Dass sie der Magd je Hartes sprach,

Davon litt sie solch Ungemach,

2075

Dass sie es sehr bereute.

Als sich der Tag erneute,

War jene noch einmal gekommen

Und wurde besser aufgenommen

Als sie entlassen ward vorher.

2080

Die Frau ermunterte sie sehr

Mit gütigem Empfange.

Es dauerte nicht lange,

Bevor sie nun also begann:

“Du lieber Gott, wer ist der Mann,

2085

Den du mir gestern lobtest?

Ich glaube nicht, du tobtest,

Denn der war nicht von Herzen matt,

Der meinen Herrn erschlagen hat.

Hat er Geburt und Jugend

2090

Und sonst etwa ‘ne Tugend,

So dass er mir zum Herren ziemt,

Und dass die Welt, wenn sie’s vernimmt,

Mir’s nicht zu sehr verdenken kann,

Dass ich genommen hab’ den Mann,

2095

Der mir den Herrn erschlagen?

Kannst du mir von ihm sagen,

Was mir in seiner Tugend Licht

Dem üblen Ruf die Spitze bricht?

Und rätst du mir sodann,

2100

Ich nähme ihn zum Mann?”

Sie sprach: “Es dünkt mich gut.

Mich freut, dass Ihr den Mut

So schnell habt umgekehret.

In ihm seid Ihr geehret;

2105

Zu fürchten wäre keine Scham.”

Sie sprach: “Was ist also sein Nam’?”

“Er nennt sich Herr Iwein.”

Gleich stimmten sie nun überein.

Sie sprach: “Der Nam’ ist mir doch kund

2110

Seit mancher langen Stund’.

Er ist gewiss vom hohen Stamm

Des Königs Vriën lobesam.

Nun ist die Sache klar zum Teil,

Und krieg’ ich ihn, so hab’ ich Heil.

2115

Aber, Gesellin, weisst du recht,

Ob er mich auch haben möcht’?”

“Es wär’ ihm lieb, wär’s schon geschehn.”

“Und sage mir, wie bald wird’s gehn?”

“In ungefähr vier Tagen.”

2120

“Ach Gott, was willst du sagen!

Zu lang machst du die Frist.

Bedenke dich, ob’s möglich ist,

Dass ich ihn morgen—heute—sehe.”

“Wie wollt Ihr, Frau, dass das geschähe?

2125

Zu denken wäre nicht daran:

Es lebt auf Erden nicht der Mann,

Er habe denn Gefieder,

Der käme hin und wieder

In solcher kurzen Frist;

2130

Ihr wisst, wie fern es ist.”

“So überlass es meinem Witz.

Mein Garçon läuft ja wie der Blitz;

Zwei Tag’ ein andrer reiten muss,

Er macht’s in einem Tag zu Fuss.

2135

Der Mondschein ihm auch helfen mag:

Er mache ja die Nacht zum Tag.

Auch sind die Tag’ unmässig lang;

Sag’ ihm, es lohnt sich hoch sein Gang,

Und dass es ihm recht lange frommt,

2140

Wenn er schon morgen wiederkommt.

Er rühre tüchtig nur die Bein’

Und mache die vier Tag’ zu zwein.

Er soll sich sputen sehr

Und ausruhen nachher,

2145

So lang er eben ruhen möcht’.

Nun, Trautgesellin, mach’s ihm recht!”

Sie sagte: “Frau, es soll geschehn;

Doch eines sei nicht übersehn:

Befragt doch Eure Leute

2150

Gleich morgen oder heute;

Denn paart Ihr Euch ohn’ ihren Rat,

Es wäre eine üble Tat.

Wer sich berät in diesen Dingen,

Dem kann es nimmermehr mislingen.

2155

Was man alleine tut,

Wird es nachher nicht gut,

Bringt böses Leid in Doppelmass:

Den Schaden und der Freunde Hass.”

Sie sprach: “O weh Gesellin traut,

2160

Wie mir vor diesem Schritte graut!

Man wird vielleicht dagegen sein.”

“Nur nichts vom Bangen, Fraue mein!

Es ist gewiss kein andrer Held,

Und sucht Ihr durch die ganze Welt,

2165

Der wahrte Euch wie er den Bronn;

So wird die Meinung sein davon.

Mit Freude, zweifelt nicht daran,

Wird jederman in Eurem Bann

Solch Landeshut begrüssen;

2170

Man wirft sich Euch zu Füssen

Und bittet Euch, hat man’s erfahren,

Geschwinde Euch mit ihm zu paaren.”

Sie sprach: “Nun lass den Garçon ziehn!

Indessen will ich mich bemühn,

2175

Botschaften auszusenden;

Wir wollen die Rede enden.”

Leicht hätte sie ihn fortgesandt,

Denn er befand sich gleich zur Hand.

Der Garçon auf den Wink der Maid

2180

Verbarg sich mit Geschwindigkeit;

Schnell fasste ja der flinke Knapp,

Was man ihm auszuführen gab.

Er konnt ihr helfen bei dem Lügen

Und ohne jede Bosheit trügen.

2185

Eh’ ihre Herrin hatte Zeit,

Zu träumen von der Möglichkeit,

Der Knabe sei schon auf dem Wege,

Nahm sie den Ritter in die Pflege,1

Wie Gott allein sie lohnen kann.

2190

Mit schönster Bitte ging sie dran.

Es lagen Kleider da bereit

In dreifacher Vortrefflichkeit,

Grau, hermelin und bunt;

Ging doch der Wirt zu jeder Stund’

2195

Gekleidet wie ein Hofgalan,

Der viel auf Leibespflege sann

Und nie am Prunk es fehlen liess.

