[157] Stromschnelle.

Ich hatte auf dem Kamme des Höhenzuges einen sehr angestrengten Ritt, und es dauerte weit mehr als eine Stunde, bis ich den höchsten Punkt erreichte. Mein Pferd war so frisch, als ob es sich eben erst vom Schlafe erhöbe; ich band es an und kletterte über eine Art Felsenmauer hinauf. Da lag es unter mir, das Wadi Deradsch. Ich sah ganz im Hintergrunde die fertige Brustwehr, hinter welcher ihre Verteidiger ruhten, und bemerkte hüben und drüben die hinter den Felsen verborgenen Schützen und auch dort unten, mir gerade gegenüber, den Kavallerie-Hinterhalt.

Dann richtete ich das Rohr nach Süden.

Dort lag Zelt an Zelt, aber ich sah, daß man bereits im Begriffe stand, sie abzubrechen. Das waren die Abu Hammed und die Dschowari. Dort hatten wohl auch die Scharen von Sardanapal, Kyaxares und Alyattes kampiert. Dort hatten die Krieger des Nabopolassar auf den Knieen gelegen, als am 5. Mai im fünften Jahre jenes Herrschers eine Mondfinsternis der totalen Sonnenfinsternis folgte, welche die Schlacht von Halys so schrecklich machte. Dort hatte man wohl die Pferde aus den Fluten des Tigris getränkt, als Nebukadnezar nach Ägypten zog, um Königin Hophra abzusetzen, und das waren wohl dieselben Wasser, über welche der Todesgesang des Nerikolassar und des Nabonnad herübergeklungen ist bis zu den Bergen von Kara Zschook, Zibar und Sar Hasana.

Ich sah, daß die Ziegenhäute aufgeblasen und verbunden wurden, sah die Reiter, welche, die Pferde an der Hand führend, sich auf die Flöße begaben; ich sah die Flöße abstoßen und am diesseitigen Ufer landen. Es war mir, als müsse ich das Geschrei hören, mit welchem sie von ihren Verbündeten begrüßt wurden, die sich auf ihre Pferde warfen, um eine glänzende Phantasia[158] auszuführen.

[158] Scheingefecht.

Das kam erwünscht, daß sie ihre Pferde jetzt so anstrengten; die Tiere mußten dann, wenn es galt, wohl ermüdet sein.

So saß ich wohl eine Stunde lang. Die Obeïde waren jetzt alle herüber, und ich sah, daß sich der Zug nach Norden zu in Bewegung setzte. Jetzt kletterte ich wieder herab, bestieg mein Pferd und kehrte zurück. Die Stunde der Entscheidung war gekommen.

Ich brauchte wieder fast eine Stunde, um den Punkt zu erreichen, von dem es mir möglich war, von der Höhe hinabzukommen. Schon wollte ich zu Thale lenken, als ich ganz dort oben am nördlichen Horizont etwas blitzen sah. Es war gewesen, als ob der Sonnenstrahl auf ein Glasstückchen fiele. Wir konnten den Feind nur von Süden her erwarten, dennoch aber nahm ich mein Fernrohr zur Hand und suchte die Stelle auf, an welcher ich den blitzartigen Schein bemerkt hatte. Endlich, endlich fand ich sie. Hart am Flusse bemerkte ich eine Anzahl dunkler Punkte, welche sich abwärts bewegten. Es mußten Reiter sein, und einer von ihnen war es, dessen Körper das Licht der Sonne reflektierte.

Waren es Feinde? Sie befanden sich nördlich grad so weit von dem Verstecke meiner Leute, wie ich südlich von demselben entfernt war. Hier galt kein Zögern; ich mußte ihnen zuvorkommen.

Ich trieb meinen Rappen an, der rasch abwärts stieg, dann aber, als er die Thalsohle unter den Hufen hatte, wie ein Vogel dahinflog. Ich war überzeugt, daß ich zur rechten Zeit eintreffen würde.

Als ich bei der Truppe anlangte, rief ich die Leute zusammen und teilte ihnen mit, was ich beobachtet hatte. Wir schafften die Pferde aus dem Halbkessel heraus, den das Terrain bildete. Dann versteckte sich die Hälfte der Haddedihn hinter dem südlichen Vorsprunge desselben, während der andere Teil zurückblieb, um – hinter Euphorbien und Gummipflanzen verborgen, den Ankommenden den Rückzug abzuschneiden.

Wir hatten nicht sehr lange zu warten, bis wir Hufschlag vernahmen. Master Lindsay lag neben mir und lauschte, während er die Büchse im Anschlage hielt.

»Wie viele?« fragte er kurz.

»Konnte sie nicht genau zählen,« antwortete ich ihm.

»Ungefähr?«

»Zwanzig.«

»Pah! Warum denn so viele Mühe geben?«

Er erhob sich, schritt vor und setzte sich auf einen Steinblock. Seine beiden Diener folgten ihm augenblicklich.

