Lieber Ernst!
Du wirst es ohne Zweifel sehr schnöde finden, daß wir so lange nichts von uns hören ließen, allein diesmal war es eine höhere Macht, die sich hemmend unserm Verkehr entgegenstellte. Vor acht Tagen übergab Karl vier Briefe der Post, die sich in Gestalt eines Esels von unserer Burg nach Sonthofen hinabschlängelt, allein drunten angekommen, konnte das wackere Tier die Briefe nicht weiter befördern, weil sie sämtlich verloren waren und trotz Bekanntmachung in der Kirche und der besten Versprechungen nimmer zum Vorschein kamen. Daß unter diesen Verlorenen gerade auch einer an Dich war, ein großer, langer, vielleicht seit Jahren der erste anständige, war uns besonders leid, war aber eben nicht zu ändern!
Laß Dir nun vor allem schönsten Dank sagen für Deine freundschaftlichen Anerbietungen in Deinem letzten Brief, Du hast vollkommen Recht, wenn Du sagst, »wir verstehen uns« und darfst auch überzeugt sein, daß wir uns nötigen Falles an niemand mit so leichtem Herzen wenden würden als an Euch. Gegenwärtig sind wir aber gut daran und hoffen, nicht so bald in die Brüche zu kommen, da wir einen sehr angenehmen Zuschuß zur Kur von Onkel Karl[6] in Fiume erhalten haben.
Ich bin also heute vor acht Tagen mit Schwiegermutter, Schwägerin Julie und den Kindern glücklich hier oben angekommen und wir befinden uns aufs beste; da man die Bergpartie auf dem Roß mit aller Bequemlichkeit zurücklegt, so können wir Dir nichts Besseres raten, als auch noch auf einige Zeit zu uns zu kommen; für Dich und überhaupt für alle Nerven muß diese Luft herrlich sein, ich habe auch noch kein Kopfweh gehabt. Meinen Mann fand ich recht gut aussehend und vielleicht auch in der Hauptsache etwas besser, doch bilde ich mir ein, in einer beständig warmen Luft wäre es vielleicht noch besser geworden.... Über unsere weiteren Pläne sind wir noch ganz im unklaren, mein Wunsch wäre, daß Karl diesen Monat hier oben und dann vielleicht noch zwei Monate irgendwo in der Wärme zubringt, etwa Reichenhall oder noch besser Meran, aber das Jammerkind in Frankfurt gönnt einem ja keine ruhige Stunde ...
[6] Meynier, ein Bruder von Braters Mutter.
Das »Jammerkind«, die Zeitung, gewöhnte sich schwer ein in Frankfurt und als der sechswöchentliche Aufenthalt auf dem Grünten vorüber war, reiste Brater nach Frankfurt, um in der Redaktion zu helfen. Es scheint, daß Frau Brater diese Trennung, verbunden mit der auf ihr lastenden Unsicherheit über die nächste Zukunft, schwer nahm; auch fürchtete sie wohl, daß der Erfolg der Kur wieder durch übermäßige Arbeit verloren ginge, und sie hat wohl ihren Unmut herzhaft in ihren Briefen ausgesprochen, denn der Gatte antwortet ihr: »Ein hübsches Quantum schlechter Laune hast Du in Deinem letzten Brief abgeladen. Aber ich gönne Dir die kleine Erleichterung, die einzige, zu der ich Dir behilflich sein kann. Laß Dir nur die Widerwärtigkeiten nicht über den Kopf wachsen: in einigen Wochen sind wir doch wieder beisammen. Freilich liegen dazwischen einige unersetzliche Tage!«
In dem folgenden Briefe teilt Brater den Seinigen mit, daß er nun in der nahen Stadt Aschaffenburg eine Wohnung gemietet habe, die sofort zu beziehen war, und eifrig begannen Frau und Töchter den Hausrat einzupacken, als ihnen ein weiterer Brief Halt gebot. Daran war wieder die Zeitung Schuld. Es gewann immer mehr den Anschein, daß sie sich nicht halten würde, und so schien es geratener, mit einem vollständigen Umzuge noch bis zum Frühjahr zu warten und für den Winter nur irgendwo in der Nähe Frankfurts in möblierter Wohnung einen provisorischen Aufenthalt zu nehmen. Brater schreibt: »Es kommt nun ein neues Projekt in Betracht. Ich bin darauf aufmerksam gemacht worden, daß Wiesbaden ein außerordentlich mildes Klima habe und deshalb zum Winteraufenthalt vorzüglich zu empfehlen, auch im Winter nicht teuer sei. Ich habe heute mit einem dortigen Freund gesprochen und ihn beauftragt, nach dem Preis einer möblierten Wohnung zu fragen ... Käme dieser Plan zur Ausführung, so müßte man das Mobiliar in München stehen lassen und gleich die Wohnung in Aschaffenburg kündigen. Ich möchte, daß Du bald mit Lindwurm und Hecker sprichst, ob sie Wert auf eine solche Maßregel legen würden... Du siehst, daß ich darauf bedacht bin, Dir für Zerstreuung zu sorgen, armer Teufel!«
Dieses Projekt kam im Herbst 1862 zur Ausführung, die Familie zog nach Wiesbaden und mietete in einem Gasthause für den Winter einige möblierte Zimmer. Brater, vollauf beschäftigt mit Arbeiten, vermißte weniger die eigene Wirtschaft wie seine Frau. Nach dem ungewöhnlich bewegten Haushalt der Münchner Jahre sah sie sich nun vollständig zur Ruhe gesetzt, denn da sie keine Küche zur Verfügung hatte, konnte sie nicht selbst wirtschaften, das Essen wurde aufs Zimmer gebracht und es gehörte viel Elastizität dazu, sich plötzlich wieder in so ganz andere Verhältnisse zu finden, auf einige kleine Zimmer angewiesen zu sein und keinerlei Verkehr zu haben. »Ich bin’s nun schon ganz gewöhnt,« schrieb sie nach den ersten Wochen, »daß, wenn bei uns angeklopft wird, niemand anders als das Stubenmädchen erscheint.« Den Kindern war das Neue an dieser Lebensart und dem anderen Wohnsitz interessant, die heißen Quellen vor allem, deren eine auch durch die Wohnung geleitet war und mit ihrem fast kochenden Wasser zu ihrer Verfügung stand, wenn sie das Frühstücksgeschirr abzuwaschen hatten. Sie besuchten ein Institut und fingen an, sich mit den Nassauischen Mädchen zu befreunden, als eine schlimme Sache dazwischen kam und den kaum begonnenen Unterricht unterbrach.
Anna, die schon acht oder vierzehn Tage über Kopfweh geklagt hatte, fragte eines Abends, als längst die Lampe brannte, warum man denn nicht endlich Licht mache, es sei doch so dunkel. Ein solches Wort muß wohl auch eine tapfere Mutter mit Schrecken erfüllen und so schnell als möglich wurde ein Augenarzt zu Rate gezogen. Er fand eine schwere Netzhautentzündung, welche die Sehkraft in höchste Gefahr brachte. In späteren Jahren sprachen verschiedene Augenärzte ihre Verwunderung darüber aus, daß die hochgradige Erkrankung geheilt werden konnte, und es war dies offenbar dem energischen Eingreifen des vorzüglichen Augenarztes Pagenstecher zu verdanken. Er leitete sofort eine Behandlung mit künstlichen Blutegeln, Blasenpflastern und Fontanellen ein, die freilich sehr schmerzhaft war. Das arme Kind hatte viel zu leiden und die Mutter litt mit ihm; sie hatte stets tiefes Mitleid mit allen denen, die körperliche Schmerzen zu erdulden hatten, und es war rührend und für ihre Kinder unendlich tröstend, wie sie in solchen Fällen in einem zärtlich liebkosenden Tone mit ihnen sprach, der ihr sonst fremd war und um so tieferen Eindruck machte. Auch Schmerzensgeld und süßer Lohn für bewiesene Tapferkeit spendete sie da und diese seltenen verwöhnenden Liebeszeichen warfen einen hellen Schimmer in dunkle Krankheitszeiten und verbanden die Kinder aufs innigste mit ihrer Mutter.
