Liebe Line!

Du weißt, daß ich mich bereits über drei Wochen hier in Nördlingen befinde, aber trotzdem bin ich noch nicht ganz eingewöhnt, auch möchte ich den Leuten immer ins Gesicht lachen, die mich so respektvoll »Frau Bürgermeister« nennen, denn wahrhaftig, wenn’s einem Menschen respekteinflößend zu Mute ist, so bin ichs gewiß nicht. Ich befinde mich in einer sonderbaren Übergangsperiode, in Erlangen bin ich nicht mehr zu Hause, das fühle ich, und hier bin ich noch nicht zu Hause, daher denn manchmal, weil ich viel allein bin, noch immer eine kleine Anwandlung von Heimweh, doch hat das nichts zu sagen, ich bin doch die glücklichste Person von der Welt. Ich habe die Haushaltung nun so ziemlich in den Schick gebracht, lange genug hat’s gedauert; ich freue mich sehr, Dir alles zeigen zu können und wir werden viel Zeit recht friedlich verplaudern; mein Karl ist den Tag über fast immer auf dem Bureau, von morgens ½9 Uhr bis abends 6 Uhr ist er höchstens eine Stunde oben, dafür bleibt er abends fast immer zu Hause und morgens, wo wir vor 7 Uhr frühstücken, bleibt er auch da bis ½9 Uhr. Mein Hans kommt ziemlich fleißig, denn es gefällt ihm so allein gar nicht auf seiner Bleiche. –

In den ersten Jahren des Ehestandes wurde von dem jungen Paar eine Familienchronik geführt, in die bald er, bald sie Einträge machten. Am 9. Mai schreibt darin Pauline:

»Heute haben wir die letzten Besuche gemacht, hingegen fangen jetzt auch schon die verschiedenen Einladungen an, die langweiligerweise immer bloß an mich allein ergehen; denn in Nördlingen sind bloß die großen Damen-Tees und -Kaffees in der Mode. In die erste Gesellschaft ging ich mit großer Angst, die Leute sind aber alle sehr freundlich und so fürchte ich mich nicht mehr vor ihnen. In unserem Hause stellt sich die Ordnung immer mehr her, wir führen ein ziemlich regelmäßiges Leben. Unsere Magd, auch Luise oder Prinzessin genannt, machte mir anfangs viel Herzeleid, weil ich mir nichts zu ihr zu sagen traute, jetzt geht’s schon eher, weil sie weiß, was sie zu tun hat und alles von selbst tut, wenn ich ihr aber etwas tadeln soll, so geschieht’s mit Zittern und Beben.«

Am 26. Mai. »Unsere Hausordnung wurde in der letzten Zeit durch mancherlei Besuche unterbrochen. Vor acht Tagen kamen meine beiden Brüder, Fritz und Friedel, um die Pfingstferien hier zuzubringen, ich freute mich sehr auf diese ersten Besuche und wir waren auch sehr vergnügt. Fritz hat mir viel Zither gespielt und wir haben uns überhaupt die Zeit gut zusammen vertrieben, im Garten ist es ganz grün und wir sind drunten, so oft es der Regen erlaubt. Die Eisenbahn wird uns noch manchen Besuch eintragen, so kam vorgestern Herr Professor Ennemoser aus München als Bekannter von Karl und gestern Joseph Michel als Bekannter von mir und Student aus Erlangen, die Leute sollen nur wenigstens nicht gerade kurz vor Tisch kommen. Die Prinzessin hat schon große Untugenden blicken lassen und macht mir großen Kummer, ich will’s jetzt keiner Frau mehr verargen, wenn sie viel von ihren Mägden spricht, denn ich werde es nächstdem auch so machen. Ich freue mich schon auf einen Besuch von meiner Mutter, es ist aber noch gar nicht ausgemacht, wann sie kommt.«

10. Juni. »Es waren wieder allerlei Gäste da, die uns gewöhnlich durch die Eisenbahn gebracht werden, unter andern auch Fritz Rohmer, dessen gefürchteter Besuch mir aber gar nicht furchtbar war, überhaupt werde ich mich nächstens daran gewöhnen, alle Gäste ohne Angst zu erwarten. Wir haben uns jetzt wunderschöne Reisepläne gemacht für nächsten Herbst, Karl hat schon den ganzen Weg ausgesonnen nach Meran und wieder zurück. Leider hat es jetzt das Aussehen, als wollten sich uns allerlei Hindernisse in den Weg stellen, das wäre ein unendlicher Jammer, besonders mir, weil ich noch nie derartige Gegenden gesehen habe.«

Eine kurze Notiz Braters, auf Hans Pfaff bezüglich, deutet auf dessen stilles Liebesverhältnis hin:

»Am Sonntag traf eine Gesellschaft ein, bestehend aus dem Fräulein Agnes v. D., deren Schwester und Schwager. Die erstere hätte sich sehr dafür interessiert, meinen Schwager Hans, der unseligerweise nach München gegangen war, zu sehen und die Gesellschaft zog, nachdem sie Kaffee bei uns genossen hatte, unbefriedigt weiter.«

Bei dieser Gelegenheit lernte Pauline die junge Dame kennen, die ihres Bruders Hans treue Liebe war. Hatten sich die Liebenden auch verfehlt, so war doch der Besuch ein Beweis, daß das junge Mädchen ihm treu blieb, so gering auch die Hoffnung war, daß der adelige Vater je nachgeben würde.

Am 27. Juni war der Geburtstag des jungen Ehemanns, der erste, den er gemeinsam mit seiner Frau feierte. Im Haus Pfaff waren solche Tage nicht gefeiert worden, man konnte dem einzelnen Familienglied nicht so viel Beachtung schenken, aber Pauline paßte sich der Art an, die ihrem Manne sympathisch war. In der Familienchronik bemerkt der Geburtsträger:

»Mein 31. Geburtstag war der erste, den ich als pater familias und recht eigentlich im ›Schoß‹ meiner eigensten Familie gefeiert habe. Pauline hat sich die festlichen Gebräuche angeeignet, die ich vom elterlichen Haus her gewöhnt bin und nicht gern vermissen möchte. Sie hat mich schon von den Ersparnissen ihres Taschengeldes splendid beschenkt.«

Auch in einem Briefe nach Erlangen erwähnt er desselben Geburtstags:

»Liebe Mutter!

An meinem Geburstag früh, während wir noch beim Kaffee beschäftigt waren, in einen Rosenflor versenkt, kam Eure Bescheerung dazu, die von Deiner Schwiegertochter mit bekannter liebenswürdiger Heftigkeit durchwühlt wurde. Sie geriet über jeden Fund in Entzücken und meine soliden Dankbarkeitsgefühle wurden von ihrem Enthusiasmus, der beim Anblick eines Erlanger Brotes den Kulminationspunkt erreichte, tief unter Wasser gestellt...«

Nachdem wir so den jungen Ehemann in der Rosenlaube mit der jungen Gattin gezeigt haben, müssen wir jetzt den Bürgermeister in seiner Amtsstube aufsuchen und da sehen wir freilich kein rosiges Bild.

Als im Herbst 1848 Karl Brater, erfüllt von nationaler Begeisterung, die Bürgermeisterstelle in Nördlingen angenommen hatte, war dies geschehen in der Hoffnung, als Gemeindebeamter der nationalen und freiheitlichen Sache ersprießliche Dienste leisten zu können. Aber der Anfang der 50er Jahre brachte die Reaktion, die sich gar bald auch in diesen Kreisen fühlbar machte. Herr v. Welden, der Regierungspräsident von Augsburg, zu dessen Bezirk Nördlingen gehörte, stand an der Spitze der reaktionären Partei und dieser Vorgesetzte war es, mit dem der junge Bürgermeister sehr bald in Konflikt geriet. Brater wollte den Rechten seiner Gemeinde nichts vergeben, sich nicht einem Willkürregiment beugen, das die Selbstverwaltung der Stadt beeinträchtigt hätte. Obgleich er dabei nur das Wohl von Nördlingen im Auge hatte, so gab es doch auch in der Stadt selbst eine, wenn auch kleine, reaktionäre Partei, die durch Denunzationen sich bei der Regierung beliebt machen wollte und sich höheren Orts einzuschmeicheln glaubte, wenn sie gegen den der Regierung unbequemen Bürgermeister allerlei Verleumdungen vorbrachte. In einem Brief an seine Schwester Julie schreibt der so Angefeindete:

»Ich bin jetzt in offenem Kampf mit der hiesigen reaktionären Partei, die das Ohr und Herz des Herrn v. Welden durch unaufhörliche politische Denunzationen ganz gefangen hat. Die große Mehrheit ist auf meiner Seite, aber nicht sachkundig und energisch genug.«

Da nun eben in dieser Zeit Brater in Wort und Schrift eine energische Tätigkeit für Anerkennung der Reichsverfassung entwickelte, so wurde der Riß zwischen ihm und dem Regierungspräsidenten immer größer und man hatte nicht übel Lust, ihn als Hochverräter in Untersuchung zu ziehen. Kam es auch dazu nicht, so erreichten die fortgesetzten Verleumdungen doch die Verhängung einer Disziplinaruntersuchung gegen den Bürgermeister und die Mehrheit der Magistratsräte. Aber es stellte sich heraus, daß die Geschäftsführung des tüchtigen, gewissenhaften Juristen musterhaft war, es wurde nichts gegen ihn aufgefunden und die junge Gattin mochte nun erst recht deutlich die Vorzüge der gewissenhaften Art ihres Mannes erkennen.

