Seine Mutter mag wohl mit schmerzlicher Teilnahme über diese neue Enttäuschung an ihn geschrieben haben, denn er sucht sie zu beruhigen. Nachdem er den Hergang erklärt hat, schreibt er: »Du mußt außerdem bedenken, daß ich aus diesen Händeln mit erhöhtem Selbstgefühl hervorgehe, das keiner niedergeschlagenen Stimmung Raum gibt ... Wenn ein Mensch mit irgend einer Eigenschaft außerhalb des Zeitcharakters steht, auch wenn diese Eigenschaft eine Tugend ist, so wird er dafür büßen müssen, wie für ein Laster. So geht es mir mit meiner politischen Tugend und meiner Unfähigkeit, den Staat als eine Versorgungsanstalt anzusehen, in die man sich um den Preis der Menschenwürde einkauft.« Niemand würde sich wundern, wenn solch ein Brief abschlösse mit pessimistischen Bemerkungen über die schlechten Zustände und die Ungerechtigkeit der Menschen. Aber im Gegenteil: Brater läßt sich nicht erbittern und seinen Blick nicht trüben. Er schreibt: »Die heutige Armseligkeit ist noch immer ein Fortschritt gegen die tiefe Verderbnis der vorangegangenen Zeit und es geht mit dem öffentlichen Leben vorwärts.« Und an seine Schwester: »Einstweilen muß man an dem Gedanken festhalten, der das A und O meines politischen Glaubens ist: die politische Entwicklung geht vorwärts.«
Dieser beglückende Optimismus half den beiden durch diese Jahre. Sie lebten in der bisherigen fleißigen und sparsamen Weise weiter und trugen gemeinsam mancherlei Kreuz. Die Kinder machten durch gutes Gedeihen Freude und ein wackeres Dienstmädchen unterstützte die Frau, während diese durch das Knieleiden auf das Sopha gebannt war. Dieses Mädchen bewährte sich als ein treues, verständiges Glied der Familie. Sie wurde einst, während Brater verreist war, auf die Polizei berufen und dort über ihren Herrn ausgefragt. Man wollte wissen, ob er nach Berlin gereist sei und mit welchen Männern er verkehre. Denn je mehr seine nationale Gesinnung an den Tag trat, um so eifriger waren die Bemühungen, ihn zu verdächtigen, und eine Reise nach Berlin war in jener preußenfeindlichen Zeit schon bedenklich. Das also befragte Mädchen ließ sich keine andere Antwort herauslocken als die: man möchte doch ihren Herrn selbst fragen, der würde ihnen alles sagen. Mit diesem Bescheid mußte man sie schließlich ziehen lassen. Man war damals noch mancher Polizeieinmischung ausgesetzt. So war in München noch das Zigarrenrauchen auf der Straße als Zeichen einer verpönten Gesinnung nicht gestattet. Paulinens Bruder, Colomann, der auf einige Wochen bei ihr zu Besuch war, mochte von dieser Gewohnheit nicht lassen und ging täglich mit der brennenden Zigarre aus. So wurde er da und dort einmal in der Stadt von einem Polizeidiener angehalten und auf das Verbot aufmerksam gemacht, worauf er mit einem artigen: »Entschuldigen Sie, ich bin hier fremd« die Zigarre wegwarf. So trieb er’s, bis einst ein Polizeidiener ihm ebenso artig entgegnete: »Ja, entschuldigen Sie, wie lang sind denn Sie noch fremd?« Von da an hielt es Colomann doch für geraten, das Rauchen auf der Straße aufzugeben.
Mit dem Jahr 1858 nahmen die Dinge allmählich eine bessere Wendung für die Familie Brater. Fehlte es an der Anerkennung von seiten der Regierung, so drang Braters Bedeutung doch in immer weiteren Kreisen durch. Im Herbste wurde der Landtag, der soeben zusammengetreten war, anläßlich der Präsidentenwahl sofort wieder aufgelöst. Infolge dieses Ereignisses, das eine lebhafte politische Erregung hervorrief, schrieb Brater eine Flugschrift: »Regierung und Volksvertretung in Bayern.« Sie wurde zwar in Nördlingen gedruckt, doch erschien es rätlich, sie außerhalb Bayerns und anonym erscheinen und durch eine Leipziger Firma ausgeben zu lassen. Diese Flugschrift machte einen gewaltigen Eindruck, war augenblicklich vergriffen und mußte in zweiter Auflage erscheinen. Der Name des Autors wurde bekannt und verschiedene Zeitungen wiesen darauf hin, daß der Verfasser einer solchen Schrift unbedingt in die Abgeordnetenkammer gehöre. So wurde Brater in verschiedenen Wahlbezirken als Kandidat aufgestellt. In Nürnberg schienen die Aussichten am günstigsten und es erging an ihn die Aufforderung, dort persönlich aufzutreten. An fortgesetzte Enttäuschungen gewöhnt, ging Brater ungern, weil mit geringen Hoffnungen auf Erfolg, einige Tage vor der Wahl nach Nürnberg. Er trennte sich von seiner Frau mit dem Versprechen, ihr, falls er wirklich gewählt würde, sofort zu telegraphieren.
Mit dem heißen Wunsche, daß ihm doch endlich der Erfolg beschieden sein möchte, begleiteten ihn ihre treuen Gedanken. Sie las in den Zeitungen von seinen Wahlreden, von den Anstrengungen der Gegner, sie teilte die Aufregung am Wahltage, sie berechnete die Stunde, in der das Telegramm ankommen konnte und war mit der ganzen Seele bei ihrem Mann. In solchen Stunden bekamen die Kinder, wenn sie sich mit ihrem Geplauder an die Mutter wandten, stets die Antwort: »Seid still, ich muß mich auf etwas besinnen.« An diesem Abend war mit der Mutter gar nichts anzufangen, sie mußte sich immerfort besinnen, wohl darüber, wie sie ihre Wut über einen Mißerfolg unterdrücken und ihrem Mann so viel Liebe zeigen könne, daß er alles andere darüber vergesse. Der Termin war eigentlich schon verstrichen, das Telegramm wurde immer unwahrscheinlicher, da traf es doch noch ein mit der Freudenbotschaft: Brater als Kandidat der konstitutionellen und der demokratischen Partei fast einstimmig gewählt. Die Verspätung des Telegramms hatte einen triftigen Grund gehabt. Als Brater in Nürnberg zum Telegraphenamt geeilt war, um der Gattin unverzüglich die frohe Kunde mitzuteilen, fand er den Schalter ganz umlagert und es war keine Aussicht, mit einem Privattelegramm zugelassen zu werden, ehe eine Menge amtlicher Telegramme aufgegeben waren. So konnte es noch lange währen und Brater wußte seine Bundesgenossin zu Hause brennend vor Ungeduld. Rasch entschlossen fuhr er mit einem eben abgehenden Zug nach dem nächsten Dorf hinaus, telegraphierte von dort aus und reiste mit dem nächsten Zuge wieder nach Nürnberg zurück, zu den Getreuen, die mit ihrem Abgeordneten den Sieg feiern wollten und sich vermutlich schon über sein geheimnisvolles Verschwinden gewundert hatten. An solch kleinen Zügen durfte Frau Brater oft erkennen, wie ihr Mann sie auch im ärgsten Getriebe nie vergaß und alles andere lieber als sie zurückstehen ließ; diese Erfahrung verleiht jeder Frau ein stolzes, beglückendes Gefühl der Sicherheit, denn es zeigt sich hierin die höchste Stufe der ehelichen Treue.
