[59] Kammer, Kajüte.

»Das weißt du?«

»Ich habe Gespräche belauscht.«

»Und die Barke in jener Nacht?«

»Sie lag nicht weit von uns hinter den Klippen vor Anker und hatte auf uns gewartet. Chajir ola, gute Nacht, Sihdi!«

»Gute Nacht!«

Er ging hinaus, schob den Riegel vor und brachte auch die Verbarrikadierung wieder an Ort und Stelle.

Ich hatte während dieses Besuches den Orkan ganz und gar vergessen, der ganz unerwartet ebenso schnell sich legte, als er gekommen war; und wenn die See auch noch lange hoch ging, wie ich aus den Bewegungen des Schiffes merkte, so vermutete ich doch, daß nun heller Himmel geworden sei, der die Gefahr eines Schiffbruches bedeutend verminderte. Ich schlief ruhig ein.

Als ich erwachte, lag das Schiff still; meine Thür war geöffnet, draußen aber stand mein Wächter.

»Willst du hinauf?« fragte er mich.

»Ja.«

»Du kannst nur bis zum Deghri[60] oben bleiben.«

[60] Gebet zur Mittagszeit.

Ich kam an Deck und fand bereits alle Spuren des Sturmes verwischt. Das Schiff lag in einer sehr schmalen, tief in das Land einschneidenden Bucht vor Anker. Die Segel waren abgenommen und die beweglichen Masten umgelegt worden, so daß das Fahrzeug weder vom Meere, noch vom Lande aus, welches wüst und unbewohnt erschien, leicht gesehen werden konnte.

Bis gegen Mittag blieb ich an Deck, ohne etwas Ungewöhnliches bemerken zu können. Dann aber ließ mich Abu Seïf zu sich kommen. Er befand sich nicht an Deck, sondern in seiner Kajüte, in welcher ich alle meine Waffen an der Wand hängen sah. Auch die Patronenkapsel war da, und außerdem sah ich mehrere große Ketschikise[61] am Boden liegen, welche jedenfalls Pulver enthielten. Ein Sandyk[62] stand offen, den Abu Seïf bei meinem Eintritt sofort verschloß; dennoch hatte ich Zeit genug gehabt, zu bemerken, daß er lauter Kettschuwal[63] enthielt, in denen sich wahrscheinlich die von dem Sambuk geraubten Gelder befanden.

[61] Aus Ziegenfell gefertigte Beutel. Die Haarseite ist dabei nach außen gewendet.

[62] Ein schrankartiger Kasten.

[63] Leinwandsäckchen.

»Nemtsche, ich habe ein kurzes mit dir zu reden,« sagte er.

»Sprich.«

»Verweigerst du mir noch immer das Versprechen, keinen Fluchtversuch zu unternehmen?«

»Ich bin kein Lügner und sage dir daher aufrichtig, daß ich fliehen werde, sobald sich mir eine Gelegenheit dazu bietet.«

»Du wirst keine solche Gelegenheit finden; aber du zwingst mich, strenger mit dir zu verfahren, als ich möchte. Ich werde zwei Tage lang nicht an Bord sein; du darfst während dieser Zeit deine Kammer nicht verlassen und wirst mit gebundenen Händen unten liegen.«

»Das ist hart.«

»Ja; aber du trägst selbst die Schuld.«

»Ich muß mich fügen.«

»So kannst du gehen. Merke dir jedoch, daß ich Befehl geben werde, dich sofort zu töten, wenn du den Versuch machst, deine Fesseln wegzunehmen. Wärest du ein Rechtgläubiger, so würde ich dich bitten, mein Freund zu sein. Du bist ein Giaur, aber ich hasse und verachte dich nicht. Ich hätte deinem Versprechen Glauben geschenkt; du willst es aber nicht geben, und so mußt du nun die Folgen tragen. Gehe jetzt nach unten!«

Ich wurde unter Deck geführt und dort eingeschlossen. Es war eine Pein, bei der da unten herrschenden Glut gefesselt liegen zu müssen; aber ich fügte mich darein, trotzdem mein Wächter seiner Rachsucht dadurch Genüge geschehen ließ, daß er mir weder Speise noch Trank brachte. Ich hoffte auf Halef, und zwar mit einer Spannung, wie ich sie so groß noch selten empfunden hatte. Meine Lage wurde dadurch, daß ich mich im Dunkeln befand, natürlich nicht verbessert. Ich hatte El Asr, El Mogreb und El Aschia beten hören; dann war eine lange, lange Zeit vergangen, und es mußte weit über Mitternacht sein, als ich endlich draußen vor meiner Thür ein leises Geräusch vernahm.

Ich horchte angestrengt, vermochte aber nichts mehr zu hören. Sprechen durfte ich auf keinen Fall. Vielleicht war es auch bloß eine Ratte gewesen.

Es blieb eine Weile ruhig; dann hörte ich Schritte nahen, denen jenes leise Rauschen folgte, welches entsteht, wenn ein Teppich oder eine Matte auf den Boden gebreitet wird. Was war das? Jedenfalls hatte mein Wächter sich vorgenommen, vor meiner Thür die übrige Nacht zuzubringen. Nun war es aus mit meiner Hoffnung, denn wenn Halef ja noch kam, so – – – aber horch! Was war das? Es gehörte die ganze Schärfe meines Gehörs dazu, um zu bemerken, daß der Holzriegel an meiner Thür langsam, langsam zurückgeschoben wurde. Einige Sekunden nachher hörte ich einen harten Schlag – ein Geräusch, als wenn jemand vom Boden empor wolle und doch nicht könne – ein kurzes, ersticktes Stöhnen, und dann erklang es draußen halblaut:

»Sihdi, komm; ich habe ihn!«

Es war Halef.

