Da bot man Hetels Tochter Burgen an und Land.
Weil keines sie begehrte, musste sie Gewand
Alle Tage waschen vom Morgen bis zur Nacht.
Drum sah man später Ludwig sieglos vor Herwigs Macht.
165Es ging der Degen Hartmut, wo er die Seinen fand,
Er befahl in ihre Obhut die Leute und das Land,
Dann zog er in die Ferne. Er dacht’ in Sorgen schwer:
“Mich drängen viele Feinde; drum setz’ ich mich zur Wehr.”
Da sprach mit Wolfessinne die böse Frau Gerlind:
170“Nun will ich, dass mir diene der stolzen Hilde Kind.
Weil sie in ihrer Bosheit sich dünkt so gut und treu,
Soll sie als Magd mir dienen; leicht wär’ vom Schmach sie frei.”
Darauf die edle Jungfrau: “Was ich leisten kann,
Das sei mit diesen Händen früh und spät getan;
175Mit Fleiss und gutem Willen tu’ ich es immerdar,
Da mich mein herbes Schicksal schuf aller Freude bar.”
Da sprach die böse Gerlind: “Du sollst mein Gewand
Jeden Morgen tragen nieder an den Strand;
Du sollst die Kleider waschen mir und dem Ingesinde.
180Und hüte dich, du Stolze, dass man dich müssig finde.”
Darauf die edle Jungfrau: “Fraue, hört mich an!
Nun lasst mich unterweisen, dass ich lernen kann,
Wie ich die Kleider wasche unten an dem Meer.
Ich mag nicht Freude haben, ja, quält mich nur noch mehr!”
185Da hiess sie eine Wäscherin nieder an den Strand,
Dass sie es Kudrun lehrte, tragen das Gewand.
Die Fürstentochter diente in harter Pein und Not;
Niemand konnt’ es wehren; es war Gerlinds Gebot.
From Adventure 28: The Hegelings take revenge; King Ludwig’s end.
Laut rief der edle Herwig: “Wer ist der Alte da?
190Von seinen starken Händen schon vieles Leid geschah.
Er schlägt so tiefe Wunden mit seiner grossen Kraft,
Dass er daheim den Frauen viel Not und Wehe schafft.”
Das hörte König Ludwig, der Held von Normandie.
“Wer ist’s, der im Getümmel dort so gewaltig schrie?
195Ich heisse König Ludwig und Normandie mein Reich.
Wer mich zum Kampfe fordert, dem achte ich mich gleich.”
Er sprach: “Ich heisse Herwig, und du stahlst mir mein Weib.
Das sollst du wieder geben, oder tot liegt hier ein Leib—
Der meine oder deine— und dazu mancher Held.”
200Herr Ludwig drauf: “Mit Drohen hast du dich mir gestellt.
Doch sprachst du deine Beichte wahrhaftig ohne Not.
Ich schlug schon manchem andern die Anverwandten tot
Und nahm ihm seine Habe. Du, prahle nicht so sehr;
Die Gattin, die du forderst, küssest du nimmermehr.”
205Kaum war das Wort gesprochen, da sprengten sie heran,
Beide aneinander. Mancher kühne Mann
Sprang an des Herren Seite aus des Getümmels Drang;
Es musste heiss sich mühen, wer da den Sieg errang.
Wohl war Herr Herwig wacker und seiner Stärke froh,
210Doch schlug Herrn Hartmuts Vater den jungen König so,
Dass er begann zu sinken vor Ludwigs rauher Hand;
Gern hätt’ er ihn auf ewig getrennt vom Vaterland.
Wäre nicht so nah gewesen Herrn Herwigs gutes Heer,
Das vor dem Feind ihn schützte, er wäre nimmermehr
215Von Ludwig geschieden anders als im Tod;
Den jungen Herren brachte der Held in grosse Not.
Sie halfen, dass das Fechten kein böses Ende nahm.
Als er von seinem Falle nun wieder zu sich kam,
Da hat nach einer Zinne2 er schnell emporgeschaut,
220Ob er darin erblickte wohl seines Herzens Traut.
Er dacht’ in seinem Herzen: “Ach, wie ist mir geschehn!
Wenn meine Herrin Kudrun hat meinen Fall gesehn,
Und wenn ich einst zum Weibe die Königin gewinne,
So wird sie mich drum schelten und weigern mir die Minne.