Der 14. Dezember 1858 war der Wahltag gewesen. Von da an bis zu seinem Tod ist Brater ununterbrochen Abgeordneter geblieben. Diese Wahl war die erste öffentliche Anerkennung und ein Wendepunkt für ihn. Nicht als ob die Feindschaft der Gegenpartei abgenommen hätte, aber die Freundschaft der Gleichgesinnten wagte sich nun heraus; er war nicht mehr der Verfehmte, dessen Umgang der Kluge mied, offene Parteinahme für und gegen ihn in der Kammer und zunehmende Beachtung von seiten der Gegner wurde ihm von da an zuteil und die alte Frau Pfaff behielt Recht mit ihrem Ausspruch: da Brater keine Schuld trifft, muß doch zuletzt alles gut werden.
Diese treue Mutter hatte inzwischen auch noch einen andern Freudentag erlebt; ihr Sohn Hans, der jetzt Professor der Mathematik an der Gewerbeschule in Erlangen war, durfte endlich nach elfjähriger stiller, treuer Liebe die Braut heimführen. Sie schreibt darüber: »Ihr Vater ist durch den Tod eines Sohnes milder gestimmt, gab ohne äußeren Anlaß seine Einwilligung und lud Hans ein, zu kommen. Ich muß sagen, Hans hat sich treu gehalten und das ist doch die Hauptsache.«
Auch ihren jüngsten Sohn Fritz sah sie den eigenen Hausstand gründen, ebenfalls in Erlangen, wo er als Professor der Geologie und Mineralogie tätig war. Seine wissenschaftlichen Werke, seine populären Vorträge verfolgte Pauline jederzeit mit dem angeborenen Interesse und so oft sie diesem Bruder schrieb, immer hatte sie irgend welche naturwissenschaftliche Fragen, die sich ihr aufdrängten und um deren Beantwortung sie ihn bat. In einem seiner Briefe finden wir daher die scherzende Bemerkung: »Mehr als drei Fragen werden in einem Brief nicht beantwortet.«
Frau Pfaff wohnte von jetzt an in einem Haus am katholischen Kirchenplatz, das ihr Sohn Hans gekauft hatte, und ihr Tagewerk wäre nun vollbracht gewesen, allein es gab bald da, bald dort in den jungen Haushaltungen zu helfen, und ihres Lebens Inhalt blieb, was die Bibel köstlich nennt: Mühe und Arbeit.
Auch in der Familie Brater war sie gar oft zur Hilfe gekommen. In den ersten Jahren hatte Pauline die Hingabe der Mutter als etwas ganz Selbstverständliches hingenommen, wie das wohl die meisten jungen Frauen tun; aber je länger sie im eigenen Hause schaltete, um so mehr erkannte sie die Güte ihrer Mutter und sie spricht dies auch in einem Brief an dieselbe aus.
»Du glaubst gar nicht, liebe Mutter, wie ich mich diesmal auf Dich freue, Du bist nun so lange schon immer nur meine Pflegerin gewesen, aber jetzt hoffe ich doch, daß Du Dich auch einmal ein wenig mit mir erfreuen kannst; und sage mir nur nichts mehr vom entbehrlich sein, es ist wahr, Du hast allmählich Deine Kinder so weit gebracht, daß ihnen die Löcher geflickt werden, auch ohne daß Du Deine Nadel einfädelst, aber auch wenn sie alle noch so gut versorgt sind, so wissen sie doch stets, daß die Liebe und Teilnahme einer Mutter durch gar nichts anderes ersetzt werden könnte; ich glaube auch, je mehr Deine Kinder nach und nach zu Müttern und Vätern geworden sind, je mehr lernen sie schätzen, was Du ihnen bist, trotzdem daß ihnen die Suppe sogar von einer Magd gekocht wird. Von den Kindern kann ich Dir auch soweit Gutes berichten, sie sind viel ordentlicher und liebenswürdiger als Du sie von Erlangen her in Erinnerung hast, denn es ist wunderbar, wie so Kinder gleich übermütig werden, wenn sie zu Gast sind, wo man sie allenthalben verwöhnt. Es ist erstaunlich, was für dankbare Herzen diese beiden Kreaturen haben, und ihre Gewissenhaftigkeit kommt ihnen überall zustatten. Sie sind über Deine schöne Handschrift immer höchst erfreut: ›Der Großmutter Briefe die kann man doch lesen, nur manche Buchstaben hat sie ein bißle verlernt‹.«
Die Kinder waren nun Schulkinder geworden und besuchten die Volksschule. Fast wehmütig bemerkt die Mutter darüber, auch die Kleine sei schon so groß, daß sie zwar im Dämmerstündchen sich noch der Mutter auf den Schoß setze, aber selbst ein ganz verschämtes Gesichtchen dazu mache wegen der langen Beine, die da herabhingen. Solch zärtliches auf dem Schoß sitzen und dergleichen erlangte zwar »das kleine Schmeichelkätzchen« hie und da, im ganzen lag es aber nicht in der Mutter Natur und vertrug sich auch nicht mit ihren Grundsätzen. Wie sie die Kinder knapp hielt mit Speise und Kleidung, mit Vergnügungen und Geschenken, so auch mit Liebkosung und Zärtlichkeiten. Die Kinder sollten es nicht merken, wie teuer sie den Eltern waren, sondern sich vielmehr für »Unkräuter« halten und dankbar sein, daß man sie duldete. Die Bescheidenheit der Kinder den Erwachsenen gegenüber war in ihren Augen nicht nur eine unter den vielen Tugenden, die durch die Erziehung gepflegt werden sollten, sondern sie galt ihr als der eigentliche Boden, auf dem allein das richtige Verhältnis zwischen Kindern und Eltern entstehen konnte, sie betrachtete sie als den Ausdruck der Wahrheit: Kinder wissen, können, leisten noch nichts, also haben sie hinter dem fertigen Menschen zurückzustehen.
