»Ja,« sagte Arthur und stand auf.

In diesem Augenblick wies er auf d'Aiglemont, der sein Kind im Arm hielt und von der andern Seite auf der Balustrade des Schlosses erschien. Er war durch einen Hohlweg geklettert, um hier seine Helene herabspringen zu lassen.

»Julie, ich werde von meiner Liebe kein Wort zu Ihnen sprechen – unsere Seelen verstehen sich zu gut. So tief, so geheim meine Herzensfreuden auch waren, Sie haben sie geteilt, alle. Ich fühle es, ich weiß es, ich sehe es. Jetzt erhalte ich den köstlichen Beweis für den beständigen Einklang unserer Herzen – aber ich werde fliehen. Ich habe schon mehrmals mit zuviel Besonnenheit ausgeklügelt, wie man diesen Menschen umbringen könnte, um auf die Dauer der Versuchung zu widerstehen – deshalb darf ich nicht in Ihrer Nähe bleiben.«

»Ich habe denselben Gedanken gehabt,« sagte sie und ließ auf ihrem erregten Gesicht die Spuren einer schmerzlichen Bestürzung erscheinen.

Aber es lag so viel Tugend, so viel Sicherheit in sich selbst, so viel von heimlichem Siegen über die Liebe in den Worten und der Gebärde, die Julie entschlüpft waren, daß Lord Grenville von tiefer Bewunderung durchdrungen war. Selbst das Verbrechen hatte in diesem naiven Gewissen keinen Schatten zurückgelassen. Das religiöse Empfinden, das auf dieser schönen Stirn thronte, mußte stets die schlechten Gedanken dieser Art verscheuchen, die unsere unvollkommene Natur wider unsern Willen erzeugt und die uns zu gleicher Zeit die Größe und die Gefahren unsers Schicksals offenbaren.

»Ich hätte mich dann Ihrer Verachtung ausgesetzt, und doch würde es meine Rettung gewesen sein,« fuhr sie fort, die Augen niederschlagend. »Ihre Achtung verlieren, hieße das nicht sterben?«

Dieses heldenmütige Liebespaar stand einen Augenblick schweigend da, bemüht, den Schmerz zurückzudrängen. Ob gut, ob schlecht, ihre Gedanken waren getreulich die gleichen, und sie verstanden sich in ihrer innerlichen Wonne ebensogut, wie in ihren verborgensten Schmerzen.

»Ich darf nicht murren, das Unglück meines Daseins ist mein eigenes Werk,« setzte sie hinzu, die tränenvollen Augen zum Himmel aufschlagend.

»Mylord,« rief der General von seinem Platz aus, mit einer Handbewegung, »an dieser Stelle sind wir uns ja zum erstenmal begegnet. Sie erinnern sich vielleicht nicht? Sehen Sie nur – dort unten – bei den Pappeln!«

Der Engländer antwortete mit einem kurzen Kopfnicken.

»Ich sollte jung und unglücklich sterben,« fuhr Julie fort. »Ja, glauben Sie nicht, daß ich am Leben bleibe. Der Kummer wird ebenso tödlich sein, wie die schreckliche Krankheit es hätte werden können, von der Sie mich geheilt haben. Ich halte mich nicht für sündig. Nein, die Gefühle, die ich für Sie gehegt habe, sind unwiderstehlich, ewig – aber sie regen sich gegen meinen Willen, und ich will tugendhaft bleiben. Ich werde zu gleicher Zeit meinem Gewissen als Gattin, meinen Pflichten als Mutter und der Stimme meines Herzens treu bleiben. Hören Sie mich an,« setzte sie mit veränderter Stimme hinzu, »diesem Manne dort werde ich nie mehr angehören.«

Und mit einer Gebärde, die in ihrem Abscheu und ihrer Aufrichtigkeit erschreckend war, wies Julie auf ihren Mann.

»Die Gesetze der Welt,« fuhr sie fort, »verlangen von mir, daß ich ihm das Leben glücklich mache – ich werde dem gehorchen. Ich werde seine Dienerin sein; meine Ergebenheit gegen ihn wird ohne Grenzen sein, aber von heute ab bin ich Witwe. Ich will weder vor mir selbst noch vor der Welt eine Prostituierte sein. Wenn ich Herrn d'Aiglemont nicht mehr gehöre, so auch niemals einem andern. Sie werden von mir nichts weiter besitzen, als was Sie mir entrissen haben. Dies ist das Urteil, das ich über mich selbst ausgesprochen habe,« sagte sie, Arthur mit Stolz anblickend. »Es ist unwiderruflich, Mylord. Erfahren Sie noch, wenn Sie einem verbrecherischen Gedanken nachgäben, so würde die Witwe des Herrn d'Aiglemont in ein Kloster gehen, in Italien oder in Spanien. Das Unglück hat gewollt, wir sollten von unserer Liebe sprechen. Diese Geständnisse waren vielleicht unvermeidlich; aber es soll das letztemal sein, daß unsere Herzen so heftig erschüttert wurden. Morgen werden Sie vorgeben, einen Brief erhalten zu haben, der Sie nach England ruft, und wir werden scheiden, um einander nie wiederzusehen.«

Erschöpft von dieser Anstrengung, fühlte Julie, daß ihre Knie brachen – eine tödliche Kälte ergriff sie. Doch sie hatte den echt weiblichen Einfall, sich rasch hinzusetzen, um nicht in Arthurs Arme zu fallen.

»Julie!« rief Lord Grenville.

Dieser durchdringende Schrei hallte wider wie ein Donnerschlag. Dieser herzzerreißende Aufschrei drückte alles aus, was der bisher stumme Liebende nicht hatte sagen können.

»Nun, was hat sie denn?« fragte der General.

Als der Marquis den Schrei hörte, war er schnell herzugeschritten und stand jetzt plötzlich vor dem Liebespaar.

»Es wird nichts weiter sein,« sagte Julie mit der bewundernswerten Kaltblütigkeit, die die Frauen dank ihrer natürlichen Schlauheit bei den großen Krisen des Lebens oft an den Tag legen. »Die Kühle unter diesem Nußbaum hat mir fast eine Ohnmacht verursacht, und mein Doktor ist wohl heftig darüber erschrocken. Bin ich für ihn nicht sozusagen ein Kunstwerk, das noch nicht ganz fertig ist? Er hat vielleicht Angst gehabt, es zerstört zu sehen.«

Sie nahm keck Lord Grenvilles Arm, lächelte ihrem Manne zu, blickte noch einmal über die Landschaft hin, ehe sie den Gipfel der Felsen verließ und zog ihren Reisegefährten an der Hand mit sich fort.

»Dies ist sicherlich die schönste Gegend, die wir gesehen haben,« sagte sie. »Ich werde sie nie vergessen. Sehen Sie nur, Victor, welche Fernen, welche weite Flächen und welche Mannigfaltigkeit! Angesichts dieses Landes begreife ich, was Liebe heißt!«

Sie stieß ein fast krampfhaftes Lachen aus, mit dem es ihr gelang, den Gatten zu täuschen, sprang lustig in den Hohlweg und verschwand.

»Ah bah, wenn schon!« sagte sie, als sie weit von Herrn d'Aiglemont entfernt war. »Ah bah! Mein Freund, in einem Augenblick werden wir nicht mehr sein können – werden wir niemals wieder wir selbst sein können – kurz, werden wir nicht mehr leben können.«

»Lassen Sie uns langsam gehn,« antwortete Lord Grenville, »die Wagen sind noch fern. Wir werden zusammen gehen, und wenn es uns erlaubt ist, Worte in unsere Blicke zu legen, so werden unsere Herzen noch einen Augenblick länger leben.«

Sie schritten in den letzten Sonnenstrahlen auf dem Damme am Rande des Wassers dahin, fast in völligem Schweigen, undeutliche Worte sprechend, die sanft und leise waren, wie das Murmeln der Loire, und doch die Seele erschütterten. Die Sonne umhüllte sie im Augenblick ihres Niedergangs mit rotem Schein – dann verschwand sie wie ein melancholisches Abbild ihrer unglücklichen Liebe. Der General war unruhig, als er seinen Wagen nicht an der Stelle fand, wo er Halt gemacht hatte, und lief bald vor dem Liebespaar her, bald folgte er hinterdrein. An der Unterhaltung beteiligte er sich nicht.

Das edle, taktvolle Verhalten, das Lord Grenville während der ganzen Reise bewahrte, hatte den Verdacht des Marquis zerstört, und seit einiger Zeit ließ er seiner Frau völlige Freiheit, im Vertrauen auf die punische Treue des Lorddoktors.

Arthur und Julie schritten noch immer in der traurigen, schmerzlichen Harmonie ihrer gebrochenen Herzen dahin. Als sie vorhin die Abhänge von Montcontour hinangestiegen waren, hatten alle beide eine unklare Hoffnung, ein unruhiges Glück gefühlt, von dem sie sich nicht Rechenschaft zu geben wagten; aber als sie nun den Damm entlang zu Tal stiegen, hatten sie das gebrechliche Gebäude umgestürzt, das sie in ihrer Phantasie aufgebaut und vor dem sie kaum zu atmen gewagt hatten, wie Kinder, die den Einsturz ihrer Kartenhäuser voraussehen. Sie waren jetzt ohne Hoffnung.

Noch an demselben Abend nahm Lord Grenville Abschied. Der letzte Blick, den er auf Julie warf, bewies leider, daß er von dem Augenblick an, wo die Sympathie ihnen die ganze Größe einer so starken Leidenschaft enthüllte, recht gehabt hatte, als er sich selbst nicht mehr traute.

Am folgenden Tage saßen Herr und Frau d'Aiglemont ohne ihren Reisegefährten im Wagen und legten rasch denselben Weg zurück, den die Marquise einst im Jahre 1814 schon gefahren war, damals noch unbekannt mit der Verehrung, deren Hartnäckigkeit sie fast verwünscht hatte. Tausend vergebene Eindrücke waren ihr jetzt erinnerlich. Das Herz hat sein Gedächtnis für sich. So unfähig eine Frau auch sein mag, sich der wichtigsten Ereignisse des Lebens zu erinnern, so wird sie doch ihr ganzes Leben lang nicht die Dinge vergessen, die mit ihren Gefühlen zusammenhängen.

