Da bot man Hetels Tochter     Burgen an und Land.

Weil keines sie begehrte,     musste sie Gewand

Alle Tage waschen     vom Morgen bis zur Nacht.

Drum sah man später Ludwig     sieglos vor Herwigs Macht.

165

Es ging der Degen Hartmut,     wo er die Seinen fand,

Er befahl in ihre Obhut     die Leute und das Land,

Dann zog er in die Ferne.     Er dacht’ in Sorgen schwer:

“Mich drängen viele Feinde;     drum setz’ ich mich zur Wehr.”

Da sprach mit Wolfessinne     die böse Frau Gerlind:

170

“Nun will ich, dass mir diene     der stolzen Hilde Kind.

Weil sie in ihrer Bosheit     sich dünkt so gut und treu,

Soll sie als Magd mir dienen;     leicht wär’ vom Schmach sie frei.”

Darauf die edle Jungfrau:     “Was ich leisten kann,

Das sei mit diesen Händen     früh und spät getan;

175

Mit Fleiss und gutem Willen     tu’ ich es immerdar,

Da mich mein herbes Schicksal     schuf aller Freude bar.”

Da sprach die böse Gerlind:     “Du sollst mein Gewand

Jeden Morgen tragen     nieder an den Strand;

Du sollst die Kleider waschen     mir und dem Ingesinde.

180

Und hüte dich, du Stolze,     dass man dich müssig finde.”

Darauf die edle Jungfrau:     “Fraue, hört mich an!

Nun lasst mich unterweisen,     dass ich lernen kann,

Wie ich die Kleider wasche     unten an dem Meer.

Ich mag nicht Freude haben,     ja, quält mich nur noch mehr!”

185

Da hiess sie eine Wäscherin     nieder an den Strand,

Dass sie es Kudrun lehrte,     tragen das Gewand.

Die Fürstentochter diente     in harter Pein und Not;

Niemand konnt’ es wehren;     es war Gerlinds Gebot.

From Adventure 28: The Hegelings take revenge; King Ludwig’s end.

Laut rief der edle Herwig:     “Wer ist der Alte da?

190

Von seinen starken Händen     schon vieles Leid geschah.

Er schlägt so tiefe Wunden     mit seiner grossen Kraft,

Dass er daheim den Frauen     viel Not und Wehe schafft.”

Das hörte König Ludwig,     der Held von Normandie.

“Wer ist’s, der im Getümmel     dort so gewaltig schrie?

195

Ich heisse König Ludwig     und Normandie mein Reich.

Wer mich zum Kampfe fordert,     dem achte ich mich gleich.”

Er sprach: “Ich heisse Herwig,     und du stahlst mir mein Weib.

Das sollst du wieder geben,     oder tot liegt hier ein Leib—

Der meine oder deine—     und dazu mancher Held.”

200

Herr Ludwig drauf: “Mit Drohen     hast du dich mir gestellt.

Doch sprachst du deine Beichte     wahrhaftig ohne Not.

Ich schlug schon manchem andern     die Anverwandten tot

Und nahm ihm seine Habe.     Du, prahle nicht so sehr;

Die Gattin, die du forderst,     küssest du nimmermehr.”

205

Kaum war das Wort gesprochen,     da sprengten sie heran,

Beide aneinander.     Mancher kühne Mann

Sprang an des Herren Seite     aus des Getümmels Drang;

Es musste heiss sich mühen,     wer da den Sieg errang.

Wohl war Herr Herwig wacker     und seiner Stärke froh,

210

Doch schlug Herrn Hartmuts Vater     den jungen König so,

Dass er begann zu sinken     vor Ludwigs rauher Hand;

Gern hätt’ er ihn auf ewig     getrennt vom Vaterland.

Wäre nicht so nah gewesen     Herrn Herwigs gutes Heer,

Das vor dem Feind ihn schützte,     er wäre nimmermehr

215

Von Ludwig geschieden     anders als im Tod;

Den jungen Herren brachte     der Held in grosse Not.

Sie halfen, dass das Fechten     kein böses Ende nahm.

Als er von seinem Falle     nun wieder zu sich kam,

Da hat nach einer Zinne2     er schnell emporgeschaut,

220

Ob er darin erblickte     wohl seines Herzens Traut.

Er dacht’ in seinem Herzen:     “Ach, wie ist mir geschehn!

Wenn meine Herrin Kudrun     hat meinen Fall gesehn,

Und wenn ich einst zum Weibe     die Königin gewinne,

So wird sie mich drum schelten     und weigern mir die Minne.

225

Dass mich der greise Recke     hier hat zu Fall gebracht,

Muss billig mich beschämen.”     Da hiess zu neuer Schlacht

Er seine Zeichen tragen     dahin, wo Ludwig stand;

Nach drängten seine Helden     mit Speer und Schildesrand.

In Ludwigs Rücken tobte     der Hegelinge Heer;

230

Er kehrte sich zum Feinde     und setzte sich zur Wehr.

Da rasselten die Hiebe,     da krachte mancher Schaft;

Die in der Nähe standen,     erprobten Ludwigs Kraft.

Es traf Kudruns Geliebter     unterm Helm und überm Rand

Den alten König Ludwig     mit heldenstarker Hand.