225Dass mich der greise Recke hier hat zu Fall gebracht,
Muss billig mich beschämen.” Da hiess zu neuer Schlacht
Er seine Zeichen tragen dahin, wo Ludwig stand;
Nach drängten seine Helden mit Speer und Schildesrand.
In Ludwigs Rücken tobte der Hegelinge Heer;
230Er kehrte sich zum Feinde und setzte sich zur Wehr.
Da rasselten die Hiebe, da krachte mancher Schaft;
Die in der Nähe standen, erprobten Ludwigs Kraft.
Es traf Kudruns Geliebter unterm Helm und überm Rand
Den alten König Ludwig mit heldenstarker Hand.
235Er schlug ihm eine Wunde, dass man nicht länger stritt;
Da war’s, wo König Ludwig den grimmen Tod erlitt.
From Adventure 29: The fate of Queen Gerlinde.
Da trat dahin auch eilend die böse Frau Gerlind;
Demütig fiel zu Füssen sie Hildes schönem Kind.
“Nun schütze uns, o Herrin, vor Wate,” war ihr Flehn;
240“Denn du nur kannst es wenden, sonst ist’s um uns geschehn.”
“Dass Ihr um Gnade bittet, erhabene Königin,
Das höre ich nicht ungern; doch steht nicht so mein Sinn.
Wann durfte ich Euch bitten? Wann winktet Ihr Gewähr?
Ihr waret mir nie gnädig. Drum trifft mein Zorn Euch schwer.”
245Als nun der alte Wate Herrn Ludwigs Königin sah,
Wie knirscht’ er mit den Zähnen! Näher trat er da,
Ihm funkelten die Augen, sein Bart war ellenbreit,
Vor dem von Stürmen bebte im Saale Mann und Maid.
Er fasste ihre Hände und zog zur Tür sie hin,
250Da hub sie an zu jammern, die arge Königin.
Er sprach in blindem Zorne: “Fürstin stolz und hehr!
Für Euch wäscht meine Herrin die Kleider nimmermehr.”
Als er hinaus die Fürstin zog aus dem Gemach,
Da schaute manches Auge ihm voller Neugier nach.
255Er fasste ihre Haare, wer hatt’ ihm das erlaubt?
Sein Zürnen war gewaltig, er schlug ihr ab das Haupt.
1. Hetel and his men have taken possession of some ships belonging to a party of pilgrims. A Kocke was a wide, blunt-pointed convoy.
2. The fight takes place before the Norman castle.
XX. THE EARLIER MINNESINGERS
‘Early’ means, roughly, from 1150 to 1190. The lyric poets of this period were for the most part Austrian and Bavarian knights who lived remote from the French border and were little influenced by the now well-developed art of the troubadours and trouvères. They got their impulse rather from the simple love-messages and dance-songs which had long been current in Latin, probably also in artless German verses. These trifles were now translated, so to speak, into the terms of chivalrous sentiment. The art of the minnesingers culminated in the fascinating songs of Walter von der Vogelweide, and then, as their numbers increased, it gradually degenerated toward conventional inanity.
Of the selections below, the first five are by unknown authors. No. 1 is preserved in a girl’s Latin letter to her lover; see Des Minnesangs Frühling, by Lachmann and Haupt, page 221. No. 2 is found at the end of a Latin poem; see Vogt and Koch’s Geschichte der deutschen Literatur, 2nd edition, page 87. The translations of Nos. 6, 8, and 9 are also from Vogt and Koch; the others are those of Kinzel as found in Bötticher and Kinzel’s Denkmäler.
