Die kleinen Küstenorte, über die die Wildgänse hinflogen, hatten ihre großen Badehäuser geschlossen, ihre Flaggen eingezogen und die schönen Sommerhäuser verriegelt. Niemand war zu sehen, als einige alte Schiffskapitäne, die auf den Brücken hin und her spazierten und sehnsüchtig aufs Meer hinausschauten.
Auf der östlichen Seite der Inseln, sowie drinnen in den Buchten am Ufer sahen die Wildgänse einige Bauernhöfe, und auch dort lagen die Verkehrsboote ganz ruhig an den Landungsbrücken. Der Bauer und seine Knechte hackten Kartoffeln aus oder sahen nach, ob die Bohnen, die an großen Holzgestellen hingen, noch nicht dürr genug seien.
In den großen Steinbrüchen und auf den Schiffswerften waren viele Arbeiter tätig. Sie schwangen ihre Schmiedehämmer und Äxte recht fleißig, aber immer und immer wieder wendeten sie den Kopf dem Meere zu, wie wenn sie auf irgendeine Unterbrechung hofften.
Und die Schärenvögel verhielten sich ebenso ruhig wie die Menschen. Einige Scharben, die auf einer steilen Felsenwand geschlafen hatten, verließen eine nach der andern die schmalen Felsenvorsprünge und begaben sich mit langsamem Flug zu ihren Fischplätzen hin. Die Möwen waren vom Meere hereingezogen und spazierten wie richtige Krähen auf dem Ufer umher.
Aber mit einem Schlage veränderte sich alles. Eine Schar Möwen flog plötzlich von einem Acker auf und sauste mit solcher Hast südwärts, daß die Wildgänse sie kaum fragen konnten, wohin sie wollten, und die Möwen sich nicht Zeit nahmen, ihnen eine Antwort zu geben. Nun flogen die Scharben vom Wasser auf und folgten den Möwen mit schwerfälligen Flügelschlägen. Die Delphine schossen plötzlich wie schwarze Spindeln eiligst durchs Wasser, und eine Schar Seehunde stürzte sich von einer flachen Schäre in die Wellen und schwamm südwärts.
„Was ist denn los? Was ist denn los?“ fragten die Wildgänse; und schließlich bekamen sie Antwort von einer Eisente.
„Die Heringe sind in Marstrand eingetroffen! Die Heringe sind in Marstrand eingetroffen!“ rief sie.
Aber nicht allein die Vögel und Seetiere waren in Bewegung gekommen, die Menschen hatten offenbar auch Nachricht von dem Eintreffen der ersten großen Heringzüge zwischen den Schären erhalten. Auf den glatten Steinen der Fischerdörfer liefen die Leute rasch hin und her. Die Fischerboote wurden zur Abfahrt bereit gemacht und die langen Heringnetze vorsichtig hineingeschafft. Die Frauen verstauten Proviant und die Ölkleider in die Boote, und die Männer kamen so eilig aus ihren Häusern heraus, daß sie, schon auf der Straße angekommen, erst in den Rock hineinfuhren.
Schon nach ganz kurzer Zeit waren alle Sunde zwischen den Schären voll brauner und grauer Segel, und zwischen den Booten wurden lustige Zurufe und Fragen gewechselt. Junge Mädchen waren auf die Klippen hinter den Häusern hinaufgeklettert und winkten den Abziehenden nach. Die Lotsen hielten scharf Ausguck und waren ganz sicher, daß bald nach ihnen geschickt werde; sie hatten deshalb schon ihre Wasserstiefel angezogen und den Kutter klar gemacht. Aus den Fjorden heraus fuhren kleine mit Tonnen und Kisten beladene Dampfschiffe. Die Bauern hatten eilig die Kartoffelhacke weggeworfen, die Schiffsbauer die Werften verlassen, und die alten Schiffskapitäne mit den wetterharten Gesichtern konnten natürlich nicht zurückbleiben, sondern fuhren mit den Dampfschiffen südwärts, um den Heringfang wenigstens mitanzusehen.
Schon nach kurzer Zeit erreichten die Wildgänse Marstrand. Die Heringzüge kamen von Westen her und zogen am Leuchtturm auf der Hafenschäre vorbei dem Lande zu. In dem breiten Fjord zwischen der Marstrandinsel und der Paternosterschäre fuhren die Fischerboote immer zu drei und drei nebeneinander her. Da, wo die See dunkler aussah und in kleinen kurzen Wellen aufschäumte, waren die Heringe. Die Fischer wußten dies wohl und warfen an diesen Stellen vorsichtig die langen Netze ins Wasser, faßten sie ringsum zusammen und schnürten sie unten zu, so daß die Heringe nun wie in einem ungeheuren Sack drinnen lagen; dann zogen und schnürten sie sie enger und enger zusammen, so daß der Raum immer kleiner wurde und das Schleppnetz schließlich mit glitzernden Fischen gefüllt herausgezogen werden konnte. Bei einigen Schiffsgruppen war der Fischfang schon so weit gediehen, daß ihre Boote bis an den Rand mit Fischen gefüllt waren. Die Fischer standen bis an die Kniee in Heringen, und von dem Südwester an bis zum untersten Rande ihres Ölrockes glänzten sie von lauter Heringschuppen.
Dann sah man neuangekommene Schiffsgruppen, die umherfuhren und loteten und nach Heringen suchten, und wieder andre, die mit großer Mühe ihr Netz ausgeworfen, es aber leer wieder herausgezogen hatten. Wenn die Boote voll waren, fuhren einige von den Fischern nach den großen im Fjord liegenden Dampfschiffen hin und verkauften ihren Fang, andre fuhren nach Marstrand und luden da ihre Ladung am Kai aus. Dort waren die Heringweiber schon an langen Tischen in voller Arbeit; die Heringe wurden in Tonnen und Kisten verpackt, und die ganze Straße lag voller Heringschuppen.
Ja, jetzt war Leben und Bewegung da! Die Menschen waren ganz außer sich vor Freude über all dieses Silber, das sie aus den Wogen des Meeres herausschöpften, und die Wildgänse flogen viele Male über Marstrand hin und her, damit der Junge alles recht genau sehen könnte.
Aber schon nach kurzer Zeit bat er, sie möchten nur weiterfliegen. Er sagte nicht, warum er weiter wollte, aber es war vielleicht nicht so schwer zu erraten. Unter den Fischern sah er viele schöne, kräftige Leute. Mehrere von ihnen waren überaus stattliche Männer mit kühnen Gesichtern unter dem Südwester, und sie sahen gerade so keck und verwegen aus, wie jeder Junge gerne sein möchte, wenn er selbst einmal erwachsen ist. Ja, für einen, der niemals größer werden konnte als ein Hering, war es in der Tat vielleicht nicht so vergnüglich, diese prächtigen Gestalten zu betrachten!
Vor einer Reihe von Jahren lebte in einem Kirchspiel in Westgötland eine überaus gute, liebe kleine Volksschullehrerin. Sie gab nicht allein einen sehr guten Unterricht, sondern verstand es auch, musterhafte Ordnung in ihrer Klasse zu halten, und die Kinder liebten sie so sehr, daß sie niemals in die Schule kamen, ohne ihre Aufgaben gelernt zu haben. Die Eltern der Kinder schätzten sie auch, und es gab überhaupt nur einen einzigen Menschen, der nicht wußte, wie gut sie war, und dieser eine war sie selbst. Sie hielt alle andern für viel klüger und tüchtiger als sich selbst und grämte sich in dem Gedanken, nicht auch so sein zu können wie die andern.
