»Sie begreifen,« fuhr er fort, »ich habe kein Verlangen, mir die Müßiggänger auf den Straßen von Bordeaux anzusehen. Andererseits soll aber auch durch die reizvollen Gefahren unsers Zigeunerlebens, durch die Szenerie des südlichen Amerika, durch unsere tropischen Nächte, durch unsere Schlachten und durch das Vergnügen, die Flagge einer jungen Nation oder eines Simon Bolivar zum Siege zu führen, Ihre Vaterlandsliebe nicht zum Wanken gebracht werden. Wir müssen uns also trennen. Eine Schaluppe und zuverlässige Leute werden Sie begleiten. Hoffen wir auf ein drittes und dann glücklicheres Zusammentreffen.«

»Victor, ich möchte noch einen Augenblick mit meinem Vater sprechen,« sagte Helene in schmollendem Tone.

»In zehn Minuten kann uns eine französische Fregatte auf den Fersen sein. Doch, mir soll's recht sein! Wir werden ein Tänzchen aufführen. Meine Leute –«

»O, gehen Sie, mein Vater!« rief die Frau des Seemanns, »und bringen Sie meiner Schwester, meinen Brüdern und – und meiner Mutter,« setze sie hinzu, »diese Pfänder des Andenkens.«

Sie nahm eine Handvoll kostbarer Steine, Halsbänder und Schmucksachen, wickelte sie in einen Kaschmirschal und bot sie schüchtern dem Vater an.

»Was soll ich ihnen von dir sagen?« fragte er und schien betroffen, daß seine Tochter so auffällig gestockt hatte, ehe sie das Wort Mutter aussprach.

»O, können Sie an meiner Seele zweifeln? Ich bete täglich um Ihrer aller Glück.«

»Helene,« antwortete der Greis und sah sie aufmerksam an, »soll ich dich nicht mehr wiedersehen? Werde ich niemals den wahren Beweggrund deiner Flucht erfahren?«

»Dieses Geheimnis gehört nicht mir,« sagte sie in ernstem Tone. »Und hätte ich das Recht, es Ihnen mitzuteilen, so würde ich es vielleicht dennoch nicht sagen. Ich habe zehn Jahre lang unerhörtes Unrecht erlitten …«

Sie sprach nicht weiter und streckte dem Vater die Kostbarkeiten hin, die sie für ihre Angehörigen bestimmt hatte. Der General war vom Kriege her gewöhnt, im Punkte der sogenannten Beute ein weites Gewissen zu haben, und nahm die Geschenke an, die die Tochter ihm bot. Er dachte bei sich, daß unter der Einwirkung einer so reinen und erhabenen Seele, wie Helene sie besaß, der Pariser Kapitän ein ehrlicher Mensch bleiben und sich darauf beschränken würde, gegen die Spanier zu kämpfen.

Er ließ sich daher von seiner alten Vorliebe für alle Tapferkeit hinreißen. Überdies, dachte er sich, wäre es auch lächerlich gewesen, sich zugeknöpft zu verhalten; er drückte somit dem Korsaren kraftvoll die Hand, küßte seine Helene, seine einzige Tochter, mit der den Soldaten eigenen Herzhaftigkeit und ließ eine Träne auf das Gesicht fallen, dessen stolzer, fast mannhafter Ausdruck ihm mehr als einmal zugelächelt hatte.

Der Seemann hielt ihm gerührt seine Kinder hin, daß er sie segne. Endlich sagten sie sich alle mit einem letzten, langen Blick voll Zärtlichkeit Lebewohl.

»Seid allzeit glücklich!« rief der General und eilte aufs Verdeck.

Auf der See bot sich dem General ein seltsames Schauspiel. Der in Brand gesteckte »Sankt Ferdinand« loderte wie ein riesiges Strohfeuer. Die Matrosen, die damit beauftragt worden waren, die spanische Brigg zu versenken, hatten an Bord eine Ladung von Rum entdeckt, davon man auf dem »Othello« reichlichen Vorrat führte, und sie fanden es nun spaßhaft, mitten auf dem Meer eine große Punschbowle anzuzünden.

Für Leute, die die anscheinende Eintönigkeit des Ozeans alle Gelegenheiten ergreifen ließ, um eine Abwechslung in ihr Leben zu bringen, war das eine verzeihliche Zerstreuung. Als der General von der Brigg in die Schaluppe des »Sankt Ferdinand« stieg, die mit sechs kräftigen Matrosen bemannt wurde, war seine Aufmerksamkeit unwillkürlich zwischen dem Brande des spanischen Schiffs und seiner Tochter geteilt, die an der Seite des Korsaren stand. Beide waren auf das Heck ihres Fahrzeugs getreten.

Bestürmt von einem Heere von Erinnerungen, sah er nun das weiße Kleid Helenens leicht wie ein Schleier im Winde wehen, sah gegen den Hintergrund von Meer und Himmel diese schöne, hehre Gestalt, die ihre ganze Umgebung, ja die weite Flut selbst zu beherrschen schien – und da vergaß er mit der Sorglosigkeit eines alten Soldaten, der über Berge von Leichen geritten war, daß er auf dem Grabe des wackeren Gomez schwamm.

Über ihm erhob sich eine ungeheure Rauchsäule, wie eine braune Wolke, und die Sonne durchdrang sie hier und dort und erleuchtete sie in poetischem Schimmer. Es war ein zweiter Himmel, ein finsterer Dom, unter dem es zuckte und glühte und über den sich der unabänderliche Azur des Firmaments wölbte, das durch diese flüchtige Gegenüberstellung nur noch tausendmal schöner erschien.

Die bizarren Farben dieses Rauchs, abwechselnd gelb, goldig, rot, schwarz, dunstig durcheinander gemischt, überzogen das Schiff; es knisterte, krachte und kreischte. Die Flamme zischte, das Tauwerk zerfressend, und lief in dem Fahrzeug herum, wie ein Volksaufstand durch die Straßen einer Stadt läuft.

Der Rum erzeugte blaue Flammen, die auf und nieder tanzten, als wenn der Genius des Meers diesen rasenden Likör angesteckt hätte, gerade wie die Hand eines Studenten bei einer Zecherei das lustige Feuerwerk eines Punsches spielen läßt. Allein die Sonne mit ihrer noch gewaltigen Leuchtkraft, eifersüchtig auf diesen dreist auflodernden Schein, ließ in ihren hellen Strahlen kaum das Farbenspiel dieses Brandes erkennen.

Der »Othello« benützte, um sich zu entfernen, den geringen Wind, den er auf seinem neuen Kurse auffangen konnte, und neigte sich bald nach der einen, bald nach der andern Seite, wie ein Papierdrache, der in den Lüften schaukelt.

Die schöne Brigg nahm geradeswegs Kurs nach Süden, und bald verschwand sie den Blicken des Generals im phantastischen Schatten von Wolken, bald zeigte sie sich wieder, anmutig über die Flut dahingleitend.

