[136] Wiese, Prairie.
[137] Oase.
Wir befanden uns jetzt inmitten einer nach Tausenden zählenden Herde von Schafen und Kamelen. So weit das Auge reichte – rechts und links von uns, vor und hinter uns – wogte ein Meer von grasenden und wandernden Tieren. Wir sahen lange Reihen von Ochsen und Eseln, welche beladen waren mit schwarzen Zelten, bunten Teppichen, ungeheuren Kesseln und allerlei anderen Sachen. Auf diese Berge von Gerätschaften hatte man alte Männer und Weiber gebunden, welche nicht mehr im stande waren, zu gehen oder sich ohne Stütze im Sattel aufrecht zu halten. Zuweilen trug eines der Tiere kleine Kinder, welche in den Sattelsäcken so befestigt waren, daß nur ihre Köpfe durch die kleine Öffnung schauten. Zur Erhaltung des Gleichgewichts trug das Lasttier dann auf der andern Seite junge Lämmer und Zickelchen, welche blökend und meckernd ebenso aus den Öffnungen der Säcke hervorblickten. Dann kamen Mädchen, nur mit dem eng anliegenden, arabischen Hemd bekleidet; Mütter mit Kindern auf den Schultern, Knaben, welche Lämmer vor sich hertrieben; Dromedartreiber, die, auf ihren Tieren sitzend, ihre edlen Pferde nebenbei am Zügel führten, und endlich zahlreiche Reiter, welche, mit bebuschten Lanzen bewaffnet, auf der Ebene nach denjenigen ihrer Tiere herumjagten, welche sich nicht in die Ordnung des Zuges fügen wollten.
Eigentümliche Figuren bildeten diejenigen Reitkamele, welche zum Tragen vornehmer Frauen bestimmt waren. Ich hatte in der Sahara sehr oft Dschemmels gesehen, welche Frauen in dem wiegenähnlichen Korbe trugen; aber eine Vorrichtung, wie die hiesige, war mir noch nicht vorgekommen. Zwei zehnellige oder auch noch längere Stangen nämlich werden vor und hinter dem Höcker des Kameles quer über den Rücken desselben gelegt und an ihren Enden zusammengezogen und mit Pergament oder Stricken verbunden. Dieses Gestell ist mit Fransen und Quasten von Wolle in allen Farben, mit Muschel- und Perlenschnüren verziert, ganz so wie der Sattel und das Riemenzeug, und ragt also neun und noch mehr Ellen rechts und links über die Seiten des Kameles hinaus. Zwischen ihm auf dem Höcker ragt eine aus Grundleisten und Stoffüberzug bestehende Vorrichtung empor, welche fast genau einem Schilderhause gleicht und mit allerlei Quasten und Troddelwerk behangen ist. In diesem Belle-vue sitzt die Dame. Die ganze Figur erreicht eine außerordentliche Höhe, und wenn sie am Horizont erscheint, so könnte man sie infolge des schwankenden Ganges der Kamele für einen riesigen Schmetterling oder für eine gigantische Libelle halten, welche die Flügel auf und nieder schlägt.
Unser Erscheinen machte in jeder Gruppe, bei welcher wir ankamen, großes Aufsehen. Ich selbst trug daran wohl weniger Schuld als Sir Lindsay, dem ja ebenso wie seinen Dienern auf den ersten Blick der Europäer anzusehen war. Er mußte in seinem graukarrierten Anzuge hier noch mehr auffallen, als ein Araber, der in seiner malerischen Tracht vielleicht auf einem öffentlichen Platze Münchens oder Leipzigs erschienen wäre. Unsere Führer ritten uns voran, bis wir endlich ein außerordentlich großes Zelt erblickten, vor welchem viele Lanzen in der Erde steckten. Dies war das Zeichen, daß es das Zelt des Häuptlings sei. Man war soeben beschäftigt, rund um dasselbe einen Kreis anderer Zelte zu errichten.
Die beiden Araber sprangen ab und traten ein. Nur wenige Augenblicke später erschienen sie in Begleitung eines Dritten wieder. Dieser hatte die Gestalt und das Äußere eines echten Patriarchen. Just so mußte Abraham ausgesehen haben, wenn er aus seinem Hause im Haine Mamre trat, um seine Gäste zu begrüßen. Der schneeweiße Bart hing ihm bis über die Brust herab, dennoch aber machte der Greis den Eindruck eines rüstigen Mannes, der im stande ist, eine jede Beschwerde zu ertragen. Sein dunkles Auge musterte uns nicht eben einladend und freundlich. Er hob die Hand zum Herzen und grüßte: »Salama!«
Dies ist der Gruß eines eingefleischten Mohammedaners, wenn ein Ungläubiger zu ihm kommt; dagegen empfängt er jeden Gläubigen mit dem Sallam aaleïkum.
»Aaleïkum!« antwortete ich und sprang vom Pferde.
Er sah mich ob dieses Wortes forschend an; dann fragte er:
»Bist du ein Moslem oder ein Giaur?«
»Seit wann empfängt der Sohn des edlen Stammes der Schammar seine Gäste mit einer solchen Frage? Sagt nicht der Kuran: ›Speise den Fremdling und tränke ihn; laß ihn bei dir ruhen, ohne seinen Ausgang und seinen Eingang zu kennen!‹ – Allah mag es dir verzeihen, daß du deine Gäste wie ein türkischer Khawasse[138] empfängst!«
[138] Polizist.
Er erhob wie abwehrend die Hand.
»Dem Schammar und dem Haddedihn ist jeder willkommen, nur der Lügner und der Verräter nicht.«
Er warf dabei einen bezeichnenden Blick auf den Engländer.
»Wen meinest du mit diesen Worten?« fragte ich ihn.
»Die Männer, welche aus dem Abendlande kommen, um den Pascha gegen die Söhne der Wüste zu hetzen. Wozu braucht die Königin der Inseln[139] einen Konsul in Mossul?«
[139] Königin von England.
»Diese drei Männer gehören nicht zu dem Konsulat. Wir sind müde Wanderer und begehren von dir weiter nichts, als einen Schluck Wasser für uns und eine Dattel für unsere Pferde.«
»Wenn ihr nicht zum Konsulat gehört, so sollt ihr haben, was ihr begehrt. Tretet ein und seid mir willkommen!«
Wir banden unsere Pferde an die Lanzen und gingen in das Zelt. Dort erhielten wir Kamelmilch zu trinken; die Speise bestand nur aus dünnem, hartem und halb verbranntem Gerstenkuchen – ein Zeichen, daß der Scheik uns nicht als Gäste betrachtete. Während des kurzen Mahles fixierte er uns mit finsterem Auge, ohne ein Wort zu sprechen. Er mußte triftige Gründe haben, Fremden zu mißtrauen, und ich sah ihm an, daß er neugierig war, etwas Näheres über uns zu erfahren.
Lindsay schaute sich in dem Zelte um und fragte mich:
»Böser Kerl, nicht?«
»Scheint so.«
»Sieht ganz so aus, als ob er uns fressen wollte. Was sagte er?«
»Er begrüßte uns als Ungläubige. Wir sind seine Gäste noch nicht und haben uns sehr vorzusehen.«
»Nicht seine Gäste? Wir essen und trinken doch bei ihm!«
»Er hat uns das Brot nicht mit seiner eigenen Hand gegeben, und Salz gar nicht. Er sieht, daß Ihr ein Engländer seid, und die Englishmen scheint er zu hassen.«
»Weshalb?«
»Weiß es nicht.«
»Geht nicht, denn es wäre unhöflich. Ich denke aber, daß wir es noch erfahren werden.«
Wir waren fertig mit dem kleinen Imbiß, und ich erhob mich.
