[166] Floß.

»Wie viel Zeit ist seit ihrer Gefangenschaft verflossen?«

Sie sann ein wenig nach und meinte dann:

»Wohl beinahe zwanzig Tage.«

»Wie hat er sie behandelt?«

»Ich weiß es nicht.«

»Habt ihr hier viele Tachterwahns[167]

[167] Frauenkörbe, von Kamelen getragen.

»Es sind mehrere vorhanden.«

Ich griff in meinen Turban und nahm einige Geldstücke hervor. Sie gehörten zu den Münzen, welche ich in den Satteltaschen des Abu-Seïf gefunden hatte. Sein herrliches Kamel war mir leider in Bagdad verendet; das Geld aber war mir bis heute geblieben.

»Ich danke dir! Hier hast du!«

»O Herr, deine Gnade ist größer als – – –«

»Danke nicht,« unterbrach ich sie. »Ist der Oheim deiner Kinder mit gefangen?«

»Ja.«

»Er wird frei werden. Gehe zu dem kleinen Mann, der das schwarze Pferd reitet, und sage ihm von mir, daß er dir deine Tiere geben soll. Der Scheik wird nicht zurückkehren.«

»O Herr – –!«

»Es ist gut. Gehe und sage keinem Menschen, was wir gesprochen haben!«

Sie ging, und auch ich begab mich wieder hinaus. Man war mit dem Abzählen der Tiere beinahe fertig geworden. Ich suchte Halef auf. Er kam, als ich ihm winkte, auf mich zugeritten.

»Wer hat dir meinen Rappen erlaubt, Hadschi Halef Omar?«

»Ich wollte ihn an meine Beine gewöhnen, Sihdi!«

»Er wird sich nicht sehr vor ihnen fürchten. Höre, Halef, es wird ein Weib kommen und ein Rind und zehn Schafe zurückverlangen. Die giebst du ihr.«

»Ich gehorche, Effendi.«

»Höre weiter! Du nimmst drei Tachterwahns hier aus dem Lager und sattelst drei Kamele mit ihnen.«

»Wer soll hinein kommen, Sihdi?«

»Schau hinüber nach dem Flusse. Siehst du das Gebüsch und den Baum da rechts?«

»Ich sehe beides.«

»Dort liegen drei kranke Männer, welche in die Körbe kommen sollen. Gehe in das Zelt des Scheik; es ist dein mit allem, was sich darin befindet. Nimm Decken davon weg und lege sie in die Körbe, damit die Kranken weich liegen. Aber kein Mensch darf jetzt oder unterwegs erfahren, wen die Kamele tragen!«

»Du weißt, Sihdi, daß ich alles thue, was du befiehlst; aber ich kann so viel nicht allein thun.«

»Die drei Engländer sind dort und auch zwei Haddedihn. Sie werden dir helfen. Gieb mir jetzt den Hengst; ich werde die Aufsicht wieder übernehmen.«

Nach einer Stunde waren wir mit allem fertig. Während alle Anwesenden ihre Aufmerksamkeit auf die Herden gerichtet hatten, war es Halef gelungen, die Kranken unbemerkt auf die Kamele zu bringen. Die ganze, lange Tierkarawane stand zum Abzuge bereit. Jetzt suchte ich nach dem jungen Menschen, welcher mich heute mit seiner Keule bewillkommnet hatte. Ich sah ihn inmitten seiner Kameraden stehen und ritt zu ihm heran. Lindsay stand mit seinen Dienern ganz in der Nähe.

»Sir David Lindsay, habt Ihr oder Eure Diener nicht so etwas wie eine Schnur bei Euch?«

»Denke, daß hier viele Stricke sind.«

Er trat zu den wenigen Pferden, welche dem Stamme gelassen werden sollten. Sie waren mit Leinen an die Zeltstangen gebunden. Mit einigen Schnitten löste er mehrere dieser Leinen ab. Dann kam er zurück.

»Seht Ihr den braunen Burschen da, Sir David?«

Ich gab ihm mit den Augen einen verstohlenen Wink.

»Sehe ihn, Sir.«

»Diesen übergebe ich Euch. Er hatte die drei Unglücklichen zu beaufsichtigen und soll deshalb mit uns gehen. Bindet ihm die Hände sehr fest auf den Rücken und befestigt dann den Strick an Euren Sattel oder an den Steigbügel; er mag ein wenig laufen lernen.«

»Yes, Sir! Sehr schön!«

»Er bekommt weder zu essen noch zu trinken, bis wir das Wadi Deradsch erreichen.«

»Hat es verdient!«

»Ihr bewacht ihn. Wenn er Euch entkommt, so sind wir geschiedene Leute, und Ihr mögt sehen, wo Fowling-bulls zu finden sind!«

»Werde ihn festhalten. Beim Nachtlager eingraben!«

»Vorwärts also!«

Der Engländer trat zu dem Jüngling heran und legte ihm die Hand auf die Schulter.

»I have the honour, Mylord! Mitgehen, Galgenstrick!«

Er hielt ihn fest, und die beiden Diener banden ihm kunstgerecht die Hände. Der Jüngling war im ersten Augenblick verblüfft, dann aber drehte er sich zu mir herum.

»Was soll das sein, Emir?«

»Du wirst mit uns gehen.«

»Ich bin kein Gefangener, ich bleibe hier!«

Da drängte sich ein altes Weib herbei.