So entsann sich auch Julie ganz genau selbst völlig belangloser Einzelheiten; sie sah mit Freude die nebensächlichsten Begebenheiten ihrer ersten Reise wieder vor sich, ja sie wußte wieder, was für besondere Gedanken ihr an gewissen Punkten der Reise gekommen waren.

Victor war von neuem leidenschaftlich in seine Frau verliebt, seit sie die Frische ihrer Jugend und all ihre Schönheit wiedergefunden hatte. Er schmiegte sich nach Art der Liebenden dicht an sie. Als er versuchte, sie in die Arme zu nehmen, machte sie sich sanft los und fand einen Vorwand, sich dieser unschuldigen Liebkosung zu entziehen.

Bald darauf empfand sie Abscheu vor der Berührung Victors, dessen Körperwärme sie empfand und auf sich übergehen fühlte, denn sie saßen eng nebeneinander. Sie wollte sich allein auf den Vordersitz des Wagens setzen, aber ihr Mann war so liebenswürdig, ihr den Fond zu überlassen. Sie dankte ihm für die Aufmerksamkeit mit einem Seufzer, den er falsch auffaßte. Dieser alte Schürzenjäger der Garnison legte die Melancholie seiner Frau zu seinen Gunsten aus, so daß seine Frau sich schließlich gezwungen sah, mit einer Bestimmtheit zu ihm zu reden, die ihm wohl oder übel doch imponierte.

»Mein Freund,« sagte sie zu ihm, »Sie hätten mich schon einmal beinahe umgebracht, das wissen Sie. Wenn ich noch ein junges, unerfahrenes Mädchen wäre, dann würde ich das Opfer meines Lebens noch einmal von vorn anfangen. Aber ich bin Mutter, ich habe eine Tochter zu erziehen, und ihr muß ich mich ebenso erhalten wie Ihnen. Fügen wir uns also in ein Unglück, das uns gleichermaßen betrifft. Sie sind dabei noch am wenigsten zu beklagen. Haben Sie nicht Ersatz zu finden gewußt für das, was meine Pflicht, unsere gemeinsame Ehre und vor allem die Natur mir verbieten? Jawohl,« setzte sie hinzu, »Sie haben leichtsinnigerweise in einem Schubkasten drei Briefe der Frau de Sérizy liegen lassen. Mein Schweigen beweist Ihnen, daß ich eine nachsichtige Frau bin, die von Ihnen nicht dasselbe Opfer fordert, zu dem sie durch die Gesetze verurteilt ist; aber ich habe alles reiflich bedacht und bin mir klar darüber geworden, daß unsere Rollen nicht die gleichen sind und das Unglück allein der Frau vorherbestimmt ist. Meine Tugend ruht auf festen, unerschütterlichen Grundsätzen. Ich werde ein untadelhaftes Leben zu führen wissen – aber lassen Sie mich leben.«

Der Marquis war verblüfft über diese Logik, die die Frauen aus dem hellen Buche der Liebe sich anzueignen verstehen, und die gewisse Würde, die ihnen in Krisen dieser Art natürlich ist, zwang ihn ins Joch. Der instinktive Widerwille, den Julie gegen alles bekundete, was ihre Liebe und die Stimme ihres Herzens verletzte, ist eine der schönsten Eigenschaften der Frauen und entspringt vielleicht einer natürlichen Tugend, die weder die Gesetze noch die Zivilisation zum Schweigen bringen. Wer möchte wohl deshalb die Frauen tadeln? Sind sie nicht, wenn sie das zarte Gefühl zum Schweigen bringen, das ihnen verbietet, zwei Männern anzugehören, gewissermaßen wie Prediger, die keinen Glauben haben?

Einige strenge Geister werden die Art, wie Julie sich mit ihren Pflichten und mit ihrer Liebe auseinandersetzte, tadeln – die leidenschaftlichen Seelen werden sie ihr sogar zum Verbrechen anrechnen. Diese allgemeine Mißbilligung klagt entweder das Unglück an, das auf Ungehorsam gegen die Gesetze zu folgen pflegt, oder aber traurige Unvollkommenheiten in den Einrichtungen, auf denen die europäische Gesellschaft beruht.

Zwei Jahre verstrichen. Herr und Frau d'Aiglemont führten das Leben der Leute von Welt, jeder ging seines Weges, und in den Salons fremder Leute trafen sie sich öfter als im eigenen Heim. Eine solche vornehme Scheidung ist das Ende sehr vieler Ehen in der großen Gesellschaft.

Eines Abends befanden sich die Eheleute seltsamerweise im eigenen Salon beisammen. Frau d'Aiglemont hatte eine ihrer Freundinnen zu Tisch gehabt. Der General, der sonst immer in der Stadt speiste, war zu Hause geblieben.

»Sie werden recht glücklich sein, Frau Marquise,« sagte Herr d'Aiglemont und setzte die Tasse, aus der er eben seinen Kaffee getrunken hatte, auf den Tisch.

Der Marquis sah mit halb trauriger, halb boshafter Miene Madame de Wimphen an und setzte hinzu:

»Ich fahre zu einer langen Jagd – zusammen mit dem Oberjägermeister. Sie werden mindestens acht Tage lang vollkommen Witwe sein. Das ist ja so Ihr Fall. Denk' ich wenigstens. – Wilhelm,« sagte er zu dem Diener, der die Tassen wegtrug, »lassen Sie anspannen.«

Frau de Wimphen war jene Luise, der Frau d'Aiglemont einst den Rat hatte geben wollen, unverheiratet zu bleiben. Die beiden Frauen warfen sich einen verständnisinnigen Blick zu, der bewies, daß Julie in ihrer Freundin eine Vertraute ihrer Schmerzen, eine kostbare und barmherzige Vertraute gefunden hatte; denn Madame de Wimphen war sehr glücklich verheiratet. Da sie sich in entgegengesetzter Lage befanden, bildete vielleicht das Glück der einen eine Bürgschaft dafür, daß sie sich der andern und ihres Unglücks annehmen werde. In ähnlichen Fällen ist Verschiedenheit des Schicksals fast immer ein mächtiges Freundschaftsband.

»Ist denn jetzt Jagdzeit?« fragte Julie, einen gleichgültigen Blick auf ihren Gatten werfend.

Es war Ende März.

»Madame, der Oberjägermeister jagt, wann er will und wo er will. Wir pirschen in königlichen Forsten auf Wildschweine.«

»Sehen Sie sich vor, daß Ihnen nichts passiert.«

»Das kann man nie wissen,« antwortete er lächelnd.

»Der Wagen des gnädigen Herrn ist bereit,« meldete Wilhelm.

Der General erhob sich, küßte Frau de Wimphen die Hand und wandte sich zu Julie.

»Madame, wenn ich nun einem Eber zum Opfer falle!« sagte er in bittendem Tone.

»Was bedeutet denn das?« fragte Frau de Wimphen.

»Nun, kommen Sie,« sagte Frau d'Aiglemont zu Victor.

Dann lächelte sie Luise zu, als wollte sie sagen: »Du wirst sehen.«

Julie hielt ihrem Manne den Nacken hin, und er trat herzu, sie zu küssen. Da bückte sich aber die Marquise so tief, daß der eheliche Kuß sich in der Rüsche ihres Kragens verlor.

»Sie werden es vor Gott bezeugen,« sagte der Marquis, sich an Frau de Wimphen wendend, »ein königlicher Befehl mußte mich erst abrufen, damit ich einmal diese flüchtige Gunst erlange. Und das heißt bei meiner Frau Liebe. So weit hat sie mich gebracht – ich weiß nicht, durch welche Kunstgriffe … Viel Vergnügen!«

Und er ging hinaus.

»Aber dein armer Mann ist wirklich ganz nett,« rief Luise, als die beiden Frauen allein waren. »Er liebt dich.«

»O, sprich keine Silbe mehr nach diesem letzten Wort. Der Name, den ich trage, ist mir ein Greuel.«

»Aber Victor gehorcht dir doch aufs Wort,« sagte Luise.

»Sein Gehorsam,« antwortete Julie, »beruht zum Teil auf der hohen Achtung, die ich ihm eingeflößt habe. Ich bin eine sehr tugendhafte Frau, im Sinne des Gesetzes. Ich mache ihm seine Behausung angenehm, ich drücke, was seine Liebeshändel anbetrifft, ein Auge zu, ich mache keine Schulden auf sein Vermögen, er kann seine Zinsen nach Belieben verprassen; meine Sorge ist nur darauf gerichtet, daß das Kapital unangetastet bleibt. Zu diesen Bedingungen habe ich den Frieden. Mein Leben kann er sich nicht erklären, oder er will sich's nicht erklären. Aber wenn ich in dieser Weise meinen Gatten am Gängelbande habe, so muß ich deswegen doch die Wirkungen seines Charakters fürchten. Ich bin wie ein Bärenführer, der beständig Angst hat, daß eines Tages der Maulkorb reißen könnte. Wenn Victor sich einmal für berechtigt hielte, mich nicht mehr zu achten, so wage ich mir gar nicht auszumalen, was geschehen könnte; denn er ist jähzornig – voll Eigenliebe – und vor allem sehr eitel. Sein Geist ist nicht zart und fein genug, um in einer heiklen Angelegenheit sich klug zu verhalten, sobald seine schlimmen Leidenschaften dabei im Spiele sind – er ist von schwachem Charakter und würde mich vorsätzlich kränken, um morgen vor Gram zu sterben. Ein solches Verhängnis wäre freilich ein Glück – aber es ist eigentlich leider nicht zu befürchten.«

Ein Weilchen schwiegen die beiden Freundinnen – ihre Gedanken galten den geheimen Ursachen dieser Lage.