»Du hast uns Speise und Trank gegeben, Mohammed Emin; wir danken dir und werden deine Gastfreundschaft rühmen überall, wohin wir kommen. Lebe wohl! Allah segne dich und die Deinigen!«
Diesen schnellen Abschied hatte er nicht erwartet.
»Warum wollt ihr mich schon verlassen? Bleibt hier und ruhet euch aus!«
»Wir werden gehen, denn die Sonne deiner Gnade leuchtet nicht über uns.«
»Ihr seid dennoch sicher hier in meinem Zelte.«
»Meinest du? Ich glaube nicht an die Sicherheit im Beyt[140] eines Arab el Schammar.«
[140] Schwarzes Zelt.
Er fuhr mit der Hand nach dem Dolche.
»Willst du mich beleidigen?«
»Nein; ich will dir nur meine Gedanken sagen. Das Zelt eines Schammar bietet dem Gastfreunde keine Sicherheit; wie viel weniger also demjenigen, der nicht einmal Gastfreundschaft genießt!«
»Soll ich dich niederstechen? Wann hat jemals ein Schammar die Gastfreundschaft gebrochen?«
»Sie ist gebrochen worden nicht nur gegen Fremde, sondern sogar gegen Angehörige des eigenen Stammes.«
Das war allerdings eine fürchterliche Beschuldigung, welche ich hier aussprach; aber ich sah nicht ein, aus welchem Grunde ich höflich sein sollte mit einem Manne, der uns wie Bettler aufgenommen hatte. Ich fuhr fort:
»Du wirst mich nicht niederstechen, Scheik; denn erstens habe ich die Wahrheit gesprochen, und zweitens würde mein Dolch dich eher treffen, als der deinige mich.«
»Beweise die Wahrheit!«
»Ich werde dir eine Geschichte erzählen. Es gab einen großen, mächtigen Stamm, der wieder in kleinere Ferkah[141] zerfiel. Dieser Stamm war regiert worden von einem großen, tapfern Häuptling, in dessen Herzen aber die List neben der Falschheit wohnte. Die Seinen wurden mit ihm unzufrieden und fielen nach und nach von ihm ab. Sie wandten sich dem Häuptling eines Ferkah zu. Da schickte der Scheik zu dem Häuptling und ließ ihn zu einer Besprechung zu sich laden. Er kam aber nicht. Da sandte der Scheik seinen eigenen Sohn. Dieser war mutig, tapfer und liebte die Wahrheit. Er sprach zu dem Häuptling: ›Folge mir. Ich schwöre dir bei Allah, daß du sicher bist im Zelte meines Vaters. Ich werde mit meinem Leben für das deinige stehen!‹ – Da antwortete der Häuptling: ›Ich würde nicht zu deinem Vater gehen, selbst wenn er tausend Eide ablegte, mich zu schonen; dir aber glaube ich. Und um dir zu zeigen, daß ich dir vertraue, werde ich ohne Begleitung mit dir gehen.‹ – Sie setzten sich zu Pferde und ritten davon. Als sie in das Zelt des Scheik traten, war es von Kriegern angefüllt. Der Häuptling wurde eingeladen, sich an der Seite des Scheik niederzulassen. Er erhielt das Mahl und die Rede der Gastfreundschaft, aber nach dem Mahle wurde er überfallen. Der Sohn des Scheik wollte ihn retten, wurde aber festgehalten. Der Oheim des Scheik riß den Häuptling zu sich nieder, klemmte den Kopf desselben zwischen seine Kniee, und so wurde dem Verratenen mit Messern der Kopf abgewürgt, wie man es bei einem Schafe thut. Der Sohn zerriß seine Kleider und machte seinem Vater Vorwürfe, mußte aber fliehen, sonst wäre er wohl ermordet worden. Kennst du diese Geschichte, Scheik Mohammed Emin?«
[141] Unter-Stämme.
»Ich kenne sie nicht. So eine Geschichte kann nicht geschehen.«
»Sie ist geschehen und zwar in deinem eigenen Stamme. Der Verratene hieß Nedschris, der Sohn Ferhan, der Oheim Hadschar, und der Scheik war der berühmte Scheik Sofuk vom Stamme der Schammar.«
Er wurde verlegen.
»Woher kennst du diese Namen? Du bist kein Schammar, kein Obeïde, kein Abu-Salman. Du redest die Sprache der westlichen Araber, und deine Waffen sind nicht diejenigen der Araber von El Dschesireh[142]. Von wem hast du diese Geschichte erfahren?«
[142] Wörtlich »Insel« = das Land zwischen dem Euphrat und dem Tigris.
»Die Schande eines Stammes wird ebenso ruchbar wie der Ruhm eines Volkes. Du weißt, daß ich die Wahrheit gesprochen habe. Wie kann ich dir vertrauen? Du bist ein Haddedihn; die Haddedihn gehören zu den Schammar, und du hast uns die Gastfreundschaft verweigert. Wir werden gehen.«
Er erhob durch eine Bewegung seines Armes Widerspruch.
»Du bist ein Hadschi und befindest dich in der Gesellschaft von Giaurs!«
»Woher siehst du, daß ich ein Hadschi bin?«
»An deinem Hamail[143]. Du sollst frei sein. Diese Ungläubigen aber sollen die Dschisijet[144] bezahlen, ehe sie fortgehen.«
[143] Ein Kuran, welcher im goldgeschmückten Futteral um den Hals gehängt wird. Nur die Hadschi pflegen ihn zu tragen.
[144] Kopfsteuer, welche die Stämme von Fremden zu erheben pflegen.
»Sie werden sie nicht bezahlen, denn sie stehen unter meinem Schutz.«
»Sie brauchen deinen Schutz nicht, denn sie stehen unter demjenigen ihres Konsuls, den Allah verderben möge!«
»Ist er dein Feind?«
»Er ist mein Feind. Er hat den Gouverneur von Mossul beredet, meinen Sohn gefangen zu nehmen; er hat die Obeïde, die Abu-Hammed und die Dschowari gegen mich aufgehetzt, daß sie meine Herden raubten und sich jetzt vereinigen wollen, mich und meinen ganzen Stamm zu verderben.«
»So rufe die andern Stämme der Schammar zu Hilfe!«
»Sie können nicht kommen, denn der Gouverneur hat ein Heer gesammelt, um ihre Weideplätze am Sindschar mit Krieg zu überziehen. Ich bin auf mich selbst angewiesen. Allah möge mich beschützen!«
»Mohammed Emin, ich habe gehört, daß die Obeïde, die Abu-Hammed und die Dschowari Räuber sind. Ich liebe sie nicht; ich bin ein Freund der Schammar. Die Schammar sind die edelsten und tapfersten Araber, die ich kenne; ich wünsche, daß du alle deine Feinde besiegen mögest!«
Ich beabsichtigte nicht etwa, mit diesen Worten ein Kompliment auszusprechen; sie enthielten vielmehr meine volle Überzeugung. Dies mußte wohl auch aus meinem Tone herausgeklungen haben, denn ich sah, daß sie einen freundlichen Eindruck hervorbrachten.
»Du bist in Wirklichkeit ein Freund der Schammar?« fragte er mich.
