[30] Reiseschein.

»Zeigt die Scheine her!«

Ich gab ihm den meinigen, und Isla legte ihm den seinigen vor. Er las sie und gab sie uns dann mit verlegener Miene zurück.

»Sprich weiter.«

Diese Aufforderung bewies mir, daß er nicht wußte, was er thun sollte. Ich nahm also wieder das Wort:

»Du bist ein Sahbeth-Bei und ein Bimbaschi und weißt doch nicht, was deines Amtes ist. Wenn du ein Handschreiben des Großherrn liesest, so mußt du es vorher an Stirn, Auge und Mund drücken und alle Anwesenden auffordern, sich zu verbeugen, als ob Seine Herrlichkeit selbst zugegen wäre. Ich werde dem Khedive und dem Großwesir in Istambul erzählen, welche Achtung du ihnen erweisest!«

Das hatte er nicht erwartet. Er war so erschrocken, daß er die Augen aufriß und den Mund öffnete, ohne ein Wort zu sagen. Ich aber fuhr fort:

»Du wolltest wissen, was ich vorhin mit meinen Worten meinte. Ich bin der Ankläger und muß stehen, und dieser ist der Angeklagte und darf sitzen!«

»Wer klagt ihn an?«

»Ich, dieser, dieser und wir alle.«

Abrahim staunte, aber er sagte noch nichts.

»Wessen klagst du ihn an?« fragte der Sahbeth-Bei.

»Der Tschikarma, desselben Verbrechens, dessen er uns anklagte.«

Ich sah es, daß Abrahim unruhig wurde. Der Richter gebot mir:

»Sprich!«

»Du dauerst mich, Bimbaschi, daß du eine solche Trauer erleben mußt.«

»Welche Trauer?«

»Daß du einen Mann verurteilen mußt, den du so gut kennst wie deinen Bruder, ja wie dich selbst. Du bist sogar bei ihm in En-Nasar gewesen und weißt genau, daß er ein Mamur ist. Ich aber sage dir, daß auch ich ihn kenne. Er heißt Dawuhd Arafim, war Beamter des Großherrn in Persien, wurde aber abgesetzt und bekam sogar die Bastonnade.«

Jetzt erhob sich Abrahim vom Boden.

»Hund! – Sahbeth-Bei, dieser Mann hat den Verstand verloren!«

»Sahbeth-Bei, höre mich weiter, dann wird es sich zeigen, wessen Kopf besser ist und fester sitzt, der meine oder der seine!«

»Rede!«

»Dieses Weib hier ist eine Christin, eine freie Christin aus Karadagh[31]; er hat sie geraubt und mit Gewalt nach Ägypten entführt. Hier mein Freund ist ihr rechtmäßiger Verlobter, und darum ist er nach Ägypten gekommen und hat sie sich wiedergeholt. Du kennst uns, denn du hast unsere Legitimationen gelesen, ihn aber kennst du nicht. Er ist ein Frauenräuber und Betrüger. Laß dir seine Legitimation zeigen, oder ich gehe zum Khedive und sage, wie du Gerechtigkeit übst in dem Amte, welches er dir gegeben hat. Ich bin von dem Kapitän des Sandal des Mordversuches angeklagt. Frage diese Männer! Sie alle haben es gehört, daß ich ihm die Feder vom Tarbusch schießen wollte, und ich habe sie getroffen. Der, welcher sich einen Mamur nennt, aber hat im Ernste und in der Absicht, mich zu töten, auf mich geschossen. Ich klage ihn an. Nun entscheide!«

[31] Montenegro. – Beides heißt ebenso wie das slawische Czernagora »Schwarzer Berg«.

Der brave Mann befand sich natürlich in einer großen Verlegenheit. Er konnte doch seine Worte und Thaten nicht dementieren, fühlte aber sehr wohl, daß ich im Rechte sei, und so entschloß er sich, zu thun, was eben nur ein Ägypter zu thun vermag.

»Das Volk soll hinaus und in seine Häuser gehen!« gebot er. »Ich werde mir die Sache überlegen und am Nachmittage das Gericht halten. Ihr alle aber seid meine Gefangenen!«

Die Khawassen trieben die Zuschauer mit Stockschlägen hinaus; sodann wurde Abrahim-Mamur mit der Mannschaft des Sandal gefangen abgeführt, und schließlich schaffte man auch uns fort, nämlich in den Hof des Gebäudes, in welchem wir uns ungestört bewegen durften, während einige Khawassen, am Ausgange postiert, uns zu bewachen schienen. Nach einer Viertelstunde aber waren sie verschwunden.

Ich ahnte, was der Sahbeth-Bei beabsichtigte, und trat zu Isla Ben Maflei, welcher neben Senitza am Brunnen saß.

»Denkst du, daß wir heute unsern Prozeß gewinnen werden?«

»Ich denke gar nichts; ich überlasse alles dir,« antwortete er.

»Und wenn wir ihn gewinnen, was wird mit Abrahim geschehen?«

»Nichts. Ich kenne diese Leute. Abrahim wird dem Bimbaschi Geld geben oder einen der kostbaren Ringe, die er an den Fingern trägt, und der Baschi wird ihn laufen lassen.«

»Wünschest du seinen Tod?«

»Nein. Ich habe Senitza gefunden, das ist mir genug.«

»Und wie denkt deine Freundin darüber?«

Senitza antwortete selbst:

»Effendi, ich war sehr unglücklich, jetzt aber bin ich frei. Ich werde nicht mehr an ihn denken.«

Das befriedigte mich. Jetzt galt es nur noch, den Abu el Reïsahn zu befragen. Er erklärte mir rundweg, daß er sehr froh sei, mit heiler Haut davonzukommen, und so machte ich mich denn beruhigt an das Rekognoscieren.