235

Er schlug ihm eine Wunde,     dass man nicht länger stritt;

Da war’s, wo König Ludwig     den grimmen Tod erlitt.

From Adventure 29: The fate of Queen Gerlinde.

Da trat dahin auch eilend     die böse Frau Gerlind;

Demütig fiel zu Füssen     sie Hildes schönem Kind.

“Nun schütze uns, o Herrin,     vor Wate,” war ihr Flehn;

240

“Denn du nur kannst es wenden,     sonst ist’s um uns geschehn.”

“Dass Ihr um Gnade bittet,     erhabene Königin,

Das höre ich nicht ungern;     doch steht nicht so mein Sinn.

Wann durfte ich Euch bitten?     Wann winktet Ihr Gewähr?

Ihr waret mir nie gnädig.     Drum trifft mein Zorn Euch schwer.”

245

Als nun der alte Wate     Herrn Ludwigs Königin sah,

Wie knirscht’ er mit den Zähnen!     Näher trat er da,

Ihm funkelten die Augen,     sein Bart war ellenbreit,

Vor dem von Stürmen bebte     im Saale Mann und Maid.

Er fasste ihre Hände     und zog zur Tür sie hin,

250

Da hub sie an zu jammern,     die arge Königin.

Er sprach in blindem Zorne:     “Fürstin stolz und hehr!

Für Euch wäscht meine Herrin     die Kleider nimmermehr.”

Als er hinaus die Fürstin     zog aus dem Gemach,

Da schaute manches Auge     ihm voller Neugier nach.

255

Er fasste ihre Haare,     wer hatt’ ihm das erlaubt?

Sein Zürnen war gewaltig,     er schlug ihr ab das Haupt.

1. Hetel and his men have taken possession of some ships belonging to a party of pilgrims. A Kocke was a wide, blunt-pointed convoy.

2. The fight takes place before the Norman castle.

XX. THE EARLIER MINNESINGERS

‘Early’ means, roughly, from 1150 to 1190. The lyric poets of this period were for the most part Austrian and Bavarian knights who lived remote from the French border and were little influenced by the now well-developed art of the troubadours and trouvères. They got their impulse rather from the simple love-messages and dance-songs which had long been current in Latin, probably also in artless German verses. These trifles were now translated, so to speak, into the terms of chivalrous sentiment. The art of the minnesingers culminated in the fascinating songs of Walter von der Vogelweide, and then, as their numbers increased, it gradually degenerated toward conventional inanity.

Of the selections below, the first five are by unknown authors. No. 1 is preserved in a girl’s Latin letter to her lover; see Des Minnesangs Frühling, by Lachmann and Haupt, page 221. No. 2 is found at the end of a Latin poem; see Vogt and Koch’s Geschichte der deutschen Literatur, 2nd edition, page 87. The translations of Nos. 6, 8, and 9 are also from Vogt and Koch; the others are those of Kinzel as found in Bötticher and Kinzel’s Denkmäler.

1
Mein.

Du bist mein, ich bin dein:

Des sollst du gewiss sein.

Du bist beschlossen

In meinem Herzen.

5

Verloren ist das Schlüsselein,

Du sollst immer drinnen sein.

2
Tanzlust des Mädchens.

Alles Trauern werf’ ich hin,

Auf die Heide steht mein Sinn;

Kommt, ihr Trautgespielen mein,

Dort zu sehn der Blumen Schein.

5

Ich sage dir, ich sage dir,

Meine Freundin, komm mit mir.

Minne süss, Minne rein,

Mache mir ein Kränzelein:

Tragen soll’s ein stolzer Mann,

10

Der wohl Frauen dienen kann.

Ich sage dir, ich sage dir,

Meine Freundin, komm mit mir.

3
Frühlingswonne.

Noch keinen Sommer sah ich je,

Der so lieblich deuchte mich.

Mit wie viel schönen Blumen hat

Die Heide heut gezieret sich!

5

Der Wald ist eitel Sanges voll,

Die Zeit, die tut den kleinen Vögeln wohl.

4
Gruss.

Der aller Welten Meister ist,

Der geb’ der Lieben guten Tag,

Von der ich wohl getröstet bin.

Sie hat mir all mein Ungemach

5

Durch ihre Freundlichkeit genommen,

Hat mich vor Untreu wohl bewahrt:

In ihre Gunst bin ich gekommen.

5
Zum Reihen!

Lasst springen den Reihen

Uns, Fraue mein,

Uns freuen des Maien,

Uns kommet sein Schein.

5

Der vordem der Heide

Bracht’ schmerzliche Not,

Der Schnee ist zergangen,

Und sie ist umfangen

Von Blumen so rot.

6
Herr von Kürenberg: Der Falke.

Ich zog mir einen Falken     länger denn ein Jahr.

Da er nach meinem Wunsche     nun gezähmet war,

Und ich ihm sein Gefieder     mit Golde schön umwand,

Hoch stieg er in die Lüfte     und flog dahin in fremdes Land.

5

Und nun hab’ ich ihn wieder     in stolzem Flug erblickt,

Es hält die seidne Fessel     ihm noch den Fuss umstrickt,

Ganz rot ihm das Gefieder     vom goldnen Schmucke scheint:

Gott sende die zusammen,     die in Liebe wären gern vereint!

