alles wahr.

Hoch waren die Bäume,

Die Zweige dicht und breit;

In Wahrheit sei es gesagt,

Das war eine grosse Wonne.

5200

Da konnte nie die Sonne

Bis auf die Erde scheinen.

Ich und die Meinen

Liessen unsre Rosse stehen

Und gingen stracks in den Wald,

5205

Nach dem wonniglichen Gesang;

Die Zeit deuchte uns sehr lang,

Bis wir dahin kamen,

Wo wir vernahmen,

Was das Wunder sein mochte.

5210

Manch schönes Mägdelein

Haben wir da gefunden,

Die da in diesen Stunden

Spielten auf dem grünen Klee.

Hunderttausend und mehr,

5215

Spielten sie und sprangen;

Ei, wie schön sie sangen!

So dass wir, klein und gross,

Wegen des süssen Getöses,

Das wir im Walde hörten,

5220

Ich und meine Helden kühn,

Vergassen unser Herzeleid

Und all die grosse Arbeit

Und all das Ungemach,

Und was uns Schweres geschehen war.

5225

Uns allen deuchte es,

Wie es wohl mochte,

Dass wir genug hätten

Für unser ganzes Leben

An Freude und Reichtum.

5230

Da vergass ich Angst und Leid,

Ich und mein Gesinde,

Und was uns von der Kindheit

Je Leides zu teil geworden

Bis auf diesen Tag.

5235

Mir deuchte sofort,

Ich könnte nie krank werden,

Und könnte ich immer da sein,

Würde ich ganz genesen

Von all der Angst und Not

5240

Und nicht mehr fürchten den Tod.

Wollt ihr nun recht verstehen,

Wie es war um die Frauen,

Woher sie kamen,

Und welch Ende sie nahmen,

5245

Das mag euch besonders

Zum grossen Wunder gereichen.

Als der Winter zu Ende war,

Und der Sommer anfing,

Und es begann zu grünen,

5250

Und die edlen Blumen

Im Walde begannen aufzugehn,

Da waren sie sehr lieblich.

Hell war ihr Blumenglanz,

In Rot und auch in Weiss

5255

Erglänzten sie weithin.

Blumen hat es nie gegeben,

Die schöner sein könnten.

Sie waren, wie uns deuchte,

Ganz rund wie ein Ball

5260

Und fest geschlossen überall.

Sie waren wunderbar gross;

Als die Blume sich oben erschloss,

Das merket in eurem Sinne,

So waren darinne

5265

Mägdelein ganz vollkommen;

Ich sag’ es, wie ich’s vernommen.

Sie gingen und lebten

Und hatten menschlichen Sinn

Und redeten und baten,

5270

Genau als hätten sie

Ein Alter von zwölf Jahren.

Sie waren, das ist wahr,

Schön geschaffen am Leibe;

Nie sah ich an einem Weibe

5275

Ein schöneres Antlitz

Noch Augen so liebsam.

Ihre Hände und ihre Arme

Waren glänzend wie Hermelin,

Auch ihre Füsse und Beine.

5280

Unter ihnen war keine,

Die nicht schöner Hübschheit pflag.

Sie waren züchtig heiter

Und lachten und waren froh

Und sangen auf solche Weise,

5285

Dass niemand früher oder später

Eine so süsse Stimme vernahm.

Wollt ihr es glauben,

So mussten diese Frauen

Immer im Schatten sein,

5290

Sonst könnten sie nicht gedeihn;

Welche die Sonne beschien,

Blieb nicht mehr am Leben.

Das Wunder war mannigfach:

Als der Wald tönend wurde,

5295

Von den süssen Stimmen,

Die darinne sangen,

Die Vögel und die Mägdelein,

Wie konnt’ es wonniglicher sein,

Früh oder spät?

5300

All ihre Leibeskleidung

War fest angewachsen

An der Haut und am Körper.

Ihre Farbe war dieselbe,

Die die Blumen hatte,

5305

Rot und auch weiss wie Schnee.

Als wir sie zu uns kommen sahen,

Zog uns der Leib zu ihnen.

Solch begehrenswerte Weiber

Sind der Welt unbekannt.

5310

Nach meinem Heere schickte ich sofort.

Als sie zu mir kamen

Und auch vernahmen

Die herrlichen Stimmen,

Da gingen sie verständnisvoll

5315

Und schlugen ihre Zelte

Im Walde, nicht auf dem Felde.

Da lagen wir nun im Schalle

Und freuten uns alle

Der seltsamen Bräute.

5320

Ich und meine Leute,

Wir wollten da bleiben.

Wir nahmen sie zu Frauen

Und hatten mehr Wonne

Als wir je gewonnen

5325

Seit unserer Geburt.

Weh, dass wir sobald verloren

Das grosse Vergnügen!

Dies Wunder sah ich alles

Selbst mit meinen Augen;

5330

Das möget ihr glauben.

Dies währte, wie ich euch sage,

Drei Monate und zwölf Tage,

Dass ich und meine Helden kühn

In dem grünen Walde waren

5335

Und auf den schönen Auen

Bei den lieben Frauen

Und Wonne mit ihnen hatten

Und mit Freude lebten.