Ich schritt durch den Ausgang hinaus auf die Straße. Die heiße Tageszeit war eingetreten und ich sah keinen Menschen auf der Straße. Es war klar, daß der Sahbeth-Bei wünschte, daß wir uns selbst ranzionieren und nicht auf seine Entscheidung warten möchten; ich kehrte daher in den Hof zurück, teilte den Leuten meine Ansicht mit und forderte sie auf, mir zu folgen. Sie thaten es, und kein Mensch trat unserm Thun entgegen.

Als wir die Dahabïe erreichten, ergab es sich, daß sie von den Khawassen verlassen worden war. Ein Freund und Bewunderer der Ladung, welche aus Sennesblättern bestand, hätte ganz ungestört eine Annexion vornehmen können.

Der Sandal lag nicht mehr am Ufer; er war verschwunden. Jedenfalls hatte der würdige Chalid Ben Mustapha noch eher als wir die Absicht des Richters begriffen und sich mit Schiff und Bemannung davon gemacht.

Wo aber befand sich Abrahim-Mamur?

Dies zu erfahren wäre uns nicht gleichgültig gewesen; denn es war nicht nur möglich, sondern sehr wahrscheinlich, daß er uns im Auge behalten werde. Ich wenigstens hatte die Ahnung, ihn früher oder später wieder einmal zu treffen.

Die Dahabïe lichtete den Anker, und wir setzten unsere unterbrochene Fahrt fort mit dem wohlthuenden Bewußtsein, einer sehr schlimmen Lage glücklich entronnen zu sein. – – –

Fünftes Kapitel.
Abu-Seïf.

Und es erhob sich der Engel Gottes, der vor dem Heere Israels herzog, und ging hinter dasselbe, und die Wolkensäule wich auch von vorn weg und stand nun von hinten zwischen dem Heere der Ägypter und dem Heere Israels. Sie war aber dorthin eine finstere Wolke und hierhin erleuchtete sie die Nacht, so daß diese und jene die ganze Nacht nicht zusammenkommen konnten.

Als nun Moses seine Hand ausstreckte über das Meer, nahm es der Herr durch einen starken Ostwind hinweg während der Nacht und machte das Meer trocken und die Wasser teilten sich von einander.

Und die Kinder Israels gingen hinein mitten in das Meer auf dem Trockenen, und das Wasser stand wie Mauern ihnen zur Rechten und zur Linken.

Und die Ägypter folgten und gingen hinein, ihnen nach, alle Rosse des Pharao und Wagen und Reiter, mitten in das Meer.

Als nun die Morgenwache kam, blickte der Herr auf das Heer der Ägypter aus der Feuersäule und aus der Wolke, und machte einen Schrecken in ihrem Heere.

Und stieß die Räder von ihren Streitwagen und stürzte sie um mit Ungestüm. Da sprachen die Ägypter: Lasset uns fliehen vor Israel; der Herr streitet für sie wider die Ägypter!

Aber der Herr sprach zu Moses: Strecke deine Hand aus über das Meer, damit das Wasser wieder herfalle über die Ägypter, über ihre Wagen und über ihre Reiter.

Da streckte Moses seine Hand aus über das Meer, und das Meer kam wieder vor morgens in seinen Strom, und die Ägypter flohen ihm entgegen. Also stürzte sie der Herr mitten in das Meer.

Daß das Wasser wiederkam und bedeckte Wagen und Reiter und alle Macht des Pharao, die ihnen nachgezogen war in das Meer, so daß kein einziger von ihnen übrig blieb.

Die Kinder Israels aber gingen trocken durch das Meer, und das Wasser stand ihnen gleich Mauern zur Rechten und zur Linken.

Also half der Herr Israel an diesem Tage von der Hand der Ägypter, und sie erblickten die Ägypter tot an dem Ufer des Meeres.

Und die Hand des Herrn war mächtig, die er den Ägyptern gezeiget hatte, und das Volk Israel fürchtete den Herrn und glaubte an ihn und an seinen Knecht Moses. – – –

An diese Stelle im zweiten Buch Mosis (Kap. 14, V. 19-31) mußte ich denken, als ich im »Thale Hiroth, gegen Baal Zephon«, mein Kamel anhielt, um das Auge über die glitzernden Fluten des roten Meeres schweifen zu lassen. Es kam auch über mich etwas von jener Furcht, welche sein Anblick in den Herzen der Kinder Israels erweckt hatte. Ich fühlte nicht ein Grauen vor jenem Elemente, welches leider noch immer »keine Balken« hat, sondern es überlief mich jene heilige, andächtige Scheu, welche jeder Gläubige fühlt, sobald er einen Ort betritt, von dem ihm die biblische Geschichte erzählt, daß hier der Fuß des Ewigen gerastet und hier die Hand des Unendlichen gewaltet habe. Es war mir, als höre ich jene Stimme, welche einst dem Sohne des Amram und der Jochebeth zugerufen hatte: »Mose, Mose, tritt nicht herzu, sondern ziehe deine Schuhe aus, denn der Ort, darauf du stehest, ist ein heiliges Land!«

Hinter mir also lag das Land des Osiris und der Isis, das Land der Pyramiden und der Sphinxe, das Land, in welchem das Volk Gottes das Joch der Knechtschaft getragen und die Felsen des Mokattam zum Bau jener Wunderwerke zusammengeschleppt hatte, welche noch heute das Staunen des Nilreisenden erregen. Im Schilfe des altehrwürdigen Stromes dort hatte die Königstochter das Knäblein gefunden, welches berufen war, ein Volk von Sklaven zu befreien und ihm in den zehn göttlichen Geboten ein Gesetz zu geben, welches noch nach Jahrtausenden die Grundlage aller Gesetze und Gebote bildet.