Der Sommer rückte vor, die Hauschronik berichtet von vielen Gästen und mitten unter diesen wird der Regierungspräsident v. Welden genannt. »Er kam,« schreibt Brater, »mit der Idee, mich durch gemütliches Räsonnement und große Artigkeit zu gewinnen und mich aus einer Stellung, die ihm manchmal unbequem wird, heraus zu manöverieren. Wir sprachen lang und sehr unumwunden über die hiesigen Angelegenheiten und er hatte die Güte, mir mit Beziehung auf meine Opposition gegen willkürliche Regierungsmaßregeln den Vorwurf zu machen: ich sei zu sehr Jurist und Mann des schroffen Rechtes, zu wenig administrativer Diplomat – eine sehr charakteristische und für einen von uns beiden gewiß ehrenvolle Bemerkung.«

Die Gegenpartei hatte vom Erscheinen des Präsidenten sich allerlei fatale Folgen für den national gesinnten Bürgermeister versprochen, diese blieben aus, aber freilich auch die Annäherung, zu der die Hand geboten war, kam nicht zustande, konnte nicht zustande kommen, wenn Brater nicht seine Grundsätze opfern wollte, und dazu war er nicht der Mann. Der jungen Gattin mochte es oft wunderlich zumute sein bei derartigen Besuchen; von ihr schreibt Brater bei solchem Anlaß an seine Schwester Julie:

»Bei solchem Kriegszustand ginge mir der Humor vielleicht doch aus, wenn nicht Pauline wäre, an die ich mich halten kann, so oft mir der Ekel zu stark wird.« Und an anderer Stelle: »Ihre Liebe ist mir, wie es sein soll, eine gesunde, milde Lebensluft, die mich umgibt, wo ich bin und was ich tue, wenn es auch das Fremdartigste ist.« Die für den September geplante Gebirgsreise mußte aufgegeben werden, der jungen Frau wegen, die nicht in der richtigen Verfassung dazu war, aber ein gemeinsamer Besuch in Erlangen bei den Verwandten wurde ausgeführt, und es war höchste Zeit, wenn sie sich dort in ihrer Bürgermeistersherrlichkeit zeigen wollten, denn mit dieser ging es nun rasch zu Ende.

Erneute gehässige Angriffe der reaktionären Partei reiften bei Brater den Entschluß, sein Amt niederzulegen.

Mit welchen Empfindungen mag wohl die junge Frau Bürgermeisterin das Schriftstück abgeschrieben haben, das von ihrer Hand geschrieben vor uns liegt und folgenden Wortlaut hat:

»Am heutigen Tage lege ich das Amt nieder, zu dem ich im Jahr 1848 durch die Wahl des Gemeindekollegiums berufen worden bin. Das Vertrauen einer großen Mehrheit der städtischen Vertreter und, wenn ich nicht irre, der Bürgerschaft selbst hat mir bis jetzt möglich gemacht, in einer von Schwierigkeiten jeder Art umgebenen Stellung auszuharren. Aber Verhältnisse, die ich nicht näher bezeichnen darf, weil dies nur mit den Ausdrücken der tiefsten Indignation geschehen könnte, haben mir allmählich eine Empfindung des Widerwillens und des Überdrusses eingeflößt, wie man sie auf längere Zeit nicht verträgt, wenn man nicht muß. Indem ich einen seit Monaten gefaßten Entschluß unter den erneuten und verstärkten Eindrücken dieser Empfindung ausführe, sage ich den Herren Magistratsräten, die meine Amtsführung unterstützt haben, weil sie den Grundsatz rücksichtsloser Pflichterfüllung in ihr erkannten, meinen herzlichen Dank. Früher oder später werden sich die Verhältnisse unserer Stadt so gestalten, daß ein künftiger Magistratsvorstand es über sich gewinnen kann, dem Beruf, von dem ich zurücktrete, sich dauernd zu widmen. Wenn diese Umgestaltung erreicht und ein einträchtiges, gedeihliches Wirken der städtischen Vertreter wieder möglich geworden ist, wird keiner von Ihren Mitbürgern sich aufrichtiger als ich dessen freuen. Ich füge hinzu, daß ich bereit bin, die Amtsgeschäfte bis zum Schluß dieses Jahres fortzuführen und daß ich im Begriff bin, der königlichen Kreisregierung die geeignete Anzeige zu erstatten.«

Im Nördlinger Wochenblatt lesen wir einige Zeit nach dieser Mitteilung den folgenden Beschluß der Gemeindebevollmächtigten:

»Es wurde in der heutigen Sitzung mit 17 gegen 3 Stimmen folgender Beschluß gefaßt: Es wird von seiten des Kollegiums der ausgesprochene Rücktritt des Herrn Magistratsratsvorstandes aufrichtig beklagt. Wir drücken demselben hiermit unsere vollste Anerkennung seiner Verdienste und Geschäftsführung aus und bitten, es möge dem Herrn Magistratsratsvorstand gefallen, die eingegebene Erklärung zurückzunehmen, eventuell aber die Geschäfte bis Neujahr zu leiten.«

Eine Aufforderung im gleichen Sinne erging auch mündlich an den Bürgermeister, der aber seinen wohl überlegten Entschluß nicht zurücknahm.

Was nun? Die Frage war nicht so leicht zu beantworten, denn der ehemalige Bürgermeister mußte sich sagen, daß an eine Staatsanstellung nach solchen Vorgängen nicht zu denken war; er, der ausgesprochene Feind des oben herrschenden reaktionären Systems konnte darauf so wenig rechnen wie auf Bestätigung seiner Wahl, wenn er sich in einer andern Stadt um eine Bürgermeisterstelle beworben hätte. Wohl wußte er, daß manche sich im stillen freuten über seine mannhafte Opposition gegen willkürliche Beschränkung der Gemeinderechte, aber nur wenige waren es, die sich offen zu ihm bekannten, die meisten fügten sich der Majorität und hätten es für klüger gehalten, wenn auch er sich gebeugt hätte.

So sah sich Brater als angehender Familienvater ganz auf sich selbst gestellt und mußte ohne Vermögen, ohne Rückhalt an den Verwandten den Unterhalt für die Familie aufzubringen suchen.

In dieser ernsten Zeit, wo sich mancher, der ihn früher fleißig aufsuchte, von ihm fern hielt, um sich oben nicht mißliebig zu machen, ist ihm seine junge Frau zur verständnisvollen Bundesgenossin herangewachsen. Nun erst erfaßte sie voll sein ganzes Wesen, es ergriff sie eine hohe Begeisterung für seine edeln Grundsätze, sein unerbittliches Rechts- und Wahrheitsgefühl, sich selbst, ihr materielles Wohl vergaß sie und hatte nur noch den einen Trieb, ihm als treuer Kamerad hindurch zu helfen durch alle Schwierigkeiten.

Meinten da und dort ängstliche Leute: »Ja, wenn er noch allein wäre – aber so als Gatte und in der Aussicht, bald Vater zu werden« – so empfanden die beiden ganz anders und wußten es besser. Nur im festen Zusammenschluß, nur wenn als Gegengewicht zu allen Kämpfen und Entbehrungen die warme, sonnige Liebe seinen Lebensweg erleuchtete, nur dann konnte er allem trotzen, was da kam. Als einzelner wäre er durch diese Lebenserfahrungen vielleicht erbittert, vielleicht mürbe geworden, mit dieser Frau an der Seite erstarkte er nur im Kampf, es waren so recht die Verhältnisse, in denen eine wahre Ehe ihren höchsten Wert zeigen kann.

Noch widmete Brater seine ganze Zeit und Kraft dem Bürgermeisteramt. Das Weihnachtsfest wurde noch in der Amtswohnung gefeiert, aber schon war die Haushaltung in der Auflösung begriffen; am 26. Dezember verließ unser Paar die staatlichen Räume und zog hinaus auf die Bleiche.

Zielbewußt und mit Einsetzung seiner ganzen Kraft wandte sich Brater der politischen und volkswirtschaftlichen Tätigkeit für sein Vaterland zu. Er beriet sich zunächst mit dem ihm nahe befreundeten Verlagsbuchhändler Karl Beck und gründete mit ihm die »Blätter für administrative Praxis«, eine Zeitschrift, welche damals die einzige ihrer Art in Deutschland war und welche noch heute, nach mehr als fünfzig Jahren, wenn auch in veränderter Form, besteht. Daneben liefen noch viele andere juristische und politische Arbeiten her. Mit unendlichem Fleiße saß er in dem bescheidenen Zimmer und schrieb und schrieb.

Es war einer in der Familie, der die Wandlung der Dinge mit Freuden begrüßt hatte, Bruder Hans. Er nahm nun als Kostgänger Teil am Haushalt der Geschwister, diesen die Lage erleichternd und sich selbst aus der Ödigkeit des Wirtshauslebens befreiend.

Die »Prinzessin«, die nicht in den einfachen Rahmen des jetzigen Haushalts paßte, ward entlassen, bescheidene Bedienung genügte für die kleinen Räume.

Im Februar traf, um Großmutterdienste zu leisten, Frau Pfaff ein. Stillschweigend hatte sie nun doch auch dieses Paar, das sie so sicher geborgen glaubte, einreihen müssen unter jene, die mit Nahrungssorgen zu kämpfen hatten. An ihre Schwester Adelheid schrieb sie von der Bleiche aus:

»Ich kann wohl sagen, daß nicht alles so gekommen ist, wie wir glaubten, und daß Sorgen mancher Art mit in das neue Jahr hinübergegangen sind. Daß Brater von der Regierung nicht viel Gutes zu erwarten hatte, davon hat er Proben, auch fürchtet er, daß sie es lange werden anstehen lassen, bis er als Advokat eine Stelle erhält und bis durch solche (schriftstellerische) Arbeiten so viel verdient wird, als eine Haushaltung erfordert, da gehört doch große Anstrengung dazu. Aber man hat ihm ja gar kein Unrecht nachweisen können und so wird zuletzt auch alles wieder gut werden. Hans handelt sehr brüderlich, er wohnt jetzt oben in einem Erker und hat neben einem kleinen Stübchen eine Schlafkammer, die Kammer auf der anderen Seite ist Paulinens Gastzimmer. Unten sind noch zwei Stuben, dies ist all ihr Raum, Du kannst Dir wohl denken, wie wir uns behelfen müssen und wie groß der Unterschied ist mit ihrer vorigen Wohnung, wo sie zehn Zimmer hatte, doch ist sie recht heiter und ich habe sie nie klagen hören.«

Daß in dieser Zeit notwendiger Einschränkung und Sparsamkeit keinerlei kostspielige Vorbereitungen gemacht wurden, um das zu erwartende Kindlein zu empfangen, läßt sich denken, doch trat hier Frau Senning, die einfache, aber wohlwollende Hausfrau hilfreich ein. Ihrer freundlichen Gesinnung hat Frau Brater später manchmal gedacht und sich erinnert, wie diese gute Hausfrau einst zu ihr kam und zögernd ihr Anliegen vorbrachte: Eine alte Wiege, noch aus ihrer eigenen Kinderzeit stammend, stehe oben in der Dachkammer und sie möchte diese, wenn es die junge Frau nicht übel nähme, ihr so gerne leihen. Nicht lange darnach lag in der geborgten Wiege ein niedliches Töchterlein.