1Mein.Du bist mein, ich bin dein: Des sollst du gewiss sein. Du bist beschlossen In meinem Herzen. 5Verloren ist das Schlüsselein, Du sollst immer drinnen sein. |
2Tanzlust des Mädchens.Alles Trauern werf’ ich hin, Auf die Heide steht mein Sinn; Kommt, ihr Trautgespielen mein, Dort zu sehn der Blumen Schein. 5Ich sage dir, ich sage dir, Meine Freundin, komm mit mir. Minne süss, Minne rein, Mache mir ein Kränzelein: Tragen soll’s ein stolzer Mann, 10Der wohl Frauen dienen kann. Ich sage dir, ich sage dir, Meine Freundin, komm mit mir. |
3Frühlingswonne.Noch keinen Sommer sah ich je, Der so lieblich deuchte mich. Mit wie viel schönen Blumen hat Die Heide heut gezieret sich! 5Der Wald ist eitel Sanges voll, Die Zeit, die tut den kleinen Vögeln wohl. |
4Gruss.Der aller Welten Meister ist, Der geb’ der Lieben guten Tag, Von der ich wohl getröstet bin. Sie hat mir all mein Ungemach 5Durch ihre Freundlichkeit genommen, Hat mich vor Untreu wohl bewahrt: In ihre Gunst bin ich gekommen. |
5Zum Reihen!Lasst springen den Reihen Uns, Fraue mein, Uns freuen des Maien, Uns kommet sein Schein. 5Der vordem der Heide Bracht’ schmerzliche Not, Der Schnee ist zergangen, Und sie ist umfangen Von Blumen so rot. |
7Dietmar von Eist: Erinnerung.Oben auf der Linde Ein kleiner Vogel lieblich sang, Vor dem Wald es hell erklang. Da flog mein Herz geschwinde 5An einen wohlbekannten Ort; Viel Rosenblumen sah ich stehn. Die mahnen die Gedanken mein Dass sie zu einer Jungfrau gehn. |
8Dietmar von Eist: Der Falke.Es stand eine Frau alleine Und blickte über die Heide, Blickt’ aus nach ihrem Lieben. Einen Falken sah sie fliegen: 5“Wie glücklich, Falke, du doch bist! Du fliegst, wohin dir’s lieb ist. Du erwählest in dem Walde Einen Baum dir nach Gefallen. Also hab’ auch ich getan: 10Ich selbst erwählte mir den Mann, Der wohlgefiel den Augen; Das neiden andre Frauen. Ach, liessen sie mir doch mein Lieb, Da mich zu ihren Trauten nie Verlangen trieb!” |
10Heinrich von Veldeke: Vogelsang.So in den Aprillen Die Blumen entspringen, Sich lauben die Linden Und grünen die Buchen, 5So mögen nach Willen Die Vögelein singen. Denn Minne sie finden, Allda sie sie suchen, Bei ihrem Genoss. Ihr Frohsinn ist gross; 10Des nie mich verdross. Denn sie schwiegen all den Winter stille. Da sie an dem Reise Die Blumen sahn prangen Und Blätter entspringen, 15Da hörte man schöne Oft wechselnde Weise, Wie vordem sie sangen. Sie hoben ihr Singen Mit lautem Getöne 20Niedrig und hoch. Mein Sinn steht also: Bin heiter und froh. Recht ist’s, dass ich laut mein Glück preise. |
11Reinmar der Alte: Glücksverkündigung.Froh bin ich der Märe, Die ich hab’ vernommen, Dass des Winters Schwere Will zu Ende kommen. 5Kaum erwart’ ich noch die Zeit, Denn ich hatte nichts als Leid, Seit die Welt rings war verschneit. Hassen wird mich keiner, Wenn ich fröhlich bin; 10Weiss Gott! tät’ es einer, Wär’s verkehrter Sinn. Niemand ich ja schaden kann. Wenn sie Gutes mir tut an, Was geht’s einen andern an? 15Sollt’ ich meine Liebe Bergen und verhehln, Müsst’ ich ja zum Diebe Werden und gar stehln. Nein, das kommt mir nicht zu Sinn, 20Weil ich gar zu fröhlich bin, Geh’ ich hier, geh’ dort ich hin. Spielt sie mit dem Balle, In der Mägdlein Chor: Dass sie nur nicht falle, 25Da sei Gott davor! Mädchen, lasst eu’r Drängen sein! Stosset ihr mein Mägdelein, Halb dann ist der Schade mein. |
14Spervogel: Priamel.1Wer einen Freund will suchen, Wo er niemand traut, Und spürt des Wildes Fährte, Wenn der Schnee schon taut, 5Kauft ungesehn der Ware viel, Und hält noch aufgegebenes Spiel, Und dient nur bei geringem Mann, Wo ohne Lohn er bleibet: Den wird es einmal noch gereun, 10Wenn er’s zu lange treibet. 1. From Latin praeambulum; a gleeman’s ‘prelude.’ |
XXI. WALTER VON DER VOGELWEIDE
The greatest of medieval lyrists. He was an Austrian, of knightly rank but poor, and was born about 1170. He led a wandering life, visiting many courts, taking a deep interest in public affairs and distinguishing himself by his matchless songs and Sprüche. In 1215 Emperor Friedrich II gave him a small estate near Würzburg. He died about 1230.