Vor mir, da zu meinen Füßen, funkelten die Fluten des arabischen Golfs im glühenden Strahle der Sonne. Diese Fluten hatten einst, der Stimme Jehova Sabaoths gehorchend, zwei Mauern gebildet, zwischen denen die Geknechteten des Landes Gosen den Weg zur Freiheit gefunden hatten, während das reisige Volk ihrer Unterdrücker und Verfolger einen schauervollen Untergang fand. Das waren dieselben Fluten, in denen später auch der »Sultan Kebihr«, Napoleon Bonaparte, beinahe umgekommen wäre.

Und gegenüber dem Birket Faraun, dem See des Pharao, wie die Araber den Ort nennen, an welchem die beiden Wassermauern über die Ägypter zusammenschlugen, erhebt sich der Felsenstock des Sinai, des berühmtesten Berges der Erde, gewaltig und den Zeiten trotzend, gleichdem unter Donner und Blitz über ihm erschollenen: »Ich bin der Herr, dein Gott; du sollst keine fremden Götter neben mir haben!«

Es war nicht die Örtlichkeit allein, es war noch viel mehr die Geschichte derselben, deren Eindruck ich nicht von mir zu weisen vermochte, wenn ich es auch gewollt hätte. Wie oft hatte ich lauschend und mit stockendem Atem auf dem Schoße meiner alten, guten, frommen Großmutter gesessen, wenn sie mir erzählte von der Erschaffung der Welt, dem Sündenfalle, dem Brudermorde, der Sündflut, von Sodom und Gomorrha, von der Gesetzgebung auf dem Sinai – – – sie hatte mir die kleinen Hände gefaltet, damit ich ihr mit der nötigen Andacht das zehnfache »du sollst« nachsprechen möge. Jetzt lag die irdische Hülle der Guten schon längst unter der Erde, und ich hielt gegenüber dem Orte, welcher mir von ihr in so lebendigen Farben gezeichnet worden war, obgleich nur ihr geistiges Auge ihn gesehen hatte, und es drängte sich mir die Wahrheit des Dichterwortes auf:

»Ganz anders jene heiligen Geschichten,
Die nur das Buch der Bücher kann berichten,
In dem vom Geiste sie verzeichnet steh’n.
Nur ihnen darfst du festen Glauben schenken
Und tief in ihren Zauber dich versenken,
Denn Gottes Odem fühlst du daraus weh’n.«

Der Glaube trägt eine festere Überzeugung in sich, als das stolzeste Gebäude menschlicher Logik sie zu geben vermag. Das war es, was ich in jener Stunde so recht lebhaft fühlte und erkannte, und ich hätte wohl noch lange, in ernstes Sinnen versunken, hier auf meinem Kamele halten und hinüberblicken können, wenn mich nicht die Stimme meines wackeren Halef gestört hätte:

»Hamdulillah, Preis sei Gott, daß die Wüste vorüber ist! Sihdi, hier ist Wasser. Steige herab von dem Tiere und labe dich im Bade, so wie ich es jetzt thun werde.«

Da trat einer der beiden Beduinen, welche uns geführt hatten, zu mir heran und erhob warnend die Hand.

»Thue es nicht, Effendi!«

»Warum?«

»Weil hier Melek el newth, der Engel des Todes, wohnt. Wer hier in das Wasser geht, der wird entweder ertrinken oder den Keim des Sterbens mit sich fortnehmen. Jeder Tropfen dieser See ist eine Thräne der hunderttausend Seelen, die hier umgekommen sind, weil sie Sidna Musa[32] und die Seinigen töten wollten. Hier eilt jedes Boot und jedes Schiff vorüber, ohne anzuhalten; denn Allah, den die Hebräer Dschehuwa[33] nannten, hat diesen Ort verflucht.«

[32] Moses.

[33] Jehova.

»Ist es wirklich so, daß hier kein Schiff anhält?«

»Ja.«

»Ich wollte hier ein Fahrzeug erwarten, welches mich aufnehmen sollte.«

»Es soll dich nach Suez bringen? Wir werden dich führen, und du sollst auf unsern Kamelen schneller hinkommen, als auf einem Schiffe.«

»Ich will nicht nach Suez, sondern nach Tor.«

»Dann mußt du allerdings fahren; aber hier wird dich kein Fahrzeug aufnehmen. Erlaube, daß wir dich noch eine Strecke nach Süden begleiten, bis wir einen Ort erreichen, an welchem keine Geister wohnen und wo ein jedes Schiff gern anhalten wird, um dich aufzunehmen.«

»Wie lange haben wir da noch zu reiten?«

»Nicht ganz dreimal die Zeit, welche von den Franken eine Stunde genannt wird.«

»Dann vorwärts!« –

Um an das rote Meer zu gelangen, hatte ich nicht den gewöhnlichen Weg von Kairo nach Suez eingeschlagen. Die zwischen den beiden Städten liegende Wüste verdient den Namen Wüste schon längst nicht mehr. Früher war sie gefürchtet sowohl wegen ihres vollständigen Wassermangels als auch wegen der räuberischen Beduinen, die auf der öden Strecke ihr Wesen trieben. Jetzt ist das anders geworden, und dies war der Grund, daß ich mich weiter südwärts gehalten hatte. Ein Ritt durch die Einöde hatte für mich mehr Interesse als eine Reise auf gebahnten Wegen. Deshalb wollte ich jetzt auch Suez vermeiden, welches mir doch nur das bieten konnte, was ich bereits gesehen und kennen gelernt hatte.