Auch der Vater ließ sich in diesen Zeiten öfter herbei, sich mit der Patientin zu unterhalten, und da er bei Anna ein warmes patriotisches Interesse fand, gereichte es ihm selbst zur Freude. Während er sonst in Briefen die Kinder höchstens kurz erwähnt, findet sich in einem solchen aus Wiesbaden die Mitteilung eines Kindergespräches, das ihn selbst überraschte und das wir als Zeichen für die Atmosphäre, in der die Kinder aufwuchsen, hier anführen. Brater schreibt am Schluß eines geschäftlichen Briefes an Rohmer:
»Anna hat mich gestern an ihrem zwölften Geburtstag nicht wenig in Verwunderung gesetzt durch einen Vortrag über die deutsche Frage. Sie setzte nämlich auseinander, daß es mit den vielen Königen nichts sei, daß aber auch der Kaiser von Österreich und der König von Preußen als solche nicht über Deutschland gesetzt werden dürften, weil sie sich nur für ihre Hausmacht interessieren würden, daß man einen Kaiser brauche, der mit seinen Herzögen ganz Deutschland regiere und daß man eben suchen müsse, für dieses Programm eine Mehrheit zu gewinnen, die dann mit Waffengewalt die Minderheit zu Paaren treibe. Durch meine Zwischenfragen herausgeholt, kam das alles in kindischen Ausdrücken ganz rund und nett zum Vorschein.«
Das erkrankte Auge fing an, sich zu bessern; in der Hoffnung, auch von der schmerzhaften Behandlung bald befreit zu sein, sah die Patientin fröhlich dem nahen Weihnachtsfest entgegen, da warf sich die Krankheit auf das andere Auge und gerade am Vorabend des Festes minderte sich stündlich die Sehkraft des Auges. In großer Angst wurde der Augenarzt herbeigerufen; die Kinder und mit ihnen die Eltern bangten vor dem zu erwartenden Ausspruch, daß Anna liegen müsse und von einem Christbaum mit Lichterglanz keine Rede sein könne. Dr. Pagenstecher kam und untersuchte. Er fragte auch genau nach dem Kopfschmerz und allgemeinen Empfinden. Die Patientin gab darüber günstigen Bescheid, allein es lag für den Arzt nahe zu denken, daß die Furcht vor der schmerzhaften Behandlung, die sie schon kannte, ihre Aussagen beeinflussen möchte. Der Vater bemerkte dies Mißtrauen und er, der vielleicht noch nie in Gegenwart des Kindes diesem ein Lob ausgestellt hatte, sagte nun ruhig und bestimmt: »Wir können uns absolut auf ihre Gewissenhaftigkeit verlassen.« Die Freude der kleinen Leidenden über dieses ehrenvolle Zeugnis konnte kaum noch erhöht werden durch die Genehmigung des Arztes, daß sie, mit blauer Brille bewaffnet, zur Bescheerung aufstehen dürfe. Freilich hatte sie noch ihre schmerzhaften Blasenpflaster und sah noch die Dinge, die unter dem Christbaum lagen, in verkehrten Farben, aber daran war sie nun schon gewöhnt und die Freude war nach der ausgestandenen Angst doppelt groß.
Die fernen Verwandten, die an jenem Weihnachtsfest an die Familie Brater dachten, waren voll innigen Mitleids. Sie sagten sich: welch trauriges Fest in der Fremde, ohne jegliches Behagen, die Sorge wegen des Mannes Befinden, dazu das leidende Kind und die vermehrten Ausgaben. Dies war alles richtig und dennoch standen die Viere glücklich und dankbar unter dem Christbaum. In andern Familien waren vielleicht die Verhältnisse günstiger, aber ein einziger Mißton konnte die Harmonie mehr stören als es hier alle äußeren Umstände zu Wege brachten. Man darf sich immer zum Trost sagen im Hinblick auf schwere Zeiten, die uns oder unsern Lieben das Leben bringt, daß es neben allem Unglück eine unerschöpfliche Möglichkeit des Glückes gibt: eine vorübergehende Besserung, eine abziehende Sorge, ein freieres Aufatmen kann dem Menschenherzen so wohl tun, daß es im Augenblicke nur diese Guttat empfindet und nicht so sehr zu bedauern ist, wie es sich die Phantasie ausmalt. Auch ist ja unserer Menschennatur eine große Fähigkeit der Gewöhnung mitgegeben, die bald erleichtert, was zuerst unerträglich schien.
Diese Gewöhnung war es, die in diesem und den folgenden Jahren auch der Familie Brater zu Hilfe kam. So war allmählich der Husten und das erschwerte Atmen bei Brater der normale Zustand geworden, an diesen gewöhnte man sich, war zufrieden, wenn nur keine Verschlimmerung eintrat, war glücklich und hoffnungsfroh, wenn sich zeitweise eine Besserung einstellte.
In einem Brief an ihre kranke Schwiegermutter, die nun mit den Töchtern in München lebte, schildert Pauline das Wiesbadener Leben:
Liebe Mutter!
Es geht mir noch immer ab, daß ich Dir diesmal keinen eigenhändigen Neujahrs- und Geburtstagsgruß schicken konnte, gerade heuer, wo wir so viele gemeinsame Wünsche und Gebete mit ins neue Jahr hinübernehmen.... Die Berichte über Dein Befinden, liebste Mutter, sind leider noch nicht so gut wie wir gehofft und so sehnlich gewünscht hatten, wie muß es Dir doch so schwer fallen, Dich immer so schonen zu müssen, und wie schwer fällt es besonders uns Entfernten, so garnichts zu Deiner Erleichterung beitragen zu können, wir können nur eines tun, liebe Mutter, nämlich uns an Deiner oft erprobten und bewährten Geduld und Ergebung ein Beispiel nehmen, dann können wir auch getrosten Mutes wieder auf die besseren Tage hoffen.
Bei Anna geht es stets vorwärts, wenn wir gleich noch mitten in einer schwierigen Kur drin stecken; bei dieser Gelegenheit habe ich mich zum erstenmal mit unserem hiesigen Aufenthalt ausgesöhnt, wo wir einen so ausgezeichneten Augenarzt bei der Hand haben; wäre das Übel nicht gleich richtig erkannt und behandelt worden, so hätte es schlimm gehen können; im übrigen aber wächst unsere Sehnsucht nach Euch Lieben von Tag zu Tag, auch die Kinder sprechen eigentlich von gar nichts anderem mehr; wenn alles gesund ist, dann kann man schon eine Weile im Exil leben und Umgang sowie jede häusliche Bequemlichkeit entbehren, wenn aber dann hier und dort nicht alles nach Wunsch geht, dann ist’s einem oft, als müßte man geradewegs davonlaufen. So war es mir in den letzten Tagen zumute. Ich habe eine widerwärtige Geschichte mit einem sogenannten Ais oder Ast durchgemacht ..... und hatte doch keine Zeit zum Bettliegen, da es gerade zwei Kurtage für Anna waren; ich hatte ganz entsetzliche Schmerzen mit dieser Albernheit und lag dann schließlich doch noch zwei Tage, um Umschläge zu machen. Karl bedauerte nur, daß wir uns nicht mit unserer ganzen Umgebung photographieren lassen konnten: Anna im Bett hinter einem großen Lichtschirm, ich im Bett mit Überschlägen beschäftigt, Karl über einem Trichter Dämpfe einatmend, dabei Agnes als Hausfrau und Pflegerin all dieser Patienten. Agnes hat sich übrigens wacker durchgeschlagen, schön langsam und umständlich ist ihr Losungswort, aber dabei ist sie doch sorgfältig und unverdrossen ...... Anna soll sich jeglicher Tätigkeit enthalten, ich darf ihr nicht einmal etwas auswendig lernen lassen, das ist schwer für ein Kind, das kein Talent zum Müßiggehen hat und auch nicht leicht für ihre Umgebung; trotzdem sind wir alle vergnügt und dankbar und ich freue mich besonders, bis Du Karl wiedersiehst, ich glaube, man kann ihn jetzt fast ganz gesund nennen.«
Freundlich bezeugte auch Wilbrandt der kleinen Patientin seine Teilnahme. Er war in diesem Winter als Mitglied des Nationalvereins in Frankfurt, kam von dort zu geschäftlicher Besprechung mit Brater nach Wiesbaden, traf Anna an ihrem zwölften Geburtstag in der peinlichen Kur ihrer Augen und beglückte sie, indem er auf eben diese Augen das folgende Gedichtchen machte:
Im Februar kam aus Erlangen eine Nachricht, die Pauline schmerzlich ergriff und auf ihr ferneres Leben von großem Einfluß sein sollte: Ihr Bruder Hans hatte seine junge Gattin verloren. Elf Jahre hatten die Liebenden sich nach ihrer Verbindung gesehnt und kaum sechs Jahre des Zusammenlebens waren ihnen beschieden. Ganz fassungslos stand der Witwer mit vier kleinen Kindern da. Obwohl Anna noch der Pflege bedurfte, reiste Pauline doch nach Erlangen, um dem Bruder zu Hilfe zu kommen, dessen Nerven so erschüttert waren, daß er, von rasendem Kopfschmerz gepeinigt, von Halluzinationen heimgesucht, sich nicht zurechtfinden konnte in seiner traurigen Lage. Zu dem körperlichen und gemütlichen Schmerze kam noch das Gefühl, daß seine Kinder und sein Hauswesen so nicht weiter bestehen konnten. Schon während der Krankheit seiner Frau – Typhus war es gewesen – hatten die Dienstmädchen, denen das Hauswesen überlassen war, dieses schnöde vernachlässigt und es war ein trostloser Zustand, in dem Pauline das Haus und die vier mutterlosen Kleinen vorfand, deren ältestes erst vier Jahre zählte. Als sie im März notgedrungen wieder zu den Ihrigen zurückkehrte, verließ sie den der Verzweiflung nahen Bruder mit dem Trost, nach Schluß des Wiesbadener Aufenthalts, wenn die Ärzte es irgend erlauben würden, mit Mann und Kind zu ihm zu kommen und sein Hauswesen in geordneten Gang zu bringen. Brater, voll Teilnahme für den Schwager erklärte sich gern bereit dazu, und als im Frühjahr die Neuwahlen zum Landtag ihn nach Nürnberg riefen, wurde der Wiesbadener Haushalt abgebrochen und die Familie zog nach Erlangen. Dort war inzwischen alles drunter und drüber gegangen, durch schlechte Mägdewirtschaft war vieles veruntreut und verwahrlost worden, den Kindern fehlte alles, was sie brauchten, Pauline wußte kaum, wo sie zuerst anfangen sollte. Zunächst wurde die treulose Magd entlassen, von der die Nachbarschaft schon längst wußte, daß sie jeden Abend einen vollen Korb aus dem Haus getragen und einen leeren wieder zurückgebracht hatte. Und nun begann in dem Haus ein Räumen, das fast endlos schien. Es ist kaum zu glauben, wie in wenig Monaten ein Haushalt herunterkommen kann, wenn niemand da ist, der für die Ordnung sorgt. Unter die Schränke und Betten hatten die Mägde die Sachen geschoben, die ihnen im Wege lagen, alle Schlüssel der Möbel waren verloren, Zerbrochenes, Zerrissenes war in die Winkel geschoben oder in den Hof geworfen, und von den Weißzeugvorräten, welche die junge Frau als Aussteuer mitgebracht hatte, war nirgends mehr ein halbes Dutzend beisammen.