There are many translations of Walter, the best being by Simrock (1832), Panier (1878), Kleber (1894), and Eigenbrodt (1898). The translations below are from the sumptuous work of J. Nickol, Düsseldorf, 1904, which is itself eclectic and aims to give, for each poem, the best translation that could be found. No. 1 is by Pfaff, No. 2 by Simrock, 3 by Eigenbrodt, 4, 5, 6, 10 by Nickol, 7, 9, 11 by Panier, 8, 12 by Kleber.
4Das TrösteleinIn einem zweifelvollen Wahn War ich gesessen und gedachte Zu lassen ihren Dienst fortan, Als mich ein Trost ihr wiederbrachte. Trost mag es wohl nicht heissen, denn zur Stund’ Ist es ja kaum ein kleines Tröstelein, So klein, wenn ich’s euch sag’, ihr spottet mein. Doch Freude ist erlaubt auch aus geringem Grund. Mich hat ein Halm gemachet froh, Der sagt, ich solle Gnade finden. Ich mass dasselbe kleine Stroh, Wie ich zuvor es sah bei Kinden. Nun höret denn und merket wohl, ob sie es tu’: “Sie tut, tut’s nicht, sie tut, tut’s nicht, sie tut.” Wie oft ich mass, so war noch je das Ende gut. Das tröstet mich, doch da gehöret Glaube zu. Wie lieb sie mir von Herzen sei, So kann ich es gar wohl noch leiden, Zählt sie mich nur den Besten bei; Ich darf ihr Werben ihr nicht neiden. Wie ich es kann erkennen, glaub’ ich nicht, Dass sie ein andrer wankend machen möge; Ich wollte, die Getäuschten sähn, dass Wahn sie tröge, Denn allzulange schon hört sie auf jeden Wicht. |
6Doppelzüngigkeit.1Gott gibt zum König, wen er will; Darüber wundr’ ich mich nicht viel: Uns Laien wundert nur der Pfaffen Lehre, Was sie gelehrt vor wenig Tagen, Dass woll’n sie heut schon anders sagen. Nun denn, bei Gott und eurer eignen Ehre, So sagt uns denn in Treue, Mit welcher Red’ ihr uns betrogen. Erkläret uns die eine recht von Grunde, Die alte oder neue. Uns dünket, eines sei gelogen; Zwei Zungen stehen schlecht in einem Munde. |
8Das Lehen.Ich hab’ ein Lehen, alle Welt, ich hab’ ein Lehen! Jetzt fürcht’ ich weder mehr den Hornung an den Zehen, Noch will die bösen Herrn um ihre Gunst ich flehen. Der edle Herr, der milde Herr hat mich beraten, Dass ich im Sommer Luft, im Winter Wärme haben kann. Die Nachbarn sehn mich jetzt mit andern Augen an, Sie sehn nicht mehr den Butzemann in mir, wie sie es taten. Zu lange war ich arm, das weiss ich keinem Dank; Ich war so voll des Scheltens, dass mein Atem stank. Den hat der König rein gemacht, dazu auch meinen Sang. |
10Die drei Dinge.Ich sass auf einem Steine Und deckte Bein mit Beine. Darauf setzt’ ich den Ellenbogen; Ich hatt’ in meine Hand gezogen 5Das Kinn und eine Wange. Da dachte ich gar bange, Wie man auf Erden sollte leben; Doch keinen Rat konnt’ ich mir geben, Wie man drei Ding’ erwürbe, 10Dass keins davon verdürbe. Die zwei sind Ehr’ und fahrend Gut, Das oft einander Schaden tut; Das dritt’ ist Gottes Segen, Daran ist mehr gelegen. 15Die wünscht’ ich gern in einen Schrein. Ja, leider mag das nimmer sein, Dass Gut und weltlich’ Ehre Und Gottes Huld, die hehre, Je wieder in Ein Herze kommen. 20Ihnen ist Weg und Steg benommen: Untreue liegt im Hinterhalt, Und auf der Strasse fährt Gewalt; Friede und Recht sind beide wund, Die dreie finden kein Geleit, die zwei denn werden erst gesund. |