»Wen?« fragte ich.

»Deinen Wächter.«

»Ich kann dir nicht helfen, die Hände sind mir gebunden.«

»Bist du an die Wand gebunden?«

»Nein; hinaus zu dir kann ich.«

»So komm, die Thür ist offen.«

Als ich hinaustrat, fühlte ich, daß der Araber unter krampfhaften Zuckungen am Boden lag. Halef kniete auf ihm und hatte ihm mit den Händen den Hals zugeschnürt.

»Fühle in seinen Gürtel, ob er ein Messer hat, Sihdi!«

»Hier ist eins; warte!«

Ich zog mit meinen hart am Gelenke gebundenen Händen das Messer hervor, nahm den Griff fest zwischen die Zähne und sägte mir die Fesseln entzwei.

»Geht es, Sihdi?«

»Ja, jetzt habe ich die Hände frei. Gott sei Dank, daß er noch nicht tot ist!«

»Sihdi, er hätte es verdient.«

»Und dennoch soll er leben! Wir binden ihn, geben ihm einen Knebel und legen ihn in meine Kammer.«

»So wird er durch die Nase stöhnen und uns verraten.«

»Ich nehme sein Turbantuch auseinander und wickele es ihm um das Gesicht. Laß jetzt ein wenig locker, so daß er Atem bekommt! – So – hier ist der Knebel – – hier sein Gürtel, um Hände und Füße zu binden – – laß den Hals los und halte seine Beine – – – so, fertig. Nun hinein mit ihm!«

Ich atmete tief auf, als ich die Thür hinter dem Gefangenen verriegelt hatte und nun mit Halef an der Treppe stand.

»Was nun, Sihdi?« fragte er mich.

»Wie kam das alles, jetzt?«

»O, sehr einfach. Ich kroch aus dem Raum empor und horchte.«

»Wenn sie dich entdeckt hätten!«

»Sie bewachten mich nicht, weil sie denken, daß ich mich nicht regen kann. Da hörte ich, daß der Vater des Säbels mit zwölf Männern zunächst nach Dschidda gegangen ist. Er hat viel Geld mitgenommen, um es dem Großscherif in Mekka zu bringen. Dann vernahm ich, daß der Araber, welcher dich bewacht, an deiner Thüre schlafen werde. Er haßt dich, und er hätte dich längst getötet, wenn er sich nicht vor Abu Seïf fürchten müßte. Wenn ich zu dir wollte, so mußte ich ihm zuvorkommen, und so bin ich über das Deck gekrochen, ohne daß ich bemerkt wurde. Du hast mich das in der Wüste gelehrt. Und kaum war ich da, so kam er auch.«

»Ah, das also warst du! Ich hatte es gehört.«

»Als er sich gelegt hatte, habe ich ihn beim Halse genommen. Das Übrige weißt du, Sihdi.«

»Ich danke dir, Halef! Wie sieht es oben aus?«

»Sehr gut. Als ich über das Deck schlich, waren sie im Begriff, ihren Afijon[64] anzubrennen. Ihr Gebieter ist fort, da dürfen sie es wagen.«

[64] Opium.

»So nimm die Waffen dieses Mannes zu dir; sie sind besser als diejenigen, welche du vorher hattest. Jetzt komm; ich gehe voran.«

Während wir nach oben schlichen, konnte ich mich nicht enthalten, darüber zu lächeln, daß Abu Seïf dem Großscherif ein Geschenk bringen wollte, welches doch ein Bruchteil dessen war, was er ihm erst geraubt hatte. Als ich den Kopf aus der Luke steckte, verspürte ich jenen Duft, der in der Nähe jeder Opiumkneipe zu bemerken ist. Die Männer lagen regungslos auf dem Verdeck umher; es war nicht zu erkennen, ob sie schliefen oder nur in regungsloser Lage den Rausch des betäubenden Giftes erwarten wollten. Glücklicherweise war der Weg nach der Kajüte frei. Wir krochen, ganz auf den Boden niedergeduckt, in dieser Richtung weiter und gelangten glücklich an die Thür. Dank der orientalischen Sorglosigkeit hatte dieselbe kein Schloß; die Angeln konnten auch nicht knarren, weil sie einfach aus einem Stücke Leder bestanden, welches oben und unten an Thür und Pfosten aufgenagelt war.

Ich öffnete nur so weit, als nötig war, um hinein zu kriechen, und als wir uns im Innern befanden, zog ich die Thür wieder zu. Nun fühlte ich mich so sicher und frei, als ob ich mich daheim in meiner Stube befunden hätte. Hier hingen meine Waffen, und fünf Schritte davon war der Bord des Schiffes, von welchem ein Sprung genügte, um an das Land zu kommen. Die Uhr, den Kompaß, das Geld hatte ich bei mir.

»Was soll ich mitnehmen?« fragte Halef.