Das schönste sie ihn wählen hiess

Und kleidete ihn damit an.

2200

Am nächsten Abend ging sie dann,

Wo sie die Frau alleine fand,

Und machte sie gleich vor der Hand

Von Freude bleich und rot.

Sie sprach: “Gebt mir das Botenbrot!

2205

Der Garçon ist gekommen.”

“Hast schon etwas vernommen?

Ist’s gute Märe? Sprich doch! Wie?

Also ist Herr Iwein hie?

Wie ist es ihm so früh geglückt?”

2210

“Die Liebe hat ihn hergeschickt.”

“Ach Gott! Doch sprich! Wer weiss davon?”

“Es weiss bisher kein Muttersohn

Als Euer Knab’ und wir.”

“Wann führst du ihn zu mir?

2215

Geh stracks zu ihm, ich bitte dich.”

Die flinke Magd entfernte sich

Und machte mit verstellter Mien’,

Als vor dem Ritter sie erschien,

Als ob mit böser Märe

2220

Sie ihm gesendet wäre.

Sie hing den Kopf und sah ihn an

Und trauriglich also begann:

“Ach, lieber Gott, mit mir ist’s aus!

Die Herrin weiss, dass Ihr im Haus.

2225

Für mich hat sie nun nichts als Zorn;

Ich habe ihre Huld verlorn,

Weil ich Euch barg im Schlosse hier.

Doch sagt sie, es beliebe ihr

Euch einmal näher anzusehen.”

2230

“Und sollte das nun nicht geschehen,

Ich liess ihr eher meinen Leib.”

“Sie sollt’ Euch töten? Sie, ein Weib?”

“Sie hat ja doch ein starkes Heer.”

“Oh, Ihr genest wohl ohne Wehr.

2235

Ich hab’s von ihr mit Sicherheit,

Dass Euch in keiner Weise leid

Von ihren Händen soll geschehen;

Sie wünscht Euch nur allein zu sehen.

Ihr müsst Euch nur gefangen geben;

2240

Es geht Euch anders nicht ans Leben.”

Er sagte: “Sie holdseliges Weib!

Ich will es gern, dass dieser Leib

Auf immer ihr Gefangener sei,

Und dass mein Herz sei auch dabei.”

2245

Jetzt stand er auf und ging dahin,

Ein seliger Mann mit frohem Sinn,

Und ward kühl aufgenommen.

Als er vor sie gekommen,

Begrüsst’ ihn weder Wort noch Neigen.

2250

Ihr langes, langes Stilleschweigen

Begann ihm endlich sauer zu werden;

Er wusste nicht sich zu gebärden.

Er blieb in weiter Fern’ zurück

Und sah sie an mit scheuem Blick.

2255

Da beide schwiegen, sprach die Magd:

“Herr Iwein, warum so verzagt?

Lebt Ihr und habt Ihr einen Mund?

Ihr redetet vor kurzer Stund’;

Jetzt werdet Ihr ganz stumm.

2260

In Gottes Namen, sagt warum

Ihr meidet ein so schönes Weib.

Weh dessen unglücksel’gem Leib,

Der ohne Dank je einen Mann,

Der doch geläufig sprechen kann,

2265

Zu einer schönen Frau geleitet,

Die er dann anzureden meidet!

Rückt ihr nur näher ohne Scheu!

Ich sage Euch bei meiner Treu,

Sie wird Euch doch nicht beissen! Traun!

2270

Fügt man dem andern solches Graun,

Wie ihr von Euch geschehen,

Und will man Gnade sich versehen,

Dazu gehört ein besserer Lohn.

Ihr habt den König Askalon,

2275

Den ihr so lieben Herrn erschlagen:

Könnt Ihr auf Gunst zu hoffen wagen?

Ihr steht in grosser Schuld;

Nun werbt um ihre Huld!

Wir wollen sie beide bitten,

2280

Dass sie, was sie erlitten,

Geruhe zu vergessen.”

Jetzt ward nicht mehr gesessen.

Er warf sich ihr zu Füssen

Und bat um holdes Grüssen

2285

Als schuldbelad’ner Mann.

Er sprach: “Ich mag und kann

Euch Besseres nicht bezeigen

An Ehr’ und treuem Neigen

Als wenn ich sage: Richtet mich!

2290

Was Ihr mögt wollen, das will ich.”

“Wollt Ihr denn alles, was ich will?”

“Ja wohl; es dünkt mich nicht zu viel.”

“So nehm’ ich Euch vielleicht den Leib.”

“Wie Ihr gebietet, holdes Weib.”

2295

“Nun ja, was soll ich reden lang?

Da Ihr Euch ohne jeden Zwang

In meine Macht ergeben,

Nähm’ ich nun Euch das Leben,

Es ziemte nicht dem Weibe.

2300

Glaubt aber nicht bei Leibe,

Dass es aus Wankelmut geschehe,

Wenn ich Euch jetzt, wie ich gestehe,

Nur allzu früh empfang’ in Gnade.

Von Euch entstand mir solcher Schade,

2305

Dass, stünd’ es mir um Ehr’ und Gut,

Wie es den meisten Frauen tut,

Ich sicherlich nicht wollte,

Wie ich es auch nicht sollte,

So jäh Euch Gnad’ erteilen.

2310

Nun gilt es aber eilen;

Denn da es zu erwarten steht,

Dass mir mein Land verloren geht

Gleich heute oder morgen,

Muss ich mich schnell versorgen

2315

Mit einem Mann zur Landeswehr.

Ihn find’ ich nicht in meinem Heer,

Seit mein Gemahl erschlagen ist;

Drum muss ich nun in kurzer Frist

Mir einen Mann erküren

2320

Oder mein Land verlieren.

Nun sollt Ihr mir aufrichtig sagen:

Da Ihr den Herrn mir habt erschlagen,

So seid Ihr wohl ein tüchtiger Mann;

Und wenn ich Euch gewinnen kann,

2325

Bin ich mit Euch doch wohl bewahrt

Vor fremdem Hochmut jeder Art.

Und glaubt, was ich Euch nun erkläre:

Eher als dass ich Euch entbehre,

Gält’ ich sogar als ungesittet;

2330

Obwohl das Weib den Mann nicht bittet,

Bitt’ ich zuerst und bitte sehr.

Bedrängen will ich Euch nicht mehr,

Ich will Euch gerne. Wollt Ihr mich?”

Er sagte: “Frau, verneinte ich,

2335

So wär’ es um mein Glück geschehen.

Der liebste Tag, den ich gesehen,

Der ist mir heute widerfahren,

Und möge Gott mein Heil bewahren!”

 II 
From ‘Der arme Heinrich’, lines 1004-1247: Poor Henry at Salerno with the maid who is eager to give her heart’s blood that he may be cured of his leprosy.

So fuhr denn nach der Stadt Salern

1005

Die treue Magd mit ihrem Herrn.

Es trübt des Herzens Fröhlichkeit

Nichts mehr, als dass der Weg so weit,

Dass ihr so lang das Licht noch schien.

Und als er sie gebracht dahin,

1010

Wo er den Meister wohlbekannt,

Wie er gedachte, wiederfand,

Ward’s dem gar fröhlich angesagt,

Gefunden wäre jetzt die Magd,

Die einst er ihn gewinnen hiess.

1015

Zugleich er ihn sie sehen liess.

Den däuchte das unglaublich schier.

Er sprach: “Mein Kind, und hast du dir

Solch Willen wohl auch klar gemacht?

Wie? Hat zu dem Entschluss gebracht

1020

Dich Wunsch und Drohung deines Herrn?”

Die Jungfrau sprach, sie tu’ es gern

Aus ihrem eignen Herzen sei

Der Wunsch gekommen, frank und frei.

Gross Wunder däucht’ ihn das, und fern

1025

Nahm er besonders sie vom Herrn

Und fragt’ sie auf die Seligkeit,

Ob nicht ihr Herr in seinem Leid

Solch Reden hätt’ ihr aufgedroht.

Dann sprach er: “Kind, es ist dir not,

1030

Dass du dich mehr noch kümmerst drum,

Was dir bevorsteht—hör’, warum.

Wenn du den Tod nun leiden musst

Und nicht von Herzen gern es tust,

So ist dein junges Leben hin

1035

Und bringt doch keinen Deut Gewinn.

Verschliess’ vor mir nicht deinen Mund.

Was dir geschieht, tu’ ich dir kund.

Ich muss dich ausziehn, nackt und bloss;

Da wird die Pein der Scham dir gross.

1040

Ich binde dich an Bein- und Armen;

Fülst du mit deinem Leib Erbarmen,

Bedenke, Mädchen, diese Schmerzen!

Ich schneide dich bis tief zum Herzen

Und reiss’ es lebend noch aus dir.

1045

Nun, Mädchen, sprich und sage mir,

Wie es mit deinem Mute steh’;

Geschah noch keinem Kind so weh,

Als dir von mir nun muss geschehen.

Dass ich es tun muss und es sehen,

1050

Das macht mir Angst und Not genug.

Bedenk’ nun selber bei dir klug:

Gereut dich’s auch nur um ein Haar,

So hab’ ich meine Arbeit gar

Und du den jungen Leib verloren.”

1055

So ward um alles sie beschworen,

Dass fern sie bleibe solcher Pflicht,

Wär’ felsenfest ihr Wille nicht.

Die Jungfrau aber lachend sprach,

Da sie erfuhr, dass an dem Tag

1060

Ihr helfen sollte noch der Tod

Aus aller Welt- und Erdennot:

“Gott lohn’ Euch, lieber Herr, dass Ihr

So ganz und gar und treulich mir

Die volle Wahrheit habt gesagt.

1065

Nun bin ich wahrlich doch verzagt:

Ein Zweifel mir das Herz erregt;

Euch sei’s geklagt, was mich bewegt.

Mir bangt jetzt, unser Unternehmen

Möcht’ Euer zager Mut noch lähmen,

1070

Dass es vielleicht gar unterbleibe!

Eu’r Reden ziemte einem Weibe.

Ihr seid des Hasen Spielgenoss,

Und Eure Angst ist viel zu gross

Um mich, dass ich nun sterben soll.

1075

Wahrhaftig, Herr, Ihr tut nicht wohl

Bei Eurer grossen Meisterschaft.

Ich bin ein Weib, doch hab’ ich Kraft.

Wagt Ihr nur mich zu schneiden,

Ich wag’ es wohl zu leiden.

1080

Die Angst und bittre Todesqual,

Davon Ihr mir erzählt zumal,

Die hab’ ich wohl von Euch vernommen;

Doch wär’ ich wahrlich nicht gekommen,

Wüsst’ ich so fest nicht meinen Mut,

1085

Dass ich vergiessen könnt’ mein Blut

Und alle Leiden gern erdulden.

Mir ist von Euren Hulden

Die bleiche Farbe ganz genommen

Und also fester Mut gekommen,

1090

Dass ich nicht ängstlicher hier steh’,

Als wenn ich froh zum Tanze geh’;

Die Not kann doch so gross nicht sein,

Die einen Tag nur währt; ich mein’,

Dass ich fürs ewige Leben

1095

Den einen Tag wohl könnte geben.

Euch kann an meinem festen Willen

Kein Zweifel mehr das Herz erfüllen.

Könnt’ Ihr dem Herrn Gesundheit geben

Und mir zugleich das ew’ge Leben,

1100

Um Gotteswillen, tut’s beizeit.

Lasst sehn, ob Ihr ein Meister seid.

Ihr sollt noch reizen mich dazu.

Ich weiss es wohl, um wen ich’s tu’.

In dessen Namen es geschieht,

1105

Der unsre guten Dienste sieht

Und lässt sie ungelohnet nicht.

Ich weiss wohl, dass er selber spricht,

Wer grosse Dienste leiste,

Des Lohn sei auch der meiste.

1110

Drum halt’ ich diesen grimmen Tod

Auch nur für eine süsse Not

Um solch gewissen Himmelslohn.

Liess’ ich die reiche Himmelskron’,

So wär’ zu töricht doch mein Sinn,

1115

Da ich so arm geboren bin.”

Nun sah er, dass unwandelbar

Und ohne Reu’ ihr Wille war.

Noch einmal führt’ er sie sodann

Hin zu dem armen, siechen Mann

1120

Und sprach zu ihrem Herren:

“Dem Zweifel lasst uns wehren,

Zum Werke sei die Magd nicht gut!

Nun habt Vertraun und guten Mut,

Ich mache bald Euch ganz gesund.”

1125

Hin führt’ der Meister sie zur Stund

In sein geheimes Arbeitszimmer,

Damit ihr Herr es sehe nimmer,

Verschloss vor ihm sogleich die Tür

Und warf noch einen Riegel für:

1130

Er wollte nicht, dass er es seh’,

Wie’s nun mit ihr zu Ende geh’.

In einer Kemenaten,

Die er gar wohl beraten

Mit Arzenein für jung und alt,

1135

Hiess er die Jungfrau alsobald

Vom Leibe ziehn der Kleider Zier.

Drob ward sie froh und fröhlich schier.

Sie riss die Näte gleich entzwei

Und war bald ihrer Kleider frei.

1140

Als sie der Meister nun ansah,

In seinem Herzen fühlt’ er da,

Wie sehr ihn dauerte die Maid,

Dass Herz und Mut vor Traurigkeit

Ihm beinah wären noch verzagt.

1145

Da sah die gute, reine Magd

Gar einen hohen Tisch da stehn,

Auf den hiess sie der Meister gehn.

Alsbald er fest darauf sie band

Und nahm ein Messer in die Hand,

1150

Das nahe lag, gar lang und scharf,

Des man für solches Werk bedarf.

So guten Stahl das Messer trug,

Dem Meister war’s nicht scharf genug.

Ihn jammerte die grosse Not,

1155

Er wollt’ ihr lindern noch den Tod.

Nun lag ein guter Wetzstein auch

Ganz nahe bei, wie noch der Brauch.

Auf dem hub jetzt zu streichen an

Gar langsam der bedrückte Mann.

1160

Das Wetzen aber hörte,

Der ihre Freude störte,

Der arme Heinrich vor der Tür.

Und als das Wetzen drang herfür,

Da klagt’ und trauert’ er gar sehr,

1165

Dass er das Mägdlein nimmermehr

Lebendig sollte sehen.

Er hub zu suchen an und spähen,

Bis endlich in der dünnen Wand

Sein Aug’ ein kleines Löchlein fand.

1170

Da sah er durch den schmalen Spalt

Sie auf dem Tisch gebunden bald.

Sie war so hold, so jung und schön,

Da musst’ er reuig sich ansehn,

Und anders ward ihm da zu Mut.

1175

Ihn deucht’, es sei wohl nimmer gut,

Wie ihm bisher das Herz gesinnt.

Und so verwandelt’ er geschwind

Den alten eigensücht’gen Sinn

Und gab sich neuem Fühlen hin.

1180

Er sprach: “Das war unklug Beginnen,

Dass wider den in trotz’gen Sinnen

Du leben wolltest einen Tag,

Dem niemand doch entrinnen mag.

Du weisst fürwahr nicht, was du tust,

1185

Da du doch einmal sterben musst,

Dass du dies jammervolle Leben,

Das Gott allein dir hat gegeben,

Nicht willig willst zu Ende tragen,

Zumal du sicher nicht kannst sagen,

1190

Ob dich erlöst des Kindes Tod.

Was dir beschert der liebe Gott,

Das lass dir alles auch geschehn.

Ich will des Kindes Tod nicht sehn.”

Sogleich war der Entschluss gefasst.

1195

Er pochte an die Wand mit Hast

Und bat: “Lasst mich sogleich hinein!”

Der Meister sprach: “Das kann nicht sein,

Mir fehlt die Musse jetzt dazu,

Dass ich Euch auf die Türe tu’.”

1200

“Nein, Meister, höret nur ein Wort!”

“Wie kann ich, wartet ruhig dort,

Bis es geschehn.” “Ach Meister, nein,

Hört mich, es muss vor dem noch sein!”

“Nun sagt mir’s denn durch diese Wand!”

1205

“Ach, nein, so ist es nicht bewandt”

Da öffnet endlich er die Tür.

Der arme Heinrich trat herfür,

Wo sein Gemahl2 gebunden lag.