Die Sparsamkeit, die im Hause herrschte, begünstigte die Erziehung zur Bescheidenheit, denn diese Sparsamkeit wurde durchaus nicht als eine fatale Notwendigkeit betrachtet, die sich aus dem Mangel an Geld ergab, sondern als eine Lebenseinrichtung, entspringend aus der idealen Eigenschaft der Anspruchslosigkeit. Diese Anschauung war nicht aus pädagogischen Rücksichten künstlich gemacht, sie lag im Wesen der Hausfrau, nie empfand sie das Sparen als eine lästige Pflicht, sondern als eine Kunstfertigkeit, die auszuüben ihr Vergnügen machte. Es gab vielleicht nicht viele Häuser, in denen so gewissenhaft jede unnötige Ausgabe vermieden wurde, und es gab wohl kein einziges, in dem trotz dieser Sparsamkeit so wenig über Geld gesprochen wurde. Die Kinder hörten kaum davon reden; sie waren schon große Schulmädchen, als sie zufällig und zu ihrem Staunen entdeckten, daß das Dienstmädchen um Lohn und nicht, wie sie gemeint hatten, aus reiner Liebe ihre Dienste tat. Die Mutter hatte sie gern in dieser Unwissenheit erhalten, die ein bescheidenes, dankbares Benehmen dem Mädchen gegenüber zur Folge hatte.
Als die Kinder mehrmals zu dem nächsten Droschkenplatz geschickt wurden, um für den Vater eine Droschke zu holen, machten sie sich Bedenken, ob es nicht unbescheiden sei, so oft einen Kutscher zu bemühen, und wurden erst beruhigt, als man ihnen sagte, der Vater gebe auch dem Kutscher etwas zu seiner Freude. Beide Eltern kamen aus einem gewissen Idealismus zu diesem System und erreichten damit, daß die Kleinen dankbar waren, wenn sie irgendwo nicht nur geduldet, sondern sogar gern gesehen wurden, glücklich wenn ihnen von irgend einer Seite Gutes zufloß und vor allem tief befriedigt, wenn ein warmes Wort der Eltern ihnen die Liebe verriet, die ihnen um so köstlicher war, je seltener sie in zärtlichen Worten zum Ausdruck kam.
In dieser Weise knapp gehalten mit Liebesbeweisen, bemühten sich die Kinder um so mehr darum, und es ist einleuchtend, daß damit der beste Grund für die Erziehung gewonnen war, denn diese ist leicht von dem Augenblick an, wo die Kinder wollen, was die Eltern wollen. Wollen aber die Eltern nicht bald dies bald jenes, was ihnen behagt, sondern das Gute, so werden dadurch die Kinder ganz unvermerkt über die Autorität der Eltern hinaufgewiesen zu der höchsten Autorität und geleitet auf dem Wege zum höchsten Ziel: Wollen was gut ist, wollen was Gott will.
Äußerlich betrachtet trat nicht viel zutage von religiösem Leben in der Familie Brater. Doch kam die Mutter jeden Abend an der Kinder Bett und mit großer Ehrfurcht wurde das kleine Gebet gesprochen: Lieber Gott, mach mich fromm, daß ich zu dir in’ Himmel komm. Bei dieser Gelegenheit sprach die Mutter oft ein mahnendes Wort, hingegen vermied sie es, die Kinder anzuregen, ihre äußeren Anliegen im Gebete vor den lieben Gott zu bringen; das Materielle sollte hier zurücktreten, mit dem Gedanken an Gott wollte sie nur Geistiges in Verbindung bringen, die Stimme des Gewissens wecken, das Streben, gut und wahr zu sein. Sie selbst war in jener Zeit weit entfernt von einem festen Glauben, aber sie fühlte den sittlichen Wert, den ein solcher verleiht und ersehnte ihn für ihre Kinder. Oft sprach sie es aus, daß sie heranwachsende Kinder ohne Hilfe der Religion nicht zu erziehen wüßte. Ihr Mann, von Friedrich Rohmer beeinflußt, stand nicht auf kirchlichem Boden, aber noch viel weniger sympathisch waren ihm materialistische Anschauungen. Das neue Testament schätzte er hoch und las jeden Morgen einen Abschnitt daraus vor. Die Mutter erwähnt diese Vorlesungen in den Notizen, die sie sich über die Kinder machte, es heißt da von Anna: »Alle Morgen wird ein Abschnitt aus der Bibel gelesen und Anna, die sehr zum Aufmerken ermahnt wird, merkt sich häufig einen Satz und sagt ihn dann. Agnes erklärte die erstenmale immer: »Das hab ich mir auch gemerkt«, fand es dann aber einfacher, ein für alle Male zu sagen: »Jetzt Mama, ich merk’ mir eben immer das, was sich die Anna merkt.«
So sehr die Wahrhaftigkeit Grundzug in der Familie war, so wenig ließen sich die Eltern beunruhigen durch die lebhafte Phantasie der Kleinen und waren weit entfernt, mit dem ernsten Wort »Lüge« zu brandmarken, was kindlicher Unverstand war. Ebenso ruhig, wie die Mutter von der Großen erwähnt: »Anna ist von großer Wahrhaftigkeit«, berichtet sie von der Kleinen: »Sie hat eine so lebhafte Phantasie, daß sie beständig im Reden und Tun erfindet, deshalb auch weit entfernt ist, einen Begriff von Wahrheit zu haben.« Sie hatte die ruhige Zuversicht, daß in ihrem Haus die Unwahrhaftigkeit nicht groß wachsen würde.
Die beiden Mädchen blieben die einzigen Kinder ihrer Eltern, was Frau Brater oft bedauert hat, denn eine größere Geschwisterschar war nach ihrer eigenen Erfahrung ein köstlicher Schatz und überdies eine Erleichterung, um ihr Ideal der Anspruchslosigkeit zu erreichen; denn jedes einzelne unter einer großen Kinderzahl wird sich entbehrlicher vorkommen als so ein einziges Pärchen. Ihrer Schwiegermutter schreibt sie gelegentlich: »Wenn ich nur auch wieder ein kleines Kind hätte, überall ist Reichtum an diesem Artikel, nur bei mir nicht«; ein andermal: »vier Kinder wären mein Ideal« und die Sehnsucht nach einem Wickelkinde kommt wiederholt zum Ausdruck, trotzdem schon diese beiden Kinder manchmal schwere Sorgen verursachten.