7
Dietmar von Eist: Erinnerung.

Oben auf der Linde

Ein kleiner Vogel lieblich sang,

Vor dem Wald es hell erklang.

Da flog mein Herz geschwinde

5

An einen wohlbekannten Ort;

Viel Rosenblumen sah ich stehn.

Die mahnen die Gedanken mein

Dass sie zu einer Jungfrau gehn.

8
Dietmar von Eist: Der Falke.

Es stand eine Frau alleine

Und blickte über die Heide,

Blickt’ aus nach ihrem Lieben.

Einen Falken sah sie fliegen:

5

“Wie glücklich, Falke, du doch bist!

Du fliegst, wohin dir’s lieb ist.

Du erwählest in dem Walde

Einen Baum dir nach Gefallen.

Also hab’ auch ich getan:

10

Ich selbst erwählte mir den Mann,

Der wohlgefiel den Augen;

Das neiden andre Frauen.

Ach, liessen sie mir doch mein Lieb,

Da mich zu ihren Trauten nie Verlangen trieb!”

9
Dietmar von Eist: Tagelied.

“Schläfst du, holder Liebling du?

Man weckt uns, ach, nach kurzer Ruh’:

Schon hört’ ich, wie mit schönem Sang

Ein Vöglein auf der Linde Zweig sich schwang.”

5

“Von Schlafes Hülle sanft bedeckt,

Werd’ ich durch dein ‘Wach auf!’ geschreckt:

So folgt auf Liebes stets das Leid;

Doch, was du auch befiehlst, ich bin bereit.”

Aus ihrem Äug’ die Träne rann:

10

“Du gehst, verlassen bin ich dann.

Wann kehrst du wieder her zu mir?

Ach, meine Freude führst du fort mit dir.”

10
Heinrich von Veldeke: Vogelsang.

So in den Aprillen

Die Blumen entspringen,

Sich lauben die Linden

Und grünen die Buchen,

5

So mögen nach Willen

Die Vögelein singen.

Denn Minne sie finden,

Allda sie sie suchen,

Bei ihrem Genoss. Ihr Frohsinn ist gross;

10

Des nie mich verdross.

Denn sie schwiegen all den Winter stille.

Da sie an dem Reise

Die Blumen sahn prangen

Und Blätter entspringen,

15

Da hörte man schöne

Oft wechselnde Weise,

Wie vordem sie sangen.

Sie hoben ihr Singen

Mit lautem Getöne

20

Niedrig und hoch. Mein Sinn steht also:

Bin heiter und froh.

Recht ist’s, dass ich laut mein Glück preise.

11
Reinmar der Alte: Glücksverkündigung.

Froh bin ich der Märe,

Die ich hab’ vernommen,

Dass des Winters Schwere

Will zu Ende kommen.

5

Kaum erwart’ ich noch die Zeit,

Denn ich hatte nichts als Leid,

Seit die Welt rings war verschneit.

Hassen wird mich keiner,

Wenn ich fröhlich bin;

10

Weiss Gott! tät’ es einer,

Wär’s verkehrter Sinn.

Niemand ich ja schaden kann.

Wenn sie Gutes mir tut an,

Was geht’s einen andern an?

15

Sollt’ ich meine Liebe

Bergen und verhehln,

Müsst’ ich ja zum Diebe

Werden und gar stehln.

Nein, das kommt mir nicht zu Sinn,

20

Weil ich gar zu fröhlich bin,

Geh’ ich hier, geh’ dort ich hin.

Spielt sie mit dem Balle,

In der Mägdlein Chor:

Dass sie nur nicht falle,

25

Da sei Gott davor!

Mädchen, lasst eu’r Drängen sein!

Stosset ihr mein Mägdelein,

Halb dann ist der Schade mein.

12
Friedrich von Hausen: Zwiespalt.

Es will mein Herze und mein Leib sich scheiden;

So lange waren innig sie gesellt!

Mein Leib will einzig kämpfen mit den Heiden,

Doch hat mein Herz ein andres sich erwählt

5

Vor aller Welt. Wie quält es mich so sehr,

Dass Herz und Leib sich nicht mehr folgen beide!

Viel taten meine Augen mir zu Leide.

Entscheiden kann den Streit allein der Herr.

Von solchen Nöten glaubt’ ich mich errettet,

10

Da ich das Kreuz annahm zur Ehr’ des Herrn,

Mein Herze enger nur mit mir verkettet;

Doch bleibt beständig es in weiter Fern.

Welch reiches Leben sollte mir erstehn,

Liess fahren nur mein Herz sein töricht Streben.

15

Doch fragt es, merk’ ich, nichts nach meinem Leben,

Und wie es mir am Ende soll ergehn.

Doch, da ich, Herz, es nimmermehr kann wenden,

Dass du mich traurig lässt und einsam hier,

So bitt’ ich Gott, dass er dich wolle senden,

20

Dahin, wo man sich freundlich neiget dir.

O weh! Wie wird sich enden doch dein Wahn!

Wie durftest du entfliehen meinen Händen?

Wer soll dir deinen Kummer helfen enden

So treulich, wie ich sonst es hab’ getan?