Nachdem die Lehrerin einige Jahre an der Schule unterrichtet hatte, erging von der Schulbehörde die Aufforderung an sie, in dem Slöjdseminar[1] auf Nääs einen Lehrgang mitzumachen, damit sie später die Kinder lehren könne, nicht allein mit dem Kopfe, sondern auch mit den Händen zu arbeiten. Niemand kann sich vorstellen, wie überrascht die Lehrerin war, als sie diese Aufforderung erhielt. Nääs lag nicht sehr weit von ihrer Schule entfernt, sie war wiederholt an dem schönen, stattlichen Gute vorübergegangen und hatte über den Slöjdkurs, der auf dem großen, alten Herrenhof stattfand, viel Lobenswertes gehört. Aus allen Teilen des Landes wurden da Lehrer und Lehrerinnen versammelt, damit sie sich eine gewisse Kunstfertigkeit der Hände aneigneten, selbst vom Ausland kamen die Leute zu diesem Zweck herbeigereist; aber wie schön diese Aussicht nun auch für die Lehrerin war, so wußte sie doch schon im voraus, wie schrecklich ängstlich es ihr unter so vielen ausgezeichneten Menschen zumute sein würde, ja es war ihr gerade, als könne sie es einfach nicht durchmachen.
[1] Eine Art Gewerbeschule, hauptsächlich für Holzverarbeitung.
Anmerkung des Übersetzers
Aber der Schulbehörde eine abschlägige Antwort zu geben, das wagte sie auch nicht; so reichte sie also ihr Gesuch ein und wurde als Schülerin angenommen. An einem schönen Juniabend, am Tage, bevor der Sommerunterricht beginnen sollte, packte sie ihre Kleider und was sie sonst brauchte in eine kleine Reisetasche und wanderte nach Nääs; und wie oft sie auch unterwegs anhielt und wie sehr sie sich auch weit wegwünschte, sie kam schließlich eben doch an ihrem Ziele an.
Auf Nääs ging es lebhaft zu. Allen Teilnehmern an dem Lehrgang, die von den verschiedensten Seiten her eintrafen, mußten in den Häusern, die zu dem Gute gehörten, Zimmer angewiesen werden. Allen war es in der ungewohnten Umgebung etwas seltsam zumute; aber die kleine Lehrerin dachte wie immer, nur sie allein benehme sich ungeschickt und töricht; so hatte sie sich schließlich in eine solche Angst hineingearbeitet, daß sie weder sehen noch hören konnte. Und sie hatte auch wirklich Schweres durchzumachen: in einer schönen Villa wurde ihr ein Zimmer angewiesen, in dem sie mit noch einigen jungen Mädchen, die ihr gänzlich unbekannt waren, zusammen wohnen sollte! Und mit siebzig fremden Menschen zusammen mußte sie zu Abend essen! Auf ihrer einen Seite saß ein kleiner Herr, der im Gesicht ganz gelb war und ihr mitteilte, er sei aus Japan, und auf ihrer andern Seite befand sich ein Schullehrer aus Jockmock droben in Lappland! Und vom ersten Augenblick an ertönte lebhaftes Geplauder und Scherz und Lachen an den langen Tischen. Alle sprachen miteinander und machten gegenseitig Bekanntschaft. Sie war die einzige, die den Mund nicht aufzutun wagte.
Am nächsten Morgen fing die Arbeit an. Wie in allen Schulen, begann auch hier der Tag mit Gesang und Gebet; dann hielt der Vorstand des Seminars eine Ansprache über den Slöjd und gab einige kurze Verhaltungsmaßregeln, und dann, ohne daß sie recht wußte, wie es zugegangen war, stand sie vor einer Hobelbank, ein Stück Holz in der einen Hand und ein Messer in der andern, während ein alter Slöjdlehrer ihr zu zeigen versuchte, wie man einen Pflanzenstab machte.
Eine solche Arbeit hatte sie noch nie probiert; sie kannte die Handgriffe gar nicht und war außerdem so verwirrt, daß sie gar nichts von dem Gehörten verstand. Als der Lehrer weitergegangen war, legte sie Messer und Holz auf die Hobelbank und starrte nur immer geradeaus.
Ringsherum im Saal standen lauter Hobelbänke, und an allen sah sie Menschen, die mit frischem Mut an die Arbeit gingen. Einige von ihnen, die schon etwas bewandert in der Kunst waren, kamen herbei und wollten ihr helfen; aber sie war nicht imstande, die gegebenen Winke zu benützen, denn sie hatte das Gefühl, als ob alle miteinander aufmerksam darauf geworden seien, wie ungeschickt sie sich anlasse, und das machte sie furchtbar unglücklich; sie war wie gelähmt.
Die Frühstückszeit kam heran, und nach dem Frühstück kam neue Arbeit. Zuerst hielt der Vorstand einen Vortrag, dann folgte eine Turnstunde, und dann fing der Slöjdunterricht wieder an. Hierauf wurde Mittagspause gemacht. In dem großen, hellen Versammlungssaal wurde zu Mittag gegessen und Kaffee getrunken, und am Nachmittag ging man wieder an die Slöjdarbeit; dann kamen Singübungen an die Reihe und schließlich Spiele im Freien. Die Lehrerin war den ganzen Tag hindurch in Bewegung und immer mit den andern zusammen, fühlte sich aber immer noch ebenso unglücklich.
Wenn sie später an diese ersten auf Nääs verbrachten Tage zurückdachte, war ihr, als sei sie wie in einem Nebel herumgegangen. Alles war düster und verschleiert gewesen; sie hatte weder gesehen noch verstanden, was um sie her vorging. Dieser Zustand dauerte zwei Tage; am Abend des zweiten Tages jedoch fing es plötzlich an, hell um sie zu werden.
Nachdem das Abendessen an diesem zweiten Tag vorüber war, erzählte ein alter Volksschullehrer, der früher schon mehrere Male auf Nääs gewesen war, einigen neuen Schülern, wie das Slöjdseminar entstanden war, und da die kleine Lehrerin in der Nähe saß, hörte sie unwillkürlich auch zu.
Der Volksschullehrer erzählte, Nääs sei ein sehr altes Gut, sei aber früher nie etwas andres gewesen als ein großer, schöner Herrenhof, wie so viele andre auch, bis der alte Herr, dem er jetzt zu eigen gehöre, hierher gezogen sei. Dieser sei ein sehr reicher Mann, und die ersten Jahre seines Aufenthalts habe er nur darauf verwendet, das Schloß und den Park zu verschönern und die Häuser seiner Untergebenen zu verbessern.
Aber dann sei seine Frau gestorben, und da sie keine Kinder hätten, habe der alte Herr sich oft sehr einsam auf dem großen Gute gefühlt. Deshalb habe er einen jungen Neffen, den er sehr lieb hatte, überredet, zu ihm zu kommen und sich auf Nääs niederzulassen.