Die Bücher, die dem Mathematikprofessor von den Buchhandlungen zur Ansicht geschickt wurden, lagen packweise auf dem Stubenboden, wo Besen und Scheuerlumpen sie in einen solchen Zustand versetzt hatten, daß sie nimmer zurückgegeben werden konnten und hohe Buchhändlersrechnungen angewachsen waren.
Nach dem stillen Winter in den Wiesbadener Zimmern sah sich Frau Brater plötzlich in ein vom Keller bis zum Bodenraum ungeordnetes Haus mit Hof und Garten versetzt, hatte statt zweier Kinder sechs zu versorgen und sollte zwei Herren zugleich dienen. Aber das tiefe Mitleid mit dem körperlich und seelisch leidenden Bruder und die Liebe zu der kleinen mutterlosen Schar half ihr über alle Schwierigkeiten hinweg; die beiden Männer waren ja treue Freunde, einander von Jugend auf zugetan, und jeder nahm gerne Rücksicht auf den andern, die großen und die kleinen Kinder freuten sich aneinander, und wenn auch die Kraft der Hausfrau aufs äußerste in Anspruch genommen wurde, es ging doch und allmählich hatte sie die Befriedigung, einen menschenwürdigen Zustand im Hause geschaffen zu haben. Die Kleinen hingen bald mit Liebe an der Tante und ihr Vater erholte sich allmählich von dem Schlag, der ihn so tief erschüttert hatte.
In dieses Frühjahr fiel eine besonders lebhafte politische Tätigkeit für Brater. Er war oft zu längerem Aufenthalt in Nürnberg. Nicht nur um seine eigene Wiederwahl in den neuen Landtag handelte es sich dort, diese war bald gesichert, aber der kleine Kreis von Freunden, der sich im Laufe der letzten Jahre gesammelt hatte, fühlte sich jetzt stark genug, um eine eigene Partei zu gründen, und es galt nun, in allen Teilen Bayerns Gesinnungsgenossen aufzufordern und sie zu gewinnen für ein gemeinsames Programm, dessen Hauptgedanke war: ein einiges Deutschland unter der Führung Preußens. Wie rührig Brater an der Arbeit war, geht aus seinen Nürnberger Briefen hervor, denn auch im ärgsten Trubel ließ er doch seine Frau nicht ohne Nachricht und es ist rührend zu sehen, wie bei ihm jede persönliche Rücksicht, nur allein die auf seine Frau nicht zurückstehen mußte hinter den Angelegenheiten des Vaterlandes. Er hatte sich in Nürnberg im Hotel Schultheß eingemietet und in seinem Hotelzimmer liefen alle Fäden zusammen, welche die Gründung der »Fortschrittspartei in Bayern« zur Folge hatten. Er schreibt von dort:
Liebster Schatz!
Mein Zimmer hat sich in ein Bureau verwandelt und unter dem Geplauder der Leute muß ich schreiben. ... Du mußt Dir vorstellen, daß ich diesen Brief nach je drei Zeilen unterbreche, um über diesen oder jenen von den sechzig andern Briefen, die in der Stube expediert werden, Aufschluß zu geben. Bei der gestrigen Beratung ist die Wahlsache in Ordnung gekommen, Barth und Völk sind beigetreten. Das Programm hast Du bereits in der Zeitung gelesen. Den von Barth und mir zusammengewürfelten Aufruf, der erst noch weitere Unterschriften erhalten muß, lege ich Dir bei. Die Sache ist gut im Zug und ich muß hier bleiben.... Die hiesige Partei ist fest für mich, aber ebenso fest die Gegenpartei, die den sehr vernünftigen Satz aufstellt, sie müsse einen Nürnberger haben.... Auf baldiges Wiedersehen! Von Herzen
Dein K.
Gelegentlich kommt auch eine Mitteilung über sein Befinden. »Varrentrapp (ein politischer Freund und zugleich Arzt) war zufrieden, hat sich aber für die Wiederholung der Dünne-Luft-Kur entschieden erklärt. Es fragt sich nur, ob dieses System nicht am Ende doch grundverkehrt ist, denn nachdem ich gestern sechs Stunden in der dicksten Luft, die zu haben ist, zugebracht hatte, blieb beim Niederlegen der Husten vollständig aus, so daß ich beinahe beunruhigt war. Doch hat er sich diesen Morgen, obwohl ohne alle Steigerung, wieder eingestellt. Lebe wohl, mein Schatz, und grüße die Kinder. Ein hiesiger Verehrer, Firma Forster, hat mir etliche Baseler Lebkuchen ins Zimmer gelegt, die ganz appetitlich aussehen und Euch schmecken werden.«
In einem anderen Brief äußerte Brater: Manches was notwendig geschehen sollte, geschähe nicht, wenn er es nicht tue, aus dem einfachen Grunde, weil andere die Politik nur als Nebenbeschäftigung betrieben und deshalb zu wenig Zeit zur Verfügung hätten, er sei der einzige, der sie zum eigentlichen Lebensberuf habe. »Ich habe in den letzten vierzehn Tagen zehn Leitartikel für die Süddeutsche geschrieben« berichtet er.
Mitten in diesem Trubel erhielt er die telegraphische Nachricht von einer bedenklichen Verschlimmerung im Befinden seiner Mutter. Er war schwankend, ob er zu ihr eilen oder in der Arbeit bleiben solle und fragte wiederum telegraphisch bei den Schwestern an, ob die Mutter nach ihm verlange. Die Antwort muß wohl bejahend gelautet haben, denn er entschloß sich rasch zu einer Reise nach München und wenn er auch nur ganz kurz dort verweilen konnte, so war es ihm doch, wie er schreibt, eine Wohltat, ihr noch einmal ins Auge gesehen zu haben und den Eindruck ihrer gottergebenen Fassung und ihren mütterlichen Segen mit fort zu nehmen. Acht Tage später bekam er die Todesnachricht.
Die Wahlen gingen vorüber und der schöne Erfolg, daß mancher Gesinnungsgenosse in die Kammer kam, lohnte die großen Anstrengungen. Für sich persönlich hatte Brater in der Zukunft keinerlei Wahlagitation mehr nötig, denn als er einige Jahre später, schon schwer leidend, bei den Neuwahlen sich anschickte, wieder die gewohnten Wahlversammlungen in Nürnberg zu halten, erhielt er von dort den Bescheid: er möchte sich nicht bemühen, seine Wahl sei gesichert, ohne daß es auch nur eines Wortes bedürfe, ihren Brater ließen sich die Nürnberger nicht nehmen.