»Eine von den Decken, welche ich dort in der Ecke liegen sah. Wir brauchen sie notwendig; ich nehme auch eine.«

»Weiter nichts?«

»Nein.«

»Aber ich habe erlauscht, daß sich hier viel Geld befindet.«

»Das liegt dort im Sandyk; wir lassen es liegen, denn es gehört uns nicht.«

»Was, Sihdi? Du willst kein Geld mitnehmen? Du willst diesen Räubern das Geld lassen, welches wir so notwendig brauchen?«

»Willst du ein Dieb werden? Nein!«

»Ich? Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawud al Gossarah ein Dieb? Sihdi, das sollte mir ein anderer sagen! Hast du mir nicht selbst befohlen, dem Manne, der unten in der Kammer liegt, die Waffen wegzunehmen? Hast du mir nicht befohlen, in diese Decken zu greifen?«

»Das ist kein Diebstahl. Wir sind durch die Räuber um unsere Decken und um deine Waffen gekommen und haben also das Recht, uns zu entschädigen. Unser Geld aber haben wir noch.«

»Nein, Sihdi; das meinige haben sie genommen.«

»Hattest du viel?«

»Hattest du mir nicht alle zwei Wochen drei Maria-Theresien-Thaler gegeben? Ich hatte sie alle noch; nun sind sie weg, und ich werde mir nehmen, was mir gehört.«

Er trat an den Kasten. Sollte ich ihn hindern? In gewisser Beziehung hatte er recht. Wir befanden uns in Umständen, unter denen wir uns unser Recht selbst zu wahren hatten. Wo konnten wir Abu Seïf auf Rückgabe des geraubten Geldes verklagen? Ich mußte zu sehr sparen, als daß ich meinem Diener das Geraubte aus meiner Tasche hätte ersetzen können, und überdies hätte ein weiterer Streit mit Halef uns nur aufgehalten oder gar in Gefahr gebracht; ich begnügte mich also mit dem Einwande: »Der Sandyk wird verschlossen sein.«

Er trat hinzu, visitierte und sagte dann:

»Ja, es ist ein Schloß daran, und der Schlüssel fehlt, aber ich werde dennoch öffnen.«

»Nein, das wirst du nicht! Wenn du das Schloß aufsprengst, so giebt es einen Krach, der uns verrät!«

»Sihdi, du hast recht. Ich werde mir meine Thaler doch nicht holen können. Komm, wir wollen gehen!«

Bei dem Tone, in welchem er diese Worte sprach, bedauerte ich fast, daß er auf Ersatz verzichten mußte. Ein anderer Araber hätte es nicht gethan, davon war ich überzeugt, und das brachte mich zu dem Versprechen:

»Halef, du sollst die Theresienthaler noch einmal von mir bekommen!«

»Ist es wahr, Sihdi?«

»Ja.«

»So laß uns gehen!«

Wir verließen die Kajüte und erreichten glücklich den Rand des Fahrzeuges. Der Abstand zwischen ihm und dem Lande war doch ein bedeutender, wie man bei dem nächtlichen Sternenlichte bemerken konnte.

»Kommst du hinüber, Halef?« fragte ich besorgt.

Ich wußte, daß er ein guter Springer war; hier aber konnte man keinen Anlauf nehmen.

»Paß auf, Sihdi!«

Er erhob sich, setzte den Fuß auf den Regeling und stand im nächsten Augenblick drüben am Ufer. Ich folgte ihm sofort.

»Hamdulillah, Gott sei Dank! Jetzt sind wir frei. Aber was nun?« fragte Halef.

»Wir gehen nach Dschidda.«

»Weißt du den Weg?«

»Nein.«

»Oder hast du eine Harjta[65], welche dir den Weg zeigt?«

[65] Landkarte.

»Auch nicht; aber wir brauchen uns nur nach Süden zu halten. Abu Seïf hat zu Fuß hinwandern müssen; das ist ein sicheres Zeichen, daß die Stadt nicht sehr weit von hier liegt. Laß uns vor allen Dingen erst nach den Waffen sehen.«

Wir zogen uns hinter ein nahes Euphorbiengesträuch zurück, welches uns genügend verbarg, denn es war nicht die kleine arabische, sondern die hohe ostindische Art. Meine Gewehre waren geladen; man hatte jedenfalls mit dem Revolver und dem Henrystutzen nicht umzugehen verstanden und sich über den schweren Bärentöter höchlichst wundern müssen. Der Araber ist ein langes, leichtes Gewehr gewohnt, und es giebt ganze Stämme, welche noch mit Flinten der ältesten, seltsamsten Konstruktionen bewaffnet sind.

Nachdem wir uns überzeugt hatten, daß unsere Flucht nicht bemerkt worden war, machten wir uns auf den unbekannten Weg. Wir mußten, so viel wie möglich, der Küste folgen, und diese hatte zahlreiche größere oder kleinere Einbuchtungen, welche zu umgehen waren, so daß wir nur langsam vorwärts kamen. Dazu war der Boden trotz der Nähe des Meeres sehr dicht mit Koloquinthen und Aloën bewachsen, welche das Gehen außerordentlich beschwerlich machten. Endlich graute der Tag, und der Marsch ging leichter und schneller vor sich. Man konnte in die Ferne blicken und unterscheiden, welche Richtung man einzuschlagen hatte, um eine Krümmung der Küste abzuschneiden, und es war vielleicht vormittags acht Uhr, als wir die Minareh[66] einer Stadt vor uns erblickten, welche mit einer hohen, ziemlich gut erhaltenen Mauer umgeben war.

[66] Dieses Wort wird nach französischer Weise Minaret geschrieben und von vielen Deutschen auch so ausgesprochen, was aber falsch ist.

»Wollen wir fragen, ob dies Dschidda ist, Sihdi?« fragte Halef.

Wir waren bereits seit einer Stunde Arabern begegnet, ohne sie anzureden.