13
Spervogel: Weibes Tugend.

Ob auch ein reines Weib nicht reiche Kleidung trägt,

Doch kleidet ihre Tugend sie, wer’s recht erwägt,

Dass sie so schön geblümet geht,

So wie die lichte Sonne steht

5

An einem Tag mit vollem Glanz,

Erstrahlend hell und reine.—

So viel die Falsche sich mit Kleidern schmückt,

Ihre Ehre bleibt doch kleine.

14
Spervogel: Priamel.1

Wer einen Freund will suchen,

Wo er niemand traut,

Und spürt des Wildes Fährte,

Wenn der Schnee schon taut,

5

Kauft ungesehn der Ware viel,

Und hält noch aufgegebenes Spiel,

Und dient nur bei geringem Mann,

Wo ohne Lohn er bleibet:

Den wird es einmal noch gereun,

10

Wenn er’s zu lange treibet.

1. From Latin praeambulum; a gleeman’s ‘prelude.’

XXI. WALTER VON DER VOGELWEIDE

The greatest of medieval lyrists. He was an Austrian, of knightly rank but poor, and was born about 1170. He led a wandering life, visiting many courts, taking a deep interest in public affairs and distinguishing himself by his matchless songs and Sprüche. In 1215 Emperor Friedrich II gave him a small estate near Würzburg. He died about 1230.

There are many translations of Walter, the best being by Simrock (1832), Panier (1878), Kleber (1894), and Eigenbrodt (1898). The translations below are from the sumptuous work of J. Nickol, Düsseldorf, 1904, which is itself eclectic and aims to give, for each poem, the best translation that could be found. No. 1 is by Pfaff, No. 2 by Simrock, 3 by Eigenbrodt, 4, 5, 6, 10 by Nickol, 7, 9, 11 by Panier, 8, 12 by Kleber.

1
Maienlust.

Wollt ihr schauen, was dem Maien

Wunders ist beschert?

Seht die Pfaffen, seht die Laien,

Wie das alles fährt!

5

Gross ist sein’ Gewalt:

Hat er Zauber sich ersonnen?

Wo er kommt mit seinen Wonnen,

Da ist niemand alt.

Uns soll alles wohl gelingen,

10

Fröhlich woll’n wir sein.

Lasst uns tanzen, lachen, singen,

Doch in Züchten fein.

Weh! Wer wär’ nicht froh,

Seit die Vöglein also schöne

15

Singen ihre besten Töne?

Tun wir auch also!

Wohl dir, Maie, dass du leidest

Weder Hass noch Streit!

Wie du schön die Bäume kleidest

20

Und die Heide weit!

Die hat Farben viel.

“Du bist kurzer, ich bin langer:”

Also streiten auf dem Anger

Blumen sich im Spiel.

25

Roter Mund, sollst dich bezähmen,

Lass dein Lachen sein!

Ach, es kann dich nur beschämen,

So zu spotten mein.

Ist das wohl getan?

30

Wehe der verlornen Stunde,

Soll von minniglichem Munde

Unminn’ ich empfahn!

Was mir alle Freude störet,

Seid Ihr, Frau, allein.

35

Ihr nur habt mich ja betöret,

So erbarmt Euch mein.

Wie steht Euch der Mut?

Wollt Ihr mir zu allen Tagen

Eure Gnade ganz versagen,

40

So seid Ihr nicht gut.

Lasst die Sorgen von mir scheiden,

Macht mir lieb die Zeit!

Sonst muss ich die Freude meiden,

Dass Ihr selig seid.

45

Wollt Ihr um Euch sehn?

Alles freut sich im Vereine,

Lasst von Euch auch eine kleine

Freude mir geschehn!

2
Frühling und Frauen.

Wenn die Blumen aus dem Grase dringen,

Gleich als lachten sie hinauf zur Sonne,

Des Morgens früh an einem Maientag,

Und die kleinen Vöglein lieblich singen

5

Ihre schönsten Weisen: welche Wonne

Hat wohl die Welt, die so erfreuen mag?

Man glaubt sich halb im Himmelreiche.

Wollt ihr hören, was sich dem vergleiche,

So sage ich, was wohler doch

10

Schon öfter an den Augen tat

und immer tut, erschau’ ich’s noch.

Denkt, ein edles, schönes Fräulein schreite

Wohlbekleidet, wohlbekränzt hernieder,

Sich unter Leuten fröhlich zu ergehn,

Hochgemut im fürstlichen Geleite,

15

Etwas um sich blickend hin und wieder,

Wie Sonne neben Sternen anzusehn:

Der Mai mit allen Wundergaben

Kann doch nichts so Wonnigliches haben

Als ihr viel minniglicher Leib;

20

Wir lassen alle Blumen stehn

und blicken nach dem werten Weib.

Nun wohlan, wollt ihr Beweise schauen:

Gehn wir zu des Maien Lustbereiche,

Der ist mit seinem ganzen Heere da.

Schauet ihn und schauet edle Frauen,

25

Was dem andern wohl an Schönheit weiche.

Ob ich mir nicht das bessre Teil ersah.

Ja, wenn mich einer wählen hiesse,

Dass ich eines für das andre liesse,

Ach, wie so bald entschied’ ich mich:

30

Herr Mai, ihr müsstet Jänner sein,

eh’ ich von meiner Herrin wich’.