»Der Gehorsam gegen meine Wünsche ist sogar bis zur Grausamkeit getrieben worden,« fuhr Julie fort, einen verständnisinnigen Blick auf Luise richtend. »Und doch hatte ich ihm nicht verboten, an mich zu schreiben. Ach ja! Er hat mich vergessen, und er hatte recht. Es wäre ein zu großes Unheil gewesen, wenn auch sein Lebensschiff hätte zerschellen müssen. Ist's nicht an dem meinen genug? Glaubst du, meine Liebe, ich lese die englischen Zeitungen, in der einzigen Hoffnung, seinen Namen gedruckt zu finden. Nun, er ist noch nicht im Oberhaus erschienen.«

»Also kannst du Englisch?«

»Habe ich dir das nicht gesagt? – ich habe es gelernt.«

»Arme Kleine,« rief Luise, Juliens Hand ergreifend. »Aber wie kannst du da noch leben?«

»Das ist ein Geheimnis,« antwortete die Marquise und machte unwillkürlich eine Gebärde von fast kindlicher Naivität. »Höre. Ich nehme Opium. Die Geschichte der Herzogin von … aus London hat mich auf die Idee gebracht. Weißt du, Mathurin hat einen Roman darüber geschrieben. Ich nehme nur ganz schwache Tropfen Laudanum. Es gibt mir Schlaf. Nicht mehr als sieben Stunden bin ich noch wach, und die widme ich nur meiner Tochter.«

Luise sah ins Feuer. Sie wagte nicht, ihre Freundin anzusehen, deren ganzes Elend sich jetzt zum erstenmal ihren Blicken enthüllte.

»Luise, verrate mich aber nicht,« sagte Julie nach einem Augenblick des Schweigens.

Plötzlich brachte ein Diener der Marquise einen Brief.

»Ha!« rief sie erbleichend.

»Ich frage nicht erst, von wem,« sagte Frau de Wimphen.

Die Marquise las und hörte nichts mehr. Ihre Freundin sah die stürmischsten Gefühle, die gefährlichste Aufregung in den Zügen der Frau d'Aiglemont sich abspielen. Julie wurde bald blaß, bald rot und warf schließlich das Papier ins Feuer.

»Dieser Brief ist wie ein Flammenherd! Mein Herz! ich ersticke!«

Sie erhob sich und schritt auf und ab. Ihre Augen brannten.

»So hat er Paris nicht verlassen,« rief sie.

Sie stieß die abgerissenen Worte, die Frau de Wimphen nicht zu unterbrechen wagte, in schrecklichen Pausen hervor. Nach jedem Stillstand erklangen die Worte in immer tieferem Ton, und die letzten Sätze hatten etwas Furchtbares.

»Er hat mich inzwischen immer wieder gesehen, ohne daß ich es gewußt habe. Jeden Tag hat er einen Blick von mir aufgefangen, und das hat ihn am Leben erhalten. Du weißt nicht, Luise – er stirbt und bittet darum, mir Lebewohl zu sagen. Er weiß, daß mein Mann heute abend auf mehrere Tage verreist, und er will im Augenblick kommen. O, daran werde ich sterben. Ich bin verloren. Höre, bleibe du bei mir. Vor zwei Frauen wird er es nicht wagen. O, bleib! Ich fürchte mich.«

»Aber, mein Mann weiß, daß ich bei dir zu Tisch bin,« antwortete Frau de Wimphen. »Er wird mich holen kommen.«

»Gut, ehe du gehst, habe ich ihn weggeschickt. Ich werde uns allen beiden den Tod geben. Ach, er wird glauben, ich liebte ihn nicht mehr. Und dieser Brief! Meine Liebe, er enthielt Sätze, die ich noch in Flammenschrift vor mir sehe!«

Ein Wagen rollte vor das Portal.

»Ach!« rief die Marquise mit einer gewissen Freude, »er kommt öffentlich und ohne ein Geheimnis daraus zu machen.«

»Lord Grenville,« meldete der Diener.

Regungslos blieb die Marquise stehen. Als sie aber Arthur sah, der jetzt blaß, mager und abgezehrt war, da war keine Strenge mehr möglich. Obgleich es Lord Grenville tief schmerzte, Julie nicht allein zu finden, erschien er doch ruhig und kalt. Aber für diese beiden in das Geheimnis seiner Liebe eingeweihten Frauen hatte der Klang seiner Stimme, der Ausdruck seiner Blicke etwas von der Macht, die man dem Zitterrochen[1] zuschreibt.

[1] Ein Seefisch, der das Vermögen besitzt, elektrische Schläge auszuteilen, teils zu seiner Verteidigung, teils um sich seiner Beute zu bemächtigen.

Die Marquise und Frau de Wimphen waren wie betäubt durch die starke Übertragung eines entsetzlichen Schmerzes. Beim Klang der Stimme Lord Grenvilles zitterte Frau d'Aiglemont so heftig, daß sie ihm nicht zu antworten wagte, weil sie ihm damit die Größe der Macht, die er auf sie ausübte, zu enthüllen fürchtete. Lord Grenville seinerseits wagte es nicht, Julie anzusehen, und so mußte Frau de Wimphen fast allein für eine Unterhaltung, die gar kein Interesse hatte, sorgen. Mit einem Blick voll rührender Erkenntlichkeit dankte Julie ihr für die Hilfe, die sie ihr leistete.

Auf diese Weise geboten die beiden Liebenden ihren Gefühlen Schweigen und mußten sich in den vorgeschriebenen Grenzen der Pflicht und des gesellschaftlichen Anstandes halten. Bald aber wurde Herr de Wimphen gemeldet. Als sie ihn eintreten sahen, warfen sich die beiden Freundinnen einen Blick zu und begriffen, ohne ein Wort zu sprechen, die neuen Schwierigkeiten der Lage. Es war unmöglich, Herrn de Wimphen das Geheimnis dieses Dramas teilen zu lassen, und Luise hatte keine triftigen Gründe, ihren Mann zu bitten, sie noch länger bei ihrer Freundin bleiben zu lassen. Als Frau de Wimphen ihren Schal umlegte, erhob sich Julie, um ihr dabei behilflich zu sein, und sagte mit leiser Stimme:

»Ich werde Mut haben. Wenn er öffentlich zu mir gekommen ist, was habe ich da zu befürchten? Aber wenn du nicht gewesen wärst – wenn ich ihn allein so verändert gesehen hätte – ich würde ihm zu Füßen gefallen sein.«

»Nun, Arthur, Sie haben mir nicht gehorcht,« sagte Frau d'Aiglemont mit zitternder Stimme und nahm ihren Platz auf einer Causeuse wieder ein. Lord Grenville wagte nicht, sich neben sie zu setzen.

»Ich habe mir nicht länger die Wonne versagen können, Ihre Stimme zu hören, bei Ihnen zu sein. Es war ein Wahnsinn, ein Fieber. Ich bin nicht mehr Herr über mich. Ich habe mich über mich selbst konsultiert – ich bin zu schwach. Ich muß sterben. Aber sterben, ohne Sie gesehen zu haben – ohne das Rauschen Ihres Kleides gehört zu haben – ohne Ihre Tränen aufgefangen zu haben – was wäre das für ein Tod!«

Er wollte sich von Julie entfernen – aber bei einer raschen Bewegung fiel ihm eine Pistole aus der Tasche. Die Marquise sah diese Waffe, und im Augenblick schien ihr alle Besinnung, alle Denkkraft genommen zu sein. Lord Grenville hob die Pistole auf und schien sehr verdrossen über diesen Zufall, der vielleicht als Berechnung eines unglücklichen Liebhabers aufgefaßt werden konnte.

»Arthur?« fragte Julie.

»Gnädige Frau,« antwortete er, die Augen niederschlagend, »ich kam in Verzweiflung her – ich wollte –«

Er hielt inne.

»Sie wollten sich bei mir töten!« rief sie.

»Nicht allein,« antwortete er mit sanfter Stimme.

»Wie? Vielleicht auch meinen Mann?«

»Nein, nein!« rief er mit erstickter Stimme. »Aber beruhigen Sie sich,« setzte er hinzu, »mein unheilvoller Plan ist verraucht. Als ich eintrat, als ich Sie sah, da fühlte ich von neuem den Mut, zu schweigen, allein zu sterben.«

Julie erhob sich und warf sich in Arthurs Arme, der trotz des heftigen Schluchzens seiner Geliebten zwei wilde, leidenschaftliche Worte verstehen konnte:

»Das Glück kennen lernen und dann sterben,« sagte sie. »Das – ja!«

Die ganze Geschichte Juliens lag in diesem tiefen Aufschrei – dem Schrei der Natur und der Liebe, der Frauen ohne Religion erliegen. Arthur ergriff sie und trug sie mit der stürmischen Inbrunst, die ein unverhofftes Glück entfacht, zum Diwan. Aber plötzlich riß sich die Marquise aus den Armen des Geliebten, warf ihm den starren Blick einer verzweifelten Frau zu, nahm ihn bei der Hand, ergriff einen Leuchter und zog ihn mit sich in das Schlafzimmer.

Leise zog sie von dem Bett, wo Helene schlief, die Vorhänge weg, so daß man ihr Kind sah – sie hielt eine Hand vor die Kerze, damit nicht das Licht den durchscheinenden, kaum geschlossenen Lidern des kleinen Mädchens wehe täte. Helene lag mit ausgebreiteten Armen da und lächelte im Schlafe. Mit einem Blick zeigte Julie Lord Grenville ihr Kind. Dieser Blick sagte alles.

»Einem Manne können wir selbst untreu werden, auch wenn er uns lieb hat. Ein Mann ist ein starkes Geschöpf und findet Trost. Die Gesetze der Welt können wir verachten. Aber ein Kind ohne Mutter –!«

Alle diese Gedanken und tausend noch weit zärtlichere lagen in diesem Blick.

»Wir können sie mit uns nehmen,« murmelte der Engländer. »Ich werde sie sehr lieb haben.«

»Mama!« rief Helene, erwachend.