»Nein; das ist ganz sicher Dschidda.«

»Und was beginnen wir dort?«

»Ich werde mir zunächst den Ort ansehen.«

»Und ich auch. Weißt du, daß dort Eva, die Mutter aller Lebendigen, begraben liegt?«

»Ja.«

»Als Adam sie begraben hatte, beweinte er sie vierzig Tage und vierzig Nächte; dann ging er nach Selan-Dib, wo er starb und nun auch begraben liegt. Das ist eine Insel, von der nur die Gläubigen etwas wissen.«

»Du irrst, Halef. Diese Insel hieß bei ihren Bewohnern Sinhala Dvipa, woraus ihr in euerer Sprache Selan-Dib gemacht habt. Sinhala Dvipa heißt Löweninsel; sie gehört jetzt den Christen, den Inglis, und ich selbst bin bereits zweimal dort gewesen.«

Er blickte mich erstaunt an.

»Aber unsere Talebs[67] sagen doch, daß jeder Ungläubige stirbt, der die Insel Adams betreten will!«

[67] Gelehrten.

»Bin ich gestorben?«

»Nein. Aber du bist ein Liebling Allahs, obgleich du den wahren Glauben noch nicht hast.«

»Ich will dir noch ein Beispiel sagen. Nicht wahr, jeder Ungläubige muß sterben, der die heiligen Stätten von Mekka und Medina betritt?«

»Ja.«

»Aber es giebt dennoch Christen, welche dort gewesen sind.«

»Ist das wahr?«

»Ja. Sie haben gethan, als ob sie Moslemim seien.«

»Dann mußten sie unsere Sprache und unsere Gebräuche verstehen.«

»Sie verstanden sie.«

Er blickte mir ängstlich forschend in das Angesicht.

»Sihdi, du verstehst das auch. Willst du nach Mekka?«

»Würdest du mich mitnehmen?«

»Nein, Sihdi; denn ich würde in der tiefsten Dschehenna gebraten werden.«

»Würdest du mich verraten, wenn du mich dort sähest?«

»Effendi, mache mich nicht traurig! Ich müßte dich verraten und könnte es doch vielleicht nicht. Ich würde nicht mehr leben können!«

Ich sah ihm an, daß dies seine volle Überzeugung war; es wäre grausam gewesen, ihn länger zu versuchen und in Angst zu halten.

»Halef, du hast mich lieb?«

»Lieber als mich selbst, Sihdi; glaube mir das!«

»Ich glaube es. Wie lange willst du noch mit mir reisen?«

»So lange du willst. Ich gehe mit dir, soweit die Erde reicht, obgleich du ein Christ bist. Aber ich weiß, daß du noch zum rechten Glauben kommen wirst, denn ich werde dich bekehren, du magst wollen oder nicht.«

»Das kann bloß ein Hadschi sagen.«

»O, Sihdi, ich werde nun wirklich einer sein. Da ist Dschidda, wo ich das Grab Evas besuchen werde; dann gehe ich nach Mekka, werde in Arafah verweilen, mich in Minah rasieren lassen und alle heiligen Gebräuche mitmachen. Wirst du mich bis dahin in Dschidda erwarten?«

»Wie lange wirst du in Mekka sein?«

»Sieben Tage.«

»Du wirst mich in Dschidda wiederfinden. Aber ist deine Hadsch auch gültig, da sie doch nicht in den Wallfahrtsmonat fällt?«

»Sie ist gültig. Sieh, hier ist das Thor. Wie mag es heißen?«

»Es ist wohl das nördliche Thor, das Bab el Medina. Wirst du mir eine Bitte erfüllen?«

»Ja, denn ich weiß, daß du mir nichts befiehlst, was ich nicht thun darf.«

»Du sollst hier keinem Menschen sagen, daß ich ein Christ bin.«

»Ich gehorche.«

»Du sollst ganz so thun, als ob ich ein Moslem sei.«

»Ja. Aber wirst du mir nun auch eine Bitte erfüllen?«

»Welche?«

»Ich muß mir in Mekka das Aziz-kumahsch[68] kaufen und viele Geschenke und Almosen geben – – –.«

[68] Wörtlich: »heiliges Zeug«.

»Sei unbesorgt; du sollst deine Theresienthaler noch heute erhalten.«

»Die kann ich vielleicht nicht brauchen, denn sie werden im Lande der Ungläubigen geprägt.«

»So werde ich dir dieselbe Summe in Piastern geben.«

»Hast du Piaster?«

»Noch nicht; aber ich werde sie von einem Sarraf[69] holen.«

[69] Geldwechsler.

»Ich danke dir, Sihdi! Werde ich genug haben, um auch nach Medina gehen zu können?«

»Ich denke es, wenn du sparsam bist. Die Reise dorthin wird dich nichts kosten.«

»Warum?«

»Ich reite mit.«

»Nach Medina, Sihdi?« fragte er in bedenklichem Tone.

»Ja. Ist dies verboten?«

»Der Weg dorthin steht dir frei; aber nach Medina hinein darfst du nicht.«

»Wenn ich nun in Dschambo auf dich warte?«

»Das ist schön, Sihdi; das geht!«

»So sind wir also einig!«

»Und wohin gehst du dann?«

»Zunächst nach Medaïhn Saliha.«

»Herr, dann bist du des Todes! Weißt du nicht, daß dies die Stadt der Geister ist, die keinen Sterblichen bei sich dulden?«

»Sie werden mich dulden müssen. Es ist ein sehr geheimnisvoller Ort; man erzählt sich wunderbare Sachen von ihm, und darum muß ich ihn sehen.«

»Du wirst ihn nicht sehen, denn die Geister werden uns den Weg versperren; aber ich werde dich nicht verlassen, und wenn ich mit dir sterben sollte. Ich bin dann ein wirklicher Hadschi, dem der Himmel immer offen steht. Und wohin willst du dann?«

»Entweder nach Sinai, Jerusalem und Istambul oder nach Basra und Bagdad.«

»Und wirst mich mitnehmen?«

»Ja.«

Wir waren beim Thore angelangt. Dort gab es außerhalb der Mauern eine Menge zerstreut stehender Hütten aus Stroh oder Palmenblättern, in denen arme Hadhesi[70] oder noch ärmere Holz- und Gemüsehändler wohnten. Ein zerlumpter Kerl rief mich an:

[70] Arbeiter.