Dann geschah uns grosses Leid,

5340

Das ich nicht genug beklagen kann.

Als die Zeit zu Ende ging,

Da war unsere Freude vorüber,

Die Blumen verwelkten

Und die schönen Frauen starben;

5345

Die Bäume verloren ihr Laub,

Die Brunnen flossen nicht mehr,

Die Vögel hörten auf zu singen.

Dann begann Unfreude

Mein Herz zu bedrücken

5350

Mit mannigfachem Schmerze.

Furchtbar war das Ungemach,

Das ich alle Tage sah

An den schönen Frauen.

O weh, wie bereute ich sie,

5355

Als ich sie sterben sah

Und die Blumen verblühen!

Da schied ich traurig von dannen

Mit allen meinen Mannen.

1. In Latin ad Portas Caspias, the Caspian Gates.

XV. KONRAD’S LAY OF ROLAND

A translation, made about 1130 in the dialect of the Rhenish Franks, of the famous Chanson de Roland. It consists of 9094 verses. The author, who calls himself ‘der Pfaffe Kuonrat,’ says that he translated first into Latin, then into German, adding nothing and omitting nothing; but a comparison with the French text as known to us shows many additions, many omissions and a somewhat different spirit. Kaiser Karl and his men fight for the cross, for the glory of Christian martyrdom, not for ‘sweet France.’ —The situation at the beginning of the poem is this: The Christians have conquered all Spain except Saragossa, whose king, Marsilie, sends envoys to make a treacherous proposal of surrender; the object being to induce the emperor to withdraw the greater part of his army.

Lines 675-708: Kaiser Karl.
675

Die Boten traten vor,

Sehr oft fielen sie nieder,

In seidenem Gewande,

Mit Palmen in der Hand.

Immer wieder aufs neue

680

Fielen sie zur Erde nieder.

Sie fanden den Kaiser fürwahr

Über dem Schachbrette.

Sein Antlitz war wonniglich.

Es gefiel den Boten sehr,

685

Dass sie ihn sehen durften.

Es glänzten ja seine Augen

Wie der Morgenstern.

Man erkannte ihn von weitem,

Niemand brauchte zu fragen,

690

Welcher der Kaiser wäre;

Keiner war ihm ähnlich.

Sein Antlitz war herrlich.

Mit ganz geöffneten Augen

Konnten sie ihn nicht ansehn:

695

Der Glanz blendete sie

Wie die Sonne zu Mittag.

Den Feinden war er schrecklich,

Den Armen war er vertraut,

Im Unglück war er gnädig,

700

Gott gegenüber war er treu.

Er war ein gerechter Richter,

Er lehrte uns die Gesetze,

Ein Engel schrieb sie ihm vor;

Er verstand alle Rechte,

705

Im Kampf ein guter Knecht,

In aller Tugend ausgezeichnet.

Freigebigerer Herr ward nie geboren.

Lines 2018-2110: The traitor Genelun delivers Karl’s message to Marsilie, the Saracen king.

Der Bote sprach zu Marsilie:

“Der König aller Himmel,

2020

Der uns von der Hölle erlöste

Und die Seinen tröstete,

Der gebe dir Gnade,

Dass du seinen Frieden habest,

Und rette dich vom ewigen Tode.

2025

Der König von Rom entbietet dir,

Dass du Gott ehrest,

Dich zum Christentum bekehrest,

Dich taufen lassest,

An Einen Gott glaubest;

2030

Davon will er Gewissheit haben.

Er lässt dir wahrlich sagen:

Empfängst du das Christengesetz,

Soll dein Land in Frieden bleiben.

Er belehnt dich mit halb Spanien,

2035

Den andern Teil soll Roland haben;

Und wirst du sein Mann,

So behältst du grosse Ehre.

Der Kaiser entbietet dir ferner:

Greifst du etwa zur Gegenwehr,

2040

Sucht er dich mit einem Heere auf;

Er zerstört alle deine Häuser

Und vertreibt dich daraus.

Weder auf Erden noch auf dem Meere

Magst du dich seiner erwehren.

2045

Er lässt dich fangen,

Auf einem Esel führen

Vor seinen Thron zu Achen;

Da nimmt er Rache an dir:

Er lässt dir das Haupt abschlagen.

2050

Das soll ich dir vom Kaiser sagen.”

Marsilie blickte umher,

Er wurde sehr bleich,

Er hatte ängstliche Gedanken,

Er konnte kaum sitzen auf der Bank,

2055

Es ward ihm kalt und heiss,

Hart plagte ihn der Schweiss,

Er schüttelte den Kopf,

Er sprang hin und her.

Seinen Stab ergriff er,

2060

Mit Zorn hob er ihn empor,

Nach Genelun schlug er.

Genelun mit List

Wich dem Schlage aus.

Er trat vor dem König zurück,

2065

Das Schwert ergriff er,

Er blickte auf ihn zurück,

Er sagte zu dem Könige:

“Du übst also Gewalt.”

Halb zog er das Schwert,

2070

Er sprach: “Karl, meinem Herrn,

Diente ich immer mit Ehren.