Elegie.O weh, wohin entschwunden sind alle meine Jahr! Ist mir mein Leben geträumet, oder ist es wahr? Was ich je wirklich wähnte, war’s nur ein Traumgesicht? So hab’ ich denn geschlafen, und ich weiss es nicht! 5Jetzt bin ich erwacht, und ist mir unbekannt, Was mir vordem war kundig, wie meine rechte Hand. Leut’ und Land, da ich von Kindheit an erzogen, Die sind mir fremd geworden, als ob es sei erlogen; Die mir Gespielen waren, die sind träg’ und alt, 10Geackert ist das Feld, gehauen ist der Wald. Wenn nicht das Wasser flösse, wie es weiland floss, Fürwahr, ich wähnte, mein Unglück es wär’ gross. So kalt grüsst jetzt mich mancher, der einst mich wohl gekannt; Voll Not und Trübsal ist die Welt in Stadt und Land. 15So ich gedenk’ an manchen wonniglichen Tag, Die sind mir entfallen, recht wie ins Meer ein Schlag. Immermehr o weh! O weh, wie jämmerlich doch junges Volk jetzt tut, Dem ehmals nie verzagte in der Brust der Mut! 20Die tragen sich mit Sorgen, weh, was tun sie so! Wohin ich immer blicke, keinen seh’ ich froh. Tanzen, Lachen, Singen, vergeht vor Sorgen gar; Nie sah man unter Christen so jämmerliche Schar. Seht nur der Frauen Schmuck, der einst so zierlich stand; 25Die stolzen Ritter tragen bäurisches Gewand. Uns sind ungnädige Briefe2 her von Rom gekommen; Uns ist erlaubt zu trauern, und Freude gar benommen. Das schmerzt mich tief im Herzen—wir lebten einst so wohl— Dass ich nun für mein Lachen Weinen tauschen soll. 30Die Vöglein in dem Walde betrübet unsre Klage, Was Wunder, wenn auch ich darüber schier verzage? Doch, ach, was sprech’ ich Tor in meinem sündigen Zorn? Wer dieser Wonne folget, der hat jene dort verlorn. Immermehr o weh! 35O weh, wie ward uns Gift mit Süssigkeit gegeben! Die Galle seh’ ich mitten in dem Honig schweben. Die Welt ist aussen lieblich, weiss und grün und rot, Doch innen schwarzer Farbe, finster wie der Tod. Wen sie verleitet habe, der suche Trost bei Zeit; 40Er wird mit leichter Busse von schwerer Schuld befreit. Daran gedenket, Ritter, es ist euer Ding! Ihr tragt die lichten Helme und manchen harten Ring, Dazu die festen Schilde und das geweihte Schwert; Wollte Gott, ich wäre für ihn zu streiten wert! 45So wollt’ ich armer Mann verdienen reichen Sold; Nicht mein’ ich Hufen Landes, noch der Herren Gold. Ich möchte jene ewigliche Krone tragen, Ein Söldner könnte sie wohl mit seinem Speer erjagen. Könnt’ ich die teure Reise fahren über See, 50So wollt’ ich wieder singen “wohl” und nimmermehr “o weh,” Nimmermehr o weh! |
XXII. HEINRICH VON VELDEKE’S ENEID
A Low German poem of 13,528 verses, completed between 1184 and 1190. Its author was a Netherlander of knightly rank who finished his poem in Thuringia and was regarded by his successors as the father of the riming love-romance. His chief source was an Old French Roman d’Enéas, but he dealt very freely with his French text, omitting much, adding much and making some use, possibly, of the Latin original.
Lines 1450-1534: The love-smitten Dido confides in her sister Anna.
Sie ging in ihre Kemenate,
Wo ihre Frauen lagen.
Als die sie kommen sahen,
Waren sie all’ in Sorgen:
Es war doch früh am Morgen.
1455Sie hatte grosses Ungemach;
Bedeutungsvoll sie sprach
Zu ihrer Schwester Annen;
Die führte sie von dannen
In ihre Kemenate wieder.
1460Sie fiel am Bette nieder
Und klagte ihr ihr Ungemach,
Wie sie die ganze Nacht
Schlaflos geblieben war.
Sie seufzte tief fürwahr,
1465Gar traurig war ihr Sinn,
Sie sprach: “Mein’ Ehr’ ist hin.”
“Fraue Schwester Dido,”
Sprach Anna, “wie denn so?
Sagt, was ist Eure Not?”
1470“Schwester, ich bin fast tot.”
“Erkranktet Ihr? Zu welcher Stund’?”
“Schwester, ich bin ganz gesund,
Doch kann ich nicht genesen.”