Bei diesem Worte zerfloß Julie in Tränen. Lord Grenville setzte sich, kreuzte die Arme und sah stumm und finster vor sich hin.

»Mama!« Dieser frohe, naive Ruf erweckte so viele edeln, unwiderstehlichen Gefühle, daß die Liebe auf einen Augenblick unter der mächtigen Stimme der Mutterschaft erdrückt wurde. Julie war nicht mehr Weib, sie war Mutter. Lord Grenville widerstand nicht mehr – Juliens Tränen warfen ihn nieder.

In diesem Augenblick hörte man, wie eine Tür ungestüm geöffnet wurde, und die Worte: »Frau d'Aiglemont, bist du hier?« widerhallten wie ein Donnerschlag im Herzen des Liebespaares. Der Marquis war zurückgekommen. Ehe Julie die Geistesgegenwart gewinnen konnte, kam der General aus seinem Zimmer und näherte sich dem seiner Frau. Diese beiden Zimmer hingen zusammen. Zum Glück gab Julie Lord Grenville rasch ein Zeichen, und der Engländer sprang in eine Toilette, deren Tür die Marquise geschwind schloß.

»Nun, meine Gemahlin,« sagte Viktor, »da bin ich wieder. Die Jagd findet nicht statt. Ich will schlafen gehen.«

»Gute Nacht,« sagte sie zu ihm. »Das will ich eben auch tun. Laß mich also allein – ich bin beim Auskleiden.«

»Du bist recht unzart heute abend – doch ich gehorche Ihnen, Frau Marquise.«

Der General kehrte in sein Zimmer zurück. Julie begleitete ihn, um die Verbindungstür zu schließen, und eilte dann, Lord Grenville zu befreien. Sie gewann alle Geistesgegenwart wieder und dachte, der Besuch ihres alten Arztes sei schließlich ganz natürlich. Sie konnte ihn ja im Salon zurückgelassen haben, um erst ihre Tochter zu Bett zu bringen; sie wollte ihm nun sagen, er solle sich geräuschlos dorthin begeben. Aber als sie die Tür des Kabinetts öffnete, schrie sie laut auf. Die Finger Lord Grenvilles waren in die Türspalte geraten und zermalmt worden.

»He, was hast du denn?« rief ihr Mann herüber.

»Nichts,« antwortete sie, »ich habe mich mit einer Nadel in den Finger gestochen.«

Die Verbindungstür öffnete sich plötzlich wieder. Die Marquise glaubte, ihr Mann käme aus Interesse für sie, und verwünschte diese Besorgtheit, an der das Herz ja doch keinen Anteil hatte. Sie hatte kaum Zeit, die Toilette zu schließen, und Lord Grenville hatte seine Hand noch nicht befreien können. Der General kam in der Tat wieder herein; aber die Marquise irrte sich – eine plötzliche Mißhelligkeit führte ihn her.

»Kannst du mir ein seidenes Halstuch leihen? Der dumme Charles hat mir nicht ein einziges Kopftuch hingelegt. Am Anfang unserer Ehe hast du dich um meine Sachen mit so peinlicher Sorge bekümmert, daß es mir sogar zuviel wurde. Ach, der Honigmond hat weder für mich noch für meine Halstücher lange gedauert. Jetzt bin ich ganz und gar auf diese steinalten Kammerdiener angewiesen, die mit mir umgehen, wie sie Lust haben.«

»Hier ist ein Halstuch. Sie sind nicht in den Salon gegangen?«

»Nein.«

»Sie würden dort vielleicht Lord Grenville noch getroffen haben.«

»Ist er in Paris?«

»Augenscheinlich.«

»O, so geh ich hin – dieser gute Doktor –«

»Aber jetzt muß er schon gegangen sein,« rief Julie.

Der Marquis stand in diesem Augenblick mitten im Zimmer seiner Frau und wickelte sich das Tuch um den Kopf, wobei er sich wohlgefällig im Spiegel betrachtete.

»Ich weiß gar nicht, wo unsere Leute sind,« sagte er. »Ich habe dreimal nach Charles geklingelt – er ist nicht gekommen. Du bist also auch ohne deine Kammerfrau? Klingle nach ihr – ich möchte heute nacht noch eine Decke mehr im Bett haben.«

»Pauline ist fortgegangen,« antwortete die Marquise trocken.

»Um Mitternacht?« sagte der General.

»Ich habe ihr erlaubt, in die Oper zu gehen.«

»Sonderbar,« versetzte der Mann, indem er sich völlig entkleidete. »Mir war doch so, als hätte ich sie die Treppe hinaufgehen sehen.«

»Dann ist sie ohne Zweifel zurückgekehrt,« sagte Julie und tat, als sei sie dieses Gesprächs nun überdrüssig.

Um keinen Verdacht bei ihrem Gatten zu erwecken, zog die Marquise dann die Klingel, doch ganz schwach.

Die Ereignisse dieser Nacht sind nicht vollauf bekannt geworden; aber alle mußten ebenso einfach, doch auch ebenso entsetzlich gewesen sein – wie es die gewöhnlichen häuslichen Vorfälle sind, die vorangegangen waren. Am folgenden Tage legte die Marquise d'Aiglemont sich auf mehrere Tage ins Bett.

»Was ist denn nur Außergewöhnliches bei dir geschehen, daß alle Welt von deiner Frau spricht?« fragte Herr de Ronquerolles Herrn d'Aiglemont ein paar Tage nach dieser an Katastrophen reichen Nacht.

»Glaube mir, bleib Junggeselle,« antwortete d'Aiglemont. »Helenens Bett hat Feuer gefangen; meine Frau ist darüber fast zu Tode erschrocken, daß sie nun wieder auf ein Jahr krank ist, wie der Arzt sagt. Heiratest du eine hübsche Frau, so wird sie häßlich; heiratest du eine Frau in blühender Gesundheit, so wird sie kränklich. Du hältst sie für leidenschaftlich – sie ist aber kalt. Oder aber sie ist, wenn auch äußerlich kalt, doch so leidenschaftlich, daß sie dich umbringt oder dir Schande macht. Bald wird das sanfteste Geschöpf eine Kratzbürste – na, und eine Kratzbürste wird nie wieder weich. Bald entfaltet das Kind, das du für schwach und einfältig gehalten hast, dir gegenüber eine eiserne Willenskraft, einen dämonischen Geist. Ich habe die Ehe satt.«

»Oder die Frau.«

»Schwer zu sagen. Übrigens, kommst du mit in die Kirche zum Heiligen Thomas von Aquino? Ich will mir die Beerdigung Lord Grenvilles ansehen.«

»Ein sonderbarer Zeitvertreib. Aber,« fuhr Ronquerolles fort, »weiß man genau, woran er gestorben ist?«

»Sein Kammerdiener behauptet, Mylord habe die ganze Nacht über draußen auf einem Fenstersims sitzen müssen, um seine Geliebte nicht um die Ehre zu bringen. Und um diese Zeit ist es verteufelt kalt gewesen!«

»Eine solche Aufopferung wäre bei uns andern, bei uns alten Praktikern sehr anerkennenswert – aber Lord Grenville war so jung, und – ein Engländer. Diese Engländer müssen immer was Apartes haben.«

»Bah!« versetzte d'Aiglemont, »solcher Heroismus hängt ganz von der Frau ab, die ihn uns einflößt, und für meine Frau ist der arme Arthur ganz gewiß nicht gestorben!«


2. Kapitel.

Ungekannte Leiden.

Zwischen dem Flüßchen Loing und der Seine erstreckt sich eine weite Ebene, begrenzt von dem Walde von Fontainebleau und von den Ortschaften Moret, Nemours und Montereau. Dieses trockene Land weist nur ein paar vereinzelte Hügel auf; hier und dort liegen mitten auf den Feldern kleine Waldvierecke, die dem Wild zur Zuflucht dienen, sonst sieht man überall nur die grauen oder gelblichen Linien ohne Ende, die den Horizonten der Sologne, der Beauce und des Berri eigentümlich sind. In der Mitte dieser Ebene, zwischen Moret und Montereau, sieht der Reisende ein altes Schloß. Saint-Lange heißt es, und seine Lage ist von einer gewissen Großartigkeit, ja Majestät.

Hier gibt es herrliche Ulmenalleen, Gräben, lange Umfassungsmauern, große Gärten, weitläufige Herrenhäuser, bei deren Erbauung es dem Anschein nach nur auf den Vorteil der Steuerverwaltung oder der Generalpächter abgesehen war. Wenn der Künstler oder ein Träumer sich zufällig in den tief ausgefahrenen Wegen oder in dem zähen Lehmboden verirrt, der den Zugang zu diesem Lande erschwert, so fragt er sich, durch welchen Zufall dieses poetische Schloß in diese Savanne von Getreide, in diese Wüste von Kreide, Mergel und Sand geraten ist, wo der Frohsinn stirbt, wo unfehlbar Traurigkeit uns befallen muß, wo die Seele unaufhörlich von einer Einsamkeit ohne Stimmen, von einem eintönigen Horizont, von negativen Schönheiten ermüdet wird – wo alles dem Kummer Vorschub leistet, der keinen Trost mehr wünscht.

Eine junge Frau, die in Paris wegen ihrer Schönheit und ihres Geistes gefeiert worden war, deren Vermögen mit ihrer Berühmtheit in Einklang stand, ließ sich zum großen Erstaunen des etwa eine Meile von Saint-Lange gelegenen Dörfchens gegen Ende des Jahres 1820 hier häuslich nieder. Die Pächter und die Bauern hatten seit undenklichen Zeiten niemals mehr eine Herrschaft auf dem Schlosse gesehen. Das Land, obwohl von beträchtlicher Ergiebigkeit, war der Obhut eines Verwalters überlassen und wurde von alten Dienern besorgt.