In harten Volkskämpfen

Erwirkte ich mit dem Schwert,

Dass ich nie beschimpft ward.

2075

Ich brachte dich mit Ehren hierher,

Ich habe dich lange geführt.

Noch niemals bin ich gefangen.

Und vollbringst du den Schlag,

So ist es dein letzter Tag;

2080

Oder aber ich sende zum Tode

Irgend welchen Heiden,

Dessen Verlust du nie verschmerzest.

Ich wähne, du tobst oder rasest.

Jetzt muss ich bereuen,

2085

Dass ich deinen Ungetreuen

Jemals folgte diesen Weg.

Man hat mich im Stich gelassen,

Ich stehe nun ganz allein.

Was ist aus den Eiden geworden,

2090

Die sie mir schworen,

Als wir fortkamen?”

Die Fürsten sprangen auf,

Sie drangen dazwischen,

Sie verwiesen es dem König.

2095

Sie sagten: “Herr, du tust übel,

Den Kaiser so zu beschimpfen.

Wenn du zu ihm sendest,

Wird deine Botschaft

Ruhmvoll zu Ende geführt.

2100

Sie sprechen uns Treue ab;

Nun müssen wir bereuen,

Dass Friede je gemacht ward.

Du liessest ja seine Mannen köpfen.

Nun gebiete deinem Zorn!

2105

Wir wollen gern vermitteln,

Und das noch mehr,

O Herr, wegen deiner Ehre

Als um seinetwillen.

Stille nun deinen Unmut!”

Lines 3394-3488: The preparations for the battle. (Deceived by Genelun, Kaiser Karl has returned to Germany, leaving Roland with a small force in Spain.)

Als die Helden vernahmen,

3395

Dass die Heiden sich sammelten,

Baten sie ihre Priester

Sich fertig zu machen;

Diese griffen ihr Amt an.

Den Leib Gottes empfingen sie,

3400

Sie fielen zum Gebet nieder,

Sie riefen zum Himmel

Viele Stunden hindurch.

Sie beschworen Gott bei den Wunden,

Wodurch er die Seinen erlöste,

3405

Dass er sie tröste,

Dass er ihnen ihre Sünden vergebe

Und selbst ihr Zeuge sei.

Mit Beichte machten sie sich fertig,

Zum Tode rüsteten sie sich,

3410

Und waren jedoch gute Knechte,

Zum Märtyrtum bereit

Um ihrer Seelen willen.

Sie waren Gottes Degen,

Nicht wollten sie entfliehen,

3415

Sie wollten wieder gewinnen

Unsere alte Erbschaft.

Danach strebten die Helden,

Ja führten die edlen Herren

Ein christliches Leben.

3420

Alle hatten Eine Gesinnung,

Ihre Herzen waren mit Gott.

Sie hatten Zucht und Scham,

Reinheit und Gehorsam,

Geduld und Minne;

3425

Sie brannten wahrlich im Innern

Nach der Süsse Gottes.

Sie sollen uns helfen,

Dieses arme Leben zu vergessen;

Denn jetzt besitzen sie Gottes Reich.

3430

Als die Degen Gottes

Mit Psalmen und Segen,

Mit Beichte und Glaube,

Mit tränenden Augen,

Mit grosser Demut,

3435

Mit mancherlei Gutem,

Sich zu Gott gewendet,

Ihre Seelen gelabt

Mit Himmelsbrote,

Mit dem Blute des Herrn,

3440

Zum ewigen Leben,

Da waffneten sie sich;

Gott lobten sie jetzt,

Sie waren allesamt froh,

Wie zu einem Brautlauf.

3445

Sie heissen alle Gottes Kinder,

Die Welt verschmähten sie,

Sie brachten das reine Opfer.

Mit dem Kreuze geschmückt

Eilten sie gern zum Tode;

3450

Sie kauften das Reich Gottes.

Sie waren einander treu;

Was dem einen deuchte gut,

Das war die Meinung aller.

David der Psalmist

3455

Hat von ihnen geschrieben,

Wie Gott, mein Herr, die belohnt,

Die brüderlich zusammenhalten.

Er gibt ihnen selbst seinen Segen;

Sie sollen immer fröhlich leben.

3460

Eine Zuversicht und Eine Minne,

Ein Glaube und Eine Hoffnung,

Eine Treue war in ihnen allen.

Keiner liess den andern im Stiche,

Für alle war Eine Wahrheit;

3465

Des freut sich die Christenheit.

Die verbrecherischen Heiden,

Die Gott nicht fürchteten,

Hoben ihre Abgötter empor,

Mit grosser Hochfahrt kamen sie,

3470

Sie fielen vor Mahmet nieder;

Es war ihr ganzes Gebet,

Dass er ihnen erlaube,

Roland zu enthaupten,

Und, wenn sie ihn erschlagen,

3475

Sein Haupt vor sich zu tragen.

Sie versprachen ihn zu ehren,

Sein Lob immer zu mehren

Mit Tanz und Saitenspiel;

Des Übermuts war da viel.

3480

Sie vertrauten ihrer Kraft,

Sie wussten nicht recht,

Dass wer gegen Gott strebt,

Der ohne Gott lebt.