Von Anfang an war bestimmt gewesen, daß der junge Herr bei der Bewirtschaftung des Gutes Hand anlegen sollte; als er aber aus dieser Veranlassung bei den Untergebenen seines Oheims umherging und sah, welches Leben sie in ihren ärmlichen Hütten führten, kamen ihm allerlei wunderliche Gedanken. Es fiel ihm auf, daß sich in den meisten dieser Wohnungen an den langen Winterabenden weder Männer noch Kinder, ja oft nicht einmal die Frauen mit irgendeiner Handarbeit beschäftigten. In den frühern Zeiten hatten die Leute ihre Hände fleißig rühren müssen zur Herstellung ihrer Kleider und ihres Hausgeräts, aber jetzt, wo man alle diese Dinge kaufen konnte, hatte diese Art von Arbeit aufgehört. Und da glaubte der junge Herr zu sehen, daß in den Häusern, wo man dieses häusliche Gewerbe aufgegeben hatte, sich auch das häusliche Behagen und der häusliche Wohlstand verabschiedet habe.
Ein einzelnes Mal kam er doch auch in ein Haus, wo der Vater Tische und Stühle zusammenzimmerte und die Mutter webte; und soviel war sicher, diese Leute waren nicht nur wohlhabender, sondern auch glücklicher als die in den andern Häusern.
Der junge Herr sprach mit seinem Oheim, und der alte Herr sah ein, welch ein großes Glück es wäre, wenn sich die Leute in ihrer freien Zeit mit irgendeiner Handarbeit beschäftigen würden. Um aber dies zu erreichen, müßten sie ohne Zweifel von Kind auf gelehrt werden, die Hände zu gebrauchen. Die beiden Herren meinten, zur Erreichung dieses Zieles könnten sie nichts Besseres tun, als eine Slöjdschule für Kinder einzurichten. Die Kinder sollten da lernen, einfache Geräte aus Holz herzustellen, denn, meinten die beiden Herren, diese Art Arbeit werde allen am leichtesten fallen. Sie waren überzeugt, wer von den Leuten einmal gelernt hätte, das Messer ordentlich zu gebrauchen, werde dann später leicht lernen, auch den großen Schmiedehammer und den kleinen Schuhmacherhammer zu führen. Wessen Hand aber von Kindheit auf an nichts gewöhnt sei, werde vielleicht niemals darauf kommen, daß der Mensch darin ein Werkzeug besitzt, das mehr wert ist als alle andern.
Sie hatten also angefangen, Kinder im Handslöjd auf Nääs zu unterrichten, und bald sahen sie, wie nützlich und gut es für die Kleinen war, so nützlich und gut, daß sie nur wünschten, alle Kinder in ganz Schweden könnten einen ähnlichen Unterricht bekommen.
Aber wie sollte das ausführbar sein? Ringsum in ganz Schweden wuchsen ja viele hunderttausend Kinder heran; diese konnten doch nicht alle auf Nääs versammelt werden, um da Slöjdunterricht zu bekommen? Das war ganz und gar unmöglich.
Da kam der junge Herr mit einem neuen Vorschlag. Wie, wenn man, anstatt die Kinder zu unterrichten, ein Slöjdseminar für deren Lehrer einrichten würde? Wie, wenn die Lehrer und Lehrerinnen vom ganzen Lande in Nääs zusammenkämen, da Slöjd lernten und nachher mit allen den Kindern, die sie in ihren Schulen hatten, Slöjd treiben würden? Auf diese Weise gelänge es schließlich vielleicht doch, daß bei allen Kindern die Hände ebenso geübt würden wie das Gehirn.
Als dieser Gedanke in den Herzen der beiden Herren einmal Wurzel geschlagen hatte, ließ er sie nicht mehr los, und sie suchten ihn zu verwirklichen.
Die beiden Herren halfen einander treulich. Der alte Herr baute Arbeitssäle, Versammlungshäuser, den Turnsaal und sorgte für Wohnung und Unterhalt der Neuankommenden. Der junge Herr wurde der Vorsteher des Seminars; er arbeitete den Unterrichtsplan aus, überwachte die Arbeit und hielt Vorträge. Und damit noch nicht genug: er lebte auch beständig mit den Schülern zusammen, machte sich mit den Verhältnissen des einzelnen bekannt und wurde ihnen ein aufrichtiger, treuer Freund.
Und wie groß war von Anfang an die Zahl der Teilnehmer! In jedem Jahre wurden vier Kurse gehalten, und zu allen meldeten sich mehr Schüler, als aufgenommen werden konnten. Die Schule wurde auch bald im Auslande bekannt, und aus aller Herren Länder kamen Lehrer und Lehrerinnen nach Nääs, um zu lernen, wie sie es machen müßten, ihre Hände auszubilden. Kein Ort in Schweden war im Ausland so bekannt wie Nääs, und kein Schwede hat je so viele Freunde ringsum auf der ganzen Welt gehabt, wie der Vorsteher des Slöjdseminars auf Nääs.
Die kleine schüchterne Lehrerin hörte dieser Erzählung zu, und je länger sie zuhörte, desto heller wurde es um sie her. Bis jetzt hatte sie gar nicht gewußt, warum die Slöjdschule auf Nääs war, sie hatte sich nicht klar gemacht, daß sie von zwei Männern geschaffen worden war, die ihrem Lande etwas Gutes tun wollten, hatte keine Ahnung davon gehabt, daß sie ihre Arbeit ohne Lohn taten, daß sie alles opferten, was sie opfern konnten, um ihren Mitmenschen zu helfen, besser und glücklicher zu werden.
Als sie jetzt über die große Güte und Nächstenliebe nachdachte, die hinter allem diesem lag, rührte es sie fast bis zu Tränen; so etwas hatte sie noch nie erlebt.
Am nächsten Tag ging sie mit einem ganz andern Verständnis an ihre Arbeit. Wenn ihr das alles aus lauter Güte geboten wurde, mußte sie mit einem ganz andern Fleiß daran gehen als bisher. Sie vergaß nun, an sich selbst zu denken; die Arbeit und das große Ziel, das erreicht werden sollte, nahmen sie jetzt ganz in Anspruch. Und von diesem Augenblick an machte sie ihre Sache ganz ausgezeichnet; sobald ihre Schüchternheit ihr nicht hindernd in den Weg trat, war sie sehr geschickt und fingerfertig.
Jetzt, wo ihr die Schuppen von den Augen gefallen waren, erkannte sie überall das wunderbare, große Wohlwollen. Jetzt sah sie, wie liebevoll im ganzen Seminar alles für die Teilnehmer an den Kursen eingerichtet war. Diese Teilnehmer wurden bei weitem nicht nur in Handarbeit unterrichtet; der Vorstand hielt Vorträge über Erziehung, er gab Turnunterricht, er bildete einen Gesangverein, und beinahe jeden Abend vereinigte man sich zu Musik und Vorlesungen. Und außerdem standen Bücher, Boote, Badehäuser und Klaviere zur Verfügung; alle sollten es gut haben, sich wohl befinden und vergnügt sein.
Allmählich wurde der Lehrerin klar, welch ein unschätzbarer Vorteil das war, wenn jemand die schönen Sommertage auf einem solchen großen schwedischen Herrenhofe verbringen durfte. Das Schloß, in dem der alte Herr wohnte, lag auf einem fast ganz von einem See umgebnen Hügel, und eine schöne steinerne Brücke bildete die Verbindung mit dem Lande. Die Lehrerin hatte noch nie etwas so Schönes gesehen, wie die Blumenbeete auf den Terrassen vor dem Schlosse, wie die alten Eichen im Park, wie den Weg dem Seeufer entlang, wo die Bäume sich über das Wasser neigten, oder wie den Ausblick vom Aussichtspavillon auf dem Felsen über den See hin. Die Schulgebäude lagen auf dem Festland, dem Schloß gerade gegenüber auf grünen, schattigen Wiesen, aber es stand den Schülern frei, sich ganz nach Belieben im Schloßpark zu ergehen. Der Lehrerin war es, als wisse sie erst jetzt, wie schön der Sommer sei, da sie ihn an einem so wunderschönen Ort wie Nääs genießen durfte.