V.
1851–1855

Das erste Kind! Mit Stolz trägt der Vater am 27. Februar 1851 die Tatsache der Geburt in die Familienchronik ein. So ein kleines hilfloses Geschöpfchen – anscheinend bringt es nichts mit in die Welt, tatsächlich verleiht es gleich die höchsten Würden, den Vater- und Mutter-Namen. Wer wollte es bestreiten, daß es eine Würde ist? Wird doch nichts auf Erden so hoch eingeschätzt wie eben das Menschenleben. Im Gefühl des Volkes, in der Gerichtsbarkeit, überall steht es oben an. Gilt es eines aus der Gefahr zu retten, so werden, wie selbstverständlich, die größten Opfer gebracht. Nun ist so ein neues Leben entstanden und ist vollständig diesen jungen Eltern überlassen und anvertraut. Würde und Bürde sind hier wie nirgends sonst vereint, Freud und Leid gleich in der ersten Stunde. Unbeholfen steht oft solch ein junger Vater vor dem kleinen Ankömmling, der ihm gehört und den er doch nicht zu behandeln versteht; weit voraus ist ihm darin meist die Mutter, auf die ja auch das Kind von der Natur sofort angewiesen ist.

Auch bei unserem jungen Elternpaar tritt dieser Unterschied gleich hervor. Objektiv, sich selbst kein Urteil zutrauend, schreibt der Vater an seine Schwester Julie:

»Das Fräulein ist nach Angabe der Sachverständigen überaus schön, ungewöhnlich stark und bereits liebenswürdig.« Und später: »Ich hätte Dir noch einiges Anziehende über das Thema: Pauline als Mutter vorzutragen, aber da sie eben erklärt, daß sie diesen Brief lesen werde, um zu kontrollieren, ob nichts Verleumderisches über ihr Kind eingeflossen ist, so muß ich mir natürlich solche Dinge versagen.« Worauf die junge Mutter denselben Brief fortsetzt: »Ich könnte Dir noch erzählen, was für eine Freude ich privatim an unserem kleinen Bündel habe, wenn ich nicht dächte, Du hast Dir das schon vorgestellt, so gut es eben möglich ist. Übrigens glaube ich nicht, daß andere Leute auch eine so große Freude haben, es könnte sonst nicht auffallend sein, wenn man auf der Straße hie und da ein paar Luftsprünge machte, juhe! schrie oder dergl. mehr. Auch von ihren Eigenschaften darf ich Dir nichts berichten, denn da ich an dem ganzen Weibsbildchen nichts als Liebenswürdigkeit entdecke, so müßtest Du ja denken, daß ich bereits mit dicker, mütterlicher Blindheit geschlagen sei.«

Seliger als sie sich nun fühlte, hätte die junge Mutter auch in der früheren vornehmen Amtswohnung nicht sein können. Dicht nebenan der Mann, unablässig fleißig und doch wenn sie in sein Zimmer trat, gern bereit, die Feder wegzulegen und sich durch ein paar Worte mit ihr zu erfrischen oder sich von den wunderbaren Fortschritten des »Annakindes« berichten zu lassen. Und jeden Abend, wenn er seine anstrengende Tagesarbeit vollbracht hatte, saßen sie beisammen, plauderten und freuten sich aneinander. Das Kind mußte um diese Zeit zur Ruhe gebracht sein, den Feierabend der Eltern und ihr gemeinsames Lesen sollte es, wenn irgend möglich, nicht stören. Im ersten Winter waren es die historischen Dramen von Shakespeare, die sie gemeinsam genossen. Auch Mittags gab es eine regelmäßige Arbeitspause; wenn die verschneiten Bleichwege nicht verlockten zum Spazierengehen und doch das Bedürfnis nach körperlicher Bewegung vorhanden war, so wurden Federbälle und Raketen herbeigeholt und Volant geschlagen. Pauline war geschmeidig und behend in all ihren Bewegungen, und die beiden brachten es in dieser Kunst zu solcher Fertigkeit, daß sie mit drei Bällen zugleich schlagen konnten, und es ein Spaß war zuzusehen, wie die gefiederten Bällchen durch die Luft flogen.

So fühlte sich das junge Paar glücklich und vergnügt, während vielleicht mancher die armen Leutchen, die da draußen auf der Bleiche eingeschneit waren, bedauerte. Übrigens konnte von Armut im gewöhnlichen Sinne bald nicht mehr die Rede sein, denn eine Arbeit nach der andern, geschätzt und begehrt, kam aus der Feder des gedankenreichen Mannes. Er hielt seine Arbeitszeit ein, Tag für Tag mit einer Gewissenhaftigkeit, wie es nur wenige junge Männer ohne jeglichen äußeren Zwang durch Vorgesetzte oder Vorschriften zustande bringen würden. Es ist kein Wunder, daß die Gattin nun nicht mehr aufbegehrte über die Pedanterie des Gatten, daß diese treue Pflichterfüllung ihr vielmehr die größte Hochachtung einflößte. Zugleich aber auch einen Zorn gegen diejenigen, die solch einen Mann nicht anstellen wollten und neuerdings seine Bemühungen um eine Advokatur zurückgewiesen hatten. Nahm er das ruhig hin, so sprach sie in um so kräftigeren Ausdrücken ihren Unwillen über die »schändliche Bande« aus. Sie war ohnedies als Schwester von fünf Brüdern an mancherlei nicht gerade zarte Ausdrücke gewöhnt, und wenn solche gleich in der Familie Brater verpönt waren, so wartete der Mann doch geduldig, ob sie sich allmählich von selbst verlieren würden, denn das unmittelbare Wesen seiner Frau war ihm viel zu köstlich, als daß er es durch Korrekturen hätte beirren mögen. Ganz hat sie die kräftigen Ausdrücke bis in ihre alten Tage nicht verloren, so lebhafte Naturen wie die ihrige müssen sich offenbar in Ausnahmefällen Luft machen und kommen ohne ein gelegentliches »Donnerwetter« nicht aus.

An ihre Schwägerin Julie schreibt Pauline in dieser Zeit: »Karl benimmt sich so ziemlich wie ein Fisch in dieser Angelegenheit, ich rechne nur auf Verjährung meines Grimms.«

Noch im September dachte die junge Familie nicht anders, als daß sie den Winter auf der Bleiche zubringen würden, da erhielt Brater unerwartet eine Aufforderung von der Zeitung »Der Nürnberger Korrespondent«, beim Wiederbeginn des Landtags in München die Berichterstattung über dessen Sitzungen zu übernehmen. Die pekuniären Bedingungen waren günstig, rasch wurde der Entschluß gefaßt, für den Winter nach München zu übersiedeln. Während Pauline die nötigen Zurüstungen zum Umzuge traf, reiste der junge Ehemann voraus, um Quartier zu machen für sich und die Seinen. Die kurze Zeit, die er allein in München zubringen mußte, währte ihm schon zu lang. Er schreibt am 30. September 1851 an seine Frau:

»Mein Schatz, sind wir auch wirklich kopuliert? Es ist mir in dieser einsamen Stube ganz junggesellig und unter der Fürsorge unserer würdigen Schneiderin recht zimmerherrlich zumute«... Es folgt nun eine Beschreibung der gemieteten möblierten Wohnung und genaue Anweisungen über alles, was zur Ergänzung mitzubringen sei. Der Schluß lautet: »Studiere und exekutiere diesen Brief sorgfältig, fahre bei schlechtem Wetter II. Klasse, trinke in Augsburg Kaffee, komme wenn menschenmöglich schon Donnerstag, melde Dich zuvor an, sei unbesorgt um Milch, Holz und Magd und behüt Dich Gott, denn dieses Junggesellenbewußtsein habe ich satt und sehne mich von Herzen nach Euch!«

Es ist gar nicht zu bezweifeln, daß die Reise am Donnerstag »menschenmöglich« gemacht wurde, denn flink und praktisch war die junge Frau wie nicht leicht eine zweite, hielt sich auch nicht mit unnötigen Bedenken auf und konnte in solchen Fällen, wie man sagt, »fünfe gerade sein lassen«.

So kam sie nun zum erstenmal nach München, in die ihr noch unbekannte große Stadt. Die drei möblierten Zimmer boten nicht sonderlich viel Behagen und ganz ungewohnt waren ihr die einsamen Stunden, in denen der Gatte nicht wie bisher daheim arbeitete, sondern den Kammersitzungen beiwohnte. Es schien für sie ein unerfreulicher Winter zu werden. Aber bei der Nachricht von der Übersiedlung faßte ihre Schwiegermutter den Entschluß, mit der jüngsten Tochter Emilie, die sich in der Musik ausbilden wollte, für die Wintermonate nach München zu kommen. Es fanden sich Zimmer für sie im gleichen Haus und so konnte gemeinschaftliche Wirtschaft geführt werden; die gütige Nachsicht der älteren Frau Brater, der fröhliche Humor der jüngeren, die Freundschaft zwischen den beiden Schwägerinnen, die gemeinsame Freude an der kleinen Anna brachten es zustande, daß alles in schönster Harmonie zusammenklang. Ein längerer Eintrag des Familienvaters in der Chronik erwähnt auch den geselligen Verkehr der Familie.

»Sylvesterabend 1851. Unser geselliger Verkehr ist ziemlich beschränkt. Gemeinschaftlich trinken wir von Woche zu Woche einmal im Ennemoser[2]schen Hause Tee oder haben diese Familie bei uns. Der Verkehr mit Rohmers (es ist hier der verheiratete Philosoph Friedrich Rohmer gemeint) wird nur durch mich lebhaft unterhalten. Bei Thiersch[3] und Schubert[4] sind Besuche gemacht worden, welche die üblichen Gegenbesuche und dann und wann eine Einladung zur Folge haben ....