Sie verschmähten ihren Schöpfer,

3485

Unsern wahren Heiland,

Den obersten Priester,

Der keinen ohne Trost lässt,

Wenn er mit Demut

Suchet das Gute.

Lines 6053-6113: Having fought a great fight and slain many heathen, Roland and his men are about to be overwhelmed by numbers; in desperate straits he blows his horn, and it is heard by the far-away emperor.

Roland fasste mit beiden Händen

Den guten Olivant

6055

Und setzte ihn an den Mund.

Er begann zu blasen;

Der Schall ward so gross,

Es lärmte so unter den Heiden,

Dass keiner den andern hören konnte.

6060

Sie verstopften selbst die Ohren.

Die Hirnschale barst ihm,

Dem guten Weigande;

Alles änderte sich an ihm,

Er konnte kaum noch sitzen,

6065

Sein Herz zerbrach innen.

Seine bekannte Stimme

Vernahmen sie allesamt,

Der Schall flog ins Land.

Bald kam zu Hof das Märe,

6070

Dass des Kaisers Bläser

Bliesen alle zugleich.

Dann wusste man wahrlich,

Dass die Helden in Not waren.

Da gab es ein grosses Jammern.

6075

Der Kaiser schwitzte vor Angst,

Er verlor zum Teil die Fassung,

Er ward sehr ungeduldig.

Das Haar riss er von der Haut;

Da machte starke Vorstellungen

6080

Genelun der Verräter;

Er sprach: “Dieses Ungestüm

Geziemt nicht einem König.

Du beträgst dich ungebührlich.

Was hast du dir vorzuwerfen?

6085

Den Roland, wie er im Grase schlief.

Hat wohl eine Bremse gebissen,

Oder er jagt wohl einen Hasen;

Dass das Blasen eines Hornes

Dich so ausser Fassung bringt!”

6090

Der Kaiser sprach zu ihm:

“Weh dass ich dich je gesehen,

Oder Kenntnis von dir gewonnen!

Das beklage ich immer vor Gott.

Von dir allein

6095

Muss Frankreich immer weinen.

Wegen des grossen Schatzes,

Den Marsilie dir gab,

Hast du den Mord vollbracht.

Ich räche ihn, wenn ich’s vermag.

6100

Was trieb dich dazu?”

Auf sprang der Herzog Naimes,

Er sprach: “Du Teufels Mann,

Du hast schlimmer als Judas getan,

Der unsern Herrn verriet.

6105

Nie verwindest du diesen Tag.

Dies hast du gebraut,

Du sollst es wahrlich trinken.”

Er hätte ihn gern erschlagen,

Der Kaiser hiess ihn abstehen;

6110

Er sprach: “Eine andre sei seine Strafe.

Ich will hernach über ihn richten;

Und wenn das Urteil ergeht,

Er stirbt wohl einen schlimmeren Tod.”

XVI. KING ROTHER

A poem of 5302 verses, written about 1150 in a mixture of Middle Frankish and Bavarian. It belongs to the order of Spielmannspoesie, or secular minstrelsy; but the author makes frequent reference to what ‘the books’ say, and evidently meant his work to be read. (The earlier gleemen, so far as known, could not read or write, got their material from oral tradition and composed their poems to be sung or recited to musical accompaniment.) Rother is a king of Italy who sends twelve envoys to Constantinople to win for him the hand of the emperor’s daughter. She favors her unknown suitor, but the irate Constantine throws the envoys into a dungeon. Rother takes the name of Dietrich and sails with many retainers to liberate them. By a waiting-maid he presents the princess with a gold and a silver shoe, both made for the same foot, and retains the mates. The princess, already interested in the distinguished stranger, sends for him to put on the impossible shoes.

Lines 2177-2315: Rother, called Dietrich, woos the willing princess.

Am Fenster stand die Prinzessin,

Bald kam der junge Held

Über den Hof gegangen.

2180

Da ward er wohl empfangen

Von zweien Rittern ehrlich.

Dann ging der Recke Dietrich,

Wo die Kemenate offen stand;

Darein ging der wohlgestalte Held.

2185

Den hiess die junge Prinzessin

Selber wilkommen sein

Und sagte, was er da bitte,

Das würde sie gerne tun

Nach ihrer beider Ehre.

2190

“Ich habe dich gern, o Herr,

Wegen deiner Tüchtigkeit gesehn;

Aus anderm Grund ist’s nicht geschehn.

Diese niedlichen Schuhe,

Die sollst du mir anziehen.”

2195

“Sehr gerne,” sprach Dietrich,

“Da du es von mir verlangst.”

Der Herr setzte sich ihr zu Füssen,

Sehr schön war sein Gebaren.

Auf sein Bein setzte sie den Fuss,

2200

Nie wurde Frau besser geschuht.

Da sprach der listige Mann:

“Nun sage mir, schöne Herrin,

Bescheid auf deine Treue,

Wie du eine Christin bist,—

2205

Es warb um dich mancher Mann,—

Hing’ es von deinem Willen ab,

Welcher unter ihnen allen

Hat dir am besten gefallen?”