»Ja, und ich beklage es sehr, daß Zwietracht unter sie gesät wurde, so daß ihre Macht nun fast gebrochen ist.«
»Gebrochen? Allah ist groß, und noch sind die Schammar tapfer genug, um mit ihren Gegnern zu kämpfen. Wer hat dir von uns erzählt?«
»Ich habe schon vor langer Zeit von euch gelesen und gehört; die letzte Kunde aber erhielt ich drüben im Belad Arab bei den Söhnen der Ateïbeh.«
»Wie?« fragte er überrascht, »du warst bei den Ateïbeh?«
»Ja.«
»Sie sind zahlreich und mächtig, aber es ruht ein Fluch auf ihnen.«
»Du meinst Scheik Malek, welcher ausgestoßen wurde?«
Er sprang empor.
»Maschallah, du kennst Malek, meinen Freund und Bruder?«
»Ich kenne ihn und seine Leute.«
»Wo trafest du sie?«
»Ich stieß auf sie in der Nähe von Dschidda und bin mit ihnen quer durch das Belad Arab nach El Nahman, der Wüste von Maskat, gezogen.«
»So kennst du sie alle?«
»Alle.«
»Auch – verzeihe, daß ich von einem Weibe spreche, aber sie ist kein Weib, sondern ein Mann – auch Amscha, die Tochter Maleks, kennst du?«
»Ich kenne sie. Sie war das Weib von Abu-Seïf und hat Rache an ihm genommen.«
»Hat sie ihre Rache erreicht?«
»Ja; er ist tot. Hadschi Halef Omar, mein Diener, hat ihn gefällt und dafür Hanneh, Amschas Tochter, zum Weibe erhalten.«
»Dein Diener? So bist du kein gewöhnlicher Krieger?«
»Ich bin ein Sohn der Uëlad German und reise durch die Länder, um Abenteuer zu suchen.«
»O, jetzt weiß ich es. Du thust, wie Harun al Raschid gethan hat; du bist ein Scheik, ein Emir und ziehst auf Kämpfe und auf Abenteuer aus. Dein Diener hat den mächtigen Vater des Säbels getötet, du als sein Herr mußt noch ein größerer Held sein, als dein Begleiter. Wo befindet sich dieser wackere Hadschi Halef Omar?«
Es fiel mir natürlich gar nicht ein, dieser mir sehr vorteilhaften Ansicht über mich zu widersprechen. Ich antwortete:
»Du wirst ihn vielleicht bald zu sehen bekommen. Er wird von dem Scheik Malek abgesandt, um die Schammar zu fragen, ob er mit den Seinen unter ihrem Schutze wohnen könne.«
»Sie werden mir willkommen sein, sehr willkommen. Erzähle mir, o Emir, erzähle mir von ihnen!«
Er setzte sich wieder nieder. Ich folgte seinem Beispiele und berichtete ihm über mein Zusammentreffen mit den Ateïbeh, so weit ich es für nötig hielt. Als ich zu Ende war, reichte er mir die Hand.
»Verzeihe, Emir, daß ich dies nicht wußte. Du hast diese Engländer bei dir, und sie sind meine Feinde. Nun aber sollt ihr meine Gäste sein. Erlaube mir, daß ich gehe und das Mahl bestelle.«
Jetzt hatte er mir die Hand gegeben, und nun erst war ich sicher bei ihm. Ich griff unter mein Gewand und zog die Flasche hervor, in welcher sich das »heilige« Wasser befand.
»Du wirst das Mahl bei Bent Amm[145] bestellen?«
[145] Bent Amm heißt eigentlich Base und ist nebenbei die einzige Form, unter welcher man mit einem Araber von seinem Weibe spricht.
»So grüße sie von mir und weihe sie mit einigen Tropfen aus diesem Gefäße. Es ist das Wasser vom Brunnen Zem-Zem. Allah sei mit ihr!«
»Sihdi, du bist ein tapferer Held und ein großer Heiliger. Komm und besprenge sie selbst. Die Frauen der Schammar fürchten sich nicht, ihr Gesicht sehen zu lassen vor den Männern.«
Ich hatte allerdings bereits gehört, daß die Weiber und Mädchen der Schammar keine Freundinnen des Schleiers seien, und war ja auch während meines heutigen Rittes vielen von ihnen begegnet, deren Gesicht ich unverhüllt gesehen hatte. Er erhob sich wieder und winkte mir, ihm zu folgen. Unser Weg ging nicht weit. In der Nähe seines Zeltes stand ein zweites. Als wir dort eingetreten waren, bemerkte ich drei Araberinnen und zwei schwarze Mädchen. Die schwarzen waren jedenfalls Sklavinnen, die anderen aber jedenfalls seine Frauen. Zwei von ihnen rieben zwischen zwei Steinen Gerste zu Mehl, die dritte aber leitete von einem erhöhten Standpunkte aus diese Arbeit. Sie war offenbar die Gebieterin.
In einer Ecke des Zeltes standen mehrere mit Reis, Datteln, Kaffee, Gerste und Bohnen gefüllte Säcke, über welche ein kostbarer Teppich gebreitet war; dies bildete den Thron der Gebieterin. Sie war noch jung, schlank und von hellerer Gesichtsfarbe als die anderen Frauen; ihre Züge waren regelmäßig, ihre Augen dunkel und glänzend. Sie hatte die Lippen dunkelrot und die Augenbrauen schwarz und zwar in der Weise gefärbt, daß sie über der Nase zusammentrafen. Stirn und Wangen waren mit Schönheitspflästerchen belegt, und an den bloßen Armen und Füßen konnte man eine tiefrote Tättowierung bemerken. Von einem jeden Ohre hing ein großer goldener Ring bis zur Taille herab, und auch die Nase war mit einem sehr großen Ring versehen, an dem mehrere große edle Steine funkelten: – er mußte ihr beim Essen sehr im Wege sein. Um ihren Nacken hingen ganze, dicke Reihen von Perlen, Korallenstücken, assyrischen Cylindern und bunten Steinen, und lose silberne Ringe umgaben ihre Knöchel, Arm- und Handgelenke. Die andern Frauen waren weniger geschmückt.
»Sallam!« grüßte der Scheik. »Hier bringe ich euch einen Helden vom Stamme der German, der ein großer Heiliger ist und euch mit dem Segen des Zem-Zem begnadigen will.«
Sofort warfen sich sämtliche Frauen auf die Erde. Auch die Vornehmste glitt von ihrem Throne und kniete nieder. Ich ließ einige Tropfen Wasser in die Hand laufen und spritzte sie über die Gruppe aus.
»Nehmt hin, ihr Blumen der Wüste! Der Gott aller Völker erhalte euch lieblich und froh, daß euer Duft erquicke das Herz eures Gebieters!«
Als sie bemerkten, daß ich das Gefäß wieder zu mir steckte, erhoben sie sich und beeilten sich, mir zu danken. Dies geschah einfach durch einen Druck der Hand, ganz so wie im Abendlande. Dann gebot der Scheik:
»Nun tummelt euch, ein Mahl zu bereiten, welches dieses Mannes würdig ist. Ich werde Gäste laden, daß mein Zelt voll werde und alle sich freuen über die Ehre, welche uns heute widerfahren ist.«
Wir kehrten in sein Zelt zurück. Während ich eintrat, verweilte er noch vor demselben, um einigen Beduinen seine Befehle zu erteilen.
»Wo waret ihr?« fragte Sir Lindsay.