Schon kurze Zeit nach dem Umzug nach München, das damals noch durch seine schlechten Wasserverhältnisse und häufige Typhuserkrankungen verrufen war, mußten auch sie ihren Tribut zahlen. Anna erkrankte an einem typhösen Fieber, Schleimfieber nannte es der Arzt. Frau Brater schreibt darüber an ihre Schwägerin Julie: »Der arme Tropf hatte eine schwere Zeit durchzumachen; die erste Woche vom eigentlichen Beginn der Krankheit war schrecklich für sie, heftiges Kopfweh und Fieber, glühende Hitze und auch nicht ein halbes Stündchen ruhigen Schlafes, dabei eine schreckliche Aufgeregtheit, die Augen funkelten nur so und wenn sie sich nur im Bett bewegte oder sich bewegen ließ, so klopft das Herzchen mit einer Gewalt, daß man glaubte, es könne es unmöglich überdauern.... Wunderbar war die Veränderung in der zweiten Woche, Fieber und Hitze unverändert, dagegen waren die glutroten Backen schneeweiß geworden, sie lag in fast immerwährendem Schlaf mit offenen Augen, in der dritten Woche ebenso. Unerhört war ihr Aussehen, vollkommen himmelblau und dunkle Schatten um die Augen, die einen überirdischen Ausdruck hatten, es war mir oft schauerlich bei Nacht. Aber nun denke, nach Verlauf der dritten Woche, das kommt gewiß auch nur bei Kindern vor, war die Krankheit sozusagen von einem Tag auf den andern gehoben ohne allmähliche Besserung, sie hatte einen übeln Tag, eine schlechte Nacht gehabt und hatte morgens unverändert hundertundzwanzig Pulsschläge. Abends saß sie im Bettchen, hatte einundneunzig Puls, war ganz heiter und teilnehmend und ich glaubte ein Wunder zu sehen; von diesem Tag an waren wir außer Sorge, es ging gottlob alles so gut, daß sie jetzt zwar lang und dünn, aber frisch und munter wieder am Tische sitzt, fast frischer als ich, die ich die verschiedenen nacheinander folgenden Strapazen in immerwährendem Kopfweh spüre.«
Die ersten Münchner Jahre in der stillen Augustenstraße waren verhältnismäßig ruhig vorüber gegangen, aber es kam allmählich anders.
Als Abgeordneter stand Brater nicht mehr, wie früher, allein. Eine kleine Gruppe national gesinnter Männer fand sich in der Kammer zusammen und bald bildete sich zwischen diesen ein Freundschaftsverhältnis, das auch häuslichen Verkehr mit sich brachte. Oft war das Haus Brater der Mittelpunkt, in dem sich die kleine Truppe zusammen fand, die es unternahm, gegen den altbayrischen Fanatismus anzukämpfen und für den deutschen Bundesstaat unter Preußens Führung einzutreten.
Die erste praktische Folge der Beratungen dieser kleinen Partei war die Gründung einer Wochenschrift, deren Redaktion Brater übernahm. Einer der vorzüglichsten Mitarbeiter derselben war Professor Baumgarten, ein Braunschweiger, der damals mit seiner Familie in München lebte und mit dessen Frau sich auch Pauline bald herzlich befreundete, standen doch ihre Männer im gleichen Kampf, an dem beide Frauen mit ganzem Herzen Anteil nahmen. Bald zeigte sich’s, daß eine Wochenschrift nicht genüge, und es trat an Brater die Lebensfrage heran, ob er die Redaktion einer großen politischen Tageszeitung übernehmen wolle. Professor Baumgarten hat diese Überlegungen in einem Aufsatz der Preußischen Jahrbücher[5] geschildert und wir teilen sie in seinen Worten mit:
[5] Band XXIV.
»Die schwache Stimme einer Wochenschrift konnte in dem Lärm jener Tage nicht weit dringen. Wir erkannten bald, daß, wenn der überaus rührigen Agitation im Süden, welche soeben um ein Haar Deutschland in einen verderblichen Krieg gestürzt hätte, wirksam entgegen gearbeitet werden sollte, eine tägliche Zeitung nicht entbehrt werden könnte. Nach langen Verhandlungen, vielen Mühen wurde es möglich, die Begründung eines solchen Blattes ernstlich ins Auge zu fassen. Und zwar in München, in dem eigentlichen Hauptquartier der Gegner. An die Ausführung eines so verwegenen Planes ließ sich aber nur denken, wenn ein Mann von hervorragender Fähigkeit, von bedeutender Autorität in dem Lande und von unantastbarem Charakter die Leitung übernahm. Denn daß das Auftreten einer gegen Preußen gerechten, der nationalen Sache aufrichtig ergebenen Zeitung in München mit den größten Schwierigkeiten verknüpft sein werde, deren nur ganz ungewöhnliche Leistungen Herr zu werden hoffen dürften, darüber konnte sich niemand täuschen. Alles hing daran, ob Brater sich entschließen mochte, der Redaktion seine Kraft, vielleicht seine Existenz zu widmen.
Ich erinnere mich genau der eingehenden Gespräche welche wir im Sommer über die Sache hatten. Wie immer erwog er alle Momente der Frage mit der Objektivität eines durch keine Umstände beeinflußten Richters; die hohe politische Wichtigkeit, ja Notwendigkeit des Unternehmens erkannte er vollkommen an, aber über seine Mißlichkeit, über die fast unübersteiglichen Hindernisse, denen er begegnen werde, täuschte er sich ebensowenig. Namentlich war ihm klar, daß für ihn persönlich ein fast zu großes Opfer damit verbunden sei. Nach langer, mühseliger, entbehrungsvoller Arbeit war er endlich dahin gelangt, sich in Bayern eine bedeutende Stellung zu erringen. Hielt er sich im Kreise der bayerischen Politik, so konnte ihm eine höchst befriedigende, d. h. für das öffentliche Interesse fruchtbare und seinen bescheidenen persönlichen Ansprüchen gerecht werdende Zukunft nicht entgehen. Betrat er dagegen den Boden der deutschen Politik mit einer in Bayern bei Regierung und Volk gleich verhaßten Richtung, so durfte er für die Zukunft noch viel schwereren Kämpfen entgegensehen, als ihm die Vergangenheit gebracht hatte.
Er zählte damals vierzig Jahre; er war ohne Vermögen; nur angestrengte Tätigkeit und eine seltene Einfachheit des Lebens machte ihm möglich, mit der Feder zu erwerben, was die Bedürfnisse seiner Familie erforderten. Unter allen diesen Verhältnissen würden sehr wenige sich entschlossen haben, auf das Wagnis einzugehen. Brater unternahm es dennoch kraft jener Mischung geistiger Eigenschaften, der man in dieser Weise nur sehr selten begegnen wird. Er war ganz klare, scharfe Kritik und zugleich hingebende Begeisterung. Er besaß ganz die Nüchternheit des Verstandes, welche meistens zu klugem Egoismus führt und verband damit einen enthusiastischen Patriotismus, wie er meist nur in unklaren Köpfen wohnt ....