»Taïbihn, Effendi, seiak, keif chelak – bist du gesund, Effendi, wie geht es dir, und wie ist dein Befinden?«

Ich blieb stehen. Im Orient muß man immer Zeit haben, einen Gruß zu erwidern.

»Ich danke dir! Ich bin gesund; es geht mir gut, und mein Befinden ist vortrefflich; aber wie geht es dir, du Sohn eines tapfern Vaters, und wie laufen deine Geschäfte, du Erbe vom frömmsten Stamme der Moslemim?«

Ich gebrauchte diese Worte, weil ich sah, daß er das M’eschaleeh trug. Dschidda gilt, trotzdem es seit neuerer Zeit von den Christen besucht werden darf, für eine heilige Stadt, und die heiligen Städte haben das Vorrecht, dieses Zeichen zu tragen. Vier Tage nach der Geburt eines Kindes werden ihm auf jedem Backen drei und an jeder Schläfe zwei Schnitte beigebracht, deren Narben für das ganze Leben bleiben. Das ist das M’eschaleeh.

»Deine Worte sind Zahari[71]; sie duften wie die Benaht el Dschennet[72],« antwortete der Mann. »Auch mir geht es gut, und ich bin zufrieden mit dem Geschäfte, welches ich treibe. Es wird auch dir nützlich sein.«

[71] Blumen.

[72] Töchter des Paradieses, die Houris.

»Welches Geschäft hast du?«

»Ich habe drei Tiere stehen. Meine Söhne sind Hamahri[73], und ich helfe ihnen.«

[73] Eseltreiber.

»Hast du sie zu Hause?«

»Ja, Sihdi. Soll ich dir zwei Esel holen?«

»Was soll ich dir bezahlen?«

»Wohin willst du reiten?«

»Ich bin hier fremd und will mir eine Wohnung suchen.«

Er musterte mich mit einem eigentümlichen Blick. Ein Fremder, und zu Fuße, das mußte ihm auffällig sein.

»Sihdi,« fragte er, »willst du dahin, wohin ich deine Brüder geleitet habe?«

»Welche Brüder?«

»Es kamen gestern um die Zeit des Mogreb dreizehn Männer zu Fuße, so wie du; die habe ich in den großen Khan geführt.«

Das war jedenfalls Abu Seïf mit den Seinen gewesen.

»Das waren keine Brüder von mir. Ich will meine Wohnung in keinem Khane und in keinem Funduk[74], sondern in einem Privathause nehmen.«

[74] Gasthaus.

»Ama di bacht – welch ein Glück! Ich weiß ein Haus, wo du eine Wohnung finden kannst, die beinahe für einen Prinzen zu schön ist.«

»Was forderst du, wenn wir auf deinen Eseln hinreiten?«

»Zwei Piaster.«

Das waren ungefähr zwanzig Pfennige pro Mann.

»Hole die Tiere.«

Er stieg nun mit gravitätischem Schritte von dannen und brachte hinter einer Umfriedigung zwei Esel hervor, die so klein waren, daß sie mir beinahe zwischen den Beinen durchlaufen konnten.

»Werden sie uns tragen können?«

»Sihdi, einer von ihnen würde uns alle drei tragen können!«

Das war übertrieben, jedoch mein Tier that nicht im mindesten, als ob ich ihm zu schwer sei; vielmehr schlug es sofort, nachdem ich es bestiegen hatte, einen sehr muntern Trab an, welcher allerdings gleich im Innern der Stadtmauer unterbrochen wurde.

»Tut,« rief nämlich eine schnarrende Stimme von der Seite her; »tut, wermya-iz aktsche – halt, gebt Geld!«

In einem halb verfallenen Gemäuer zu meiner Rechten befand sich ein viereckiges Loch; in diesem Loche befand sich ein Kopf; auf dem Gesichte dieses Kopfes befand sich eine fürchterliche Brille, und in dieser Brille befand sich nur ein Glas. Unter diesem Glase erblickte ich eine riesige Nase und seitwärts nach unten, von der Nase aus gerechnet, eine große Öffnung, aus welcher die Worte wahrscheinlich gekommen waren.

»Wer ist das?« fragte ich unsern Führer.

»Der Radschal el Bab[75]. Er nimmt die Steuer für den Großherrn ein.«

[75] Mann des Thores, Thorwärter.

Ich drängte mein Eselein bis vor das Loch und nahm, um mir einen Spaß zu machen, den Paß heraus.

»Was willst du?«

»Geld!«

»Hier!«

Ich hielt ihm das großherrliche Möhür[76] vor das Auge, welches nicht durch ein Glas geschützt war.

[76] Siegel.

»Lutf, dschenabin – Verzeihung, Euer Gnaden!«

Die Öffnung unter der Nase klappte zu, das Gesicht verschwand und gleich darauf sah ich eine hagere Gestalt seitwärts über einige Mauerreste springen. Sie trug eine alte, abgeschabte Janitscharenuniform, weite, blaue Beinkleider, rote Strümpfe, eine grüne Jacke und auf dem Kopfe eine weiße Mütze mit einem herabhängenden Sacke. Es war der wackere Radschal el Bab.