»Im Zelte der Frauen.«
»Ah! Nicht möglich!«
»Diese Weiber lassen sich sehen?«
»Warum nicht?«
»Hm! Wundervoll! Hier bleiben! Auch Weiber ansehen!«
»Je nach Umständen. Man hält mich für einen frommen Mann, da ich Wasser aus dem Brunnen des Zem-Zem habe, von dem nach dem Glauben dieser Leute ein Tropfen Wunder thut.«
»Ah! Miserabel! Habe kein Zem-Zem!«
»Würde Euch auch nichts helfen, da Ihr nicht arabisch versteht!«
»Sind hier Ruinen?«
»Nein. Aber ich glaube, daß wir nicht weit zu gehen hätten, um solche zu finden.«
»Dann einmal fragen! Ruinen finden; Fowling-bull ausgraben! War übrigens ein schauderhaftes Essen hier!«
»Wird besser. Wir werden sogleich einen echt arabischen Schmaus bekommen!«
»Ah! Schien mir nicht danach auszusehen, der Scheik.«
»Seine Ansicht über uns hat sich geändert. Ich kenne einige Freunde von ihm, und das hat uns das Gastrecht hier erworben. Aber laßt die Diener abtreten. Es könnte die Araber beleidigen, wenn sie mit ihnen in einem Raume sein müssen.«
Als der Scheik wieder erschienen war, dauerte es nicht lange, so versammelten sich die Geladenen. Es waren ihrer so viele, daß das Zelt wirklich voll wurde. Sie lagerten sich je nach ihrem Range im Kreise herum, während der Scheik zwischen mir und dem Engländer in der Mitte saß. Bald ward auch das Mahl von den Sklavinnen in das Zelt gebracht und von einigen Beduinen aufgetragen.
Zunächst wurde eine Sufrah vor uns hingelegt. Dies ist eine Art Tischtuch von gegerbtem Leder, das an seinem Rande mit farbigen Streifen, Fransen und Verzierungen versehen ist. Es enthält zugleich eine Anzahl von Taschen und kann, wenn es zusammengelegt worden ist, als Vorratstasche für Speisewaaren benützt werden. Dann wurde der Kaffee gebracht. Für jetzt erhielt jeder Geladene nur ein kleines Täßchen voll dieses Getränkes. Dann kam eine Schüssel mit Salatah. Dies ist ein sehr erfrischendes Gericht und besteht aus geronnener Milch mit Gurkenschnittchen, die etwas gesalzen und gepfeffert sind. Zugleich wurde ein Topf vor den Scheik gesetzt. Er enthielt frisches Wasser, aus welchem die Hälse von drei Flaschen ragten. Zwei von ihnen enthielten wie ich bald merkte, Araki, und die dritte war mit einer wohlriechenden Flüssigkeit gefüllt, mit welcher uns der Herr nach jedem Gange bespritzte.
Nun kam ein ungeheurer Napf voll flüssiger Butter. Sie wird hier Samn genannt und von den Arabern sowohl als Einleitung und Nachtisch, als auch zu jeder anderen Zeit mit Vorliebe gegessen und getrunken. Dann wurden kleine Körbchen mit Datteln vorgesetzt. Ich erkannte die köstliche, flach gedrückte El Schelebi, welche etwa so verpackt wird, wie bei uns die Feige oder die Prunelle. Sie ist ungefähr zwei Zoll lang, kleinkernig und von ebenso herrlichem Geruch wie Geschmack. Dann sah ich die seltene Adschwa, welche niemals in den Handel kommt; denn der Prophet hat von ihr gesagt: Wer das Fasten durch den täglichen Genuß von sechs oder sieben Adschwa bricht, der braucht weder Gift noch Zauber zu fürchten. – Auch die Hilwah, die süßeste, die Dschuseirijeh, die grünste, und El Birni und El Seihani waren vertreten. Für die minder vornehmen Gäste waren Balah, am Baume getrocknete Datteln, nebst Dschebeli und Hylajeh vorhanden. Auch Kelladat el Scham, syrische Halsbänder, lagen da. Dies sind Datteln, welche man in noch unreifem Zustande in siedendes Wasser taucht, damit sie ihre gelbe Farbe behalten sollen; dann reiht man sie auf eine Schnur und läßt sie in der Sonne trocknen.
Nach den Datteln trug man ein Gefäß mit Kunafah, d. i. mit Zucker bestreute Nudeln, auf. Nun hob der Wirt die Hände empor.
»Bismillah!« rief er und gab damit das Zeichen zum Beginn des Mahles.
Er langte mit den Fingern in die einzelnen Näpfe, Schüsseln und Körbe und steckte erst mir, dann dem Engländer dasjenige, was er für das Beste hielt, in den Mund. Ich hätte allerdings lieber meine eigenen Finger gebraucht, aber ich mußte ihn gewähren lassen, da ich ihn sonst unverzeihlich beleidigt hätte. Master Lindsay aber zog, als er die erste Nudel in den Mund gestopft erhielt, diesen seinen Mund nach seiner bekannten Weise in ein Trapezoid und machte ihn nicht eher wieder zu, als bis ich ihn aufmerksam machte:
»Eßt, Sir, wenn ihr diese Leute nicht tödlich beleidigen wollt!«
Er klappte den Mund zu, schluckte den Bissen hinunter und meinte dann, natürlich in englischer Sprache:
»Brr! Ich habe doch Messer und Gabel in meinem Besteck bei mir!«
»Laßt sie stecken! Wir müssen uns nach der Sitte des Landes richten.«
»Schauderhaft!«
»Was sagt dieser Mann?« fragte der Scheik.
»Er ist ganz entzückt über dein Wohlwollen.«
»O, ich liebe euch!«
Bei diesen Worten fuhr er mit der Hand in die saure Milch und klebte dem ehrenwerten Master Englishman eine Portion unter die lange Nase. Der so Beglückte schnaubte einige Male, um sich Luft und Mut zu machen, und versuchte dann, die Gabe des Wohlwollens mittelst seiner Zunge von dem unteren Teile seines Angesichtes hinweg in das Innere derjenigen Öffnung zu bringen, welche der Vorhof des Verdauungsapparates genannt werden muß.
»Schrecklich!« lamentierte er dann. »Muß ich das wirklich leiden?«
»Ja.«
»Ohne Gegenwehr?«
»Ohne! Aber rächen könnt Ihr Euch.«
»Wie so?«
»Paßt auf, wie ich es mache, und thut dann ebenso!«
Ich langte in die Nudeln und steckte dem Scheik eine Portion davon in den Mund. Er hatte sie noch nicht verschluckt, so griff David Lindsay in die flüssige Butter und langte ihm eine Handvoll zu. Was ich von dem Scheik als einem Moslem nicht erwartet hatte, das geschah; er nahm die Gabe eines Ungläubigen ohne Sträuben an. Jedenfalls behielt er sich vor, sich später zu waschen und durch ein längeres oder kürzeres Fasten sich von dem Vergehen wieder zu reinigen.
Während wir beide auf diese Weise von dem Scheik gespeist wurden, teilte ich meine Gaben reichlich unter die andern aus. Sie hielten das für eine große Bevorzugung durch mich und boten mir den Mund mit sichtbarem Vergnügen dar. Bald war von dem Vorhandenen nichts mehr zu sehen.
Nun klatschte der Scheik laut in die Hände. Man brachte eine Sini. Das ist eine sehr große, mit Zeichnungen und Inschriften versehene Schüssel von fast sechs Fuß im Umfange. Sie war gefüllt mit Birgani, einem Gemenge von Reis und Hammelfleisch, welches in zerlassener Butter schwamm. Dann kam ein Warah Maschi, ein stark gewürztes Ragout aus Hammelschnitten, nachher Kabab, kleine, auf spitze Holzstäbchen gespießte Bratenstückchen, dann Kima, gekochtes Fleisch, eingelegte Granaten, Äpfel und Quitten und endlich Raha, ein Zuckerwerk von der Art, wie auch wir es in verschiedenen Sorten beim Nachtisch zu naschen pflegen.