... Brater hatte sich nicht getäuscht. Als er am 1. Oktober 1859 die erste Nummer der »Süddeutschen Zeitung« herausgab, tobte es förmlich von allen Seiten gegen ihn. Man fand es geradezu unerträglich, daß sich in München ein »preußisches Blatt« ans Licht wage. Jede Verdächtigung in der kleinen Schmutzpresse der Stadt, jede persönliche Schikane wurde in Bewegung gesetzt, um Brater die Existenz in München unmöglich zu machen. Wer freilich die Blätter der jungen Zeitung las, der wurde von all diesen jede Stunde des Herausgebers verbitternden Widerwärtigkeiten nichts gewahr. ..... Der Grundgedanke, Deutschlands Führung durch Preußen, wurde den widerwilligen Gemütern der Süddeutschen mit nie aussetzender Konsequenz, aber zugleich mit jener schonenden Milde gepredigt, welche am besten geeignet ist, dauernde Überzeugungen zu begründen. Der deutsche Beruf Preußens hat niemals im Süden einen wirksamern Vorkämpfer gehabt als Braters Süddeutsche Zeitung. Anfangs mit einmütigem Haß empfangen, wurde sie in kurzer Zeit das Lieblingsblatt des gebildeten München.«
Daß eine solche Berufsergreifung auch das Familienleben stark beeinflußte, ist selbstverständlich. Sofort ergab sich das Bedürfnis, in den Mittelpunkt der Stadt zu ziehen. Frau Brater schreibt darüber an ihre Freundin Emilie von Breuls, geb. Kopp: »Ich bin eigentlich eine halbe Strohwitwe geworden; Du hast vollkommen Recht, wenn Du meinst, die Zeitung werde meinem Mann viel Arbeit machen, es ist mir fast zu arg, dazu muß er seine Geschäfte in der Nähe der Druckerei und Post vornehmen, so daß er sich mit seinen Redakteuren in der Stadt ein paar Zimmer mieten mußte, wo er nun den ganzen Tag ist und ich ihn nur mittags ganz kurz sehe, im April ziehen wir nun ganz hinein und so sehr ich’s bedauere, unsere schöne, freie sonnige Wohnung mit einer Stadtwohnung vertauschen zu müssen, so kann ich’s nun doch kaum erwarten, bis der unbehagliche Zustand des Hin- und Herrennens auf einem halbstündigen Weg ein Ende nimmt; daß Du die Süddeutsche Zeitung liest, freut mich sehr; Du kennst nun dadurch unser ganzes Leben, denn ihr Inhalt und überhaupt was sich jetzt in der Welt zuträgt beschäftigt meinen Mann ausschließlich und somit auch mich, ich bin ganz und gar eine Politikerin geworden und von meiner Zeitung eingenommen wie von meinen Kindern.«
Im Frühjahr machte sich Frau Brater daran, eine für die veränderten Umstände passende Wohnung zu suchen, und mietete eine solche. Aber nach kurzer Zeit benachrichtigte sie der Vermieter, daß er sein Wort zurücknehmen müsse, – er hatte inzwischen erfahren, um wen es sich handle, und wagte es nicht, sich mit einem so staatsgefährlichen Mietsmann einzulassen. So mußte Frau Brater ihre Wanderung aufs neue antreten und fand endlich eine entsprechende Wohnung in der Dienersgasse Nr. 23. Freilich war es ein altes, dunkles Haus, mitten im Lärm der Straßen und ihre geliebten Sterne waren ihr durch das gegenüberliegende Regierungsgebäude verdeckt. Auch das ganze Hauswesen bekam plötzlich einen anderen Anstrich. Das größte Zimmer wurde für die Redaktion eingeräumt, der eine oder andere Mitarbeiter wohnte auch im Stockwerk, geschäftig ging es den ganzen Tag aus und ein und ein Laufbursche mußte angestellt werden. Dies alles gab einen gehörigen Zuwachs von Arbeit und das Familienleben gewann nicht an Gemütlichkeit durch diese Änderung, auch war es für Frau Brater peinlich mit anzusehen, daß ihr Mann eine allzugroße Arbeitslast übernommen hatte. Sie schreibt darüber an ihre Schwiegermutter:
»... Daß Ihr die Zeitung lest, ist eine herrliche Verbindung, Ihr seht ja daraus immer, was uns beschäftigt; an Neujahr soll sie nun etwas größer werden, freilich auch teuerer und wir sind nun begierig, ob die Maßregel nicht etwa ungünstig auf die Abonnentenzahl wirkt, die ohnedies langsam zunimmt. Bis dahin hoffen wir endlich auch einen brauchbaren Gehilfen für den einen unbrauchbaren gefunden zu haben und ebenso einen Referenten für den Landtag; Du wirst gesehen haben, daß der Landtag im Januar zusammentritt, ein großer achtmonatlicher Landtag! Wenn diese Zeit schon überstanden wäre! Karl hat nun alle seine übrigen Arbeiten abgegeben und wenn derselbige Referent tüchtig ist, so wird es eher leichter werden, aber die Einnahmen werden sich nicht splendid stellen.«
Daß sich tüchtige Hilfskräfte für solch eine Zeitung schwer fanden, ist selbstverständlich, und manche merkwürdige Figur tauchte im »Redaktionszimmer« auf, um bald wieder zu verschwinden. Doch fanden sich auch bedeutende Männer zu dieser politischen Arbeit ein, Leuthold, der Dichter, Vecchioni, der nachherige Leiter der Münchener Neuesten Nachrichten, und vor allem Adolf Wilbrandt, der spätere Schriftsteller und Direktor des Wiener Burgtheaters, damals ein schöner, geistig anregender junger Mann, nichts weniger als trockener Politiker. In seinen Artikeln für die Süddeutsche Zeitung zeigte sich schon seine hohe literarische Begabung. Er wohnte im Haus Brater und wurde hochgeschätzter Freund der Familie. Wilbrandt verkehrte viel in dem geselligen Kreise, dessen Mittelpunkt Paul Heyse war und in dem sich die Familien Bluntschli, Hecker und zuweilen auch Brater trafen. So sehr Frau Brater die große Geselligkeit mied, die sie meist mit Kopfweh büßen mußte, auf die auch ihr bescheidener Haushalt nicht eingerichtet war, ganz konnte sie sich derselben doch nicht entziehen. So gab Bluntschlis Übersiedelung nach Heidelberg Anlaß zu einer großen Abschiedsgesellschaft, über die sie an Ernst Rohmer berichtet:
»... Auch wir hatten diese Woche eine große Soiree wo es an Humor und sogar an Tränen nicht fehlte, es war eine stolze Gesellschaft beisammen, unsere Abgeordneten, Bluntschlis, Jollys, Heckers, die Redaktion, und ich wollte nur, Du hättest die Toaste mit anhören können, es überbot immer einer den andern, um ein Uhr ging man auseinander im Gefühl einer großen Freundschaft und Innigkeit.«
Pauline stellte bei solchen Gelegenheiten ihre Kinder zur Hilfe an, die nun als größere Schulmädchen wohl zu brauchen waren und fremder Bedienung vorzuziehen. Das Münchener Bier spielte keine kleine Rolle bei manchen der Geladenen; es wurde in großen Krügen geholt und die Kinder gingen von einem Gaste zum andern, um leere Gläser aufzufüllen. Am leistungsfähigsten war in diesem Stück der allgemein bekannte und beliebte Abgeordnete Völk, der urwüchsige, kräftige Mann vom Algäu, ein Volksredner von prächtigen Gaben; diesen empfahl der Vater den kleinen Kellnerinnen zur besonderen Beachtung und mit Lust schenkten sie ihm immer wieder aufs neue ein, denn er wußte auch schon dieses kleine Volk zu begeistern. Der Patriotismus, der ohnedies in diesen Räumen zu Haus war, schlug dann in hellen Flammen auf in den empfänglichen Kinderherzen. Der Hausfrau kam bei solchen Gelegenheiten ihr praktisches Talent zu statten, sie kochte vorzüglich und war die Mahlzeit aufgetragen, so kam noch als beste Würze ihr guter Humor in der Unterhaltung.