Jedesmal, wenn Helene ihren Vater sehen konnte, winkte sie mit dem Taschentuche noch einen Gruß herüber. Binnen kurzem versank der »Sankt Ferdinand« und rief einen Strudel hervor, der sich aber bald auf der weiten Meeresfläche verlaufen hatte. Von der ganzen Szene war nun nichts mehr zu sehen, als eine Rauchwolke, die vom Winde hinweggetragen wurde. Der »Othello« war schon fern. Die Schaluppe näherte sich dem Lande, und die Wolke schob sich zwischen das kleine Fahrzeug und die Brigg. Zum letztenmal sah der General seine Tochter durch eine Spalte, die der Wind in den schwimmenden Rauch riß.

Eine prophetische Vision! Das weiße Taschentuch und das weiße Kleid allein hoben sich gegen diesen dunkeln Hintergrund ab. Zwischen dem grünen Wasser und dem blauen Himmel war die Brigg selbst nicht mehr zu sehen. Helene war nur noch ein kaum erkenntlicher Punkt, eine zarte, von allem andern losgelöste Linie, ein Engel im Himmel, eine Idee, eine Erinnerung.


Nachdem der Marquis den Reichtum seiner Familie wiederherstellt hatte, starb er, von den großen Anstrengungen der letzten Jahre aufgerieben. Wenige Jahre nach seinem Tode mußte die Marquise mit Moina in ein Bad der Pyrenäen fahren. Das launenhafte Kind wollte die Schönheiten dieser Berge kennen lernen. Als sie von einem Ausflug ins Gebirge nach dem Bade zurückkehrten, trug sich folgende Szene zu:

»Mein Gott,« sagte Moina, »wir sind töricht gewesen, Mama, daß wir nicht noch ein paar Tage länger in den Bergen geblieben sind. Wir wären dort besser aufgehoben gewesen als hier. Hast du das fortgesetzte Jammern dieses verwünschten Kindes und das Geplärr dieser unglücklichen Frau gehört, die ohne Zweifel lauter Kauderwelsch zusammenredet, denn ich habe noch kein Wort von dem, was sie sagt, verstanden. Was für eine Sorte Menschen hat man uns da zu Nachbarn gegeben? Diese Nacht war eine der schrecklichsten, die ich in meinem Leben zugebracht habe!«

»Ich habe nichts gehört,« antwortete die Marquise, »aber ich werde die Wirtin aufsuchen, mein liebes Kind, und mir die Stube nebenan ausbitten. Dort werden wir ungestört sein und keinen Lärm mehr hören. Wie fühlst du dich heute morgen? Bist du abgespannt?«

Bei diesen Worten war die Marquise aufgestanden, um an Moinas Bett zu treten.

»Laß sehen,« sagte sie zu ihr und suchte nach der Hand der Tochter.

»O, laß mich, Mutter,« antwortete Moina, »du bist kalt.«

Indem sie so sprach, drehte sie sich schmollend auf dem Kopfkissen herum, aber die Bewegung war trotzdem so anmutig, daß eine Mutter sich nicht wohl dadurch gekränkt fühlen konnte. In diesem Augenblick erscholl in dem Nachbarzimmer ein Klagelaut, so langgezogen und innig, daß ein Frauenherz davon tief gerührt werden mußte.

»Aber wenn du das die ganze Nacht mitangehört hast, warum hast du mich dann nicht geweckt? Wir hätten – –«

Jetzt unterbrach ein lautes Stöhnen die Marquise, und sie rief:

»Da stirbt jemand.«

Und sie ging rasch hinaus.

»Schicke mir Pauline,« rief Moina, »ich will mich anziehen.«

Die Marquise ging sogleich hinunter und fand die Wirtin im Hofe, zwischen mehreren Leuten, die ihr aufmerksam zuzuhören schienen.

»Frau Wirtin, Sie haben jemand neben uns einquartiert, und diese Person scheint sehr viel zu leiden –«

»Ach, sprechen Sie nicht davon!« rief die Wirtin. »Ich habe eben nach dem Bürgermeister geschickt. Stellen Sie sich nur vor, es ist eine Frau, eine arme Unglückliche, die gestern abend zu Fuß angekommen ist, von Spanien her. Sie hat keinen Paß und kein Geld. Sie trug auf dem Rücken ein kleines Kind, das im Sterben ist. Ich konnte mir nicht versagen, sie hier aufzunehmen. Heute morgen bin ich selbst zu ihr gegangen; denn gestern bei ihrer Ankunft war mir's nicht so recht geheuer. Die arme kleine Frau! Sie hatte sich mit ihrem Kinde hingelegt, und beide rangen mit dem Tode. ›Frau‹, sagte sie zu mir und zog einen goldenen Ring vom Finger, ›ich besitze nichts mehr als das, nehmen Sie ihn, um sich bezahlt zu machen. Er wird dafür ausreichen, denn mein Aufenthalt hier wird nicht lange währen. Armes Kleinchen, wir werden zusammen sterben.‹ – Damit meinte sie ihr Kind. Ich habe ihren Ring genommen und sie gefragt, wer sie sei. Aber sie wollte mir um keinen Preis ihren Namen sagen. Ich habe nun nach dem Arzt und dem Bürgermeister geschickt.«

»Aber,« rief die Marquise, »lassen Sie ihr alle Hilfe angedeihen, die ihr vonnöten ist! Mein Gott, vielleicht ist's noch Zeit, sie zu retten. Ich werde Ihnen alles bezahlen, was die Sache kostet.«

»Ach, Madame, sie scheint recht stolz zu sein, und ich weiß nicht, ob sie das annehmen wird.«

»Ich werde sie aufsuchen.«

Sogleich stieg die Marquise zu der Unbekannten hinauf. Sie dachte nicht daran, wie sehr sie noch das Leid der schon im Sterben Liegenden vermehren sollte; denn Frau d'Aiglemont ging noch in Trauer. Die Marquise erbleichte beim Anblick der Unglücklichen. Trotz der schrecklichen Leiden, die Helenens Schönheit entstellt hatten, erkannte sie ihre ältere Tochter.

Als Helene eine schwarz gekleidete Frau erblickte, richtete sie sich auf, stieß einen Schrei des Entsetzens aus und sank auf ihr Bett zurück – sie sah in dieser Frau ihre Mutter vor sich.

»Meine Tochter,« sagte Frau d'Aiglemont, »was fehlt Ihnen? – Pauline! Moina!«

»Nichts fehlt mir,« antwortete Helene mit schwacher Stimme. »Ich hoffte, meinen Vater wiederzusehen. Doch Ihre Trauer verkündet mir –«

Sie beendete den Satz nicht, drückte ihr Kind ans Herz, wie um es zu wärmen, küßte es auf die Stirn und warf ihrer Mutter einen Blick zu, der noch immer, wenn auch gemildert durch Verzeihung, einen Vorwurf ausdrückte. Die Marquise wollte diesen Vorwurf nicht sehen; sie vergaß, daß Helene ein einstmals in der Zeit der Tränen und der Verzweiflung empfangenes Kind war, das Kind der Pflicht, ein Kind, das die Ursache ihres größten Unglücks, ihrer schwersten Leiden gewesen war; und sie trat sanft auf die ältere Tochter zu, an nichts mehr denkend, als daß sie Helenen zuerst die Wonne der Mutterschaft verdankt hatte. Die Augen der Mutter waren voll von Tränen, und ihre Tochter küssend, rief sie:

»Helene, meine Tochter!«

Helene schwieg. Sie hatte auf den Seufzer ihres Kindes gelauscht.