[2] Ennemoser hatte als magnetischer Arzt und durch wissenschaftliche Arbeiten über Magnetismus in München großen Ruf.

[3] Friedrich Thiersch, bedeutender Philologe.

[4] Gotthilf Heinrich Schubert, Naturforscher.

Im Kind entwickeln sich Anwandlungen von Menschenverstand und Sprechlust, auch kriecht es vierfüßig mit ziemlicher Gewandtheit und befaßt sich mit den Anfangsgründen des Laufens. Es hat die mütterliche Lebhaftigkeit ererbt. Im künftigen Neujahrsbericht hoffe ich das Gedeihen eines zweiten kleinen Geschöpfes, das mit der väterlichen Sanftmut und verkannten Gemütstiefe ausgestattet ist, notieren zu können.

Mein Gewerbe ist geistig und bisweilen auch körperlich ermüdend. Monate lang Tag für Tag und Zug für Zug der Abspiegelung einer bodenlosen politischen Misere als notgedrungener, aufmerksamer Beobachter folgen zu müssen, ist eine Tortur, welche die standhafteste Apathie schwer erträgt. Daneben erübrige ich jedoch noch die erforderliche Zeit zur Redaktion meiner Blätter (für admin. Praxis) und zur Beteiligung an Dollmanns Gesetzeskommentaren.

Von den erbetenen Advokaturen ist mir keine genehmigt worden; Verdächtigungen, die aus meiner Tätigkeit zur Zeit der Reichsverfassungsfrage abgeleitet sind, haben zu der Ansicht geführt, daß meine Anstellung jedenfalls allerhöchsten Ortes nicht genehmigt werden. An diesem Ort (bei dem König) persönlich zu supplizieren, kann ich mich nicht entschließen, weil ein solches Supplizieren die Verzichtleistung entweder auf die persönliche Würde oder auf den Erfolg voraussetzte. Es ist mir der definitive Bescheid des Justizministers zugekommen, daß es für jetzt unmöglich sei, mich anzustellen und daß ich wohl daran tun würde, in meiner gemeinnützigen Tätigkeit fortzufahren und Gras über die Sache wachsen zu lassen.«

»Dieses Gras wächst langsam,« schreibt Frau Brater gelegentlich. Sie hatte so zuversichtlich gehofft, der Aufenthalt in München werde ihrem Manne Gelegenheit geben, mit Erfolg um eine feste Anstellung einzukommen, aber die Monate verstrichen, schon nahte die Osterzeit und damit das Ende der Landtagsperiode. Sie mußte sich mit der Erfüllung einer anderen Hoffnung begnügen: am Ostermontag 1852 kam ein zweites Töchterlein zur Welt.

Die Mutter, die seit einiger Zeit ein Heft angelegt hatte für Notizen über die Kinder, schreibt darin:

»Ostermontag kam die kleine Jungfer Agnes auf die Welt als ein gesundes kräftiges Kind mit einer ungeheuren Nase, wodurch sie mehr einem Vogel als einem Menschen und als Mensch einem alten, griesgrämigen Mathematiker ähnlich sah. Eigentlich war es auf einen Buben abgesehen, man war aber doch sehr erfreut über ihre glückliche Ankunft und trug ihr nichts nach. Sie begann ihr Leben, wie es für die teure Zeit angemessen ist, mit Nahrungssorgen, d. h. sie war kaum recht auf der Welt, als sie schon rechts und links mit dem Kopf nach Futter suchte und endlich beide Händchen in den Mund nahm und dermaßen daran schnullte, daß man’s durchs ganze Zimmer hörte.«

Wie die Mutter so scheint auch der Vater über den ersten Anblick des Mädchens etwas betroffen gewesen zu sein, denn er notiert noch am selben Abend in die Familienchronik: »Die kleine Geborene ist ein robustes Mädchen von etwas seltsamer vogelähnlicher Physiognomie«, bemerkt aber nach einigen Wochen: »Sie hat ein definitiv menschliches Aussehen gewonnen, so daß unbedenklich zur Taufe geschritten werden konnte.«

Im Mai wurde der Münchner Haushalt aufgelöst und zur großen Freude von Pauline, die sich längst gesehnt hatte, das nahe Gebirge kennen zu lernen, übersiedelte die ganze Familie nach dem kleinen Dorf Egern am Tegernsee, im bayerischen Gebirge gelegen. Wir dürfen uns unter diesem Aufenthalt keine luxuriöse Sommerfrische im Hotel vorstellen, im Gegenteil ein Leben, einfacher und billiger, als es in der Stadt geführt werden konnte. »Beim Gassenschuster« wurde eingemietet und selbst gewirtschaftet. So hatte wohl die junge Mutter ihr gut Teil Arbeit, aber nicht zu viel, denn sie machte sich keine unnötige, und für unnötig galt ihr vieles, was nicht nur jetzt, sondern auch schon dazumal andere Frauen für nötig hielten. Vor allem kannte sie keine Toilettensorgen. Mit geschickter Hand wußte sie zu reinigen und auszubessern und man fand nichts Unpünktliches an ihrem Anzug, aber Überlegung, ob etwa ein Kleid nicht mehr modern sei, gab es bei ihr nicht, auch wenn die Farbe gebleicht oder verwaschen war, so hielt sie es nicht für nötig, um dieser natürlichen Einwirkungen der Sonne und des Regens willen Änderungen oder Neuanschaffungen vorzunehmen. Bei der Wahl der Kinderkleider kannte sie nur den Standpunkt der Zweckmäßigkeit, nichts Helles, damit nicht oft zu waschen war, einfach zugeschnitten, denn das Bügeln durfte nicht viel Zeit wegnehmen, wurde auch wohl ganz umgangen; fest über die Tischplatte gezogen waren die Röckchen nach ihrer Meinung reichlich glatt genug, um von den Kindern im Gebrauche gleich wieder verknittert zu werden. Trotzdem dünkte ihr die Zeit, die auf die Bekleidung gewendet wurde, noch zu lang, und sie seufzte manchmal, »kämen doch die Menschen in schönem Pelz auf die Welt«. Ebenso bedauerte sie oft, daß die Zubereitung der Speisen – in der sie übrigens sehr sorgfältig war – so viel Zeit in Anspruch nahm, und sie äußerte wohl, im Gedanken, daß wir doch indirekt all unsere Nahrung aus dem Erdboden ziehen, »könnten wir nur unsern Planeten direkt essen«.

An Warte und Pflege wurde den Kindern auch nicht mehr als das Nötigste zuteil. Für ihre Unterhaltung mochten sie selbst sorgen. Langweilten sie sich, fingen sie an zu weinen oder zu schreien, so wurden sie tunlichst weit von dem arbeitenden Vater entfernt, sonst aber wurde keine Notiz von ihrer übeln Laune genommen.

Die junge Mutter kannte keine Ängstlichkeit. Sie ließ ihre Große, die in jenem Sommer in Egern erst eineinhalb Jahr alt, aber schon fest auf den Beinchen war, allein im Haus und Garten umherlaufen, in der guten Zuversicht, daß nicht gleich ein Unglück geschehen werde. Einstens wurde das Kind vermißt und nun, doch nicht ohne Sorgen wegen der Nähe des Sees, gesucht. Man fand die Kleine endlich im Kuhstall, wo sie eben ihr Schürzchen einem Kalb zum Fressen hinhielt und das junge Tier, noch ebenso unerfahren wie das kleine Menschenkind, an dem dargebotenen Stoff kaute. Diese Sorglosigkeit der jungen Mutter, die der Vater übrigens nicht gut hieß, verlor sich mit der jugendlichen Unerfahrenheit, aber dem Grundsatze der Einfachheit ist Frau Brater in allen Lebensverhältnissen treu geblieben. Die Anspruchslosigkeit und praktische Sparsamkeit der Hausfrau war so durchgehend, daß in dieser Beziehung nie eine Mahnung oder Einmischung des Mannes nötig war; das durch seine treue Arbeitsamkeit erworbene Geld wurde ihr übergeben, von ihr aufs beste eingeteilt und verwaltet und mit Befriedigung wird in der Chronik erwähnt, daß genügend erspart worden sei, um einer Lebensversicherung beitreten zu können.

Eine Verwandte, Emma Schunck, schrieb damals über die junge Hausfrau: »Schon immer achtete ich Pauline sehr, aber die Art, wie sie in ihrem Haus waltet, die Entschiedenheit in allem, das Benehmen gegen ihre Kinder, die zuvorkommende Liebe zu ihrem Mann, das alles stellt sie in meinen Augen sehr hoch. Auch das bewundere ich an ihr, daß sie das Schwere in ihrer Lage, Karls Zurücksetzung so leicht nimmt, weil sie immer nur an das Gute denkt.«

Brater schreibt aus Egern an seine Schwester Julie: »Wir haben keine Ursache, über unser Dasein und Hiersein zu klagen, zumal auch für das tägliche Brot jetzt sattsam gesorgt ist, denn es fehlt weder am Absatz meiner Blätter noch an sonstigen Bestellungen, ich bin auf Jahr und Tag, ohne einen Schritt darum getan zu haben, in Anspruch genommen und könnte daneben auch noch einem Gesellen Arbeit geben.« Ebenso pünktlich wie die Arbeitszeit wurde aber auch die Erholungszeit eingehalten und die herrliche Umgebung von Egern genossen. Es heißt in der Familienchronik: »Pauline ist von der ihr neuen Herrlichkeit des Gebirges zu Wasser und Land begeistert, sie macht ihre Studien in der Führung des Ruders und des Bergstockes mit gutem Erfolg; wir hoffen Egern nicht zu verlassen, bevor wir mit allen Gipfeln der Umgebung Bekanntschaft gemacht haben..... Die Kinder sind wie Kälber auf der Alm gediehen.«