“Das sag’ ich dir,” sprach die Dame,

2210

“In allem Ernst und in Treue,

O Herr, auf meiner Seele,

Wie ich getaufte Christin bin:

Kämen aus allen Landen

Die teuren Weigande

2215

Mit einander zusammen,

Da wäre kein Mann darunter,

Der dein Genoss sein könnte.

Das nehm’ ich auf meine Treue,

Dass nie eine Mutter gebar

2220

Ein Kind so liebenswürdig,

Dass es mit Fug, Dietrich,

Neben dir stehen könnte.

Du bist ein ausgezeichneter Mann.

Sollte ich aber die Wahl haben,

2225

Nähme ich den Helden gut und kühn,

Dessen Boten her ins Land kamen

Und jetzt wahrlich liegen

In meines Vaters Kerker.

Er heisst mit Namen Rother

2230

Und sitzt im Westen übers Meer.

Ich will immer Magd bleiben,

Bekomm’ ich nicht den Helden schön.”

Als Dietrich das vernahm,

Da sprach der listige Mann:

2235

“Willst du Rother minnen,

Den will ich dir bald bringen.

Es lebt keiner auf Erden,

Der mir mehr Gutes getan hätte;

Des soll er noch geniessen.

2240

Ehe ihn der Hochmut meisterte,

Half er mir oft in der Not;

Wir genossen fröhlich das Land

Und lebten glücklich zusammen.

Der gute Held war mir stets gnädig,

2245

Wie wohl er mich jetzt vertrieben.”

“In Treue,” sprach die Prinzessin,

“Ich verstehe deine Rede;

Ist der Rother dir so lieb,

Hat er dich nicht vertrieben.

2250

Von wannen du fährst, kühner Held,

Bist du als Bote her gesandt.

Dir sind des Königs Mannen lieb.

Nun verhehle es mit Worten nicht;

Was mir heute gesagt wird,

2255

Das wird immer wohl verschwiegen

Bis an den jüngsten Tag.”

Der Herr sprach zu der Dame:

“Jetzt überlass’ ich meine Sache

Der Gnade Gottes und der deinen;

2260

Es stehen ja deine Füsse

In König Rothers Schosse.”

Die Dame erschrak sehr;

Sie zog den Fuss weg

Und sprach zu Dietrich

2265

Sehr bescheidentlich:

“Nie ward ich so ungezogen;

Mein Übermut hat mich betrogen,

Dass ich meinen Fuss

Setzte auf deinen Schoss.

2270

Und bist du der grosse Rother,

Kannst du, König, nimmermehr

Einen besseren Ruhm gewinnen.

Der ausserordentlichen Dinge

Bist du ein listiger Meister.

2275

Welches Geschlechts du auch seist,

Mein Herz war unglücklich;

Und hätte dich Gott hergesandt,

Das wäre mir inniglich lieb.

Ich mag doch nicht glauben,

2280

Dass du mir Unwahres sprichst.

Und wär’s dann aller Welt leid,

Ich räumte sicherlich

Zusammen mit dir das Reich.

So bleibt es aber ungetan.

2285

Doch lebt kein Mann so schön,

Den ich vorziehen würde,

Wärest du der König Rother.”

Darauf sprach Dietrich

(Sein Sinn war sehr listig):

2290

“Nun hab’ ich keine Freunde

Als die armen Herren,

Die in dem Kerker sind.

Könnten mich diese sehen,

Hättest du an ihnen den Beweis,

2295

Dass ich dir Wahres gesprochen.”

“In Treue,” sprach die Prinzessin,

“Dir werd’ ich beim Vater mein

Irgendwie erwirken,

Dass ich sie herauskriege.

2300

Aber er wird sie keinem geben,

Er hafte denn mit seinem Leben,

Dass niemand entkomme,

Bis alle zurückgebracht

In den Kerker würden,

2305

Wo sie in der Not waren.”

Drauf antwortete Dietrich:

“Ich will es auf mich nehmen

Vor Constantin, dem reichen,

Und morgen sicherlich

2310

Werde ich zu Hofe gehn.”

Die Jungfrau so schön

Küsste den Herrn.

Da schied er mit Ehren

Aus der Kemenate.

Lines 2819-2942: Having become friendly with Constantine and won for him a great battle against the heathen invader Ymelot, Rother perpetrates a hoax.

Dietrich der Weigand

2820

Nahm Ymelot bei der Hand,

Führte ihn zu Constantin,

Und übergab ihn diesem.

Dann sprach der listige Mann:

“Wir sollten einen Boten haben,

2825

Der den Frauen sagte,

Was wir hier vollbracht.”

“In Treue,” sprach Constantin,

“Der Bote sollst du selbst sein

Um meiner Tochter willen;

2830

Und sage du der Königin

Und den Frauen allesamt,

Dass wir nach Hause reiten

Mit sehr fröhlichen Herzen.

Einen Teil deines Volkes

2835

Lass du mit mir bleiben.”

Da sprach der listige Mann,

Dass er gerne täte,

Was der König verlange.

Dietrich ging von dannen

2840

Mit seinen Heimatsmannen,

Die andern schickte er zum König;

Der bat sie grossen Dank haben.