Endlich? O nein! Denn als ich das Mahl beendet glaubte, wurde noch das Hauptstück desselben gebracht: ein Hammel, ganz am Spieße gebraten. Ich konnte nicht mehr essen.
»El Hamd ul illah!« rief ich daher, steckte meine Hände in den Wassertopf und trocknete sie mir an meinem Gewande ab.
Das war das Zeichen, daß ich nicht mehr essen würde. Der Morgenländer kennt bei Tafel das sogenannte lästige »Nötigen« nicht. Wer sein »El Hamd« gesagt hat, wird nicht weiter beachtet. Das bemerkte der Engländer.
»El Hamdillah!« rief auch er, fuhr mit der Hand in das Wasser und – betrachtete sie dann sehr verlegen.
Der Scheik bemerkte das und hielt ihm sein Haïk entgegen.
»Sage deinem Freunde,« meinte er zu mir, »daß er seine Hände an meinem Kleide trocknen möge. Die Engländer verstehen wohl nicht viel von Reinlichkeit, denn sie haben nicht einmal ein Gewand, an welchem sie sich abtrocknen können.«
Ich gab Lindsay das Anerbieten des Scheik zu verstehen, und er machte hierauf den ausgiebigsten Gebrauch davon.
Nun wurde von dem Araki gekostet, und dann ward einem jeden der Kaffee und eine Pfeife gereicht. Nun erst begann der Scheik, mich den Seinen vorzustellen:
»Ihr Männer vom Stamme der Haddedihn el Schammar, dieser Mann ist ein großer Emir und Hadschi aus dem Lande der Uëlad German; sein Name lautet – –«
»Hadschi Kara Ben Nemsi,« fiel ich ihm in die Rede.
»Ja, sein Name lautet Emir Hadschi Kara Ben Nemsi; er ist der größte Krieger seines Landes und der weiseste Taleb seines Volkes. Er hat den Brunnen Zem-Zem bei sich und geht in alle Länder, um Abenteuer zu suchen. Wißt ihr nun, was er ist? Ein Dschihad[146] ist er. Laßt uns sehen, ob es ihm gefällt, mit uns gegen unsere Feinde zu ziehen!«
[146] Einer, welcher auszieht, um für den Glauben zu kämpfen.
Das brachte mich in eine ganz eigentümliche, unerwartete Lage. Was sollte ich antworten? Denn eine Antwort erwarteten alle von mir, das war ihren auf mich gerichteten Blicken anzusehen. Ich entschloß mich kurz:
»Ich kämpfe für alles Rechte und Gute gegen alles, was unrecht und falsch ist. Mein Arm gehört euch; vorher aber muß ich diesen Mann, meinen Freund, dahin bringen, wohin ihn zu geleiten ich versprochen habe.«
»Wohin ist das?«
»Das muß ich euch erklären. Vor mehreren tausend Jahren lebte in diesem Lande ein Volk, welches große Städte und herrliche Paläste besaß. Das Volk ist untergegangen, und seine Städte und Paläste liegen verschüttet unter der Erde. Wer in die Tiefe gräbt, der kann sehen und lernen, wie es vor Jahrtausenden gewesen ist, und dies will mein Freund thun. Er will in der Erde suchen nach alten Zeichen und Schriften, um sie zu enträtseln und zu lesen – – –«
»Und nach Gold, um es mitzunehmen,« fiel der Scheik ein.
»Nein,« antwortete ich. »Er ist reich; er hat Gold und Silber, so viel er braucht. Er sucht nur Schriften und Bilder; alles andere will er den Bewohnern dieses Landes lassen.«
»Und was sollst du dabei thun?«
»Ich soll ihn an eine Stelle führen, an der er findet, was er sucht.«
»Dazu braucht er dich nicht, und du kannst immerhin mit uns in den Kampf ziehen. Wir selbst werden ihm genug solche Stellen zeigen. Das ganze Land ist voller Ruinen und Trümmer.«
»Aber es kann niemand mit ihm sprechen, wenn ich nicht bei ihm bin. Ihr versteht nicht seine Sprache, und er kennt nicht die eurige.«
»So mag er zuvor mit uns in den Kampf ziehen, und dann werden wir euch viele Orte zeigen, wo ihr Schriften und Bilder finden könnt.«
Lindsay merkte, daß von ihm die Rede war.
»Was sagen sie?« fragte er mich.
»Sie fragen mich, was Ihr in diesem Lande wollt.«
»Habt Ihr es ihnen gesagt, Sir?«
»Ja.«
»Daß ich Fowling-bulls ausgraben will?«
»Ja.«
»Nun?«
»Sie wollen, ich soll nicht bei Euch bleiben.«
»Was sonst machen?«
»Mit ihnen in den Kampf ziehen. Sie halten mich für einen großen Helden.«
»Hm! Wo finde ich Fowling-bulls?«
»Sie wollen Euch solche zeigen.«
»Ah! Aber ich verstehe diese Leute nicht!«
»Das habe ich ihnen gesagt.«
»Was geantwortet?«
»Ihr sollt mit in den Kampf ziehen, und dann wollen sie uns zeigen, wo Inschriften und dergleichen zu finden sind.«
»Well! Wir ziehen mit ihnen!«
»Das geht ja nicht!«
»Warum nicht?«
»Wir gefährden uns dabei. Was gehen uns die Feindseligkeiten anderer an?«
»Nichts. Aber eben darum können wir gehen, mit wem wir wollen.«
»Das ist sehr zu überlegen.«
»Fürchtet Ihr Euch, Sir?«
»Nein.«
»Ich dachte! Also mitziehen. Sagt es ihnen!«
»Ihr werdet Euch noch anders besinnen.«
»Nein!«
Er drehte sich auf die Seite, und das war ein untrügliches Zeichen, daß er sein letztes Wort gesagt habe. Ich wandte mich also wieder an den Scheik:
»Ich habe dir vorhin gesagt, daß ich für alles Rechte und Gute kämpfe. Ist Eure Sache recht und gut?«
»Soll ich sie dir erzählen?«
»Ja.«
»Hast du von dem Stamme der Dschehesch gehört?«
»Ja. Es ist ein treuloser Stamm. Er verbindet sich sehr oft mit den Abu Salman und den Tai-Arabern, um die Nachbarstämme zu berauben.«
»Du weißt es. Er fiel über den meinigen her und raubte uns mehrere Herden; wir aber eilten ihm nach und nahmen ihm alles wieder. Nun hat uns der Scheik der Dschehesch beim Gouverneur verklagt und ihn bestochen. Dieser schickte zu mir und entbot mich mit den vornehmsten Kriegern meines Stammes zu einer Besprechung nach Mossul. Ich hatte eine Wunde erhalten und konnte weder reiten noch gehen. Darum sandte ich meinen Sohn mit fünfzehn Kriegern zu ihm. Er war treulos, nahm sie gefangen und schickte sie an einen Ort, den ich noch nicht erfahren habe.«
»Hast du dich nach ihnen erkundigt?«
»Ja, aber ohne Erfolg, da kein Mann meines Stammes sich nach Mossul wagen kann. Die Stämme der Schammar waren entrüstet über diesen Verrat und töteten einige Soldaten des Gouverneur. Nun rüstet er gegen sie und hat zugleich die Obeïde, die Abu Hammed und die Dschowari gegen mich gehetzt, obgleich sie nicht unter seine Hoheit, sondern nach Bagdad gehören.«
»Wo lagern deine Feinde?«
»Sie rüsten erst.«
»Willst du dich nicht mit den anderen Schammarstämmen vereinigen?«
»Wo sollten da unsere Herden Weide finden?«
»Du hast recht. Ihr wollt euch teilen und den Gouverneur in die Wüste locken, um ihn zu verderben?«
»So ist es. Er mit seinem Heere kann den Schammar nichts thun. Anders aber ist es mit meinen Feinden; sie sind Araber; ich darf sie nicht bis zu meinen Weideplätzen kommen lassen.«
»Wie viel Krieger zählt dein Stamm?«
»Elfhundert.«
»Und deine Gegner?«
»Mehr als dreimal so viel.«
»Wie lange dauert es, die Krieger deines Stammes zu versammeln?«
»Wo haben die Obeïde ihr Lager?«
»Am untern Laufe des Zab-asfal.«
»Und die Abu Hammed?«
»In der Nähe von El Fattha, an der Stelle, wo der Tigris durch die Hamrinberge bricht.«
»Auf welcher Seite?«
»Auf beiden.«
»Und die Dschowari?«
»Zwischen dem Dschebel Kernina und dem rechten Ufer des Tigris.«
»Hast du Kundschafter ausgesandt?«
»Nein.«
»Das hättest du thun sollen.«
»Es geht nicht. Jeder Schammar ist sofort zu erkennen, und wäre verloren, wenn man ihm begegnete. Aber – – –«
Er hielt inne und blickte mich forschend an. Dann fuhr er fort:
»Emir, du bist wirklich der Freund von Malek, dem Ateïbeh?«
»Ja.«
»Und auch unser Freund?«
»Ja.«
»Komm mit mir; ich werde dir etwas zeigen!«
Er verließ das Zelt. Ich folgte ihm mit dem Engländer und allen anwesenden Arabern. Neben dem großen Zelte hatte man während unseres Mahles ein kleineres für die beiden Diener aufgeschlagen, und im Vorübergehen bemerkte ich, daß man auch sie mit Speise und Trank bedacht hatte. Außerhalb des Zeltkreises standen die Pferde des Scheik angebunden; zu ihnen führte er mich. Sie waren alle ausgezeichnet, zwei aber entzückten mich förmlich. Eines war eine junge Schimmelstute, das schönste Geschöpf, welches ich jemals gesehen hatte. Seine Ohren waren lang, dünn und durchscheinend, die Nasenlöcher hoch, aufgeblasen und tief rot, Mähne und Schweif wie Seide.
»Herrlich!« rief ich unwillkürlich.
»Sage: Masch Allah!« bat mich der Scheik.
Der Araber ist nämlich in Beziehung auf das sogenannte »Beschreien« sehr abergläubig. Wem irgend etwas sehr gefällt, der hat »Masch Allah« zu sagen, wenn er nicht sehr anstoßen will.
»Masch Allah!« antwortete ich.
»Glaubst du, daß ich auf dieser Stute den wilden Esel des Sindschar müde gejagt habe, bis er zusammenbrach?«
»Unmöglich!«
»Bei Allah, es ist wahr! Ihr könnt es bezeugen!«
»Wir bezeugen es!« riefen die Araber wie aus einem Munde.
»Diese Stute geht nur mit meinem Leben von mir,« erklärte der Scheik. »Welches Pferd gefällt dir noch?«
»Dieser Hengst. Siehe diese Gliederung, diese Symmetrie, diesen Adel und diese wunderseltene Färbung, ein Schwarz, welches in das Blau übergeht!«
»Das ist noch nicht alles. Der Hengst hat die drei höchsten Tugenden eines guten Pferdes.«
»Welche?«
»Schnellfüßigkeit, Mut und einen langen Atem.«
»An welchen Zeichen erkennst du dies?«
»Die Haare wirbeln sich an der Croupe: das zeigt, daß er schnellfüßig ist; sie wirbeln sich am Beginn der Mähne: das zeigt, daß er einen langen Atem hat, und sie wirbeln sich ihm in der Mitte der Stirne: das zeigt, daß er einen feurigen, stolzen Mut besitzt. Er läßt seinen Reiter nie im Stich und trägt ihn durch tausend Feinde. Hast du einmal ein solches Pferd besessen?«
»Ja.«
»Ah! So bist du ein sehr reicher Mann.«
»Es kostete mich nichts – es war ein Mustang.«
»Was ist ein Mustang?«
»Ein wildes Pferd, welches man sich erst einfangen und zähmen muß.«
»Würdest du diesen Rapphengst kaufen, wenn ich wollte und wenn du könntest?«
»Ich würde ihn auf der Stelle kaufen.«
»Du kannst ihn dir verdienen!«
»Ah! Unmöglich!«
»Ja. Du kannst ihn zum Geschenk erhalten.«
»Unter welcher Bedingung?«
»Wenn du uns sichere Kundschaft bringst, wo die Obeïde, Abu Hammed und Dschowari sich vereinigen werden.«
Beinahe hätte ich ein »Juchhei!« hinausgejubelt. Der Preis war hoch, aber das Roß war noch mehr wert. Ich besann mich nicht lange und fragte:
»Bis wann verlangst du diese Nachricht?«
»Bis du sie bringen kannst.«
»Und wann erhalte ich das Pferd?«
»Wenn du zurückgekehrt bist.«
»Du hast recht; ich kann es nicht eher verlangen; aber dann kann ich deinen Auftrag auch nicht ausführen.«
»Warum?«
»Weil vielleicht alles darauf ankommt, daß ich ein Pferd reite, auf welches ich mich in jeder Beziehung verlassen kann.«
Er blickte zu Boden.
»Weißt du, daß bei einem solchen Vorhaben der Hengst sehr leicht verloren gehen kann?«
»Ich weiß es; es kommt auch auf den Reiter an. Aber wenn ich ein solches Pferd unter mir habe, so wüßte ich keinen Menschen, der mich oder das Tier fangen könnte.«
»Reitest du so gut?«
»Ich reite nicht so wie ihr; ich müßte das Pferd eines Schammar erst an mich gewöhnen.«
»So sind wir dir überlegen!«
»Überlegen? Seid ihr gute Schützen?«
»Wir schießen im Galopp die Taube vom Zelte.«
»Gut. Leihe mir den Hengst und schicke zehn Krieger hinter mir her. Ich werde mich nicht auf tausend Lanzenlängen von deinem Lager entfernen und gebe ihnen die Erlaubnis, auf mich zu schießen, so oft es ihnen beliebt. Sie werden mich nicht fangen und mich auch nicht treffen.«
»Du sprichst im Scherze, Emir!«
»Ich rede im Ernste.«
»Und wenn ich dich beim Wort nehme?«
»Gut!«
Die Augen der Araber leuchteten vor Vergnügen. Gewiß war ein jeder von ihnen ein vortrefflicher Reiter; sie brannten vor Verlangen, daß der Scheik auf mein Anerbieten eingehen werde.
Dieser aber blickte sehr unschlüssig vor sich nieder.
»Ich weiß, welcher Gedanke dein Herz bewegt, o Scheik,« sagte ich ihm. »Sieh mich an! Trennt ein Mann sich von solchen Waffen, wie ich sie trage?«
»Nie!«
Ich entledigte mich derselben und legte sie vor ihm nieder.
»Sieh, hier lege ich sie dir zu Füßen, als Pfand, daß ich nicht gekommen bin, dir den Hengst zu rauben; und wenn dies noch nicht genug ist, so sei mein Wort und auch hier mein Freund dir Pfand.«
Jetzt lächelte er beruhigt.