Doch muß man nicht meinen, es sei nun eine große Veränderung mit ihr vorgegangen; nein, mutig und selbstbewußt wurde sie nicht, aber sie fühlte sich froh und glücklich. Diese Güte hier erwärmte sie bis ins innerste Herz hinein. An einem solchen Orte, wo es alle gut mit ihr meinten und ihr nützlich zu sein suchten, konnte sie sich unmöglich ängstlich fühlen. Und als der Lehrgang zu Ende war und die Schüler Nääs verließen, war sie ganz neidisch auf alle, die dem alten und dem jungen Herrn richtig danken und das, was sie fühlten, in schönen Worten ausdrücken konnten. Ach, so weit brachte sie es gewiß in ihrem ganzen Leben nicht!
Sie kehrte nach Hause zurück, nahm ihre Arbeit in der Schule wieder auf und war ebenso befriedigt davon wie vorher. Von Nääs war sie nicht weiter entfernt, als daß sie an einem freien Nachmittag zu Fuß hin und zurück gelangen konnte, und im Anfang tat sie das auch ziemlich oft. Aber es war eben immer wieder ein andrer Jahrgang, immer andre Gesichter, ihre Schüchternheit überfiel sie aufs neue, und so wurde sie allmählich ein immer seltenerer Gast in der Slöjdschule. Aber die Zeit, wo sie selbst Schülerin auf Nääs gewesen war, stand trotzdem immer als das beste, was sie je erlebt hatte, in ihrer Erinnerung.
Im Frühling hörte sie eines Tages, daß der alte Herr auf Nääs gestorben sei. Da gedachte sie des schönen Sommers, den sie auf seinem Gute verbracht hatte, und das Herz wurde ihr schwer, weil sie sich niemals so recht bei ihm bedankt hatte. Er hatte ja sicherlich Dankesbezeugungen genug erhalten, von Hohen wie von Niederen; aber sie selbst würde sich jetzt glücklicher gefühlt haben, wenn sie ihm einmal mit ein paar Worten ausgedrückt hätte, wieviel er für sie getan habe.
Auf Nääs wurde der Unterricht ganz in derselben Weise fortgesetzt wie vor dem Tode des alten Herrn. Er hatte nämlich das ganze schöne Gut der Schule vermacht; sein Neffe aber blieb auch fernerhin der Vorsteher und verwaltete alles miteinander. So oft die Lehrerin nach Nääs kam, war irgend etwas Neues zu sehen. Jetzt handelte es sich nicht mehr allein um Slöjdkurse; der Vorsteher wollte auch die alten Gebräuche und die alten Volksvergnügungen wieder ins Leben rufen, und so richtete er auch Lehrgänge für Singspiele und viele andre Arten von Spielen ein. Aber in einer Hinsicht blieb alles beim alten; noch immer wurde den Leuten von dem Wohlwollen, das sie hier überall umgab, das Herz warm, und sie fühlten, wie sehr doch alles darauf eingerichtet war, daß sie sich nicht allein Kenntnisse erwürben, sondern auch Arbeitsfreudigkeit mitnähmen, wenn sie zu den kleinen Schulkindern ringsum im Lande zurückkehrten.
Nur wenige Jahre nach dem Tode des alten Herrn hörte die Lehrerin eines Sonntags in der Kirche, der Vorsteher auf Nääs sei gefährlich erkrankt. Sie wußte, daß er seit einiger Zeit an schweren Herzkrämpfen litt, hatte aber an keine Lebensgefahr für ihn gedacht. Jetzt aber hieß es, diesmal stehe es sehr schlecht.
Von dem Augenblick an, wo die Lehrerin dies hörte, konnte sie nichts andres mehr denken, als daß am Ende der Vorsteher jetzt auch sterben würde wie der alte Herr, ohne daß sie ihm ihren Dank ausgesprochen hätte, und sie überlegte hin und her, was sie doch tun könnte, um ihren Dank darzubringen.
Am Sonntag nachmittag ging die Lehrerin bei den Nachbarn umher und fragte, ob die Kinder sie nicht nach Nääs begleiten dürften. Sie habe gehört, der Vorsteher sei krank, und sie denke, es werde ihn freuen, wenn die Kinder hinkämen und ihm ein paar Lieder sängen. Es sei allerdings schon ziemlich spät am Tage, aber es sei ja jetzt gerade heller, klarer Mondschein, deshalb könnte man gut noch gehen. Die Lehrerin hatte das Gefühl, daß sie an diesem Abend durchaus noch nach Nääs müsse; und sie fürchtete, es könnte am nächsten Tag zu spät sein.
Sonntag, 9. Oktober
Die Wildgänse hatten Bohuslän verlassen und verbrachten die Nacht auf einem Sumpf in Westgötland. Um im Trocknen zu sein, war der kleine Nils Holgersson auf einen Grabenrain hinaufgekrochen, der quer über die sumpfige Wiese hinlief. Er suchte noch nach einem trockenen Platz, wo er sich zum Schlafen niederlegen könnte, als er eine kleine Schar Menschen des Weges daherkommen sah. Es war eine junge Lehrerin mit etwa einem Dutzend Kinder um sich her. Die Lehrerin in der Mitte, schritten sie in einem dichten Trüpplein unter fröhlichem und vertraulichem Geplauder frisch drauf los, und der Junge konnte der Lust nicht widerstehen, eine Strecke weit hinter ihnen herzulaufen, um zu hören, wovon sie miteinander sprachen.
Und diese Absicht konnte er leicht ausführen; wenn er sich im Schatten am Wegrand hielt, konnte ihn unmöglich jemand sehen. Und wo fünfzehn Menschen gingen, machte das Geräusch ihrer Fußtritte einen ordentlichen Lärm; da konnte sicher niemand den Kies unter seinen kleinen Holzschuhen knirschen hören!
Um die Kinder auf dem Wege in guter Laune zu erhalten, erzählte ihnen die Lehrerin alte Sagen. Als der Junge sich der Schar anschloß, war sie eben mit einer fertig geworden, aber die Kinder bettelten sogleich um eine neue.
„Habt ihr denn die Geschichte von dem alten Riesen in Westgötland schon gehört, der auf eine Insel weit droben im nördlichen Eismeer gezogen war?“ fragte die Lehrerin. Nein, die hätten sie noch nie gehört, riefen die Kinder; und die Lehrerin begann:
„In einer dunkeln, stürmischen Nacht scheiterte einstmals ein Schiff an einer kleinen Schäre weit droben im nördlichen Eismeer. Das Schiff zerschellte an den Klippen, und von der ganzen Besatzung konnten sich nur zwei Mann ans Land retten. Tropfnaß und von Kälte erstarrt, standen sie auf der kleinen Felseninsel und waren natürlich überaus froh, als sie am Ufer ein großes Feuer lodern sahen. Ohne an eine Gefahr zu denken, eilten sie darauf zu; und erst als sie ganz nahe herangekommen waren, sahen sie, daß vor dem Feuer ein fürchterlich großer Hüne saß, ja, es war ein so großer und starker Mann, daß sie keinen Augenblick im Zweifel sein konnten, mit wem sie da zusammengetroffen waren, nämlich mit einem Mann aus dem Riesengeschlecht.