Das waren inhaltsreiche Jahre für die Frau, die an allem, was den Mann beschäftigte, ihren Anteil hatte. Wie oft kam er aus seinem Arbeitszimmer herüber, um ihr das Manuskript eines Artikels vorzulesen, ehe er ihn in die Druckerei schickte. »Du bist mein Publikum,« sagte er, »ich muß sehen, welchen Eindruck der Artikel auf die Leute machen wird.« Ihre gesunde Empfindung befähigte sie zu einem Urteil, das ihm viel wert war. Die Verschiedenheit der Temperamente machte sich zwar auch hier geltend. Wenn er die Zeitung nicht dazu benützen wollte, um die Verleumdungen zu widerlegen, die andere Blätter gegen ihn brachten, dann setzte sie ihm zu, wollte, daß er die Grobheiten gehörig heimgebe, und hätte ihm solche am liebsten in kräftigen Worten in die Feder diktiert. Aber er ließ sich nicht beirren: »Um die Sache handelt es sich, nicht um meine Person,« erklärte er ihr immer wieder; »warum von dem kostbaren Raum der Zeitung etwas auf Widerlegung persönlicher Angriffe verwenden, laß sie nur schimpfen, viel besser ist’s, wir bleiben bei der Sache.« Im Grund ihres Herzens war sie dann doch stolz auf diese vornehme Kampfesweise und die heftigen Angriffe verstummten allmählich auch ohne Widerlegung. Oft half sie in dieser Zeit selbst mit, wenn es an Hilfskräften fehlte und sie dem mit Arbeit überladenen Manne Schreibereien abnehmen konnte. Auch die Kinder mußten, wenn der Laufbursche nicht zur Stelle war oder seine Sonntagsruhe genoß, oft genug Besorgungen für die Redaktion machen. Dazu war Anna zu gebrauchen, die, von Haus aus flink, noch ganz besonders zu rennen verstand, wenn ihr Patriotismus aufgerufen wurde. Gar oft lief über Mittag eine Depesche ein, wurde sie augenblicklich in die Druckerei gebracht, so kam sie eben noch recht für die im Druck befindliche Nummer. Dann ergriff Anna das Telegramm, rannte in der Schürze, ohne Hut, über den glühend heißen Odeonsplatz und die Drucker wußten schon, wenn sie so atemlos hereingeflogen kam: was dieser Eilbote brachte, das mußte noch in die heutige Nummer. Heimwärts nahm sich das Kind dann wohl vor, nie mehr ohne Hut über den heißen Platz zu laufen, trat aber wieder derselbe Fall ein, so ging ihr doch wieder die Süddeutsche Zeitung über alle persönlichen Rücksichten.
War nun in diesem geschäftigen Betriebe die Hausfrau fast unentbehrlich, vergaß sie auch alle persönlichen Bedürfnisse über der großen Sache, der sie mit diente, so kam doch ein Ereignis, durch das sie sich plötzlich abrufen ließ aus ihrem Familienkreis, es kam die Nachricht von der schweren Erkrankung ihrer Mutter. Frau Pfaff war zu ihrer Tochter Luise Sartorius gereist, die in Bayreuth, ihrer damaligen Heimat, erkrankt war, und als Pflegerin der kranken Tochter hatte sie selbst sich eine Lungenentzündung zugezogen. Ihr Sohn Fritz war auf diese Nachricht nach Bayreuth gereist und er war es auch, der Pauline von der bedenklichen Erkrankung Mitteilung machte. Noch am selben Tage verließ sie München und reiste mit bangem Herzen zu der Mutter. Wie sie die Kranke fand, schildert sie selbst ihrem Manne:
»Ich habe Dir seit gestern schon oft und immer wieder mein Leid geklagt und wenn ich dies jetzt wirklich schreibe, so wird mir’s doch nicht leichter ums Herz. Wenn ich so bei meiner guten Mutter sitze, so kann ich es nicht begreifen, daß dieses das Wiedersehen sein soll, auf das ich mich schon so lang freute, und daß es das letzte sein soll; wenn ich nur recht so wie ich möchte bei ihr bleiben und weinen dürfte, aber um Luisens willen und um meiner Augen willen muß ich so viel als eben möglich an mich halten. Ich will Dir erzählen, wie es ging: Auf meiner Herreise, nachdem ich mir immer und immer wiederholte, was im Brief und der Depesche von Fritz gestanden war, ward ich nach und nach beruhigt und glaubte zuversichtlich das Gute; als ich hier ankam, sah ich Fritz schon von weitem und sah auch gleich, daß ich mich getäuscht hatte, er hatte keine Hoffnung mehr und ich konnte es nicht glauben, nicht eher als bis ich wirklich die letzten Atemzüge gehört hatte.... Als ich ankam und sie begrüßte, konnte sie mir’s nur dadurch erwidern, daß sie mich ansah, ebenso schlug sie die Augen auf, als ich ihr einen Gruß von den Kindern sagte. Ihr Anblick schmerzte mich, daß ich’s nie vergessen werde, ich kannte sie kaum, so waren die Züge von Schmerz und Anstrengung entstellt....
Um zwei Uhr nachmittags zeigten sich die ersten Spuren des herannahenden Todes, sie lag regungslos und atmete in immer größeren Zwischenräumen, um halb fünf Uhr standen wir beide, Fritz hielt sie im Arm und horchten noch lange, ob es wirklich der letzte Atemzug gewesen sei; es war vorbei und der ruhige, friedliche Ausdruck, dem sogleich die Schmerzensmiene weichen mußte, ist jetzt unser einziger Trost. Morgen um halb vier Uhr nachmittags wird sie begraben, das treueste, liebevollste Herz, das es auf dieser Welt nur geben kann.