Während unseres Rittes tauchten die beiden kahlen Höhen des Dschekehm und des Da-ad vor uns auf, und als rechts von uns der hohe Gipfel des Dschebel Gharib sichtbar wurde, hatten wir das Grab Pharao’s hinter uns. Das rote Meer bildete zu unserer Linken eine Bucht, in welcher ein Fahrzeug vor Anker lag.

Es war eine jener Barken, welche man auf dem roten Meere mit dem Namen Sambuk bezeichnet. Sie war ungefähr sechzig Fuß lang und fünfzehn Fuß breit und hatte eines jener kleinen Hinterdecke, unter denen gewöhnlich ein Verschlag angebracht ist, welcher den Kapitän oder die vornehmen Passagiere beherbergt. So ein Sambuk hat außer den Riemen – denn er wird auch gerudert – zwei dreieckige Segel, von denen das eine so weit vor dem andern steht, daß es – vom Winde angeschwellt – ganz über das Vorderteil des Schiffes ragt und dort eine Art halbkreisförmigen Ballon bildet, wie man sie auf antiken Münzen und auf alten Fresken zu sehen pflegt. Man kann getrost annehmen, daß die Fahrzeuge dieses Seestriches in Beziehung auf Bauart, Führung und Takelung ganz noch dieselben sind, wie sie im grauen Altertume hier gesehen wurden, und daß die heutigen Seeleute noch dieselben Buchten und Ankerplätze besuchen, welche bereits belebt waren zur Zeit, als Dionysos seinen berühmten Zug nach Indien unternahm. Die Küstenschiffe des roten Meeres sind gewöhnlich aus jenem indischen Holze gebaut, welches die Araber Sadsch nennen, und das sich mit der Zeit im Wasser dermaßen verhärtet, daß es unmöglich ist, einen Nagel einzuschlagen. Von einer Fäulnis dieses Holzes ist niemals die Rede, und so kommt es, daß man Sambuks zu sehen bekommt, welche ein Alter von beinahe zweihundert Jahren erreichen.

Die Schiffahrt des arabischen Busens ist eine sehr gefährliche; deshalb wird während der Nacht niemals gesegelt, sondern ein jedes Fahrzeug sucht sich beim Nahen des Abends eine sichere Ankerstelle.

Der vor uns liegende Sambuk hatte dasselbe gethan. Er war mittels des Ankers und eines Taues befestigt und lag ohne Bemannung an der Küste. Die Schiffer hatten den Bord verlassen und saßen oder lagen an einem kleinen Wasser, welches sich in das Meer ergoß. Derjenige, welcher etwas abseits von ihnen in gravitätischer Haltung auf einer Matte saß, mußte der Kapitän oder der Eigner des Fahrzeuges sein. Ich sah es ihm sofort an, daß er kein Araber sondern ein Türke war; der Sambuk zeigte die Farben des Großherrn, und die Bemannung trug türkische Uniformen.

Keiner der Männer rührte sich von seinem Platze, als wir uns nahten. Ich ritt bis hart an den Anführer heran, hob die Rechte zur Brust empor und grüßte ihn absichtlich nicht in türkischer, sondern in arabischer Sprache.

»Gott schütze dich! Bist du der Kapitän dieses Schiffes?«

Er richtete die Augen mit stolzem Aufschlage zu mir empor, musterte mich sehr eingehend und sehr lange und antwortete endlich:

»Ich bin es.«

»Wohin geht dein Sambuk?«

»Überall hin.«

»Was hast du geladen?«

»Verschiedenes.«

»Nimmst du auch Passagiere auf?«

»Das weiß ich nicht.«

Das war mehr als einsilbig, das war grob. Daher schüttelte ich den Kopf und meinte in mitleidigem Tone:

»Du bist ein Kelleh, ein Unglücklicher, den der Kuran dem Mitleide der Gläubigen empfiehlt. Ich bedaure dich!«

Er sah mich mit einem halb zornigen, halb überraschten Blick an.

»Du bedauerst mich? Du nennst mich einen Unglücklichen? Warum?«

»Allah hat deinem Munde die Gabe der Sprache verliehen, aber deine Seele ist stumm. Wende dich nach der Kiblah[34] und bitte Gott, daß er ihr die Sprache wiedergebe, sonst wird sie einst unfähig sein, in das Paradies zu kommen!«

[34] Richtung nach Mekka, beim Gebete vorgeschrieben.

Er lächelte verächtlich und legte die Hand an den Gürtel, in welchem zwei riesige Pistolen steckten.

»Schweigen ist besser als schwatzen. Du bist ein Schwätzer; der Wergi-Baschi Muhrad Ibrahim aber zieht es vor, zu schweigen.«

»Wergi-Baschi? Oberzolleinnehmer? Du bist ein großer und jedenfalls auch ein berühmter Mann, aber du wirst mir trotzdem Antwort geben, wenn ich dich frage.«

»Du willst mir drohen? Ich sehe, daß ich recht gedacht habe: Du bist ein Arab Dscheheïne.«

Die Araber vom Stamme Dscheheïne sind am roten Meere als Schmuggler und Räuber bekannt. Der Zolleinnehmer hielt mich für einen solchen; das war der Grund seines abstoßenden Benehmens gegen mich.

»Fürchtest du dich vor den Beni Dscheheïne?« fragte ich ihn.