»Warum reißt er aus?« fragte ich den Führer.

»Du hast ein Bu-djeruldi und brauchst nichts zu geben. Er hat dich also beleidigt und fürchtet deine Rache.«

Wir ritten weiter und gelangten nach fünf Minuten vor das Thor eines Hauses, welches, eine Seltenheit in mohammedanischen Ländern, vier große, vergitterte Fenster nach der Straße zu hatte.

»Hier ist es!«

»Wem gehört das Haus?«

»Dem Dschewahirdschi[77] Tamaru. Er hat mir Auftrag gegeben.«

[77] Juwelier.

»Wird er zu Hause sein?«

»Ja.«

»So kannst du zurückkehren. Hier hast du noch ein Bakschisch!«

Unter vielen Dankesworten setzte sich der Mann auf einen seiner Esel und ritt von dannen. Ich trat mit Halef in das Haus und wurde von einem Schwarzen nach dem Garten gebracht, in welchem sich sein Herr befand. Diesem trug ich mein Anliegen vor, und sofort führte er mich in das Haus zurück und zeigte mir eine Reihe von Gemächern, welche leer standen. Ich mietete zwei auf eine Woche und hatte dafür zwei Talaris, was als eine sehr anständige Bezahlung angesehen werden mußte, zu entrichten. Dafür wurde ich aber auch nicht ausgefragt. Ich nannte nur den Namen, welchen mir Halef gegeben hatte.

Im Laufe des Nachmittags ging ich, um mir die Stadt anzusehen.

Dschidda ist eine ganz hübsche Stadt, und es scheint mir, als ob sie ihren Namen – Dschidda heißt »die Reiche« – nicht ganz mit Unrecht führe. Sie ist nach drei Seiten von einer hohen, dicken Mauer umgeben, welche Türme trägt und von einem tiefen Graben beschützt wird. Nach dem Meere zu wird sie durch ein Fort und mehrere Batterien verteidigt. Die Mauer hat drei Thore: das Bab el Medina, das Bab el Yemen und das Bab el Mekka, welches das schönste ist und zwei Türme hat, deren Zinnen von zierlich durchbrochener Arbeit sind. Die Stadt zerfällt in zwei Hälften, in die Nysf[78] von Syrien und von Yemen; sie hat ziemlich breite, nicht sehr schmutzige Straßen und viele hübsche freie Plätze. Auffallend ist es, daß es hier sehr viele Häuser giebt, welche nach außen hin Fenster haben. Sie sind meist mehrere Stockwerke hoch, von guter Bauart und haben hübsche Bogenthüren, Balkons und Söller. Der Bazar läuft in der ganzen Länge der Stadt mit dem Meere parallel und mündet in viele Seitenstraßen. Auf ihm sieht man Araber und Beduinen, Fallatah, Händler aus Basra, Bagdad, Maskat und Makalla, Ägypter, Nubier, Abessynier, Türken, Syrer, Griechen, Tunesier, Tripolitaner, Juden, Indier, Malayen: – alle in ihrer Nationaltracht; sogar einem Christen kann man zuweilen begegnen. Hinter der Mauer beginnt, wie bei den meisten Ortschaften Arabiens, sofort die Wüste und dort stehen die Hütten jener Leute, welche in der Stadt selbst keinen Platz finden.

[78] Hälften.

Nicht weit von der Kaserne, welche in der Nähe des Bab el Medina liegt, befindet sich der Kirchhof, auf welchem das Grab unserer Stammmutter gezeigt wird. Dieses ist sechzig Meter oder beinahe neunzig preußische Ellen lang und trägt auf seiner Mitte eine kleine Moschee.

Daß es in Dschidda von Bettlern wimmelt, ist nicht zu verwundern. Den größten Beitrag dazu liefert Indien. Während die armen Pilger aus andern Ländern sich Arbeit suchen, um sich das Reisegeld zur Rückkehr zu verdienen, ist der Indier zu träge dazu. Wer einem jeden geben wollte, würde bald selbst ein Bettler sein.

Vom Kirchhofe weg ging ich nach dem Hafen und schritt langsam am Wasser hin. Ich dachte über die Möglichkeit nach, Mekka sehen zu können, und merkte kaum, daß es immer einsamer um mich wurde. Da plötzlich – ist’s möglich oder nicht? erklang es vom Wasser her:

»Jetzt geh’ i zum Soala
Und kaf ma an Strick,
Bind ’s Diandl am Buckl,
Trog’s überall mit.«

Ein »G’sangl« aus der Heimat! Hier in Dschidda! Ich blickte mich um und sah einen Kahn, in welchem zwei Männer saßen. Der eine war ein Eingeborener. Seine Hautfarbe und seine Kleidung bezeichneten ihn als einen Hadharemieh; gewiß gehörte ihm der Kahn. Der andere stand aufrecht in dem kleinen Fahrzeuge und bildete eine ganz wunderbare Figur. Er hatte einen blauen Turban auf, trug rote, türkische Pumphosen und über diesen einen europäischen Rock von etwas veraltetem Schnitt; ein gelbseidenes Tuch war um den Hals geschlungen, und aus diesem Tuche stachen rechts und links zwei Dschebel-pambuk-bezi von der Sorte hervor, welche in der lieben Heimat den Namen »Vatermörder« zu tragen pflegt. Um die sehr umfangreiche Taille hatte der Mann einen Sarras geschlungen, dessen Scheide so dick war, daß man drei Klingen in ihr vermuten konnte.