Der Sommer 1863 brachte ein ruhigeres Zusammenleben in Erlangen, in der Gartenlaube sitzend genoß die erweiterte Familie die warmen Sommerabende und Pauline wäre herzlich froh gewesen, hätte sie nun auch für länger den geordneten Zustand genießen dürfen, den sie geschaffen hatte. Aber unvermutet schnell wurde der neue Landtag einberufen, und ihren Mann allein nach München ziehen zu lassen, wie es ja allerdings das Los der meisten Abgeordneten war, das brachte sie nicht übers Herz, und es wäre ja auch für sie selbst ein stetes Entbehren gewesen. So hieß es denn wieder: abbrechen, einpacken. »Unstet und flüchtig muß ich sein und habe doch keinen Abel erschlagen,« schreibt sie an Bekannte und mit schwerem Herzen verließ sie den Bruder, die Kinderchen, die sich an sie schon wie an eine Mutter gewöhnt hatten und die auch ihrer großen Kinder Freude geworden waren. Da gar nicht vorauszusehen war, ob der Landtag Wochen oder Monate beisammen bleiben würde, so wurde einstweilen nur eine kleine möblierte Wohnung gemietet und die Kinder bei den Tanten Brater untergebracht. In solchem »einstweilen« liegt viel Unbehagen und Frau Brater seufzte in jener Zeit so manchmal: »Ich möchte nur einmal wieder mit all unserm Hab und Gut vereinigt sein.« Sie schreibt an Lina Sartorius geb. Rohmer:
»Wir sind inzwischen nach München übersiedelt, nachdem ich endlich noch für meines Bruders Haushalt eine zuverlässige Person gefunden habe; der Abschied von meinem Bruder, der in jeder Beziehung noch sehr leidend ist, wurde mir sehr schwer, auch kann ich nicht leugnen, daß ich das ewige Wandern auch genug hätte; jetzt wohnen wir hier in der Schommergasse, die Kinder sind bei meinen Schwägerinnen in Kost, Logis und Unterricht und auch wir essen dort zu Mittag; leider ist die Entfernung sehr groß, was mir wegen des Verkehrs mit den Kindern besonders unlieb ist.« Es war aber ein großes Glück für die beiden heranwachsenden Mädchen, daß diese Tanten bereit waren, jetzt und auch später wieder die Lücken im Unterricht auszufüllen, die sich bei solchem Wanderleben notgedrungen ergeben mußten.
Im Hochsommer durften sie mit ihren Tanten aufs Land und als Brater für ein paar Tage zu einer Abgeordnetenversammlung nach Frankfurt mußte, benützte seine Frau diese Zeit zu einem Besuch in Egern, wo ihre Freundin Luise Hecker weilte, von dort schreibt sie: »Mir weckt dieser Aufenthalt hier Erinnerungen aus einer scheinbar längst vergangenen Zeit, ich sah es nimmer dieses Egern, seit ich mit meiner sechswöchentlichen Agnes damals meinen Einzug als eine ganz junge, sorglose Frau gehalten hatte, und wohne zufällig auch jetzt wieder beim ›Gassenschuster‹ ... Wir führen hier ein rechtes Freundschaftsleben und sind vergnügt, obwohl ich mir immer einiges Heimweh nach Mann und Kindern vorbehalte, man wird in diesem Stück von Jahr zu Jahr ärger, und so oft ich mich noch von meinem Mann trennte, nahm ich mir fest vor, daß dieses gewiß das letzte Mal sei, wenigstens so weit es von mir abhängt.«
Oft genug hing es in den nächsten Jahren nicht von ihr ab und schon in diesem Herbst ergab sich eine längere Trennung. Sobald es der Schluß des Landtags ermöglichte, reiste Brater in Angelegenheiten der Süddeutschen Zeitung, sowie in Sachen des Nationalvereins nach Frankfurt, Eisenach, Göttingen und Leipzig und mündete dann nach Erlangen. Dort hatte Bruder Hans schon sehnlich die Wiederherstellung des gemeinsamen Haushalts erwartet und Pauline rüstete sich, den Münchner Hausstand aufzulösen, da wurde sie mitten im Packen von einer Krankheit ergriffen, die sich als eine Gehirnhautentzündung herausstellte. Von den Schwägerinnen Julie und Luise freundlich gepflegt, lag sie in großen Schmerzen und dabei in dem unbehaglichen Bewußtsein, daß sie in Erlangen schwer entbehrt wurde. Wochen vergingen, bis sie nur so weit war, den Kopf wieder frei heben zu können.
Der Winter des Jahres 1863 nahte und brachte ein politisches Ereignis, das wieder auf das Leben der Familie einwirken sollte: den Tod des Königs von Dänemark, das Erlöschen seiner Linie und infolgedessen den schleswig-holsteinschen Krieg. Die deutsche Begeisterung flammte hoch auf für Befreiung der Herzogtümer vom dänischen Joch und für Anerkennung des Herzogs Friedrich von Augustenburg. Es wurden viele Versammlungen gehalten und für den Politiker von Fach war ein unruhiger Winter zu erwarten, vielleicht auch wieder ein mehrfacher Wechsel des Aufenthalts. Im Hinblick darauf machten die beiden Schwägerinnen, noch während Pauline bei ihnen krank lag, den Vorschlag, die Kinder über den Winter in München zu behalten, damit sie nicht wieder aus dem Studium der französischen Sprache, das ernstlich betrieben wurde, herausgerissen würden. Dankbar nahmen die Eltern das Anerbieten an.
Endlich war Frau Brater so weit hergestellt, um die Reise nach Erlangen wagen zu können, und kaum wieder bei Kräften, machte sie sich daran einzupacken – worin sie bereits eine große Fertigkeit hatte –, um endlich ihrem Manne nach Erlangen nachzukommen. Zum ersten Male ließ sie für längere Zeit die Kinder zurück und es fiel ihr, die sich noch geschwächt fühlte, der Abschied schwer. Aber in Erlangen war sie gar sehnlich erwartet worden von den beiden Männern, denen sie häusliches Behagen bringen sollte, auch die Haushälterin, der es nicht leicht fiel, mit dem Haushaltungsgeld auszukommen und mit der Erziehung der größeren Kinder fertig zu werden, hoffte auf ihre Unterstützung und die Kinder folgten ihr auf Schritt und Tritt, wenn sie ordnend und einrichtend durchs Haus ging. Während ihr Mann in politischen Geschäften vorübergehend nach Frankfurt reiste, richtete sie für ihn ein behagliches Arbeitszimmer ein und freute sich, ihm bei seiner Rückkehr, die für den heiligen Abend zu erwarten war, das veränderte und nun gemütlich aussehende Winterquartier zu zeigen. Er kam auch eben noch zur rechten Zeit, um mit ihr und der Familie Pfaff den heiligen Abend zu feiern, nur zeigte er nicht die eingehende Teilnahme für die Einrichtung, wie sie erwartet hatte, und war schweigsamer als sonst. Am nächsten Morgen sollte sie erfahren warum, er hatte nicht die Freude des Wiedersehens, die Feier des heiligen Abends verderben wollen, aber nun konnte er ihr nimmer verhehlen, daß ihre Hoffnung, den Winter in Erlangen zuzubringen, nicht in Erfüllung gehen sollte: zu Neujahr mußten sie übersiedeln nach Frankfurt.
Brater war zum geschäftsführenden Mitglied des Zentralausschusses für die schleswig-holsteinischen Angelegenheiten ernannt, der in Frankfurt seinen Sitz hatte. Es war ja begreiflich, daß man sich wieder an ihn, den Politiker von Fach, wandte, und es galt allen für selbstverständlich, daß er sich einer solch nationalen Sache nicht entziehen würde, allen, auch Frau Brater. Aber im ersten Augenblick erschien es ihr doch unmöglich, schon wieder abzubrechen! Und wie wenig Zeit blieb zur Beratung! Schon auf 31. Dezember war eine Versammlung von 500 Abgeordneten deutscher Ständeversammlungen nach Frankfurt einberufen und alle Gedanken ihres Mannes waren durch diese Angelegenheit in Anspruch genommen. Er reiste voraus, sie richtete in möglichster Eile alles, um ihm zu folgen, der schon ungeduldig schrieb: »Hätte ich Dich nur schon morgen hier zur gemeinschaftlichen Silvesterabend- und Silvesternacht-Feier. Am 2. könntest Du wohl reisen?« Und am 1. Januar schrieb er:
Liebster Schatz!
Die Silvesternacht habe ich in unserem neuen Hauptquartier zugebracht – freilich in tiefer Einsamkeit. Ich erwarte nun stündlich die Nachricht von Deinem baldigen Eintreffen und rechne darauf, daß Du nicht lange mehr zögern wirst. Du bekommst ein behagliches kleines Wohnzimmer, weniger bequem ist die Schlafgelegenheit bestellt. Das Bettzeug wirst Du mitbringen müssen. Eine vollständige, aber rattenkahle Küche steht zu Deiner Verfügung. Da es möglich ist – obwohl die preußische Regierung den Senat schon bedrängt hat, unserem Dasein ein Ende zu machen – daß wir manchen Monat hier zubringen, so solltest Du es Dich nicht gereuen lassen, nachträglich einige Kleinigkeiten einzupacken, die ein Zimmer beleben und verzieren, wenn sie auch nicht zu den Notwendigkeiten gehören. Nur von Schreibmaterialien bitte ich ja nichts hierher zu schleppen, da wir durch eine Kollekte bei den Schreibmaterialisten in diesem Fach reich ausgestattet sind.
Als sie auf diese Briefe hin in möglichster Eile alles zur Abreise gerichtet hatte, kam wieder ein Brief, der ihr Halt gebot.
»Heute traf die Einladung der holsteinischen Regierung zu einer Besprechung in Kiel ein.... Es ist ärgerlich genug, doch tröste ich mich einigermaßen damit, daß bis dahin für Deine Reise vielleicht besseres Wetter eingetreten ist. Schone Dich nur auf alle Art....