Da kamen sie um die Ecke herum, voran ein hoher, kräftiger Araber, welcher unter seiner Aba einen Schuppenpanzer trug. Diesen hatte ich vorhin blitzen sehen. Es war eine wirklich königliche Gestalt. Der Mann hatte sich wohl nie in seinem Leben gefürchtet, war noch niemals erschrocken, denn selbst jetzt, als er so plötzlich und unerwartet die hier so ungewöhnliche Gestalt des Englishman erblickte, zuckte keine Wimper seiner Augen, und nur die Hand fuhr leise nach dem krummen Säbel.

Er ritt einige Schritte vor und wartete, bis die Seinigen alle herbeigekommen waren; dann winkte er einem Manne, der sich an seiner Seite befand. Dieser war sehr lang und hager und hing auf seinem Gaule, als ob er noch niemals einen Sattel berührt hätte. Man sah ihm sofort die griechische Abstammung an. Auf den erhaltenen Wink fragte er den Engländer in arabischer Sprache:

»Wer bist du?«

Master Lindsay erhob sich, lüftete den Hut und machte eine halbe Verbeugung, sagte aber kein Wort.

Der Fragende wiederholte seine Worte in türkischer Sprache.

»Im Inglis – ich bin ein Engländer,« lautete die Antwort.

»Ah, so begrüße ich Sie, verehrter Herr!« klang es jetzt in englischen Lauten. »Es ist eine außerordentliche Überraschung, hier in dieser Einsamkeit einen Sohn Albions zu treffen. Darf ich um Ihren Namen bitten?«

»David Lindsay.«

»Dies sind Ihre Diener?«

»Yes!«

»Aber was thun Sie hier?«

»Nothing – nichts.«

»Sie müssen doch einen Zweck, ein Ziel haben?«

»Yes!«

»Und welches ist dieser Zweck?«

»To dig – ausgraben.«

»Was?«

»Fowling-bulls.«

»Ah!« lächelte der Mann überlegen. »Dazu braucht man Mittel, Zeit, Leute und Erlaubnis. Wie sind Sie hierher gekommen?«

»Mit Dampfer.«

»Wo ist er?«

»Nach Bagdad zurück.«

»So sind Sie mit zwei Dienern ausgestiegen?«

»Yes.«

»Hm, sonderbar! Und wohin wollen Sie zunächst?«

»Wo Fowling-bulls sind. Wer ist Master hier?«

Er deutete dabei auf den Araber im Schuppenpanzer. Der Grieche übersetzte diesem das bisherige Gespräch und antwortete dann:

»Dieser berühmte Mann ist Eslah el Mahem, Scheik der Obeïde-Araber, welche da drüben ihre Weideplätze haben.«

Ich erstaunte über diese Antwort. Also der Scheik war während des Aufbruchs seines Stammes nicht bei den Seinen gewesen.

»Wer Sie?« fragte der Engländer weiter.

»Ich bin einer der Dolmetscher beim englischen Vicekonsul zu Mossul.«

»Ah! Wohin?«

»Einer Expedition gegen die Haddedihn-Araber beiwohnen.«

»Expedition? Einfall? Krieg? Kampf? Warum?«

»Diese Haddedihn sind ein störrischer Stamm, dem man einmal Mores lehren muß. Sie haben mehrere Jezidi beschützt, als diese Teufelsanbeter von dem Gouverneur von Mossul angegriffen wurden. Aber wie kommt es, daß – – – –«

Er hielt inne, denn hinter dem Vorsprunge wieherte eines unserer Pferde, und ein anderes folgte diesem Beispiele. Sofort griff der Scheik in die Zügel, um vorwärts zu reiten und nachzusehen. Jetzt erhob ich mich.

»Erlauben Sie, daß auch ich mich Ihnen vorstelle!« sagte ich.

Der Scheik blieb vor Überraschung halten.

»Wer sind Sie?« fragte der Dolmetscher. »Auch ein Engländer? Sie tragen sich aber doch genau wie ein Araber!«

»Ich bin ein Deutscher und gehöre zur Expedition dieses Herrn. Wir wollen hier Fowling-bulls ausgraben und zugleich uns ein wenig um die Sitten dieses Landes bekümmern.«

»Wer ist es?« fragte der Scheik den Griechen.

»Ein Nemsi.«

»Sind die Nemsi Gläubige?«

»Sie sind Christen.«

»Nazarah? Dieser Mann ist doch ein Hadschi. War er in Mekka?«

»Ich war in Mekka,« antwortete ich ihm.

»Du sprichst unsere Sprache?«

»Ich spreche sie.«

»Du gehörst zu diesem Inglis?«

»Ja.«

»Wie lange seid ihr bereits hier in dieser Gegend?«

»Bereits mehrere Tage.«

Seine Brauen zogen sich zusammen. Er fragte weiter:

»Kennst du die Haddedihn?«

»Ich kenne sie.«

»Woher hast du sie kennen gelernt?«

»Ich bin der Rafik ihres Scheik.«

»So bist du verloren!«

»Warum?«

»Ich nehme dich gefangen, dich und diese drei.«

»Wann?«

»Sofort.«

»Du bist stark, aber Zedar Ben Huli, der Scheik der Abu Hammed, war auch stark!«

»Was willst du mit ihm?«

»Er nahm mich gefangen und behielt mich nicht.«

»Maschallah! Bist du der Mann, welcher den Löwen getötet hat?«

»Ich bin es.«

»So bist du mein. Mir entkommst du nicht.«

»Oder du bist mein und entkommst mir nicht. Sieh dich um!«

Er that es, bemerkte aber niemand.