So war der Sommer verstrichen und Brater schreibt: »Am 4. Oktober haben wir den Bergen Adieu gesagt, und am 5. unsern Einzug auf der Bleiche gehalten. Trotz allem Heimweh weiß man doch die Annehmlichkeiten des eigenen häuslichen Herdes und der bequemen Einrichtungen zu schätzen. Ein harter Schlag war aber der Tod Karl Becks, der am 6. Dezember nach fünfwöchentlichem Hoffen und Fürchten einem Nervenfieber erlag. Die Stadt hat an ihm ihren besten Bürger verloren; an Einsicht, Bildung, Geschäftskenntnis, Gemeinsinn war keiner mit ihm zu vergleichen. Ich war bei aller Verschiedenheit der Naturen und Anschauungen persönlich mit ihm befreundet und finde hier keinen Ersatz für ihn. Auch unsere geselligen Verhältnisse, in welchen er ein wesentliches Glied war, sind durch seinen Tod vollends wertlos geworden. Für mich ist es ein Glück, daß ich Ernst Rohmer, der im Sommer 1851 in Becks Geschäft eintrat, wieder getroffen habe. Mit ihm und seinen Schwestern (Witwe Bruckmann und Lina Rohmer) haben wir eine wöchentliche Zusammenkunft.«

Außer diesem Verkehr lebte die junge Familie sehr still für sich. »Ich bin ganz Bleichbewohnerin,« schreibt Pauline an ihre Schwägerin Julie, »wenn ich hie und da notwendige Gänge habe, so laufe ich im Sturmschritt durch die Gassen mit dem einzigen Gedanken, schnell wieder zu Hause zu sein, wo man mich mit oder ohne Geschrei erwartet..... Ich kann kaum die Zeit erwarten, bis die Kinder so weit sind, daß wenigstens nimmer alle beide nur so gerade hinausschreien, wenn ihnen etwas gegen den Strich geht, d. h. bis Anna ihre Vernunft und ihre Zähne beisammen hat..... Mir sind alle Beschäftigungen unmöglich geworden, bei denen es sich nicht verträgt, alle Minuten aufzustehen, da einem Kind etwas zu wehren, dort eines trocken zu legen oder im günstigsten Fall mir die Ohren aus Wohl- oder Übellaune abwechselnd von der einen oder andern Tochter vollschreien zu lassen. Dieses ist die beständige Begleitung meiner Näh- und Flickereien sowie meiner nächtlichen Ruhe und wenn man nicht mit Bestimmtheit wüßte, daß die Bälge täglich älter und somit menschlicher werden, möchte man oft verzweifeln.« An diesen Brief fügt der Vater die entschuldigende Bemerkung hinzu: Man merke, daß er unter Kopfschmerzen geschrieben sei.

Es lautet allerdings nicht zärtlich, wenn die Mutter so über die »Bälge« klagt, allein sie sprach und schrieb eben ganz ohne Rückhalt und Beschönigung, so wie sie gerade empfand, und jede Frau, die kleine Kinder aufzieht und zwar ohne sie an ein Kindermädchen abzuschieben, kennt wohl solche Stimmungen, wie Pauline sie durchmachte, wenn sie in diesem Winter mit den Kleinen auf das enge Wohnzimmer der Bleiche angewiesen war, nach einer unruhigen Nacht ruhebedürftig, mit schmerzendem Kopfe dem Schreien der Kinder doch nicht entrinnen konnte und sich unzählige Male bücken mußte, um sie zu versorgen.

Freilich kann ein süßes Lächeln, eine zärtliche Schmeichelei der Kleinen alle Mühe vergessen machen, aber sie haben eben ihre Tage, an denen sie nicht lächeln, nicht schmeicheln, sondern verdrießlich und weinerlich sind. Dann ist es wirklich ein Tagewerk, so ermüdend und abspannend wie kein anderes, und am Abend ist nicht einmal ein merkliches Resultat dieser Tagesarbeit zu sehen, die Kinder sind anscheinend am Abend nicht weiter, als sie am Morgen waren. So darf man der geplagten Mutter einen gelegentlichen Stoßseufzer nicht verargen.

Die kleine Anna, zuerst ein durchaus gesundes Kind, bekam infolge des Impfens, das mit schlechtem Stoff vorgenommen wurde, einen Ausschlag, der sie besonders bei Nacht quälte. In vielen Briefen der nächsten Jahre ist dies Leiden erwähnt, das Mutter und Kind oft zur Verzweiflung brachte und schlimmen Einfluß auf das Kopfwehleiden und die empfindlichen Augen der Mutter ausübte. Für sie wurden die Nächte erst wieder besser, als das Kind die Einsicht erlangte, daß die Mutter ihm nicht helfen könne und die Selbstbeherrschung gewann, die nächtlichen Qualen still für sich allein zu tragen, bis sie sich endlich verloren.

In der schlimmsten Periode dieser Unruhe wurde beschlossen, daß die geplagte Frau auf einige Wochen zur Erholung nach Erlangen gehen solle. Freilich, Anna mußte sie mitnehmen, denn dieses Kind konnte nicht dem Mädchen überlassen werden; wenn es nachts erwachte und ins Schreien kam, so vermochte niemand anders als die Mutter durch den großen Einfluß, den sie auf das Kind ausübte, es aus dem aufgeregten Weinen zum Horchen auf ihre tröstende Stimme und dadurch allmählich wieder zur Ruhe zu bringen.

So wurde denn Anna mit auf die Reise genommen, hingegen die Kleine, die ein ruhiges Kind war, bei dem Dienstmädchen gelassen unter der Oberaufsicht des Vaters. Der kleine »nächtliche Würgteufel«, wie sich die Mutter oft ausdrückte, war bei Tageslicht ein fröhliches Kind und für ihre zwei Jahre schon sehr entwickelt. Pauline empfand den freudigen Stolz, mit dem jede junge Mutter zum erstenmal ihr Kind den Verwandten und Freunden der alten Heimat vorstellt.

Sie schildert die Reiseerlebnisse in einem Brief an ihren Mann: »Du weißt, daß wir gut hier angekommen sind mit einer Gesellschaft von Auswanderern, deren übertriebene Lustigkeit das Annakind so in Anspruch nahm, daß sie sich auf dem ganzen Weg aufs beste unterhielt. Sie war überaus komisch, wenn der Zug auf der Station eine Weile still gestanden hatte, so sagte sie voll Ungeduld: »No, geht das Ding?« In Nürnberg empfing uns Fritz, ich war sehr froh, denn man mußte die Wagen wechseln und ich hatte so rasend Kopfweh, daß mir’s ganz unheimlich zumute war.

Die Ankunft in Erlangen war komisch. Deine Mutter und mein Hans waren am Bahnhof, kaum waren wir ausgestiegen, so hatte Hans schon das Kind auf dem Arm und ohne weitere Notiz von mir oder der großmütterlichen Zärtlichkeit zu nehmen, war er mit demselben auf und davon und wir hatten das Nachsehen.

Ich hatte am ersten Abend schrecklich Heimweh und Kopfweh, am zweiten hatte letzteres nachgelassen und jetzt, am dritten, geht’s durch und durch besser, aber ich denke immerfort an Dich und kann garnicht von Dir reden. Das Annakind erntet über Erwarten Beifall und rührend ist die Zärtlichkeit, die zwischen ihr und den Onkeln stattfindet, Hans füttert sie, Fritz trägt sie zu den Bekannten. In unserer Wirtschaft kommt mir’s so komisch vor, ich muß oft wie eine Fremde darüber lachen. Gestern kam ein fremder Herr, die Brüder schauen sich an, wem wohl der Besuch gilt, endlich fühlt sich Hans getroffen. Da er gerade das Kind füttert, gibt er Fritz den Bündel. Wie sich herausstellte, daß der Herr eigentlich zu Fritz will, wird er von diesem in das Kabinett hineingeführt, welches als sein Arbeitszimmer und Salon durch den Zuwachs von meinem und einem Kinderbett sehr an belebtem Aussehen gewonnen hat und den ersten Eindruck aufs wunderbarste steigern muß. Ich weiß oft gar nicht, wie mir geschieht, alles so bekannt, gar nichts Neues und doch fast unglaublich.

... Wenn ich höre, daß es Dir und meinem guten, guten Herzensbrocken gut geht und Du Dir über Kind und Küche nicht viel Sorgen machst, so will ich gern mein Pensum hier abmachen und dann recht vom Fundament aus, ich kann Dir garnicht beschreiben wie vergnügt bei Dir sein. Trotz der Unruhe ist mir’s wohl hier, weil ich für garnichts zu sorgen habe, das Annakind fährt fort, Eroberungen zu machen; wenn’s ihr auf den Bällen einmal ergeht wie jetzt hier, so hat sie die Schwindsucht schon nach dem Fuchsenball, sie tanzt schon jetzt lauter Extratouren.

Laß Dir’s recht gut gehen, mach diesem Brief zu Ehren einen Kuckuck und dergleichen mit dem Kind und denk Dir einen Kuß von mir oder viele .....«

6. Mai ... »Neulich war eine große Teevisite bei Deiner Mutter (Rahmtorte!!!) Da wurde fünf Viertelstunden am Tisch gestanden und gezittert und geholfen und gewünscht, allein vergebens.« (Über dieses »Tischrücken«, das damals Mode war, werden wir später noch mehr hören.) »Meine Wut kannst Du Dir denken, ich war ganz außer mir. Heute ging ich mit Emma Schunck zu Fuhrmanns, die einen sehr sensitiven Tisch haben und siehe, es ging prächtig in einer Viertelstunde, so daß es den Tisch drehte und fortrutschte, daß man nur nachzulaufen hatte und es ihn rechts und links in die Höhe warf, daß es zum Totlachen war, übrigens mache ich mir meine ganz besonderen Gedanken.«

Sobald Pauline sich ein wenig gekräftigt hatte, kehrte sie nach Hause zurück, und wenn sie auch noch öfter zu solch kleinen Erholungsreisen genötigt war, so fand sie doch ohne den Mann so wenig Freude daran, daß sie heim drängte, sobald sie nur konnte, trotzdem zu Hause manches Schwere auf sie wartete, denn die nun folgenden Jahre boten äußerlich betrachtet der jungen Familie Brater wenig Erfreuliches. Sehen wir zunächst auf den Mann, so finden wir ein ganz merkwürdiges, fast unverständliches Mißverhältnis zwischen Leistung und Gegenleistung. Er redigiert die Blätter für administrative Praxis, und sie werden als mustergültig anerkannt; er bearbeitet die bayerische Gerichtsordnung, und die Juristen finden die Arbeit vorzüglich; er gibt eine Ausgabe der bayerischen Verfassungsurkunde heraus, sie erscheint in mehreren Auflagen; seine Kommentare zum Preß- und Forstgesetz kommen in Verwendung; seine »Fliegenden Blätter aus Bayern« erregen Aufsehen in politischen Kreisen, aber wenn dieser hervorragende Jurist sich bewirbt um eine Advokatur, um ein Bürgermeisteramt, wenn er anfragt, ob ihm die Erlaubnis erteilt würde, sich in Erlangen als Privatdozent niederzulassen, so ist die Antwort »nein« und immer wieder »nein«. Und doch hat er den sehnlichen Wunsch nach praktischer Arbeit, möchte nicht nebendraußen stehen, sondern einen Posten ausfüllen, der ihm gestattet, seine Ideale nicht nur auf dem Papier niederzulegen, sondern sie im Leben zu betätigen.

Professor Bluntschli, der berühmte Rechtsgelehrte, der damals in München lebte und später mit Brater in Verbindung trat, spricht sich darüber aus in seinen »Denkwürdigkeiten aus meinem Leben«: »Brater war jeder Übertreibung wie allem unlautern Treiben feind, dabei gründlich gebildet, von durchdringendem Verstand, immer besonnen und klar, zuweilen pedantisch-genau, ein überaus fleißiger Arbeiter. Ich habe es lange nicht verstehen können, daß in Bayern, das wirklich keinen Überfluß an tüchtigen Beamten hatte, eine solche Kraft brachgelegt wurde. Ich begriff es erst später vollständig, als ich sah, wie die nationale deutsche Gesinnung, die in Brater lebendig war, die ihn jederzeit opferbereit fand, den Verdacht einer strafbaren Untreue gegen Bayern, wenn nicht des Hochverrats auf sich zog.«

Eine Enttäuschung nach der andern trug Frau Brater tapfer mit ihrem Mann und hatte dabei doch selbst gar schwere Jahre. Einen halben Winter lang litt sie an peinlicher Augenentzündung und mußte nach damaliger Methode der Augenärzte wochenlang im halbdunkeln Zimmer fast untätig sitzen. Auch verschlimmerte sich ihr Kopfleiden durch die unzähligen schlechten Nächte. Aber trotz alledem griff keine Verstimmung, keine Verbitterung Platz. Die Außenwelt vermag nicht viel gegen ein Paar, das sich glücklich fühlt durch die gegenseitige Liebe. Nur nicht trennen durfte man sie, jedem einzelnen wurde die Last zu schwer, sie konnte nur gemeinsam getragen werden. Von Erlangen aus schreibt Pauline ihrem Mann: »Ich habe eine wahre Todesangst, daß Du nach meiner Heimkehr bald verreisen mußt.«

Wie sehr in diesen Jahren des Kampfes gegen widrige Schicksale Pauline an Energie des Wesens gewann, zeigt sich nicht nur im Inhalt ihrer Briefe, es macht sich auch an der Handschrift auffällig bemerklich. Die dünnen, schrägen Strichlein ihrer Schrift verwandeln sich in feste, geschlossene, fast trotzig dastehende Buchstaben und bald erinnern die charaktervollen Schriftzüge Frau Braters kaum mehr an die einstige Handschrift von Pauline Pfaff.

VI.
1855–1858

Die Nördlinger Jahre auf der stillen Bleiche gingen zu Ende. Ein literarisches Unternehmen war es, das die Familie Brater veranlaßte, nach München zu übersiedeln. Schon im Jahr 1854 lesen wir in der Chronik, daß Professor Bluntschli beabsichtige, ein Staatswörterbuch herauszugeben, und sich wegen dieses groß gedachten Werkes an Brater wandte. Schon war der Verleger nach Nördlingen gekommen, man hatte sich über alle Einzelheiten des Unternehmens geeinigt, die Prospekte waren gedruckt, als die Sache noch in letzter Stunde scheiterte zur großen Enttäuschung für Brater, der in der Chronik berichtet: »Die Arbeit hätte mich fünf Jahre lang unter günstigen Bedingungen beschäftigt, aber die türkischen Verwicklungen schüchterten den Verleger ein und ich wurde zum zweitenmal ein gelegentliches Opfer der Politik.«

Im folgenden Jahre tritt der Plan aufs neue auf: »Das Projekt Bluntschlis nähert sich jetzt, nachdem es infolge der politischen Konjunkturen längere Zeit geruht hatte, seiner Ausführung. Ich übernehme die Redaktion eines von Bluntschli herausgegebenen Staatswörterbuchs, das in zirka zehn Bänden in den Jahren 1856–60 erscheinen soll. Einstweilen handelt es sich um Ausarbeitung des Planes und Gewinnung der Mitarbeiter. Friedrich Rohmers Staatswissenschaft und Politik wird die Grundlage dieses Werkes sein, es ist also ein großer Schritt, den man wagt. Die Verleger sind Schultheß und Scheitlin.«

Es ist oft interessant, den Wirkungen nachzugehen, die der Gedanke eines Menschen auf das Leben anderer ausübt. Professor Bluntschli faßt den Plan, ein Werk herauszugeben, und dieser Gedanke des Münchner Professors hat die Wirkung, daß Frau Brater in eifriger Tätigkeit ist, ihren Nördlinger Haushalt aufzulösen; dieser Gedanke ist die Ursache, daß zwei kleine Mädchen von den Wiesen und Obstgärten abgerufen werden, um nie mehr diese goldene Freiheit zu genießen. Ja, wenn auf der Löpsinger oder Bopfinger Kirchweih irgend ein junger Bursch umsonst auf das Dienstmädchen von der Bleiche wartet, das zum Tanz kommen sollte, so ist an seinem vergeblichen Harren wieder der Gedanke des Münchner Professors schuld, der das Mädchen in die Residenz zieht. Der Abschied von Nördlingen galt zunächst nicht für einen definitiven, nur für die Dauer der geplanten Arbeit sollte der Aufenthaltsort gewechselt werden. Doch lag die Aussicht der Rückkehr in unbestimmter Ferne und das junge Ehepaar verließ nicht leichten Herzens den stillen Ort, in dem es vor fünf Jahren sein Nest gebaut hatte. Die erste Heimstätte, der Geburtsort der Kinder, behält für ein glückliches Paar seinen eigenen Reiz und auch die Bekannten der ersten Zeit haben ein besonderes Interesse für eine Familie, deren Entstehen sie mit erlebt haben. Dies galt vor allem von der Witwe des Buchhändlers Beck und von Ernst Rohmer und seinen Schwestern Lina Rohmer und Witwe Bruckmann. Mit diesen treuen Freunden wurde denn auch der Verkehr zu allen Lebenszeiten fortgesetzt und ein lebhafter sowohl geschäftlicher als auch freundschaftlicher Briefwechsel verband Brater und seine Frau mit Ernst Rohmer, der dem Beck’schen Verlag vorstand und einige Jahre später sich mit der Witwe Beck verheiratete.

Die Lust zur Übersiedelung nach München war nicht groß, denn schon bei dem ersten Aufenthalte hatte das junge Paar empfunden, daß mit knappen Geldmitteln und schwacher Gesundheit von den Vorzügen der großen Stadt nicht viel zu genießen ist. Aber ob gern oder ungern – es mußte abgeschlossen werden mit allem, was man an Freude und Leid in dem traulichen Städtchen erlebt hatte, es galt jetzt die neue Heimat zu gründen.

Im Oktober 1855 finden wir die Familie Brater in München Augustenstraße Nr. 5. Diese, heutzutage längst ausgebaute und mitten im Verkehr stehende Straße war damals noch eine stille Vorstadtstraße, einzelne Gärten unterbrachen noch auf beiden Seiten die Häuserreihen, gestatteten den Ausblick in die Ferne und gewährten Pauline die Möglichkeit, den Lauf der Gestirne zu beobachten; Luft und Licht hatten überall Zutritt.

Die erste Sorge der Hausfrau mußte sein, möglichst rasch das Studierzimmer des Mannes einzurichten, auf den schon dringende Arbeit wartete. War erst sein Schreibtisch gestellt und der große Lehnsessel davor – das einzige luxuriöse Stück der Ausstattung – waren Bücher, Papier und Kielfedern ausgepackt und war das Tintenzeug gefüllt, so mochte im übrigen noch chaotischer Zustand herrschen, er sah und hörte es nicht mehr. Das Staatswörterbuch brachte sofort und für lange Jahre eine Menge mühsamer und oft ärgerlicher redaktioneller Geschäfte, aber diejenigen Artikel, die er selbst dazu lieferte, waren eine Arbeit, die ihn freute. Von dem mächtigen innern Drang getrieben, dem Vaterlande vorwärts zu helfen und auf die Einigung Deutschlands hinzuwirken, schrieb er mit Aufbietung all seiner Geistesgaben und das Bewußtsein, daß es ihm gegeben war, mit scharfem Blick und treffendem Wort etwas beizutragen zur Lösung der höchsten nationalen Aufgabe, erfüllte ihn mit tiefinnerer Befriedigung und ließ ihn auf äußere Anerkennung verzichten.