Für meine Verpackung ist gut gesorgt: ich bin mit einer vollständigen Pelzhose und Rock versehen. Gestern sind auch unsere finanziellen Angelegenheiten in Ordnung gebracht worden: vierteljährlich 500 Taler mit freier Wohnung, Heizung und Beleuchtung. Der Zeitungsausschuß weigert sich, mir meinen Gehaltsbezug einzustellen und überläßt es mir, dagegen nach Belieben Aktien zu nehmen. Jedenfalls ist auf diese Art anständig gesorgt.
Nimm dich zusammen, mein Schatz, und lasse Dich nicht von Deinen melancholischen Anwandlungen überwältigen; bringe auch, wenn Du Platz hast, ein Kopfkissen mit zur Ergänzung einer etwas unzulänglichen Bettdecke.... Auf endliches Wiedersehen
Dein Karl.«
(Nachschrift). »Die Beischaffung eines zweiten Bettes, das man ebenfalls gratis liefern wollte,[7] macht, wie mir heute berichtet wird, unerwartete Schwierigkeiten. Da Du nun Muße hast zu packen, so wäre wohl das Zweckmäßigste, eines von unsern eigenen mitzubringen.... Von dem übrigen Gepäck habe ich noch nichts und bin hinsichtlich der Wäsche nicht übel in Verlegenheit. Heute lasse ich noch am Bahnhof fragen.«
[7] Dies geschah alles aus Begeisterung für die schleswig-holsteinische Sache.
Diese hauswirtschaftlichen Bemerkungen werfen ein Licht auf die vielen kleinen Opfer, die ein solches Wanderleben mit sich brachte, und jede Hausfrau kann sich vorstellen, daß Pauline eine geringe Freude hatte, als sie nach möglichst beschleunigten Reisevorbereitungen den Termin wieder verändert sah und das verlangte Bett nachschicken mußte. Sie schrieb in jenen Tagen an Lina Sartorius:
Liebe Lina!
Eigentlich wollte ich Dir erst aus Frankfurt schreiben, da aber meine Abreise dorthin unvermutet im letzten Augenblick noch um einige Tage verschoben wurde, so will ich den heutigen freien Sonntag doch noch schnell in dieser Weise verwenden und freue mich, endlich einmal wieder mit Dir ein wenig plaudern zu können, auch für Deinen letzten Brief schönen Dank zu sagen; ein teilnehmendes Wort war bei mir, seit ich hier bin, wirklich recht angewendet, es war mir eine schwere Zeit ohne meine Kinder, auch fast immer von meinem Mann getrennt, mit dem mühevollen Geschäft des Einrichtens und nach allen Seiten hin im Haus in Anspruch genommen, wo es eben wieder an allem und allem fehlte. Ich war wirklich bis Weihnachten stets in einer wahren Hetze, den Haushalt meines Bruders wieder aufs Laufende und unsere Einrichtung in Ordnung zu bringen, und wie hatte ich mich gefreut, dann endlich einmal in Ruhe und zu dem Gefühl einer Heimat und geordneten Häuslichkeit zu kommen, da brachte mir mein Mann am heiligen Weihnachtsabend aus Frankfurt die Nachricht mit, daß wir nun fürs erste dorthin übersiedeln müssen. Ich versichere Dir, es schien mir im ersten Augenblick fast unmöglich, mich wieder hier loszureißen und meinen Bruder abermals zu verlassen.«
Während sie so schrieb, war Brater auf der Reise nach Kiel und schrieb ihr von Altona: »In Erwartung einiger Personen, denen ich hier Rendezvous gegeben habe, finde ich Zeit, diesen Brief anzufangen, der morgen von Kiel an Dich abgehen soll.
Wir sind also hier auf schleswig-holsteinischem Boden, das kleine Hotel mit der Inschrift: »Deutsche Bundeskommission« und dem sogenannten Reichsadler befindet sich in nächster Nähe, die sächsischen und hannoverischen Exekutionssoldaten marschieren durch die Gassen und lösen ihre Wachtposten ab.
Die gestrige Reise von Frankfurt nach Hamburg verlief dank dem mildern Wetter und den trefflichen Pelzen Varrentrapps ganz gut. Von Harburg am linken Elbufer hat man noch anderhalb Stunden bis Hamburg in einem vollgestopften Omnibus zu fahren, der zweimal mit Dampffähre über zwei Elbarme gesetzt wird. Wenn aber das Treibeis zu stark geht, hört diese Verbindung ganz auf und man genießt das Vergnügen, tagelang auf günstigeres Wetter in Harburg zu warten.
Kiel, Freitag früh. Gestern abend sind wir (ich spreche von Kolb und mir, Häusser, welcher der dritte sein sollte, ist unwohl geworden) hier angekommen und haben von neun bis zwölf unsere erste Besprechung mit den Herrn S. und F. gehabt, die sich heute fortsetzen wird. Das Kurze und Lange ist, daß der Herzog geduldig still halten will bis beim Bundestag die Anerkennungsfrage erledigt wird, worüber voraussichtlich manche Woche verstreicht. Manches einzelne, was besonders Hans interessieren würde, könnte ich beisetzen, wenn die Zeit dazu wäre. Allein die fehlt gänzlich und es war nur darauf abgesehen, Dir aus dieser größern Entfernung ein Lebenszeichen zu geben.«
Gleich nach der Rückkehr ihres Mannes fand sich auch Pauline in Frankfurt ein. Einige Briefe schildern uns das dortige Leben. Mitte Januar schreibt sie an Ernst Rohmer:
»In meiner Übersiedelung nach Frankfurt liegt der Grund meines verspäteten Schreibens und auch Karl hat hier so viel zu tun, daß er zu wenig Außergeschäftlichem kommen wird, Du weißt ja, was er für ein Wühler ist, und hier ist er ja noch dazu Wühler von Profession. Wie müßte Dir seßhaften Mann mit Deinen acht Kindern so ein Vagabundenleben vorkommen wie wir es führen! Mein Geschmack ist es indes auch nicht, besonders nicht wegen derer, die ich zurückließ; ich war in Verzweiflung, aber was half es! Hier führen wir nun wieder eine originelle Wirtschaft, wir bewohnen ein großmächtiges leerstehendes Haus (gratis), haben zirka vierzig Zimmer zur Verfügung, Küchen, Keller, Böden etc. und können uns mit diesem Überfluß zu trösten suchen, für das was wir an innerer Einrichtung entbehren, ja wir können jedem Tisch und Stuhl ein eigenes Zimmer, und jedem Haferl und jedem Schüsserl seine eigene Küche anweisen, aber schließlich bleibt es doch nur so eine Zigeunerwirtschaft. Durch Wilbrandts Anwesenheit ist unser Aufenthalt hier bedeutend angenehmer geworden, und mir ist es schon ein wahrer Trost, noch eine befreundete Menschenseele im Hause zu wissen; übrigens wohnen wir hübsch und ganz Frankfurt gefällt mir, auch das Leben ist unter den jetzigen Umständen natürlich sehr interessant, möchte es nur zu einem guten Ziele führen.«
In dem großen stillen Gebäude, das zum Abbruch bestimmt und deshalb schon von den Mietsleuten verlassen war, vermißte Frau Brater oft schmerzlich die Kinder, aber sie schreibt ihnen: »Da dies alles dem Herzog zuliebe geschieht, so muß man eben zufrieden damit sein; der Vater ist auch schon recht gut Freund mit ihm geworden und hat erst in der vorigen Woche bei ihm zu Mittag gegessen, es waren mehrere geputzte in Frack und Uniform und Orden gekleidete Herren dabei und der Vater hatte nur einen alten Reiserock an, das muß recht schön ausgesehen haben.« – Es war der erste briefliche Verkehr mit ihren Kindern und doch schon ein kleiner Ersatz für den persönlichen, da die beiden Mädchen nun über das Alter der nichtssagenden Kinderbriefe hinaus waren und auch Worte fanden, um ihre Empfindungen auszusprechen. Die Mutter verstand es gut, durch ihre Briefe die Kinder zum Aussprechen anzuregen und manches hervorzulocken, was sie vielleicht bei mündlichem Verkehr in Befangenheit unterdrückt hätten. An Anna schreibt sie zu deren dreizehnten Geburtstag:
Liebe Anna!
Dies ist also der erste Geburtstag, den wir nicht miteinander feiern, aber ich denke, Du wirst deshalb doch ebenso vergnügt sein und weißt auch, daß unsere guten Wünsche und unser treues Andenken sich durch so einige elende Bahnstunden nicht abhalten lassen, zu Dir zu kommen, sondern wir werden den Tag in Gedanken mit Dir feiern und wenn Ihr recht acht gebt, so ist mir’s fast, als müßtet Ihr spüren, wie oft wir einen Besuch bei Euch, Ihr lieben Kinder, abstatten. Du wirst Dir für dieses neue Lebensjahr gewiß wieder manchen guten Vorsatz gefaßt haben oder es wenigstens tun, wenn man Dich daran erinnert, denn man muß immer und unermüdlich wieder von neuem anfangen, an sich zu arbeiten, es ist gar schwer, sich etwas abzugewöhnen, besonders wenn man es nun einmal wie Du schon dreizehn Jahre mit sich herumgetragen hat; nicht wahr, Du hast es schon erfahren, wie man achtgeben muß, um seinen guten Vorsätzen nicht untreu zu werden? –
Ich bin gar begierig, liebe Kinder, wenn wir wieder beisammen sein werden, ob ich mich über Eure Fortschritte freuen kann.