Die Ankunft der Frau Marquise versetzte daher die ganze Gegend in Aufregung. Mehrere Personen hatten sich am Ende des Dorfes im Hofe einer dürftigen Herberge aufgestellt, die am Schnittpunkt der Straßen von Nemours und Moret lag. Hier sahen sie eine Kalesche vorüberkommen, die ziemlich langsam fuhr, denn die Marquise war von Paris her zu Wagen gekommen. Auf dem Vordersitz hielt die Kammerfrau ein kleines Mädchen, das mehr nachdenklich als vergnügt schien. Die Mutter ruhte im Fond des Wagens, wie eine Kranke, die von den Ärzten aufs Land geschickt wird. Das tieftraurige Gesicht dieser jungen, zarten Frau befriedigte die Dorfpolitiker gar nicht; denn sie hatten aus ihrer Ankunft in Saint-Lange die Hoffnung geschöpft, daß es in der Gemeinde nun »ein Leben« werden würde. Gewiß war Leben und Treiben dieser sichtlich von Schmerzen befallenen Frau durchaus zuwider.

Der klügste Kopf von Saint-Lange erklärte am Abend in der Schenke, und zwar in der Stube, wo der Stammtisch der Honoratioren sich befand, nach dem Ausdruck von Trauer zu schließen, den das Gesicht der Frau Marquise unverkennbar zur Schau trüge, müsse sie eine ruinierte Frau sein. In Abwesenheit des Herrn Marquis, von dem die Zeitungen berichtet hatten, er müsse den Herzog von Angoulème nach Spanien begleiten, wolle sie nun jedenfalls aus Saint-Lange die erforderlichen Summen herauswirtschaften, um die infolge falscher Börsenspekulationen entstandenen Schwierigkeiten aus der Welt zu schaffen. Der Marquis sei einer der tollsten Spieler. Vielleicht sollte das Land parzellenweise verkauft werden. Da könnte man dann noch »seinen Schnitt« machen. Jeder sollte nur dran denken, seine Taler zu zählen, sie aus der Schatulle nehmen und alle Mittel zusammenholen, um sein Teilchen einzuheimsen, wenn Saint-Lange losgeschlagen würde.

Diese Zukunft erschien so rosig, daß alle Honoratioren vor Neugierde entbrannten, zu erfahren, ob die Sache sich wirklich so verhielte. Sie sannen nun auf Mittel, von den Schloßleuten die Wahrheit zu erforschen; aber von diesen konnte niemand etwas Genaueres über die Katastrophe sagen, die ihre Herrin zu Beginn des Winters auf ihr altes Schloß Saint-Lange führte, wo sie doch andere Ländereien besaß, die wegen ihrer anmutigen Lage und schönen Gärten berühmt waren. Der Herr Bürgermeister kam, um der gnädigen Frau seine Huldigung darzubringen, aber er wurde nicht vorgelassen. Nach dem Bürgermeister versuchte es der Verwalter – doch mit dem gleichen Mißerfolg.

Die Frau Marquise verließ ihr Zimmer nur, um es herrichten zu lassen, und blieb während dieser Zeit in einem kleinen anstoßenden Salon, wo sie speiste, wenn man ihre Art zu essen so nennen konnte; denn sie setzte sich nur an den Tisch, betrachtete die Gerichte mit Widerwillen und nahm genau nur so viel zu sich, wie sie brauchte, um nicht Hungers zu sterben. Dann kehrte sie sogleich zu dem antiken Lehnstuhl zurück, in dem sie vom Morgen an in der Nische des einzigen Fensters saß, das dem Zimmer Licht spendete. Sie sah ihre Tochter nur während der wenigen Augenblicke, die sie sich zu ihrem traurigen Mahle vergönnte, und auch dann schien sie sie nur mit Mühe um sich zu dulden. Mußten es nicht unerhörte Schmerzen sein, die bei einer jungen Frau das mütterliche Fühlen unterdrücken konnten? Von ihren Leuten erhielt niemand Zutritt zu ihr. Ihre Kammerfrau war die einzige Person, von der sie sich gern bedienen ließ. Sie verlangte völlige Ruhe im ganzen Schlosse, selbst ihre Tochter mußte weitab von ihr spielen. Es war ihr so schwer, auch nur das geringste Geräusch zu ertragen, daß jede menschliche Stimme, selbst die ihres Kindes, sie unangenehm berührte. Die Landleute beschäftigten sich erst viel mit den Eigentümlichkeiten der »Gnädigen«, doch als alle möglichen Mutmaßungen erschöpft waren, dachten weder die Dörfchen der Umgebung noch die Bauern mehr an die kranke Frau.

Die Marquise, sich selbst überlassen, konnte sich nun ganz ihrer Schweigsamkeit hingeben, inmitten der Stille, die sie um sich her geschaffen hatte. Sie hatte keine Veranlassung, das mit Tapeten überspannte Zimmer zu verlassen, darin ihre Großmutter gestorben war und wohin sie nun gekommen war, um einen sanften Tod zu erleiden, ohne Zeugen, ohne Störungen, ohne falsches Beileid egoistischer Menschen, das in den Städten die Todesqual des Sterbenden verdoppelt.

Diese Frau war sechsundzwanzig Jahre alt. In diesem Alter kostet eine noch von poetischen Illusionen erfüllte Seele gern den Tod, wenn er ihr als Wohltat erscheint. Aber der Tod ist gegen junge Leute kokett. Er kommt heran und geht wieder, zeigt sich und versteckt sich. Seine Langsamkeit nimmt ihm in ihren Augen allen Zauber, und die Ungewißheit, ob sie morgen noch leben werden, treibt sie schließlich wieder in die Welt, wo sie dem Schmerz wieder begegnen werden, der unerbittlicher ist als der Tod und seine Geißel über ihnen schwingt, ohne auf sich warten zu lassen.

Die Frau, die sich also vom Leben abschloß, sollte denn auch in ihrer Einsamkeit alle Bitternis dieser vergeblichen Todessehnsucht kennen lernen – sie sollte in einer moralischen Agonie, der der Tod kein Ende machte, eine furchtbare Lehrzeit des Egoismus durchmachen, die die Blume ihres Herzens ganz entblättern und es für die Gesellschaft tauglich machen sollte.

Diese grausame, traurige Lehre ist immer die Frucht unserer ersten Schmerzen. Es war das erste und vielleicht das einzige Mal in ihrem Leben, daß die Marquise wahrhaft litt. Sollte es nicht in der Tat ein Irrtum sein, zu glauben, die Gefühle entständen immer aufs neue? Sind sie nicht, einmal erschlossen, auf die Dauer im Grunde unseres Herzens vorhanden? Dort schlummern sie ein oder werden wach, wie es die Zufälle des Lebens mit sich bringen; aber sie bleiben, und ihr Vorhandensein gibt notwendigerweise der Seele Form. So kann jedes Gefühl nur einen Haupttag haben – den mehr oder minder langen Tag seines ersten Sturmes. So kann der Schmerz, das beständigste unserer Gefühle, nur wenn er uns zum erstenmal befällt, heftig sein, und seine andern Angriffe müssen immer schwächer werden, teils deshalb, weil wir uns an sein Wiederkommen gewöhnen, teils infolge eines Naturgesetzes. Die Natur nämlich, um sich lebend zu erhalten, setzt dieser zerstörenden Kraft eine gleich große, sehr zähe Kraft entgegen, die aus den Berechnungen der Ichsucht entspringt.

Aber welchem von allen Leiden gebührt nun eigentlich der Name »Schmerz?« Der Verlust der Eltern ist ein Kummer, auf den die Natur die Menschen vorbereitet hat; das physische Weh ist vorübergehend und reicht nicht an die Seele; und wenn es andauert, so hört es auf, ein Weh zu sein, und wird zum Tode. Wenn eine junge Frau ein neugeborenes Kind verliert, so wird die eheliche Liebe ihr bald einen Nachfolger bescheren. Dieser Kummer ist also auch vorübergehend. Gewiß sind diese Leiden und viele ähnliche in gewissem Sinne Schläge, Wunden; aber keines berührt die Lebensfähigkeit in ihrem Kern, und sie müßten in unnatürlicher Raschheit aufeinander folgen, sollten sie das Gefühl ertöten, das uns treibt, dem Glück nachzugehen.

Der große, wahre Schmerz ist also ein so mörderisches Leiden, daß es zu gleicher Zeit die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft befällt, keinen Teil des Lebens unversehrt läßt, das Denken auf ewig aus den Fugen bringt, seinen Namenszug unauslöschlich auf die Lippen und die Stirn schreibt, die Quellen der Freude zuschüttet und in die Seele einen grundsätzlichen Ekel einpflanzt, der uns dann alles und jedes auf dieser Welt verleidet. Um unermeßlich zu sein, um in dieser Weise auf Seele und Leib zu lasten, muß dieses Leid uns in einem Augenblick des Lebens ereilen, wo alle Kräfte der Seele und des Leibes noch jung sind, muß er ein Herz in voller Lebenskraft zerschmettern. Dann macht das Leid eine breite Wunde; groß ist der Schmerz, und kein Wesen kann aus dieser Krankheit ohne irgendeine poetische Veränderung hervorgehen. Entweder nimmt es den Weg gen Himmel, oder wenn es hienieden bleibt, so kehrt es in die Welt zurück, um die Welt zu belügen, ihr Komödie vorzuspielen. Es kennt nun die Kulisse, die man betritt, um mit Berechnung zu weinen, zu scherzen. Nach dieser feierlichen Krise gibt es keine Geheimnisse mehr im Gesellschaftsleben, über das man sich von da ab ein unwiderrufliches Urteil gebildet hat.

Bei den jungen Frauen im Alter der Marquise wird dieser erste, einschneidendste aller Schmerzen immer durch das gleiche Geschehnis verursacht. Die Frau, und vor allem die junge Frau, die ebenso groß an Seele wie an Schönheit ist, wird jederzeit dort ihr Leben einsetzen, wohin Natur, Gesellschaft oder Neigung sie stellen – und sie wird ihr Leben ganz einsetzen. Wenn dieses Einsetzen ein Fehlschlag ist, ohne daß sie das Leben dabei verliert, so empfindet sie die grausamsten Schmerzen, weil ja eben die erste Liebe das schönste aller Gefühle ist.