Zu sich nahm er seine Leute,

Die übers Meer mitgefahren,

2845

Und erklärte den Kühnen,

Was er beabsichtige;

Die teuren Weigande

Wollten gern nach Hause.

Dietrich fuhr von dannen.

2850

Ein Märchen, das war herrlich,

Brachte er zu Constantinopel,

Der berühmten Burg:

Er sagte, er sei entflohen

Mit allen seinen Mannen.

2855

Da weinte die Frau Königin:

“Ach weh, wo ist Constantin

Und die Weigande

Aus manchem Lande?

Dietrich, lieber Herr,

2860

Sollen wir sie wiedersehen?”

“Nimmermehr, das weiss Gott!

Erschlagen hat sie Ymelot

Und reitet her mit Heereskraft;

Er will die Stadt zerstören,

2865

Ich kann mich ihm nicht wehren

Und muss fliehen übers Meer.

Die Weiber und die Kinder,

So viel ihrer in der Burg sind,

Denen wird zuteil der Tod:

2870

Es erschlägt sie Ymelot.”

Da nahm Constantins Weib

Ihre Tochter, die herrliche,

Und sie baten Dietrich

Beide sehr ernsthaft,

2875

Sie von den Heiden zu retten,

Die mit einem Heere kämen.

Da hiess der listige Mann

Die schönen Zelter

Der Königin fortziehen;

2880

Er führte sie zu den Schiffen.

Da gab es, könnt ihr glauben,

Von manchen schönen Frauen

Weinen und Händeringen;

Sie konnten sich nicht fassen.

2885

Es kam eine grosse Gesellschaft

Zu Dietrich aus der Stadt.

Sie wollten alle aufs Meer,

Um sich vor Ymelot zu retten.

Da tröstete sie der schlaue Mann;

2890

Er hatte es aus List getan.

Dietrich hiess seine Mannen

Sofort in die Schiffe gehen.

Asprian, der gute Held,

Trug den Kammerschatz darein,

2895

Sie eilten alle aufs Meer.

Da hiess König Rother

Die Mutter am Gestade bleiben,

Die Tochter in ein Schiff gehn.

Es gab ein grosses Weinen.

2900

Sie sprach: “Ach, Herr Dietrich,

Wem willst du, tugendhafter Mann,

Uns armen Weiber überlassen?”

So sprach die gute Königin:

“Nun nimm mich mit ins Schiff

2905

Zu meiner schönen Tochter.”

Da sprach der listige Mann:

“Ihr sollt Euch wohl gehaben;

Constantin ist nicht geschlagen,

Ymelot haben wir gefangen,

2910

Constantin ist’s wohl ergangen.

Er reitet hierher ins Land

Mit guten Nachrichten;

Er kommt über drei Tage.

Ihr könnt ihm wahrlich sagen,

2915

Seine Tochter sei mit Rother

Westwärts gefahren übers Meer.

Nun befehlt mir, herrliche Frau;

Ich heisse ja nicht Dietrich.”

“Wohl mir,” sprach die Königin,

2920

“Dass ich je ins Leben trat.

Nun lasse Gott, der gute,

In seiner grossen Gnade,

Dich meine Tochter schön

Recht lang in Freude haben!

2925

Es ist wahr, teurer Degen,

Sie wäre dir leichter gegeben,

Als du sie gewonnen hast,

Hätte es in meinem Willen gestanden.

Wie Constantin das Leben

2930

Des jungen Weibes quälte,

Das ist mir das mindeste,

Da du nun Rother bist.

Nun fahre, teurer Degen,

Und Sankt Gilge segne dich!”

2935

Da sprach das schöne Mägdlein:

“Gehabt Euch wohl, Mutter mein!”

Die Frauen so liebsam

Gingen lachend von dannen

Zu Constantins Saal

2940

Und gönnten es dem Rother wohl,

Dass Gott ihn bringe

Mit Ehren ins Heimatland.

XVII. DUKE ERNST

Another example of the secular minstrelsy brought into vogue by the crusading spirit. The poem originated in the 12th century, but the only complete versions known to us are of the 13th. It contains 6022 verses in the dialect of the Middle or Lower Rhine. The saga is of unusual psychological interest. Ernst is a brave and upright Bavarian whom a base calumny deprives of the favor of the emperor Otto. For a while he maintains himself in a bitter feud with the empire, but finally gives up the hopeless fight and sets out, with a few loyal followers, for Jerusalem. In the Orient he has many wonderful adventures, one of which is related below, and so deports himself that on his return the emperor receives him back into favor.

Lines 3915-4199: The magnetic rock in the Curdled Sea.
3915

Die Helden weilten da nicht mehr,

Sie fuhren auf der wilden See

Mit fröhlichem Gemüte.

Jetzt meinten die guten Helden,

Es müsse ihnen wohl gehen.

3920

Da stieg nun ein Schiffsmann

Zu oberst auf den Mastbaum;

Die Meeresströmung trieb sie

Schnell nach jenem Hafen zu.

Und nun erschrak er sehr darüber,

3925

Als er den Berg erkannte;

Es ward ihm leid und bange.