»Fürchten? Muhrad Ibrahim hat sich noch niemals gefürchtet!«

So stolz sein Auge bei diesen Worten leuchtete, lag doch in seinem Gesichte etwas, was mich an seinem Mute zweifeln ließ.

»Und wenn ich nun ein Dscheheïne wäre?«

»Ich würde dich nicht fürchten.«

»Natürlich. Du hast zwölf Gemi-taïfasyler[35] bei dir und acht Diener, während bei mir nur drei Männer sind. Aber ich bin kein Dscheheïne; ich gehöre gar nicht zu den Beni Arab, sondern ich komme aus dem Abendlande.«

[35] Matrosen.

»Aus dem Abendlande? Du trägst doch die Kleidung eines Beduinen und redest die Sprache der Araber!«

»Ist dies verboten?«

»Nein. Bist du ein Fransez oder ein Ingli?«

»Ich gehöre zu den Nemsi.«

»Ein Nemtsche,« meinte er mit geringschätziger Miene. »So bist du ein Bostandschi[36] oder ein Bazirgian[37]

[36] Gärtner.

[37] Kaufmann.

»Keines von beiden. Ich bin ein Jazmakdschi.«

»Ein Schreiber? O jazik, o wehe, und ich habe dich für einen tapfern Beduinen gehalten! Was ist ein Schreiber? Ein Schreiber ist kein Mann; ein Schreiber ist ein Mensch, welcher Federn ißt und Tinte trinkt; ein Schreiber hat kein Blut, kein Herz, keinen Mut, kein – – –«

»Halt!« unterbrach ihn da mein Diener. »Muhrad Ibrahim, siehst du, was ich hier in meiner Hand halte?«

Er war abgestiegen und stellte sich mit der Nilpeitsche vor den Türken. Dieser zog die Brauen finster zusammen, antwortete aber doch:

»Die Peitsche.«

»Schön. Ich bin Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah. Dieser Sihdi ist Kara Ben Nemsi, der sich vor keinem Menschen fürchtet. Wir haben die Sahara und ganz Ägypten durchwandert und haben große Heldenthaten verrichtet; man wird von uns erzählen in allen Kaffeehäusern und auf allen Kirchhöfen der Welt, und wenn du es wagst, noch ein einziges Wort zu sagen, welches meinem Effendi nicht gefällt, so wirst du diese Peitsche kosten, obgleich du ein Wergi-Baschi bist und viele Männer hier bei dir hast!«

Diese Drohung hatte eine außerordentlich rasche Wirkung. Die beiden Beduinen, welche bis hierher meine Begleiter gewesen waren, wurden vom Schreck über die Kühnheit Halefs um einige Schritte zurückgeworfen; die Matrosen und übrigen Begleiter des Türken sprangen auf und griffen zu den Waffen, und der Baschi hatte sich mit derselben Schnelligkeit erhoben. Er griff nach seinem Pistol, aber Halef hielt ihm schon die Mündung seiner eigenen Waffe auf die Brust.

»Ergreift ihn!« gebot der Baschi, indem er selbst jedoch sein Pistol vorsichtig sinken ließ.

Die guten Leute behielten zwar ihre drohenden Gesichter bei, aber keiner wagte es, Hand an Halef zu legen.

»Weißt du, was es heißt, einem Wergi-Baschi mit der Peitsche zu drohen?« fragte der Türke.

»Ich weiß es,« antwortete Halef. »Einem Wergi-Baschi mit der Peitsche drohen, heißt, sie ihn auch wirklich kosten lassen, wenn er es wagt, in der Weise weiter zu sprechen, wie er gesprochen hat. Du bist ein Türke, ein Sklave des Großherrn; ich aber bin ein freier Araber!«

Ich ließ mein Kamel niederknieen, stieg ab und zog meinen Paß hervor.

»Muhrad Ibrahim, du siehst, daß wir uns noch weniger vor euch fürchten, als ihr vor uns; du hast einen sehr großen Fehler begangen, denn du hast einen Effendi beleidigt, der im Giölgeda padischahnün steht!«

»Im Schutze des Großherrn, den Allah segnen möge? Wen meinst du?«

»Mich.«

»Dich? Du bist ein Nemtsche, also ein Giaur – – –«

»Du schimpfest!« unterbrach ich ihn.

»Du bist ein Ungläubiger, und von den Giaurs steht im Kuran: ›O ihr Gläubigen, schließt keine Freundschaft mit solchen, die nicht zu eurer Religion gehören. Sie lassen nicht ab, euch zu verführen, und wünschen nur euer Verderben!‹ Wie kann also ein Ungläubiger im Schutze des Großherrn stehen, welcher der Schirm der Gläubigen ist?«

»Ich kenne die Worte, welche du sagst; sie stehen in der dritten Sure des Kuran, in der Sura Amran; aber öffne deine Augen und beuge dich in Demut nieder vor dem Bjuruldu des Padischah. Hier ist es.«

Er nahm das Pergament, drückte es an Stirn, Augen und Brust, verbeugte sich bis zur Erde und las es. Dann gab er mir es zurück.

»Warum hast du es mir nicht gleich gesagt, daß du ein Arkadar[38] des Sultans bist? Ich hätte dich nicht Giaur genannt, obgleich du ein Ungläubiger bist. Sei mir willkommen, Effendi!«

[38] Schützling.