»Allah kerihm, Emir! Was willst du mit meinem Sohne thun?«

»Er wird uns begleiten.«

»Er? Der Stern meines Alters, der Ruhm seiner Gespielen, der Stolz seines Stammes? Was hat er gethan, daß du ihn bindest wie einen Mörder, den die Blutrache ereilt?«

»Schnell, Sir! Bindet ihn an das Pferd und dann vorwärts!«

Sofort gab ich das Zeichen zum Aufbruch und ritt davon. Ich hatte erst Mitleid mit dem so schwer bestraften Stamme gehabt, jetzt aber widerte mich jedes Gesicht desselben an, und als wir das Lager und das Wehegeheul hinter uns hatten, war es mir, als ob ich aus einer Räuberhöhle entronnen sei.

Halef hatte sich mit seinen drei Kamelen an die Spitze des Zuges gestellt. Ich ritt zu ihm heran.

»Liegen sie bequem?«

»Wie auf dem Diwan des Padischah, Sihdi.«

»Haben sie gegessen?«

»Nein, Milch getrunken.«

»Um so besser. Können sie reden?«

»Sie haben nur einzelne Worte gesprochen, aber in einer Sprache, welche ich nicht verstehe, Effendi.«

»Es wird Kurdisch sein.«

»Kurdisch?«

»Ja. Ich halte sie für Teufelsanbeter.«

»Teufelsanbeter? Allah il Allah! Herr, behüte uns vor dem dreimal gesteinigten Teufel! Wie kann man den Teufel anbeten, Sihdi!«

»Sie beten ihn nicht an, obgleich man sie so nennt. Sie sind sehr brave, sehr fleißige und ehrliche Leute, halb Christen und halb Muselmänner.«

»Darum haben sie auch eine Sprache, die kein Moslem verstehen kann. Kannst du sie sprechen?«

»Nein.«

Er fuhr beinahe erschrocken auf.

»Nicht? Sihdi, das ist nicht wahr, du kannst alles!«

»Ich verstehe diese Sprache nicht, sage ich dir.«

»Gar nicht?«

»Hm! Ich kann eine Sprache, welche verwandt mit der ihrigen ist; vielleicht, daß ich da einige Worte finde mich ihnen verständlich zu machen.«

»Siehst du, daß ich recht hatte, Sihdi!«

»Nur Gott weiß alles; das Wissen der Menschen aber ist Stückwerk. Weiß ich doch nicht einmal, wie Hanneh, das Licht deiner Augen, mit ihrem Halef zufrieden ist!«

»Zufrieden, Sihdi? Bei ihr kommt erst Allah, dann Mohammed, dann der Teufel, den du ihr an der Kette geschenkt hast, und dann kommt aber gleich Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah.«

»Also nach dem Teufel kommst du!«

»Nicht nach dem Scheïtan, sondern nach deinem Geschenk, Sihdi!«

»So sei ihr dankbar und gehorche ihr!«

Nach dieser Vermahnung ließ ich den kleinen Mann allein.

Es versteht sich ganz von selbst, daß unsere Rückreise wegen der Tiere viel langsamer von statten ging, als die Hinreise. Bei Sonnenuntergang erreichten wir eine Stelle, welche noch unterhalb Dschebbar lag und sich, da sie mit Blumen und üppigem Grün überdeckt war, sehr gut zum Nachtlager eignete. Die Hauptaufgabe war jetzt, sowohl die Herden als auch die Abu Hammed zu überwachen; ich traf also die nötigen Maßregeln. Ich hatte mich am späten Abend bereits zum Schlafe eingehüllt, als Sir Lindsay noch einmal herbeikam.

»Entsetzlich! Fürchterlich, Sir!«

»Was?«

»Hm! Unbegreiflich!«

»Was denn? Ist Euer Gefangener verschwunden?«

»Der? No! Liegt fest angebunden!«

»Nun, was ist denn so entsetzlich und unbegreiflich?«

»Hauptsache vergessen!«

»Nun? Redet nur!«

»Trüffeln!«

Jetzt mußte ich hellauf lachen.

»O, das ist allerdings entsetzlich, Sir, zumal ich im Lager der Abu Hammed ganze Säcke voll davon stehen sah.«

»Wo nun Trüffeln her?«

»Wir werden morgen Trüffeln haben, verlaßt Euch darauf!«

»Schön! Gute Nacht, Sir!«

Ich schlief ein, ohne mit den drei Kranken gesprochen zu haben. Am andern Morgen stand ich schon früh bei ihnen. Die Körbe waren so gestellt, daß ihre Insassen einander sehen konnten. Ihr Aussehen war ein wenig besser geworden, und sie hatten sich bereits so erholt, daß ihnen das Sprechen keine Beschwerden mehr machte.

Wie ich bald bemerkte, sprachen alle drei sehr gut arabisch, obgleich sie gestern in halbbewußtlosem Zustande nur Worte ihrer Muttersprache hervorgebracht hatten. Als ich mich ihnen nahete, erhob sich der eine und sah mich freudig forschend an.

»Du bist es!« rief er, ehe ich grüßen konnte. »Du bist es! Ich erkenne dich wieder!«

»Wer bin ich, mein Freund?«

»Du warst es, welcher mir erschien, als der Tod die Hand nach meinem Herzen ausstreckte. O, Emir Kara Ben Nemsi, wie danke ich dir!«

»Wie, du kennst meinen Namen?«

»Wir kennen ihn, denn dieser gute Hadschi Halef Omar hat uns sehr viel von dir erzählt, seit wir aufgewacht sind.«

Ich wandte mich zu Halef:

»Plaudertasche!«

»Sihdi, darf ich denn nicht von dir sprechen?« verteidigte sich der Kleine.