In diesem Augenblick traten Moina, ihre Kammerfrau Pauline, die Wirtin und ein Arzt ein. Die Marquise hielt die eisige Hand ihrer Tochter in den ihren und sah sie mit aufrichtiger Verzweiflung an. In wildem Grimme über das Unglück – denn die Witwe des Seemanns war einem Schiffbruch entronnen und hatte daraus von ihrer ganzen schönen Familie nichts als ein Kind gerettet – sagte sie in furchtbarem Tone zu ihrer Mutter:

»Dies alles ist Ihr Werk! Wenn Sie mir das gewesen wären, was –«

»Moina, geh' hinaus – gehen Sie alle hinaus!« rief Frau d'Aiglemont, Helenens Stimme überschreiend. »Um Gottes willen, meine Tochter,« fuhr sie fort, »lassen Sie uns in diesem Augenblick nicht den unglücklichen Kampf von neuem beginnen …«

»Ich werde schweigen,« antwortete Helene mit einer übernatürlichen Anstrengung. »Ich bin selbst Mutter und weiß, Moina darf nicht – wo ist mein Kind?«

Moina, von Neugierde getrieben, kehrte zurück.

»Meine Schwester,« sagte dieses verzogene Kind, »der Arzt …«

»Alles ist unnütz,« antwortete Helene. »Ach, warum bin ich nicht mit sechzehn Jahren gestorben, als ich mir das Leben nehmen wollte? Das Glück ist niemals außerhalb der Gesetze zu finden – Moina – du –«

Sie starb – ihr Kopf sank über den des Kindes hernieder, das sie krampfhaft an sich gepreßt hatte.

»Deine Schwester hat dir ohne Zweifel sagen wollen, Moina,« sagte Madame d'Aiglemont, als sie in ihr Zimmer zurückgekehrt war, wo sie in Tränen zerfloß, »daß ein Mädchen niemals das Glück in einem romantischen Dasein, außerhalb der einmal gültigen und ihr eingeprägten Begriffe, und vor allem nicht fern von der Mutter finden kann.«


6. Kapitel.

Eine schuldige Mutter im Alter.

An einem der ersten Tage des Juni 1848 erging sich eine Dame von etwa fünfzig Jahren, die jedoch noch älter aussah, als es ihrem eigentlichen Alter entsprochen hätte, im Mittagsonnenschein auf einer Allee im Garten eines großen in der Rue Plumet zu Paris gelegenen Hauses. Nachdem sie ein paarmal auf dem leicht gewundenen Pfade hin und her gewandelt war, den sie nicht verließ, um die Fenster eines Zimmers, die ihre ganze Aufmerksamkeit zu beanspruchen schienen, nicht aus den Augen zu verlieren, setzte sie sich auf einen jener halb ländlichen Stühle, die man aus den noch mit der Rinde versehenen Ästen junger Bäume anfertigt. Von diesem Platze aus konnte die Dame durch eines der in die Umfassungsmauern eingefügten Gittertore sowohl die inneren Boulevards, in deren Mitte der prachtvolle Invalidendom seine goldene Kuppel über die Wipfel unzähliger Ulmen emporreckt – ein herrliches Landschaftsbild – wie auch den weniger großartigen Anblick ihres Gartens genießen, der durch die graue Fassade eines der schönsten Häuser von ganz Faubourg Saint-Germain begrenzt wurde.

Dort war noch alles still, in den Nachbargärten, auf den Boulevards und an der Kirche; denn in diesem vornehmen Viertel beginnt der Tag kaum gegen Mittag. Wenn nicht etwas besonderes vorliegt, wenn nicht gerade mal eine junge Dame ausreiten will oder ein alter Diplomat ein Protokoll aufzunehmen hat, schläft dort um diese Stunde noch alles, Herren und Diener, oder man steht höchstens eben erst auf.

Die so früh schon wache Dame war die Marquise d'Aiglemont, die Mutter der Frau de Saint-Héreen, der dieses schöne Haus gehörte. Die Marquise hatte es an die Tochter abgetreten, der sie ihr ganzes Vermögen geschenkt hatte. Für sich selbst hatte sie nur eine kleine lebenslängliche Rente zurückbehalten. Die Komtesse Moina de Saint-Héreen war das letzte Kind, das der Frau d'Aiglemont verblieben war. Um die Heirat mit dem Erben eines der berühmtesten und vornehmsten Häuser von Frankreich zu ermöglichen, hatte die Marquise alles geopfert. Auch war nichts natürlicher. Sie hatte nacheinander zwei Söhne verloren. Der eine, Gustav Marquis d'Aiglemont, war an der Cholera gestorben; der andere, Abel, war vor Constantine[2] gefallen. Gustav hinterließ Kinder und eine Witwe. Aber die an sich schon laue Zuneigung, die Frau d'Aiglemont für ihre Söhne gehabt hatte, schwächte, auf ihre Enkel übergehend, natürlich noch mehr ab. Sie benahm sich freundlich gegen Madame d'Aiglemont die Jüngere, aber sie hielt sich in den Grenzen des oberflächlichen Gefühls, die der gute Ton und das Herkommen im Verkehr mit Verwandten vorschreiben.

[2] Stadt in Algerien, die am 13. Oktober 1837 von Marschall Balée erobert wurde.

Da die Vermögensverhältnisse der beiden nun toten Söhne vollständig geregelt gewesen waren, so hatte sie ihre Ersparnisse und ihren eigenen Besitz ungeschmälert ihrer teuern Moina überweisen können.

Moina, seit ihrer Kindheit eine entzückende Schönheit, war allzeit für Frau d'Aiglemont der Gegenstand einer mit der Geburt entstandenen oder unwillkürlichen Bevorzugung gewesen, wie man sie bei Familienmüttern oft findet: eine bedenkliche Sympathie, die manchem unerklärlich scheint, die aber der Menschenkenner sich oft nur zu gut erklären kann. Das reizende Gesicht Moinas, die Stimme dieses Nesthäkchens, ihr Benehmen, ihre Haltung, ihre Gebärden, ihr Mienenspiel: alles an ihr erweckte bei der Marquise die tiefsten Gefühle, die überhaupt das Herz einer Mutter bewegen, beunruhigen oder erfreuen können. Ihr Leben von heute, ihr Leben von morgen und ihr vergangenes Leben wurzelte nun ganz im Herzen dieser jungen Frau, in das sie alles gelegt hatte, was es für sie noch an Reizen und Werten auf dieser Welt gab.

Moina war ja zum Glück allein noch von vier Kindern, die älter gewesen waren als sie, am Leben geblieben. Madame d'Aiglemont hatte, wie man sich in der Gesellschaft erzählte, auf höchst tragische Weise eine bildschöne Tochter verloren, deren Schicksal fast unbekannt geblieben war, und einen kleinen Jungen, der im Alter von fünf Jahren verunglückt war. Die Marquise erblickte ohne Zweifel einen Fingerzeig des Himmels in der Güte, die das Schicksal der Tochter ihres Herzens zu erzeigen schien, und bewahrte ihren vom launischen Tode schon hinweggerafften Kindern nur ein schwaches Erinnern. Sie ruhten in ihrem Herzen, etwa wie die Toten eines Schlachtfelds unter den flachen Hügeln, die die wuchernden Blumen des Feldes schon fast ganz unsichtbar gemacht haben.