Zögernd blieben sie stehen; aber der Nordwind fuhr mit furchtbarer Eiseskälte über die Schäre hin, und sie fühlten wohl, daß sie erfrieren müßten, wenn sie sich nicht an dem Feuer des Riesen wärmen dürften. Deshalb beschlossen sie, sich zu dem Riesen hinzuwagen.
‚Guten Abend, Vater,‘ sagte der ältere von den beiden. ‚Wollt Ihr zwei schiffbrüchigen Seeleuten erlauben, sich an Eurem Feuer zu wärmen?‘
Der Riese fuhr jäh aus seinen Gedanken auf; er reckte sich und zog sein Schwert aus der Scheide.
‚Was seid denn ihr für Gesellen?‘ fragte er, denn er war alt und konnte nicht mehr gut sehen, was das für Geschöpfe waren, die ihn angeredet hatten.
‚Wir sind beide aus Westgötland, wenn Ihr es wissen wollt,‘ antwortete der ältere von den beiden Seeleuten. ‚Unser Schiff ist hier in der Nähe gescheitert, und wir haben uns nun halbnackt und halberfroren ans Land gerettet.‘
‚Ich lasse mich sonst auf meiner Schäre mit den Menschen nicht in ein Gespräch ein; wenn ihr aber aus Westgötland seid, ist es etwas andres,‘ sagte der Riese und steckte sein Schwert wieder in die Scheide. ‚Dann dürft ihr euch hier niedersetzen und euch wärmen, denn ich stamme selbst aus Westgötland und habe dort viele Jahre lang in dem großen Hügel bei Skalunda gewohnt.‘
Die Seeleute setzten sich auf einen Felsblock. Sie wagten den Riesen nicht anzureden und sahen ihn deshalb nur schweigend an. Aber je länger sie ihn betrachteten, desto größer erschien er ihnen, und desto kleiner und schwächer fühlten sie sich selbst.
‚Meine Augen sind nicht mehr so gut wie früher,‘ sagte der Riese, ‚und ich kann euch kaum unterscheiden; ich hätte mich sonst gefreut, zu sehen, wie ein Westgöte heutigentags aussieht. Einer von euch reiche mir indes wenigstens die Hand, damit ich fühle, ob es noch warmes Blut in Schweden gibt.‘
Die Männer betrachteten zuerst die Hände des Riesen und dann ihre eignen. Keiner der beiden hatte Lust, den Händedruck des Riesen kennen zu lernen. Aber dann fiel ihr Blick auf einen eisernen Spieß, den der Riese zum Anfachen seines Feuers benützte. Er war im Feuer liegen geblieben und an dem einen Ende glühend rot. Mit vereinten Kräften hoben die beiden Männer die Stange auf und streckten sie dem Riesen hin. Er ergriff den Spieß und preßte die Hand so fest darum, daß ihm das Eisen zwischen den Fingern herausquoll.
‚O ja, ich merke wohl, es gibt noch heißes Blut in Schweden,‘ sagte er ganz vergnügt zu den verblüfften Seeleuten.
Dann wurde es wieder still um das Feuer her; aber diese Begegnung mit Landsleuten führte die Gedanken des Riesen zurück nach Westgötland, und eine Erinnerung nach der andern tauchte vor seiner Seele auf.
‚Ich möchte wohl wissen, wie es jetzt am Skalundaer Hügel aussieht?‘ fragte er die beiden Männer.
Keiner von ihnen wußte etwas von dem Hügel, nach dem der Riese fragte.
‚Er wird wohl seither tüchtig zusammengesunken sein‘, antwortete der eine zögernd. Er hatte das Gefühl, einem solchen Fragesteller dürfe man keine Antwort schuldig bleiben.
‚Freilich, freilich, ich habe es mir wohl gedacht,‘ erwiderte der Riese mit einem zustimmenden Kopfnicken. ‚Man kann auch nichts andres erwarten, denn diesen Hügel haben meine Frau und meine Tochter einmal am frühen Morgen in einer Stunde in ihren Schürzen zusammengetragen.‘
Wieder grübelte er nach und suchte in seinen Erinnerungen. Er hatte ja Westgötland nicht erst vor kurzem verlassen, und es dauerte eine Weile, bis er zu diesen Erinnerungen hindurchgedrungen war.
‚Aber der Kinnekulle und Billinge und die andern kleinern über die große Ebene verstreuten Berge stehen doch wohl noch?‘ fragte er wieder.
‚Jawohl, die stehen noch,‘ antwortete der Seemann; und um dem Riesen zu zeigen, daß er ihn für einen tüchtigen Mann halte, fuhr er fort: ‚Ihr habt wohl beim Errichten von diesen Bergen mitgeholfen?‘
‚Nein, das gerade nicht,‘ sagte der Riese. ‚Aber soviel kann ich dir sagen, meinem Vater habt ihr es zu verdanken, daß diese Berge noch dastehen. Als ich noch ein kleiner Bursche war, gab es in Westgötland keine große Ebene, sondern da, wo jetzt die Ebene sich ausbreitet, lag eine Felsengegend, die sich vom Wettersee bis zum Götaälf erstreckte. Aber dann nahmen sich ein paar Flüsse vor, sich ihr Bett durch das Gebirge hindurchzugraben und bis zum Wenersee hinunterzufließen. Das Gebirge bestand nicht aus richtigem Granit, sondern aus Kalkstein und Schiefer, deshalb konnten es die Flüsse leicht auswaschen. Ich erinnere mich noch, daß sie das Flußbett und die Täler breiter und immer breiter machten und schließlich zu wahren Ebenen ausweiteten. Mein Vater nahm mich manchmal mit, wenn er hinging und sich die Arbeit der Flüsse ansah, und der Vater war nicht so recht damit einverstanden, daß die Flüsse das ganze Gebirge zerstörten.
‚Ein paar Ruheplätze könnten sie uns wenigstens noch übrig lassen,‘ sagte er, und zugleich zog er seine steinernen Schuhe aus und stellte den einen ganz im Westen und den andern ganz im Osten des Gebirges auf. Seinen steinernen Hut legte er auf eine Felskuppe am Wenersee, meine steinerne Mütze schleuderte er etwas weiter gen Süden, und seine steinerne Keule schickte er in derselben Richtung hinterdrein.
Was wir sonst noch von guten, harten Steinen bei uns hatten, legte er an verschiedenen Orten nieder. Die Flüsse spülten dann allmählich das ganze Gebirge weg, aber an den Stellen, die mein Vater mit seinen steinernen Sachen bedeckt hatte, wagten sie nicht zu rühren, und so blieben sie stehen. Da, wo mein Vater seinen einen Schuh hingestellt hat, ist unter dem Absatz der Halleberg und unter der Sohle der Hunneberg stehen geblieben. Unter dem andern Schuh ist Billinge erhalten, Vaters Hut hat den Kinnekulle bewahrt, unter meiner Mütze liegt der Mösseberg, und unter der Keule birgt sich Ålleberg. Alle andern kleinen Berge der westgötischen Ebene sind auch meinem Vater zuliebe verschont worden, und ich möchte wissen, ob es in Westgötland noch viele Männer gibt, vor denen die Leute soviel Respekt haben wie einst vor meinem Vater?‘
‚Das ist nicht leicht zu beantworten,‘ sagte der Seemann. ‚Wenn aber in Eurer Zeit die Flüsse und Riesen so allmächtig gewesen sind, dann bekomme ich ordentlich vermehrte Achtung vor den Menschen; denn jetzt sind sie ganz allein die Herren über die Ebene und das Gebirge.‘
Der Riese rümpfte die Nase ein wenig, und er schien mit der Antwort nicht so recht zufrieden zu sein; aber schon nach einer kleinen Weile knüpfte er das Gespräch wieder an. ‚Wie steht es denn gegenwärtig mit dem Trollhätta?‘ fragte er.