Dies war der Sänger. Er hatte bemerkt, daß ich vor Überraschung stehen geblieben war, und mochte denken, einen sangesfrohen Beduinen vor sich zu haben; denn er hielt die linke Hand an den Mund, drehte sich noch besser nach rechts herum und sang:

»Und der Türk und der Ruß,
Die zwoa gehn mi nix o’,
Wann i no mit der Gret’l
Koan Kriegshandl ho’!«

Das war eine Freude für mich, viel größer noch wie damals, als der Jüterbogker Hamsad al Dscherbaja mich im Hause am Nil mit seinem Liede überrascht hatte! Auch ich legte die Hand an den Mund.

»Türkü tschaghyr-durmak – sing weiter!« rief ich hinüber.

Ob er mich verstanden hatte, wußte ich nicht, aber er ließ sich sofort nochmals hören:

»Zwischen deiner und meiner
Is a weite Gass’n;
Bua, wennst mi nöt magst,
Kannst es bleiben lass’n!«

Jetzt mußte ich den Jodler auch probieren:

»Zwischen deiner und meiner
Is a enge Gass’n;
Bua, wennst mi gern magst,
Kannst herrudern lass’n!«

Da stieß er einen lauten Juchzer aus, riß den Turban vom Haupte, den Sarras aus der Scheide, und schwenkte Turban und Säbel hoch in der Luft; dann brachte er diese beiden Gegenstände wieder an Ort und Stelle, griff in das Steuer und lenkte dem Ufer zu.

Ich war ihm entgegengegangen. Er sprang ans Land, blieb aber doch ein wenig verblüfft stehen, als er mich näher betrachtete.

»Ein Türke, der deutsch reden kann?« fragte er zweifelhaft.

»Nein, sondern ein Deutscher, der ein bißchen Türkisch probiert.«

»Also wirklich! Ich wollte meinen Ohren nicht trauen. Aber Sie sehen wahrhaftig wie ein Araber aus. Darf ich fragen, was Sie sind?«

»Ein Schriftsteller. Und Sie?«

»Ein – ein – – – ein – – hm, Violinist, Komiker, Schiffskoch, Privatsekretär, bookkeeper[79], Ehemann, merchant[80], Witwer, Rentier und jetzt Tourist nach Hause zu.«

[79] Buchhalter.

[80] Kaufmann.

Er brachte das mit einer so überwältigenden Grandezza vor, daß ich lachen mußte.

»Da haben Sie allerdings viel erfahren! Also nach Hause wollen Sie?«

»Ja, nämlich nach Triest, wenn ich nicht etwa unterwegs mich anders besinne. Und Sie?«

»Ich sehe die Heimat wohl erst nach einigen Monaten wieder. Was thun Sie hier in Dschidda?«

»Nichts. Und Sie?«

»Nichts. Wollen wir einander helfen?«

»Natürlich, wenn es Ihnen nämlich recht ist!«

»Das versteht sich! Haben Sie eine Wohnung?«

»Ja, schon seit vier Tagen.«

»Und ich seit ungefähr so vielen Stunden.«

»So sind Sie noch nicht eingerichtet. Darf ich Sie zu mir einladen?«

»Freilich! Für wann?«

»Für jetzt gleich. Kommen Sie! Es ist gar nicht weit.«

Er griff in die Tasche und lohnte seinen Bootsmann ab, dann schritten wir nach dem Hafen zurück. Unterwegs wurden nur allgemeine Bemerkungen ausgetauscht, bis wir an ein einstöckiges Häuschen kamen, in welches er trat. Es wurde durch den Eingang in zwei Hälften geteilt. Er öffnete die Thür zur rechten Seite, und wir traten in ein kleines Gemach, dessen einziges Möbel aus einem niederen, hölzernen Gerüste bestand, über welches eine lange Matte ausgebreitet war.

»Das ist meine Wohnung. Willkommen! Nehmen Sie Platz!«

Wir schüttelten einander nochmals die Hände, und ich setzte mich auf das Serir, während er in einen nebenan liegenden Raum trat und einen großen Koffer öffnete, der in demselben stand.

»Bei einem solchen Gaste darf ich meine Herrlichkeiten doch nicht schonen,« rief er mir zu. »Passen Sie auf, was ich Ihnen bringe!«

Es waren allerdings lauter Herrlichkeiten, die er mir vorsetzte:

»Hier ein Topf mit Apfelschnitten, gestern abend in der Kaffeemaschine gekocht; es ist das beste, was man in dieser Hitze genießen kann. Hier zwei Pfannkuchen, dort in der Tabaksbüchse gebacken – jeder einen. Da noch ein Rest englisches Weizenbrot – ein bißchen altbacken, geht aber noch. Sie haben gute Zähne, wie ich sehe. Dazu diese halbe Bombaywurst – riecht vielleicht ein wenig, thut aber nichts. In dieser Flasche ist echter, alter Cognac; wenn auch kein Wein, aber immer besser als Wasser; ein Glas habe ich nicht mehr, ist aber auch nicht notwendig. Nachher in dieser Büchse – – schnupfen Sie?«

»Leider nein.«

»Schade! Er ist ausgezeichnet. Aber Sie rauchen?«

»Gern.«

»Hier! Es sind nur noch elf Stück; die teilen wir – Sie zehne und ich eine.«

»Oder umgekehrt!«

»Geht nicht.«

»Wollen es abwarten. Und dort in dieser Blechkapsel, was haben Sie da?«

»Raten Sie!«

»Zeigen Sie einmal her!«

Er gab mir die Kapsel und ich roch daran.