»Du heißest mich willkommen und schändest mit demselben Atemzuge meinen Glauben! Wir Christen kennen die Gesetze der Höflichkeit und der Gastfreundschaft besser als ihr; wir nennen euch nicht Giaurs, denn unser Gott ist es, den ihr Allah nennt.«

»Das ist nicht wahr. Wir haben nur Allah; ihr aber habt drei Götter, einen Vater, einen Sohn und einen Geist.«

»Wir haben doch nur einen Gott, denn Vater, Sohn und Geist sind eins. Ihr sagt: ›Allah il Allah, Gott ist Gott.‹ Und unser Gott sagt: ›Ich bin ein starker, einiger Gott.‹ Euer Kuran sagt in der zweiten Sura: ›Er ist der Lebendige, der Ewige; ihn ergreift nicht Schlaf, nicht Schlummer; sein ist, was im Himmel und auf Erden ist.‹ Unsere heilige Bibel sagt: ›Gott ist von Ewigkeit zu Ewigkeit; es ist alles offen und entdeckt vor seinen Augen; er hat die Erde gegründet, und die Himmel sind seiner Hände Werk.‹ Ist das nicht ganz dasselbe?«

»Ja, euer Kitab[39] ist gut, aber euer Glaube ist falsch.«

[39] Buch, Bibel.

»Du irrst. Euer Kuran sagt: ›Die Gerechtigkeit besteht nicht darin, daß ihr euer Gesicht nach Osten oder Westen richtet (beim Gebet), sondern der ist gerecht, der an Gott glaubt, an den jüngsten Tag, an die Engel, an die Schrift und die Propheten und mit Liebe von seinem Vermögen giebt den Anverwandten, den Waisen, Armen und Pilgern, ja jedem, der ihn darum bittet, der Gefangene erlöset, sein Gebet verrichtet, an seinen Verträgen festhält, geduldig Not und Unglück erträgt. Der ist gerecht, der ist wahrhaft gottesfürchtig.‹ Unser heiliges Buch gebietet uns: ›Du sollst Gott lieben über alles und deinen Nächsten wie dich selbst.‹ Gebietet uns unser Glaube nicht ganz dasselbe, was euch der eurige befiehlt?«

»Ihr habt dies erst aus dem Kuran in euer Kitab abgeschrieben.«

»Wie ist dies möglich, da unser Kitab über zweitausend Jahre älter ist, als euer Kuran?«

»Du bist ein Effendi, und ein Effendi muß immer Gründe und Beweise finden, selbst wenn er unrecht hat. – Woher kommst du?«

»Aus dem Lande Gipt[40], dort im Westen.«

[40] Türkisch für Ägypten.

»Und wo willst du hin?«

»Nach Tor hinüber.«

»Und dann?«

»Nach dem Manastyr[41] auf dem Dschebel Sinahi.«

[41] Kloster.

»So mußt du über das Wasser.«

»Ja. Wohin fährst du?«

»Auch nach Tor.«

»Willst du mich mitnehmen?«

»Wenn du gut bezahlst und dafür sorgest, daß wir uns mit dir nicht verunreinigen.«

»Habe keine Sorge! Wie viel verlangst du?«

»Für alle vier und die Kamele?«

»Nur für mich und meinen Diener Hadschi Halef. Diese beiden Männer werden mit ihren Kamelen wieder umkehren.«

»Womit willst du bezahlen? Mit Geld oder mit etwas anderem?«

»Mit Geld.«

»Willst du Speise von uns nehmen?«

»Nein; ihr gebt uns nur das Wasser.«

»So bezahlst du für dich zehn und für diesen Hadschi Halef acht Misri.«

Ich lachte dem braven Manne gerade ins Gesicht. Es war echt türkisch, für die kurze Fahrt und einige Schlücke Wasser achtzehn Misri, also beinahe vierunddreißig Thaler zu verlangen.

»Du fährst einen Tag bis ungefähr zur Bucht von Nayazat, wo dein Schiff zur Nacht vor Anker geht?« fragte ich.

»Ja.«

»Dann sind wir des Mittags in Tor?«

»Ja. Warum fragst du?«

»Weil ich dir für diese kurze Fahrt nicht achtzehn Misri geben werde.«

»So wirst du hier zurückbleiben und mit einem andern fahren müssen, der noch mehr verlangen wird.«

»Ich werde weder zurückbleiben, noch mit einem andern fahren. Ich fahre mit dir.«

»So giebst du die Summe, welche ich verlangt habe.«

»Höre, was ich dir sage! Diese beiden Männer haben mir ihre Tiere geliehen und mich zu Fuße begleitet von El Kahira für vier Mariatheresienthaler; bei der Hadsch wird jeder Pilger für einen Mariatheresienthaler über das Meer gesetzt; ich werde dir für mich und meinen Diener drei Thaler geben; das ist genug.«

»So bleibst du hier. Mein Sambuk ist kein Frachtschiff; er gehört dem Großherrn. Ich habe die Zehka[42] einzusammeln und darf keinen Passagier an Bord nehmen.«

[42] Eine Steuer, deren Ertrag nur zu Almosen bestimmt war.

»Aber wenn er achtzehn Misri bezahlt, dann darfst du! Grade weil dein Sambuk dem Großherrn gehört, wirst du mich aufnehmen müssen. Blicke noch einmal hier in das Bjuruldu! Hier stehen die Worte ›hep imdad wermek, sahihlik itschin meschghul, ejertsche akdschesiz – alle Hilfe leisten, für Sicherheit bedacht sein, selbst ohne Bezahlung.‹ Hast du das verstanden? Einen Privatmann müßte ich bezahlen; einen Beamten brauche ich nicht zu bezahlen. Ich gebe dir freiwillig diese drei Thaler; bist du nicht einverstanden, so wirst du mich umsonst mitnehmen müssen.«

Er sah sich in die Enge getrieben und begann, seine Forderung zu mäßigen. Endlich nach langer Debatte hielt er mir die Hand entgegen:

»So mag es sein. Du bist im Giölgeda padischahnün, und ich will dich für drei Thaler mitnehmen. Gieb sie her!«

»Ich werde dich bezahlen, wenn ich in Tor das Schiff verlasse.«

»Effendi, sind die Neßarah[43] alle so geizig wie du?«

[43] Christen. Das Wort ist gleichbedeutend mit »Nazarenern«.