3
Schönheit und Tugend.

Heil sei der Stunde, da sie mir erschienen,

Die mir den Leib und die Seele bezwungen!

Alle Gedanken ihr einziglich dienen;

Das ist mit Güte der Guten gelungen.

5

Dass ich nicht lassen und meiden sie kann,

Hat ihre Schönheit und Güte vollbracht

Und ihr roter Mund, der so wonniglich lacht.

Seele und Sinne, die hab’ ich gewendet

Auf die Vielreine, die Liebe, die Gute.

10

Werde uns beiden noch lieblich vollendet,

Was zu gewähren sie hold mir geruhte!

Was ich an Freude auf Erden gewann,

Hat ihre Schönheit und Güte vollbracht

Und ihr roter Mund, der so wonniglich lacht.

4
Das Tröstelein

In einem zweifelvollen Wahn

War ich gesessen und gedachte

Zu lassen ihren Dienst fortan,

Als mich ein Trost ihr wiederbrachte.

Trost mag es wohl nicht heissen, denn zur Stund’

Ist es ja kaum ein kleines Tröstelein,

So klein, wenn ich’s euch sag’, ihr spottet mein.

Doch Freude ist erlaubt auch aus geringem Grund.

Mich hat ein Halm gemachet froh,

Der sagt, ich solle Gnade finden.

Ich mass dasselbe kleine Stroh,

Wie ich zuvor es sah bei Kinden.

Nun höret denn und merket wohl, ob sie es tu’:

“Sie tut, tut’s nicht, sie tut, tut’s nicht, sie tut.”

Wie oft ich mass, so war noch je das Ende gut.

Das tröstet mich, doch da gehöret Glaube zu.

Wie lieb sie mir von Herzen sei,

So kann ich es gar wohl noch leiden,

Zählt sie mich nur den Besten bei;

Ich darf ihr Werben ihr nicht neiden.

Wie ich es kann erkennen, glaub’ ich nicht,

Dass sie ein andrer wankend machen möge;

Ich wollte, die Getäuschten sähn, dass Wahn sie tröge,

Denn allzulange schon hört sie auf jeden Wicht.

5
Wert der Minne.

Was soll ein Mann, der nicht begehrt

Zu werben um ein reines Weib?

Bleibt er von ihr auch unerhört,

Es hebt ihm Seele doch und Leib.

Er tu’ um Einer willen so,

Dass er den andern wohlbehagt,

Dann macht ihn wohl die Eine froh,

Wenn sich die Andre ihm versagt.

Des achte, wenn er liebt, der Mann,

Viel Glück und Ehre liegt daran.

Wer guten Weibes Minne hat,

Der schämt sich keiner Missetat.

6
Doppelzüngigkeit.1

Gott gibt zum König, wen er will;

Darüber wundr’ ich mich nicht viel:

Uns Laien wundert nur der Pfaffen Lehre,

Was sie gelehrt vor wenig Tagen,

Dass woll’n sie heut schon anders sagen.

Nun denn, bei Gott und eurer eignen Ehre,

So sagt uns denn in Treue,

Mit welcher Red’ ihr uns betrogen.

Erkläret uns die eine recht von Grunde,

Die alte oder neue.

Uns dünket, eines sei gelogen;

Zwei Zungen stehen schlecht in einem Munde.

7
Glückes Ungunst.

Frau Glück verteilet rings um mich

Und kehret mir den Rücken zu.

Sie will nicht mein erbarmen sich;

Ich weiss nicht, was ich dazu tu’.

Sie zeigt nicht gern ihr Antlitz mir,

Lauf ich um sie herum, bin ich doch hinter ihr

Denn ihr beliebt’s nicht mich zu sehn;

Ich möcht’, dass ihr die Augen an den Nacken ständen, dann müsst’s ohn’ ihren Wunsch geschehn.

8
Das Lehen.

Ich hab’ ein Lehen, alle Welt, ich hab’ ein Lehen!

Jetzt fürcht’ ich weder mehr den Hornung an den Zehen,

Noch will die bösen Herrn um ihre Gunst ich flehen.

Der edle Herr, der milde Herr hat mich beraten,

Dass ich im Sommer Luft, im Winter Wärme haben kann.

Die Nachbarn sehn mich jetzt mit andern Augen an,

Sie sehn nicht mehr den Butzemann in mir, wie sie es taten.

Zu lange war ich arm, das weiss ich keinem Dank;

Ich war so voll des Scheltens, dass mein Atem stank.

Den hat der König rein gemacht, dazu auch meinen Sang.

9
Morgengebet.

Mit Segen lass mich heut erstehn,

Herr Gott, in deiner Obhut gehn

Und reiten, wo hinaus mein Fuss sich kehre.

Herr Christ, lass sichtbar an mir sein

5

Die grosse Kraft der Güte dein

Und schütze mich um deiner Mutter Ehre.

Wie ihrer Gottes Engel pflag

Und dein, der in der Krippe lag,

Jung als Mensch und alt als Gott,

10

Demütig vor dem Esel und dem Rinde,

Und dennoch schon in fester Hut

Hielt Joseph sie und dich so gut

Wohl mit Treuen sonder Spott:

So schütz’ auch mich, dass man gehorsam finde

15

Mich deinem göttlichen Gebot.