»Ja; aber ohne Prahlerei.«

»Seid ihr so gekräftigt, daß ihr reden könnt?« wandte ich mich nun zu den Kranken.

»Ja, Emir.«

»So erlaubt mir zu fragen, wer ihr seid.«

»Ich heiße Pali; dieser heißt Selek, und dieser Melaf.«

»Wo ist eure Heimat?«

»Unsere Heimat heißt Baadri, im Norden von Mossul.«

»Wie kamt ihr in die Lage, in welcher ich euch fand?«

»Unser Scheik sandte uns nach Bagdad, um dem Statthalter Geschenke und einen Brief von ihm zu bringen –«

»Nach Bagdad? Gehört ihr nicht nach Mossul?«

»Emir, der Gouverneur von Mossul ist ein böser Mann, der uns sehr bedrückt; der Statthalter von Bagdad besitzt das Vertrauen des Großherrn; er sollte für uns bitten.«

»Wie seid ihr da gereist? Nach Mossul und den Strom herab?«

»Nein. Wir gingen nach dem Ghazirfluß, bauten uns ein Floß, fuhren auf demselben aus dem Ghazir in den Zab und aus dem Zab in den Tigris. Dort landeten wir und wurden während des Schlafes von dem Scheik der Abu Hammed überfallen.«

»Er beraubte euch?«

»Er nahm uns die Geschenke und den Brief ab und alles, was wir bei uns trugen. Dann wollte er uns zwingen, an die Unsrigen zu schreiben, damit sie ein Lösegeld schicken sollten.«

»Ihr thatet es nicht?«

»Nein, denn wir sind arm und können kein Lösegeld bezahlen.«

»Aber euer Scheik?«

»Auch an ihn sollten wir schreiben, aber wir weigerten uns ebenso. Er hätte es bezahlt, aber wir wußten, daß es vergebens sei, da man uns dennoch getötet hätte.«

»Ihr hattet recht. Man hätte euch das Leben genommen, selbst wenn das Lösegeld bezahlt worden wäre.«

»Nun wurden wir gepeinigt. Wir erhielten Schläge, wurden stundenlang an Händen und Füßen aufgehangen und endlich in die Erde gegraben.«

»Und diese ganze, lange Zeit hindurch waret ihr gefesselt?«

»Ja.«

»Ihr wißt, daß euer Henker sich in unseren Händen befindet?«

»Hadschi Halef Omar hat es uns erzählt.«

»Der Scheik soll seine Strafe erhalten!«

»Emir, vergilt es ihm nicht!«

»Wie?«

»Du bist ein Moslem, wir aber haben eine andere Religion. Wir sind dem Leben wiedergegeben worden und wollen ihm verzeihen.«

Das also waren Teufelsanbeter!

»Ihr irrt euch,« sagte ich; »ich bin kein Moslem, sondern ein Christ.«

»Ein Christ! Du trägst doch die Kleidung eines Moslem und sogar das Zeichen eines Hadschi!«

»Kann ein Christ nicht auch ein Hadschi sein?«

»Nein, denn kein Christ darf Mekka betreten.«

»Und dennoch war ich dort. Fragt diesen Mann, er war dabei.«

»Ja,« fiel Halef ein, »Hadschi Emir Kara Ben Nemsi war in Mekka.«

»Was für ein Christ bist du, Emir? Ein Chaldäer?«

»Nein. Ich bin ein Franke.«

»Kennst du die Jungfrau, welche Gott geboren hat?«

»Ja.«

»Kennst du Esau[168], den Sohn des Vaters?«

[168] Jesus.

»Ja.«

»Kennst du die heiligen Engel, welche am Throne Gottes stehen?«

»Ja.«

»Kennst du die heilige Taufe?«

»Ja.«

»Glaubst du auch, daß Esau, der Sohn Gottes, wieder kommen wird?«

»Ich glaube es.«

»O, Emir, dein Glaube ist gut; dein Glaube ist recht; wir freuen uns, daß wir dich getroffen haben! Erzeige uns also die Liebe und vergieb dem Scheik der Abu Hammed, was er uns gethan hat!«

»Wir werden sehen! Wißt ihr, wohin wir reisen?«

»Wir wissen es. Wir gehen nach dem Wadi Deradsch.«

»Ihr werdet dem Scheik der Haddedihn willkommen sein.«

Nach dieser kurzen Unterredung ward der Marsch fortgesetzt. Bei Kalaat el Dschebbar gelang es mir, eine Menge Trüffel zu entdecken, worüber der Engländer in Entzücken geriet. Er suchte sich einen Vorrat zusammen und versprach mir, mich zu einer Trüffelpastete einzuladen, welche er selbst bereiten werde.

Als der Mittag vorüber war, lenkten wir zwischen die Berge von Kanuza und Hamrin ein und hielten uns grad auf Wadi Deradsch zu. Ich hatte unsere Ankunft mit Vorbedacht nicht melden lassen, um den guten Scheik Mohammed Emin zu überraschen; aber die Wachen der Abu Mohammed bemerkten uns und gaben das Zeichen zu einem Jubel, der das ganze Thal erfüllte. Mohammed Emin und Malek kamen uns sofort entgegen geritten und bewillkommneten uns. Meine Herde war die erste, welche anlangte.