»Sie sind nicht geizig, aber vorsichtig. Erlaube, daß ich mich an Bord begebe; ich werde nicht am Lande, sondern auf dem Schiffe schlafen.«

Ich bezahlte meine Führer, welche, sobald sie außerdem noch ein Bakschisch erhalten hatten, ihre Kamele bestiegen und trotz der vorgerückten Tageszeit ihren Rückweg antraten. Dann stieg ich mit Halef an Bord. Ich befand mich nicht im Besitze eines Zeltes. Während des Rittes durch die Wüste hat man ebenso wie von der Hitze des Tages auch von der unverhältnismäßigen Kälte der Nächte zu leiden. Wer arm ist und kein Zelt hat, schmiegt sich bei der Nacht an sein Kamel oder an sein Pferd, um sich während der Ruhe an demselben zu wärmen. Ich hatte jetzt kein Tier mehr, und da die Nachtkühle hier am Wasser jedenfalls strenger war als im Innern des Landes, so zog ich es vor, hinter dem Verschlage auf dem Hinterteile des Sambuk Schutz zu suchen.

»Sihdi,« fragte mich Halef, »habe ich es recht gemacht, daß ich diesem Wergi-Baschi die Peitsche zeigte?«

»Ich will dich nicht tadeln.«

»Aber warum sagst du jedem, daß du ein Ungläubiger bist?«

»Darf man sich fürchten, die Wahrheit zu sagen?«

»Nein; aber du bist ja bereits auf dem Wege, ein Gläubiger zu werden. Wir sind auf dem Wasser, welches die Franken Bar-el-Hamra, das rote Meer, nennen; dort liegt Medina und weiter nach rechts Mekka, die Städte des Propheten. Ich werde alle beide besuchen, und du, was wirst du thun?«

Er sprach die Frage offen aus, welche ich mir während der letzten Tage bereits heimlich vorgelegt hatte. Dem Christen, welcher sich nach Mekka oder Medina wagt, droht der Tod; so steht es in den Büchern zu lesen. Ist es wirklich so schlimm? Muß man hingehen und sagen, daß man ein Christ sei? Ist nicht vielleicht ein Unterschied zu machen zwischen einer ruhigeren Zeit und jenen Tagen, an welchen die großen Pilgerkarawanen eintreffen und der Fanatismus seinen Siedepunkt erreicht? Ich hatte oft gelesen, daß ein Ungläubiger keine Moschee betreten dürfe, und war dann später in verschiedenen Moscheen selbst gewesen; konnte es mit dem Betreten der heiligen Städte nicht ähnlich sein? Ich hatte überhaupt den Orient in vielen, vielen Beziehungen ganz anders, und zwar nüchterner gefunden, als man sich ihn gewöhnlich vorzustellen pflegt, und konnte gar nicht recht glauben, daß ein kurzer, vielleicht nur stundenlanger Besuch in Mekka wirklich so furchtbar gefährlich sei. Der Türke hatte mich für einen Beduinen gehalten; es stand sehr zu vermuten, daß auch andere dieselbe Meinung von mir hegen würden. Und dennoch konnte ich zu keinem Entschluß kommen.

»Das weiß ich jetzt nicht,« antwortete ich dem kleinen Halef.

»Du wirst mit mir nach Mekka gehen, Sihdi, und vorher in Dschidda den rechten Glauben annehmen.«

»Nein, das werde ich nicht.«

Ein Ruf am Lande unterbrach die Unterhaltung. Der Türke hatte seinen Leuten das Abendgebet befohlen.

»Effendi,« meinte Halef, »die Sonne steigt hinter die Erde hinab; erlaube, daß ich bete!«

Er ließ sich auf die Kniee nieder und betete. Seine Stimme mischte sich mit dem Unisono der betenden Türken. Noch war dasselbe kaum verklungen, so ließ sich eine andere Stimme vernehmen. Sie scholl hinter dem Felsenriffe hervor, welches die Aussicht nach der Nordseite des Meeres verschloß.

»An Allah haben wir volle Genüge, und herrlich ist er, der Beschützer. Es giebt keine Macht und keine Gewalt, außer bei Gott, dem Hohen, dem Großen. O unser Herr, ïa Allah, o gern Verzeihender, o Allgütiger, ïa Allah, Allah hu!«

Diese Worte wurden mit einer tiefen Baßstimme intoniert, jedoch dem Namen Allah gab der Betende allemal einen Ton, welcher eine Quinte höher lag. Ich kannte diese Worte und diese Töne; so pflegen die heulenden Derwische zu beten. Die Türken hatten sich erhoben und sahen nach der Richtung, aus welcher die Stimme erscholl. Jetzt kam ein kleines, kaum sechs Fuß langes und vier Fuß breites Floß zum Vorschein, auf welchem ein Mann kniete, welcher ein Paddelruder führte und dazu im Takte sein Gebet abrief. Er trug um den roten Tarbusch einen weißen Turban, und weiß war auch seine ganze übrige Kleidung. Dies war ein Zeichen, daß er zur Fakirsekte der Kaderijeh gehöre, welche meist aus Fischern und Schiffern besteht und von Abdelkader el Gilani gestiftet wurde. Als er den Sambuk erblickte, stutzte er einen Augenblick, dann aber rief er:

»La ilaha illa lah!«

»Illa lah!« antworteten die andern im Chore.