Die Geschenke, die Du diesmal von uns erhältst, zeichnen sich mehr durch ihre Nützlichkeit als durch Schönheit aus, ein paar alte Röcke, ein paar Hemden etc. Indes ist der weiße Unterrock doch noch sehr schön und wenn er nicht aus meinem Besitz stammte, so hättest Du wohl kaum einen so schönen bekommen. Am Reifrock hast Du oben am Bund die Fältchen nach Bedarf noch fest zu nähe..... Deine Geburtstagswünsche hast Du wohl bedacht außen auf den Brief geschrieben, wohl in der Meinung, daß, wenn die Eltern Dir dieselben nicht erfüllen, irgend ein Thurn- und Taxisischer Postbeamter Erbarmen haben solle, statt dessen hat Herr Wilbrandt Deinen Herzogswunsch beherzigt und schickt Dir nun die Photographie (des Herzogs) mitsamt dem netten Rähmchen und vielen schönen Glückwünschen, ich habe ihm aber gesagt, es sei schrecklich, wie er meine Kinder verwöhne. Die kleine Broschüre, die Dir der Vater schickt, hat Herr W. im Auftrag vom Vater geschrieben, ich denke, Ihr werdet sie gut verstehen und dann die schleswig-holsteinische Sache erst recht gut begreifen; ich lege noch einige Exemplare bei, die Du den Bekannten bringen kannst, gegen Bezahlung natürlich, denn es geht ja in die schleswig-holsteinische Kasse. Es kostet dreieinhalb Kreuzer, man darf Dir aber auch sechs dafür geben. Von diesem Schriftchen sind nun bereits zwanzigtausend Exemplare auf Bestellung verschickt und ungefähr weitere zwanzigtausend bestellt. Wie viel das aber Mühe und Kopfzerbrechen gekostet hat, die Sache so zu verbreiten, das sieht ihr kein Mensch an, und viel Geld an Porto ist hineingesteckt worden, wenn nur dadurch die Herzen zum Guten gelenkt werden. Manche Tage geht es bei uns von früh bis abends geschäftig her, so daß kein Fertigwerden ist, und wenn Ihr hier wäret, müßtet Ihr wohl auch oft fest am Schreibtisch sitzen, nicht gerade zum Schreiben, aber z. B. es müssen so schnell als möglich eintausendfünfhundert Stück gedruckte Briefe je einzeln mit Kreuzband, Marke und Adresse versehen werden, wie lang meint Ihr, daß daran drei Menschen (der Schreiber, der Auslaufer und im Notfall ich) zu tun haben? Man braucht schon eine Zeit, nur um die Kreuzermarken zu schneiden. Derartige Arbeit hat uns die kleine Schrift viel gemacht und so geht es die ganze Zeit her, bald mit diesem, bald mit jenem.....«
Einen scherzhaften Glückwunsch, den Brater zum gleichen Geburtstag schrieb, möchten wir anführen, zum Zeichen wie weit entfernt im Jahre 1864 auch die Optimisten unter den Deutschen noch davon waren, die Einigung ihres Vaterlandes nahe zu wähnen. Brater schreibt seinen Glückwunsch auf ein gedrucktes Formular, das für Mitteilungen der geschäftsleitenden Kommission der schleswig-holsteinischen Sache bestimmt war, und redet als deren Geschäftsführer seine Tochter an. Nach feierlicher Einleitung kommt folgender Glückwunsch: »Mögen Sie wohlbehalten so viele Jahre erleben, als von heute an bis zu dem gesegneten Tag verstreichen werden, wo unser deutsches Vaterland unter einen Hut gebracht und seinem großen Elend ein Ende gemacht ist. Möge Ihnen die lange Zwischenzeit durch eine frohe und fromme Jugend und durch ein heiteres Alter verschönert werden. Mögen Sie Ihren würdigen Eltern und unvergleichlichen Tanten allezeit zur Ehre und Freude gereichen sowie auch durch einen friedfertigen und einträchtigen Verkehr mit jüngeren Geschwistern den letzten Wunsch erfüllen, welchen sich mit geziemender Hochachtung anzudeuten erlaubt haben.
Namens der geschäftsleitenden Kommission:
| Der Vorsitzende verhindert |
Der Geschäftsführer Brater. |
Der »Geschäftsführer« ahnte nicht, daß er damit der Geburtsträgerin nur noch sechs glückliche Jahre wünschte!
Für Brater ergaben sich mancherlei Geschäftsreisen in diesem Frühjahr und oft wurde es für die zurückbleibende Gattin fast unheimlich in dem verlassenen Haus. Sie erzählte später manchmal, daß sie mit einem gewissen Unbehagen an den vielen verschlossenen Türen vorbei die stillen Treppen hinaufgegangen sei. Unter diesen Umständen war es für sie eine doppelte Freude, als sich Wilbrandt bereit erklärte, nach Frankfurt zu kommen und sich an den Arbeiten zu beteiligen. Freilich beschäftigte ihn schon damals sein großer erster Roman und man sah es voraus, daß der Dichter in ihm bald den Juristen und Politiker in den Hintergrund drängen würde. Aber doch lieh er seine Kraft und seine gewandte Feder der Arbeit, die überdies nichts weniger als trocken politisch war, da sie mit Begeisterung aufgefaßt wurde. Die gemeinsamen Münchner Erinnerungen und Beziehungen verbanden in dem ihnen fremden Frankfurt Wilbrandt noch näher mit der Familie Brater und der sich entwickelnde, mit seinem Talent ringende junge Dichter sprach sich vertrauensvoll aus gegenüber der zehn Jahre älteren Frau, ließ sich in düsteren Stimmungen gern von ihr erheitern und brachte ihr dagegen in manche einsame Stunde geistige Anregung. – Aus dieser Frankfurter Zeit datiert auch die Freundschaft mit der Familie Nagel. Als Mitarbeiter an der Süddeutschen Zeitung und politischer Gesinnungsgenosse wurde Nagel von Brater hochgeschätzt und die Beziehungen zu diesem Mann gewannen in späteren Jahren Bedeutung für Frau Brater.
Bis in den Sommer hinein verlängerte sich der Frankfurter Aufenthalt. Frau Brater schreibt darüber an ihre Jugendfreundin Frau v. Breuls geb. Kopp: »Wir sind die erste Woche des Juli jedenfalls noch hier, aber dann hoffen wir, unser Ziel erreicht zu haben. Nicht als ob wir dächten, die schleswig-holsteinische Sache, die meinen Mann hierher gerufen hat, werde bis dorthin ihren gewünschten Abschluß gefunden haben, aber wir hoffen auf einen Ersatzmann in die hiesige Werkstatt und werden dann mit tausend Freuden der Heimat und unsern Kindern zueilen. Diese sind einstweilen mit meiner Schwägerin Luise schon in Erlangen, denn daß wir dorthin umgezogen sind, wirst Du wissen, nur führen wir immer ein so unruhiges Wanderleben, daß ein anderer nie recht wissen kann, wo wir eigentlich zu Hause sind. Wenn wir einmal dort recht festsitzen, müßt Ihr Schwestern uns besuchen, damit wir an Ort und Stelle der alten Zeit gedenken können, der Kindheit, dieser harmlos glücklichen Zeit, und unserer guten Mütter. Dieses Erlangen ist mir oft so öde und ausgestorben erschienen, von meinen früheren Freunden ist gar niemand mehr dort und auf den Straßen lauter fremde Gesichter, die mir wie Eindringlinge in mein Eigentum erscheinen, doch freut es mich, daß meine Kinder nun auch dort heimisch werden und in der Kirche auf den Bänkchen sitzen, wo ihre Mutter die Predigt hörte, wenn sie nicht gerade mit ihrer Nachbarin zu schwätzen hatte, übrigens sind meine Kinder viel aufmerksamer und eifriger im Lernen als ich war, ja sie sind so fleißig, daß ich oft gar nicht begreife, wie ich zu solchen Kindern gekommen bin, denn mir hatte jede Unterrichtsstunde nur den Zweck, möglichst viel Dummheiten zu machen, und die gelungenste war immer die, in der sich auch die Mitschülerinnen zu meinen Nichtsnutzigkeiten hatten verleiten lassen.
Wenn uns, was ich recht sehnlich hoffe, diesen Winter kein Landtag nach München ruft, so wird Anna im Frühjahr in unserer Kirche konfirmiert, auch Agnes kann mit konfirmiert werden, doch ist sie noch sehr jung und ich will es auf sie selbst ankommen lassen, ob sie nicht lieber noch einmal den Präparandenunterricht nehmen will.« ....