Zum Meister alsobald er sprach:

1210

“Dies Mägdlein ist so wonniglich,

Wahrhaftig, nimmermehr kann ich

Ihr jämmerliches Ende sehn.

Des Ewigen Wille soll geschehn.

Heisst sie vom Tische sich erheben;

1215

Das Silber will ich gern Euch geben,

Das ich Euch bot für Eure Müh’.

Nur lasst, ich bitt’, am Leben sie!”

1. Iwein is in the castle, Lunete having saved him from the vassals of the slain Askalon by giving him a ring that made him invisible.

2. Heinrich had playfully called her his ‘wife.’ The girl is but eight years old when the story begins.

XXIV. WOLFRAM VON ESCHENBACH

The deepest of the three chief romancers and the most strongly marked in his individuality. His date is approximately 1170-1220. He was a Bavarian knight of humble estate, who spent some time at the court of Landgrave Hermann in Thuringia. He speaks of himself as ‘ignorant of what the books contain,’ which is usually taken to mean that he could not read or write. His great work is Parzival, a blend of Arthurian and Grail romance, which he says he got from a French poet Kyot. Nothing is known of any such poet, and some think him an invention. Certain it is, however, that Wolfram had some other source than Chrestien de Troyes’ Conte del Graal, though he was acquainted with that, and that he invented freely. Two other narrative poems, Titurel and Willehalm, were left unfinished. The selections from Parzival below are from the translation by W. Hertz, Stuttgart, 1898.

From ‘Parzival,’ Book 3, lines 293-5001: Parzival takes leave of his mother, who has tried in vain to prevent his hearing of knighthood; the young ‘fool’ follows her directions all too literally.

Heut mocht’ ein andrer birschen,

Sein Sinn stand nicht nach Hirschen.

295

Er rennt nach Haus zur Mutter wieder,

Erzählt—und sprachlos sinkt sie nieder.

Doch als sie wieder kam zu Sinn,

Sprach die entsetzte Königin:

“Wer sagte dir von Rittertum?

300

O sprich, mein Sohn! Du weisst darum?”

“Vier Männer sah ich, Mutter mein,

Gott selbst hat nicht so lichten Schein;

Die sagten mir von Ritterschaft.

Artus in seiner Königskraft

305

Verleiht die Rittersehren,

Soll sie auch mir gewähren.”

Da ging ein neuer Jammer an.

Sie wusste keinen Rat und sann:

Was sollte sie erdenken,

310

Sein Trachten abzulenken?

Das einzige, was er begehrt

Und immer wieder, ist ein Pferd.

Sie dacht’ in Herzensklagen:

Ich will’s ihm nicht versagen;

315

Doch soll es ein gar schlechtes sein,

Da doch die Menschen insgemein

Schnell bereit zum Spotte sind,

Und Narrenkleider soll mein Kind

An seinem lichten Leibe tragen.

320

Wird er gerauft dann und geschlagen,

So kehrt er mir wohl bald zurück.

Aus Sacktuch schnitt in einem Stück

Sie Hos’ und Hemd; das hüllt ihn ein

Bis mitten auf sein blankes Bein,

325

Mit einer Gugel obendran.

Zwei Bauernstiefel wurden dann

Aus rauher Kalbshaut ihm gemacht.

Sie bat ihn: “Bleib noch diese Nacht.

Du sollst dich nicht von hinnen kehren,

330

Eh’ du vernahmst der Mutter Lehren:

Ziehst pfadlos du durch Wald und Heiden,

Sollst du die dunkeln Furten meiden;

Sind sie aber seicht und rein.

So reite nur getrost hinein.

335

Du musst mit Anstand dich betragen

Und niemand deinen Gruss versagen.

Wenn dich ein grauer weiser Mann

Zucht will lehren, wie er’s kann,

So folg’ ihm allerwegen

340

Und murre nicht dagegen.

Eins achte ferner nicht gering:

Wo eines guten Weibes Ring

Du kannst erwerben und ihr Grüssen,

So nimm’s; es wird dir Leid versüssen.

345

Küsse keck das holde Weib

Und drück’ es fest an deinen Leib;

Denn das gibt Glück und hohen Mut,

Sofern sie züchtig ist und gut.

Und endlich, Sohn, sollst du noch wissen:

350

Zwei Lande wurden dir entrissen

Von Lähelins, des stolzen, Hand,

Der deine Fürsten überrannt.

Ein Fürst von ihm den Tod empfing,

Indes dein Volk er schlug und fing.”

355

“Das soll er wahrlich nicht geniessen;

Ich werd’ ihn mit dem Pfeile spiessen.”

Dann in der frühsten Morgenzeit

War schon der Knabe fahrtbereit,

Der mir vom König Artus sprach.

360

Sie küsst ihn noch und lief ihm nach.

O Welt von Leid, was da geschah!

Als’ ihren Sohn sie nicht mehr sah’—

Dort ritt er hin, wann kehrt er wieder?—

Fiel Herzeloyd zur Erde nieder.

365

Ihr schnitt ins Herz der Trennung Schlag,

Dass ihrem Jammer sie erlag.

Doch seht, ihr vielgetreuer Tod,

Er wehrt von ihr der Hölle Not.

O wohl ihr, dass sie Mutter ward!

370

Sie fuhr zum Lohn des Heiles Fahrt,

Sie, eine Wurzel aller Güte,

Ein Stamm, auf dem die Demut blühte.

Ach, dass die Welt uns nicht beschied

Ihr Blut auch nur zum elften Glied!

375

Drum ist so wenigen zu traun.

Doch sollen nun getreue Fraun

Mit Segenswünschen ihn geleiten,

Den wir dort sehn von dannen reiten.

Es wandte sich der junge Fant

380

Hin nach dem Wald von Breceliand.2

Er kam an einen Bach geritten,

Den hätt’ ein Hahn wohl überschritten,

Doch weil da Gras mit Blumen spross,

So dass der Bach im Schatten floss,

385

Gedacht’ er an der Mutter Wort

Und trabte diesseits an ihm fort

Unverdrossen bis zur Nacht;

Die ward, wie’s eben ging, verbracht.

Am Morgen traf er eine Stelle,

390

Da rann das Wasser seicht und helle;

Hier ritt er durch und sah ein Feld,

Das schmückt’ ein grosses Prachtgezelt

Aus reichem Samt dreifarbig bunt,

Und alle Näte in der Rund’

395

Deckt feiner Borten Stickerei.

Die Lederhülse hing dabei,

Die, wenn es regnen wollte,

Man drüber ziehen sollte.

Des stolzen Herzogs von Lalander

400

Minnige Gemahlin fand er

Im Zelte, Frau Jeschute,

Die noch im Schlafe ruhte,

Zum Ritterslieb erschaffen:

Sie trug der Minne Waffen,

405

Einen Mund durchleuchtig rot,

Sehnenden Ritters Herzensnot.

Wie wonnig sie entschlummert war!

Halb offen stand ihr Lippenpaar,

Das glüht von heissem Minnefeuer;

410

So lag das holde Abenteuer.

Schneeweiss erglänzt’ in dichten Reihn

Der kleinen Zähne Elfenbein.

Leicht lernt’ ich küssen solchen Mund,

Doch wurde mir das selten kund.

415

Auf weichem Lager hingestreckt

Hat sie den Zobel, der sie deckt,

Zurückgestreift bis an die Hüften,

Im schwülen Sommer sich zu lüften,

Seit einsam lag das schöne Weib.

420

Gott selbst hat an den süssen Leib

Seine Meisterkunst gewandt.

Lang war ihr Arm und blank die Hand.

Doch als der wilde Knabe da

An ihrer Hand ein Ringlein sah,

425

Sprang er ans Bett, den Reif zu holen,

Wie’s ihm die Mutter anbefohlen.

Das reine Weib in Scham erschrak,

Als ihr der Knab’ im Arme lag.

Sie, die man keusche Zucht gelehrt,

430

Sprach: “Wer hat mein Gemach entehrt?

Jungherr, Ihr waget allzuviel.

Geht, suchet Euch ein andres Ziel!”

Doch er, wie laut die Schöne klagt,

Ihn kümmert’s nicht, was sie auch sagt.

435

Er drückt’ an sich die Herzogin,

Zwang ihren Mund an seinen hin

Und nahm den Ring. Auch brach der Range

Von ihrem Hemd die goldne Spange.

Sie wehrt sich, doch mit Weibes Wehr;

440

Ihr war sein Arm ein ganzes Heer.

“Mich hungert,” klagt er, “gib mir Essen!”

Sie sprach: “Ihr wollt doch mich nicht fressen?

Wärt Ihr zu Nutzen weise,

Ihr nähmt Euch andre Speise.

445

Seht, dort beiseit steht Brot und Wein

Und zwei Rebhühnchen obendrein.

Das hat ein Mägdlein hergebracht,

Die’s Euch doch wenig zugedacht.” 

Er liess von ihr, indem er sass

450

Und einen guten Kropf sich ass,

Wonach er schwere Trünke schlang.

Ihr währt sein Wesen hier zu lang;

Sie deucht: dem Jungen fehlt’s im Hirne;

Der Angstschweiss stand ihr auf der Stirne.

455

Drum sprach sie: “Jungherr, lasset mir

Das Ringlein und die Spange hier

Und hebt Euch fort! Denn kommt mein Mann,

Und trifft Euch hier im Zelte an,

So müsst Ihr Zorn erleiden,

460

Den Ihr gern möchtet meiden.”

Er sprach mit trotzigem Gesicht:

“Er komme nur! Ich fürcht’ ihn nicht.

Doch schadet’s dir an Ehren,

Will ich von hinnen kehren.”

465

Aufs neu’ kam er ans Bett gegangen,

Die Schöne küssend zu umfangen;

Ungerne litt’s die Herzogin.

Dann ohne Abschied ritt er hin;

Doch sprach er noch: “Gott hüte dein!

470

So lehrte mich’s die Mutter mein.”

From Book 5, lines 345-490: Parzival in the castle of the Grail.3
345

Dann kam die Königin herein;

Ihr Antlitz gab so lichten Schein,

Sie meinten all’, es wolle tagen.

Als Kleid sah man die Jungfrau tragen

Arabiens schönste Weberei.

350

Auf einem grünen Achmardei4

Trug sie des Paradieses Preis,

Des Heiles Wurzel, Stamm und Reis.

Das war ein Ding, das hiess der Gral,

Ein Hort von Wundern ohne Zahl.

355

Repanse de Schoye sie hiess,

Durch die der Gral sich tragen liess.

Die hehre Art des Grales wollte,

Dass, die sein würdig pflegen sollte,

Die musste keuschen Herzens sein,

360

Vor aller Falschheit frei und rein.

Die Jungfraun tragen vor dem Gral

Sechs Glasgefässe lang und schmal,

Aus denen Balsamfeuer flammt.

Sie wandeln züchtig insgesamt

365

Mit abgemess’nem Schritte

Bis in des Saales Mitte.

Die Königin verneigte sich

Mit ihren Jungfraun feierlich

Und setzte vor den Herrn den Gral.

370

Gedankenvoll sass Parzival

Und blickte nach ihr unverwandt,

Die ihren Mantel ihm gesandt.

Drauf teilt sich all das Gralgeleite;

Zwölf Jungfraun stehn auf jeder Seite,

375

Und in der Mitte steht allein

Die Magd in ihrer Krone Schein.

Nun traten vor des Mahls Beginn

Die Kämm’rer zu den Rittern hin,

Ein jeder ihrer vier zu dienen

380

Mit lauem Wasser, das er ihnen

In schwerem goldnem Becken bot,

Dabei ein Jungherr wangenrot,

Das weisse Handtuch darzureichen.

Da sah man Reichtum ohnegleichen.

385

Der Tafeln mussten’s hundert sein,

Die man zur Türe trug herein,

Vor je vier Ritter eine;

Darauf von edlem Leine

Deckten sie mit Fleisse

390

Tischtücher blendend weisse.

Der Wirt in seiner stummen Qual

Nahm selber Wasser; Parzival

Wusch sich mit ihm zugleich die Hände.

Drauf bracht’ ein Grafensohn behende

395

Ein seidnes Handtuch farbenklar

Und bot es ihnen knieend dar.

Ein jeder Tisch, so viel da stehn,

Ist von vier Knappen zu versehn:

Die einen knien, um vorzuschneiden,

400

Aufwärter sind die andern beiden.

Nun rollen durch den Saal vier Wagen,

Die Goldgeschirr in Fülle tragen;

Das wird von Rittern unverweilt

An all die Tafeln ausgeteilt.

405

Man zog im Ring sie Schritt für Schritt,

Und jedem ging ein Schaffner mit,

Dem dieser Hort zur Hut befohlen,

Ihn nach dem Mahl zurückzuholen.

Hundert Knappen traten dann

410

Mit Tüchern auf der Hand heran;

Voll Ehrfurcht kamen sie gegangen,

Das Brot vom Grale zu empfangen.

Denn wie ich selber sie vernommen,

Soll auch zu euch die Märe kommen:

415

Was einer je vom Gral begehrt,

Das ward ihm in die Hand gewährt,

Speise warm und Speise kalt,

Ob sie frisch sei oder alt,

Ob sie wild sei oder zahm.

420

Wer meint, dass dies zu wundersam

Und ohne Beispiel wäre,

Der schelte nicht die Märe.

Dem Gral entquoll ein Strom von Segen,

Vom Glück der Welt ein vollster Regen.

425

Er galt fast all dem Höchsten gleich,

Wie man’s erzählt vom Himmelreich.

In kleinen goldnen Schalen kam,

Was man zu jeder Speise nahm:

Gewürze, Pfeffer, leckre Brühn.

430

Ass einer zaghaft oder kühn,

Sie fanden insgesamt genug,

Wie man’s mit Anstand vor sie trug.

Wein, Maulbeertrank, Siropel rot,

Wonach den Becher jeder bot,

435

Und welchen Trank er mochte nennen,

Den konnt’ er gleich darin erkennen,

Alles durch des Grales Kraft.

Die ganze werte Ritterschaft

War so zu Gaste bei dem Gral.

440

Wohl sah mit Staunen Parzival

Die Pracht der Wunder sich bezeigen;

Jedoch aus Anstand wollt’ er schweigen.

Er dachte: der getreue Mann,

Gurnemanz, befahl mir an,

445

Vieles Fragen zu vermeiden.

Drum will ich höflich mich bescheiden

Und warten, bis man ungefragt,

Von diesem Haus mir alles sagt,

Wie man bei Gurnemanz getan

450

Drauf sah er einen Knappen nahn

Mit einem Schwerte schön und stark;

Die Scheide galt wohl tausend Mark,

Der Griff ein einziger Rubin.

Das ward vom Wirt dem Gast verliehn:

455

“Ich hab’ es oft im Kampf getragen,

Bis Gott am Leibe mich geschlagen.

Herr, nehmt es als Ersatz entgegen,

Sollt’ man Euch hier nicht wohl verpflegen.”

Ach dass auch jetzt er nicht gefragt!

460

Um seinetwillen sei’s geklagt,

Da mit dem Schwert, das er empfing,

Die Mahnung doch an ihn erging.

Auch jammert mich sein Wirt zumal;

Denn von der ungenannten Qual

465

Würd’ er durch seine Frage frei.

Damit war nun das Mahl vorbei.

From Book 16, lines 332-458: Parzival, as purified king of the Grail and unswervingly faithful husband, is reunited to his wife Kondwiramur.

“Geheimnisreich ist Gottes Tat,”

Sprach er,5 “wer sass in seinem Rat?

Wer kennt die Grenzen seiner Macht?

335

Kein Engel hat sie ausgedacht,

Ja, Gott ist Mensch,” so fuhr er fort,

“Ist seines Vaters ew’ges Wort,

Ist Vater und ist Sohn zugleich,

Sein Geist an Hilfe gross und reich.

340

Ein Wunder seltsam rätselvoll

Ist hier geschehn; durch Euren Groll

Rangt Ihr ab dem höchsten Willen,

Eures Herzens Wunsch zu stillen.

Mir tat einst Eure Mühsal leid;

345

Denn unerhört zu aller Zeit

War’s, mit Gewalt der Waffen

Den Gral sich zu erraffen.

Ich hätt’ Euch gern den Wunsch benommen.

Doch anders ist’s mit Euch gekommen:

350

Euch ward der herrlichste Gewinn.