»Es sei, also zehn Mann?«
»Ja, auch zwölf oder fünfzehn.«
»Die auf dich schießen dürfen?«
»Ja. Wenn ich erschossen werde, wird sie kein Vorwurf treffen. Wähle deine besten Reiter und Schützen aus!«
»Du bist tollkühn, Emir!«
»Das glaubst du nur.«
»Sie haben sich nur hinter dir zu halten?«
»Sie können reiten, wie und wohin sie wollen, um mich zu fangen oder mit ihrer Kugel zu treffen.«
»Allah kerihm, so bist du bereits jetzt schon ein toter Mann!«
»Aber sobald ich hier an diesem Orte halten bleibe, ist das Spiel zu Ende!«
»Wohl, du willst es nicht anders. Ich werde meine Stute reiten, um alles sehen zu können.«
»Erlaube mir zuvor, den Hengst zu probieren!«
»Thue es!«
Ich saß auf, und während der Scheik diejenigen bestimmte, welche mich fangen sollten, merkte ich, daß ich mich auf den Hengst ganz und gar verlassen konnte. Dann sprang ich wieder ab und entfernte den Sattel. Das stolze Tier merkte, daß etwas Ungewöhnliches im Gange sei; seine Augen funkelten, seine Mähne hob sich, und seine Füßchen gingen wie die Füße einer Tänzerin, welche versuchen will, ob das Parkett des Saales »wichsig« genug zum Contre sei. Ich schlang ihm einen Riemen um den Hals und knüpfte eine Schlinge an die eine Seite des fest angezogenen Bauchgurtes.
»Du entferntest den Sattel?« fragte der Scheik. »Wozu diese Riemen?«
»Das wirst du sehr bald sehen. Hast du die Wahl unter deinen Kriegern getroffen?«
»Ja; hier sind zehn!«
Sie saßen bereits auf ihren Pferden; ebenso stiegen alle Araber auf, welche sich in der Nähe befanden.
»So mag es beginnen. Seht ihr das einzelne Zelt, sechshundert Schritte von hier?«
»Wir sehen es.«
»Sobald ich es erreicht habe, könnt ihr auf mich schießen; auch sollt ihr mir gar keinen Vorsprung lassen. Vorwärts!«
Ich sprang auf – der Hengst schoß wie ein Pfeil davon. Die Araber folgten ihm hart auf den Hufen. Es war ein Prachtpferd. Noch hatte ich die Hälfte der angegebenen Entfernung nicht zurückgelegt, als der vorderste Verfolger bereits um fünfzig Schritte zurückgeblieben war.
Jetzt bog ich mich nieder, um den Arm in den Halsriemen und das Bein in die Schlinge zu stecken. Kurz vor dem angegebenen Zelte blickte ich mich um; alle zehn hielten ihre langen Flinten oder ihre Pistolen schußfertig. Jetzt warf ich das Pferd in einem rechten Winkel herum. Einer der Verfolger parierte sein Pferd mit jener Sicherheit, wie es nur ein Araber zu stande bringt; es stand, als sei es aus Erz gegossen. Er hob die Flinte empor; der Schuß krachte.
»Allah il Allah, ïa Allah, Wallah, Tallah!« rief es.
Sie glaubten, ich sei getroffen, denn ich war nicht mehr zu sehen. Ich hatte mich nach Art der Indianer vom Pferde geworfen und hing nun mittels des Riemens und der Schlinge an derjenigen Seite desselben, welche den Verfolgern abgewendet war. Ein Blick unter dem Halse des Rappen hindurch überzeugte mich, daß niemand mehr ziele, und sofort richtete ich mich wieder im Sattel empor, drückte das Pferd wieder nach rechts hinüber und jagte weiter.
»Allah akbar, Maschallah, Allah il Allah!« brauste es hinter mir. Die guten Leute konnten sich die Sache noch nicht erklären.
Sie vermehrten ihre Schnelligkeit und hoben ihre Flinten wieder empor. Ich zog den Rappen nach links, warf mich wieder ab und ritt in einem spitzen Winkel an ihrer Flanke vorüber. Sie konnten nicht schießen, wenn sie nicht das Pferd treffen wollten. Trotzdem die Jagd gefährlich aussah, war sie bei der Vortrefflichkeit meines Pferdes doch nur wie das Kinderhaschen, welches ich Indianern gegenüber allerdings nicht hätte wagen dürfen. Wir jagten einigemal um das außerordentlich ausgedehnte Lager herum; dann galoppierte ich, immer an der Seite des Pferdes hangend, mitten zwischen den Verfolgern hindurch, nach dem Orte, an welchem der Ritt begonnen hatte.
Als ich abstieg, zeigte der Rappe nicht eine Spur von Schweiß oder Schaum. Er war wirklich kaum mit Geld zu bezahlen. Nach und nach kamen auch die Verfolger an. Es waren im ganzen fünf Schüsse auf mich gefallen, natürlich aber hatte keiner getroffen. Der alte Scheik faßte mich bei der Hand.
»Hamdulillah! Preis sei Allah, daß du nicht verwundet bist! Ich habe Angst um dich gehabt. Es giebt im ganzen Stamm El Schammar keinen solchen Reiter, wie du bist!«
»Du irrst. Es giebt in deinem Stamme sehr viele, welche besser reiten als ich, viel besser; aber sie haben es nicht gewußt, daß sich der Reiter hinter seinem Pferde verbergen kann. Wenn ich von keiner Kugel und von keinem Manne erreicht wurde, so habe ich es nicht mir, sondern diesem Pferde zu danken. Aber, erlaubst du vielleicht, daß wir das Spiel einmal verändern?«
»Wie?«
»Es soll so bleiben, wie vorhin, nur mit dem Unterschiede, daß ich auch ein Gewehr zu mir nehmen und auf diese zehn Männer schießen kann.«
»Allah kerihm, Allah ist gnädig; er verhüte ein solches Unglück, denn du würdest sie alle vom Pferde schießen!«
»So glaubst du nun also wohl, daß ich mich weder vor den Obeïde noch vor den Abu Hammed und den Dschowari fürchte, wenn ich diesen Hengst unter mir habe?«
»Emir, ich glaube es.« – Er rang sichtlich mit einem Entschlusse, dann aber setzte er hinzu: »Du bist Hadschi Kara Ben Nemsi, der Freund meines Freundes Malek, und ich vertraue dir. Nimm den Hengst und reite gegen Morgen. Bringst du mir keine Botschaft, so bleibt er mein; bringst du mir aber genügende Kunde, so ist er dein. Dann werde ich dir auch sein Geheimnis sagen.«
Jedes arabische Pferd nämlich hat, wenn es besser als mittelmäßig ist, sein Geheimnis; das heißt: es ist auf ein gewisses Zeichen eingeübt, auf welches es den höchsten Grad seiner Schnelligkeit entwickelt und dieselbe nicht eher mindert, als bis es entweder zusammenbricht oder von seinem Reiter angehalten wird. Dieser Reiter verrät das geheime Zeichen selbst seinem Freunde, seinem Vater oder Bruder, seinem Sohne und seinem Weibe nicht und wendet es erst dann an, wenn er sich in der allergrößten Todesgefahr befindet.