Die Frankfurter Zeit ging zu Ende. Brater schreibt an seine Schwester Julie:
»Von unserem Leben, das in seiner Art auch ein einsames ist, – soweit davon die Rede sein kann bei einem täglichen Verkehr mit halb Deutschland und bei zwei dreistündigen Sitzungen wöchentlich – hat Dir P. einiges berichtet. Die neueste Frucht meiner hiesigen Studien findest Du in der kleinen Druckschrift, die ich nebst einigem Zubehör unter Kreuzband mitgehen lasse«. (Zusammenstellung der Teilnehmer des Nationalvereins.) »Man sieht ihr nicht an, was es doch gekostet hat, diese 1300 Namen unter eine Haube zu bringen. Fragt man nach dem Erfolg solcher Anstrengungen, so erscheint jeder einzelne verschwindend klein und doch ist die Gesamtwirkung nicht zu verachten. Jedermann muß dies begreifen, wenn er sich fragt, was aus unserer Sache geworden wäre, wenn wir – das Volk – diese fünf Monate hindurch die Hände in den Schoß gelegt hätten. Nebenbei sind diese gemeinsamen Operationen eine gute Vorschule der politischen Einheit, der wir ja doch entgegen gehen.
Indes habe ich nun vorerst mein Teil getan und in sechs bis acht Wochen soll, wie Du weißt, unser hiesiges Zelt abgebrochen werden. Die Meinung ist allerdings, es dann wieder in Erlangen aufzuschlagen, nur rechne ich auf nichts mehr, nachdem ich mich so oft verrechnet habe. Eigentlich müßte jetzt mit aller Macht an einem neuen Lebensplan gearbeitet werden, denn wenn kein Wunder geschieht wird am letzten Juni die Süddeutsche Zeitung ihren Athem aushauchen. Da wir jedoch in einer wunderbaren Zeit leben, so bitte ich Dich, diese Neuigkeit einstweilen als ein Geheimnis zu behandeln. Jedenfalls bin ich so sehr daran gewöhnt, mir von der Vorsehung ohne viel eigenes Zutun meinen Platz anweisen zu lassen, daß ich mit sträflichem Leichtsinn die Zukunft erwarte, was sie mir etwa neues bescheren wird.«
In derselben Zeit schreibt er an Ernst Rohmer: »So viel ist mir jetzt vollends klar geworden, daß ich nur die Wahl habe, mich der Politik ganz zu ergeben, oder mich ganz von ihr zurückzuziehen. Wer den Mittelweg einhalten will, muß ein Amt oder ein Handwerk betreiben, auf das er sich beziehen kann, sobald man ihm mit zu weit reichenden Anforderungen kommt. In der letzten Zeit, nach dem Tod des Königs (Max II.), habe ich wohl daran gedacht, daß man mir jetzt die Zulassung zur Advokatur nicht mehr verweigern würde, aber ich fürchte mich vor dem Handwerk und die Bewerbung wäre der sauerste Entschluß meines Lebens.« Die Notwendigkeit, diesen Entschluß zu fassen, trat nie ein, es ergab sich immer Arbeit mehr als genug und es wäre wohl in jeder politisch bewegten Zeit von Wert, wenn hervorragende Kräfte »frei zum Dienste« bereit stünden.
Im Sommer wurde Frau Braters sehnlicher Wunsch, nach Erlangen und zu ihren Kindern zurückzukehren, erfüllt; mit Freude und Jubel wurden die Eltern nach fast dreivierteljähriger Trennung von den beiden Mädchen empfangen, die schon einige Monate vorher mit ihrer Tante Luise Brater dort eingetroffen waren und von dieser treuen Erzieherin auch noch weiter unterrichtet wurden.
In den nun folgenden Jahren ergab sich durch den Landtag und dessen Ausschüsse ein häufiger Wechsel des Aufenthaltes zwischen Erlangen und München, was nicht zur Annehmlichkeit des Lebens beitrug. Kam die Familie nach München, so war nie vorauszusehen ob für lange oder kurze Zeit. Deshalb wurden immer nur möblierte Zimmer genommen und um die Sache möglichst billig einzurichten, beschränkte man sich aufs äußerste, mietete z. B. oft nur drei Betten und für die vierte Person, die jüngste, die sich eines sehr guten Schlafes erfreute, wurde aus diesem und jenem Bettstück auf dem Boden ein Lager bereitet.
So ergaben sich in den möblierten Wohnungen allerlei Nachteile. Einst hatte sich die Familie eben erst eingemietet, und zwar bei einer adeligen Dame, einer Gräfin, als morgens vor dem Haus ein Wagen hielt und der Gerichtsvollzieher mit einigen Dienstleuten kam, um die Möbel abzuholen, die, wie sich herausstellte, alle verpfändet waren. In theatralischer Weise fiel die Gräfin auf die Kniee vor ihrem Mietsmann und beschwor ihn, für sie einzutreten. Die Vorstellungen Braters, daß er als Landtagsabgeordneter unmöglich so kurzer Hand auf die Straße gesetzt werden könne, vermochten endlich den Gerichtsvollzieher wieder abzuziehen und die Angelegenheit wurde irgendwie geordnet, doch vergriff sich die Gräfin in ihrer Not noch an Hab und Gut der Mietsleute und es war nicht möglich, lange da zu verweilen.
In jenen Jahren wurde Frau Brater im Ausziehen und Einrichten so gewandt wie ein Packer von Fach und ihr Geschick, mit einem Mindestmaß von Besitz auszukommen und Behagen zu schaffen, erregte oft das Staunen solcher Abgeordneter, die nie den Luxus wagten, mit Frau und Kind zum Landtage zu kommen, trotzdem sie vielfach in besseren Verhältnissen waren. Es gehörte auch Frau Braters ganze Unbefangenheit dazu, mit ruhiger Selbstverständlichkeit Leute aus vornehmen und luxuriösen Kreisen in ihren einfachen Räumen zu empfangen. Buhl, den man den Pfälzer Nabob nannte, Baron von Stauffenberg von seinem Schloß kommend, sie und viele andere Gesinnungsgenossen fanden sich oft abends ein, da Brater seines Hustens wegen an den Klubbesprechungen nimmer teilnehmen konnte. Solchen Gästen gegenüber gab die Hausfrau wohl die Erklärung für die einfache Ausstattung, aber keine Entschuldigung, sie scherzte über die mangelhafte Einrichtung, sie verhüllte sie nicht. Wenn so die wandernde Familie immer wieder mit Beginn des Landtages erschien und den Verkehr mit den nächsten Freunden wieder aufnahm, so waren unter diesen auch solche, die etwas zur Eleganz von Braters Wohnung beitrugen. Die Tochter Bluntschlis, Frau Hecker, sandte für die Saison einige ihrer Bilder zum Wandschmuck und wäre jederzeit zu allen Opfern bereit gewesen, wenn die Freundin darauf eingegangen wäre.
Die pekuniären Verhältnisse waren in diesen Jahren oft ungünstig. Pauline äußerte einmal ihrer Schwägerin gegenüber, daß ihr Mann sich bei seinem zunehmenden Leiden darüber manchmal Sorge mache und sie fügte hinzu: »Ich aber gar nicht, denn wir können nicht mehr sparen.« Dies bezeichnet ihre Stellung zur Geldfrage: Das Möglichste tun, dann aber nicht sorgen.
Kehrte man nach monatelangem Aufenthalt aus den Münchener möblierten Wohnungen nach Erlangen zurück, so fand man dort zwar die eigenen Möbel, wurde auch vom Bruder Hans mit rührender Freude empfangen, aber immer größer wurde die Schwierigkeit, in die Haushaltung einzugreifen, die eine mehr und mehr empfindliche Haushälterin ohne Einmischung weiterführen wollte, und je älter die Kinder wurden, um so weniger war es möglich, auf den Ton einzugehen, mit dem die Wohlmeinende, aber nur Halbgebildete ihre Pflegebefohlenen leitete. Der Grundsatz, das Ideal ihrer Erziehung war: nur nach außen keinen Anstoß erregen, und das dritte Wort: »Was sagen die Leut!« Verfing das nicht mehr bei den Kindern, so suchte sie ihre Autorität zu stützen durch die Drohung: »Wartet nur, wenn die Tante kommt!« Auf diese Weise zerstörte sie, zwar nicht in schlechter Absicht, aber im Unverstande das Vertrauen der Kinder und da sich tatsächlich jedesmal Mißbräuche eingeschlichen hatten, die abgestellt werden mußten, so brauchte es immer längere Zeit, bis die Liebe der Kinder wieder gewonnen war. Dabei mußte die immerhin unentbehrliche Haushälterin ihrer großen Empfindlichkeit wegen mit einer Schonung und Vorsicht behandelt werden, die einer so unmittelbaren Persönlichkeit wie Frau Brater von Natur nicht gegeben war.