Neben seinem Studierzimmer lag das Wohnzimmer. An einem seiner Fenster war ein sogenannter »Tritt« angebracht, eine Erhöhung, auf der nur der Nähtisch und ein Stuhl Raum hatten. Von hier aus war die Straße zu überblicken und dieser Blick erwies sich bald als nützlich; denn als das Frühjahr kam, erschien es Frau Brater ganz unmöglich, ihre Kinder, die auf der Bleiche aufgewachsen waren, im Zimmer zu halten, ebensowenig dachte sie daran, die Kleinen stundenlang täglich in die Anlagen zu schicken oder spazieren zu führen, sie hielt dies für einen unverantwortlichen Zeitaufwand. Also blieb nichts anderes übrig, als sie auf die Straße springen zu lassen. Anna war nun fünf Jahre, verständig, äußerst gewissenhaft und folgsam, warum sollte sie nicht mit der kleinen Schwester vor dem Hause spielen? Freilich, Kinder aus gebildeten Familien waren hier nicht zu treffen, es wurde kaum den Knaben, geschweige denn den Mädchen gestattet, auf der Straße zu spielen. So erregte es Aufsehen unter den besseren Familien der Augustenstraße, daß die Eltern dies erlaubten. Nun, der Vater hätte es vielleicht auch nicht so angeordnet, aber er mischte sich selten in die Einzelheiten der Erziehung; »das mußt Du wissen« sagte er bei solchen Anlässen in vollem Vertrauen zu seiner Frau, und sie war nicht ängstlich. »Die Kinder sollen nur aufpassen lernen,« war ihre Meinung, wenn jemand auf die Gefahren der Straße aufmerksam machte. War aber von dem ungünstigen Einfluß die Rede, den die Sprache der Gassenkinder ausüben konnte, so schreckte sie auch das nicht ab. »Unten mögen sie reden wie die andern,« meinte sie, »oben werde ich mirs schon verbitten.« Sie brachte das auch zustande. Bald kam es vor, daß die Kleine einer Spielgenossin in die Dachwohnung hinauf rief: »Marie, kimm abi« und dann der Mutter, die es hörte, die Erklärung gab: »Weißt’ das heißt: komm herunter!«

Die meisten Kinder, die sich in den Münchener Straßen aufhielten, waren katholisch. Von ihnen sah die kleine Agnes, daß sie den gelegentlich vorübergehenden Geistlichen die Hand küßten, und arglos folgte sie diesem Beispiel. Bei solchem Anlaß fragte ein katholischer Geistlicher das Kind, an dessen Art ihm wohl irgend etwas auffallen mochte, wie es heiße und wem es gehöre. Der Name Brater war gerade in jener Zeit durch verschiedene Artikel viel genannt in den Zeitungen und bei den Ultramontanen verhaßt wie kaum ein anderer. So mochte es dem geistlichen Herrn sehr merkwürdig vorkommen, daß das Kind dieses Mannes ihm den Handkuß gab, und er entließ es mit einem Gruß an ihren Vater. Gewissenhaft richtete die Kleine den Auftrag aus und die Eltern erfuhren auch, welchem Umstand sie den Gruß verdankten. Mit feinem, sarkastischen Lächeln sagte der Vater zu seinem Töchterchen nur: »Du brauchst künftig niemandem mehr die Hand zu küssen.«

Also durften die Braters Mädchen auf der Straße spielen und wurden von andern Kindern darum beneidet, vielleicht auch von manchen gering geschätzt. Aber sie achteten darauf nicht. Es lag sowohl an der außergewöhnlichen Lebensstellung des Mannes als auch in der natürlichen Anlage seiner Frau, daß die Frage: »Was sagen die Leute dazu?« gar nicht vorkam im Wörterschatz der Familie. Wer so gegen den Strom schwimmt, daß sein ganzes Leben zum Kampf wird, der horcht in kleinen Dingen nicht ängstlich nach der Meinung anderer.

Sehr bald wurden die Kinder auch zu Ausgängen verwendet, Anna war allerdings ein so praktisches Kind, daß man es wagen konnte. Um so unpraktischer war Agnes und bei ihr hatte die Mutter mehr von Glück zu sagen, daß doch immer alles gnädig ablief. So wurden der Kleinen einmal Druckbögen anvertraut, die sie in die Druckerei besorgen sollte. Diesen Gang hatte sie wohl schon oft mit der Schwester gemacht, aber sich immer ruhig deren Führung anvertraut und selbst nicht auf den Weg geachtet. Als sie nun zum erstenmal allein auf den großen Platz gelangt war, in dessen Mitte der Obelisk steht und von dem nach allen Richtungen Straßen abgehen, wußte sie nicht, welche sie einzuschlagen hätte. So stand sie denn ratlos in der Mitte des Platzes, wußte sich nicht zu helfen und fing an zu weinen. Nach einer Weile bemerkte ein Vorübergehender die trostlose kleine Gestalt am Obelisk, fragte nach ihrem Kummer und erfuhr, daß sie den Weg in die Druckerei nicht fände. Nun wollte aber der Herr wissen in welche Druckerei? und darauf wußte das Kind nicht Bescheid, zu Hause hieß es eben schlechthin: Die Druckerei. Vertrauensvoll gab sie ihm das Manuskript zur Besichtigung, gab auch Antwort auf allerlei Fragen und wurde dann wirklich zur richtigen Druckerei geleitet. Es hätte freilich auch anders ausfallen können, damals, wo oft nur die Anonymität den Verfasser geharnischter Artikel vor Verfolgung schützte.

Einige Monate nach der Übersiedlung war Brater schon in so vielerlei Arbeit verwickelt, daß eine Rückkehr nach Nördlingen ganz undenkbar erschien. In dieser Zeit schrieb Pauline an ihre Freundin Lina Rohmer:

... »Die Erinnerung an Nördlingen liegt schon weit hinter mir, insofern ich nicht mehr wie anfangs Nördlingen als meine Heimat betrachte, wohin ich zurückzukehren strebe, sobald die Verhältnisse es gestatten. Ich sehe wohl, daß daraus nie mehr etwas werden kann, nicht um meinetwillen, sondern um Karls willen, denn den großen Unterschied für ihn sehe ich jetzt erst recht ein; also Nördlingen ist meiner Überzeugung nach abgemacht, mit schwerem Herzen sage ich dies und ich kann Dir versichern, daß mir oft die Tränen kommen, wenn ich die Kinder miteinander reden höre, wie sie sich vergnügen wollen, wenn sie wieder »heim« kommen; wie sie auf dem Gras springen und Obst aufklauben wollen u. s. f. Die armen Tropfen glauben immer noch, daß wir nächstens heimkehren werden.«

Derselbe Brief berichtet von geselligen Beziehungen und wieder tritt das Tischrücken auf, das damals eine merkwürdige Anziehungskraft sogar auf solche Männer ausübte, die ihre Zeit als kostbares Gut betrachteten. Frau Brater schreibt:

»Neulich war Dein Bruder Theodor bei uns, dann luden wir uns noch den Freund Bärmann mit Tochter und den Hausgenossen Herrn Maler Wiand, um das Experiment mit dem schreibenden Tischchen zu machen; der ganze Nachmittag wurde damit zugebracht, der Tisch schrieb was man nur wollte und ich konnte mich gar nicht genug über die Leichtgläubigkeit Deines Herrn Bruders und meines Gatten ärgern. Ernst hat Dir vielleicht erzählt, was für ein Wunder mit dem Tisch sich in Bärmanns Schreibstube zugetragen, mag das nun wahr oder nicht wahr sein, ich sehne mich darnach, den Theodor zu sehen, um ihm meinen Verdruß über seine Leichtgläubigkeit darzutun.«

Das Interesse für das Tischrücken war in jener Zeit erregt worden durch einen Artikel in der »Allgemeinen Zeitung«, der über wunderbare derartige Vorgänge in Amerika berichtete und in Deutschland in allen Kreisen zu Versuchen den Anlaß gab. Die Meinungen waren geteilt und es wurde mit Erregung darüber gestritten, ob man es mit Einwirkung von übernatürlichen Kräften oder mit Elektrizität und Magnetismus zu tun habe oder ob alles nur auf Betrug und Selbstbetrug beruhe. Das letztere scheint Paulinens Ansicht gewesen zu sein.

Der Verkehr mit dem obenerwähnten Theodor Rohmer und seinem älteren Bruder, dem Philosophen Friedrich Rohmer, erweckte auch bei Pauline das Interesse für deren religiöse und philosophische Ansichten. Zwar die persönliche Freundschaft ihres Mannes, seine hingebende Verehrung für Friedrich Rohmer teilte sie nicht, oft sogar war ihr diese ein Stein des Anstoßes und so innig sie befreundet war mit den anderen Geschwistern Rohmer, in die selbstbewußte, anspruchsvolle Art Friedrichs konnte sie sich nicht finden. Es war ihr unfaßlich, wie ihr Mann so hoch hinaufsehen konnte an einem anderen, dessen Charakterzüge seiner eigenen Natur ganz zuwiderliefen. Friedrich Rohmer sprach es frei als sein Prinzip aus: »Ich lasse mich gehen« und er handelte danach. Ihres Mannes Ideal dagegen war strenge Selbstbeherrschung, und er übte sie an sich, forderte sie von Frau und Kind. Widerwillig sah sie, wie ihr Mann, wie Bluntschli und andere bedeutende Geister, vor allem Friedrichs edler Bruder, Theodor, sich dessen Ansprüchen unterordneten. Die geistige Bedeutung dieses Mannes, seine selbstbewußte Eigenart übte eine unheimliche Macht aus. Er war, wie Bluntschli schreibt, »eine unglückselige Mischung von genialen Lichtgedanken und unheimlichen Leidenschaften«. Seine Freunde verziehen ihm alles, weil sie das Höchste von ihm erhofften, religiöse, politische und soziale Umgestaltung Deutschlands und demnach glaubten, diesen Geist nicht mit gewöhnlichem Maße messen zu dürfen. Aber tragisch ergreifend hat das Leben dieses Mannes gezeigt, wie die höchste geistige Begabung nur Unfrieden bringt, Harmonien zerstört und den Träger selbst unbefriedigt läßt, wenn sie nicht verbunden ist mit einem Charakter, der diese Gaben in Selbstzucht beherrscht.

Braters Freundschaft mit Friedrich Rohmer war ein Schatten im Haus, aber Pauline wurde sich dessen bewußt und sorgte, daß er sich nicht trennend zwischen sie und ihren Mann schob. Sie suchte ihre Abneigung gegen diesen Verkehr zu überwinden. Dabei kam ihr zu Hilfe, daß die Gedanken Friedrich Rohmers, über die sie ihren Mann und seine Freunde sprechen hörte, sie allmählich ergriffen, so daß sie die Rohmerschen Schriften las und nun auch mächtig durch dieselben bewegt wurde. Pauline gehörte zu den echt weiblichen Naturen, denen nur durch Vermittlung des Mannes ein neues Interesse erweckt, ein Verständnis aufgeschlossen wird.