»Erst dann?« antwortete ich. »Kann nicht der Fall eintreten, daß nur das Geheimnis mich und das Pferd zu retten vermag?«
»Du hast recht; aber du bist noch nicht der Besitzer des Rappen.«
»Ich werde es!« rief ich zuversichtlich. »Und sollte ich es nicht werden, so wird das Geheimnis in mir vergraben sein, daß keine Seele es erfahren kann.«
»So komm!«
Er führte mich auf die Seite und flüsterte mir zu:
»Wenn der Rappe fliegen soll wie der Falke in den Lüften, so lege ihm die Hand leicht zwischen die Ohren und rufe laut das Wort ›Rih!‹«
»Rih, das heißt Wind.«
»Ja, Rih, das ist der Name des Pferdes, denn es ist noch schneller als der Wind; es ist so schnell wie der Sturm.«
»Ich danke dir, Scheik. Ich werde deine Botschaft so gut ausführen, als ob ich ein Sohn der Haddedihn oder als ob ich du selbst wäre. Wann soll ich reiten?«
»Morgen mit Anbruch des Tages, wenn es dir beliebt.«
»Welche Datteln nehme ich mit für den Rappen?«
»Er frißt nur Balahat. Ich brauche dir nicht zu sagen, wie ein so kostbares Pferd zu behandeln ist?«
»Nein.«
»Schlafe heute auf seinem Leibe und sage ihm die hundertste Sure, welche von den schnelleilenden Rossen handelt, in die Nüstern, so wird es dich lieben und dir gehorchen bis zum letzten Atemzuge. Kennst du diese Sure?«
»Ja.«
»Sage sie her!«
Er war wirklich sehr besorgt um mich und sein Pferd.
»Im Namen Allahs, des Allbarmherzigen! Bei den schnelleilenden Rossen mit lärmendem Schnauben, und bei denen, welche stampfend Feuerfunken sprühen, und bei denen, die wetteifernd des Morgens früh auf den Feind einstürmen, die den Staub aufjagen und die feindlichen Scharen durchbrechen, wahrlich, der Mensch ist undankbar gegen seinen Herrn, und er selbst muß solches bezeugen. Zu unmäßig hängt er der Liebe zu irdischen Gütern an. Weiß er denn nicht, daß dann, wenn alles herausgenommen ist, was in den Gräbern liegt, und an das Licht gebracht wird, was in des Menschen Brust verborgen war, daß dann an diesem Tage der Herr sie vollkommen kennt?«
»Ja, du kannst diese Sure. Ich habe sie dem Rappen tausendmal des Nachts vorgesagt; thue dasselbe, und er wird merken, daß du sein Herr geworden bist. Jetzt aber komm in das Zelt zurück!«
Der Engländer war bisher ein stiller Zuschauer gewesen; nun trat er an meine Seite.
»Warum auf Euch geschossen?«
»Ich wollte ihnen etwas zeigen, was sie noch nicht kennen.«
»Ah, schön, Prachtpferd!«
»Wißt Ihr, Sir, wem es gehört?«
»Dem Scheik!«
»Nein.«
»Wem sonst?«
»Mir.«
»Pah!«
»Mir; wirklich!«
»Sir, mein Name ist David Lindsay, und ich lasse mir nichts weismachen; merkt Euch das!«
»Gut, so behalte ich alles andere für mich!«
»Was?«
»Daß ich euch morgen früh verlasse.«
»Warum?«
»Um auf Kundschaft auszureiten. Von der Feindseligkeit wißt Ihr bereits. Ich soll zu erkunden suchen, wann und wo die feindlichen Stämme zusammentreffen, und dafür bekomme ich, wenn es mir gelingt, eben diesen Rappen geschenkt.«
»Glückskind! Werde mitreiten, mithorchen, mitkundschaftern!«
»Das geht nicht.«
»Warum nicht?«
»Ihr könnt mir nichts nützen, sondern nur schaden. Eure Kleidung – – –«
»Pah, ziehe mich als Araber an!«
»Ohne ein Wort Arabisch zu verstehen?«
»Richtig! Wie lange ausbleiben?«
»Weiß noch nicht. Einige Tage. Ich muß weit über den kleinen Zab hinunter, und der ist ziemlich weit von hier.«
»Böser Weg! Schlechtes Volk von Arabern?«
»Werde mich in acht nehmen.«
»Werde dableiben, wenn mir einen Gefallen thun.«
»Welchen?«
»Nicht bloß nach Beduinen forschen.«
»Nach wem sonst noch?«
»Nach schönen Ruinen. Muß nachgraben, Fowling-bull finden, nach London ins Museum schicken!«
»Werde es thun, verlaßt euch darauf!«
»Well! Fertig; eintreten!«
Wir nahmen unsere früheren Plätze im Zelte ein und verbrachten den Rest des Tages mit allerlei Erzählungen, wie sie der Araber liebt. Am Abend wurde Musik gemacht und gesungen, wobei es nur zwei Instrumente gab: die Rubabah, eine Art Zither mit nur einer Saite, und die Tabl, eine kleine Pauke, welche aber doch im Verhältnisse zu den leisen, einförmigen Tönen der Rubabah einen ganz entsetzlichen Lärm machte. Dann wurde das Nachtgebet gesprochen, und wir gingen zur Ruhe.
Der Engländer schlief in dem Zelte des Scheik, ich aber ging zu dem Hengste, welcher auf der Erde lag, und nahm Platz zwischen seinen Füßen. Habe ich ihm die hundertste Sure wirklich in die Nüstern gesagt? Versteht sich! Dabei hat mich nicht etwa der Aberglaube geleitet, bewahre! Das Pferd war an diesen Vorgang gewöhnt: wir wurden also durch denselben schnell vertraut miteinander; und indem ich beim Recitieren der Worte hart an seinen Nüstern atmete, lernte es, wie man sich auszudrücken pflegt, die Witterung seines neuen Gebieters kennen. Ich lag zwischen seinen Füßen, wie ein Kind zwischen den Beinen eines treuen, verständigen Neufundländers. Als der Tag eben graute, öffnete sich das Zelt des Scheik, und der Engländer trat heraus.
»Geschlafen, Sir?« fragte er.
»Ja.«
»Ich nicht.«
»Warum?«
»Sehr lebendig im Zelte.«
»Die Schläfer?«
»Nein.«
»Wer sonst?«
»Die Fleas, Lice und Gnats!«
Wer englisch versteht, weiß, wen oder was er meinte; ich mußte lachen.
»An solche Dinge werdet Ihr Euch bald gewöhnen, Sir Lindsay.«
»Nie. Konnte auch nicht schlafen, weil ich an Euch dachte.«
»Warum?«
»Konntet fortreiten, ohne mich noch zu sprechen.«
»Ich hätte auf jeden Fall Abschied von Euch genommen.«
»Wäre vielleicht zu spät gewesen.«
»Warum?«
»Habe Euch viel zu fragen.«
»So fragt einmal zu!«
Ich hatte ihm schon im Laufe des verflossenen Abends allerlei Auskunft erteilen müssen; jetzt zog er sein Notizbuch hervor.
»Werde mich führen lassen an Ruinen. Muß arabisch reden. Mir sagen verschiedenes. Was heißt Freund?«
»Aschab.«
»Feind?«
»Kiman.«
»Muß bezahlen. Was heißt Dollar?«
»Rijahl fransch.«
»Was heißt Geldbeutel?«
»Surrah.«
»Werde Steine graben. Was heißt Stein?«
»Hadschar und auch Hadschr oder Chadschr.«
So fragte er mich nach einigen hundert Wörtern, die er sich alle notierte. Dann wurde es im Lager rege, und ich mußte in das Zelt des Scheik kommen, um das Sahur, das Frühmahl, einzunehmen.
Dabei wurde noch vieles beraten; dann nahm ich Abschied, stieg zu Pferde und verließ den Ort, an den ich vielleicht nimmer zurückkehren konnte.