Die Welt hätte die Marquise wegen dieser Gleichgültigkeit und Bevorzugung streng zur Rechenschaft ziehen können; aber die Welt von Paris wird von einem solchen Strom von Ereignissen, Moden und neuen Ideen hinweggerissen, daß das ganze Leben der Frau d'Aiglemont schon in Vergessenheit geraten sein mußte. Niemand dachte daran, ihr ein kaltes Benehmen, ein Vergessen zur Missetat anzurechnen, denn daran war niemand etwas gelegen, während ihre große Zärtlichkeit gegen Moina sehr viele Leute interessierte und alles das für sich hatte, was uns ein blindes Vorurteil unantastbar macht.

Auch ging die Marquise wenig in Gesellschaft; den meisten Familien, die sie kannten, galt sie für fromm, gut und nachsichtig. Um über diesen äußern Schein hinaus, mit dem sich die Gesellschaft begnügt, in jemandes Wesen einzudringen, muß ja schon eine ausnahmsweise lebhafte Teilnahme vorhanden sein. Und was verzeiht man nicht alten Leuten, die nur noch ein Schatten zu sein scheinen und nichts weiter sein wollen als eine Erinnerung? Kurz, Frau d'Aiglemont war ein Vorbild, auf das die Kinder wohlgefällig ihre Väter, die Schwiegersöhne ihre Schwiegermütter hinwiesen. Sie hatte vor der Zeit schon Moina all ihren Besitz abgetreten, ließ sich an dem Glück der jungen Komtesse genügen und lebte nur für sie.

Wenn vorsichtige alte Leute oder griesgrämige Onkel dieses Verhalten mit den Worten tadelten: »Madame d'Aiglemont wird es vielleicht eines Tages noch bereuen, zugunsten ihrer Tochter ihr Vermögen weggegeben zu haben; denn wenn sie auch das Herz der Frau de Saint-Héreen genau kennt, kann sie auch auf die Anständigkeit ihres Schwiegersohns ebenso bestimmt rechnen?« Dann erhob sich gegen diese Propheten ein allgemeiner Aufstand, und von allen Seiten regnete es Lobreden auf Moina.

»Man muß es bei Madame Saint-Héreen anerkennen,« sagte eine junge Frau, »sie sorgt dafür, daß die Mutter in der alten Umgebung und den alten Gewohnheiten weiterlebt. Madame d'Aiglemont ist wunderbar eingerichtet, hat einen Wagen, der ihr ganz allein zur Verfügung steht, und kann wie zuvor überall hingehen.«

»Bloß nicht in die Italienische Oper,« antwortete leise ein alter Schmarotzer, einer jener Menschen, die sich für befugt halten, ihren Freunden unter dem Vorwande, sich als unabhängig hinzustellen, allerlei Schmähreden über andere aufzutischen. »Die alte Dame schwärmt nur noch für Musik und spielt ihrem verhätschelten Kinde schnurrige Sachen vor. Sie war seinerzeit doch so hervorragend musikalisch. Aber da die Loge der jungen Komtesse immer von jungen Schmetterlingen umgaukelt ist und die Alte das kleine Dämchen stören würde, die man schon eine große Kokette nennt, so geht die arme Mama nie mehr in die Italienische Oper.«

»Madame de Saint-Héreen,« sagte ein heiratsfähiges Mädchen, »veranstaltet für ihre Mutter prachtvolle Soiréen und hält einen Salon, wo ganz Paris verkehrt.«

»Und kein Mensch sich um die Marquise kümmert,« setzte der Parasit hinzu.

»Tatsache ist, daß Madame d'Aiglemont nie allein ist,« bemerkte ein Geck, um den jungen Damen das Wort zu reden.

»Am Morgen,« antwortete der alte Menschenkenner mit leiser Stimme, »schläft die teure Moina. Um vier Uhr ist die teure Moina auf der Ausfahrt. Am Abend geht die teure Moina zu Balle oder ins Theater. Aber freilich, Madame d'Aiglemont kann die teure Moina sehen, wenn sie Toilette macht, oder während des Diners, wenn die teure Moina zufällig einmal mit ihrer Mutter speist. Vor etwa acht Tagen, mein Herr,« sagte der alte Schmarotzer und nahm den Arm eines schüchternen Lehrers, eines Neulings in dem Hause, wo man sich eben befand, »sah ich diese traurige, einsame Mutter an ihrem Kamin. ›Was haben Sie?‹ fragte ich sie. Die Marquise sah mich lächelnd an, aber sie hatte sicherlich geweint. >Ich dachte so bei mir,‹ sagte sie zu mir, ›es sei doch recht seltsam, daß ich nun so allein bin, nachdem ich fünf Kinder gehabt habe. Doch das ist unser Los. Und ich bin ja auch glücklich, wenn ich nur weiß, daß Moina sich vergnügt.‹ Sie konnte sich mir anvertrauen, denn ich habe seinerzeit ihren Mann sehr gut gekannt. Das war ein armer Kerl, und es war ein Glück für ihn, daß er sie zur Frau bekam, er hat ihr sicherlich seine Pairswürde und seine Stellung am Hofe Karls X. verdankt.«

Aber in das Geschwätz der Welt schleichen sich so viele Irrtümer ein, es entstehen leicht so tiefgehende Fehler, daß der Sittenchronist verpflichtet ist, die sorglos von so vielen Sorglosen hingeworfenen Behauptungen klug abzuwägen. Man darf es vielleicht nie aussprechen, wer unrecht habe, das Kind oder die Mutter. Zwischen zwei solchen Herzen gibt es nur einen Richter – und dieser Richter ist Gott! Gott verlegt oft seine Rache in den Schoß von Familien und bedient sich in Ewigkeit der Kinder gegen die Mütter, der Väter gegen die Söhne, der Völker gegen die Könige, der Fürsten gegen die Nationen – kurz, er spielt alles gegen alles aus, ersetzt in der geistigen Welt Gefühle durch Gefühle, wie die jungen Blätter im Frühling an die Stelle der alten treten, handelt nach einer unabänderlichen Ordnung und strebt in allem nur einem ihm allein bekannten Ziele zu. Ohne Zweifel geht ein jedes Ding in seinen Schoß oder, besser gesagt, kehrt dorthin zurück.

Diese religiösen Gedanken, den Herzen alter Leute so natürlich, zogen vereinzelt durch Madame d'Aiglemonts Seele; sie lagen dort noch halb im Schatten, bald tief auf dem Grunde, bald vollständig entfaltet, wie Blumen, die während eines Sturmes an die Oberfläche des Wassers gestiegen sind. Sie hatte sich hingesetzt, ermüdet, geschwächt von einem langen Grübeln, einer jener Träumereien, die das ganze Leben noch einmal heraufbeschwören und vor den Augen des von Todesahnung heimgesuchten Menschen vorbeiziehen lassen.

Diese vor der Zeit gealterte Frau wäre für einen auf dem Boulevard vorbeigehenden Dichter eine merkwürdige Erscheinung gewesen. Wenn man sie im feinen Schatten einer Akazie sitzen sah – in einem Akazienschatten zur Mittagszeit – so hätte alle Welt eins der tausend Dinge lesen können, die auf diesem Gesicht geschrieben standen, das selbst inmitten der warmen Sonnenstrahlen kalt und blaß blieb. Ihr ausdrucksvolles Gesicht drückte noch etwas Schwereres und Herberes aus, als nur das Bewußtsein zur Neige gehenden Lebens, noch etwas Tieferes, als ein von Prüfungen ermattetes Gemüt. Sie war eine jener Typen, die unter Tausenden von unbeachteten, weil charakterlosen Physiognomien uns stutzig machen und nachdenklich stimmen, ebenso wie man zwischen den tausend Gemälden eines Museums gewaltig gefesselt wird durch den erhabenen Kopf, auf dem Murillo den Mutterschmerz gemalt hat, oder durch das Gesicht der Beatrice Cenci, wo Guido über der Tiefe des verbrecherischsten Gemüts die rührendste Unschuld darstellt, oder durch das finstere Antlitz Philipps II., auf dem Velasquez für immer den majestätischen und abschreckenden Ausdruck der königlichen Würde festgehalten hat. Gewisse Menschengesichter sind despotische Bildnisse, die zu uns sprechen, in uns dringen, auf unsere geheimsten Gedanken antworten, ja zu vollkommenen Gedichten werden. Das eisige Antlitz der Madame d'Aiglemont war eine jener furchtbaren Poesien, eins jener Gesichter, die zu Tausenden in der »Divina Comedia« des Dante Alighieri auftauchen.

Während der raschen Blütezeit der Frau, eignen sich die Züge ihrer Schönheit wunderbar zu der Verstellung, die ihre natürliche Schwäche und unsere sozialen Gesetze ihr aufnötigen. Unter dem reichen Kolorit ihres frischen Gesichts, dem Feuer ihrer Augen, dem anmutigen Gewebe ihrer so zarten Züge, so vielfältiger gerader oder gebogener, doch reiner Linien, die ihr alle vollkommen zu Gebote stehen, können alle ihre Regungen geheim bleiben. Wenn die Röte die an sich schon lebhafte Farbe erhöht, so verrät sie dann noch gar nichts; alles innere Feuer mischt sich dann noch so gut in den Glanz dieser lebensvoll strahlenden Augen, daß die flüchtige Flamme eines Unglücks dort nur als ein Reiz mehr in Erscheinung tritt.

Nichts ist so verschwiegen, wie ein junges Gesicht, weil nichts unbeweglicher ist. Das Gesicht einer jungen Frau hat die Ruhe, die Glätte, die Frische, die die Oberfläche eines Sees zeigt. Der charakteristische Ausdruck fängt bei den Frauen erst mit dreißig Jahren an. Bis dahin findet der Maler in ihren Gesichtern nur Rosa und Weiß, das Lächeln und den Ausdruck, dem immer wieder ein und derselbe Gedanke zugrunde liegt, ein allgemeiner Gedanke ohne Tiefe, nämlich das Bewußtsein der Jugend und der Liebe. Aber im Alter hat alles bei der Frau seine Rolle gespielt, die Leidenschaften haben sich auf ihrem Gesicht eingeprägt, sie ist Liebende, Gattin, Mutter gewesen; die heftigsten Ausdrücke der Freude und des Schmerzes haben ihre Züge entstellt und tausend Furchen gegraben, die alle eine Sprache reden. Dann wird ein Frauenkopf entweder erhaben in seiner Schreckhaftigkeit, schön in seiner Schwermut oder großartig in seiner Ruhe. Wenn es erlaubt ist, dieses sonderbare Gleichnis weiterzuspinnen, so könnte man sagen, der ausgetrocknete See ließe dann die Spuren aller Bäche erkennen, die ihn gebildet hatten. Ein Frauenkopf gehört dann weder der Gesellschaft, die in ihrer Frivolität zurückschreckt vor dem Abbilde der vernichtenden Wirkung, die die geliebten und gewöhnlichen Begriffe von Eleganz und Lebensfreude dort ausgeübt haben, noch gehört er den Alltagskünstlern an, die darin nichts entdecken – er gehört den wahren Poeten, denn sie allein würdigen und erkennen das Schöne unabhängig von dem Herkommen und dem Vorurteil, welchem beiden allein gar vieles seinen Ruf des Schönen und Künstlerischen verdankt.

Obwohl Madame d'Aiglemont einen modernen Hut trug, war doch leicht zu erkennen, daß ihr einstmals schwarzes Haar infolge heftiger Aufregungen weiß geworden war. Aber die Art, wie sie es scheitelte, verriet ihren guten Geschmack, bekundete die anmutigen Gewohnheiten der vornehmen Dame und umrahmte wirksam die welke, gefurchte Stirn, die noch immer Spuren ihres ehemaligen Glanzes aufwies.

Der Gesichtsschnitt, die Regelmäßigkeit der Züge gaben noch heute einen allerdings nur schwachen Begriff von der großen Schönheit, auf die sie einmal hatte stolz sein dürfen; aber noch besser erkannte man daran, wie tief und furchtbar die Schmerzen gewesen sein mußten, da sie dieses Gesicht, diese Schläfen, diese Wangen hohl gemacht und die Augen ihrer Wimpern beraubt hatten, die den Blick so anmutig machen.

An dieser Frau war alles Schweigen; ihr Gang und ihre Bewegungen hatten die ernste, gefaßte Langsamkeit, die immer Ehrfurcht erweckt. Ihre Bescheidenheit, fast zur Schüchternheit geworden, schien die Folge der Gewohnheit, die sie seit einigen Jahren hatte: vor ihrer Tochter in den Hintergrund zu treten. Sie sprach sehr selten und sehr sanft, wie alle Leute, die viel nachdenken, sich sammeln und gezwungen sind, für sich selbst zu leben.

Dieses Benehmen erweckte ein unerklärliches Gefühl, das weder Furcht noch Mitleid war, in das sich aber geheimnisvoll alle Ideen mischten, welche diese einander so entgegengesetzten Regungen auslösen. Die Natur ihrer Furchen, die Art, wie ihr Gesicht sich in Falten gelegt hatte, die Fahlheit ihres Blicks – das alles zeugte dafür, daß sie jene Tränen geweint hatte, die, vom Herzen aufgezehrt, nie zur Erde fallen. Ein Unglücklicher, der gewöhnt war, zum Himmel hinaufzuschauen, um ihn in den Unbilden seines Daseins anzurufen, hätte leicht in den Augen dieser Mutter gelesen, daß ein grausames Los es ihr zur Gewohnheit gemacht hatte, jede Stunde des Tages zu beten, hätte auch die geheimen Spuren des seelischen Meltaus entdeckt, der alle Blüten des Gemüts, bis hinab auf das Gefühl der Mutterschaft, vernichtet.

Maler haben wohl Farbe für solche Porträts; aber Gedanken und Worte sind nicht imstande, sie getreu zu zeichnen. Es findet sich in den Tönen der Haut und im ganzen Gepräge des Gesichts manches unerklärliche Phänomen, das, vom Auge gesehen, sogleich zur Seele dringt; aber wenn der Dichter eine so furchtbare Veränderung des Gesichtsausdrucks begreiflich machen will, so steht ihm kein anderes Mittel zur Verfügung, als die Ereignisse zu berichten, auf die sie zurückzuführen ist. Dieses Gesicht deutete auf einen Sturm, der sich kalt und in aller Stille abgespielt hatte, auf einen geheimen Kampf zwischen dem Heroismus des mütterlichen Schmerzes und der Unbeständigkeit unserer Gefühle, die, wie wir selbst, ihr Ende finden und nichts Endloses in sich tragen.