‚Er rauscht und donnert wie von jeher,‘ antwortete der Seemann. ‚Habt Ihr vielleicht gerade wie bei der Erhaltung der Westgötaberge auch mitgeholfen, den großen Wasserfall herzustellen?‘
‚O nein, das nicht gerade,‘ erwiderte der Riese. ‚Aber als ich noch ein kleiner Knirps war, benutzten mein Bruder und ich die Fälle noch als Rutschbahn. Wir stellten uns auf einen Balken, und hui! dann ging es den Gullöfall und Toppöfall und die drei andern Fälle hinunter! Wir kamen so rasch dahergesaust, daß wir beinahe bis zum Meer hingerutscht wären. Ob es wohl heutzutage in Westgötland auch noch jemand gibt, der sich auf solche Weise ergötzt?‘
‚Das kann ich nicht sagen,‘ antwortete der Seemann. ‚Aber ich glaube fast, es ist eine ebenso wunderbare Leistung, daß wir Menschen dem Trollhätta entlang einen Kanal gebaut haben, auf dem wir nicht allein wie Ihr in Euren jungen Jahren den Trollhätta hinunter, sondern ihn auch mit Booten und Dampfschiffen hinauffahren können.‘
‚Das ist allerdings sehr merkwürdig,‘ versetzte der Riese; und es war fast, als habe ihn die Antwort ein wenig verdrossen. ‚Kannst du mir nun auch noch sagen, wie es in der Gegend am Mjörnsee aussieht, die früher das Hungerland genannt wurde?‘
‚O ja, die Gegend hat uns allen viel Kummer und Kopfzerbrechen gemacht,‘ antwortete der Westgöte. ‚Habt Ihr vielleicht mitgeholfen, sie so mager und trostlos anzulegen?‘
‚O nein, das nicht gerade,‘ sagte der Riese wieder. ‚Zu meiner Zeit hat ein prächtiger Wald dort gestanden. Aber als eine meiner Töchter Hochzeit machte, brauchten wir sehr viel Holz, um den Backofen zu schüren; da nahm ich ein langes Seil, schlang es um den ganzen Hungerländer Wald herum, riß ihn mit einem einzigen Ruck heraus und trug ihn nach Hause. Ich möchte wissen, ob es heutigentags noch jemand gäbe, der einen ganzen Wald auf einmal herausreißen könnte?‘
‚Das wage ich nicht zu behaupten,‘ sagte der Westgöte. ‚Aber das weiß ich, daß in meiner Jugend das Hungerland kahl und unfruchtbar dalag, während es jetzt ganz mit Wald bedeckt ist. Das halte ich nun für eine richtige männliche Tat.‘
‚Nun ja, aber drunten in dem südlichen Westgötland, da können sich doch wohl keine Menschen fortbringen?‘ sagte der Riese.
‚Habt Ihr auch dort bei der Einrichtung des Landes geholfen?‘ rief der Westgöte.
‚O nein, das nicht gerade,‘ versetzte der Riese. ‚Aber ich erinnere mich, wenn wir Riesenkinder dort die Herden hüteten, bauten wir viele steinerne Häuser; und durch alle die Steine, die wir umherwarfen, ist der Boden ganz unbestellbar geworden, deshalb müßte es sehr schwer sein, dort Ackerfelder zu gewinnen.‘
‚Ja, das ist gewißlich wahr; es lohnt sich kaum der Mühe, dort Ackerbau zu treiben,‘ sagte der Westgöte. ‚Aber die Bevölkerung hat sich auf die Herstellung von Holzwaren gelegt; und meiner Ansicht nach beweist es mehr Tüchtigkeit, wenn sich jemand in einer so armen Gegend durchbringt, als wenn er beim Ruinieren des Bodens behilflich ist.‘
‚Jetzt bleibt mir nur noch eine Frage übrig,‘ sagte der Riese. ‚Wie habt ihr euch drunten an der Küste eingerichtet, wo der Götaälf ins Meer fließt?‘
‚Habt Ihr da auch die Hand mit im Spiele gehabt?‘ fragte der Seemann.
‚Das nicht gerade,‘ entgegnete der Riese. ‚Aber, wir gingen vorzeiten oft an den Strand hinunter, lockten uns einen Walfisch heran, setzten uns auf dessen Rücken und ritten durch die Fjorde und Schären. Ich möchte wissen, ob du jemand kennst, der das heute noch tut?‘
‚Das will ich unbeantwortet lassen,‘ erwiderte der Seemann. ‚Aber ich halte es für eine ebenso große Leistung, daß die Menschen an der Mündung des Götaälf eine Stadt gebaut haben, von der Schiffe nach allen Meeren der Erde ausziehen.‘
Hierauf gab der Riese keine Antwort; und der Seemann, der selbst in Göteborg daheim war, beschrieb nun die reiche Handelsstadt mit ihrem großen Hafen, mit ihren Brücken und Kanälen und den prächtigen Straßen; er erzählte auch, es wohnten da sehr viele tüchtige Kaufleute und Schiffer, und es sei durchaus nicht ausgeschlossen, daß sie Göteborg noch zu der ersten Stadt des Nordens machten.
Bei jeder neuen Antwort waren die Runzeln auf der Stirne des Riesen tiefer geworden; daß die Menschen sich so zum Herren über die Natur gemacht hatten, war ihm offenbar unangenehm.