Hinunter in das Schiff

Rief er also zu den Recken:

“Ihr Helden so schmuck,

3930

Nun wendet euch geschwind

Hin zu dem ewigen Wesen!

Es kostet uns das Leben,

Bleiben wir hier stecken.

Der Berg, den wir gesehen,

3935

Der liegt auf dem Lebermeer!1

Es sei denn, dass Gott uns rettet,

Wir sterben hier allzusammen.

Wir fahren gegen den Stein zu,

Von dem ihr mich reden hörtet.

3940

Jetzt sollt ihr euch hinkehren

Zu Gott in wahrer Reue

Und aus dem Herzen tilgen,

Was ihr wider ihn getan.

Ich will euch, Helden, wissen lassen

3945

Von der Kraft des Felsen

Und von der Herrschaft,

Die er in seiner Art hat:

Treibt ein Schiff ihm entgegen

Innerhalb dreissig Meilen,

3950

So hat er in kurzer Zeit

Es an sich gezogen;

Das ist wahr und nicht erlogen.

Haben sie irgendwelches Eisen,

Das darf niemand weisen;

3955

Sie müssen gegen ihren Willen dran.

Wo ihr die Schiffe liegen seht,

Vor dem dunkeln Berge dort

Gleich an des Steines Kante,

Da müssen wir auch sterben

3960

Und vor Hunger verenden—

Es ist nicht abzuwenden,—

Wie alle anderen getan haben,

Die hierher segelten.

Nun bittet Gott, dass er

3965

Uns helfe und gnädig sei.

Wir sind nahe dem Felsen.”

Als der Herzog das vernahm,

Sprach der Fürst lobesam

Zu den Herren sonderlich:

3970

“Jetzt sollt ihr inniglich,

Meine lieben Notgesellen,

Zu unserm Herrn flehen,

Dass er uns gnädiglich

In sein Reich empfange

3975

Wir gehn an diesem Stein zugrunde.

Nun lobt ihn allzusammen

Mit Herzen und mit Zungen.

Es ist uns wohl gelungen,

Sterben wir auf dieser wilden See:

3980

Wir sind geborgen auf immerdar

Bei Gott in seinem Reich.

Nun freut euch allzugleich,

Dass wir ihm so nah gekommen.”

Als sie das vernahmen,

3985

Behielten sie es im Herzen.

Nun taten die guten Helden,

Wie der Fürst ihnen geraten:

Ordneten ihre Sachen schnell,

Gaben alles Gott anheim,

3990

Und beherzigten sein Gebot

Mit Beichte und mit Busse

Mit sehr grossem Eifer,

Wie man Gott gegenüber sollte.

Also machten sie sich bereit.

3995

Als die unglücklichen Männer

Ihre Gebete verrichteten

Und ihre Sachen ordneten,

Gab es ein jämmerlich Rufen,

Das sie zu Gott erhoben.

4000

Ihren Schöpfer sie baten,

Dass er ihre Seelen bewahre.

Jetzt waren die Helden gefahren

So nahe dem Felsen,

Dass sie deutlich sehen konnten

4005

Die Schiffe mit hohen Masten.

Der Fels zog die Helden

So geschwinde zu sich,

Seine Kraft brachte das Schiff

So kräftiglich heran,

4010

Dass die andern Schiffe

Diesem entweichen mussten.

Es kam so gewaltsam

Dem Steine zugefahren,

Dass die Schiffe allesamt

4015

Auf einander stiessen.

Auch gaben die Mastbäume

Sich manchen harten Stoss.

Die Stösse waren so stark,

Dass manches Schiff zerbrach.

4020

So ward mancher Gast empfangen,

Der seitdem verendete

Und niemals wiederkehrte.

Es ist auch wirklich ein Wunder,

Dass diese nicht erschlagen wurden

4025

Durch die hohen Mastbäume,

Die, alt und morsch geworden,

Von andern Schiffen fielen

Auf ihr Schiff mit Gewalt.

Als diese herabstürzten,

4030

Konnte nichts mehr bestehn,

Was um das Schiff lag.

Dass das Schiff sich erhielt,

War ein grosses Wunder;

Es musste alles und jedes

4035

Fallen in das Meer.

Der Herzog und seine Männer

Mussten unerhörte Not leiden,

Da sie einen schrecklichen Tod

Öfters vor sich sahen.

4040

Doch kamen die kühnen Männer

Mit dem Leben davon;

Gottes Hilfe erschien ihnen.

Als das Schiff stehen blieb,

Taten sie, wie Leute noch tun,

4045

Die lange in einer Stätte gelegen

Und etwas Neues sehen mögen:

Die zieren Helden sprangen

Schnell aus dem Schiffe

Und gingen allesamt,

4050

Um das mannigfache Wunder

In den Schiffen zu besehen.

Sie standen dicht wie ein Wald

Um den Berg auf dem Meer.

Weder früher noch später

4055

Sah jemand so grossen Reichtum,

Als die mutigen Helden

In den Schiffen fanden,

So dass sie in langen Stunden

Ihn nicht überschauen konnten.

4060

Sie sahen den grössten Schatz,

Den jemand haben könnte.

Nie hat der weise Mann gelebt

Der ihn je in Acht nehmen

Oder vollauf beschreiben könnte.