10
Die drei Dinge.

Ich sass auf einem Steine

Und deckte Bein mit Beine.

Darauf setzt’ ich den Ellenbogen;

Ich hatt’ in meine Hand gezogen

5

Das Kinn und eine Wange.

Da dachte ich gar bange,

Wie man auf Erden sollte leben;

Doch keinen Rat konnt’ ich mir geben,

Wie man drei Ding’ erwürbe,

10

Dass keins davon verdürbe.

Die zwei sind Ehr’ und fahrend Gut,

Das oft einander Schaden tut;

Das dritt’ ist Gottes Segen,

Daran ist mehr gelegen.

15

Die wünscht’ ich gern in einen Schrein.

Ja, leider mag das nimmer sein,

Dass Gut und weltlich’ Ehre

Und Gottes Huld, die hehre,

Je wieder in Ein Herze kommen.

20

Ihnen ist Weg und Steg benommen:

Untreue liegt im Hinterhalt,

Und auf der Strasse fährt Gewalt;

Friede und Recht sind beide wund,

Die dreie finden kein Geleit, die zwei denn werden erst gesund.

11
Abschied von der Welt.

Frau Welt, Ihr sollt dem Wirte sagen,

Dass ich ihn ganz bezahlet habe;

All meine Schuld sei abgetragen,

Dass er mich aus dem Schuldbrief schabe.

5

Wer ihm was soll, der mag wohl sorgen;

Eh’ ich ihm lange schuldig blieb, eh’r wollt’ ich bei den Juden borgen.

Er schweiget bis auf einen Tag,

Dann aber nimmt er sich ein Pfand, wenn jener nicht bezahlen mag.

Elegie.

O weh, wohin entschwunden sind alle meine Jahr!

Ist mir mein Leben geträumet, oder ist es wahr?

Was ich je wirklich wähnte, war’s nur ein Traumgesicht?

So hab’ ich denn geschlafen, und ich weiss es nicht!

5

Jetzt bin ich erwacht, und ist mir unbekannt,

Was mir vordem war kundig, wie meine rechte Hand.

Leut’ und Land, da ich von Kindheit an erzogen,

Die sind mir fremd geworden, als ob es sei erlogen;

Die mir Gespielen waren, die sind träg’ und alt,

10

Geackert ist das Feld, gehauen ist der Wald.

Wenn nicht das Wasser flösse, wie es weiland floss,

Fürwahr, ich wähnte, mein Unglück es wär’ gross.

So kalt grüsst jetzt mich mancher, der einst mich wohl gekannt;

Voll Not und Trübsal ist die Welt in Stadt und Land.

15

So ich gedenk’ an manchen wonniglichen Tag,

Die sind mir entfallen, recht wie ins Meer ein Schlag.

Immermehr o weh!

O weh, wie jämmerlich doch junges Volk jetzt tut,

Dem ehmals nie verzagte in der Brust der Mut!

20

Die tragen sich mit Sorgen, weh, was tun sie so!

Wohin ich immer blicke, keinen seh’ ich froh.

Tanzen, Lachen, Singen, vergeht vor Sorgen gar;

Nie sah man unter Christen so jämmerliche Schar.

Seht nur der Frauen Schmuck, der einst so zierlich stand;

25

Die stolzen Ritter tragen bäurisches Gewand.

Uns sind ungnädige Briefe2 her von Rom gekommen;

Uns ist erlaubt zu trauern, und Freude gar benommen.

Das schmerzt mich tief im Herzen—wir lebten einst so wohl—

Dass ich nun für mein Lachen Weinen tauschen soll.

30

Die Vöglein in dem Walde betrübet unsre Klage,

Was Wunder, wenn auch ich darüber schier verzage?

Doch, ach, was sprech’ ich Tor in meinem sündigen Zorn?

Wer dieser Wonne folget, der hat jene dort verlorn.

Immermehr o weh!

35

O weh, wie ward uns Gift mit Süssigkeit gegeben!

Die Galle seh’ ich mitten in dem Honig schweben.

Die Welt ist aussen lieblich, weiss und grün und rot,

Doch innen schwarzer Farbe, finster wie der Tod.

Wen sie verleitet habe, der suche Trost bei Zeit;

40

Er wird mit leichter Busse von schwerer Schuld befreit.

Daran gedenket, Ritter, es ist euer Ding!

Ihr tragt die lichten Helme und manchen harten Ring,

Dazu die festen Schilde und das geweihte Schwert;

Wollte Gott, ich wäre für ihn zu streiten wert!

45

So wollt’ ich armer Mann verdienen reichen Sold;

Nicht mein’ ich Hufen Landes, noch der Herren Gold.

Ich möchte jene ewigliche Krone tragen,

Ein Söldner könnte sie wohl mit seinem Speer erjagen.

Könnt’ ich die teure Reise fahren über See,

50

So wollt’ ich wieder singen “wohl” und nimmermehr “o weh,”

Nimmermehr o weh!

1. Pope Innocent III was at first a partisan of Otto the Saxon and consecrated him as emperor. But when Otto invaded Italy in 1210 the Pope turned against him and excommunicated him.