‚Ja ja, es muß sich sehr viel verändert haben in Westgötland,‘ sagte er schließlich, ‚und ich würde am liebsten selbst wieder hinkommen und dies und jenes herstellen.‘
Als der Seemann diese Worte hörte, erschrak er ein wenig; wenn der Riese nach Westgötland käme, geschähe es sicher nicht in guter Absicht. Er ließ sich jedoch nichts anmerken, sondern sagte:
‚Ihr dürft überzeugt sein, daß Ihr festlich empfangen würdet. Euch zu Ehren soll mit allen Kirchenglocken geläutet werden.‘
‚So, es gibt also noch Kirchenglocken in Westgötland?‘ fragte der Riese, als sei er etwas bedenklich geworden. ‚Sind denn die großen Glocken in Husaby, Skara und Varnhem noch nicht zu Tode geläutet?‘
‚O nein, sie sind alle noch da, und seit Eurer Zeit sind viele neue dazugekommen. Jetzt gibt es in ganz Westgötland nicht eine Ortschaft, wo man kein Glockengeläute hörte.‘
‚Nun, dann ist es wohl am besten, ich bleibe, wo ich bin,‘ sagte der Riese. ‚Denn dieser Glocken wegen bin ich ja einst dort weggezogen.‘
Hierauf versank er in Gedanken, wendete sich aber doch bald wieder an die Seeleute. ‚Ihr könnt euch jetzt ganz ruhig am Feuer niederlegen und schlafen,‘ sagte er. ‚Morgen früh will ich dafür sorgen, daß ein Schiff hier vorüberfährt, das euch mitnimmt und in eure Heimat zurückbringt. Aber für die Gastfreundschaft, die ich euch erwiesen habe, verlange ich eine Gefälligkeit von euch. Wenn ihr heimgekehrt seid, sollt ihr zu dem besten Mann in ganz Westgötland gehen und ihm diesen Ring übergeben. Ihr sollt ihn von mir grüßen und ihm ausrichten, wenn er den Ring an seinen Finger stecke, werde er noch viel mehr werden, als er jetzt sei.‘
Sobald die Seeleute zu Hause angekommen waren, gingen sie zu dem besten Mann in Westgötland und übergaben ihm den Ring. Aber der Mann war zu klug, ihn sofort an seinen Finger zu stecken. Statt dessen hängte er ihn an eine kleine Eiche auf seinem Hofe. In demselben Augenblick schoß die Eiche so gewaltig in die Höhe, daß man sie förmlich wachsen sah. Sie trieb Schößlinge und lange Zweige; der Stamm wurde dicker, die Rinde verhärtete sich, der Baum bekam neue Blätter und verlor sie wieder, setzte Blüten und Früchte an und wurde in kurzer Zeit eine so mächtige Eiche, wie man noch nie eine gesehen hatte. Aber kaum war sie ausgewachsen, als sie ebenso schnell zu verwelken begann: die Zweige fielen ab, der Stamm wurde hohl, der Baum siechte hin, bald war nichts mehr von ihm übrig als ein Stumpf.
Da nahm der Mann den Ring und schleuderte ihn weit von sich. ‚Dieses Geschenk des Riesen hat die Macht, einem Manne große Kraft zu verleihen und ihn für kurze Zeit leistungsfähiger als alle andern zu machen,‘ sagte er. ‚Aber der Besitzer würde sich auch in ganz kurzer Zeit überanstrengen, und dann wäre es bald aus mit seiner Tüchtigkeit und seinem Glück. Ich will nichts damit zu tun haben, und ich hoffe nur, niemand wird den Ring finden, denn er ist uns nicht in guter Absicht geschickt worden.‘
Aber es ist eben doch möglich, daß der Ring gefunden worden ist. So oft sich ein Mensch, in dem Bestreben, andern Gutes zu tun, über seine Kräfte anstrengt, möchte man unwillkürlich fragen, ob er am Ende den Ring gefunden habe, und ob dieser es sei, der ihn zwingt, so zu schaffen und zu wirken, daß er sich vor der Zeit abnützt und sein Werk unvollendet verlassen muß.“
Die Lehrerin war, während sie erzählte, mit raschen Schritten vorwärts gegangen, und als sie ihre Geschichte beendigt hatte, war sie mit den Kindern beinahe an ihrem Ziel angelangt. Dort tauchten schon die Wirtschaftsgebäude auf, die, wie alles andre auf dem Gute, von prächtigen Bäumen beschattet dalagen, und noch ehe sie daran vorübergekommen war, sah sie das Schloß droben auf der Terrasse hervorschimmern.
Bis zu diesem Augenblick war sie über ihren Einfall sehr glücklich gewesen, und kein zagender Gedanke war in ihr aufgestiegen; aber jetzt, beim Anblick des Hofes, begann ihr der Mut zu sinken. Wie, wenn das, was sie vorhatte, nun ganz verkehrt wäre? Wer kümmerte sich denn wohl um ihre Dankbarkeit? Vielleicht würde man sie nur auslachen, wenn sie jetzt am späten Abend noch mit ihren Schulkindern daherkäme? Und sie alle miteinander konnten gewiß auch gar nicht so schön singen, daß sich jemand etwas aus dem Gesang machen würde!
Sie ging langsamer, und als sie die Stufen erreichte, die zur Schloßterrasse führten, bog sie vom Wege ab und stieg diese Treppe hinan. Seit dem Tode des alten Herrn stand zwar das große Schloß leer, das wußte sie sehr wohl; sie ging auch nur hinauf, um Zeit zum Überlegen zu gewinnen, ob sie weitergehen oder umkehren solle. Als sie die Treppe erstiegen hatte und das im Mondschein blendend hell schimmernde Schloß vor sich liegen sah, als sie die Hecken und Blumenbeete, die Brustwehr und die Urnen und die majestätische Freitreppe sah, wurde ihr immer ängstlicher zumute. Ach, hier war alles so vornehm und prachtvoll; nein, hier hatte sie gewiß nichts zu tun! „Komm mir nicht zu nahe!“ schien ihr das schöne weiße Schloß zuzurufen. „Du wirst dir doch nicht einbilden, du und deine Schulkinder könnten einem Manne, der an einem solchen Orte zu wohnen gewöhnt ist, irgendeine Freude bereiten?“
Um diese Unschlüssigkeit, die sie allmählich ganz beherrschte, zu verscheuchen, erzählte die Lehrerin ihren Schulkindern die Geschichte von dem alten und dem jungen Herrn, gerade so, wie sie sie selbst einst als Schülerin auf Nääs gehört hatte. Und dies hob ihren Mut wieder ein wenig. Es war ja doch wahr, daß das Schloß und das ganze Gut dem Slöjdseminar geschenkt worden waren. Jawohl geschenkt, damit Lehrer und Lehrerinnen eine glückliche Zeit auf dem schönen Gute verleben und danach ihren Schulkindern Kenntnisse und Freude mit nach Hause bringen könnten! Aber wenn diese beiden Herren der Schule ein solches Geschenk gemacht hatten, so war doch dadurch der Beweis geliefert, wie hoch sie die Lehrer schätzten! Dadurch hatten sie klar und deutlich gezeigt, daß sie die Erziehung der schwedischen Kinder für viel wichtiger hielten als alles andre. Nein nein, gerade hier dürfte sie sich am allerwenigsten niedergeschlagen fühlen, redete sich die Lehrerin selbst zu.
Diese Gedanken trösteten sie auch wirklich ein wenig, und sie wollte ihren Plan jetzt doch ausführen. Um ihren Mut zu stärken, schlug sie den Weg durch den Park ein, der sich vom Schloßhügel zum See hinunter erstreckte. Während sie unter diesen schönen Bäumen dahinschritt, die im Mondschein dunkel und geheimnisvoll hoch aufragten, erwachten viele frohe Erinnerungen in ihrem Herzen. Sie erzählte den Kindern, wie es zu ihrer Zeit auf Nääs gewesen war und wie glücklich sie sich hier als Schülerin gefühlt hatte, wo sie jeden Tag in dem schönen Park hatte spazieren gehen dürfen. Sie erzählte von frohen Festen, von Spiel und Arbeit, aber vor allem von der großen Güte, die die Tore des schönen Herrenhofs für sie und für so viele andere geöffnet hatte.
Auf diese Weise gelang es ihr, wieder Mut zu fassen, und sie ging wirklich durch den Park und über die alte steinerne Brücke und erreichte endlich die Wiesen am See drunten, wo die Villa des Vorstehers mitten zwischen den Schulgebäuden stand.