Diese unaufhörlich ins Innere der Seele zurückgedrängten Leiden hatten auf die Dauer dieser Frau etwas seltsam Krankhaftes verliehen. Ohne Zweifel hatten allzu heftige Erschütterungen das Mutterherz auch körperlich beeinträchtigt, und eine Krankheit, vielleicht eine Herzerweiterung, bedrohte langsam ihr Leben, ohne daß Julie sich dessen bewußt war. Die wahren Schmerzen liegen anscheinend so ruhig in dem tiefen Bett, das sie sich bereiten – sie scheinen dort zu schlummern, aber sie nagen noch immer an der Seele, gleich jener furchtbaren Säure, die das Kristall zerfrißt.

In diesem Augenblick rannen zwei Tränen an den Wangen der Marquise hinab, und sie erhob sich, als wenn ein Gedanke, schmerzlicher als alle anderen, ihr plötzlich weh getan hätte. Sie hatte ohne Zweifel über Moinas Zukunft nachgedacht. Und indem sie die Schmerzen voraussah, die ihrer Tochter harrten, fiel ihr alles Unglück des eigenen Lebens wieder schwer aufs Herz.

Die Lage dieser Mutter wird verständlich sein, sobald wir die ihrer Tochter dargelegt haben.

Graf Saint-Héreen war vor einem halben Jahre abgereist, um eine politische Mission zu erfüllen. Moina, die zu aller Eitelkeit der geliebten Frau noch die Launen des verhätschelten Kindes hinzufügte, hatte teils aus Leichtsinn, teils zur Befriedigung der tausend weiblichen Koketterien, und vielleicht auch um deren Macht zu erproben, während der Abwesenheit ihres Gatten ein Vergnügen daran gefunden, mit der Leidenschaft eines gewandten, doch herzlosen Mannes zu spielen, denn wenn dieser auch erklärte, vor Liebe toll zu sein, so war es doch eben nur jene Liebe, die sich mit all dem kleinlichen gesellschaftlichen Ehrgeiz des Gecken verträgt. Madame d'Aiglemont, die eine langjährige Erfahrung gelehrt hatte, das Leben zu kennen, die Männer zu beurteilen, die Gesellschaft zu fürchten, hatte die fortschreitende Entwickelung dieser Liebelei beobachtet und ahnte nun den Untergang ihrer Tochter, da sie sie in die Hände eines Mannes gefallen sah, dem nichts heilig war.

Mußte es nicht für sie das Entsetzlichste sein, einen Wüstling in dem Manne zu erkennen, dem Moina mit Freuden zugehörte? Ihr geliebtes Kind befand sich also am Rande eines Abgrunds. Das war für sie eine fürchterliche Gewißheit, und doch wagte sie nicht, sie zu warnen; denn sie fürchtete sich vor der Komtesse. Sie wußte im voraus, Moina würde auf keinen der klugen Ratschläge hören, Julie hatte keine Gewalt über diese Seele, die ihr gegenüber von Eisen, gegen alle andern aber von Wachs war.

Ihre Mutterliebe wäre groß genug gewesen, der Tochter ihr Mitleid nicht zu versagen, wenn eine durch die edlen Eigenschaften des Verführers gerechtfertigte Leidenschaft ihre Tochter unglücklich gemacht hätte; allein Moina folgte einer Regung der Gefallsucht, und die Marquise verachtete den Grafen Alfred de Vandenesse, weil sie wußte, daß er der Mann dazu war, seinen Kampf mit Moina wie eine Schachpartie zu behandeln.

Obwohl Graf Alfred de Vandenesse dieser unglücklichen Mutter Abscheu einflößte, war sie doch gezwungen, die letzten Gründe ihres Widerwillens in den tiefsten Falten ihres Herzens zu begraben. Sie hatte in engen Beziehungen zu dem Marquis de Vandenesse, Alfreds Vater, gestanden, und diese in den Augen der Welt sehr respektable Freundschaft berechtigte den jungen Mann, mit Madame de Saint-Héreen vertraulich zu verkehren, in die er von Kind auf »verschossen« gewesen zu sein behauptete.

Auch wenn Frau d'Aiglemont sich entschlossen hätte, zwischen ihre Tochter und Alfred de Vandenesse ein furchtbares Wort zu schleudern, das sie hätte trennen können, so wäre es doch umsonst gewesen; sie war überzeugt, daß es ihr nicht gelungen wäre, sie auseinanderzubringen, trotz aller Gewalt dieses Wortes, mit dem sie sich außerdem in den Augen ihrer Tochter entehrt haben würde.

Alfred war zu verderbt, Moina zu geistreich, um an eine solche Enthüllung zu glauben, und die junge Komtesse würde sie als eine mütterliche Kriegslist ausgelegt und sich darüber hinweggesetzt haben. Frau d'Aiglemont hatte ihren Kerker mit eigenen Händen erbaut und sich darin eingemauert – nun mußte sie dort sterben und ruhig zuschauen, wie das schöne Leben Moinas, das ihr Stolz, ihr Glück, ihr Trost geworden war, ein Dasein, das ihr tausendmal teuerer war als das ihrige, zugrunde ging. Ein schreckliches, unglaubliches Leiden, für das es keine Worte gibt! Ein bodenloser Abgrund!

Sie wartete ungeduldig, daß ihre Tochter aufstände, und dennoch fürchtete sie sich vor ihr, gleich dem Unglücklichen, der, zum Tode verurteilt, gern mit dem Leben zu Ende sein möchte und doch fröstelt bei dem Gedanken an den Henker. Die Marquise hatte beschlossen, einen letzten Versuch zu machen; aber sie hatte wohl weniger Angst vor einem Fehlschlag, als vielmehr davor, daß ihr Herz eine neue, schmerzliche Wunde empfangen könnte, die ihr den letzten Rest von Mut rauben würde.

Mit ihrer Mutterliebe war es eben schon so weit gekommen: sie liebte ihre Tochter und schreckte vor ihr zurück, wie man einen Dolchstoß fürchtet und ihm dennoch entgegenrennt. Das mütterliche Gefühl ist in liebenden Herzen so groß, daß eine Mutter, ehe sie zur Gleichgültigkeit gelangt, sterben oder sich an eine große Kraft, die Religion oder die Nächstenliebe, anlehnen muß.

Seit die Marquise aufgestanden war, hatte ihr unseliger Geist ihr einen Teil von diesen Tatsachen vorgehalten, die so unbedeutend zu sein scheinen, im geistigen Leben aber große Ereignisse bilden. In der Tat ruft manchmal eine Gebärde ein ganzes Drama hervor, die Betonung eines Wortes zerreißt ein ganzes Leben, die Gleichgültigkeit eines Blickes tötet die glücklichste Liebe.

Die Marquise d'Aiglemont hatte leider schon zu viele solche Gebärden gesehen, zu viele solche Worte gehört, zu viele solche Blicke erhalten, alles Lieblosigkeiten, die ihre Seele tief schmerzten und bei deren Erinnerung sie sich keinen Hoffnungen hingeben konnte. Alles das hatte ihr bewiesen, daß Alfred ihr das Herz der Tochter geraubt hatte, daß das Kind sich nicht mehr aus Freude daran, sondern nur noch aus Pflicht mit der Mutter beschäftigte. Tausend ganz unbedeutende Dinge waren ihr ein Zeugnis für das abscheuliche Verhalten, das die Komtesse sich ihr gegenüber angewöhnte – eine Undankbarkeit, die die Marquise vielleicht als eine Strafe ansah. Um die Handlungsweise ihrer Tochter zu entschuldigen, faßte sie sie sogar als Willen der Vorsehung auf. Sie wollte eben noch die Hand anbeten können, die sie schlug.

An diesem Morgen dachte sie an alles, und alles bereitete ihr so tiefes Herzweh, erfüllte sie mit so großem Kummer, daß der Becher überlaufen mußte, wenn der geringste Schmerz hinzugefügt wurde. Ein kalter Blick hätte jetzt der Marquise Tod sein können. Es ist schwer, diese häuslichen Geschehnisse zu beschreiben, aber einige werden vielleicht genügen, um alle anzudeuten und zu bezeichnen. So hatte die Marquise, die etwas schwerhörig geworden war, Moina niemals dazu bewegen können, lauter zu sprechen, wenn sie mit ihr redete; aber als sie sie mit der Naivität der Leidenden einmal bat, einen Satz zu wiederholen, den sie nicht verstanden hatte, so gehorchte die Komtesse wohl, doch mit so unverhohlenem Unwillen, daß Frau d'Aiglemont ihre bescheidene Bitte nie mehr wiederholte. Seit diesem Tage trug die Marquise Sorge, nahe an ihre Tochter heranzurücken, wenn diese etwas erzählte oder plauderte; aber oft schien die Komtesse sich über die Schwerhörigkeit der Mutter zu ärgern und machte ihr gar leichtsinnigerweise deshalb Vorwürfe.

Folgendes unter Tausenden herausgerissene Beispiel konnte eben nur ein Mutterherz merken, alle diese Dinge wären einem Zuschauer vielleicht gar nicht aufgefallen; denn solche Feinheiten sind für andere Augen, als die einer Mutter, unbemerkbar. Madame d'Aiglemont hatte eines Tages zu ihrer Tochter gesagt, die Prinzessin de Cadignan hätte sie besucht, und Moina rief bloß: »Wie? sie hat sich deinetwegen bemüht?« Die Miene, mit der diese Worte gesprochen wurden, die besondere Betonung, die die Komtesse ihnen gab, verrieten, wenn auch in kaum merklicher Form, eine Verwunderung, eine vornehme Geringschätzung. Angesichts solcher Gefühlshärte muß in der Tat ein allzeit junges, zartes Herz die Sitte der Wilden, ihre Greise zu töten, wenn sie sich an den Zweigen eines stark geschüttelten Baumes nicht mehr halten können, als menschenfreundlichen Brauch empfinden.

Frau d'Aiglemont erhob sich, lächelte und ging hinaus, um im geheimen zu weinen. Die wohlerzogenen Leute, und vor allem Frauen, verraten ihre Gefühle nur durch unmerkliche Bewegungen, an denen aber jedes mitfühlende Herz, zumal wenn es in seinem Leben ähnliches Unglück erlitten hat, wie diese mürbe gemachte Mutter, die innere Erregung nicht minder deutlich erkennen kann.

Niedergedrückt von ihren Erinnerungen, dachte Frau d'Aiglemont jetzt an diese eine von all jenen winzigen, und doch so schmerzlichen, so grausamen Kleinigkeiten, und in diesem Augenblick kam ihr die bittere, unter einem Lächeln verborgene Verachtung stärker als je zum Bewußtsein. Aber ihre Tränen versiegten, als sie die Jalousien des Zimmers öffnen hörte, wo ihre Tochter ruhte. Sie eilte auf dem Pfade, der an dem Gitter vorbeiführte, wo sie soeben noch gesessen hatte, den Fenstern zu. Im Gehen fiel ihr noch auf, daß der Gärtner den Sand dieses seit einiger Zeit sehr schlecht gehaltenen Weges mit ganz besonderer Sorgfalt geharkt hatte. Als Frau d'Aiglemont unter den Fenstern ihrer Tochter ankam, wurden die Jalousien rasch zugemacht.

»Moina!« rief sie.

Keine Antwort.

»Die Frau Komtesse ist im kleinen Salon,« sagte Moinas Kammermädchen, als die Marquise ins Haus trat und fragte, ob ihre Tochter aufgestanden sei.

Frau d'Aiglemonts Herz war zu voll, ihr Geist zu sehr von Gedanken erfüllt, als daß sie in diesem Augenblick über so nebensächliche Umstände nachgedacht hätte; sie ging sogleich in den kleinen Salon, wo sie die Komtesse im Morgenkleid fand. Über das noch ungeordnete Haar hatte sie ein Häubchen geworfen, die Füßchen steckten in Pantoffeln, im Gürtel trug sie den Schlüssel ihres Schlafzimmers. Ihr Gesicht verriet fast stürmische Gedanken und lebhafte Farben. Sie saß auf einem Diwan und schien nachzudenken.

»Weshalb stört man mich?« sagte sie in hartem Tone. »Ah, Sie sind's, meine Mutter,« setzte sie zerstreut hinzu, sich selbst unterbrechend.

»Ja, mein Kind, es ist deine Mutter …«

Der Ton, in dem Frau d'Aiglemont diese Worte aussprach, verriet eine Inbrunst, eine Rührung, aus deren Art man, um sie einigermaßen zu kennzeichnen, das Wort Heiligkeit anwenden muß. Sie legte darein in der Tat so deutlich den heiligen Charakter einer Mutter, daß die Tochter betroffen war und sich zu ihr umwandte, mit einer Bewegung, die Ehrfurcht, Unruhe und Reue ausdrückte. Die Marquise schloß die Tür des Salons, zu dem doch niemand gelangen konnte, ohne in den davorliegenden Zimmern Geräusch zu verursachen. Diese Abgelegenheit sicherte vor unberufenen Zeugen.