4065

Silber, Gold und Edelsteine,

Purpur, Sammet, glänzende Seide,

Lag dort so mannigfaltig,

Dass niemand es beachten könnte.

Als sie das Wunder beschaut,

4070

Begannen sie weiter zu gehen.

Der Herzog und seine Männer

Stiegen auf den Felsen,

Ob sie irgendwo Land sähen.

Kein Auge konnte erspähen,

4075

Dass sie zu Lande kämen;

Das war den Recken leid.

Der Berg lag im weiten Meer;

Da mussten die Helden hilflos

Höchst jämmerlich ersterben

4080

Und am Hunger zugrunde gehen;

Den Recken war schwer zu Mute.

Da mussten die Helden

Vor dem Steine Angst erleiden.

Sie sagten allesamt,

4085

Sie würden es gütlich erdulden,

Da ihnen der mächtige Gott

Das harte Geschick verhängt,

Wie auch den andern allen,

Die vor ihnen gekommen waren

4090

Und das Leben verloren hatten.

Da sie die Not nicht meiden wollten,

Würden sie gerne den Tod

Um seine Huld erleiden,

Und würden die grosse Not

4095

Als Sündenbusse betrachten.

Der Herzog und seine Männer

Hatten Trost beim Kinde der Maid.

Nun schwebte das Gesinde

So lange Zeit auf dem Meer,

4100

Dass früher oder später im Leben

Sie nie solches Weh ertrugen,

Da es ihnen an Speise gebrach

Und an der guten Nahrung,

Die sie mitgebracht hatten

4105

Von dem Lande Grippia,

Woselbst die Weigande

Dieselbe tapfer erworben.

Am Hunger starben sie,

Die auf dem Schiffe waren,

4110

So dass keiner am Leben blieb

Von der ganzen Mannschaft

Ausser dem Herzog allein

Und sieben Mann mit ihm.

Die andern trug ein Greif fort,

4115

Wie sie nacheinander starben.

Die Lebenden handelten so:

Wen jeweilig der Tod nahm,

Den trugen die Helden lobesam

Bald aus dem Schiffsraume;

4120

Ihn legten die zieren Degen

Oben aufs Verdeck.

Das habt ihr nun öfters

Als Wahrheit sagen hören:

Die Greife kamen geflogen

4125

Und trugen sie ins Nest.

Auf diese Weise ward zuletzt

Dem Herzog und seinen Männern

Von den Greifen geholfen;

Also retteten sie sich.

4130

Die andern wurden zu Aase

Den Greifen und ihren Jungen.

Diesen war es schon gelungen,

Menschen in grosser Anzahl

Von dannen in ihre Neste

4135

Nach Gewohnheit zu tragen;

Davon die mutigen Helden,

Der Herzog und seine Mannen,

Wieder ans Land kamen.

Der Fürst litt Ungemach,

4140

Als er seine Gefährten sah

Vor Hunger verbleichen

Und so jämmerlich sterben,

Und er ihnen nicht helfen konnte.

Darum musst’ er manche Stunde

4145

Erleiden Jammersnot,

Indem sie der Tod

Vor seinen Augen hinwegnahm,

Bis der Recke lobesam

Nur sieben Mann übrig hatte.

4150

Auch diese behielten das Leben

Kaum vor Hungersnot:

Sie hatten nur ein halbes Brot,

Das teilten die Helden unter sich.

Es war jämmerlich genug,

4155

Da sie nichts mehr hatten.

Da ergaben sie sich dem Herrn,

Mit Leib und Seele Gottes Händen;

Dann fielen die tapfern Helden

Zum Gebet nieder und baten

4160

Vor allem inniglich den Herrn,

Dass er ihnen gnädig sei

Und helfe aus der grossen Not;

Sie fürchteten sehr den Tod.

Als diese Unglücklichen

4165

Ihr Gebet verrichtet hatten,

Was später ihnen zu statten kam,

Sprach der Graf Wetzel also:

“Ich habe in diesen Stunden

Uns eine List erfunden,

4170

Wie sie nicht besser sein könnte.

Sollen wir je gerettet werden,

Muss es gewiss davon kommen,

Dass wir suchen und spähen

Und gar nicht aufhören.

4175

Bis wir in den Schiffen finden

Irgendwelche Art Häute;

Dann schlüpfen wir armen Leute

In unsre gute Rüstung.

Hat man uns dann eingenäht

4180

In die Häute,” sprach der Degen,

“So wollen wir uns legen

Oben auf das Schiffsverdeck.

So nehmen uns da die Greife

Und tragen uns von dannen.

4185

Sie können uns nichts anhaben,

Die Greife, wegen der Rüstung,

Die uns oft beschirmt hat;

Die mag uns noch einmal helfen.

Und haben wir uns versichert,

4190

Dass die alten auf Beute fort sind,

So schneiden wir uns aus

Und steigen zur Erde nieder.

Soll es aber anders werden,

Will es Gott, dass wir nicht entkommen,

4195

So mag es uns doch lieber sein,

Dass wir dort redlich tot liegen,

Als dass wir hier diese starke Not

So jämmerlich erleiden.”