Dicht bei der Brücke war der grüne Spielplatz, und als sie daran vorübergingen, erzählte die Lehrerin den Kindern, wie schön es hier an den Sommerabenden gewesen sei, wenn der Rasen von hellgekleideten Menschen wimmelte und Singspiele und Ballspiele einander ablösten. Sie zeigte den Kindern das Vereinshaus, in dem der Versammlungssaal war, das Seminar, wo die Vorträge gehalten wurden, die Häuser, wo die Slöjdsäle und der Turnsaal untergebracht waren. Die Lehrerin ging rasch und sprach unaufhörlich, wie um gar keine Zeit zum Ängstlichwerden zu haben. Aber als sie schließlich so weit gekommen war, daß sie die Villa des Vorstehers sehen konnten, hielt sie jäh an.
„Hört, Kinder, ich glaube, wir wollen nicht weitergehen,“ sagte sie. „Es ist mir früher gar nicht eingefallen, daß der Vorsteher vielleicht so schwer krank ist, daß ihm unser Gesang schaden könnte, und es wäre furchtbar, wenn er dadurch noch kränker würde.“
Der kleine Nils Holgersson war die ganze Zeit neben der Schar hergegangen und hatte alles gehört, was die Lehrerin erzählte. Er wußte also, daß sie ausgezogen waren, um jemand, der drüben in der Villa krank lag, einige Lieder zu singen. Und nun sollte aus dem Gesange nichts werden, weil der Kranke möglicherweise dadurch beunruhigt und aufgeregt werden könnte!
„Wie schade, wenn sie wieder umkehrten, ohne gesungen zu haben!“ dachte er. „Sie könnten ja doch leicht erfahren, ob der Kranke drinnen das Zuhören ertragen kann. Warum geht denn die Lehrerin nicht hin zu der Villa und erkundigt sich?“
Aber dieser Gedanke schien der Lehrerin gar nicht zu kommen, sie kehrte vielmehr um und trat langsam den Heimweg an. Die Schulkinder machten ein paar Einwendungen, aber sie beschwichtigte sie. „Nein, nein,“ sagte sie. „Es war ein dummer Einfall von mir, daß ich jetzt so spät am Abend noch hierher wanderte, um zu singen. Wir würden nur stören.“
Da dachte Nils Holgersson, wenn keines von den andern es tun wolle, dann müsse er jetzt hingehen und zu erfahren suchen, ob der Kranke wirklich zu schwach sei, ein Lied anzuhören. Rasch lief er von der Schar weg und aufs Haus zu. Vor der Villa hielt eben ein Wagen, und neben den Pferden stand ein alter Kutscher. Der Junge war kaum bis zum Hauseingang hingelangt, als die Tür aufging und ein Mädchen mit einem Servierbrett heraustrat.
„Sie werden wohl noch eine Weile auf den Herrn Doktor warten müssen, Larsson,“ sagte sie. „Die gnädige Frau schickt Ihnen hier indessen zur Stärkung etwas Warmes.“
„Wie geht es dem Herrn?“ fragte der Kutscher.
„Er hat jetzt keine Schmerzen mehr, aber es ist, als stehe das Herz still. Schon seit einer Stunde liegt er ganz regungslos da. Wir wissen kaum, ob er noch lebt.“
„Gibt der Doktor keine Hoffnung?“
„Es kann gehen, wie es will, Larsson, ja es kann gehen, wie es will. Es ist, als lausche er immerfort auf einen Ruf. Kommt dieser Ruf von oben, so muß er ihm folgen.“
Nils Holgersson lief rasch den Weg hinunter, um die Lehrerin und die Kinder einzuholen; das Sterben seines Großvaters fiel ihm ein. Der Großvater war Seemann gewesen, und ganz zuletzt noch hatte er gebeten, man solle das Fenster aufmachen, damit er den Wind noch einmal rauschen höre. Wenn nun der Kranke dort drüben mit so großer Vorliebe im Kreise der Jugend geweilt hatte und ihren Liedern und Spielen so gerne zuhörte …
Die Lehrerin ging unschlüssig die Allee hinunter. Jetzt, wo sie von Nääs wegging, war es ihr, als müsse sie wieder umkehren; vorhin aber war sie auch wieder umgekehrt. Ach, sie war noch immer gleich ängstlich und unsicher!
Sie sprach nicht mehr mit den Kindern, sondern ging schweigend ihres Weges dahin. In der Allee war so tiefer Schatten, daß sie nicht sehen konnte; aber es war ihr, als höre sie viele, viele Töne um sich her, und von allen Seiten drangen unzählige ängstliche Stimmen auf sie ein. „Wir sind gar so weit weg, alle wir andern,“ sagten die Stimmen. „Du aber bist ganz nahe. Geh und sing ihm vor, was wir alle fühlen!“
Und sie erinnerte sich an einen nach dem andern, denen der Vorsteher geholfen und für die er gesorgt hatte. Übermenschlich hatte er sich angestrengt, um allen Bedürftigen zu helfen. „Geh und sing ihm!“ flüsterte es um die Lehrerin her. „Laß ihn nicht sterben, ohne einen letzten Gruß von seiner Schule! Denke nicht, du seist gering und unbedeutend! Denk an die große Schar, die hinter dir steht! Gib ihm zu verstehen, ehe er von uns geht, wie innig wir ihn lieben!“
Die Lehrerin ging immer langsamer. Da hörte sie plötzlich einen Ton, der mit den Stimmen und mahnenden Rufen in ihrer Seele nichts zu tun hatte, sondern aus der äußern Welt um sie her an ihr Ohr drang. Es war keine gewöhnliche menschliche Stimme, es klang wie das Zwitschern eines Vogels, oder wie das Zirpen einer Heuschrecke. Aber es rief doch ganz deutlich, sie solle wieder umkehren.
Und mehr brauchte es nicht, um der kleinen Lehrerin den Mut zurückzugeben. –
Die Lehrerin und die Kinder hatten vor den Fenstern des Vorstehers ein paar Lieder gesungen, und selbst die Lehrerin meinte, der Gesang habe in dieser Abendstunde wunderbar schön geklungen; es war gewesen, wie wenn unbekannte Stimmen mitgesungen hätten. Der ganze Himmelsraum war wie von Tönen und Lauten erfüllt gewesen. Sie hatten den Gesang nur anzustimmen brauchen, da waren alle diese Töne erwacht und hatten mit eingestimmt.
Jetzt öffnete sich plötzlich die Haustür, und jemand trat rasch heraus. „Nun kommen sie, mir zu sagen, ich solle aufhören,“ dachte die Lehrerin. „Wenn es ihm nur nicht geschadet hat!“
Aber das war nicht der Fall. Sie wurde gebeten, ins Haus hereinzukommen, sich etwas auszuruhen und dann noch ein paar Lieder zu singen.
Auf der Treppe trat ihr der Doktor entgegen. „Für diesmal ist die Gefahr vorüber,“ sagte er. „Er hatte in einer Art Betäubung gelegen, und das Herz schlug immer langsamer. Aber als Sie zu singen anfingen, war es, als wenn er einen Ruf vernommen hätte von allen, die seiner noch bedürfen. Er fühlte, daß die Zeit, wo er von seiner Arbeit ausruhen darf, noch nicht angebrochen sei. Singen Sie ihm noch mehr und freuen Sie sich, denn ich glaube, Ihr Gesang hat ihn ins Leben zurückgerufen. Jetzt dürfen wir ihn vielleicht noch ein paar Jahre behalten.“