Es gab hinüber auf die Weideplätze der Haddedihn keinen andern Weg als durch das Wadi hindurch. Hier befanden sich noch sämtliche Kriegsgefangene, und man kann die Blicke der Abu Hammed sich vorstellen, welche sie auf uns warfen, als sie ein ihnen bekanntes Tier nach dem andern an sich vorbeigehen lassen mußten. Endlich waren wir wieder auf der Ebene, und nun stieg ich vom Pferde.

»Wer ist in den Tachterwahns?« fragte Mohammed Emin.

»Drei Männer, welche Scheik Zedar zu Tode martern wollte. Ich werde dir noch von ihnen erzählen. Wo sind die gefangenen Scheiks?«

»Hier im Zelte. Da kommen sie.«

Sie traten soeben heraus. Die Augen des Scheik der Abu Hammed blitzten tückisch, als er seine Herde erkannte, und er trat auf mich zu.

»Hast du mehr gebracht, als du sollst?«

»Du meinst Tiere?«

»Ja.«

»Ich habe die Zahl gebracht, welche mir befohlen war.«

»Ich werde zählen!«

»Thue es,« antwortete ich kalt. »Aber dennoch habe ich mehr gebracht, als ich sollte.«

»Was?«

»Willst du es sehen?«

»Ich muß es sehen!«

»So rufe jenen dort herbei.«

Ich zeigte dabei auf seinen älteren Sohn, der soeben am Eingange des Zeltes erschien. Er rief ihn herbei.

»Kommt alle mit!« sagte ich.

Mohammed Emin, Malek und die drei Scheiks folgten mir nach dem Orte, wo sich die drei Kamele mit den Tachterwahns niedergelassen hatten. Halef ließ gerade die Dschesidi aussteigen.

»Kennst du diese Männer?« fragte ich Zedar Ben Huli.

Er fuhr erschrocken zurück; sein Sohn ebenfalls.

»Die Dschesidi!« rief er.

»Ja, die Dschesidi, welche du langsam morden wolltest, wie du schon viele gemordet hast, Ungeheuer!«

Da funkelte er mich mit wahren Pantheraugen an.

»Was hat er gethan?« fragte Eslah el Mahem, der Obeïde.

»Laß es dir erzählen! Du wirst erstaunen, was für ein Mensch dein Kampfgefährte gewesen ist.«

Ich schilderte, auf welche Weise und in welchem Zustande ich die drei Männer getroffen hatte. Als ich schwieg, traten alle von ihm zurück. Dadurch wurde der Blick auf den Eingang des Thales frei, wo sich in diesem Augenblick drei Reiter zeigten: Lindsay mit seinen beiden Dienern. Er hatte sich verspätet. Neben seinem Pferde schleppte sich der jüngere Sohn des Scheik einher.

Dieser sah den jungen Menschen und wandte sich augenblicklich wieder zu mir:

»Allah akbar! Was ist das! Mein zweiter Sohn gefangen?«

»Wie du siehst!«

»Was hat er gethan?«

»Er war der Gehilfe deiner Schandthaten. Deine beiden Söhne sollen den Kopf ihres in die Erde gegrabenen Vaters zwei Tage lang bewachen; dann bist du wieder frei – eine Strafe, die viel zu gering für dich und für deine Söhne ist. Gehe hin und binde deinen Jüngsten los!«

Da sprang der Verbrecher zu dem Pferde des Engländers und griff nach dem Strick. Sir David war soeben abgestiegen und wehrte die Hand des Scheik ab und rief: »Packt Euch! Dieser Bursche ist mein!«

Da riß der Scheik dem Englishman eine seiner Riesenpistolen aus dem Gürtel, schlug an und feuerte. Sir David hatte sich blitzschnell umgedreht, dennoch traf ihn die Kugel in den Arm; im nächsten Augenblick aber krachte ein zweiter Schuß. Bill, der Irländer, hatte seine Büchse erhoben, um seinen Herrn zu verteidigen, und seine Kugel fuhr dem Scheik durch den Kopf. Dessen beide Söhne warfen sich auf den Schützen, wurden aber handfest empfangen und überwältigt.

Ich wandte mich schaudernd ab. Das war Gottes Gericht! Die Züchtigung, die ich dem Missethäter zugedacht hatte, wäre zu unbedeutend gewesen. Und nun war auch mein Wort erfüllt, das ich jener Frau gegeben hatte: der Scheik kehrte nicht in sein Lager zurück.

Es verging eine Weile, bis wir alle unsere Ruhe wieder erlangt hatten. Da erscholl zunächst die Frage Halefs:

»Sihdi, wohin soll ich diese drei Männer bringen?«

»Das mag der Scheik bestimmen,« lautete meine Antwort.

Dieser trat zu den dreien heran.

»Marhaba – ihr sollt mir willkommen sein! Bleibt bei Mohammed Emin, bis ihr euch von eueren Leiden erholt habt!«

Da blickte Selek schnell empor.

»Mohammed Emin?« fragte er.

»So heiße ich.«

»Du bist kein Schammar, sondern ein Haddedihn?«

»Die Haddedihn gehören zu den Schammar.«

»O, Herr, so habe ich eine Botschaft an dich!«

»Sage sie!«

»Es war in Baadri, und ehe wir unsere Reise antraten, da ging ich zum Bache, um zu schöpfen. An demselben lag eine Truppe Arnauten, welche einen jungen Mann bewachten. Er bat mich, ihm zu trinken zu geben, und indem er that, als trinke er, flüsterte er mir zu: ›Gehe zu den Schammar, zu Mohammed Emin und sage ihm, daß ich nach Amadijah geschafft werde. Die andern sind hingerichtet worden.‹ Dies ist es, was ich dir zu sagen habe.«

Der Scheik taumelte zurück.

»Amad el Ghandur, mein Sohn!« rief er. »Er war es, er war es! Wie war er gestaltet?«

»So lang und noch breiter als du, und sein schwarzer Bart hing ihm bis zur Brust herab.«

»Er ist es! Hamdulillah! Endlich, endlich habe ich eine Spur von ihm! Freuet euch, ihr Männer, freuet euch mit mir, denn heute soll ein Festtag sein für alle, mögen sie nun Freunde oder Feinde heißen! Wann war es, als du mit ihm geredet hast?«

»Sechs Wochen sind seitdem vergangen, Herr!«

»Ich danke dir! Sechs Wochen, wie lange Zeit! Aber er soll nicht länger schmachten; ich hole ihn, und wenn ich ganz Amadijah erobern und zerstören müßte! Hadschi Emir Kara Ben Nemsi, reitest du mit, oder willst du mich bei dieser Fahrt verlassen?«

»Ich reite mit!«

»Allah segne dich! – Kommt, laßt uns diese Botschaft allen Männern der Haddedihn verkündigen!«

Er eilte dem Wadi zu, und Halef trat zu mir heran mit der Frage:

»Sihdi, ist es wahr, daß du mitgehst?«

»Ich gehe mit.«

»Sihdi, darf ich dir folgen?«

»Halef, denke an dein Weib!«

»Hanneh ist in guter Hut, aber du, Herr, brauchst einen treuen Diener! Darf ich dich begleiten?«

»Gut, so nehme ich dich mit; doch frage vorher Scheik Mohammed Emin und Scheik Malek, ob sie es erlauben.«

Elftes Kapitel.
Bei den Teufelsanbetern.

So war ich denn in Mossul und erwartete eine Audienz bei dem türkischen Pascha.

Ich sollte mit Mohammed Emin hinauf in die kurdischen Gebirge reisen, um seinen Sohn Amad el Ghandur durch List oder Gewalt aus der Festung Amadijah heraus zu holen: eine Aufgabe, welche nicht so ohne weiteres zu lösen war. Der tapfere Scheik der Haddedihn wäre am liebsten mit den Kriegern seines ganzen Stammes aufgebrochen, um sich durch das türkische Gebiet zu schlagen und Amadijah frei und offen zu überfallen; doch gab es hundert dringende Gründe, welche die Ausführung eines so phantastischen Planes zur Unmöglichkeit machten. Ein einzelner Mann hatte hier mehr Hoffnung auf Erfolg, als eine ganze Horde von Beduinen, und so war Mohammed Emin endlich auf meinen Vorschlag eingegangen, das Unternehmen nur zu dreien auszuführen. Diese drei waren: er, Halef und ich.

Freilich hatte es einen großen Aufwand an Überredung gekostet, um Sir David Lindsay, welcher sich gar zu gern angeschlossen hätte, klar zu machen, daß er mit seinem vollständigen Mangel an Sprachkenntnis und Anbequemungsfähigkeit uns mehr Schaden als Nutzen bringen würde; aber er hatte sich schließlich doch entschlossen, bei den Haddedihn zu bleiben und dort unsere Rückkehr zu erwarten. Dort konnte er sich des verwundeten Griechen Alexander Kolettis als Dolmetschers bedienen und nach Fowling-bulls graben. Die Haddedihn hatten versprochen, ihm so viel Ruinen zu zeigen, als er wolle. Nach Mossul hatte er mich nicht begleitet, weil ich es ihm abriet. Er konnte mir in Mossul nichts nützen, und der Zweck, welcher ihn dorthin führen mochte, nämlich die Absicht, um den Schutz des dortigen englischen Konsuls nachzusuchen, brauchte nicht verfolgt zu werden, da bis jetzt der Schutz der Haddedihn für ihn vollständig genügte.

Die Streitigkeit derselben mit ihren Feinden war völlig geschlichtet worden. Die drei Stämme hatten sich unterworfen und Geiseln bei den Siegern zurücklassen müssen. So kam es, daß Mohammed Emin bei den Seinen entbehrt werden konnte. Er war natürlich nicht mit nach Mossul geritten, da er dort ganz außerordentlich gefährdet gewesen wäre; wir hatten uns vielmehr verabredet, in den Ruinen von Khorsabad, dem alten assyrischen Saraghum, zusammenzutreffen. Wir waren also zusammen nach Wadi Murr, Aïn el Khalkhan und El Kasr geritten. Dort aber hatten wir uns getrennt; ich war mit Halef nach Mossul gereist, und der Scheik hatte mit Hilfe eines Floßes seine Überfahrt über den Tigris bewerkstelligt, um auf der andern Seite des Flusses längs des Dschebel Maklub unser Stelldichein zu erreichen.

Was aber wollte ich in Mossul? Etwa auch den Vertreter Englands aufsuchen, um mir seinen Schutz zu erbitten? Das fiel mir gar nicht ein, denn ich war ohne denselben wenigstens ebenso sicher wie mit demselben. Den Pascha aber mußte ich aufsuchen, das war unumgänglich notwendig; denn ich wollte mich mit allem ausrüsten, was unser Vorhaben zu fördern vermochte.

Es war eine fürchterliche Hitze in Mossul. Ein Blick auf das Thermometer zeigte mir 116 Grad Fahrenheit im Schatten, wenn ich mich zu ebener Erde befand. Ich hatte mich aber in einem jener Sardaubs[169] einlogiert, in denen die Bewohner dieser Stadt während der heißen Jahreszeit ihren Aufenthalt zu nehmen pflegen.

[169] Keller.

Halef saß bei mir und putzte seine Pistolen. Es hatte längeres Stillschweigen zwischen uns geherrscht, doch sah ich es dem Kleinen an, daß er irgend etwas auf dem Herzen hatte. Endlich aber drehte er sich mit einem raschen Ruck zu mir herum und sagte:

»Daran hatte ich nicht gedacht, Sihdi!«

»Woran?«

»Daß wir die Haddedihn niemals wiedersehen werden.«

»Ah! Warum?«

»Du willst nach Amadijah, Sihdi?«

»Ja. Du weißt dies ja längst.«

»Ich habe es gewußt, aber den Weg, welcher dorthin führt, den habe ich nicht gekannt. Allah il Allah! Es ist der Weg zum Tode und in die Dschehennah!«

Er schnitt dabei das bedenklichste Gesicht, welches ich jemals bei ihm gesehen hatte.

»So gefährlich, Hadschi Halef Omar?«

»Du glaubst es nicht, Sihdi? Habe ich nicht gehört, daß du auf diesem Wege die drei Männer besuchen willst, welche sich Pali, Selek und Melaf nennen, die drei Männer, welche du auf der Insel Abu Hammed gerettet hast und die, nachdem sie bei den Haddedihn sich erholt hatten, nach ihrer Heimat zogen?«

»Ich werde sie besuchen.«

»Dann sind wir verloren. Du und ich, wir beide sind wahre Gläubige; aber ein jeder Gläubige, der zu ihnen kommt, der hat das Leben und den Himmel verloren.«

»Das ist mir neu, Hadschi Halef! Wer hat es dir gesagt?«

»Das weiß jeder Moslem. Hast du noch nicht erfahren, daß das Land, in welchem sie wohnen, Scheïtanistan genannt wird?«

Ah, jetzt wußte ich, was er meinte. Er fürchtete sich vor den Dschesidi, den Teufelsanbetern. Dennoch aber stellte ich mich, als ob ich nichts wisse, und fragte:

»Scheïtanistan, das Land des Teufels? Warum?«

»Es wohnen die Radjahl esch Scheïtan dort, die Männer des Teufels, welche den Scheïtan anbeten.«

»Hadschi Halef Omar, wo giebt es hier Leute, welche den Teufel anbeten!«

»Du glaubst es nicht? Hast du noch nie von solchen Leuten gehört?«

»O ja; ich habe sogar solche Leute gesehen.«

»Und dennoch thust du, als ob du mir nicht glaubtest?«

»Ich glaube dir wirklich nicht.«

»Und hast sie selbst gesehen?«

»Aber nicht hier. Ich war in einem Lande, weit jenseits des großen Meeres; die Franken nennen es Australien. Dort fand ich wilde Männer, welche einen Scheïtan haben, dem sie den Namen Yahu geben. Den beten sie an. Hier aber giebt es keine Leute, welche den Teufel anbeten.«

»Sihdi, du bist klüger als ich und klüger als viele Leute; zuweilen aber ist deine Klugheit und deine Weisheit ganz verflogen. Frage einen jeden Mann, der dir begegnet, und er wird dir sagen, daß man in Scheïtanistan den Teufel anbetet.«

»Warst du dabei, als sie ihn anbeteten?«

»Nein. Ich habe es aber gehört.«

»Waren denn jene Leute dabei, von denen du es gehört hast?«

»Sie hatten es auch von anderen gehört.«

»So will ich dir sagen, daß es noch kein Mensch gesehen hat; denn die Dschesidi lassen keinen Menschen bei ihren Gottesdiensten gegenwärtig sein, wenn er einen andern Glauben hat, als sie.«

»Ist das wahr?«

»Ja. Wenigstens wäre es eine sehr große und eine sehr seltene Ausnahme, wenn sie einmal einem Fremden erlaubten, beizuwohnen.«

»Aber dennoch weiß man alles, was sie thun.«

»Nun?«

»Hast du noch nicht gehört, daß man sie Dscheragh Sonderan nennt?«

»Ja.«

»Das muß ein böser Name sein; ich weiß nicht, was er bedeutet.«

»Er bedeutet so viel wie Verlöscher des Lichtes.«

»Siehst du, Sihdi! Bei ihren Gottesdiensten, bei denen auch die Frauen und Mädchen gegenwärtig sind, wird das Licht verlöscht.«

»Da hat man dir eine große Lüge gesagt. Man hat die Dschesidi mit einer andern Sekte[170] verwechselt, bei welcher dies vorkommen soll. Was weißt du noch von ihnen?«

[170] Mit den Assyrern in Syrien.

»In ihren Gotteshäusern steht ein Hahn oder ein Pfauhahn, den sie anbeten, und das ist der Teufel.«

»Ist er es wirklich?«

»Ja.«

»O du armer Hadschi Halef Omar! Haben sie viele Gotteshäuser?«

»Ja.«

»Und in jedem steht ein Hahn?«

»Ja.«

»Wie viele Teufel müßte es dann geben! Ich denke, es giebt nur einen?«

»O Sihdi, es giebt nur einen einzigen, aber der ist überall. Doch sie haben auch falsche Engel.«

»Inwiefern?«

»Du weißt, der Kuran lehrt, daß es nur vier Erzengel giebt, nämlich Dschebraïl[171], welcher der Ruh el Kuds[172] ist und mit Allah und Mohammed dreieinig ist, grad wie bei den Christen der Vater, der Sohn und der Geist; sodann Azraïl, der Todesengel, den man auch Abu Jahah nennt; nachher Mikaïl und endlich Israfil. Die Teufelsanbeter haben aber sieben Erzengel, und diese heißen Gabraïl, Michaïl, Rafaïl, Azraïl, Dedraïl, Azrafil und Schemkil. Ist dies nicht falsch?«

[171] Gabriël.

[172] Der heilige Geist.

»Es ist nicht falsch, denn auch ich glaube, daß es sieben Erzengel giebt.«

»Du? Warum?« fragte er erstaunt.

»Das heilige Buch der Christen sagt es[173], und dem glaube ich mehr als dem Kuran.«

[173] Siehe Buch Tobias 12, V. 15. Offenbarung 1, V. 4, und 4, V. 5.

»O Sihdi, was muß ich hören! Du warst in Mekka, bist ein Hadschi und glaubst mehr an das Kitab der Ungläubigen als an die Worte des Propheten! Nun wundere ich mich nicht, daß du zu den Dschesidi willst!«

»Du kannst wieder umkehren. Ich gehe allein!«

»Umkehren? Nein! Es ist vielleicht doch möglich, daß Mohammed nur von vier Engeln redet, weil die andern drei grad nicht im Himmel waren, als er oben war. Sie hatten auf der Erde zu thun, und er lernte sie also nicht kennen.«

»Ich sage dir, Hadschi Halef Omar, daß du dich vor den Teufelsanbetern nicht zu fürchten brauchst. Sie beten den Scheïtan nicht an; sie nennen ihn nicht einmal beim Namen. Sie sind reinlich, treu, dankbar, tapfer und aufrichtig, und das findest du bei den Gläubigen wohl selten. Übrigens kommst du bei ihnen nicht um die Seligkeit, denn sie werden dir deinen Glauben nicht nehmen.«

»Sie werden mich nicht zwingen, den Teufel anzubeten?«

»Nein. Ich versichere es dir!«

»Aber sie werden uns töten!«

»Weder mich noch dich.«

»Sie haben aber so viele andere getötet; sie töten die Christen nicht, sondern nur die Muselmänner.«

»Sie haben sich nur gewehrt, als sie ausgerottet werden sollten. Und sie töteten deshalb nur die Moslemim, weil sie nur von diesen und nicht von den Christen angegriffen wurden.«

»Aber ich bin ein Moslem!«

»Sie sind deine Freunde, weil sie die meinigen sind. Hast du nicht drei ihrer Männer gepflegt, bis sie wieder gesund waren?«

»Es ist wahr, Sihdi. Ich werde dich nicht verlassen, sondern mit dir gehen!«

Da hörte ich Schritte die Treppe herabkommen. Zwei Männer traten ein. Es waren zwei albanesische Aghas von den irregulären Truppen des Pascha. Sie blieben am Eingange stehen, und einer von ihnen fragte:

»Bist du der Ungläubige, den wir führen sollen?«

Seit dem Augenblick, in welchem ich mich bei dem Pascha anmelden ließ, hatte ich wohlweislich den um meinen Hals hangenden Kuran abgelegt. Dieses Zeichen der Pilgerschaft durfte ich hier nicht sehen lassen. Der Fragende erwartete natürlich eine Antwort, ich aber gab ihm keine; ja, ich that sogar, als ob ich ihn weder gesehen noch gehört hätte.

»Bist du taub und blind, daß du nicht antwortest?« fragte er barsch.

Diese Arnauten sind rohe und zügellose, gefährliche Leute, welche bei der geringsten Veranlassung nicht nur nach den Waffen greifen, sondern sie auch gebrauchen; ich beabsichtigte aber nicht, mir ihre Art und Weise so ohne weiteres gefallen zu lassen. Daher zog ich, wie unwillkürlich, den Revolver aus dem Hawk[174] und wandte mich an meinen Diener:

[174] Gürtel.

»Hadschi Halef Omar Agha, sage mir, ob jemand hier ist!«

»Ja.«

»Wer ist es?«

»Es sind zwei Sabits[175], welche mit dir sprechen wollen.«

[175] Offiziere.

»Wer sendet sie?«

»Der Pascha, dem Allah ein langes Leben verleihen möge!«

»Das ist nicht wahr! Ich bin Emir Kara Ben Nemsi; der Pascha – Allah schütze ihn! – würde mir höfliche Leute senden. Sage diesen Männern, welche ein Schimpfwort statt des Grußes auf den Lippen tragen, daß sie gehen sollen. Sie mögen demjenigen, der sie sandte, die Worte wiederholen, welche ich mit dir gesprochen habe!«

Sie fuhren mit den Händen nach den Kolben ihrer Pistolen und sahen einander fragend an. Ich richtete, wie zufällig, den Lauf meiner Waffe auf sie und runzelte so finster als möglich die Stirn.

»Nun, Hadschi Halef Omar Agha, was habe ich dir befohlen?«

Ich sah es dem kleinen Manne an, daß mein Verhalten ganz nach seinem eigenen Geschmacke sei. Auch er hatte bereits eine seiner Pistolen in der Hand, und nun wandte er sich mit seiner stolzesten Miene dem Eingange zu:

»Hört, was ich euch zu sagen habe! Dieser tapfere und berühmte Effendi ist der Emir Hadschi Kara Ben Nemsi, und ich bin Hadschi Halef Omar Agha Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah. Ihr habt gehört, was mein Effendi sagte. Geht und thut, wie er euch befohlen hat!«

»Wir gehen nicht, der Pascha hat uns gesandt!«

»So geht wieder zum Pascha und sagt ihm, daß er uns höfliche Männer sende! Wer zu meinem Effendi kommt, hat die Schuhe auszuziehen und den Gruß zu sagen.«

»Bei einem Ungläubigen – – –«

Im Nu war ich auf und stand vor ihnen.

»Hinaus!«

»Wir haben – – –«

»Hinaus!«

Im nächsten Augenblick war ich mit Halef wieder allein. Sie mochten mir doch angesehen haben, daß ich keine Lust hatte, mir von ihnen Vorschriften geben zu lassen. – Man muß den Orientalen zu behandeln verstehen. Derjenige Abendländische, welcher sich mißachtet sieht, trägt selbst die Schuld. Ein klein wenig persönlicher Mut und eine möglichst große Dosis Unbescheidenheit, unterstützt von derjenigen lieben Tugend, welche man bei uns Grobheit nennen würde, sind unter gewissen Voraussetzungen von dem allerbesten Erfolge. Allerdings giebt es andererseits auch Verhältnisse, in denen man gezwungen ist, sich einiges oder sogar auch vieles gefallen zu lassen. Dann ist es aber sehr geraten, zu thun, als ob man gar nichts bemerkt habe. Freilich gehört nicht nur Kenntnis der Verhältnisse und Berücksichtigung des einzelnen Falles, sondern auch eine gute Übung dazu, um zu entscheiden, was dann besser und klüger sei: Grobheit oder Geduld und Selbstüberwindung, die Hand an der Waffe oder – – die Hand im Beutel.

»Sihdi, was hast du gethan!« rief Halef.

Er fürchtete trotz seiner Unerschrockenheit doch die Folgen meines Verhaltens.

»Was ich gethan habe? Nun, die beiden Lümmel hinausgewiesen!«

»Kennst du diese Arnauten?«

»Sie sind blutgierig und rachsüchtig.«

»Das sind sie. Hast du in Kahira nicht gesehen, daß einer von ihnen eine alte Frau bloß deshalb niederschoß, weil sie ihm nicht auswich? Sie war blind.«

»Ich habe es gesehen. Diese hier aber werden uns nicht niederschießen.«

»Und kennst du den Pascha?«

»Er ist ein sehr guter Mann!«

»O, sehr gut, Sihdi! Halb Mossul ist leer, weil sich alle vor ihm fürchten. Kein Tag vergeht, ohne daß zehn oder zwanzig die Bastonnade erhalten. Wer reich ist, lebt morgen nicht mehr, und sein Vermögen gehört dem Pascha. Er hetzt die Stämme der Araber aufeinander und bekriegt dann den Sieger, um ihm die Beute abzunehmen. Er spricht zu seinen Arnauten: ›Gehet, zerstört, mordet, aber bringt mir Geld!‹ Sie thun es, und er wird reicher als der Padischah. Wer heute noch sein Vertrauter ist, den läßt er morgen einstecken und übermorgen köpfen. Sihdi, was wird er mit uns thun?«

»Das müssen wir abwarten.«

»Ich will dir etwas sagen, Sihdi. Sobald ich sehe, daß er uns etwas Böses zufügen will, werde ich ihn niederschießen. Ich sterbe nicht, ohne ihn mitzunehmen.«

»Du wirst gar nicht in die Lage kommen, denn ich gehe allein zu ihm.«

»Allein? Das gebe ich nicht zu. Ich gehe mit!«

»Darf ich dich mitnehmen, wenn er nur mich bei sich sehen will?«

»Allah il Allah! So werde ich hier warten. Aber ich schwöre es dir bei dem Propheten und allen Kalifen; wenn du am Abend noch nicht zurück bist, so lasse ich ihm sagen, daß ich ihm etwas Wichtiges mitzuteilen hätte: er wird mich annehmen, und dann schieße ich ihm alle beiden Kugeln vor den Kopf!«

Es war sein Ernst, und ich bin überzeugt, er hätte es gethan, der wackere Kleine. Einen solchen Schwur hätte er nicht gebrochen.

»Aber Hanneh?« fragte ich.

»Sie soll weinen, aber stolz auf mich sein. Sie soll nicht einen Mann lieb haben, der seinen Effendi töten läßt!«

»Ich danke dir, mein guter Halef! Aber ich bin überzeugt, daß es nicht so weit kommen wird.«

Nach einer Weile vernahmen wir wieder Schritte. Ein gewöhnlicher Soldat trat ein. Er hatte die Schuhe draußen ausgezogen.

»Salama!« grüßte er.

»Sallam! Was willst du?«

»Bist du der Effendi, welcher mit dem Pascha reden will?«

»Ja.«

»Der Pascha – Allah schenke ihm tausend Jahre! – hat dir eine Sänfte gesandt. Du sollst zu ihm kommen!«

»Gehe hinauf. Ich komme gleich!«

Als er hinaus war, sagte Halef:

»Sihdi, siehst du, daß es gefährlich wird?«

»Warum?«

»Er sendet keinen Agha, sondern einen gewöhnlichen Soldaten.«

»Es mag sein: aber mache dir keine Sorge!«

Ich stieg die wenigen Stufen hinauf. Ah! Vor dem Hause hielt ein Trupp von etwa zwanzig Arnauten. Sie waren bis an die Zähne bewaffnet, und einer der beiden Aghas, welche vorher bei mir gewesen waren, befehligte sie. Zwei Hammals[176] hielten einen Tragsessel bereit.