2. The pope’s excommunication of Emperor Friedrich II, in September, 1228.

XXII. HEINRICH VON VELDEKE’S ENEID

A Low German poem of 13,528 verses, completed between 1184 and 1190. Its author was a Netherlander of knightly rank who finished his poem in Thuringia and was regarded by his successors as the father of the riming love-romance. His chief source was an Old French Roman d’Enéas, but he dealt very freely with his French text, omitting much, adding much and making some use, possibly, of the Latin original.

Lines 1450-1534: The love-smitten Dido confides in her sister Anna.
1450

Sie ging in ihre Kemenate,

Wo ihre Frauen lagen.

Als die sie kommen sahen,

Waren sie all’ in Sorgen:

Es war doch früh am Morgen.

1455

Sie hatte grosses Ungemach;

Bedeutungsvoll sie sprach

Zu ihrer Schwester Annen;

Die führte sie von dannen

In ihre Kemenate wieder.

1460

Sie fiel am Bette nieder

Und klagte ihr ihr Ungemach,

Wie sie die ganze Nacht

Schlaflos geblieben war.

Sie seufzte tief fürwahr,

1465

Gar traurig war ihr Sinn,

Sie sprach: “Mein’ Ehr’ ist hin.”

“Fraue Schwester Dido,”

Sprach Anna, “wie denn so?

Sagt, was ist Eure Not?”

1470

“Schwester, ich bin fast tot.”

“Erkranktet Ihr? Zu welcher Stund’?”

“Schwester, ich bin ganz gesund,

Doch kann ich nicht genesen.”

“Schwester, wie mag das wesen?

1475

Ich meine, Frau, ‘s ist Minne.”

“Ja, Schwester, zum Wahnsinne.”

“Warum betragt Ihr Euch also,

Liebe Fraue Dido?

Was wollt Ihr so verderben?

1480

Ihr dürft nicht an Minne sterben.

Ihr mögt sehr wohl genesen

Und nachher glücklich wesen.

Es ist kein Mann auf Erden,

Der nicht Euer könnte werden,

1485

Der nicht froh wär’ Eurer Minnen;

Ihr sollt Euch bass besinnen.”

Da versetzte Frau Dido:

“Es steht mir nicht also.

Wahr ist es in der Tat,

1490

Ich sollte finden andern Rat;

Ich tät’ es, wär’s in meiner Wahl.

Ihr wisset, dass ich dem Gemahl

Sicheus gelobte und verhiess,

Der mir ein gross Gut hinterliess

1495

Und auch grosse Ehr’,

Dass ich nun nimmermehr

Einen Mann würde nehmen,

Was für Freier immer kämen.”

Da sprach aber Anna:

1500

“Ihr redet von dem Manne

Allzuviel und ohne Not.

Er ist seit vielen Tagen tot.

Wo steht denn Euer Sinn?

Wie hätte er Gewinn,

1505

Wenn Ihr jetzt verdürbet

Und törichterweise stürbet?

Ihr braucht nicht Euer Leben

Seinetwegen zu vergeben.

Er könnt’ es Euch nicht lohnen.

1510

Ihr sollt Euch selber schonen.

Die Rede, die Ihr tut,

Sie ist ja gar nicht gut.

Lasst solche Rede sein

Und folgt dem Rate mein;

1515

Das ist grössere Weisheit.

Sagt mir nur die Wahrheit:

Wer ist der selige Mann,

Dem Gott es gönnen kann,

Dass Ihr ihn wollt minnen?

1520

Das gebt mir zu besinnen.

Ich will Euch raten dann

So gut, wie ich es kann,

Weil ich Euch Gutes gönne.

Ob ich so raten könne,

1525

Dass Ihr damit gedienet seid?

Nun sagt es mir, es ist ja Zeit.”

Sie sprach: “Ich will’s nicht hehlen.

Ich will Euch jetzt befehlen

Ehre so wohl als Leben.

1530

Ihr sollt mir Rat drauf geben.

Es ist,” sprach sie, “ein Mann,

Dem keiner gleichen kann.

Ich muss verraten seinen Nam’

Trotz meiner grossen Scham;

1535

Das Nennen tut mir weh.

Er heisset,” sprach sie, “E”—

Und nach dem NE ward es gar lang,

So sehr die Minne sie bezwang,

Bevor sie deutlich sagte AS;—

1540

Dann wusste Anna, wer er was.

Lines 9735-9820: Pending the fight between Eneas and Turnus, Lavinia hears of Minne from her mother.
9735

Da nun zwischen beiden

Der Zweikampf sollt’ entscheiden,

Recht war es ihrer Tapferkeit.

Sie machten sich bereit

Mit mannlichem Sinn.

9740

Da ging die Königin

Eines Abends spat

In ihre Kemenat

Und rief die Tochter zu sich,

Eine Jungfrau minniglich.

9745

Zu reden sie begonnte,

Wie sie es wohl konnte,

Mit sehr klugem Sinn.

Es sprach die Königin:

“Lavine, schönes Mägdelein,

9750

Du liebe Tochter mein,

Vielleicht es nun so endet,

Dass der Vater dir entwendet

Grosses Gut und grosse Ehr’:

Turnus, der edle Herr,

9755

Der deine Minne stark begehrt,

Ist deiner durchaus wert;

Des hab’ ich sichere Kunde.

Und wärest du zur Stunde

Tausendmal so schön und gut,

9760

Du könntest billig deinen Mut

Dem tapfern Mann zukehren;

Ich gönne dir die Ehren.

Ich will, dass du ihn minnest,

Und dabei auch erkennest,

9765

Dass er ein edler Herr.

Drum lob’ ich dir so sehr

Den Helden wonnesam.

Sei doch Eneas gram,

Jenem Trojaner schlecht,

9770

Der ihn erschlagen möcht’,

Der dich im Herzen trägt

Dir ist’s ja auferlegt,

Ihm Ungunst zu erzeigen

Und stetiges Abneigen,

9775

Ihm keine Ehr’ zu zollen,

Ihm Gutes nicht zu wollen.

Du sollst ihm bleiben kalt,

Weil er dich mit Gewalt

Nun wähnet zu gewinnen.

9780

Er strebt nach deiner Minnen

Nur wegen deines Gutes:

Was er bestrebt, er tut es,

Damit er dich erwerbe

Und mit dir nun als Erbe

9785

Gewinne auch zugleich

Deines Vaters Reich.

Du tätest, wie ich wollt’,

Würdest du Turnus hold.”

“Womit soll ich ihn minnen?”

9790

“Mit Herzen und mit Sinnen.”

“Soll ihm mein Herze geben?

Wie könnte ich dann leben?”

“Unwissend bist du, wie man sieht.”

“Was, wenn es nicht geschieht?”

9795

“Was, wenn’s geschehen tut?”

“Wie kann ich meinen Mut

Einem Manne zukehren?”

“Die Minne wird’s dich lehren.”

“Um Gotteswillen, was ist Minne?”

9800

“Sie ist vom Urbeginne

Der Erde Herrscherin

Und bleibt’s auch fernerhin

Bis zu dem jüngsten Tag.

In keiner Weise mag

9805

Ein Mensch ihr widerstehen,

Denn sie kann niemand sehen

Noch betasten mit der Hand.”

“Die hab’ ich, Fraue, nie gekannt.”

“Du sollst sie kennen lernen noch.”

9810

“Wann erwartet Ihr es doch?”

“Ich erwart’ es, wie ich mag.

Vielleicht erleb’ ich noch den Tag,

Da du ungebeten minnest.

Und wenn du es beginnest,

9815

Wirst du empfinden Lust dazu.”

“Ich weiss, dass ich’s nicht tu’.”

“Es kommt, so sicher du auch bist.”

“Dann sagt mir, was die Minne ist.”

“Ich kann sie nicht beschreiben.”

9820

“Dann lasst es doch noch bleiben.”

Lines 10031-79: Lavinia’s first glimpse of Eneas.

Als der Held dahin kam,

Und die Jungfrau wonnesam

Ihre Augen kehrte dar

Und sein da unten ward gewahr

10035

Von ihrer hohen Zinne,

Durchschoss sie nun Frau Minne

Mit einem scharfen Pfeil;

Drum ward ihr Qual zuteil

Auf manche lange Stunde.

10040

Sie empfing eine Wunde,

In ihrem Herzen drinnen,

So dass sie musste minnen

Und konnte nichts dafür.

Gram ward die Mutter ihr,

10045

Deren Huld sie ganz verlor,

Denn sie brannte und sie fror

Fast in derselben Stunde.

Die Art und Weis’ der Wunde,

Das Übel war ihr unbekannt.

10050

Sehr bald sie nun verstand

Ihrer Mutter Geheiss.

Sie ward unmässig heiss

Und danach wieder kalt,

Sie kam in Ungewalt,

10055

Unangenehm sie lebte,

Sie schwitzte und sie bebte,

Wurde bleich und wurde rot;

Sehr gross war ihre Not

Und ihres Leibes Ungemach,

10060

Da fand sie Kraft und sprach.

Als das Herz ihr wiederkam,

Sprach die Jungfrau wonnesam

Jämmerlich sich selber zu:

“Ich weiss nicht leider, was ich tu’;

10065

Ich weiss nicht, was mich schiert,

Dass ich bin so verwirrt.

Nie ward mir solches kund;

Ich war bisher gesund

Und bin nun jetzt fast tot.

10070

Wer hat in kurzen Stunden

Das Herz mir festgebunden,

Das früher ledig war und frei?

Mir ahnt, es sei das Ungemach,

Von dem vorher die Mutter sprach.

10075

Zu früh hat’s mir passiert!

Wär’ ich doch ungeniert

Von—Minne, wie ich sie verstand,

Ja, Minne hat sie es genannt!”

XXIII. HARTMANN VON AUE

The first in order of the three great romancers who interpreted the French tales of chivalry for medieval Germany. They were adapters rather than translators, just as were the French poets themselves in relation to their Keltic sources. Hartmann was born in Swabia about 1165, took part in a crusade, probably that of 1197, and died before 1220. His chief works are the two Arthurian romances Erec and Iwein, and the two pious ‘legends’ Gregorius and Der arme Heinrich. The selection from Der arme Heinrich is given in Bötticher’s translation, as found in Bötticher and Kinzel’s Denkmäler, II, 2.

 I 
From ‘Iwein’, lines 2073-2338: The enterprising maid Lunete persuades her mistress to marry Iwein, who has just slain her husband.