Manchmal seufzte sie in jener Zeit: »Das schwerste Kunststück für den Menschen ist, mit den Menschen auszukommen!« Sie bemühte sich aber redlich, es zustande zu bringen, und ihres Bruders Dankbarkeit war ihr Lohn. Ihre zeitweilige Anwesenheit ermöglichte es ihm doch, in dieser Weise den Hausstand fortzuführen, und ihm war alles recht, was ihm den Gedanken an die Notwendigkeit einer zweiten Ehe fernhielt, denn sein ganzes Herz gehörte noch seiner ersten Liebe. In großer Selbstlosigkeit schickten sich die beiden Männer in die kleinen unvermeidlichen Nachteile, die der gemeinsame Haushalt mit sich brachte, auch die Kinder schlossen sich in geschwisterlichem Verhältnis zusammen, aber das Haus selbst, nördlich gelegen, war kein günstiger Aufenthalt für einen Brustleidenden, und Husten und Atemnot mehrten sich.
So wurde im Jahre 1866 für das Sommerhalbjahr ein Aufenthalt ausfindig gemacht, der klimatisch günstiger war und doch keine vollständige Trennung nötig machte. Eine halbe Stunde von der Stadtwohnung entfernt, auf dem Burgberge, lag das sogenannte Palmshäuschen, ein kleiner grauer Sandsteinbau mitten in großem Garten. Nur drei Zimmerchen waren als Sommerwohnung ausgebaut und die standen leer. In diesem Häuschen hatte sich der Nürnberger Buchhändler Palm verborgen gehalten, der im Jahre 1806 wegen der Verbreitung der Schrift: »Deutschland in seiner tiefen Erniedrigung« auf Befehl Napoleons standrechtlich erschossen wurde. Kaum hatte die Familie Brater dieses stille Landhäuschen bezogen, als – wegen des drohenden Krieges – im Frühjahr 1866 der Landtag einberufen wurde. So mußte Brater auf unbestimmte Zeit nach München und Frau und Kinder im Palmshäuschen zurücklassen. Pauline schildert diesen Aufenthalt den Württemberger Verwandten:
... »Wir haben in unserm Gartenhäuschen anfangs vor allem andern den Ofen schätzen lernen, da wir noch am 23. Mai die prächtig grünen Bäume im dicken, dicken Schneegestöber sehen mußten. Übrigens ist der Schnee wenigstens nicht liegen geblieben und in unserem Garten erfroren auch erst in der letzten Nacht der kalten Zeit die Bohnen und einiges andere, was meiner Agnes besonders ein wahrer Schmerz war, denn sie beteiligt sich mit großer Vorliebe an der Gartenarbeit und sieht jedes Pflänzchen mit wahrer Mutterliebe wachsen und gedeihen. Wir waren schon sehr glücklich in unserer ländlichen Wirtschaft und Behausung, allein seit mein Mann fort ist, ist natürlich auch mir die Freude halb genommen, ja wenn ich nur gewiß wüßte, daß er in kurzer Zeit wiederkommt, so wollte ich mich ruhig in dies kleine Mißgeschick fügen als in ein Bruchteil der allgemeinen Not. Allein wenn ich denke, der Landtag könnte sich in die Länge ziehen und der Sommer meinem Mann erneute Anstrengung statt Erholung bringen, dann wird’s mir ganz verzweiflungsvoll zumute. Ich habe indes noch keinen Grund dies zu fürchten, mein Mann hielt es für möglich, daß der Landtag mit vier Wochen zu Ende gehen werde. – Während nun die Herren in München und in ganz Deutschland sich mit Kriegsgedanken und Rüstungen abgeben, sitzen wir hier in unserer kleinen Burg in einer Stille und Einsamkeit, daß man denken könnte, es gäbe gar keine wichtigeren Dinge auf der Welt, als Gemüse und Salat pflanzen. Für meinen Mann könnte ich mir kein passenderes Plätzchen wünschen, es ist so ruhig, alles grün um uns, der Wald ganz nahe, so daß sich sogar der Kuckuck schon auf unseren Bäumen hören und sehen ließ, der erste, den ich in meinem Leben sah, und Hasen sind uns ganz gewöhnliche Gäste. Auch mir tut diese Stille nach dem unruhigen Winter recht wohl und wie wird man den inneren Frieden erst wieder genießen, wenn er von außen her wieder befestigt ist! Ich halte noch immer an der Hoffnung, daß der Krieg vermieden wird...
Meinen Geschwistern geht es gut... Einen Abend in der Woche kommen die Brüder bei uns zusammen, wo es dann immer ziemlich lebhaft, in diesem Augenblick aber fast übermäßig lebhaft zugeht, denn Hans und Siegfried sind politisch verschiedener Richtung und da könnte jemand, der sich nicht auskennt, leicht meinen, sie möchten sich einander umbringen, aber es nimmt doch immer ein freundschaftliches Ende und meine Kinder freuen sich immer schon im voraus auf den Spektakel...«
Vierzehn Tage später (am 18. Juni) schreibt sie an ihre Schwägerin Emilie Schunck: »Inzwischen sind die Friedenshoffnungen nach und nach verschwunden, und bis der Brief zu Dir kommt, wird wohl der Krieg ausgebrochen sein! Das Empörendste an der Sache ist doch immer das, daß hier ein Krieg geführt wird, den auf beiden Seiten das ganze Volk nicht will, – was sind denn das für Einrichtungen und was für Menschen, die sich soweit treiben lassen zu tun, was sie verabscheuen? Und was kann man sich von ihnen dann noch weiter erwarten und zu was alles werden sie sich noch hergeben und verurteilen lassen? Wahrlich, in solchen Zeiten sind wir Frauen besser daran, die wir mit gutem Gewissen unsere Gedanken von diesen kläglichen Zuständen abwenden können, während die Männer, die das Ganze ausmachen, und jeder ein Teil desselben ist, Arbeit und Verantwortung auf sich haben. Leider sind diejenigen, die ihre Schuldigkeit tun, immer zugleich auch die, die das Elend am tiefsten empfinden..... Aus der Zeitung hast Du vielleicht ersehen, daß der Landtag bei uns zu Ende geht, ja wenn nichts Besonderes dazwischen kommt, wird Karl in dieser Woche noch zurückkehren. Mit welcher Ungeduld ich diesen Zeitpunkt erwartet habe, kann ich Dir kaum sagen, Du weißt ja, daß wir hier auf dem Berg wohnen in einem herrlichen, ruhigen Nest, das für Karl gewiß ein recht wohltätiger Aufenthalt wird, ach, und er braucht den Sommer so notwendig zu seiner Erholung, so daß ich eigentlich in einer beständigen Aufregung war um jeden Tag, den er in München zubrachte, und ich bin nicht völlig ruhig, bis er wirklich und leibhaftig wieder hier ist. Er schreibt, daß sich sein Befinden in München wenigstens nicht verschlimmert habe, das ist viel, aber immerhin bessert es sich eben auch gar langsam und von unserem ohnedies kurzen Sommer sind nun schon viele Wochen ungenützt verstrichen...«
Als der Ersehnte endlich zurückkam, fand Pauline sein Befinden merklich verschlimmert und es erwies sich als eine große Wohltat, daß auch er nun in der stillen, ländlichen Wohnung Ruhe fand. Unten in der Stadt erreichte die Aufregung ihren Höhepunkt, als ein Gefecht in nächster Nähe erwartet wurde. Auch waren die österreichisch gesinnten Elemente der Bevölkerung aufgehetzt und Brater, der Bismarcks Bedeutung längst erkannt und offen hervorgehoben hatte, erfuhr, daß der Pöbel gewillt war, ihm »seine preußischen Fenster« einzuwerfen. Aber mit Eintritt des Waffenstillstandes verlief sich rasch die Erregung und das Jahr 1866 wurde in Beziehung auf die Feindseligkeiten gegen Brater ein Wendepunkt. Nachdem die Ereignisse ihm Recht gegeben, verlor die Feindschaft mehr und mehr ihren Stachel und immer weitere Kreise gingen vom engherzigen Partikularismus zu nationaler Gesinnung über.
Im Herbste des Jahres 1866 tauchte der Plan auf, daß für Braters Gesundheit eine richtige Kur unternommen werden sollte, ein Winteraufenthalt im Süden wurde ihm geraten. Ein solcher machte aber eine Beurlaubung von der Ständekammer, ein Aussetzen seiner meisten Arbeiten nötig und davor bangte Pauline; von da an, meinte sie, wird er erst empfinden, daß er krank ist, bis jetzt ließ die Arbeit ihn nicht zu diesem Bewußtsein kommen und wie groß mußte nach solchen Opfern seine Enttäuschung sein, wenn etwa der Erfolg doch ausblieb! So wurde hin und her beraten, bis Brater in seiner ruhigen, sachlichen Weise seinem Arzte, Prof. Herz in Erlangen, klare Fragen vorlegte, deren Beantwortung den Entscheid gaben. Er schreibt darüber an Ernst Rohmer: