[194] Amerika.
[195] Katholiken.
[196] Josua.
[197] Simson.
[198] Hirt David.
[199] Noah.
[200] Moses.
»Nein,« mußte ich allerdings antworten.
»Da siehst du! Ihr könnt zur Kilise (Kirche) gehen und zu Allah beten ohne Sorge; ihr könnt euch zum Lehrer setzen und auf seine Stimme hören ohne Angst; ihr könnt eure Eltern ehren und eure Kinder unterweisen ohne Furcht; ihr lebt im Garten Eden unverzagt, denn eurer Schlange ist der Kopf zertreten. Wir aber warten noch des Helden, welcher stillen und beruhigen soll das ›Schamata arasynda daghlere – das Geschrei in den Bergen‹, von denen euer Buch erzählt. Und ich sage dir, daß er noch kommen wird. Nicht der Russe wird es sein und auch nicht der Engländer, nicht der Türke, der uns aussaugt, und auch nicht der Perser, der uns so höflich belügt und betrügt. Wir glaubten einst, Bonapertah werde es sein, der große Schah der Franzosen; jetzt aber wissen wir, daß der Löwe nicht vom Adler Hilfe erwarten soll, denn das Reich beider ist verschieden. Hast du einmal gehört, was die Dschesidi gelitten haben?«
»Ja.«
»Wir wohnten im Frieden und in Eintracht im Lande Sindschar; aber wir wurden unterdrückt und vertrieben. Es war im Frühjahre; der Fluß war ausgetreten und die Brücke weggerissen. Da lagen unsere Greise, unsere Weiber und Kinder unten bei Mossul am Wasser. Sie wurden in die brausenden Fluten getrieben oder hingeschlachtet wie die wilden Tiere, und auf den Terrassen der Stadt stand das Volk von Mossul und jubelte über die Würgerei. Die Übriggebliebenen wußten nicht, wohin sie ihr Haupt legen sollten. Sie gingen in die Berge des Maklub, nach Bohtan, Scheikhan, Missuri, nach Syrien und sogar über die russische Grenze. Dort haben sie eine Heimat errungen, dort arbeiten sie, und wenn du ihre Wohnungen, ihre Kleider, ihre Gärten und Felder siehst, so freust du dich; denn da herrscht Fleiß, Ordnung und Sauberkeit, während du rundum nur Schmutz und Faulheit findest. Das aber lockt die andern, und wenn sie Geld und Leute brauchen, so fallen sie über uns her und morden uns und unser Glück. Wir feiern in drei Tagen das Fest unseres großen Heiligen. Wir haben es seit vielen Jahren nicht feiern können, weil die Pilger auf der Reise nach Scheik Adi das Leben gewagt hätten. In diesem Jahre aber scheint es, als ob sich unsere Feinde ruhig verhalten wollten, und so werden wir nach langer Zeit wieder einmal unsern Heiligen verehren. Tschelebim mahalinde geldin – du kommst zur rechten Zeit. Zwar mögen wir Fremde nicht bei unsern Festen haben; du aber bist der Wohlthäter der Meinigen und wirst uns willkommen sein.«
Nichts war mir angenehmer, als diese Einladung, denn sie gab mir Gelegenheit, die Sitten und Gebräuche der rätselhaften Teufelsanbeter kennen zu lernen. Die Radjahl el Scheïtan oder Chalk-scheïtanün[201] waren mir so schlimm geschildert worden und erschienen mir doch in einem viel bessern Lichte, so daß ich begierig war, mir Aufklärung über sie zu verschaffen.
[201] Teufelsleute.
»Habe Dank für dein freundliches Anerbieten,« antwortete ich. »Ich würde sehr gerne bei dir verweilen, aber wir haben eine Aufgabe zu lösen, welche erfordert, daß wir bald wieder Baadri verlassen.«
»Ich kenne diese Aufgabe,« antwortete er. »Du kannst trotz derselben unser Fest mitfeiern.«
»Du kennst sie?«
»Ja. Ihr wollt zu Amad el Ghandur, dem Sohn des Scheik Mohammed Emin. Er befindet sich in Amadijah.«
»Woher weißt du dies?«
»Von den drei Männern, welche du gerettet hast. Ihr werdet ihn aber jetzt nicht befreien können.«
»Warum?«
»Der Mutessarif von Mossul scheint einen Einfall der östlichen Kurden zu befürchten und hat viele Truppen nach Amadijah bestimmt, von denen bereits eine Anzahl in Amadijah eingetroffen ist.«
»Wie viel?«
»Zwei Jüsbaschi[202] mit zweihundert Mann vom sechsten Infanterieregiment Anatoli Ordüssi in Diarbekir und drei Jüsbaschi mit dreihundert Mann vom dritten Infanterieregiment Irak Ordüssi in Kerkjuk, zusammen also fünfhundert Mann, welche unter einem Bimbaschi[203] stehen.«
[202] Kapitän, Befehlshaber von hundert Mann.
[203] Major, Befehlshaber von tausend Mann.
»Und Amadijah liegt zwölf Stunden von hier?«
»Ja; doch die Wege sind so mühsam, daß du innerhalb eines Tages nicht hinzukommen vermagst. Man übernachtet gewöhnlich in Cheloki oder Spandareh und reitet erst am nächsten Morgen über die steilen und beschwerlichen Gharahberge, hinter denen die Ebene und der Felsenkegel von Amadijah liegt.«
»Welche Truppen stehen in Mossul?«
»Teile vom zweiten Dragoner- und vom vierten Infanterieregimente der Division Irak Ordüssi. Auch sie sind in Bewegung. Eine Abteilung soll gegen die Beduinen ziehen, und eine andere wird über unsere Berge kommen, um nach Amadijah zu marschieren.«
»Wie hoch zählen diese letzteren?«
»Tausend Mann unter einem Miralai[204], bei dem sich auch ein Alai Emini[205] befindet. Diesen Miralai kenne ich; er hat das Weib und die beiden Söhne von Pir[206] Kamek getötet und heißt Omar Amed.«
[204] Oberst.
[205] Regiments-Quartiermeister.
[206] Dschesidischer Heiliger.
»Weißt du, wo sie sich versammeln?«
»Die, welche gegen die Beduinen bestimmt sind, halten sich in den Ruinen von Kufjundschik verborgen; ich habe durch meine Kundschafter erfahren, daß sie bereits übermorgen aufbrechen werden. Die anderen aber werden erst später marschfertig.«
»Ich glaube, daß du von deinen Kundschaftern falsch berichtet worden bist.«
»Wieso?«
»Glaubst du wirklich, daß der Mutessarif von Mossul Truppen so weit her aus Diarbekir kommen läßt, um sie gegen die östlichen Kurden zu verwenden? Hätte er das zweite Infanterieregiment Irak Ordüssi, welches in Suleimania liegt, nicht viel näher? Und besteht das dritte Regiment in Kerkjuk nicht meistenteils aus Kurden? Glaubst du, daß er den Fehler begeht, dreihundert Mann von ihnen gegen die eigenen Stammesgenossen zu verwenden?«
Er machte eine sehr nachdenkliche Miene und meinte dann:
»Deine Rede ist klug, aber ich begreife sie nicht.«
»Haben die Truppen, welche in Kufjundschik halten, Kanonen bei sich?«
»Nein.«
»Wenn man einen Zug in die Ebene beabsichtigt, wird man gewißlich Kanoniere mitnehmen. Eine Truppe, bei welcher sich keine Artillerie befindet, wird ganz sicher in die Berge bestimmt sein.«
»So hat mein Kundschafter eine Verwechselung begangen. Die Leute, welche in den Ruinen halten, sind nicht gegen die Beduinen, sondern nach Amadijah bestimmt.«
»Sie sollen bereits übermorgen aufbrechen? Dann kommen sie just am Tage eures großen Festes hier an!«
»Emir!«
Er sprach nur dies eine Wort, aber im Tone des höchsten Schreckens. Ich fuhr fort:
»Bemerke, daß weder die Süd- noch die Nordseite von Scheik Adi, sondern nur die West- und die Ostseite für Truppen zugänglich sind. Zehn Stunden von hier versammeln sich im Westen tausend Mann bei Mossul, und zwölf Stunden von hier im Osten vereinigen sich fünfhundert Mann in Amadijah. Scheik Adi wird eingeschlossen, und es ist kein Entrinnen möglich.«
»Herr, wäre dies so gemeint?«
»Glaubst du wirklich, daß fünfhundert Mann hinreichend wären, in das Gebiet der Kurden von Berwari, von Bohtan, Tijari, Chal, Hakkiari, Karitha, Tura-Ghara, Baz und Schirwan einzufallen? Diese Kurden würden ihnen schon am dritten Tage sechstausend Streiter entgegen stellen können.«
»Du hast recht, Emir; es ist auf uns gezielt!«
»Jetzt, wo du dich von den Gründen der Wahrscheinlichkeit überzeugen ließest, vernimm denn: Ich weiß es aus dem eigenen Munde des Mutessarif, daß er euch in Scheik Adi überfallen will.«
»Wirklich?«
»Höre!«
Ich erzählte ihm von meiner Unterredung mit dem Gouverneur das, was mich zu meiner Schlußfolgerung berechtigte. Als ich geendet hatte, erhob er sich und schritt einige Male auf und ab. Dann bot er mir die Hand.
»Ich danke dir, o Herr; du hast uns alle gerettet! Hätten uns fünfzehnhundert Soldaten unerwartet überfallen, so wären wir verloren gewesen; nun aber wird es mir lieb sein, wenn sie wirklich kommen. Der Mutessarif hat uns mit Vorbedacht in Schlaf gelullt, um uns zur Wallfahrt nach Scheik Adi zu verlocken; er hat sich alles sehr schlau ausgesonnen; eines aber hat er außer acht gelassen: – die Mäuse, welche er fangen will, werden so zahlreich werden, daß sie die Katzen zerreißen können. Erzeige mir die Gnade, keinem Menschen etwas von dem zu sagen, was wir gesprochen haben, und erlaube, daß ich mich für einige Augenblicke entferne.«
Er ging hinaus.
»Wie gefällt er dir, Emir?« fragte Mohammed Emin.
»Ebenso wie dir!«
»Und dies soll ein Merd-es-Scheïtan, ein Teufelsanbeter sein?« fragte Halef. »Einen Dschesiden habe ich mir vorgestellt mit dem Rachen eines Wolfes, mit den Augen eines Tigers und mit den Krallen eines Vampyr!«
»Glaubst du nun immer noch, daß dich die Dschesidi um den Himmel bringen werden?« fragte ich ihn lächelnd.
»Warte es noch ab, Sihdi! Ich habe gehört, daß der Teufel oft eine sehr schöne Gestalt annehme, um den Gläubigen desto sicherer zu betrügen.«
Da öffnete sich die Thüre, und ein Mann trat ein, dessen Anblick ein ganz ungewöhnlicher war. Seine Kleidung zeigte das reinste Weiß, und schneeweiß war auch das Haar, welches ihm in langen, lockigen Strähnen über den Rücken herabwallte. Er mochte wohl in die achtzig Jahre zählen; seine Wangen waren eingefallen, und seine Augen lagen tief in ihren Höhlen, aber ihr Blick war kühn und scharf, und die Bewegung, mit welcher er eingetreten war und die Thüre geschlossen hatte, zeigte eine ganz elastische Gewandtheit. Der volle Bart, welcher ihm rabenschwarz und schwer bis über den Gürtel herniederhing, bildete einen merkwürdigen Kontrast zu dem glänzenden Schnee des Haupthaares. Er verbeugte sich vor uns und grüßte mit volltönender Stimme:
»Günesch-iniz söjündürme-sun – eure Sonne verlösche nie!« Und dann fügte er hinzu: »Hun be kurmangdschi zanin – versteht ihr, kurdisch zu sprechen?«
Diese letztere Frage war im kurdischen Dialekte des Kurmangdschi ausgesprochen, und als ich unwillkürlich mit der Antwort zögerte, meinte er:
»Schima zazadscha zani?«
Dies war ganz dieselbe Frage im Zazadialekt. Diese beiden Dialekte sind die bedeutendsten der kurdischen Sprache, die ich damals noch nicht kannte. Ich verstand daher die Worte nicht, erriet aber ihren Sinn und antwortete auf türkisch:
»Seni an-lamez-iz – wir verstehen dich nicht. Jalwar-iz söjlem türkdsche – bitte, rede türkisch!«
Dabei erhob ich mich, um ihm meinen Platz anzubieten, wie es seinem Alter gegenüber der Anstand erforderte. Er ergriff meine Hand und fragte:
»Nemtsche sen – bist du der Deutsche?«
»Ja.«
»Izim seni kutschaklam-am – erlaube, daß ich dich umarme!«
Er drückte mich in der herzlichsten Weise an sich, nahm aber den angebotenen Platz nicht an, sondern setzte sich an die Stelle, wo der Bey gesessen hatte.
»Mein Name ist Kamek,« begann er. »Ali Bey sendet mich zu euch.«
»Kamek? Der Bey hat bereits von dir gesprochen.«
»Wobei hat er mich erwähnt?«
»Es würde dir Schmerz machen, es zu hören.«
»Schmerz? Kamek hat niemals Schmerz. Alle Schmerzen, deren das Herz des Menschen fähig ist, habe ich in einer einzigen Stunde durchkostet. Wie kann es da noch ein Leid für mich geben?«
»Ali Bey sagte, daß du den Miralai Omar Amed kennst.«
Es zuckte keine Falte seines Gesichtes, und seine Stimme klang ganz ruhig, als er antwortete:
»Ich kenne ihn, aber er kennt mich noch nicht. Er hat mir mein Weib und meine Söhne getötet. Was ist’s mit ihm?«
»Verzeihe; Ali Bey wird es dir selbst sagen!«
»Ich weiß, daß ihr nicht sprechen sollt; aber Ali Bey hat kein Geheimnis vor mir. Er hat mir mitgeteilt, was du ihm von der Absicht des Türken gesagt hast. Glaubst du wirklich, daß sie kommen werden, um unser Fest zu stören?«
»Ich glaube es.«
»Sie sollen uns besser gerüstet finden, als damals, wo meine Seele verloren ging. Hast du ein Weib und hast du Kinder?«
»So kannst du auch nicht ermessen, daß ich lebe und doch längst gestorben bin. Aber du sollst es erfahren. Kennst du Tel Afer?«
»Ja.«
»Du warst dort?«
»Nein, aber ich habe von ihm gelesen.«
»Wo?«
»In den Beschreibungen dieses Landes und auch in – – du bist ein Pir, ein berühmter Heiliger der Dschesidi, du kennst also auch das heilige Buch der Christen?«
»Ich besitze den Teil, welcher Eski-Saryk[207] genannt wird, in türkischer Sprache.«
[207] Altes Testament.
»Nun, so hast du auch gelesen das Buch des Propheten Jesaias?«
»Ich kenne es. Dschesajai ist der erste der sechzehn Propheten.«
»So schlage nach in diesem Buche das siebenunddreißigste Kapitel. Dort lautet der zwölfte Vers: ›Haben auch die Götter der Heiden alle die gerettet, so von meinen Vätern vernichtet wurden, Gozam und Haram, und Reseph, und die Söhne Edens zu Thalassar?‹ Dieses Thalassar ist Tel Afer.«
Er blickte mich erstaunt an.
»So kennt ihr aus eurem heiligen Buche die Städte unseres Landes, welche bereits vor Jahrtausenden bestanden?«
»So ist es.«
»Euer Kitab ist größer als der Kuran. Aber höre! Ich wohnte in Mirkan, am Fuße des Dschebel Sindschar, als die Türken über uns hereinbrachen. Ich flüchtete mit meinem Weibe und zwei Söhnen nach Tel Afer, denn es ist eine feste Stadt, und ich hatte dort einen Freund, welcher mich bei sich aufnahm und verbarg. Aber auch hier drangen die Wütenden ein, um alle Dschesidi, welche hier Schutz gesucht hatten, zu töten. Mein Versteck wurde entdeckt und mein Freund für seine Barmherzigkeit erschossen. Ich ward gebunden und mit Weib und Kindern vor die Stadt gebracht. Dort loderten die Feuer, in denen wir den Tod finden sollten, und dort floß das Blut der Gemarterten. Ein Mülasim[208] stach mir, um mir Schmerz zu bereiten, sein Messer durch die Wangen. Hier siehst du die Narben noch. Meine Söhne waren mutige Jünglinge; sie sahen meine Qual und vergriffen sich an ihm. Dafür wurden auch sie gefesselt, und ebenso geschah es ihrer Mutter. Man schlug beiden die rechte Hand ab und schleppte sie dann zum Feuer. Auch mein Weib wurde verbrannt, und ich mußte es sehen. Dann zog der Mülasim das Messer aus meinem Antlitz und stach es mir langsam, sehr langsam in die Brust. Als ich erwachte, war es Nacht, und ich lag unter Leichen. Die Klinge hatte das Herz nicht getroffen, aber ich lag in meinem Blute. Ein Chaldäer fand mich am Morgen und verbarg mich in den Ruinen von Kara-tapeh. Es vergingen viele Wochen, ehe ich mich erheben konnte, und mein Haar war in der Todesstunde der Meinen weiß geworden. Mein Leib lebte wieder, aber meine Seele war tot. Mein Herz ist verschwunden; an seiner Stelle klopft und schlägt ein Name, der Name Omar Amed, denn so hieß jener Mülasim. Er ist jetzt Miralai.«
[208] Lieutenant.
Er erzählte das in einem einförmigen, gleichgültigen Tone, der mich mehr ergriff, als der glühendste Ausdruck eines unversöhnlichen Rachegefühles. Die Erzählung klang so monoton, so automatisch, als würde sie von einem Narkotisierten oder von einem Nachtwandler vorgetragen. Es war schrecklich anzuhören.
»Du willst dich rächen?« fragte ich.
»Rächen? Was ist Rache?« antwortete er in demselben Tone. »Sie ist eine böse, heimtückische That. Ich werde ihn bestrafen, und dann wird mein Leib dorthin gehen, wohin ihm meine Seele vorangegangen ist. – Ihr werdet während unseres Festes bei uns verweilen?«
»Wir wissen es noch nicht.«
»Bleibt hier! Wenn ihr geht, wird euch euer Vorhaben nicht glücken; bleibt ihr aber, so dürft ihr alle Hoffnung haben, daß es gelingen werde; denn es wird euch kein Türke mehr im Wege sein, und die Dschesidi können euch leicht unterstützen.«
Er sprach jetzt wieder in einem ganz andern Tone, und sein Auge hatte das frühere Leben wieder bekommen.
»Unsere Anwesenheit würde euer Fest vielleicht nur stören,« sagte ich in der Absicht, vielleicht einiges über seine Sekte zu erfahren.
Er schüttelte langsam den Kopf.
»Glaubst du auch das Märchen oder vielmehr die Lügen, welche man von uns erzählt? Vergleiche uns mit andern, so wirst du Reinlichkeit und Reinheit finden. Die Reinheit ist es, nach der wir streben; die Reinheit des Leibes und die Reinheit des Geistes, die Reinheit der Rede und die Reinheit der Lehre. Rein ist das Wasser, und rein ist die Flamme. Darum lieben wir das Wasser und taufen mit demselben. Darum verehren wir das Licht als das Symbol des reinen Gottes, von dem auch euer Kitab sagt, daß er in einem Atesch, in einem Lichte wohnt, zu welchem niemand kommen kann. Ihr heiliget euch mit Su ikbalün, dem geweihten Wasser, und wir heiligen uns mit Atesch ikbalün, dem geweihten Feuer. Wir tauchen die Hand in die Flamme und segnen mit derselben unsere Stirn, wie ihr es mit dem Wasser thut. Ihr sagt, Azerat Esau[209] sei auf der Erde gewesen und werde einst wiederkommen; wir wissen ebenso, daß er einst unter den Menschen wandelte, und glauben, daß er zurückkehren werde, um uns die Thore des Himmels zu öffnen. Ihr verehrt den Heiland, welcher auf der Erde lebte; wir verehren den Heiland, welcher einst wiederkommen wird. Wir wissen, wann er ein Mensch gewesen war, aber wir wissen nicht, wann er wiederkommen wird, und daher thun wir das, was er den Seinen befahl, als er sie in dem Baghtsche Gethseman[210] schlafend fand: ›Gözetyn namaz kalyn ansizdan üzerine warilmemisch olursaniz – wachet und betet, auf daß ihr nicht überfallen werdet!‹ Darum bedienen wir uns des Hahnes, der ein Symbol der Wachsamkeit ist. Thut ihr dies nicht auch? Ich habe mir erzählen lassen, daß die Christen auf den Dächern ihrer Häuser und ihrer Tempel sehr oft einen Hahn anbringen, welcher aus Blech gemacht und mit Gold überzogen ist. Ihr nehmt einen blechernen Hahn und wir einen lebendigen. Sind wir deshalb Götzendiener oder böse Menschen? Eure Priester sind weiser, und eure Lehren sind besser; wir würden bessere Lehren haben, wenn wir weisere Priester hätten. Ich bin unter allen Dschesidi der einzige, welcher euer Kitab lesen und schreiben kann, und darum rede ich zu dir, wie kein anderer zu dir reden wird.«
[209] Der Herr Jesus.
[210] Garten Gethsemane.
»Warum bittet ihr nicht um Priester, welche die eurigen unterweisen könnten?«
»Weil wir nicht teilnehmen wollen an eurer Uneinigkeit. Die Lehre der Christen ist gespalten. Wenn ihr uns einmal sagen könnt, daß ihr einig seid, so werdet ihr uns willkommen sein. Wenn die Christen des Abendlandes uns Lehrer senden, von denen jeder anders lehrt, so thun sie sich selbst den größten Schaden. Azerat Esau sagt in eurem Kitab: ›Im jol de gertscheklik de ömir de – ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.‹ Warum haben die Abendländischen so viele Wege, so viele Wahrheiten, da es doch nur den Einen giebt, der das Leben ist? Darum streiten wir uns nicht über den Heiland, der bereits hier gewesen ist, sondern wir halten uns rein und harren des Erlösers, welcher kommen wird.«
Da trat Ali Bey wieder ein, und das war mir – offen gestanden – sehr lieb. Meine Wißbegierde in Beziehung auf die Teufelsanbeter hätte mich beinahe diesem einfachen Kurden gegenüber in Verlegenheit gebracht. Ich mußte bei dem Vorwurfe der Glaubensspaltung in meiner eignen Heimat schweigen – leider, leider! Der Pir erhob sich und reichte mir die Hand.
»Allah sei bei dir und auch bei mir! Ich gehe den Weg, den ich gehen muß, aber wir werden uns wiedersehen.«
Er reichte auch den andern die Hand und ging. Ali Bey winkte ihm nach und sagte:
»Das ist der Weiseste unter den Dschesidi; ihm kommt keiner gleich. Er war in Persistan und Indien; er war in Jerusalem und Stambul; er hat überall gesehen und gelernt und sogar ein Buch geschrieben.«
»Ein Buch?« fragte ich erstaunt.
»Er ist der einzige, der richtig schreiben kann. Er wünscht, daß unser Volk einst so klug und gesittet werde, wie die Männer des Abendlandes, und dies können wir nur aus den Büchern der Franken lernen. Damit nun einmal diese Bücher in unserer Sprache niedergeschrieben werden können, hat er viele hundert Wörter unserer Mundarten verzeichnet. Das ist sein Buch.«
»Das wäre ja köstlich! Wo befindet sich dieses Buch?«
»In seiner Wohnung.«
»Und wo ist diese?«
»In meinem Hause. Pir Kamek ist ein Heiliger. Er wandert im Lande umher und ist überall hochwillkommen. Ganz Kurdistan ist seine Wohnung, aber seine Heimat hat er bei mir aufgeschlagen.«
»Denkst du, daß er dieses Buch mir einmal zeigen werde?«
»Er wird es sehr gern thun.«
»Ich werde ihn sofort darum bitten! Wohin ist er gegangen?«
»Bleibe! Du wirst ihn nicht finden, denn er ist gegangen, um über die Seinigen zu wachen. Dennoch aber sollst du das Buch erhalten; ich werde es dir holen. Vorher aber versprecht mir, daß ihr bleiben wollt!«
»Du meinst, wir sollen den Ritt nach Amadijah aufschieben?«
»Ja. Es waren drei Männer aus Kaloni da. Sie gehören zu dem Zweige Badinan des Stammes Missuri und sind gewandt, tapfer, klug und mir treu ergeben. Ich habe sie ausgesandt nach Amadijah, um die Türken auszukundschaften. Sie werden zugleich versuchen, Amad el Ghandur zu finden; das habe ich ihnen ganz besonders empfohlen, und bis sie Nachricht bringen, mögt ihr es euch bei mir gefallen lassen!«
Damit waren wir herzlich gern einverstanden; Ali Bey umarmte uns vor Freuden nochmals, als wir ihm dies mitteilten, und bat uns:
»Kommt jetzt mit mir, damit auch mein Weib euch sehe!«
Ich war erstaunt über diese Einladung, machte aber später die Erfahrung, daß die Dschesidi ihre Frauen bei weitem nicht so abschließen, wie es die Mohammedaner thun. Sie führen ein patriarchalisches Leben, und nie bin ich im Oriente so an das heimatliche, deutsche Familienleben erinnert worden, als bei ihnen. Natürlich besaßen die gewöhnlichen Leute nicht die Klarheit der religiösen Ansicht wie Pir Kamek, aber dem falschen Griechen, dem schachernden, sittenlosen Armenier, dem rachsüchtigen Araber, dem trägen Türken, dem heuchlerischen Perser und dem raubsüchtigen Kurden gegenüber mußte ich den fälschlicherweise so übel beleumundeten »Teufelsanbeter« achten lernen. Sein Kultus schwankt zwischen Chaldäismus, Islam und Christentum, aber nirgend dürfte das letztere einen so fruchtbaren Boden finden, wie bei den Dschesidi, falls die frommen Sendboten es verstehen wollten, den Sitten und Gebräuchen derselben ein klein wenig Rechnung zu tragen.
Draußen vor dem Hause saß der Buluk Emini neben seinem Esel. Beide speisten, der Esel Gerste und der Baschi-Bozuk getrocknete Feigen vom Sindschar, von denen er mehrere Schnüre vor sich liegen hatte. Und dabei erzählte er kauend den zahlreich um ihn Stehenden von seinen Heldenthaten. Halef gesellte sich zu ihm, wir drei andern aber gingen nach der Abteilung des Hauses, welche der Gebieterin zur Wohnung diente.
Sie war sehr jugendlich und trug einen kleinen Knaben auf dem Arme. Ihr schönes schwarzes Haar war in viele, lang herabhängende Zöpfe geflochten, und eine Anzahl funkelnder Goldstücke bedeckte ihre Stirn.
»Seid willkommen, ihr Herren!« sagte sie in schmuckloser, ungekünstelter Einfachheit und reichte uns die Rechte.
Ali Bey nannte uns ihren Namen und ihr dann auch die unsrigen. Ihr Name ist mir leider wieder entfallen. Ich nahm ihr den Knaben vom Arme und küßte ihn. Sie schien mir dies hoch anzurechnen und darauf recht stolz zu sein. Der kleine Bey war allerdings auch ein nettes Kerlchen, höchst sauber gehalten und ganz unähnlich jenen dickleibigen und frühalten orientalischen Kindern, welche man besonders häufig bei den Türken findet. Ali Bey fragte mich, wo wir essen wollten: ob in unserm Gemache oder hier in der Frauenwohnung, und ich entschloß mich sofort für das letztere. Dem kleinen Teufelsanbeter schien es bei mir recht gut zu gefallen; er blitzte mich mit seinen dunklen Äuglein neckisch an, zauste mir im Barte herum, strampelte vor Vergnügen mit Armen und Beinen und stammelte zuweilen ein Wort, welches weder er noch ich verstand. Wir standen in Beziehung auf das Kurdische auf ganz gleicher Rangstufe, und darum gab ich ihn auch während des Mahles nicht her, was mir die Mutter dadurch vergalt, daß sie mir den besten Teil der Speisen vorlegte und mir nach Tisch ihren Garten zeigte.
Am besten schmeckte mir der Kursch, ein Gericht aus Sahne, welche im Ofen gebacken und dann mit Zucker und Honig übergossen wird, und am besten gefiel mir im Garten jene wundervolle feuerfarbene Baumblüte, bei welcher sich immer Blume neben Blume erzeugt und die von den Arabern Bint el Onsul, Tochter des Konsuls, genannt wird.
Dann holte mich Ali Bey ab, um mir mein Gemach zu zeigen. Es befand sich auf der Plattform des Daches, so daß ich mich der herrlichsten Aussicht erfreute. Als ich eintrat, bemerkte ich auf dem niedrigen Tische ein starkes Heft.
»Das Buch des Pir,« erklärte Ali auf meinen fragenden Blick.
Im Nu hatte ich es ergriffen und mich auf den Diwan niedergelassen. Der Bey aber ging lächelnd hinaus, um mich beim Studium des kostbaren Fundes nicht zu stören. Das Heft war in arabisch-persischer Schrift geschrieben und enthielt eine ansehnliche Sammlung von Wörtern und Redensarten in mehreren kurdischen Dialekten. Ich bemerkte bald, daß es mir nicht sehr schwer fallen werde, mich im Kurdischen verständlich zu machen, sobald es mir nur erst gelungen sei, mir über die phonetische Bedeutung der Buchstaben klar zu werden. Hier war die Praxis von Bedeutung, und ich beschloß, den hiesigen Aufenthalt in dieser Beziehung so viel wie möglich auszunutzen.
Mittlerweile brach die Dämmerung herein, und unten am Bache, wo die Mädchen Wasser schöpften, während einige Bursche ihnen dabei halfen, erklang folgender Gesang:
[211] Frei übersetzt:
Das war ein rhythmisch und melodisch hübscher Gesang, wie man ihn sonst im Oriente nicht gleich zu hören bekommt. Ich lauschte, aber leider blieb es bei dieser einen Strophe, und ich erhob mich, um hinauszugehen, wo ein reges Leben herrschte, denn es kamen immerfort Fremde, und es wurde Zelt neben Zelt errichtet. Man merkte, daß ein bedeutendes Fest nahe bevorstand. Als ich vor die Thür trat, sah ich eine ansehnliche Versammlung um den kleinen Buluk Emini stehen, welcher laut erzählte.
»Schon bei Sayda habe ich gekämpft,« rühmte er sich, »und dann auf der Insel Candia, wo wir die Empörer besiegten. Nachher focht ich in Beirut unter dem berühmten Mustapha Nuri Pascha, dessen tapfere Seele jetzt im Paradiese lebt. Damals hatte ich auch meine Nase noch, und diese verlor ich in Serbien, wohin ich mit Schekib Effendi gehen mußte, als Kiamil Pascha den Michael Obrenowitsch fortjagte.«
Der gute Baschi-Bozuk schien gar nicht mehr genau zu wissen, bei welcher Gelegenheit er um seine Nase gekommen war. Er fuhr fort:
»Ich wurde nämlich hinter Bukarest überfallen. Zwar wehrte ich mich tapfer; schon lagen über zwanzig Feinde tot am Boden; da holte einer mit dem Säbel aus; der Hieb sollte mir eigentlich den Kopf spalten, da ich aber denselben zurückzog, so traf er meine Na – – –«
In diesem Augenblick erscholl in unmittelbarer Nähe ein Schrei, wie ich ihn in meinem Leben noch gar nicht gehört hatte. Es klang, als ob auf den hohen, schrillen Pfiff einer Dampfpfeife das Kollern eines Truthahnes folge, und daran schloß sich jenes vielstimmige, ächzende Wimmern, welches man zu hören bekommt, wenn einer Orgel mitten im Spiele der Wind ausgeht. Die Anwesenden starrten erschrocken das Wesen an, welches diese rätselhaften, antediluvianischen Töne ausgestoßen hatte. Ifra aber meinte ruhig:
»Was staunt ihr denn? Mein Esel war’s! Er kann die Dunkelheit nicht leiden; darum schreit er die ganze Nacht hindurch, bis es wieder licht geworden ist.«
Hm! Wenn es so stand, so war dieser Esel doch eine ganz liebenswürdige Kreatur! Diese Stimme mußte ja Tote lebendig machen! Wer sollte während der Nacht an Schlaf und Ruhe denken, wenn man die musikalischen Impromptüs dieser vierbeinigen Jenny Lind anhören mußte, welche in der Lunge eine Diskantposaune, in der Gurgel einen Dudelsack und im Kehlkopfe die Schnäbel und Klappen von hundert Klarinetten zu haben schien.
Übrigens war es jetzt bereits zum drittenmal, daß ich die Erzählung von der Nase des Buluk Emini zu hören bekam. Es schien »im Buche verzeichnet« zu sein, daß er diese Erzählung niemals zu Ende bringen dürfe.
»So schreit das Tier also die ganze Nacht?« fragte einer.
»Die ganze Nacht,« bestätigte er mit der Ergebenheit eines Märtyrers. »Alle zwei Minuten einmal.«
»Gewöhne es ihm ab!«
»Womit?«
»Ich weiß es nicht!«
»So behalte auch deinen Rat für dich! Ich habe alles vergebens versucht: – Schläge, Hunger und Durst.«
»Stelle es ihm einmal in ernsten Worten vor, damit er sein Unrecht erkennt!«
»Ich habe ihm ernste und auch liebevolle Reden gehalten. Er sieht mich an, hört mir ruhig zu, schüttelt den Kopf und – schreit weiter.«
»Das ist doch sonderbar. Er versteht dich; er versteht dich ganz gewiß, aber er hat keine Lust, dir den Gefallen zu thun.«
»Ja, ich habe auch sehr oft gehört, daß die Tiere den Menschen verstehen, denn zuweilen soll in ihnen die Seele eines Verstorbenen stecken, die dazu verdammt ist, auf diese Weise ihre Sünden abzubüßen. Der Kerl, welcher in diesem Esel steckt, muß früher taub gewesen sein, stumm aber gewißlich nicht.«
»Du mußt einmal zu erforschen versuchen, zu welchem Stamme er gehört hat. In welcher Sprache redest du zu dem Esel?«
»Wenn nun die Seele ein Perser, ein Araber oder gar ein Giaur gewesen ist, der das Türkische gar nicht versteht?«
»Allah akbar, das ist wahr! Daran habe ich gar nicht gedacht!«
»Warum schüttelt der Esel stets den Kopf, wenn du zu ihm redest? Sein Geist versteht das Türkische nicht. Sprich in einer anderen Sprache zu ihm!«
»Aber ob ich die richtige finde? Ich werde meinen Emir bitten. Hadschi Halef Omar hat mir gesagt, daß dieser die Sprachen aller Völker reden kann. Vielleicht entdeckt er, wo der Geist meines Esels früher gelebt hat. Auch Soliman[212] konnte alle Tiere verstehen.«
[212] Salomo.
»Es hat auch andere gegeben, die dies verstanden. Kennst du die Erzählung von dem reichen Manne, dessen Söhne sogar mit dem Steine gesprochen haben?«
»Nein.«
»So werde ich sie euch erzählen! De vachtha beni Isráil meru ki dauletlü, mir; du lau wi man, male wi pür, haneki wi ma. Va her du lavi wi va hania khoè parve dikerin, pev tschun, jek debee – – –«
»Halt!« unterbrach ihn Ifra. »In welcher Sprache redest du?«
»In unserer. Es ist Kurmangdschi.«
»Das verstehe ich nicht. Erzähle doch türkisch!«
»So geht es dir grad wie dem Geiste deines Esels, der auch nur seine Sprache versteht. Aber wie kann ich eine kurdische Geschichte türkisch erzählen? Sie wird ganz anders klingen!«
»Versuche es nur!«
»Ich will sehen! Also zur Zeit der Kinder Israel gab es einen reichen Mann, welcher starb. Er hinterließ zwei Söhne, viel Reichtum und ein Haus. Als die beiden Söhne ihr Haus teilen wollten, gerieten sie aneinander. Der eine sagte: ›Es ist mein Haus!‹ Der andere sagte: ›Es ist mein Haus!‹ Da erhob sich durch den Willen Gottes in der Wand ein Backstein und sagte: ›Was, schämt ihr euch nicht? Dieses Haus ist weder dein noch sein. Ich, ein Mann, der ein großer König war, war dreihundert Jahre in der Welt groß; darauf starb ich. Dreihundert Jahre lag ich im Grabe, verweste und wurde zu Staub. Darauf kam ein Mann und machte mich zum Backstein. Vierzig Jahre war ich ein Haus; darauf zerfiel ich. Dreiundsiebenzig Jahre lag ich auf dem Felde; da kam wieder ein Mann: ich wurde wieder zum Backstein und in dieses Haus gethan. In diesem Hause befinde ich mich dreihundertunddreißig Jahre und weiß nicht, was ich von heute an sein werde. Einstweilen schmerzt mich meine Seele nicht – – –‹«
Er wurde unterbrochen. Den Esel schien die Erzählung, da er anerkanntermaßen die türkische Sprache nicht verstand, zu langweilen; er that das Maul auf und ließ einen Doppeltriller erschallen, der nur mit der vereinigten Leistung einer Hornpipe und einer zerbrochenen Tuba verglichen werden konnte. Da drängte sich ein Mann durch die Versammlung und trat in den Flur. Hier bemerkte er mich.
»Emir, ist es wahr, daß du angekommen bist? Ich hörte es erst jetzt, da ich in den Bergen war. Wie freue ich mich! Erlaube, daß ich dich begrüße.«
Es war Selek. Er nahm meine Hand und küßte sie. Diese Art, seinen Respekt zu beweisen, ist bei den Dschesidi überhaupt sehr gebräuchlich.
»Wo sind Pali und Melaf?« fragte ich ihn.
»Sie haben Pir Kamek getroffen und sind mit ihm hinab nach Mossul zu. Ich habe Ali Bey eine Botschaft zu bringen. Sehe ich dich nachher wieder?«
»Ich stand soeben im Begriff, zu ihm zu gehen. Ist diese Botschaft vielleicht ein Geheimnis?«
»Möglich; aber du darfst sie hören. Komm, Emir!«
Wir gingen in die Frauenwohnung, wo der Bey sich befand. Es schien, daß der Zutritt dort jedermann erlaubt sei. Auch Halef befand sich dort. Der gute Hadschi war schon wieder beim Essen.
»Herr,« meinte Selek, »ich war in den Bergen über Bozan hinauf und habe dir etwas mitzuteilen.«
»Sprich!«
»Dürfen es alle hören?«
»Alle.«
»Wir glaubten, daß der Mutessarif von Mossul fünfhundert Türken nach Amadijah legen wolle, zum Schutz gegen die Kurden. Dieses aber ist nicht wahr. Die zweihundert Mann, welche von Diarbekir kommen, sind über Urmeli marschiert und halten sich in den Wäldern des Tura Gharah versteckt.«
»Wer sagte das?«
»Ein Holzfäller aus Mungeyschi, den ich traf. Er wollte hinab nach Kana Kujjunli, wo eines seiner Flöße liegt. Und die dreihundert Mann aus Kerkjuk befinden sich auch nicht auf dem Wege nach Amadijah. Sie sind über Altun Kiupri nach Arbil und Girdaschir gegangen und stehen jetzt oberhalb Mar Mattei am Ghazirflusse.«
»Wer sagte dir dieses?«
»Ein Zibarkurde, der am Kanal gereist ist, um über Bozan nach Dohuk zu gehen.«
»Die Zibar sind zuverlässige Leute: sie lügen nie und hassen die Türken. Ich glaube, was die beiden Männer gesagt haben. Kennst du das Thal Idiz am Ghomel, seitwärts oberhalb Kaloni?«
»Nur wenige kennen es, ich aber bin sehr oft dort gewesen.«
»Kann man von hier aus Pferde und Rinder hinbringen, um sie dort zu verbergen?«
»Wer den Wald genau kennt, dem wird es gelingen.«
»Wie lange Zeit würde man brauchen, um unsere Weiber und Kinder und auch unsere Tiere dort unterzubringen?«
»Einen halben Tag. Geht man über Scheik Adi, so steigt man hinter dem Grabe des Heiligen die enge Schlucht empor, und kein Türke wird bemerken, was wir thun.«
»Du bist der beste Kenner dieser Gegend. Ich werde weiter mit dir sprechen, bis dahin aber schweigst du gegen jedermann. Ich wollte dich bitten, hier den Emir zu bedienen, aber du wirst wohl anderweit gebraucht.«
»Darf ich ihm meinen Sohn senden?«
»Thue es!«
»Spricht er ein gutes Kurdisch?« fragte ich.
»Er versteht Kurmangdschi und auch Zaza.«
»So sende mir ihn, er wird mir sehr willkommen sein!«
Selek ging, und es wurde die Vorbereitung zu dem Mahle getroffen. Da die Gastfreundschaft der Dschesidi eine unbeschränkte ist, so waren bei demselben wohl gegen zwanzig Personen beteiligt, und Mohammed Emin und mir zur Ehre wurde eine Tafelmusik veranstaltet. Die Kapelle bestand aus drei Männern, welche die Thembure, Kamantsche und die Bülure spielten, drei Instrumente, welche man mit unserer Flöte, Guitarre und Violine vergleichen könnte. Die Musik war sanft und melodiös; überhaupt bemerkte ich noch später, daß die Dschesidi einen bessern musikalischen Geschmack besitzen, als die Anhänger des Islam.
Während des Essens traf der Sohn Seleks ein, mit dem ich mich in mein Gemach zurückzog, um mit seiner Hilfe das Manuskript Pir Kameks zu studieren. Der geistige Horizont des jungen Mannes war ein sehr enger, doch fand ich bei ihm hinreichend Aufschluß über alles, was ich von ihm zu wissen begehrte. Pir Kamek war der unterrichtetste unter den Teufelsanbetern, und nur bei ihm konnte ich die Erfahrung und die Anschauungsweise finden, mit welcher er mich überrascht hatte. Die andern waren alle befangener, und ich durfte mich nicht wundern, daß sie das Symbol für die Sache selbst nahmen und an ihren Gebräuchen mehr aus Gewohnheit und blindem Glauben als aus innerer Überzeugung hingen. Das Mysteriöse ihrer Anbetungsform war es, von dem sie festgehalten wurden, wie ja der Orient sich mehr dem Dunkeln, dem Geheimnisvollen zuneigt, als dem klar und offen zu Tage Liegenden.
Unsere Unterhaltung verlief keineswegs ungestört, denn in fast regelmäßigen Zwischenräumen von einigen Minuten ertönte das widerliche, markdurchdringende Geschrei des Esels, welches auf die Dauer gar nicht auszuhalten war. Es wurde ertragen und sogar belacht, so lange noch reges Leben im Dorfe herrschte, wo immer noch neue Pilger ankamen; als aber das Geräusch doch endlich mehr und mehr verstummte und man sich zur Ruhe begab, wurden die überlauten Interjektionen des Graurockes geradezu unerträglich, und es erhoben sich verschiedene Stimmen, welche zunächst nur verdrossen murrten, jedoch bald in lautes Zanken übergingen.
Statt den Esel abzuschrecken, schienen diese ärgerlichen Zurufe ihn zu immer angestrengteren Leistungen zu begeistern; er wurde auf seine Triller ganz versessen; die Pausen zwischen ihnen wurden immer kürzer, und endlich vereinigten sich die Schreie zu einer Symphonie, welche geradezu infernalisch genannt werden mußte.
Eben erhob ich mich, um zur Abhilfe zu schreiten, als unten ein verworrener Lärm erscholl. Man rückte in Haufen auf den kleinen Buluk Emini ein. Was man mit ihm verhandelte, das konnte ich nicht verstehen; jedenfalls aber sah er sich so sehr in die Enge getrieben, daß er sich nicht zu helfen wußte, denn ich hörte nach kurzer Zeit seine Schritte vor meiner Thür. Er trat ein.
»Schläfst du schon, Emir?«
Diese Frage war eigentlich überflüssig, da er sah, daß wir beide noch in voller Bekleidung bei dem Buche saßen; aber er hatte in seiner Angst keine bessere Einleitung finden können.
»Du fragest noch? Wie kann man schlafen bei dem entsetzlichen Gesange, welchen dein Esel vollführt!«
»O Herr, das ist es ja eben! Ich kann ja auch nicht schlafen. Jetzt kommen sie alle zu mir und verlangen, daß ich das Tier hinaus in den Wald schaffen und dort anbinden soll, sonst wollen sie es erschießen. So weit darf ich es nicht kommen lassen; denn ich muß den Esel doch wieder nach Mossul bringen, sonst erhalte ich die Bastonnade und verliere meinen Grad.«
»So schaffe ihn in den Wald.«
»O Emir, das geht nicht!«
»Warum nicht?«
»Soll ich ihn von einem Wolfe fressen lassen? Es giebt Wölfe im Walde.«
»So bleibe mit draußen und bewache ihn!«
»Effendi, es könnten doch wohl auch zwei Wölfe kommen!«
»Dann frißt einer den Esel und der andere mich!«
»Das ist sehr gut, denn da bekommst du ja die Bastonnade nicht.«
»Du scherzest! Einige sagen, daß ich zu dir gehen solle.«
»Zu mir? Warum?«
»Herr, glaubst du, daß dieser Esel eine Seele hat?«
»Natürlich hat er eine.«
»Vielleicht hat er eine andere als die seinige!«
»Wo sollte da die seinige sein? Vielleicht habt ihr getauscht: seine Seele ist in dich, und deine Seele ist in ihn gefahren. Nun bist du der Esel und fürchtest dich wie ein Hase, und er ist der Buluk Emini und brüllt wie ein Löwe. Was könnte ich dagegen thun?«
»Emir, es ist ganz sicher, daß er eine andere Seele hat; aber eine türkische ist es nicht, denn sie versteht die Sprache der Osmanly nicht. Du aber redest alle Sprachen der Erde, und darum bitte ich dich, herabzukommen. Wenn du mit dem Esel redest, so wirst du bald bemerken, wer in ihm steckt, ob ein Perser oder ein Turkmene oder ein Armenier. Vielleicht ist auch ein Russe in ihn gefahren, weil er uns gar so wenig Ruhe läßt.«
»Glaubst du denn wirklich, daß – – –«
In diesem Augenblicke erhob das Tier seine Stimme abermals, und zwar mit solcher Stärke, daß die ganze meuterische Versammlung im Chore mit einfiel.
»Allah kerihm, sie werden den Esel morden. Herr, komme schnell herab, sonst ist er verloren und seine Seele auch!«
Er rannte fort, und ich folgte ihm. Sollte ich mir einen Spaß machen? Vielleicht war es unrecht, aber seine Ansicht über die Seele des Grautieres hatte mich in eine Stimmung gebracht, der ich nicht gut widerstehen konnte. Als ich unten ankam, harrte die Menge meiner.
»Wer weiß ein Mittel, dieses Tier zum Schweigen zu bringen?« fragte ich.
Niemand antwortete. Nur Halef meinte endlich:
»Herr, nur du allein kannst dies zustande bringen!«
Mein Hadschi gehörte also zu den wahren »Gläubigen«. Ich trat an den Esel heran und faßte ihn beim Zügel. Nachdem ich ihm laut einige fremdländische Fragen vorgelegt hatte, hielt ich das Ohr an seine Nase und horchte. Dann machte ich eine Bewegung der Überraschung und wandte mich an Ifra.
»Buluk Emini, wie hieß dein Vater?«
»Nachir Mirja.«
»Der ist es nicht. Wie hieß der Vater deines Vaters?«
»Muthallam Sobuf.«
»Der ist es! Wo wohnte er?«
»In Hirmenlü bei Adrianopel.«
»Das stimmt. Er ist einmal von Hirmenlü nach Thaßköi geritten, und hat, um seinen Esel zu ärgern, ihm einen schweren Stein an den Schwanz gebunden. Der Prophet aber hat gesagt: ›Escheklerin sew – liebe deine Esel!‹ Darum muß der Geist deines Großvaters diese That sühnen. Er hat an der Brücke Ssirath, welche zum Paradiese und zur Hölle führt, umkehren müssen und ist in diesen Esel gefahren. Er hat seinem Tiere einen Stein an den Schwanz gebunden, und nun kann er nur dadurch erlöst werden, daß ihm auch ein Stein an den Schwanz gebunden wird. Willst du ihn erlösen, Ifra?«
»O, Emir, ich will es!« rief dieser. Das Weinen war ihm näher als das Lachen, denn die Vorstellung, daß sein Großvater in diesem Esel schmachte, mußte für ihn, der ein echter Moslem war, geradezu schrecklich sein. »Sage mir auch alles, was ich sonst noch zu thun habe, um den Vater meines Vaters zu erretten.«
»Hole einen Stein und eine Schnur!«
Der Esel merkte, daß wir uns mit ihm beschäftigten; er öffnete das Maul und schrie.
»Schnell, Ifra! Dies wird das letzte Mal sein, daß er gejammert hat.«
Ich hielt den Schwanz des Tieres, und der kleine Baschi-Bozuk band den Stein an die Spitze desselben. Als diese Operation beendet war, drehte der Esel den Kopf nach hinten, um den Stein mit dem Maule zu entfernen; dies ging natürlich nicht. Jetzt versuchte er, den Stein mit dem Schwanze fortzuschleudern; er war aber zu schwer, und der Schwanz brachte es bloß bis zu einer kleinen Pendelbewegung, welche aber sofort eingestellt wurde, weil der Stein dabei an die Beine schlug. Der Esel befand sich ganz augenscheinlich in einer Art von Verblüffung; er schielte mit den Augen nach hinten; er wedelte höchst nachdenklich mit den langen Ohren; er schnaubte und öffnete endlich das Maul, um zu schreien – aber die Stimme versagte ihm; das Bewußtsein, daß seine größte Zierde hinten fest und niedergehalten werde, raubte ihm vollständig das Vermögen, seine Gefühle in edlen Tönen auszudrücken.
»Allah hu; er schreit wahrhaftig nicht!« rief der Baschi-Bozuk. »Emir, du bist der weiseste Mann, den ich gesehen habe!«
Ich ging fort und legte mich zur Ruhe. Unten aber standen die Pilger noch lange, um abzuwarten, ob das Wunder wirklich gelungen sei.
Ich wurde bereits am frühen Morgen durch das rege Leben geweckt, welches im Dorfe hin und her flutete. Es kamen bereits wieder Pilger, welche teils in Baadri blieben, teils aber auch nach einer kurzen Rast nach Scheik Adi weiter zogen. Der erste, welcher bei mir eintrat, war Scheik Mohammed Emin.
»Hast du hinunter vor das Haus gesehen?« fragte er mich.
»Nein.«
»Blicke hinab!«
Ich trat hinaus auf das Dach und sah hinunter. Da standen hunderte von Menschen bei dem Esel und staunten ihn mit großen Augen an. Einer hatte dem andern erzählt, was geschehen war, und als sie mich hier oben erblickten, traten sie ehrfurchtsvoll vom Hause zurück. Das hatte ich nicht beabsichtigt! Ich war einem lustigen Einfalle gefolgt, keineswegs aber wollte ich diese Leute in ihrem thörichten Aberglauben bestärken.
Auch Scheik Ali kam. Er lächelte, als er mich grüßte.
»Emir, wir haben dir eine ruhige Nacht zu verdanken. Du bist ein großer Zauberer. Wird der Esel wieder schreien, wenn der Stein entfernt ist?«
»Ja. Das Tier fürchtet sich bei Nacht und will sich durch den Klang seiner eigenen Stimme ermutigen.«
»Wollt ihr mir zum Frühmahle folgen?«
Wir gingen hinab in die Frauenwohnung. Dort befand sich bereits Halef nebst dem Sohn Seleks, den ich meinen Dolmetscher im Kurdischen nennen mußte, und auch Ifra, der eine auffallend betrübte Miene machte. Die Frau des Bey kam mir mit einem freundlichen Gesicht entgegen und bot mir die Hand.
»Sabah’l kher – guten Morgen!« grüßte ich sie.
»Sabah’l kher!« antwortete sie. »Keifata ciava – wie ist dein Befinden?«
»Kangia! Tu ciava – gut; wie befindest du dich?«
»Skuker quode kangia – Gott sei Dank, gut!«
»Du redest ja Kurmangdschi!« rief Ali Bey erstaunt.
»Nur das, was ich gestern abend aus dem Buche des Pir gelernt habe,« antwortete ich. »Und das ist wenig genug.«
»Kommt herbei und setzt euch!«
Es gab zunächst Kaffee mit Honigkuchen und dann Hammelbraten, den man in dünnen, breiten Stücken wie Brot aß. Dazu trank man Arpa, eine Art Dünnbier, welches der Türke Arpasu, Gerstenwasser, zu nennen pflegt. Alle nahmen an dieser Mahlzeit teil; nur der Buluk Emini kauerte trübsinnig seitwärts.
»Ifra, warum kommst du nicht zu uns?« fragte ich ihn.
»Ich kann nicht essen, Emir,« antwortete er.
»Was fehlt dir?«
»Trost, Herr. Ich habe bisher meinen Esel geritten, geschlagen und geschimpft, habe ihn so wenig gebürstet und gewaschen, habe ihn wohl auch oft hungern lassen, und nun höre ich, daß es der Vater meines Vaters ist. Draußen steht er, und noch immer hängt ihm der Stein am Schwanz!«
Der Buluk Emini war zu bedauern, und mein Gewissen regte sich; aber die Situation war doch in Wahrheit so toll, daß ich mich nicht enthalten konnte, laut aufzulachen.
»Du lachest!« erwiderte er vorwurfsvoll. »Hättest du einen Esel, welcher der Vater deines Vaters ist, so würdest du weinen. Ich soll dich nach Amadijah bringen, aber ich kann nicht; denn ich setze mich nie wieder auf den Geist meines Großvaters!«
»Das sollst du auch nicht; das wäre ja auch gar nicht möglich, denn auf einen Geist kann sich niemand setzen.«
»Auf wem soll ich denn reiten?«
»Auf deinem Esel.«
Er sah mich mit einem ganz verwirrten Blick an.
»Aber mein Esel ist doch ein Geist; du hast es ja gesagt!«
»Das war nur Scherz.«
»O, du sagst dies nur, um mich zu beruhigen!«
»Nein, sondern ich sage es, weil es mir leid thut, daß du dir meinen Scherz so zu Herzen nimmst.«
»Effendi, du willst mich wirklich nur trösten! Warum ist der Esel so oft mit mir durchgegangen? Warum hat er mich so vielmal heruntergeworfen? Weil er gewußt hat, daß er kein Esel ist und daß ich der Sohn seines Sohnes bin. Und warum hat der Stein sofort geholfen, als ich that, was dir die Seele des Esels anbefohlen hat?«
»Sie hat mir nichts anbefohlen, und warum mein Mittel geholfen hat, das will ich dir sagen. Hast du niemals bemerkt, daß der Hahn die Augen schließt, wenn er kräht?«
»Ich habe es gesehen.«
»Halte ihm durch irgend eine Vorrichtung mit Gewalt die Augen offen, so wird er niemals krähen. Hast du beobachtet, daß dein Esel stets den Schwanz erhebt, wenn er schreien will?«
»Ja wirklich, das thut er, Effendi!«
»So sorge dafür, daß er den Schwanz nicht in die Höhe bringen kann; dann wird er das Schreien lassen.«
»Ist dies wirklich so?«
»Wirklich. Versuche es heute abend, wenn er wieder schreit!«
»So ist der Vater meines Vaters wirklich nicht verzaubert?«
»Nein, ich sage es dir ja!«
»Hamdulillah! Allah sei tausend Dank!«
Er sprang hinaus und riß dem Tiere den Stein vom Schwanze herunter; dann kehrte er eilig zurück, um sich noch nachträglich an dem Mahle zu beteiligen. Daß er, der Untergebene, mit dem Bey zu Tische sitzen durfte, zeigte mir von neuem, wie patriarchalisch die Dschesidi untereinander leben.
Eine Stunde später ritt ich mit meinem Dolmetscher in den lichten Morgen hinein spazieren. Mohammed Emin hatte es vorgezogen, daheim zu bleiben und sich überhaupt so wenig wie möglich zu zeigen.
»Kennst du das Thal Idiz?« fragte ich den Begleiter.
»Ja.«
»Wie lange reitet man von hier aus, um hinzukommen?«
»Zwei Stunden.«
»Ich möchte es sehen. Willst du mich hinführen?«
»Wie du befiehlst, Herr. Wollen wir direkt oder über Scheik Adi?«
»Welcher Weg ist der kürzere?«
»Der direkte; aber er ist auch der beschwerlichere.«
»Wir wählen ihn dennoch.«
»Wird dein Pferd ihn aushalten? Es ist ein kostbares Tier, wie ich kaum jemals so eines gesehen habe; aber es wird wohl nur die Ebene gewohnt sein.«
»Gerade heute will ich es prüfen.«
Wir hatten Baadri hinter uns. Der Weg, unter dem man sich ja nicht einen gebahnten Steig zu denken hat, ging steil bergan und wieder steil bergab, aber mein Rappe hielt wacker aus. Die Höhen, welche erst mit Gebüsch bestanden waren, zeigten sich jetzt von dichtem, dunklem Wald besetzt, unter dessen Laub- und Nadelkronen wir dahinritten. Endlich wurde der Pfad so gefährlich, daß wir absteigen und die Pferde führen mußten. Es war erforderlich, jede Stelle genau zu untersuchen, ehe wir den Fuß auf dieselbe setzten. Das Pferd des Dolmetschers war diese Art Terrain gewohnt: es trat mit mehr Sicherheit auf und wußte die gefährlichen Stellen aus Erfahrung besser von den ungefährlichen zu unterscheiden; aber mein Rappe besaß einen glücklichen Instinkt und eine außerordentliche Vorsichtigkeit, und ich bekam die Überzeugung, daß er bereits nach kurzer Übung ein sehr guter Berggänger sein werde; wenigstens zeigte er bereits heute, daß er nicht ermüdete, während das andere Tier schwitzte und endlich auch mit dem Atem zu kämpfen begann.
Die zwei Stunden waren beinahe abgelaufen, als wir an ein Dickicht gelangten, hinter welchem die Felsen fast senkrecht hinabfielen.
»Das ist das Thal,« meinte der Führer.
»Wie kommen wir hinab?«
»Es giebt nur einen Weg, hinunterzukommen, und dieser führt von Scheik Adi hierher.«
»Ist er betreten?«
»Nein; er ist von dem übrigen Boden gar nicht zu unterscheiden. Komm!«
Ich folgte ihm längs der dichten Büsche hin, welche den Rand des Thales ringsum so vollständig bedeckten, daß ein führerloser Fremder von dem Dasein des letzteren sicher nicht das mindeste geahnt hätte. Nach einiger Zeit gelangten wir an eine Stelle, an welcher der Führer wieder abstieg. Er deutete nach rechts.
»Hier kommt man durch den Wald nach Scheik Adi, aber nur ein Dschesidi weiß den Weg zu finden. Und hier links geht es in das Thal hinab.«
Er schob die Büsche auseinander, und nun sah ich vor mir einen weiten Thalkessel, dessen Wände steil emporstiegen und zum Auf- und Niedersteigen nur die eine Stelle boten, an welcher wir uns befanden. Wir kletterten, die Pferde am Zügel führend, hinab. Unten angelangt, konnte ich das Thal in seiner ganzen Breite überschauen. Es war groß genug, um mehreren Tausend Menschen eine Zuflucht zu bieten, und verschiedene Höhlenöffnungen nebst anderen Anzeichen ließen vermuten, daß es vor noch nicht sehr langer Zeit bereits Bewohner gehabt habe. Die Sohle des Kessels war mit einem kräftigen Graswuchse überzogen, welcher selbst das Verbergen von Herden hier erleichterte, und einige künstlich in den Boden gegrabene Löcher hatten Trinkwasser genug für viele durstige Kehlen.
Wir ließen die Pferde weiden und legten uns in das Gras. Alsbald begann ich das Gespräch mit der Bemerkung:
»Das ist ein Versteck, wie die Natur es nicht praktischer anlegen konnte.«
»Es hat diesem Zwecke auch bereits gedient, Effendi. Bei der letzten Verfolgung der Dschesidi haben über tausend Menschen hier ihre Sicherheit gefunden. Darum wird kein Angehöriger unsers Glaubens diesen Ort verraten. Man weiß ja nicht, ob man ihn wieder brauchen wird.«
»Das scheint nun jetzt der Fall zu werden.«
»Ich weiß es. Aber es handelt sich jetzt nicht um eine allgemeine Verfolgung angeblich um des Glaubens willen, sondern nur um eine Maßregel, welche den Zweck hat, uns auszuplündern. Der Mutessarif sendet fünfzehnhundert Mann gegen uns, die uns unerwartet überfallen sollen; aber er wird sich täuschen. Wir haben seit sehr langen Jahren das Fest nicht gefeiert; darum wird kommen, wer nur kommen kann, so daß wir den Türken einige Tausend kampfbereite Männer entgegenstellen können.«
»Sind sie alle bewaffnet?«
»Alle. Du selbst wirst sehen, wie viel bei unserem Feste geschossen wird. Der Mutessarif braucht für seine Soldaten während eines ganzen Jahres nicht so viel Pulver, wie wir in diesen drei Tagen für unsere Freudensalven.«
»Warum verfolgt man euch? Des Glaubens wegen?«
»Denke dies nicht, Emir! Dem Mutessarif ist der Glaube sehr gleichgültig. Er hat nur das eine Ziel, reich zu werden, und dazu müssen ihm bald die Araber und die Chaldäer, bald die Kurden oder die Dschesidi verhelfen. Oder meinst du, daß unser Glaube so schlimm sei, daß er verdiene, ausgerottet zu werden?«
Auf diesem Punkt wollte ich den jungen Mann haben. Von ihm konnte ich erfahren, was der Pir mir noch nicht gesagt hatte.
»Ich kenne ihn nicht,« antwortete ich.
»Und hast auch noch nichts über ihn gehört?«
»Sehr wenig, und dieses glaube ich nicht.«
»Ja, Effendi, man redet sehr viel Unwahres über uns. Hast du auch von meinem Vater nichts erfahren oder von Pali und Melaf?«
»Nein; wenigstens nichts Hauptsächliches; aber ich denke, daß du mir einiges sagen wirst.«
»O Emir, wir sprechen nie zu Fremden über unsern Glauben!«
»Bin ich dir fremd?«
»Nein. Du hast dem Vater und den beiden andern das Leben gerettet und auch jetzt uns vor den Türken gewarnt, wie ich vom Bey erfahren habe. Du bist der einzige, dem ich Auskunft erteilen werde. Aber ich muß dir sagen, daß ich selbst nicht alles weiß.«
»Giebt es bei euch Dinge, die nicht jeder wissen darf?«
»Nein. Aber giebt es nicht in jedem Hause Dinge, welche die Eltern ganz allein zu wissen brauchen? Unsere Priester sind unsere Väter.«
»Darf ich dich fragen?«
»Frage; aber ich bitte dich, einen Namen nicht zu nennen!«
»Ich weiß es; aber ich möchte grad über diesen Gegenstand einiges wissen. Wirst du mir Auskunft geben, wenn ich das Wort vermeide?«
»Soviel ich’s vermag, ja.«
Dieses Wort war der Name des Teufels, den die Dschesidi niemals aussprechen. Das Wort Scheïtan ist bei ihnen so verpönt, daß sie selbst ähnliche Worte sorgfältig vermeiden. Wenn sie zum Beispiel von einem Flusse sprechen, so sagen sie »Nahr«, aber niemals »Schat«, weil dieses letztere Wort mit der ersten Silbe von Scheïtan in naher Beziehung steht. Das Wort »Keïtan« (Franse oder Faden) wird vermieden und auch die Wörter »Naal« (Hufeisen) und »Naal-band« (Hufschmied), weil sie mit den Worten »Laan« (Fluch) und »mahlun« (verflucht) in einer gewissen Nähe stehen. Sie sprechen vom Teufel nur in Umschreibung, und zwar mit Ehrfurcht. Sie nennen ihn Melek el Kuht, der mächtige König oder Melek Ta-us, König Pfauhahn.
»Ihr habt neben dem guten Gott auch noch ein anderes Wesen?«
»Neben? Nein. Das Wesen, welches du meinst, steht unter Gott. Dieser Kyral meleklerün war das oberste der himmlischen Wesen; aber Gott war sein Schöpfer und Herr.«
»Er empörte sich gegen Gott, und Gott verbannte ihn.«
»Wohin?«