»Meine Tochter,« sagte die Marquise, »es ist meine Pflicht, dich über eine der wichtigsten Krisen in unserm Leben, im Frauenleben aufzuklären. Du befindest dich jetzt in ihr, vielleicht ohne es zu ahnen, aber ich werde dich nicht sowohl als Mutter wie als Freundin darauf aufmerksam machen. Indem du dich verheiratet hast, erlangtest du die volle Freiheit des Handelns, du bist darin nur deinem Gatten Rechenschaft schuldig; aber ich habe dich so wenig die mütterliche Gewalt fühlen lassen – und das war vielleicht ein Unrecht – daß ich mich im Recht glaube, wenigstens einmal im Leben, in einer ernsten Lage, wo du des Rats bedarfst, dir meine Meinung zu sagen. Denke daran, Moina, daß ich dich mit einem Manne von hohem Range vermählt habe, auf den du stolz sein kannst, den …«

»Mutter,« rief Moina in widerspenstigem Tone, sie unterbrechend, »ich weiß, was Sie mir sagen wollen – Sie wollen mir eine Predigt über Alfred halten …«

»Du würdest es nicht so gut erraten, Moina,« fuhr die Marquise fort und versuchte, ihre Tränen zurückzuhalten, »wenn du nicht fühltest …«

»Was denn?« versetzte sie in fast hochmütigem Tone. »Aber, Mutter, ich muß doch sagen –«

»Moina,« rief Madame d'Aiglemont mit großer Kraft, »du mußt unbedingt aufmerksam anhören, was ich dir zu sagen habe …«

»Ich höre,« sagte die Komtesse und kreuzte die Arme, halb im Trotz, halb in Unterwürfigkeit. »Gestatten Sie jedoch, meine Mutter,« setzte sie mit unglaublicher Kaltblütigkeit hinzu, »daß ich Pauline rufe. Sie soll einen Gang besorgen.«

Sie klingelte.

»Mein liebes Kind, Pauline darf nicht hören –«

»Mama,« versetzte die Komtesse in ernsthaftem Tone, der der Mutter sehr sonderbar vorkommen mußte, »ich habe –«

Sie hielt inne, denn das Kammermädchen erschien.

»Pauline, gehen Sie selbst zu Baudran und fragen Sie, warum ich meinen Hut noch nicht habe.«

Sie setzte sich wieder und sah aufmerksam ihre Mutter an. Die Marquise, deren Herz zu brechen drohte und deren Augen trocken waren, empfand in diesem Augenblick ein Gefühl, dessen Schmerz nur von Müttern begriffen werden kann. Sie nahm das Wort, um Moina über die Gefahr zu belehren, in der diese schwebte. Aber ob nun die Komtesse sich verletzt fühlte durch das Mißtrauen, das ihre Mutter gegen den Sohn des Marquis de Vandenesse hegte, oder ob sie auf eine jener unbegreiflichen Torheiten verfiel, die sich nur aus der Unerfahrenheit der Jugend erklären lassen, jedenfalls benützte sie eine Pause, die ihre Mutter machte, um ihr mit einem gezwungenen Lachen zuzurufen:

»Mama, ich habe nur Eifersucht auf den Vater in Ihnen gesucht …«

Bei diesem Worte schloß Frau d'Aiglemont die Augen, senkte den Kopf und stieß den leisesten aller Seufzer aus. Sie blickte nach oben, als gehorche sie dem unüberwindlichen Gefühl, das uns in den großen Krisen des Lebens veranlaßt, Gott anzurufen; dann heftete sie einen Blick schrecklicher Majestät und doch auch tiefen Schmerzes auf ihre Tochter.

»Mein Kind,« sagte sie in verändertem Tone, »du bist jetzt unbarmherziger gegen deine Mutter gewesen, als der Mann war, den sie hintergangen hat, und als selbst vielleicht Gott sein wird.«

Frau d'Aiglemont erhob sich; aber als sie an der Tür stand, drehte sie sich noch einmal um. Sie sah in den Augen ihrer Tochter nichts als Befremdung und ging hinaus. Sie konnte noch bis zum Garten gehen; dort verließen sie die Kräfte. Ihr Herz zog sich in heftigem Schmerz zusammen, und sie sank auf eine Bank. Ihre über den Sand hinirrenden Augen erkannten die frische Fußspur eines Mannes, dessen Stiefel sehr deutliche Eindrücke zurückgelassen hatten. Es war kein Zweifel mehr, ihre Tochter war verloren, und sie glaubte nun auch den Grund zu erkennen, weshalb Moina Pauline weggeschickt hatte. Dieser grausame Gedanke brachte eine Deutung mit sich, die noch häßlicher war, als alles übrige. Sie vermutete, der Sohn des Marquis de Vandenesse hätte im Herzen Moinas die Ehrfurcht vernichtet, die eine Tochter der Mutter schuldig ist.

Der Herzkrampf nahm zu, sie sank in Ohnmacht, ohne es selbst zu spüren, und saß wie eingeschlafen da.

Die junge Komtesse fand, ihre Mutter hätte sich zuviel herausgenommen und ihr einen deutlichen »Rüffel« gegeben. Sie glaubte, am Abend würde die alte Dame durch eine Liebkosung oder irgendwelche Aufmerksamkeit ihr unpassendes Benehmen wieder gutmachen.

Als sie im Garten den Schrei einer Frau hörte, neigte sie sich nachlässig hinaus, und im selben Augenblick rief Pauline, die noch nicht fortgegangen war, um Hilfe und hielt die Marquise in den Armen.

»Erschrecken Sie doch meine Tochter nicht!« war das letzte Wort, das diese Mutter aussprach.

Moina sah, wie ihre Mutter blaß, leblos, nur noch mit Mühe atmend, hereingetragen wurde. Die Sterbende bewegte die Arme, als wenn sie sich sträuben oder sprechen wollte. Entsetzt über diesen Anblick, lief Moina hinter ihrer Mutter her und half schweigend ihr Bett zurechtzumachen und sie auszukleiden. Sie erkannte nun, daß sie an diesem Ende schuld war, und dieses Schuldbewußtsein drückte sie zu Boden.

In diesem letzten Augenblick erkannte sie, was im Herzen der Mutter vorgegangen war, und konnte nun doch nichts mehr gutmachen. Sie wollte allein mit ihr sein; und als niemand mehr im Zimmer war, als sie die Hand, die für sie immer eine liebkosende Hand gewesen war, kalt werden fühlte, da zerfloß sie in Tränen.

Über dieses Weinen erwachend, konnte die Marquise ihre Moina noch einmal ansehen; und als sie das Schluchzen hörte, das den zarten, halb entblößten Busen zerreißen zu wollen schien, betrachtete sie ihre Tochter und lächelte. Dieses Lächeln bewies der jungen Muttermörderin, daß das Herz einer Mutter ein Abgrund ist, in dessen Tiefe sich noch immer ein Verzeihen findet.

Sobald man um den Zustand der Marquise wußte, wurden reitende Boten abgesandt, um den Arzt, den Chirurgen und die Enkelkinder der Frau d'Aiglemont zu holen. Die junge Marquise d'Aiglemont und ihre Kinder trafen zu gleicher Zeit mit den Ärzten ein, und als sich noch die Dienerschaft hinzugesellte, war es eine feierliche, schweigende, schmerzlich gespannte Versammlung. Die junge Marquise, die vergebens auf einen Laut gehorcht hatte, klopfte leise an die Tür des Zimmers. Bei diesem Zeichen fuhr Moina aus ihrem Schmerz empor und stieß ungestüm die beiden Flügel auf. Sie sah mit scheuen Blicken diese Familienversammlung an und stand vor all den Leuten in einem Zustande, der in seiner Unordnung und Wirrnis deutlicher redete, als Worte es vermocht hätten.

Angesichts so tiefer, eindringlicher Reue blieben alle stumm. Man konnte die kalten, krampfhaft auf dem Totenbette ausgestreckten Füße der Marquise sehen. Moina lehnte sich an die Tür, sah ihre Verwandten an und sagte mit hohler Stimme:

»Ich habe meine Mutter verloren!«

Ende.