»Auf, ihr Männer!« rief ich laut.

Sofort erhoben sich sämtliche Haddedihn und legten die Gewehre auf ihn und seine Leute an.

»Ah, du bist klug wie ein Abul Hosseïn[159] und tötest die Löwen, mich aber fängst du nicht!« rief er aus.

[159] Beiname des Fuchses.

Er riß den krummen Säbel vom Gürtel, drängte sein Pferd zu mir heran und holte aus zum tödlichen Hieb. Es war nicht schwer, mit ihm fertig zu werden. Ich schoß auf sein Pferd – dieses überstürzte sich – er fiel zu Boden – und ich hatte ihn rasch gepackt. Jetzt allerdings begann ein Ringen, welches mir bewies, daß er ein außerordentlich kräftiger Mann sei; ich mußte ihm den Turban abreißen und ihm einen betäubenden Hieb auf die Schläfe versetzen, ehe ich seiner habhaft ward.

Während dieses kurzen Ringens wogte es rund um mich her; aber was da geschah, das war kein Kampf zu nennen. Ich hatte den Haddedihn befohlen, nur auf die Pferde zu schießen; infolgedessen wurden gleich durch die erste Salve, welche man gab, als der Scheik auf mich eindrang, sämtliche Pferde der Obeïde entweder getötet oder schwer verwundet. Die Krieger lagen zu Boden geworfen, und von allen Seiten starrten ihnen die langen, bewimpelten Lanzen der Haddedihn entgegen, welche ihnen fünffach überlegen waren. Selbst der Fluß bot ihnen keine Gelegenheit zum Entkommen, da unsere Kugeln jeden Schwimmenden erreicht hätten. Als sich der Knäuel löste, welchen sie nach der ersten Salve bildeten, standen sie ratlos bei einander; ihren Scheik hatte ich bereits den beiden Dienern Lindsays zugeschoben, und nun konnte es nur mein Wunsch sein, den Auftritt ohne Blutvergießen zu endigen.

»Gebt euch keine Mühe, ihr Krieger der Obeïde; ihr seid in unseren Händen. Ihr seid zwanzig Mann, wir aber zählen über hundert Reiter, und euer Scheik befindet sich in meiner Hand!«

»Schießt ihn nieder!« gebot ihnen der Scheik.

»Wenn einer von euch seine Waffe gegen mich erhebt, so werden diese beiden Männer euren Scheik töten!« antwortete ich.

»Schießt ihn nieder, den Dib[160], den Ibn Avah[161], den Erneb![162]« rief er trotz meiner Drohung.

[160] Wolf.

[161] Schakal.

[162] Hase.

»Laßt euch dies nicht einfallen; denn auch ihr wäret verloren!«

»Eure Brüder werden euch und mich rächen!« rief der Scheik.

»Eure Brüder? Die Obeïde? Vielleicht auch die Abu Hammed und die Dschowari!«

Er blickte mich überrascht an.

»Was weißt du von ihnen?« stieß er hervor.

»Daß sie in diesem Augenblick von den Kriegern der Haddedihn ebenso überrumpelt werden, wie ich dich und diese Männer gefangen habe.«

»Du lügst! Du bist ein Tier, welches niemand schaden kann. Meine Krieger werden dich mit allen Söhnen und Töchtern der Haddedihn fangen und fortführen!«

»Allah behüte deinen Kopf, daß du die Gedanken nicht verlierst! Würden wir hier auf dich warten, wenn wir nicht gewußt hätten, was du gegen Scheik Mohammed unternehmen willst?«

»Woher weißt du, daß ich am Grabe des Hadschi Ali war?«

Ich beschloß, auf den Busch zu klopfen – und erwiderte also:

»Du warst am Grabe des Hadschi Ali, um Glück für dein Unternehmen zu erbeten; aber dieses Grab liegt auf dem linken Ufer des Tigris, und du bist dann an dieses Ufer gegangen, um im Wadi Murr zu erspähen, wo die andern Stämme der Schammar sich befinden.«

Ich sah ihm an, daß ich mit meiner Kombination das Richtige getroffen hatte. Er stieß trotzdem ein höhnisches Gelächter aus und antwortete:

»Dein Verstand ist faul und träge wie der Schlamm, der im Flusse liegt. Gieb uns frei, so soll dir nichts geschehen!«

Jetzt lachte ich und fragte:

»Was wird uns geschehen, wenn ich es nicht thue?«

»Die Meinen werden mich suchen und finden. Dann seid ihr verloren!«

»Deine Augen sind blind und deine Ohren taub. Du hast weder gehört noch gesehen, was vorging, ehe die Deinigen über den Fluß herüber kamen.«

»Was soll geschehen sein?« fragte er in verächtlichem Ton.