Er hielt auf das Fahrzeug zu, legte sein Floß an und stieg an Bord. Wir, nämlich Halef und ich, befanden uns nicht allein an Bord; der Kürekdschi[44] war uns gefolgt, und an diesen wandte sich der Derwisch:

[44] Steuermann.

»Gott schütze dich!«

»Mich und dich!« lautete die Antwort.

»Wie befindest du dich?«

»So wohl wie du.«

»Wem gehört dieser Sambuk?«

»Seiner Herrlichkeit dem Großherrn, welcher der Liebling Allahs ist.«

»Und wer führt ihn?«

»Unser Effendi, der Wergi-Baschi Muhrad Ibrahim.«

»Und was habt ihr geladen?«

»Wir haben keine Fracht; wir fahren von Ort zu Ort, um den Zoll einzunehmen, welchen der Großscherif von Mekka anbefohlen hat.«

»Haben die Gläubigen reichlich gegeben?«

»Es ist keiner zurückgeblieben, denn wer Almosen giebt, dem vergilt es Allah doppelt.«

»Wohin fahrt ihr von hier?«

»Nach Tor.«

»Das werdet ihr morgen nicht erreichen.«

»Wir werden am Ras Nayazat anlegen. Wo willst du hin?«

»Nach Dschidda.«

»Auf diesem Floß?«

»Ja. Ich habe ein Gelübde gethan, nur auf meinen Knieen nach Mekka zu fahren.«

»Aber bedenke die Bänke, die Riffe, die Untiefen, die bösen Winde, die es hier giebt, und die Haifische, welche dein Floß umschwärmen werden!«

»Allah ist der allein Starke; er wird mich schützen. Wer sind diese beiden Männer?«

»Ein Gi– – ein Nemsi mit seinem Diener.«

»Ein Ungläubiger? Wo will er hin?«

»Nach Tor.«

»Erlaube, daß ich meine Datteln hier verzehre; dann werde ich weiter fahren.«

»Gefällt es dir nicht, die Nacht bei uns zu bleiben?«

»Ich muß weiter.«

»Das ist sehr gefährlich.«

»Der Gläubige hat nichts zu fürchten; sein Leben und sein Ende ist im Buche verzeichnet.«

Er setzte sich nieder und zog eine Handvoll Datteln hervor.

Ich hatte den Eingang zu dem Verschlage verriegelt gefunden und mich über das Geländer gelehnt. Da die beiden Sprechenden eine ziemliche Strecke von mir entfernt waren und ich sehr angelegentlich in das Wasser zu blicken schien, so mochten sie denken, daß ich ihre Unterhaltung nicht verstünde. Der Derwisch fragte:

»Ein Nemtsche ist dieser? Ist er reich?«

»Nein.«

»Woher weißt du dies?«

»Er giebt nur den sechsten Teil dessen, was wir für die Fahrt verlangten. Aber er besitzt einen Bjuruldu des Großherrn.«

»So ist er sicher ein sehr vornehmer Mann. Hat er viel Gepäck bei sich?«

»Gar keines, aber viele Waffen.«

»Ich habe noch keinen Nemtsche gesehen, aber ich habe gehört, daß die Nemsi sehr friedliche Leute sind. Er wird die Waffen nur tragen, um damit zu prunken. Doch jetzt bin ich fertig mit meinem Mahle; ich werde weiter fahren. Sage deinem Herrn Dank, daß er einem armen Fakir erlaubt hat, sein Schiff zu betreten!«

Einige Augenblicke später kniete er wieder auf seinem Floß. Er ergriff das Ruder, führte es im Takte und sang dazu sein »ïa Allah, Allah hu!«.

Dieser Mensch hatte einen eigentümlichen Eindruck auf mich gemacht. Warum hatte er das Schiff bestiegen und nicht am Ufer angelegt? Warum hatte er gefragt, ob ich reich sei, und während der ganzen Unterhaltung das Deck mit einem Blick gemustert, dessen Schärfe er nicht vollständig verbergen konnte? Ich hatte äußerlich nicht den mindesten Grund zu irgend einer Befürchtung, und dennoch kam mir in der Seele dieser Mann verdächtig vor. Ich hätte schwören mögen, daß er gar kein Derwisch sei.

Als er für das bloße Auge unverfolgbar war, richtete ich mein Fernrohr nach ihm. Obgleich in jenen Gegenden die Dämmerung sehr kurz ist, war es doch noch hell genug, ihn durch die Gläser zu erkennen. Er kniete nicht mehr, wie sein angebliches Gelübde ihm doch vorgeschrieben hätte, sondern er hatte sich bequem niedergesetzt und das Floß halb gewendet – – er ruderte der jenseitigen Küste zu. Hier war jedenfalls etwas »nicht richtig im Staate Dänemark«.

Halef stand neben mir und beobachtete mich. Er schien sich damit zu beschäftigen, meine Gedanken zu erraten.

»Siehst du ihn noch, Sihdi?« fragte er mich.

»Ja.«

»Er denkt, daß wir ihn nicht mehr sehen können, und rudert dem Lande zu?«

»So ist es. Woraus vermutest du dies?«

»Nur Allah ist allwissend, aber auch Halef hat scharfe Augen.«

»Und was haben diese Augen gesehen?«

»Daß dieser Mann weder ein Derwisch noch ein Fakir war.«

»Ah?«

»Ja, Sihdi. Oder hast du jemals gesehen und gehört, daß ein Derwisch von dem Orden Kaderijeh die Litanei der Hawlajüp[45] redet und singt?«