“Schwester, wie mag das wesen?
1475Ich meine, Frau, ‘s ist Minne.”
“Ja, Schwester, zum Wahnsinne.”
“Warum betragt Ihr Euch also,
Liebe Fraue Dido?
Was wollt Ihr so verderben?
1480Ihr dürft nicht an Minne sterben.
Ihr mögt sehr wohl genesen
Und nachher glücklich wesen.
Es ist kein Mann auf Erden,
Der nicht Euer könnte werden,
1485Der nicht froh wär’ Eurer Minnen;
Ihr sollt Euch bass besinnen.”
Da versetzte Frau Dido:
“Es steht mir nicht also.
Wahr ist es in der Tat,
1490Ich sollte finden andern Rat;
Ich tät’ es, wär’s in meiner Wahl.
Ihr wisset, dass ich dem Gemahl
Sicheus gelobte und verhiess,
Der mir ein gross Gut hinterliess
1495Und auch grosse Ehr’,
Dass ich nun nimmermehr
Einen Mann würde nehmen,
Was für Freier immer kämen.”
Da sprach aber Anna:
1500“Ihr redet von dem Manne
Allzuviel und ohne Not.
Er ist seit vielen Tagen tot.
Wo steht denn Euer Sinn?
Wie hätte er Gewinn,
1505Wenn Ihr jetzt verdürbet
Und törichterweise stürbet?
Ihr braucht nicht Euer Leben
Seinetwegen zu vergeben.
Er könnt’ es Euch nicht lohnen.
1510Ihr sollt Euch selber schonen.
Die Rede, die Ihr tut,
Sie ist ja gar nicht gut.
Lasst solche Rede sein
Und folgt dem Rate mein;
1515Das ist grössere Weisheit.
Sagt mir nur die Wahrheit:
Wer ist der selige Mann,
Dem Gott es gönnen kann,
Dass Ihr ihn wollt minnen?
1520Das gebt mir zu besinnen.
Ich will Euch raten dann
So gut, wie ich es kann,
Weil ich Euch Gutes gönne.
Ob ich so raten könne,
1525Dass Ihr damit gedienet seid?
Nun sagt es mir, es ist ja Zeit.”
Sie sprach: “Ich will’s nicht hehlen.
Ich will Euch jetzt befehlen
Ehre so wohl als Leben.
1530Ihr sollt mir Rat drauf geben.
Es ist,” sprach sie, “ein Mann,
Dem keiner gleichen kann.
Ich muss verraten seinen Nam’
Trotz meiner grossen Scham;
1535Das Nennen tut mir weh.
Er heisset,” sprach sie, “E”—
Und nach dem NE ward es gar lang,
So sehr die Minne sie bezwang,
Bevor sie deutlich sagte AS;—
1540Dann wusste Anna, wer er was.
Lines 9735-9820: Pending the fight between Eneas and Turnus, Lavinia hears of Minne from her mother.
Da nun zwischen beiden
Der Zweikampf sollt’ entscheiden,
Recht war es ihrer Tapferkeit.
Sie machten sich bereit
Mit mannlichem Sinn.
9740Da ging die Königin
Eines Abends spat
In ihre Kemenat
Und rief die Tochter zu sich,
Eine Jungfrau minniglich.
9745Zu reden sie begonnte,
Wie sie es wohl konnte,
Mit sehr klugem Sinn.
Es sprach die Königin:
“Lavine, schönes Mägdelein,
9750Du liebe Tochter mein,
Vielleicht es nun so endet,
Dass der Vater dir entwendet
Grosses Gut und grosse Ehr’:
Turnus, der edle Herr,
9755Der deine Minne stark begehrt,
Ist deiner durchaus wert;
Des hab’ ich sichere Kunde.
Und wärest du zur Stunde
Tausendmal so schön und gut,
9760Du könntest billig deinen Mut
Dem tapfern Mann zukehren;
Ich gönne dir die Ehren.
Ich will, dass du ihn minnest,
Und dabei auch erkennest,
9765Dass er ein edler Herr.
Drum lob’ ich dir so sehr
Den Helden wonnesam.
Sei doch Eneas gram,
Jenem Trojaner schlecht,
9770Der ihn erschlagen möcht’,
Der dich im Herzen trägt
Dir ist’s ja auferlegt,
Ihm Ungunst zu erzeigen
Und stetiges Abneigen,
9775Ihm keine Ehr’ zu zollen,
Ihm Gutes nicht zu wollen.