»Käse!«

»Erraten! Leider fehlt die Butter. Nun langen Sie zu! Ein Messer haben Sie jedenfalls; hier ist auch eine Gabel.«

Wir aßen mit Lust.

»Ich bin ein Sachse,« sagte ich und nannte ihm meinen Namen. »Sie sind in Triest geboren?«

»Ja. Ich heiße Martin Albani. Mein Vater war seines Zeichens ein Schuster. Ich sollte etwas besseres werden, nämlich ein Kaufmann, hielt es aber lieber mit meiner Geige als mit den Ziffern und so weiter. Ich bekam eine Stiefmutter; na – Sie wissen, wie es dann herzugehen pflegt. Ich hatte den Vater sehr lieb, wurde aber mit einer Preßnitzer Harfenistengesellschaft bekannt und schloß mich ihr an. Wir gingen nach Venedig, Mailand und tiefer ins Italien hinunter, endlich gar nach Konstantinopel. Kennen Sie diese Art Leute?«

»Gewiß. Sie gehen oft weit über See.«

»Erst spielte ich Violine, dann avancierte ich zum Komiker; leider aber hatten wir Unglück, und ich war froh, daß ich auf einem Bremer Kauffahrer eine Stelle fand. Mit diesem kam ich später nach London, von wo aus ich mit einem Engländer nach Indien segelte. In Bombay wurde ich krank in das Hospital geschafft. Der Verwalter desselben war ein tüchtiger Mann, aber kein Held im Schreiben und Rechnen; er engagierte mich, als ich wieder gesund geworden war. Später kam ich zu einem Händler als Buchführer; er starb am Fieber, und ich heiratete seine Witwe. Wir lebten kinderlos und glücklich bis zu ihrem Tode. Jetzt sehnte ich mich nach der Heimat zurück – – –«

»Zu Ihrem Vater?«

»Auch er lebt nicht mehr, hat aber – Gott sei Dank! – keine Not gelitten. Seit ich mich wohl stand, haben wir einander oft geschrieben. Nun habe ich mein Geschäft verkauft und fahre langsam der Heimat zu.«

Der Mann gefiel mir. Er gab sich so, wie er war. Reich konnte er wohl nicht genannt werden; er machte auf mich den Eindruck eines Mannes, der grad so viel hat, als er braucht, und der damit auch herzlich zufrieden ist.

»Warum fahren Sie nicht direkt nach Triest?«

»Ich mußte in Maskat und Aden einige Ziffern in Ordnung bringen.«

»So haben Sie sich also doch noch an die Ziffern gewöhnt?«

»Freilich,« lachte er. »Und nun – pressant sind meine Angelegenheiten nicht; ich bin mein eigener Herr – was thut es, wenn ich mir das rote Meer besehe? Sie thun es ja auch!«

»Allerdings. Wie lange werden Sie hier bleiben?«

»Bis ein mir passendes Fahrzeug hier anlegt. Haben Sie nicht geglaubt, einen Bayern oder Tyroler in mir zu finden, als Sie mich singen hörten?«

»Ja; aber doch fühle ich mich nicht etwa enttäuscht – wir sind ja trotzdem Landsleute und freuen uns, einander getroffen zu haben.«

»Wie lange werden Sie hier bleiben?«

»Hm! Mein Diener pilgert nach Mekka; ich werde wohl eine Woche auf ihn warten müssen.«

»Das freut mich; so können wir einander länger haben.«

»Ich stimme bei; aber zwei Tage werden wir uns vielleicht doch entbehren müssen.«

»Wie so?«

»Ich hätte fast Lust, auch einmal nach Mekka zu gehen.«

»Sie? Ich denke, für Christen ist das verboten!«

»Allerdings. Aber, kennt man mich?«

»Das ist richtig. Sie sprechen das Arabische?«

»Ja, so viel ich für meine Küche brauche.«

»Und Sie wissen auch, wie sich die Pilger zu benehmen haben?«

»Auch das; doch ist gewiß, daß mein Benehmen nicht genau das der Pilger sein würde. Wollte ich ihren Gebräuchen folgen, mich den vorgeschriebenen Ceremonien unterwerfen und gar zu Allah beten und seinen Propheten anrufen, so würde dies gewiß eine Versündigung gegen unsern heiligen Glauben sein.«

»Sie würden innerlich doch anders denken!«

»Das macht die Schuld nicht geringer.«

»Darf man der Wissenschaft nicht ein Opfer bringen?«

»Doch, aber kein solches. Übrigens bin ich gar kein Mann der Wissenschaft. Sollte ich Mekka je erreichen, so hat es nur den Wert, daß ich es gesehen habe und unter Bekannten einmal davon erzählen kann. Ich möchte behaupten, daß man die Stadt des Propheten zu besuchen vermag, auch ohne seinen Christenglauben dadurch zu verleugnen, daß man den Pilger spielt.«

»Wohl nicht.«

»Glauben Sie, daß Mekka nur von Pilgern besucht wird?«

»Man sollte allerdings meinen, daß auch Kaufleute hinkommen. Diese aber werden doch auch die heiligen Orte besuchen und dort beten.«

»Man wird sie aber nicht darüber kontrollieren. Ich rechne sechzehn Wegstunden von hier bis Mekka; man reitet sie sehr gut in acht Stunden. Hätte ich ein Bischarihnhedjihn[81], so würde ich bloß vier Stunden brauchen. Ich komme dort an, steige in irgend einem Khan ab, durchwandere ernsten, langsamen Schrittes die Stadt und besehe mir das Heiligtum; dazu brauche ich nur wenige Stunden. Ein jeder wird mich für einen Moslem halten, und ich kann ruhig wieder zurückkehren.«