Warum hat dieses Unglück noch keinen Maler oder Poeten gefunden? Aber kann es gemalt, kann es besungen werden? Nein, die Natur der Schmerzen, die es erregt, entzieht sich der Analyse und den Farben der Kunst. Und dann sind diese Schmerzen auch noch nie offenbart und mitgeteilt worden. Wenn man ein Weib darin trösten will, muß man sie erraten; denn immer werden sie mit bitterer Wonne gehegt und fromm genährt, und sie bleiben am Grunde der Seele – wie eine Lawine, die in ein Tal gestürzt ist, alles vor sich her niederwirft, um sich Platz darin zu schaffen.

Die Marquise litt jetzt an diesen Schmerzen, die lange Zeit ungekannt bleiben werden, weil alles auf der Welt sie verwünscht, während das Gefühl sie hegt und pflegt und das Gewissen eines echten Weibes sich immer das Recht zuspricht, sie zu hegen. Es verhält sich mit diesen Schmerzen, wie mit unrettbar aus dem Leben ausgestoßenen Kindern, an denen das Herz der Mutter dennoch inniger hängt als an den glücklicher begabten Kindern. Noch nie vielleicht war diese Katastrophe, die uns für alles Leben der Außenwelt ganz unzugänglich macht, so heftig, so vollständig, so grausam vergrößert durch die Verhältnisse, wie im Falle der Marquise.

Ein geliebter, junger edelsinniger Mann, dessen Wünsche sie nie befriedigt hatte, um nicht gegen die Gesetze der Welt zu verstoßen, war gestorben, um ihr das zu retten, was die Gesellschaft die »weibliche Ehre« nennt. Wem konnte sie nun gestehen: »Ich leide!« Ihre Tränen hätten ihren Mann beleidigt, die erste Ursache der Katastrophe. Die Gesetze, die Sitten verboten ihr die Klage; eine Freundin hätte sich daran geweidet, ein Mann darauf spekuliert. Nein, die arme Trauernde konnte nur in einer Wüste nach Herzenslust weinen, ihre Leiden aufsaugen oder von ihnen verzehrt werden, selbst sterben oder etwas in sich töten, vielleicht ihr Gewissen.

Seit einigen Tagen heftete sie die Augen beständig auf einen flachen Horizont, wo es, wie in ihrem zukünftigen Leben, nichts zu suchen, nichts zu hoffen gab, wo alles auf einen Blick zu übersehen war und wo sie die Abbilder der kalten Verödung erblickte, die ihr unaufhörlich das Herz zerriß. Die nebeligen Vormittage, ein Himmel von matter Helligkeit, dicht über der Erde hinziehende Wolken – das entsprach den Phasen ihrer seelischen Krankheit.

Ihr Herz war nicht gebrochen und auch nicht mehr oder weniger abgestorben; nein, unter der langsamen Einwirkung eines unerträglichen Schmerzes – unerträglich, weil er zwecklos war – wurde ihre frische, blühende Natur zu Stein. Sie litt durch sich und für sich. Heißt also leiden nicht schon mit einem Fuß im Egoismus stehen? So zogen denn auch furchtbare Gedanken durch ihr Gewissen und verletzten es. Sie prüfte sich selbst ehrlich und fand eine Doppelnatur in sich. Sie hatte in sich ein Weib, das nicht mehr dulden wollte.

Sie versetzte sich zurück in die Freuden ihrer Kindheit, deren Glückseligkeit sie kaum empfunden hatte und deren klare Bilder nun in Menge auftauchten, wie um ihr die Schuld an dem Trugwerk einer in den Augen der Welt anständigen, in Wahrheit entsetzlichen Ehe beizumessen. Daß sie in ihrer Jugend von zarter Schamhaftigkeit gewesen, daß sie sich in der Sinnenlust Zwang auferlegt, daß sie der Welt dennoch Opfer gebracht hatte – welchen Gewinn hatte sie nun davon gehabt? Obwohl alles in ihr von Liebe sprach und Liebe erwartete, fragte sie sich doch, wozu jetzt die Harmonie ihrer Bewegungen, ihr Lächeln und ihre Anmut noch da seien. Sie fühlte sich nicht mehr gern frisch und üppig, wie man etwa einen zwecklos wiederholten Ton nicht gern hat. Ihre Schönheit selbst war ihr unerträglich, wie ein nutzloser Gegenstand. Sie sah mit Entsetzen voraus, daß sie in Zukunft nicht mehr ein in sich vollendetes Wesen sein könnte. Hatte ihr inneres Ich nicht die Fähigkeit eingebüßt, die Eindrücke mit jener köstlichen Unschuld aufzunehmen, die dem Leben so viel keusche Freude verleiht? In Zukunft mußten die meisten Eindrücke in ihr, kaum aufgenommen, auch schon wieder verwischt sein, und viele von denen, die sie einstmals ergriffen hätten, würden ihr dann gleichgültig werden.

Nach der Kindheit des Leibes kommt die Kindheit des Herzens. Ihr Geliebter hatte diese zweite Kindheit mit in sein Grab genommen. An Begierden noch jung, hatte sie doch nicht mehr die völlige Jugend der Seele, die allem im Leben ihren Wert und ihre Würze mitteilt. Mußte sie nicht den Grundsatz, traurig zu sein, und allem zu mißtrauen, im Herzen behalten – einen Hang, der ihren Regungen den frischen Schwung, den hinreißenden Zauber rauben mußte? Denn nichts konnte ihr mehr das Glück geben, das sie erhofft, das sie sich so schön erträumt hatte.

Ihre ersten, echten Tränen löschten das himmlische Feuer aus, das die ersten Regungen des Herzens bestrahlt, und sie mußte immer daran kranken, nicht zu sein, was sie hätte sein können. Aus diesem Glauben muß der bittere Ekel hervorgehen, der dazu führt, daß man sich abwendet, wenn eine neue Freude sich zeigt. Sie beurteilte jetzt das Leben wie ein Greis, der bereit ist, es zu verlassen. Obgleich sie sich jung fühlte, lastete die Masse ihrer freudlosen Tage schwer auf ihrer Seele, drückte sie nieder und machte sie vor der Zeit alt. Mit einem Schrei der Verzweiflung fragte sie die Welt, was sie ihr zum Ersatz für die Liebe gäbe, die ihr das Leben erhalten und die sie verloren hatte. Sie fragte sich, ob in ihrer erloschenen, so keuschen und reinen Liebe der Gedanke nicht noch verbrecherischer gewesen sei, als die Tat es hätte sein können. Es war ihr ein Genuß, sich als schuldig hinzustellen, um der Welt Trotz zu bieten und sich dafür zu trösten, daß die Welt nicht ebenso wie sie jene vollkommene Seelengemeinschaft beweinte, die den Schmerz der Hinterbliebenen lindert, weil sie in ihr der Zuversicht sein kann, das Glück nicht nur ganz genossen, sondern auch voll gespendet zu haben und in sich ein treues Bild des Verblichenen zu bewahren.

Sie war unzufrieden wie eine Schauspielerin, die mit ihrer Rolle durchgefallen ist, denn dieser Schmerz griff alle Fibern, Herz und Kopf an. War ihre Natur in ihren intimsten Wünschen verletzt, so war damit ihre Eitelkeit nicht minder verwundet wie die Gutherzigkeit, die allein eine Frau zu einem Opfer bewegen kann.

Dadurch, daß sie alle Fragen verwarf, alle Hebel der verschiedenen Stellungen in Bewegung setzte, die uns die verschiedenen Naturen, die soziale, moralische und physische anweisen, erschlaffte sie die seelischen Kräfte so sehr, daß sie sich in den widersprechendsten Betrachtungen verirrte und auf keinen Ausweg mehr kam.

Daher öffnete sie manchmal, wenn der Nebel fiel, ihr Fenster und blieb gedankenlos davor stehen. Mechanisch atmete sie den feuchten, erdigen Geruch ein, der in der Luft verbreitet war. Sie stand regungslos da – wie eine Irrsinnige – denn die Wirrnis ihres Schmerzes machte sie gegen die Harmonie in der Natur wie für die Wonne des Denkens in gleichem Maße stumpf.

Eines Tages, gegen Mittag – die Sonne hatte gerade heiteres Wetter geschaffen – trat die Kammerfrau, ohne befohlen zu sein, herein und sagte zu ihr:

»Da kommt nun zum vierten Male der Herr Pfarrer und will die Frau Marquise sprechen, und er besteht heute so fest entschlossen darauf, daß wir nicht mehr wissen, was wir ihm antworten sollen.«

»Er will ohne Zweifel etwas Geld für die Armen der Gemeinde, nehmen Sie fünfhundert Louis und bringen Sie sie ihm in meinem Namen.«

»Gnädige Frau,« sagte die Dienerin, einen Augenblick später zurückkommend, »der Herr Pfarrer will das Geld nicht nehmen und wünscht, Sie zu sprechen.«

»So mag er kommen!« antwortete die Marquise, mit einer Gebärde des Unwillens, die dem Priester einen traurigen Empfang verkündete. Sie wollte sich ohne Zweifel durch eine kurze, offene Erklärung gegen seine weiteren Zudringlichkeiten schützen.

Die Marquise hatte ihre Mutter in sehr jungen Jahren verloren, und die Lockerung, die während der Revolution die religiösen Bande in Frankreich erfuhren, hatte naturgemäß auch auf ihre Erziehung Einfluß gehabt. Die Frommheit ist eine frauliche Tugend, die Frauen allein aufeinander übertragen, und die Marquise war ein Kind des 18. Jahrhunderts, zu dessen philosophischem Glauben ihr Vater sich bekannt hatte. Sie nahm keine religiösen Übungen vor. Für sie war ein Priester ein öffentlicher Beamter, dessen Nützlichkeit ihr anfechtbar erschien. In ihrer Lage konnte die Stimme der Religion ihre Leiden nur noch verbittern; und dann glaubte sie auch überhaupt nicht an Dorfpfaffen, ebensowenig wie an deren Erleuchtungen; sie beschloß daher, den ihren auf seinen Platz zu verweisen, in aller Ruhe und Freundlichkeit. Nach Art der Reichen, gedachte sie sich seiner durch eine Wohltat zu entledigen.

Der Pfarrer kam, und sein Aussehen war nicht geeignet, der Marquise andere Begriffe einzuflößen. Sie sah einen dicken, kleinen Mann mit vorspringendem Bauch, rotem, doch altem und runzligem Gesicht, der zu lächeln versuchte, doch nur schlecht damit zustande kam. Sein kahler, von zahlreichen Querfalten gefurchter Schädel war so weit, daß man einen Viertelkreis davon übersehen konnte, nach vornüber geneigt, was sein Gesicht noch kleiner erscheinen ließ. Den untern Teil des Kopfes überm Nacken rahmten ein paar weiße Haare ein, deren man auch vorn an den Ohren noch einige sah. Nichtsdestoweniger war die Physiognomie dieses Priesters die eines von Natur vergnügten Menschen gewesen. Seine dicken Lippen, seine leicht aufgeworfene Nase, sein in Doppelfalten verschwindendes Kinn bekundeten einen glücklichen Charakter.

Die Marquise bemerkte zuerst nur die Hauptzüge, aber bei dem ersten Wort, das der Priester zu ihr sprach, war sie überrascht, eine so sanfte Stimme zu hören; sie sah ihn aufmerksamer an und bemerkte unter seinen grau werdenden Brauen Augen, die geweint hatten. Der Umriß seiner Wange, von der Seite gesehen, verlieh seinem Haupte einen so erhabenen Ausdruck des Schmerzes, daß die Marquise in diesem Pfarrer »einen Menschen« erkannte.

»Frau Marquise, die Reichen gehören nur dann zu uns, wenn sie leiden; und die Leiden einer verheirateten, jungen, schönen und reichen Frau, die weder Kinder noch Angehörige verloren hat, lassen sich erraten und werden durch Wunden verursacht, deren Zuckungen nur durch die Religion gelindert werden können. Ihre Seele ist in Gefahr, gnädige Frau. Ich spreche zu Ihnen in diesem Augenblick nicht von dem andern Leben, das unser harrt. Nein, ich bin hier nicht im Beichtstuhl. Aber gehört es nicht auch zu meiner Pflicht, Sie über die Zukunft Ihres gesellschaftlichen Lebens aufzuklären? Sie werden also einem Greise verzeihen, wenn er zudringlich war – es geschieht nur Ihres Glückes wegen.«

»Das Glück, mein Herr, ist für mich nicht mehr da. Ich werde bald zu Ihnen gehören, wie Sie sich ausdrücken, und zwar für immer.«

»Nein, gnädige Frau, an dem Schmerz, der Sie bedrückt und sich in Ihren Zügen ausspricht, werden Sie nicht sterben. Wenn Sie daran hätten sterben sollen, so würden Sie nicht in Saint-Lange sein. Wir gehen an den Wirkungen eines gewissen Kummers nie so leicht zugrunde wie an betrogenen Hoffnungen. Ich habe weit unerträglichere, weit schrecklichere Schmerzen kennen gelernt, die doch nicht zum Tode geführt haben.«

Die Marquise machte eine Gebärde des Zweifels.

»Gnädige Frau, ich kenne einen Mann, dessen Unglück so groß war, daß Ihre Schmerzen Ihnen unbedeutend erscheinen würden, wenn Sie sie mit den seinen verglichen …«

Ob nun die lange Einsamkeit ihr schon lästig wurde, ob sie durch die Aussicht, einem Freundesherzen ihre schmerzlichen Gedanken anvertrauen zu können, angenehm berührt wurde, jedenfalls betrachtete sie den Pfarrer mit einer fragenden Miene, die dieser unmöglich mißdeuten konnte.

»Gnädige Frau,« fuhr der Priester fort, »dieser Mann war ein Vater, dem von einst zahlreicher Familie nur drei Kinder geblieben waren. Er hatte nacheinander die Eltern verloren, dann eine Tochter und eine Frau. Er blieb allein, tief in der Provinz, auf einem kleinen Gute, wo er lange Zeit glücklich gewesen war. Seine drei Söhne waren beim Heer, und jeder hatte einen seiner Dienstzeit entsprechenden Rang erlangt. In den hundert Tagen kam der älteste zur Garde und wurde Oberst; der zweite war Bataillonschef bei der Artillerie, und der jüngste hatte den Rang eines Hauptmanns bei den Dragonern. Gnädige Frau, diese drei Jungen liebten ihren Vater ebenso innig, wie sie von ihm geliebt wurden. Wenn Sie die Sorglosigkeit junger Leute kennen, die ihren Liebhabereien leben und niemals Zeit haben, sich den Eltern zu widmen, werden Sie aus einem einzigen Umstand die Innigkeit ersehen, mit der sie an dem armen, einsamen Alten hingen, der nun nur noch für sie und durch sie lebte. Es verging keine Woche, wo er nicht von einem seiner Kinder einen Brief erhalten hätte. Aber er hatte auch nie einen von ihnen vorgezogen, was stets den Respekt der Kinder vermindert, noch war er ungerecht und streng gewesen. Kurz und gut, er fuhr nach Paris, um ihnen vor ihrer Abreise nach Belgien Lebewohl zu sagen. Sie waren nun abgereist, der Vater kehrte heim. Der Krieg begann, er bekam Briefe aus Fleurus, aus Ligny, alles ging gut. Die Schlacht bei Waterloo wurde geschlagen – Sie kennen das Ergebnis. Ganz Frankreich wurde mit einem Schlage in Trauer versetzt. Alle Familien waren in größter Sorge. Er wartete, gnädige Frau, Sie können sich das denken; er hatte nicht Rast, nicht Ruhe. Er las die Zeitungen und ging alle Tage selbst zur Post. Eines Tages meldete man ihm den Diener seines Sohnes, des Obersten. Er sieht diesen Mann auf dem Pferde seines Herrn sitzen, da brauchte er keine Frage erst zu stellen: der Oberst war tot – von einer Kanonenkugel mitten durchgerissen. Gegen Abend kommt zu Fuß der Diener des jüngsten an; der jüngste war am Tage nach der Schlacht gestorben. Endlich, gegen Mitternacht, kommt ein Artillerist und meldet ihm den Tod des letzten Kindes, auf dessen Haupt nun in so kurzer Zeit dieser arme Vater sein ganzes Leben gesetzt hatte. Ja, gnädige Frau, sie waren alle gefallen!«

Nach einer Pause hatte der Priester seine eigene Rührung überwunden und fügte mit sanfter Stimme die folgenden Worte hinzu:

»Und der Vater ist leben geblieben, gnädige Frau. Er hat begriffen, wenn Gott ihn auf Erden ließe, müsse er hier sein Leid auf sich nehmen, und so tut er es denn. Aber er hat sich an die Brust der Religion geworfen. Was kann aus ihm geworden sein?«

Die Marquise hob den Blick zu dem Antlitz des Pfarrers, das jetzt einen erhabenen Zug der Trauer und Ergebung zeigte, und erwartete das folgende Wort, das sie weinen machte:

»Priester, gnädige Frau; er war ja schon durch die Tränen geweiht, ehe er am Fuße des Altars die Weihe empfing.«

Auf einen Augenblick herrschte Schweigen. Die Marquise und der Pfarrer sahen zum Fenster hinaus nach dem nebligen Horizont, als könnten sie dort die Kinder sehen, die nicht mehr waren.

»Nicht Priester in einer Stadt, sondern einfacher Dorfpfarrer,« fuhr er fort.

»In Saint-Lange,« sagte sie, die Tränen trocknend.

»Ja, Gnädige.«

Nie hatte sich die Majestät des Schmerzes Julien erhabener gezeigt; und dieses »Ja, Gnädige« grub sich ihr ins tiefste Herz, wie die Last eines endlosen Grams. Diese Stimme, die so sanft ins Ohr klang, erschütterte ihr Innerstes. Ach, es war ja die Stimme des Unglücks, diese volle, ernste Stimme, die einen so durchdringenden Zauber auszuüben schien.

»Herr Pfarrer,« sagte fast ehrfurchtsvoll die Marquise, »und wenn ich nicht sterbe, was wird dann aus mir werden?«

»Gnädige, haben Sie nicht ein Kind?«

»Ja,« sagte sie kalt.

Der Pfarrer warf auf die Frau einen Blick, wie etwa ein Arzt auf einen Kranken, der in Gefahr schwebt, und beschloß, alles, was in seinen Kräften stände, zu versuchen, um sie dem Geist des Bösen streitig zu machen, der schon die Hand nach ihr ausstreckte.

»Sie sehen, Gnädige, wir müssen mit unsern Schmerzen am Leben bleiben, und die Religion allein bietet uns wahren Trost. Erlauben Sie mir, wiederzukommen – hören Sie noch öfter die Stimme eines Mannes, der mit allen Schmerzen mitzufühlen weiß, und im Grunde, wie ich doch glaube, nichts allzu Abschreckendes an sich hat.«

»Ja, Herr Pfarrer, kommen Sie. Ich danke Ihnen, daß Sie an mich gedacht haben.«

»Gut, Gnädige, auf baldiges Wiedersehen!«

Dieser Besuch löste sozusagen die Spannung in der Seele der Marquise, deren Kräfte durch Gram und Einsamkeit schon zu sehr aufgerieben waren. Der Priester ließ in ihrem Herzen einen Balsam und den heilsamen Widerhall seiner frommen Worte zurück. Sie empfand nun jene Beruhigung, die den Gefangenen erquickt, wenn er die Tiefe seiner Einsamkeit und die Schwere seiner Ketten erkannt hat und nun plötzlich durch ein Klopfen an der Mauer erfährt, daß er einen Nachbarn hat, der durch diesen Ton mit ihm in Gedankenaustausch tritt. Sie hatte unverhofft einen Vertrauten gefunden.

Aber sie versank bald wieder in ihre finsteren Betrachtungen und sagte sich, wie der Gefangene, ein Leidensgefährte könne weder die Fesseln noch die Schrecken der Zukunft erleichtern. Der Pfarrer hatte sie bei seinem ersten Besuch in ihrem ganz egoistischen Schmerz nicht gleich kopfscheu machen wollen; aber er hoffte, daß es seiner Kunst gelingen werde, in einer zweiten Unterredung sie um einige Schritte weiter der Religion zuzuführen.

Am übernächsten Tage kam er denn auch, und der Empfang, den die Marquise ihm bereitete, ließ erkennen, daß sein Besuch erwünscht war.

»Nun, Frau Marquise,« sagte der Greis, »haben Sie ein wenig über die Menge menschlicher Leiden nachgedacht? Haben Sie die Augen gen Himmel erhoben? Haben Sie die Unermeßlichkeit von Welten gesehen, die uns in unserm Dünkel so klein macht, unsern eiteln Stolz zerdrückt und unser Weh verringert …?«

»Nein, Herr Pfarrer,« sagte sie, »die gesellschaftlichen Gesetze lasten mir zu schwer auf dem Herzen und zerreißen es mir zu schmerzlich, als daß ich mich zum Himmel aufschwingen könnte. Aber die Gesetze sind vielleicht nicht so grausam, wie die Sitten der Gesellschaft. O, die Gesellschaft!«

»Wir müssen sowohl den Gesetzen wie den Sitten gehorchen, Gnädige. Das Gesetz bildet die Losung der Gesellschaft, die Sitten regeln ihre Handlungen.«

»Sich der Gesellschaft fügen?« versetzte die Marquise mit einer unwillkürlichen Gebärde des Schmerzes. »Herr Pfarrer, das ist ja eben die Quelle aller unserer Leiden. Gott hat nicht ein einziges Gesetz des Unglücks geschaffen; aber die Menschen taten sich zusammen und haben ihm ins Handwerk gepfuscht. Wir, wir Frauen, erleiden durch die Zivilisation mehr Mißhandlungen, als durch die Natur. Die Natur legt uns physische Schmerzen auf, die ihr Männer uns nicht erleichtert, und die Zivilisation hat Gefühle entwickelt, die ihr fortwährend verletzt. Die Natur läßt die schwachen Wesen eingehen, aber die Zivilisation verurteilt sie zum Leben und überliefert sie andauerndem Unglück. Die Ehe, eine Einrichtung, auf der heute die Gesellschaft beruht, bürdet die Lasten, die sie mit sich bringt, ganz allein uns auf. Für den Mann die Freiheit, für die Frau Pflichten. Wir müssen euch unser ganzes Leben weihen, ihr uns nur vereinzelte Augenblicke. Und dann trifft der Mann nur eine Wahl, wo wir uns blind unterwerfen. O, Herr Pfarrer, Ihnen kann ich alles sagen. Nun denn, die Ehe, wenigstens wie sie sich heute gestaltet hat, scheint mir nur eine gesetzlich erlaubte Prostitution zu sein. Und daraus sind meine Leiden entstanden. Aber ich allein unter den unglücklichen, so schrecklich verkuppelten Geschöpfen, muß schweigen! Ich bin ja allein die Urheberin meines Elends, ich habe meine Ehe gewollt!«

Sie hielt inne, vergoß bittere Tränen und schwieg.

»In diesen Untiefen des Jammers, in diesem Ozean des Schmerzes,« fuhr sie fort, »habe ich eine Sandbank gefunden, auf die ich den Fuß setzte, wo ich in Ruhe leiden konnte: ein Orkan hat alles hinweggerissen. Nun bin ich allein, ohne Stütze, zu schwach gegen die Stürme.«

»Wir sind nie schwach, wenn Gott mit uns ist,« sagte der Priester. »Und wenn Sie übrigens hienieden keine Liebe mehr zu befriedigen haben, haben Sie dann nicht doch noch Pflichten zu erfüllen?«

»Immer Pflichten!« rief sie ungeduldig. »Aber wo sind für mich die Gefühle, die uns die Kraft geben, sie zu erfüllen? Herr Pfarrer, nichts aus nichts oder nichts für nichts, das ist eins der gerechtesten Gesetze der moralischen wie der physischen Natur. Sollen etwa diese Bäume grünes Laub treiben ohne den Saft, der die Knospen sprengt? Auch die Seele hat ihren Saft. Bei mir ist der Saft in der Quelle versiegt.«

»Ich will Ihnen nicht von den religiösen Gefühlen sprechen, die die Ergebung einflößt,« sagte der Pfarrer, »aber die Mutterschaft, Gnädige, ist denn das nicht –?«

»Halten Sie inne, Herr Pfarrer,« sagte die Marquise. »Gegen Sie werde ich aufrichtig sein. Ich kann es hinfort gegen niemand sonst mehr sein, ich bin zur Unwahrheit verurteilt; die Gesellschaft verlangt ein fortwährendes Fratzenschneiden, und unter der Strafe der Schändung gebietet sie uns, ihren Förmlichkeiten zu gehorchen. Es gibt zweierlei Mutterschaft, Herr Pfarrer. Ehemals wußte ich nichts von solchen Unterscheidungen; heute kenne ich sie. Ich bin nur zur Hälfte Mutter – besser wär's, es gar nicht zu sein! Helene ist nicht von ihm! O, erschrecken Sie nicht. Saint-Lange ist ein Abgrund, darin viele falschen Gefühle versunken sind, draus unheilvolles Licht hervorgegangen ist, in den die gebrechlichen Gebäude der widernatürlichen Gesetze hinabgestürzt sind. Ich habe ein Kind, das genügt. Ich bin Mutter, so will es das Gesetz. Aber Sie, Herr Pfarrer, der Sie eine so fein mitfühlende Seele haben, werden vielleicht den Weheschrei einer armen Frau verstehen, die nie ein falsches Gefühl in ihr Herz hat dringen lassen. Gott wird mich richten, aber ich glaube doch nicht gegen seine Gesetze zu verstoßen, wenn ich den Regungen nachgebe, die er mir in die Seele gepflanzt hat, und folgendes habe ich nun darin gefunden: Ist nicht ein Kind, Herr Pfarrer, das Abbild zweier Wesen, die Frucht zweier ganz ineinander verschmolzenen Gefühle? Wenn es nicht mit allen Fibern des Leibes, wie mit aller Liebe des Herzens verwachsen ist, wenn es nicht an kostbare Wonnen, an die Zeiten und Orte, wo diese beiden Wesen glücklich waren, an ihre Sprache voll menschlicher Musik und an ihren süßen Gedankenaustausch erinnert, dann ist ein Kind ein verfehltes Werk. Ja, für sie muß es ein entzückendes Miniaturbild sein, in welchem sie die Poesie ihres geheimen Doppellebens wiederfinden. Es muß für sie eine Quelle furchtbarer Regungen sein, muß zugleich all ihre Vergangenheit und all ihre Zukunft sein. Meine arme, kleine Helene ist das Kind ihres Vaters, das Kind der Pflicht und des Zufalls; sie erweckt in mir nur den Instinkt des Weibes, ich stehe für sie nur auf dem Boden des Gesetzes, das unwiderstehlich antreibt, das Geschöpf zu beschützen, das unser Schoß gebar. Ich bin nicht zu tadeln, im Sinne der Gesellschaft. Habe ich der Tochter nicht mein Leben und mein Glück geopfert? Ihr Schreien erschüttert mich im Innersten; wenn sie ins Wasser fiele, würde ich nachspringen, sie herauszuholen. Aber sie ist nicht in meinem Herzen. Ach, die Liebe hat mir den Traum einer erhabeneren, vollkommeneren Mutterschaft vorgegaukelt; und in einem erloschenen Traume habe ich das Kind liebkost, nach dem mein Herz verlangte und das unerzeugt blieb: die köstliche Blume, die schon in der Seele wächst, ehe sie im Leibe wachsen kann. Ich bin für Helene das, was nach der natürlichen Ordnung eine Mutter für ihren Sprößling sein muß. Wenn sie meiner einmal nicht mehr bedarf, so ist eben, kurz gesagt, die Ursache verschwunden, und damit hören auch die Wirkungen auf. Wenn die Mutter das anbetungswürdige Vorrecht hat, die Mutterschaft auf das ganze Leben ihres Kindes auszudehnen, dann muß wohl diese göttliche Dauer des Gefühls dem Lichtschein einer seelischen Empfängnis zugeschrieben werden. Wenn das Kind nicht zu allererst schon in der Seele der Mutter gebildet wird, dann dauert die Mutterschaft nur eine gewisse Zeit und hört auf, wie es bei den Tieren der Fall ist. Und es ist wahr, ich fühle es: je größer meine arme Kleine wird, um so mehr löst mein Herz sich von ihr los. Die Opfer, die ich ihr gebracht, haben mich ihr schon entfremdet, während bei einem andern Kinde, das fühle ich, mein Herz unerschöpflich sein würde. Für dieses andere würde überhaupt nichts ein Opfer sein – alles wäre Freude gewesen. Hier, Herr Pfarrer, vermögen in mir die Religion und die Vernunft nichts gegen meine Gefühle auszurichten. Hat sie unrecht, wenn sie sterben will, die Frau, die weder Mutter noch Gattin ist, die zu ihrem Unglück einen Blick in die grenzenlosen Schönheiten der wahren Liebe, in die unermeßlichen Freuden der rechten Mutterschaft getan hat? Was kann aus ihr werden? Ich werde Ihnen sagen, was sie fühlt. Hundertmal am Tage, hundertmal in der Nacht schüttelt ein Schauer mir Hirn, Herz und Leib, wenn eine nur schwach abgewehrte Erinnerung mir die Bilder eines Glückes vorführt, das ich mir größer vorstelle, als es vielleicht sein würde. Diese grausamen Phantasien nehmen meinen Gefühlen alle Wärme, und ich frage mich: ›Wie würde mein Leben sein, wenn –?‹«