Nun kehrt an Demut Euren Sinn!”

Drauf Parzival: “Mein Weib ist nah.

Ich will sie sehn, die ich nicht sah

Nun seit fünf langen Jahren.

355

Da wir beisammen waren,

War sie mir lieb und ist es noch.

Drum lass mich ziehn! Dein Rat jedoch

Soll mir verbleiben bis zum Tod.

Du rietest mir in grosser Not.”

360

So schied er von dem heil’gen Mann,

Die Nacht durch ritt er fort im Tann;

Der Weg war seinen Degen kund.

Am Morgen fand er lieben Fund:

Manch Zelt geschlagen auf dem Plane,

365

Vom Lande Brobarz manche Fahne,

Der mancher Schild gefolgt von fern.

Da lagen seines Landes Herrn.

Er fragte nach der Fürstin Zelt;

Das stand für sich abseits im Feld,

370

Von kleinen Zelten rings umfangen.

Ihr Ohm, schon früh auf, kam gegangen;

Noch war der Blick des Tages grau.

Da sah er halten auf der Au

Ein Volk’ von Rittern und von Knappen,

375

Erkannte gleich des Grales Wappen

Und eilte Herrn und Degen

Mit Willkommsgruss entgegen,

Befahl auch, dass ein Jungherr lief

Und rasch der Herrin Marschall rief,

380

Die Gäste für den Morgen

Behaglich zu versorgen.

Den König führt’ er an der Hand

Hin, da die Kleiderkammer stand,

Ein klein Gezelt von Buckeram,

385

Wo man den Harnisch von ihm nahm.

Noch war der Herrin nichts bewusst.

Da fand er seiner Augen Lust:

Im weiten Zelte schlief die Schöne

Und bei ihr seine kleinen Söhne,

390

Loherangrin und Kardeis,

Und hier und dort umher im Kreis

Lagen lichter Fraun genug.

Der Oheim auf die Decke schlug

Und rief: “Willst du erwachen,

395

So wirst du fröhlich lachen!”

Aufblickend sah sie ihren Mann.

Ihr Hemd nur hat die Herrin an,

Die nun die Decke um sich schwang,

Vom Bette auf den Teppich sprang,

400

Und Parzival, er drückte

Ans Herz die Holdbeglückte.

Man sagte mir, sie küssten sich.

Sie sprach: “So hat das Glück mir dich

Gesendet, Herzensfreude mein!

405

Sollst Gott und mir willkommen sein!

Nun sollt’ ich zürnen, kann es nicht.

Heil sei dem Tag und seinem Licht,

Der dies Umfangen mir gebracht,

Das all mein Leid zunichte macht!

410

Des Herzens Wunsch, ich halt ihn hier,

Und Sorge hat kein Teil an mir.”

Nun wachten auch die Kinderlein.

Er beugt sich zärtlich zu den zwein

Und küsste sie, die nackend lagen.

415

Der Ohm hiess sie von dannen tragen,

Und auch die Frauen sandt’ er fort.

Die grüssten erst mit freud’gem Wort

Den Herren nach der langen Reise;

Dann führt sie aus dem Zelte leise

420

Der gute Ohm, der Parzival

Seinem holden Weib befahl.

Noch war es früh; drum liessen wieder

Die Kämm’rer rings die Zeltwand nieder.

Hat ihn einst Blut und Schnee6 verzückt,

425

Im Liebesweh sich selbst entrückt,

Dafür—es war auf dieser Flur—

Gab ihm Ersatz Kondwiramur,

Die rot wie Blut und weiss wie Schnee.

An keinem Ort sonst nahm er je

430

Minnetrost für Minnenot,

Den manches Weib ihm liebend bot.

1. The numbers refer to the original text, Bartsch’s edition; the translation is not a line-for-line version.

2. A famous wood in Bretagne—la forêt de Bréchéliant. Wolfram’s spelling is Prizljan, Hartmann’s Brezilian.

3. The blundering Parzival has now been instructed in the ways of knighthood by the gray-haired Prince Gurnemanz, who has told him to avoid asking questions about what he sees. With this caution in mind Parzival fails to inquire into the malady of the mysterious sick man in the Grail castle—a fateful error which involves him in long wanderings during which he despairs of God. The sick man is his uncle Anfortas, whom he is destined after a lapse of years, to heal by a simple question and to succeed as king of the Grail.

4. Green silk from Arabia.

5. The speaker is the wise old hermit Trevrizent, who has cleared up for Parzival the mystery of the Grail and led him to inward peace.

6. In Book 6 it is related that Parzival, riding away from the castle of the Grail, comes upon three drops of blood in the snow—the blood of a wild goose that had been attacked by a falcon. The red and white remind him of Kondwiramur and he sinks into a moody trance.

XXV. GOTTFRIED VON STRASSBURG

Pre-eminent as a graceful and cunning psychologist of sensual passion. His great work—all that we have from him except some lyric poems—is the love-intoxicated romance of Tristan and Isold, which he began early in the 13th century and did not live to complete. For this his principal source was the French trouvère, Thomas of Brittany, who composed his Tristan in England about 1180. Of this French poem only a few fragments are extant. The original Tristan-saga contained elements of revolting savagery, but in Gottfried’s poem, as in the fragments of Thomas, it is transformed into a courtly romance of love—an illicit love that defies conscience and the world and remains faithful unto death. The selections are from the translation by W. Hertz, 4th edition, Stuttgart, 1904.

From ‘Tristan,’ Book I, lines 119-242: The goodness of love and love-stories.