»Sie werden erwartet, ganz ebenso, wie ich dich erwartet habe.«

»Wo?«

»Im Wadi Deradsch.«

Jetzt erschrak er sichtlich; daher setzte ich hinzu:

»Du siehst, daß euer Plan verraten ist. Du weißt, daß ich bei den Abu Hammed war. Ehe ich dorthin kam, war ich bei den Abu Mohammed. Sie und die Alabeïden, die ihr so oft beraubtet, haben sich mit den Haddedihn verbunden, euch in dem Wadi Deradsch einzuschließen. Horch!«

Es war eben jetzt ein dumpfes Knattern zu hören.

»Hörst du diese Schüsse? Sie sind bereits im Thale eingeschlossen und werden alle niedergemacht, wenn sie sich nicht ergeben.«

»Allah il Allah!« rief er. »Ist das wahr?«

»Es ist wahr.«

»So töte mich!«

»Du bist ein Feigling!«

»Ist es feig, wenn ich den Tod verlange?«

»Ja. Du bist der Scheik der Obeïde, der Vater deines Stammes; es ist deine Pflicht, ihm in der Not beizustehen; du aber willst ihn verlassen!«

»Bist du verrückt? Wie kann ich ihm beistehen, wenn ich gefangen bin!«

»Mit deinem Rate. Die Haddedihn sind keine Scheusale, die nach Blut lechzen; sie wollen euern Überfall zurückweisen und dann Frieden mit euch schließen. Bei dieser Beratung darf der Scheik der Obeïde nicht fehlen.«

»Noch einmal: sagst du die Wahrheit?«

»Ich sage sie.«

»Beschwöre es!«

»Das Wort eines Mannes ist sein Schwur. Halt, Bursche!«

Dieser Ruf galt dem Griechen. Er hatte bisher ruhig dagestanden, jetzt aber sprang er plötzlich auf einen meiner Leute, welche nach und nach näher getreten waren, um unsere Worte zu verstehen, stieß ihn zur Seite und eilte davon. Einige Schüsse krachten hinter ihm, aber in der Eile war nicht genau gezielt worden; es gelang ihm, den Vorsprung zu erreichen und hinter demselben zu verschwinden.

»Schießt jeden nieder, der sich hier rührt!«

Mit diesen Worten eilte ich dem Flüchtling nach. Als ich den Vorsprung erreichte, war er bereits über hundert Schritte von demselben entfernt.

»Bleib stehen!« rief ich ihm nach.

Er sah sich rasch um, sprang aber weiter. Es that mir leid, aber ich war gezwungen, auf ihn zu schießen; doch nahm ich mir vor, ihn nur zu verwunden, wenn es möglich war. Ich zielte scharf und drückte ab. Er lief noch eine kleine Strecke vorwärts und blieb dann stehen. Es war, als ob ihn eine unsichtbare Hand einmal um seine eigene Achse drehte, dann fiel er nieder.

»Holt ihn herbei!« gebot ich.

Auf dieses Gebot liefen einige Haddedihn zu ihm und trugen ihn herbei. Die Kugel saß in seinem Oberschenkel.

»Du siehst, Eslah el Mahem, daß wir Ernst machen. Befiehl deinen Leuten, sich zu ergeben!«

»Und wenn ich es ihnen nicht befehle?« fragte er.

»So zwingen wir sie, und dann fließt ihr Blut, was wir gern vermeiden wollen.«

»Willst du mir später bezeugen, daß ich mich nur ergeben habe, weil ihr fünfmal mehr seid als wir, und weil du mir sagst, daß die Meinen in dem Wadi Deradsch eingeschlossen sind?«

»Ich bezeuge es dir!«

»So gebt eure Waffen ab!« knirschte er. »Aber Allah verderbe dich bis in die tiefste Dschehennah hinunter, wenn du mich belogen hast!«

Die Obeïde wurden entwaffnet.

»Sir!« rief Lindsay während dieser Beschäftigung.

»Was?« fragte ich und drehte mich um.

Er hielt den Arm des verwundeten Griechen gefaßt und meldete:

»Frißt Papier, der Kerl!«

Ich trat hinzu. Der Grieche hatte noch einen Papierfetzen in der zusammengeballten Hand.

»Geben Sie her!« sagte ich.

»Nie!«

»Pah!«

Ein Druck auf seine Hand – er schrie vor Schmerz auf und öffnete die Finger. Das Papier war der Teil eines Briefumschlags und enthielt nur ein einziges Wort: Bagdad. Der Mensch hatte den andern Teil des Couverts und den eigentlichen Brief entweder schon verschlungen oder noch im Munde.

»Geben Sie heraus, was Sie im Munde haben!« forderte ich ihn auf.

Ein höhnisches Lächeln war seine Antwort, und zugleich sah ich, wie er den Kopf etwas erhob, um leichter schlingen zu können. Sofort faßte ich ihn bei der Kehle. Unter meinem nicht eben sanften Griff that er in der Angst des Erstickens den Mund auf. Es gelang mir nun, ein Papierklümpchen ans Tageslicht zu fördern. Die Papierfetzen enthielten nur wenige Zeilen in Chiffreschrift, und außerdem schien es ganz unmöglich, die einzelnen Fetzen so zusammenzusetzen, wie sie zusammengehörten. Ich faßte den Griechen scharf ins Auge und fragte ihn:

»Von wem war dieses Schreiben verfaßt?«

»Ich weiß es nicht,« antwortete er.

»Von wem hast du es erhalten?«

»Ich weiß es nicht.«

»Lügner, hast du Lust, hier elend liegen zu bleiben und zu sterben?«

Er sah mich erschrocken an, und ich fuhr fort:

»Wenn du nicht antwortest, so wirst du nicht verbunden, und ich lasse dich hier zurück für die Geier und Schakale!«

»Ich muß schweigen,« sagte er.

»So schweige auf ewig!«

Ich erhob mich. Das wirkte.

»Frage, Effendi!« rief er aus.

»Von wem hast du diesen Brief?«

»Vom englischen Vicekonsul in Mossul.«

»An wen war er gerichtet?«

»An den Konsul zu Bagdad.«

»Kennst du seinen Inhalt?«

»Nein.«

»Lüge nicht!«

»Ich schwöre, daß ich keinen Buchstaben zu lesen bekam!«

»Aber du ahnest, was er enthielt?«

»Ja.«

»So rede!«

»Politik!«

»Natürlich!«

»Weiter darf ich nichts sagen.«

»Hast du einen Schwur abgelegt?«

»Ja.«

»Hm! Du bist ein Grieche?«

»Ja.«

»Woher?«

»Aus Lemnos.«

»Ich dachte es! Der echte Türke ist ein ehrlicher, biederer Charakter, und wenn er anders wird oder anders geworden ist, so tragt ihr die Schuld, ihr, die ihr euch Christen nennt und doch schlimmer seid als die ärgsten Heiden. Wo in der Türkei eine Gaunerei oder ein Halunkenstreich verübt wird, da hat ein Grieche seine schmutzige Hand im Spiele. Du würdest heute deinen Eid brechen, wenn ich dich zwänge oder dir den Eidbruch bezahlte, Spion! Wie hast du es zum Dragoman in Mossul gebracht? Schweig! Ich ahne es, denn ich weiß, wodurch ihr alles werdet, was ihr seid! Du magst deinem Eide treu bleiben, denn die Politik, von der du sprachst, kenne ich! Warum hetzt ihr diese Stämme gegen einander auf? Warum stachelt ihr einmal den Türken und das andere Mal den Perser gegen sie auf? Und das thun Christen! Andere, welche die Lehre des Weltheilandes wirklich befolgen, bringen die Worte der Liebe und des Erbarmens in dieses Land, und ihr säet Unkraut zwischen den Weizen, daß er erstickt, eure Saat aber tausendfältige Früchte trägt. Fliehe zu deinem Popen; er mag für dich um Vergebung bitten! Du hast auch den Russen gedient?«

»Ja, Herr.«

»Wo?«

»In Stambul.«

»Wohlan! Ich sehe, daß du wenigstens noch fähig bist, die Wahrheit zu bekennen, und daher will ich dich nicht der Rache der Haddedihn übergeben.«

»Thue es nicht, Effendi! Meine Seele wird dich dafür segnen!«

»Behalte deinen Segen! Wie ist dein Name?«

»Alexander Kolettis.«

»Du trägst einen berühmten Namen, aber du hast mit demjenigen, der ihn früher trug, nichts gemein. Bill!«

»Sir!« antwortete der Gerufene.

»Kannst du eine Wunde verbinden?«

»Das nicht, Sir, aber ein Loch verknüpfen, das kann ich wohl.«

»Knüpfe es ihm zu!«

Der Grieche wurde von dem Engländer verbunden. Wer weiß ob ich nicht anders gehandelt hätte, wenn ich damals gewußt hätte, unter welchen Umständen ich diesen Menschen später wiedersehen sollte. Ich wandte mich zu dem gefesselten Scheik:

»Eslah el Mahem, du bist ein tapferer Mann, und es thut mir leid, einen mutigen Krieger gefesselt zu sehen. Willst du mir versprechen, stets an meiner Seite zu bleiben und keinen Versuch zu machen, zu entfliehen?«

»Warum?«

»Dann werde ich dir deine Fesseln abnehmen lassen.«

»Ich verspreche es!«

»Bei dem Barte des Propheten?«

»Bei dem Barte des Propheten und dem meinigen!«

»Nimm deinen Leuten dasselbe Versprechen ab!«

»Schwört mir, diesem Manne nicht zu entfliehen!« gebot er.

»Wir schwören es!« ertönte die Antwort.

»So sollt ihr nicht gebunden werden,« versprach ich ihnen.

Zugleich löste ich die Bande des Scheik.

»Sihdi, du bist ein edelmütiger Krieger,« sagte er. »Du hast nur unsere Tiere töten lassen, uns aber verschont. Allah segne dich, obgleich mein Pferd mir lieber als ein Bruder war!«

Ich sah es seinen edlen Zügen an, daß diesem Manne jeder Verrat, jede Gemeinheit und Treulosigkeit fremd war, und sagte zu ihm:

»Du hast dich zu diesem Kampfe gegen die Angehörigen deines Volkes von fremden Zungen verleiten lassen; sei später stärker! Willst du dein Schwert, deinen Dolch und deine Flinte wieder haben?«

»Das thust du nicht, Effendi!« erwiderte er erstaunt.

»Ich thue es. Ein Scheik soll der Edelste seines Stammes sein; ich mag dich nicht wie einen Huteijeh oder wie einen Chelawijeh[163] behandeln. Du sollst vor Mohammed Emin, den Scheik der Haddedihn, treten wie ein freier Mann, mit den Waffen in der Hand.«

[163] Verachtete Stämme, die zum Pöbel gerechnet werden, ungefähr wie die Paria in Indien.

Ich gab ihm seinen Säbel und auch die anderen Waffen. Er sprang auf und starrte mich an.

»Wie ist dein Name, Sihdi?«

»Die Haddedihn nennen mich Emir Kara Ben Nemsi.«

»Du ein Christ, Emir! Heute erfahre ich, daß die Naßarah keine Hunde, sondern daß sie edelmütiger und weiser sind als die Moslemim. Denn glaube mir: mit den Waffen, die du mir wiedergiebst, hast du mich leichter überwunden, als es mit den Waffen geschehen könnte, die du bei dir trägst und mit denen du mich töten könntest. Zeige mir deinen Dolch!«

Ich that es. Er prüfte die Klinge und meinte dann:

»Dieses Eisen breche ich mit der Hand auseinander; siehe dagegen meinen Schambijeh!«

Er zog ihn aus der Scheide. Es war ein Kunstwerk, zweischneidig, leicht gekrümmt, wunderbar damasciert, und in arabischer Sprache stand zu beiden Seiten der Wahlspruch: »Nur nach dem Sieg in die Scheide.« Er war gewiß von einem jener alten, berühmten Waffenschmiede in Damaskus gefertigt worden, welche heutzutage ausgestorben sind und mit denen sich jetzt keiner mehr vergleichen kann.

»Gefällt er dir?« fragte der Scheik.

»Er ist wohl fünfzig Schafe wert!«

»Sage hundert oder hundertfünfzig, denn es haben ihn zehn meiner Väter getragen, und er ist niemals zersprungen. Er sei dein; gieb mir den deinigen dafür!«

Das war ein Tausch, den ich nicht zurückweisen durfte, wenn ich den Scheik nicht unversöhnlich beleidigen wollte. Ich gab also meinen Dolch hin.

»Ich danke dir, Hadschi Eslah el Mahem; ich werde diese Klinge tragen zum Andenken an dich und zu Ehren deiner Väter!«

»Sie läßt dich nie im Stiche, so lange deine Hand fest bleibt!«

Da hörten wir den Hufschlag eines Pferdes und gleich darauf bog ein Reiter um den Felsenvorsprung, welcher unser Versteck nach Süden abschloß. Es war kein anderer als mein kleiner Halef.

»Sihdi, du sollst kommen!« rief er, als er mich erblickte.

»Wie steht es, Hadschi Halef Omar?«

»Wir haben gesiegt.«

»Ging es schwer?«

»Es ging leicht. Alle sind gefangen!«

»Alle?«

»Mit ihren Scheiks! Hamdulillah! Nur Eslah el Mahem, der Scheik der Obeïde, fehlt.«

Ich wandte mich an diesen:

»Siehst du, daß ich dir die Wahrheit sagte?« Dann fragte ich Halef: »Trafen die Abu Mohammed zur rechten Zeit ein?«

»Sie kamen hart hinter den Dschowari und schlossen das Wadi so, daß kein Feind entkommen konnte. Wer sind diese Männer?«

»Es ist Scheik Eslah el Mahem, von dem du sprachst.«

»Deine Gefangenen?«

»Ja, sie werden mit mir kommen.«

»Wallah, billah, tillah! Erlaube, daß ich gleich zurückkehre, um diese Kunde Mohammed Emin und Scheik Malek zu bringen!«

Er jagte wieder davon.

Scheik Eslah bestieg eines unserer Pferde; auch der Grieche wurde auf eines derselben gesetzt; die übrigen mußten gehen. So setzte sich der Zug in Bewegung. Wenn es im Wadi Deradsch nicht mehr Blut gekostet hatte, als bei uns, so konnten wir zufrieden sein.

Der bereits erwähnte Thalpaß führte uns auf die andere Seite der Berge; dann ging es auf der Ebene stracks nach Süden. Wir hatten das Wadi noch lange nicht erreicht, als ich vier Reiter bemerkte, welche uns entgegen kamen. Ich eilte auf sie zu. Malek, Mohammed Emin und die Scheiks der Abu Mohammed und der Alabeïde-Araber waren es.

»Du hast ihn gefangen?« rief mir jetzt Mohammed Emin entgegen.

»Eslah el Mahem? Ja.«

»Allah sei Dank! Nur er fehlte uns noch. Wie viele Männer hat dich der Kampf gekostet?«

»Keinen.«

»Wer wurde verwundet?«

»Keiner. Nur einer der Feinde erhielt einen Schuß.«

»So ist Allah gnädig gewesen mit uns. Wir haben nur zwei Tote und elf Verwundete.«

»Und der Feind?«

»Dem ist es schlimmer ergangen. Er wurde so fest eingeschlossen, daß er sich nicht zu rühren vermochte. Unsere Schützen trafen gut und konnten doch nicht selbst getroffen werden, und unsere Reiter hielten fest zusammen, wie du es ihnen gelehrt hast. Sie ritten alles nieder, als sie aus den Schluchten hervorbrachen.«

»Wo befindet sich der Feind?«

»Gefangen im Wadi. Sie haben alle ihre Waffen abgeben müssen, und keiner kann entkommen, denn das Thal wird von uns eingeschlossen. Ha, jetzt sehe ich Eslah el Mahem! Aber wie, er trägt die Waffen?«

»Ja. Er hat mir versprochen, nicht zu entfliehen. Weißt du, daß man den Tapfern ehren soll?«

»Er wollte uns vernichten!«

»Er wird dafür bestraft werden.«

»Du hast ihm die Waffen gelassen, und so mag es gut sein. Komm!«

Wir eilten dem Kampfplatz zu, und die anderen folgten uns so schnell wie möglich. Auf dem Verbandplatz herrschte reges Leben, und vor demselben bildete eine Anzahl bewaffneter Haddedihn einen Kreis, in dessen Mitte die besiegten und jetzt gefesselten Scheiks saßen. Ich wartete, bis Eslah herbeikam, und fragte ihn schonend:

»Willst du bei mir bleiben?«

Seine Antwort klang, wie ich es erwartet hatte:

»Sie sind meine Verbündeten; ich gehöre zu ihnen.«

Er trat in den Kreis und setzte sich an ihrer Seite nieder. Es wurde dabei kein Wort gesprochen, aber man sah es, daß die beiden anderen bei seinem Erscheinen erschraken. Vielleicht hatten sie auf ihn noch einige Hoffnung gesetzt.

»Führe deine Gefangenen in das Wadi!« sagte Malek.

Ich folgte ihm. Als ich das Thal betrat, bot sich mir ein außerordentlich malerischer Anblick dar. In die Brustwehr war zur Erleichterung des Verkehrs eine Bresche gerissen; zu beiden Seiten der Thalwände hatten sich Wachtposten aufgestellt; die ganze Thalsohle wimmelte von gefangenen Menschen und Pferden, und im Hintergrunde lagerten diejenigen unserer Verbündeten, welche noch im Wadi Platz gefunden hatten. Dazwischen waren verschiedene Haddedihn beschäftigt, die Pferde der Feinde zu sammeln, um sie hinaus auf die Ebene zu bringen, wo auch die Waffen derselben auf einem einzigen großen Haufen lagen.

»Hast du so etwas bereits gesehen?« fragte mich Malek.

»Noch größeres,« antwortete ich.

»Ich nicht.«

»Sind die feindlichen Verwundeten gut aufgehoben?«

»Man hat sie verbunden, wie du es gesagt hast.«

»Und was wird nun geschehen?«

»Wir werden heute unsern Sieg feiern und die größte Phantasia veranstalten, die es jemals hier gegeben hat.«

»Nein das werden wir nicht.«

»Warum?«

»Wollen wir die Feinde durch unser Fest verbittern?«

»Haben sie uns gefragt, ob sie uns mit ihrem Einfalle verbittern werden?«

»Haben wir Zeit zu einem solchen Feste?«

»Was sollte uns abhalten?«

»Die Arbeit. Freund und Feind muß gelabt werden.«

»Wir werden Leute beordern, welche dies zu thun haben.«

»Wie lange wollt ihr die Gefangenen bewahren?«

»Bis sie zurückkehren dürfen.«

»Und wann soll dies geschehen?«

»So bald wie möglich; wir hätten nichts zu essen für dieses Heer von Freunden und Feinden.«

»Siehst du, daß ich recht habe? Ein Freudenfest soll gefeiert werden, aber erst dann, wenn wir Zeit dazu haben. Zunächst ist es notwendig, daß sich die Scheiks versammeln, um über alles zu sprechen, was beschlossen werden muß, und dann müssen die Beschlüsse schleunigst ausgeführt werden. Sage den Scheiks, daß sechstausend Menschen nicht viele Tage hier beisammen sein dürfen!«

Er ging. Nun trat Lindsay heran.

»Herrlicher Sieg! Nicht?« meinte er.

»Sehr!«

»Wie meine Sache gemacht, Sir?«

»Ausgezeichnet!«

»Schön! Hm! Viele Menschen hier.«

»Man sieht es.«

»Ob wohl einige darunter sind, die wissen, wo Ruinen liegen?«

»Möglich; man müßte sich einmal erkundigen.«

»Fragt einmal, Sir!«

»Sobald es möglich ist, ja.«

»Jetzt gleich, sofort!«

»Verzeiht, Sir, ich habe jetzt keine Zeit. Vielleicht ist meine Anwesenheit bei der Beratung nötig, welche jetzt beginnen wird.«

»Schön! Hm! Aber nachher fragen! Wie?«

»Sicher!«

Ich ließ ihn stehen und schritt zu den Zelten.

Dort fand ich reichliche Arbeit, da vieles an den Verbänden zu verbessern war. Als ich dies besorgt hatte, trat ich in jenes Zelt, in welchem die Scheiks ihre Besprechung hielten. Diese ging sehr lebhaft vor sich. Man konnte sich schon im Prinzip nicht einigen, und ich glaube, daß ich ihnen willkommen kam.

»Du wirst uns Auskunft geben, Hadschi Emir Kara Ben Nemsi,« sagte Malek. »Du bist in allen Ländern der Erde gewesen und weißt, was recht und vorteilhaft ist.«

»Fragt, ich werde antworten!«

»Wem gehören die Waffen der Besiegten?«

»Dem Sieger.«

»Wem ihre Pferde?«

»Dem Sieger.«

»Wem ihre Kleider?«

»Die Räuber nehmen sie ihnen, der wahre Gläubige aber läßt sie ihnen.«

»Wem gehört ihr Geld, ihr Schmuck?«

»Der wahre Gläubige nimmt nur ihre Waffen und ihre Pferde.«

»Wem gehören ihre Herden?«

»Wenn sie nichts weiter besitzen als ihre Herden, so gehören sie ihnen, aber sie haben die Kosten des Krieges und den jährlichen Tribut davon zu bezahlen.«

»Du sprichst wie ein Freund unserer Feinde. Wir haben sie besiegt, und nun gehört uns ihr Leben und alles, was sie besitzen.«

»Ich rede als ihr Freund und als der eurige. Du sagst, daß ihr Leben euch gehöre?«

»So ist es.«

»Wollt ihr es ihnen nehmen?«

»Nein. Wir sind keine Henker und keine Mörder.«

»Und doch nehmt ihr ihnen ihre Herden? Können sie leben ohne die Herden?«

»Nein.«

»Wenn ihr ihnen die Herden nehmt, so nehmt ihr ihnen also das Leben. Ja, ihr beraubt euch in diesem Falle selbst!«

»Wie?«

»Sie sollen euch in Zukunft Tribut bezahlen?«

»Ja.«

»Wovon? Kann ein Beni-Arab Tribut bezahlen, wenn er keine Herden hat?«

»Dein Mund spricht weise und verständig.«

»Hört weiter! Wenn ihr ihnen alles nehmt: ihre Kleider, ihre Kostbarkeiten, ihre Herden, so zwingt ihr sie, zu stehlen und zu rauben, damit sie nicht verhungern. Und wo werden sie stehlen? Bei ihrem Nachbar zunächst; das seid ihr. Wo werden sie rauben? Bei dem zuerst, der sie arm gemacht hat und zum Rauben zwingt, und das seid ihr. Was ist besser, Freunde zum Nachbar zu haben oder Räuber?«

»Das erstere.«

»So macht sie zu euren Freunden und nicht zu Räubern! Man nimmt dem Besiegten nur das, womit er schaden kann. Wenn ihr ihnen die Waffen und die Pferde nehmt, so erhaltet ihr zehntausend Stück verschiedene Waffen und dreitausend Pferde. Ist dies wenig?«

»Es ist viel, wenn man es sich recht bedenkt.«

»Sie haben dann weder Waffen noch genug Pferde mehr, um Krieg zu führen. Ihr werdet sie beherrschen, und sie werden sich unter euren Schutz begeben müssen, um gegen ihre anderen Feinde gerüstet sein zu können; dann werden sie euch auch gegen eure Feinde helfen müssen. Ich habe gesprochen!«

»Du sollst noch mehr sprechen! Wie viel nimmt man ihnen heute von ihren Herden?«

»So viel wie der Schaden beträgt, den euch ihr Überfall gemacht hat.«

»Und wie viel fordert man Tribut von ihnen?«

»Man macht eine solche Forderung, daß sie immer so viel behalten, um ohne große Not leben zu können. Ein kluger Scheik hätte dabei darauf zu sehen, daß sie nicht wieder mächtig genug werden, um die Niederlage vergelten zu können.«

»Nun bleibt die Blutrache übrig. Wir haben mehrere der ihrigen getötet.«

»Und sie mehrere der eurigen. Ehe die Gefangenen entlassen werden, mögen die Chamseh und Aaman[164] zusammentreten und den Blutpreis bestimmen. Ihr habt mehr zu bezahlen, als sie, und könnt es gleich bezahlen von der Beute, welche ihr macht.«