Wie sie durch ihre Brüder gelernt hatte die Naturwissenschaften mit Liebe zu erfassen, so traten ihr durch Rohmer die religiös-philosophischen Fragen nahe und immer zunehmend in den folgenden Jahren die nationalen und politischen Interessen ihres Mannes. Nichts eignete sie sich etwa aus Lernbegier, aus absichtlichem Streben nach Weiterbildung an. So blieb sie z. B., trotzdem sie einen großen Teil ihres Lebens in der Kunststadt München zubrachte, der Kunst vollständig fremd, sah sie als einen Luxus an, ließ sie kaum als eine Lebensaufgabe, die auch ihren sittlichen Wert hat, gelten. Es trat eben kein Künstler in ihren Lebenskreis, der sie für seine Sache erwärmt hätte, und sie erfaßte nur, was ihr durch Persönlichkeiten nahe gebracht wurde, in denen es lebte, dann aber ergriff sie es mit solcher Wärme der Empfindung und Begeisterung, daß ihr Feuer sogleich wieder das der andern belebte, und da solches nie ein Strohfeuer war, sondern eine warme anhaltende Glut, so gewann sie im Laufe des Lebens immer mehr an innerem Reichtum und konnte viele anregen, erwärmen und begeistern.

An Lina Rohmer schreibt sie: »Gegenwärtig studiere ich Kritik des Gottesbegriffs (von Rohmer), was aber nur dazu beiträgt, meine Ungeduld nach dem Neuen Gottesbegriff zu vermehren; es wäre zu schade, wenn Friedrich nicht zu rechter Zeit sein Buch drein feuern könnte, besonders da ich immer glaube, daß er es dann überhaupt nicht mehr abfeuert, sondern eben auch da stecken bleibt, wo andere auch nicht hinüber kommen.« Diese Befürchtung sollte sich bewahrheiten. Noch im selben Sommer berichtet Brater in der Chronik: »Wir waren in den letzten Wochen in häufigem Verkehr mit Friedrich Rohmer gestanden, der eine lebhafte Zuneigung zu unserer kleinen Anna gewann, sich mit Pauline befreundete und mir ein offenes, unbedingtes Vertrauen erwies. Ich hatte in früheren Jahren den Eindruck seines Gemütes selten so rein und tief wie jetzt in den Gesprächen, die sich über unser persönliches Verhältnis, über das seinige zu Theodor und Bluntschli, über sein Bedürfnis eines neuen Familienlebens und über politische Zukunftspläne erstreckten. Zu derselben Zeit war seine geistige Produktion von solcher Größe und Fülle, daß Bluntschli, der diese Ideen aufzunehmen und sich anzueignen hatte, fast erlag.

Wir befanden uns seit kurzer Zeit (zum Landaufenthalt) in Aibling und erwarteten seinen Besuch, als die Nachricht seines Todes eintraf. Bluntschli schrieb am 11. Juni: »Gestern noch war er gesund, heiter, auch am Abend frei und ruhig. Heute morgen ging er ins Bad. Im Bad traf ihn der Nervenschlag, der ihn zum ewigen Lichte rief.«

Auch Theodor Rohmer, der seine ganze Kraft selbstlos im Dienste des Bruders, den er verehrte, aufgerieben hatte, starb bald darauf und Brater verlor an den beiden Brüdern die Jugendfreunde, die ihn mehr als alle anderen gefesselt und beeinflußt hatten. Um so näher fühlte er sich mit Bluntschli verbunden. Längst waren zu den geschäftlichen Beziehungen mit diesem auch freundschaftliche Familienbeziehungen getreten. Pauline fühlte sich besonders zu Bluntschlis ältester Tochter Luise hingezogen, deren gerade, offene Natur zu der ihrigen paßte. Nach ihrer Verheiratung mit Prof. Dr. Hecker (später Obermedizinalrat) wandte die junge Frau ihr ganzes Vertrauen Frau Brater zu und eine treue Freundschaft verknüpfte die beiden. Als Bluntschli und seine Frau die silberne Hochzeit feierten, waren auch Braters mit einigen Freunden des Hauses, worunter Liebig und Kaulbach, dazu geladen. Daß dieses fröhliche Familienfest für lange Zeit ihr letzter Ausgang sein sollte, ahnte Frau Brater an diesem Abend noch nicht. Ein Schmerz im Knie, der sie schon manchmal belästigt hatte, trat plötzlich so heftig auf, daß sie nicht mehr gehen konnte. »Pauline ist genötigt, auf dem Sopha zu liegen,« berichtet ihr Mann und fügt hinzu: »es ist erstaunlich was dazu gehört, eine Familie von nur vier Köpfen imstande zu halten; keine Woche vergeht, daß es nicht da oder dort knarrt und eine Fuge aus dem Leime zu gehen droht.«

Der Zustand verschlimmerte sich, ein Gipsverband wurde angelegt und mehr als ein halbes Jahr verging, bis Pauline an Lina Rohmer schreiben konnte: »Der Gipsverband ist vor acht Tagen abgenommen worden. Die Möglichkeit des Gehenlernens scheint mir nun auch näher zu liegen als noch vor acht Wochen, auftreten kann ich freilich noch nicht, aber doch besser liegen. Du glaubst gar nicht, wie glücklich ich darüber bin, wohl ängstige ich mich und fürchte mich selbst vor meiner zuversichtlichen Hoffnung, aber nichts desto weniger habe ich sie .... Diesen Winter wird meine Mutter längere Zeit bei uns zubringen, was mich für sie und mich sehr freut, ich habe es eben überhaupt so gut auf dieser Welt, daß ich immer denke, so ein kleines Kreuz wie mein böses Knie sei mir eben nötig und ich fürchte deshalb oft, es wird mir schon noch bleiben.«

Im selben Briefe spricht sie der Freundin, die eine schwere Krankenpflege zu besorgen hat, Mut zu: »Halte nur Du Dich tapfer und laß Dich nicht übermannen, ich zweifle auch gar nicht daran, Du könntest mit Deinem Mut allen aushelfen, hast Du Dein Gesangbuch bei Dir, so lies das siebente Lied und denke, daß es mein Lieblingslied ist, denke besonders bei den drei letzten Versen an mich.« (Es ist das Gerhardtsche Lied: Sollt ich meinem Gott nicht singen, sollt ich ihm nicht fröhlich sein?)

Die Besserung des Knieleidens, an die Pauline nicht zu glauben wagte, hielt allerdings nicht stand und manchmal verlor sie die Geduld. Sie schreibt an Lina Rohmer: »Ich kann nur sagen, daß sich meine Geduld schon etwas gemindert hat, seit sich die erste Besserung eingestellt hat und eine zweite sich nicht recht einstellen will..... Überhaupt ist dies München ein heilloses Nest, ich habe es wohl geahnt, wir brauchen hier viel mehr und nehmen doch viel weniger ein, denn das Staatswörterbuch ist ein recht miserables Einkommen, das zeigt sich jetzt erst, ich habe eine große Wut, da ich ohnedies diesem Staatswörterbuch nie hold gewesen bin. Ich gehe mit dem Gedanken um, Hab und Gut zu verkaufen und einen Acker und eine Kuh anzuschaffen, meine Kinder hänge ich dann mit der Zeit einem Bauernburschen an und Karl erwirbt ein Heiratsgut für sie, dies ist die einzige Möglichkeit, ein anständiges Leben zu führen; ich warte nur noch, bis ich wieder gehen kann, damit ich den Stall selbst misten kann und wenn Du mich besuchst, so soll Dir meine Kuh einen Rahm in den Kaffee liefern, wie ich ihn hier nicht aufzutreiben imstande wäre und wenn ich 6000 fl. Besoldung hätte.«

Die Geduldsprobe sollte lange dauern. Die Entzündung am Knie war endlich gewichen, da zeigte sich dasselbe Leiden am anderen Knie. Pauline erzählte später manchmal, wie ihr Hausarzt bei dieser Mitteilung ihr den Rücken gewandt und ihre Verzweiflung teilend ausgerufen habe: »Nun holen Sie sich aber einen anderen Arzt!« Wieder mußte sie liegen und viele Pein ausstehen. Ihren Kindern ist das Bild im Gedächtnis geblieben, wie die Mutter trotz dieser Hemmnisse fleißig war. Sie hatte sich ein schmales Brett zuschneiden lassen, das quer über dem Kanapee ruhen konnte, auf dem sie lag; sie benützte das als Bügelbrett und hat alle Stärkwäsche ihres Mannes Jahr und Tag auf diese Weise gebügelt.

Es dauerte volle zwei Jahre, bis ihr Mann in der Chronik berichten konnte: »Pauline hat heute ihren zweiten Gang ins Freie gemacht, in die Anlagen der Glyptothek, von denen sie, samt den Kindern, ganz begeistert ist .... Sie legt die Distanz von 600 Schritten allein gehend mit mäßiger Benützung des Stockes ohne allzu große Ermüdung und üble Nachwirkungen zurück.« Das waren schlimme Jahre, auch in pekuniärer Beziehung, denn Ärzte und Badereisen spielten eine unheimliche Rolle und die Einnahmen waren nicht im richtigen Verhältnis zu solchen Ausgaben. Unter diesen Umständen beschloß Brater, sich noch ein letztes Mal um eine Advokatur in Regensburg zu bewerben, obwohl ihm eine solche Stellung jetzt nicht mehr verlockend schien und die Annahme ein Opfer gewesen wäre, das er der Sicherstellung seiner Familie gebracht hätte. Den Bescheid, den er auf seine Eingabe erhielt, teilt er seiner Schwester Julie mit: »Nachdem Seine Majestät mein Gesuch gelesen hatte, befahl er es ad acta zu legen mit dem Beisatz: Advokaten sind so unabhängige Leute, man kann ihm eine solche Stellung nicht geben. Davon setzte mich der Kabinettsekretär in Kenntnis und meinte, eine abhängige Stellung sei vielleicht eher zu erlangen, ob ich nicht bei der Staatsanwaltschaft mein Glück versuchen wolle ....« Unter den gegebenen Verhältnissen erschien das Angebot einer Staatsanwaltschaft fast wie Hohn und Brater konnte daran nicht denken. Wie sollte er dem Staat als Anwalt dienen, so lange die Männer an der Spitze standen, deren reaktionäre und ultramontane Gesinnung er seit Jahren bekämpfte? Er mußte auf das Angebot verzichten, um seiner Grundsätze willen.