Du sollst ihm bleiben kalt,
Weil er dich mit Gewalt
Nun wähnet zu gewinnen.
9780Er strebt nach deiner Minnen
Nur wegen deines Gutes:
Was er bestrebt, er tut es,
Damit er dich erwerbe
Und mit dir nun als Erbe
9785Gewinne auch zugleich
Deines Vaters Reich.
Du tätest, wie ich wollt’,
Würdest du Turnus hold.”
“Womit soll ich ihn minnen?”
9790“Mit Herzen und mit Sinnen.”
“Soll ihm mein Herze geben?
Wie könnte ich dann leben?”
“Unwissend bist du, wie man sieht.”
“Was, wenn es nicht geschieht?”
9795“Was, wenn’s geschehen tut?”
“Wie kann ich meinen Mut
Einem Manne zukehren?”
“Die Minne wird’s dich lehren.”
“Um Gotteswillen, was ist Minne?”
9800“Sie ist vom Urbeginne
Der Erde Herrscherin
Und bleibt’s auch fernerhin
Bis zu dem jüngsten Tag.
In keiner Weise mag
9805Ein Mensch ihr widerstehen,
Denn sie kann niemand sehen
Noch betasten mit der Hand.”
“Die hab’ ich, Fraue, nie gekannt.”
“Du sollst sie kennen lernen noch.”
9810“Wann erwartet Ihr es doch?”
“Ich erwart’ es, wie ich mag.
Vielleicht erleb’ ich noch den Tag,
Da du ungebeten minnest.
Und wenn du es beginnest,
9815Wirst du empfinden Lust dazu.”
“Ich weiss, dass ich’s nicht tu’.”
“Es kommt, so sicher du auch bist.”
“Dann sagt mir, was die Minne ist.”
“Ich kann sie nicht beschreiben.”
9820“Dann lasst es doch noch bleiben.”
Lines 10031-79: Lavinia’s first glimpse of Eneas.
Als der Held dahin kam,
Und die Jungfrau wonnesam
Ihre Augen kehrte dar
Und sein da unten ward gewahr
10035Von ihrer hohen Zinne,
Durchschoss sie nun Frau Minne
Mit einem scharfen Pfeil;
Drum ward ihr Qual zuteil
Auf manche lange Stunde.
10040Sie empfing eine Wunde,
In ihrem Herzen drinnen,
So dass sie musste minnen
Und konnte nichts dafür.
Gram ward die Mutter ihr,
10045Deren Huld sie ganz verlor,
Denn sie brannte und sie fror
Fast in derselben Stunde.
Die Art und Weis’ der Wunde,
Das Übel war ihr unbekannt.
10050Sehr bald sie nun verstand
Ihrer Mutter Geheiss.
Sie ward unmässig heiss
Und danach wieder kalt,
Sie kam in Ungewalt,
10055Unangenehm sie lebte,
Sie schwitzte und sie bebte,
Wurde bleich und wurde rot;
Sehr gross war ihre Not
Und ihres Leibes Ungemach,
10060Da fand sie Kraft und sprach.
Als das Herz ihr wiederkam,
Sprach die Jungfrau wonnesam
Jämmerlich sich selber zu:
“Ich weiss nicht leider, was ich tu’;
10065Ich weiss nicht, was mich schiert,
Dass ich bin so verwirrt.
Nie ward mir solches kund;
Ich war bisher gesund
Und bin nun jetzt fast tot.
10070Wer hat in kurzen Stunden
Das Herz mir festgebunden,
Das früher ledig war und frei?
Mir ahnt, es sei das Ungemach,
Von dem vorher die Mutter sprach.
10075Zu früh hat’s mir passiert!
Wär’ ich doch ungeniert
Von—Minne, wie ich sie verstand,
Ja, Minne hat sie es genannt!”
XXIII. HARTMANN VON AUE
The first in order of the three great romancers who interpreted the French tales of chivalry for medieval Germany. They were adapters rather than translators, just as were the French poets themselves in relation to their Keltic sources. Hartmann was born in Swabia about 1165, took part in a crusade, probably that of 1197, and died before 1220. His chief works are the two Arthurian romances Erec and Iwein, and the two pious ‘legends’ Gregorius and Der arme Heinrich. The selection from Der arme Heinrich is given in Bötticher’s translation, as found in Bötticher and Kinzel’s Denkmäler, II, 2.