Luise hat diesen Schlag weniger empfunden, als wir fürchteten, sie ist wohl noch zu sehr von ihrem eigenen Leiden (Typhus) hingenommen. Ihr Zustand ist bedenklich, sie ist jetzt nach neun Wochen noch nicht so weit, daß sie sich selber im Bett bewegen kann.... Daß die Mutter auf diese Weise sterben mußte, darüber kann ich mich nicht leicht beruhigen, die Krankheit wurde selbst verschuldet.«
Über diesen Punkt sucht ihr Mann sie zu trösten und schreibt: »Sie ist in der Aufopferung für andere, der ihr ganzes Leben gewidmet war, auch gestorben. Darüber darfst Du nicht klagen, sie ist wirklich in ihrem Beruf gestorben, dem sie sich von niemand gewaltsam hätte entziehen lassen.«
Wenige Wochen nach der Mutter erlag auch die Tochter Luise der schweren Krankheit, ein harter Schlag für den Mann und die fünf Kinder, deren ältestes noch kaum erwachsen war, ein tiefschmerzlicher Verlust auch für Pauline, die der Schwester innig nahe gestanden war. An den verwitweten Schwager Sartorius schreibt sie:
»Ich lese Deine Briefe immer wieder sowie auch die Deiner Kinder und bin mit meinen Gedanken immer bei Euch; in solcher Zeit fühlt man die Trennung von denen, die die gleiche Trauer haben, sehr schwer, man möchte immer nur von den geliebten Heimgegangenen sprechen, da der Gedanke an sie das ganze Herz ausfüllt; hier fühle ich mich mit meiner Betrübnis ziemlich einsam, nicht als ob mein Mann nicht vollkommene Teilnahme mir erwiese, hat er doch beide sehr geliebt und erkannt, allein soll ich ihm, dem Vielgeplagten, immer meine Betrübnis zeigen, ihn in den kurzen Erholungsstunden immer in meine Trauer hereinziehen? Ich kann das nicht.«
In treuem, stillem Herzen bewegte sie das Schicksal der mutterlosen Kinder und in späteren Briefen finden wir einmal den Vorschlag, »den kleinen Hansel« zu sich zu nehmen, dann wieder die Tochter Elise mit den eigenen Töchtern zu erziehen. Es kam aber nicht dazu, hingegen erlebte Pauline in späteren Jahren die Freude, daß die mutterlose Schar aufs neue eine treue Mutter bekam. Lina Rohmer war es, ihre bewährte Freundin, die durch die Verheiratung mit Sartorius ihre Schwägerin und durch dieses doppelte Band besonders lieb und vertraut wurde.
Im Sommer 1861 gönnte sich Brater mit seiner Familie eine kleine Erholungszeit in Ammerland am Starnberger See. Das war ein köstliches Ausruhen nach anstrengender Arbeit in der Kammer und ihren Ausschüssen, nach dem aufreibenden Getriebe in der Redaktion, es war auch für Pauline eine wohltuende Freude nach den schmerzlichen Trauerfällen, und eine Wonne für die Schulkinder. In einem Fischerhäuschen wohnten sie, bei freundlichen Leuten, brachten die Tage in dem nahen Wald und auf dem See zu, sich der schönen Natur, der Ruhe und vor allem des ungestörten Beisammenseins freuend. Gab es das ganze Jahr hindurch kaum eine andere Freude als die eine, allerdings tief beglückende, das Tagewerk gut vollbracht zu haben, so wurde nun der Naturgenuß, die freie Muße mit wohligem Behagen empfunden. Für drei Tage machten die Eltern allein einen Ausflug weiter hinein ins Gebirge und genossen das Glück, sich wieder einmal ganz anzugehören. Mit großem Vertrauen und beneidenswerter Sorglosigkeit ließen sie das zehn- und elfjährige Schwesternpaar im Fischerhäuschen zurück, wo die Kinder sich mit großem Stolze Frühstück und Abendbrot besorgten und mittags harmlos im Wirtsgarten aßen.
Ein längerer Landaufenthalt war freilich nicht möglich, denn die Arbeit drängte. Als Mitbegründer des deutschen Nationalvereins hatte Brater überdies viele Reisen zu machen, Besprechungen in Frankfurt, Eisenach, Koburg, Gotha nahmen seine Zeit und Kraft in Anspruch und immer schien solche Tätigkeit fürs Vaterland zu wichtig, um sie aus Rücksicht auf die eigene Person zu unterlassen, aber endlich versagte die Kraft.
Der Winter 62 auf 63 brachte noch besonders viel Arbeit, da die nötigen Hilfskräfte fehlten. In einem Neujahrsbrief an Lina Rohmer schreibt Pauline: »Diesem Jahr sehe ich mit Grausen entgegen; unser neuer Mitredakteur ist sehr kränklich und es fragt sich, wie lange er aushalten wird, er hat schon selbst seine Befürchtungen ausgesprochen und hätte sich gar nicht auf dieses Geschäft einlassen sollen« und eine Nachschrift dieses Briefes teilt mit: »Unser Redakteur liegt heute bereits im Bett, hat heute Nacht einen Blutsturz bekommen, doch sei es nicht gefährlich. – Ich bin in Verzweiflung.«
Selbstverständlich mußte bei solch plötzlichem Versagen der Hilfskräfte immer Brater seine eigene schon aufs äußerste angespannte Kraft einsetzen, denn die Zeitung verlangte unerbittlich ihre tägliche Nahrung und wenn Frau Brater mit »Grausen« das neue Jahr angetreten hatte, wenn sie, so wenig ängstlich von Natur, sich Sorgen machte, so war das Unheil nahe im Anzug, ja es war schon da.
Gegen Ende des Winters schreibt sie an Ernst Rohmer: »Meinem Mann hat der fatale Winter schließlich doch auch noch einen recht hartnäckigen Husten angehängt, der mir oft Sorge macht, besonders da er ihn schon vorigen Herbst mehrere Monate lang nicht los brachte; vor einigen Tagen bekam er nun ganz plötzlich einen ziemlich starken Anfall von Beklemmungen auf der Brust und Atmungsbeschwerden, die noch nicht ganz vorüber sind, doch erklärte Lindwurm nach genauer Untersuchung, daß es nur rheumatisch und katarrhalisch sei, die Lunge sei ganz gesund. Daß er ihn nach Berlin reisen läßt, wundert mich trotzdem und ich würde es gewiß nicht gutwillig geschehen lassen, wenn ich nicht andererseits in der Unterbrechung seiner gewöhnlichen Anstrengung auch einen Vorteil sähe; wenn es nur ein mäßiges Wetter wird, ich bin eben doch in großer Sorge.«
Sechs Wochen später – und die beiden Ärzte Professor Lindwurm und der befreundete Professor Dr. Hecker vereinigen sich in dem Ausspruch, Brater müsse das überanstrengende Geschäft der Redaktion abgeben, müsse das rauhe Münchner Klima verlassen und müsse noch, ehe dies alles geordnet und ein dauernder Aufenthalt bestimmt sei, so bald wie möglich fort in mildere Gegend.
Schwer trafen diese drei harten »Muß« den Mann, der wohl wußte, daß die Süddeutsche Zeitung von seiner Persönlichkeit abhing, und seiner Frau war es zumute, als ob der Boden unter ihren Füßen wankte. In der Tat, war nicht alles erschüttert und bedroht? Die Heimat, die Lebensstellung, das Leben ihres Mannes und somit ihr Glück?
Noch ehe Brater einen Entschluß wegen der Zeitung fassen konnte, mußte er München verlassen, um den rauhen Frühlingsstürmen zu entgehen. Das war eine Trennung so bitter und schmerzlich wie keine vorher. Aber freundlich bot sich dem Erkrankten eine Stätte zur Erholung. Der Abgeordnete Buhl, ein treuer Gesinnungsgenosse und Freund, der in Deidesheim in der Pfalz einen herrlichen Wohnsitz hatte, lud ihn herzlich zu sich ein und so bald die nötigste Vertretung gefunden war, reiste er dorthin. Die Sorge für die Zeitung begleitete ihn. In Versammlungen national Gesinnter wurde beraten über die Fortführung der Zeitung. »Wir sahen«, schreibt Baumgarten, »wie die Zeitung jeden Tag mehr Herr des wichtigen Terrains wurde; noch eine kurze Frist und sie hätte alles dominiert. Aber auch jetzt noch war keine Kraft da, welche für Brater hätte eintreten können. Ohne ihn war das Blatt noch immer in München unmöglich.«
So blieb denn keine andere Möglichkeit als entweder die Süddeutsche Zeitung ganz eingehen zu lassen oder sie an einen Ort zu verlegen, an dem ihre Redaktion nicht mit so ungewöhnlichen Schwierigkeiten verbunden war wie in München und sich demnach leichter ein Redakteur finden ließe. Von Deidesheim aus schreibt darüber Brater an seine Frau: »Gestern sind Bluntschli und Baumgarten hier gewesen, die inzwischen in Heidelberg ... verhandelt haben. Das Resultat wäre, daß vom 1. Juli an die Süddeutsche Zeitung, herausgegeben von Brater und Lammers, in Frankfurt erscheint. Die Redaktion würde mich nichts angehen, es handelt sich meinerseits (unter Fortdauer der bisherigen finanziellen Verhältnisse) nur um Leitartikel und zeitweilige Konferenzen mit der Redaktion. In einer politischen Versammlung (Mitte Mai in Frankfurt) soll die Sache auch noch öffentlich zur Sprache gebracht und sanktioniert werden. Ich glaube, daß wir mit diesem Schritt das Zweckmäßigste tun, was unter den obwaltenden Umständen geschehen kann und daß auch Du damit einverstanden sein wirst. Bis auf weiteres darf davon durchaus nichts verlauten, die Redaktion darf die Sache nur durch mich erfahren, was in etwa acht Tagen geschehen wird.«
Zugleich mit diesem Plane, der auch zur Ausführung kam, wurde die Frage über den künftigen Aufenthalt der Familie beraten. Am Sitz der Redaktion selbst sollte Brater nicht wohnen, um nicht aufs neue zu sehr in das Getriebe hineingezogen zu werden, doch allzuweit sollte er auch nicht davon entfernt sein, eine Stadt in der Nähe von Frankfurt schien am günstigsten. Viele Briefe gingen zwischen Deidesheim und München hin und her, bis einer derselben den energischen Vorschlag brachte, Pauline solle zu ihrem Manne kommen, mündlich ließe sich das alles viel leichter beraten. Zur Beaufsichtigung der Kinder und des Haushaltes war die Schwester Julie Brater bereit und so folgte Pauline dem Ruf und reiste über Württemberg nach der Pfalz. Es waren schon einige Wochen seit Braters Abreise verflossen, seine Nachrichten hatten jedesmal über fortgesetzte, wenn auch langsame Besserung berichtet, mit unendlicher Sehnsucht sah sie der Wiedervereinigung entgegen und wurde aufs liebevollste in dem gastlichen Hause Buhl aufgenommen. Aber die Wochen der Trennung mochten die Ursache sein, daß sie ihren Mann objektiver betrachtete und nun sah, wie krank er war. Wir lesen es zwischen den Zeilen in einem Brief an ihre Schwägerin Julie in München, wo es nach der Beschreibung der Reise heißt: »Was nun die Hauptsache ist, so konnte ich mich im ersten Augenblick des Wiedersehens kaum recht fassen ob meiner getäuschten Erwartungen, vielleicht hatte ich mir bei den fortwährenden Besserungsberichten zu viel Hoffnung gemacht.... So war ich gestern in recht trauriger Stimmung, die ich kaum zu verbergen wußte, Karl ist sehr heiter, und heute habe ich mich nun auch gefaßt und schiebe alle eingehenden Gedanken auf die Seite. Es gibt so viel zu beraten und zu überlegen, daß wir noch gar nicht angefangen haben, was kann man auch am Ende für Entschließungen fassen, wo doch alles von Karls Besserung abhängt? Möchte es Gottes Wille sein, daß uns diese Bitte erhört wird!... Hier ist alles herrlich, die Natur und das Haus, aber trotzdem will Karl die Gastfreundschaft nicht zu lang in Anspruch nehmen und möchte eben gern bei den Seinen sein.«
Fünf Jahre war die Familie Brater in München gewesen, hatte Verbindungen geschlossen, die ihr allmählich lieb geworden waren, und nun sollte sie wieder abbrechen und sich an einem gänzlich unbekannten Orte niederlassen. Dies ist an sich schon schwer und ist es doppelt, wenn eine traurige Ursache den Anlaß zu solchem Wandern gibt. Brater ging von Deidesheim aus nach Frankfurt, um dort die nötigen Vorbereitungen für die Übergabe der Süddeutschen Zeitung zu treffen, und kehrte dann nach München zurück, um die Redaktion aufzulösen. Für den Sommer rieten die Ärzte zu einem Aufenthalt in Höhenluft und dem Gebrauch einer Molkenkur. Wieder war es ein Abgeordneter, der hier Rat wußte. Auf dem Grünten, einem Berg in den bayerischen Alpen, besaß der Abgeordnete Hirnbein ein Anwesen, in dem Molkenwirtschaft betrieben wurde und einige Zimmer für Fremde eingerichtet waren. Zwar hatte sich noch nie eine Familie länger dort aufgehalten, nur Passanten, die den Grünten um der schönen Aussicht willen bestiegen, pflegten dort zu übernachten, aber für die bescheidenen Ansprüche der Familie Brater konnten die Räume genügen und es wurde beschlossen, dort hinauf zu ziehen. Der Besitzer, der selbst nicht oben wohnte, empfahl seinen Leuten die Münchner Familie und so wurde diese mit freundlicher Zuvorkommenheit aufgenommen und fühlte sich da droben, wie wenn sie im eigenen Hause säße und der ganze Berg ihr untertan wäre. Nach den schweren Aufregungen der letzten Monate war das Zusammenleben in der stillen, gewaltigen Natur eine große Wohltat für die Familie, und Brater, der in der dünnen Bergluft leichter atmete, fühlte sich wohl genug, um den Aufenthalt zu genießen. So war es eine schöne Zeit, trotzdem die unsichere Zukunft einen leisen Schatten darüber warf. Pauline schreibt von dort aus an Ernst Rohmer: