W

Wenn »M« über die Psychologie von »W« »Enthüllungen« zu machen im Begriffe ist, pflegt er manchmal von einer Art Gewissensbissen befallen zu werden, leisen Zweifeln an der Richtigkeit der abgegebenen lapidaren Urteile. Woher und wieso »M« überhaupt imstande sein soll, die geheimsten psychischen Vorgänge im Weibe zu »enthüllen«, darauf hat Weininger natürlich seine Antworten.

Das Recht dazu gebe ihm nämlich erstlich die Frau selbst, da sie entweder Falsches von sich aussage oder überhaupt nichts zu sagen wisse; so habe z. B. noch keine Frau ihre Empfindungen und Gefühle während der Schwangerschaft zum Ausdruck gebracht; Scham hätte sie gewiß nicht daran gehindert, fährt er fort, denn nichts läge einer schwangeren Frau ferner als Scham über ihren Zustand. Wie schamlos es von Seite des Mannes wäre, diese Scham zu erwarten, scheint er aber gar nicht zu ahnen!

Daß sich in früheren, unfernen Zeiten ein wahrer Sturm gegen eine Frau erhoben hätte, die es gewagt hätte, ohne Pseudonym literarische Bekenntnisse über den Zustand ihrer Schwangerschaft zu geben, ignoriert er vollständig; auch daß sich in der kurzen Epoche, da überhaupt realistische Darstellungen der Lebensvorgänge, wie sie sich bar aller verlogenen Illusionen wirklich abspielen, in der Literatur sich Raum verschafft haben, auch die Frauen – oft mit wenig Talent, oft aber auch mit geradezu elementarem Talent und wahrhaft unerschrockenem Mut – sich daran beteiligt haben, daß gerade über diesen Gegenstand von Seite von Ärztinnen, Dichterinnen, Sozialreformerinnen und Nationalökonominnen bereits eine kleine Literatur vorliegt, scheint er gar nicht zu wissen.

Ebenso fest fundiert ist auch die andere Antwort, die auf die Frage, woher die Möglichkeit solcher Enthüllungen dem Manne kommen solle, gegeben wird: aus dem, was in den Männern selbst an »W« ist!

Nun, gerade über das Phänomen der Schwangerschaft dürfte sich von diesem »W« (im »M«) kaum Verläßliches aussagen lassen!

Und auf Grund dieses erbrachten »Befähigungsnachweises« wird nun in der Tat »ausgesagt«.

Vor allem wird der »psychologische Unterschied zwischen M und W« nach weitschweifigen Auseinandersetzungen über deren physiologische »Unterschiede« – kurz und bündig, ohne Beweise, wohl aber mit einer Fülle falscher Behauptungen – damit erklärt, W gehe vollständig im Geschlechtsleben, »in der Sphäre der Begattung« auf, während M noch für eine Menge anderer Dinge Interesse habe: »für Kampf und Spiel, Geselligkeit und Gelage, Diskussion und Wissenschaft, Geschäft und Politik, Religion und Kunst.«

So?! Nur »M« hat für diese Dinge Interesse?! Und wenn ich als Frau (mit tausenden anderen Frauen) auf diese kühne Behauptung, die allein die Trägerin der These sein soll, W sei ganz und gar Sexualität und sonst nichts, – wenn ich nun daherkomme – und aussage und beweise, daß ich ebenfalls »ausgefüllt und eingenommen bin« von all diesen Dingen, ja gerade von diesen Dingen, von Kampf und Spiel, von Geselligkeit und Gelage, – jawohl! – von Diskussion und Wissenschaft, von Geschäft und Politik, von Religion und Kunst, – jawohl! – und nicht eine dieser Interessen aus meinem Leben scheiden könnte, – was dann?

Dann – ja dann ist nicht etwa die These falsch und flach und hohl – sondern ich und die Tausende von andern Frauen, die mit mir daherkamen, sind eben keine »echten« Frauen, sondern nur zu zwei Dritteln oder gar nur zur Hälfte Frauen! – Einen bequemeren und platteren Schild hat kaum irgend jemand sich jemals geschmiedet! – Daß man von einer »Echtheit«, das heißt hier Kulturfremdheit und Verwilderung, die von Tag zu Tag seltener wird und deren vollständiges Verschwinden eben nur von der Eroberung größerer Bildungsmöglichkeiten abhängt, – nicht ausgehen darf, um ein »Gesetz« aus ihr zu konstruieren, das für Millionen Exemplare, die dieser »Echtheit« längst entsprungen sind, Gültigkeit haben soll, – das ist so flach auf der Hand liegend, daß es beinahe eine Schande ist, es erst zu explizieren. Überhaupt wird Weiningers Polemik in dem Moment, wo sie aus den Grenzen der reinen Spekulation heraustritt in den Kreis der Erfahrungen, der Tatsachen, des sichtbarlich Wahrnehmbaren erstaunlich platt. So heißt es gleich nach der so fest fundierten Behauptung, W gehe ganz und gar in der Sexualsphäre auf, – an Entwicklung möge glauben wer da wolle, nur darauf komme es an, wie sie (die Frauen, an anderer Stelle die Juden) heute sind. So? Nur darauf kommt es an, wie sie heute sind? Nicht etwa auch darauf, wie sie wurden und wie sie sichtlich werden? – In rasender Rotation bewegen sich die Gestirne, Glühendes erstarrt, Starres wird flüssig, Flüssiges verdampft, Äonen türmen Gebirge auf und waschen sie wieder fort, Meere werden zu Land und Länder zu Meer, tausende Formen durchläuft das Leben, ehe die primitive Zelle in komplizierter Vielfältigkeit triumphiert, alles wandelt sich ruhlos, alles wird, wächst, schwindet, kehrt wieder, – nirgends Stillestehen und Ende, – »alles fließt« – und im Buche eines Gelehrten des XX. Jahrhunderts wird Wandlung durch Entwicklung – bezweifelt!

Weininger verläßt nun vollständig das Gebiet der Theorie und begibt sich auf den Boden der Tatsachen. Aussage folgt auf Aussage, – und was da kurz und eilig, in rascher Folge nacheinander behauptet wird, ohne durch die geringste reale Beweisführung gestützt zu sein, mutet wie ein einziges Wirrsal an, – ein Labyrinth, in dem sich der, der es konstruierte, selbst nicht mehr zurechtfindet. Mit einer so dezidierten Bestimmtheit werden da fixe Vorstellungen als unanzweifelbare Tatsachen hingestellt, – daß sie der Polemik förmlich entheben, da ihre monströse Verkehrtheit schon durch ihre Zitierung erhellt:

»W befaßt sich mit außergeschlechtlichen Dingen nur für den Mann, den sie liebt, oder um des Mannes willen, von dem sie geliebt sein möchte.« Lüge! Mehr läßt sich auf eine solche Behauptung nicht erwidern. »Ein Interesse für diese Dinge an sich fehlt ihr vollständig.« Abermals Lüge, einfach schlechtweg Lüge!

Wenn eine »echte« Frau z. B. Latein lerne, so tue sie das nur, um etwa ihren Sohn darin zu überhören! – Bedarf die – Albernheit (man kann es beim besten Willen nicht anders nennen) dieser Behauptung und ihrer Benützung als Faktor zur Beweisführung weiblicher Minderwertigkeit – einer Debatte?

Daß W »nichts ist als Sexualität« – M »noch etwas darüber« – das zeige sich besonders deutlich in der Art, wie M und W ihren Eintritt in die Periode der Geschlechtsreife erleben. M empfinde die Zeit der Pubertät krisenhaft und beunruhigend, was auch begründet sei durch – hier wird ein physiologisches Phänomen genannt – »über das der Wille keine Gewalt hat«. Das Weib aber finde sich ganz leicht in die Pubertät. – So? Ist es dem Autor gänzlich unbekannt, wie eminent krisenhaft, beunruhigend, aufregend und gefährlich gerade beim Weibe diese Epoche sich ankündigt, – da ja auch sie von einem Phänomen begleitet ist, – »über das der Wille keine Gewalt hat«?! Unbekannt auch, daß hysterische Schwärmereien, die gewöhnlich blinde Aufopferung und entsetztes Abwenden von aller bewußten Sexualität (die mit geheimen Schauern wie eine fremde, feindliche Macht geahnt wird) zum Substrate haben, gerade in dieser Zeit emporschießen, daß eine übersinnliche Hingabe zur treibenden Kraft des ganzen Wesens wird, – wie sie Ibsen in Kaja Fosli und in der Hedwig der »Wildente«, Hauptmann in Ottegebe im »Armen Heinrich« verkörperten?!

»Besonders deutlich« beweisen daher Behauptungen solcher Art nur das Eine: daß alles, was ist und wie immer es ist, herbeigeholt, und alles, was nicht ist, konstruiert wird, um vorgefaßte Fiktionen zu stützen.

Ein blindes Vorbeisausen am wahrhaft Ursächlichen, an wirtschaftlichen und sozialen Verhältnissen, in denen die Gründe so mancher Erscheinungen wurzeln, ist ganz auffällig ersichtlich und kulminiert in verwirrender Verwechslung natürlicher Anlagen mit bloßen Zeiterscheinungen von rein sozialer Natur. Warum – so wird gefragt – denken Knaben nicht ans Heiraten, während selbst die kleinsten Mädchen schon darauf »erpicht zu sein scheinen«? Sehr einfach: weil die Mädchen von einem Erziehungsplan, der eine andere selbständige Existenz als die Heirat nicht in Betracht ziehen konnte, darauf gedrillt wurden. Darum denken sie schon bei der Puppe ans Heiraten, geradeso wie Buben, denen man den Säbel als Spielzeug in die Hand gibt, sich gewöhnlich eine kriegerische Karriere in lockenden Farben ausmalen, womit doch sicher nicht bewiesen ist, daß sie ihrer »Anlage« nach Menschenschlächter sind und in ihrem späteren Leben begeisterte Anhänger des Militarismus »bleiben« werden.

Nur wahrhafte Blindheit für alle sozialen Zusammenhänge konnte auch die unglaublich naive Frage stellen, warum denn beim Weibe die Brautnacht eine so viel größere Rolle spiele als beim Manne der erste geschlechtliche Akt. Dio mio! Es soll ein Beweis der absoluten, alles andere ausschließenden Sexualität von »W« sein, daß die Brautnacht der Frau – ihre Defloration durch den Einzigen, dem sie voraussichtlich angehören wird, mit dem sich ihr ganzes Schicksal eng verbindet, – daß diese Nacht, die ein aufwühlendes physisches und psychisches Erlebnis bringt, nachdem schon der vorangegangene Tag ihr eine ganz neue soziale Stellung, eine Umwälzung ihrer wirtschaftlichen Existenz bezeichnete, – der Frau mehr bedeutet, als dem Manne der Fall in die Arme der ersten Dirne, mit der ihn eine Stunde später keine noch so flüchtige Beziehung mehr verbindet! Und trotzdem wird auch dieses Erlebnis von feinfühligeren Männern als aufwühlendes, aufregendes und lange nachwirkendes Geschehnis empfunden, – weil eben physiologische Veränderungen jeden Organismus auch psychisch erschüttern.

Unsinn auf Unsinn wird mit Tiefsinn vorgetragen: nur beim Weibe sei die Sexualität »diffus« ausgebreitet über den ganzen Körper, jede Berührung an welcher Stelle immer errege sie sexuell. Ist das nicht gerade umgekehrt beim Manne der Fall – und die Möglichkeit, sexuell erregt zu werden, bei »M« nichts weniger als »streng lokalisiert?!«

Da das Weib durch und durch Sexualität ist, kenne es natürlich überhaupt keine andern Begriffe; ja es könne überhaupt keinen Begriff bewußt erfassen, es fehle ihm die Bewußtheit, es könne nur in verschwommenen Vorstellungen, »in Heniden« denken – daher sei ihm selbst ein »intellegibles Ich« abzusprechen, – eine Seele! »Darum« könnte es auch niemals ein weibliches Genie geben, – »denn« – wie könnte ein seelenloses Wesen Genie haben?

Gewiß eine klappende, – klappernde Logik, eine Logik mit gebrochenen Gelenken und durcheinander geschüttelten Gliedern!

»Das« Weib lebt weniger bewußt als »der« Mann! Ja, vielleicht, – unter ganz bestimmten Verhältnissen. In vollkommen geschützten Bourgeoiskreisen vielleicht, wo die Tätigkeit der Frau sich ausschließlich auf ihr häusliches Milieu beschränkt, während der Mann durch seinen Beruf im Kontakt mit dem Leben steht und daher – vielleicht – eine »bewußtere« Existenz führt als sie. Aber wie steht's zum Beispiel beim Arbeiter, wo der Mann nicht Handel, Industrie, Wissenschaft oder Kunst, sondern aufreibende, schwere Taglöhnerarbeit betreibt? Führt er auch ein »bewußteres« Leben als »das Weib«, oder leben sie nicht etwa beide (soferne noch kein frischer Windzug politischer Stellungnahme zu ihnen gedrungen ist) ein dumpfes, stumpfes, erkenntnisloses und qualenreiches Frohndasein?! Der Bäckergeselle z. B., der, wie jüngst durch eine Enquête eruiert wurde, in manchen Fällen von Abends 8 Uhr bis Mittags 12 Uhr beim Teigtrog steht, dann von 12 bis 8 Uhr den notwendigsten Schlaf nachholt und um 8 Uhr wieder in die Backstube geht, lebt er etwa ein »bewußteres« Dasein als »das« Weib?!

Alle diese Einzelheiten zeigen aber deutlich, daß es sich überall darum handelt, gerade den frischen Luftzug einer maßvollen Betätigung, eines Berufes, der nicht den ganzen Menschen frißt, der ihm Zeit läßt zur Selbstbestimmung und zum Kontakt mit der Welt und ihn dabei menschenwürdig ernährt, den Menschen erringen zu helfen, um ihnen eine Seele zu geben. Weder im abgesperrten Heim, noch im Ghetto, noch am Teigtrog läßt sich »Seele« erwerben, kann sich Intellegiblität entwickeln.


A

Ausgehend von der falschen Voraussetzung, der ganze theoretische Streit in der Frauenfrage drehe sich darum, »wer geistig höher veranlagt sei, die Männer oder die Frauen«, eine Voraussetzung, die umso naiver und lächerlicher ist, als es ja darauf gar nicht ankommt, um den Wert einer Gattung zu bestimmen und eine von solchen Gesichtspunkten ausgehende Bewertung einen erbärmlich kleinlichen Standpunkt verraten würde, gelangt Weininger zum Problem der Begabung und Genialität überhaupt. Dieser Abschnitt seines Buches scheint mir die anderen Kapitel wie eine Warte zu überragen, trotzdem auch hier unvermutete, vehemente Sprünge in die unsinnigsten Schlußfolgerungen die sinnigsten Auseinandersetzungen abreißen und verzerren und den Eindruck wilder Purzelbäume hervorrufen, die ein ruhiges, schönes Wandeln plötzlich unterbrechen. Glänzend und plastisch, von unzweideutiger Prägnanz ist der Stil, eine wunderbare Klarheit herrscht vor, solange die fixe Idee nicht mitspricht. Abgesehen von einigen Ausfällen von peinlicher Banalität, die eine interessant ansetzende Gedankenreihe manchmal grob unterbrechen, – wie z. B. die nicht sehr originelle Mitteilung, daß »ganz große« Männer nicht dem jungen Fuchse auf der Mensur »gleichen«, noch dem jungen Mädchen, das sich über die neue Toilette nur freut, weil ihre Freundinnen sich darüber ärgern, – finden sich da feine und zum Teile auch eigenartige Beobachtungen über das Wesen des genialen Menschen, bis wieder ein mehr als gewagtes Salto mortale die ganze Betrachtung zerreißt.

Schon die Behauptung, daß das geniale Bewußtsein das vom »Henidenstadium« (vom Stadium der verschwommenen, mehr instinktiven als intellektuellen Vorstellungen) am weitesten entfernte sei, ist sehr zu bezweifeln: ist doch das Phänomen der halluzinativen, visionären Genialität und Produktionsfähigkeit zahllose Male beobachtet worden, ja es ist fast als typisch zu betrachten, da bei den meisten und bedeutendsten unter den »Schaffenden« der Zustand der Produktion fast immer von einer Art visionärer Entzücktheit getragen ist, die weitab liegt von »grellster Klarheit und Helle« mit der derselbe Schaffende sich vielleicht als Kritiker betätigen kann. Wenn nur gar aus dieser Behauptung, die sich durchaus nicht als stichhältig erweist, gefolgert wird, Genialität offenbare sich als eine Art höherer Männlichkeit und »darum« könne W nicht genial sein, so ist dies gewiß eine fast kindische Dialektik zu nennen, die sich der abstrakten Spekulation entrückt, und ins Licht der realen Wirklichkeit gestellt, an ihren gewaltsam aneinandergeschraubten Zusammenhängen erkenntlich macht. Die auf das Weib sich beziehende Schlußresumierung der aus der ganzen Theorie gewonnenen Resultate zeigt den traurigen Mut einer kaum glaublichen Unverfrorenheit: die Frau bringe der Genialität kein anderes Verständnis entgegen, als eines, das sich eventuell an die Persönlichkeit eines noch lebenden Trägers knüpft!

Aus solchen Aussprüchen, aus denen sich der auf Tatsachen sich beziehende und berufende Teil dieses Buches zusammensetzt und die deswegen in Debatte gezogen werden müssen, erhellt ein klägliches Abgleiten und Danebengreifen, sowie das nachgiebige Gebiet der Spekulation verlassen und das harte der Tatsachen und der praktischen Folgerung betreten wird: kein noch so »wissenschaftlich« angelegtes und mit innerlicher Tiefe entworfenes Fundament kann für einen Bau von Bedeutung sein und ihm zu Werte verhelfen, wenn der Bau selbst aus morschem Material gezimmert ist, das die Verwesung schon in sich trägt.

Neben sehr treffenden Kriterien der genialen Veranlagung werden solche von erstaunlicher Einfalt aufgestellt, die den Autor schließlich zu der Behauptung führen, kein männliches Wesen sei ganz ungenial! So mancher, der von seiner Genialität bisher keine Ahnung gehabt hat, wird dies schmunzelnd zur Kenntnis nehmen! Die »absolute Bedeutungslosigkeit« der Frauen wird durch Aufzählung verschiedener Berufe erhärtet, in denen die Frauen nichts geleistet hätten, ohne daß mit einer Silbe daran gerührt wird, ob sie wohl die historische Möglichkeit dazu hatten oder nicht. Daß sie in der Musikgeschichte, in der Architektur, in der Plastik und Philosophie nicht das Geringste geleistet hätten, wird ihnen vorgehalten, in einem Atem wird aber gleich darauf eingestanden, der weibliche Baumeister sei »eine fast nur Mitleid weckende Vorstellung«. Daß diese Vorstellung und andere ähnliche jahrhundertelang überhaupt einen Wall bildeten, der alles weibliche Streben von solchen Richtungen ablenkte, wird natürlich nicht gesagt; auch nicht, daß, seit in diesen Wall durch den Ansturm der Frauenbewegung einige Breschen geschlagen wurden, sehr tüchtige und bemerkenswerte weibliche Leistungen sowohl in der Architektur (man denke an die nach dem Leben gezeichnete Figur der Ursine in Reickes berühmtem Roman: »Das grüne Huhn«) als besonders in der Plastik zu verzeichnen sind: Sondererscheinungen natürlich, aber die geringe Zahl erklärt sich doch klar genug daraus, daß es ja eine selbstverständliche Erziehung jedes Mädchens zu einem Berufe noch nicht gibt, daher der Prozentsatz, der sich trotz des Mangels an Förderung und Antreibung aus eigener Kraft zu einem Berufe schwieriger wissenschaftlicher oder künstlerischer Natur durchringt, doch naturgemäß ein weit geringerer sein muß, als die Anzahl der Männer, die alle zur Berufswahl verhalten werden.

Daß die Frauen in der Philosophie nichts geleistet hätten, ist unrichtig, nur gestatteten ihnen die Zeitverhältnisse meistens nicht, dozierend oder publizierend vor die Öffentlichkeit zu treten; im Mittelalter entwickelte sich ein hohes geistiges Kulturleben der Frauen – hinter den Mauern der Klöster. In den lichten Zeiten blühenden Hellenentums waren die Philosophinnen Griechenlands, zu denen die früher erwähnte Mysia, Theana und andere gehörten, bekannt und berühmt. Gerade für die Philosophie ist die Begabung der Frauen unzweifelhaft, denn die weibliche Natur neigt viel eher zu kontemplativer, nach innen gekehrter Betrachtung, als zu irgend welcher äußeren Agitation, obzwar sie unter dem Ansporn der Notwendigkeit auch diesen Mangel – eine Art seelischer Schwerfälligkeit – aufzuheben vermag, wie die rührigen Betätigungen der Frauenvereine beweisen.

Daß die Frauen in der Musikgeschichte nichts leisteten, dürfte wohl mit ihrem Mangel an entsprechender beruflicher Betätigung (in der Orchestermusik, als Kapellmeister etc.) herrühren, die sie in fortwährenden Kontakt mit musikalischer Theorie und musikalischer Praxis brächte; vielleicht ist auch wirklich eine geringere Begabung dazu vorhanden, denn es soll ja durchaus nicht geleugnet werden, daß für manches Schaffensgebiet das weibliche Geschlecht weniger befähigt ist als das männliche, z. B. dürfte das in der Chirurgie ganz sicher der Fall sein. Weil aber irgend eine Spezies nicht ganz »gleiche« Talente hat wie eine andere, ist sie doch gewiß nicht minderwertig, soferne sie auf einem andern Gebiete brauchbar ist. Die gegenseitige Unentbehrlichkeit, Unersetzlichkeit der beiden Geschlechter für einander bedingt schon ihre Gleichwertigkeit! Eine geistige Rangordnung ist überhaupt – so will es mir scheinen – nur von Individuum zu Individuum anwendbar; nicht einmal unter Völkern und Stämmen darf das vergleichende Urteil eine Abfertigung en masse sein, geschweige denn dort, wo es sich um die eine Riesenhälfte der Menschheit handelt, die mit ein paar mühsam herbeigeschleppten Grenzpfählen in eine eigene Wertabteilung sperren zu wollen, eine lächerliche Torheit ist, weil in jedem Augenblick Millionen Individuen aus der bloßen Gattungssphäre heraus- und über diese Grenzen hinüberspringen.

Eine »echt weibliche Anlage« darin zu sehen, daß viele Frauen ihre Männer belügen und betrügen und nur kleinliche Wirtschaftsinteressen kennen, scheint eine Verblendung, die nur in dem überraschenden Bekenntnis des Autors, daß »jeder hervorragende Mensch zeitweise an fixen Ideen leide«, ihren Schlüssel haben dürfte. Ist es ein »Naturgesetz«, daß viele Frauen lügen und trügen oder tun sie dies nicht vielleicht deshalb, weil sie abhängig und wirtschaftlich ewig bevormundet sind?! Und wenn sie sich nur für Kleinlichkeiten interessieren, dürfte das nicht darin seinen Grund haben, daß größere Interessen in ihrem armseligen Hausdasein überhaupt nicht an sie herantreten? Und haben Männer in ähnlich eingeengtem sozialen Wirkungskreis etwa einen größeren Horizont? Und muß dies so bleiben, unabänderlich – ein »Naturgesetz«?!

Die Anwürfe gegen das weibliche Geschlecht, die den Hauptteil und Kernpunkt dieses vielbesprochenen Werkes bilden, zerschmelzen bei der geringsten kritischen Beleuchtung wie dünner Schnee in der Wärme. Man staunt, daß die Tendenz des Werkes überhaupt ernst genommen werden konnte, da deren Argumente ihre Hohlheit und Plattheit so sichtlich zur Schau tragen, soferne nicht geradezu ohne jedes Argument Aussprüche von gehässiger Unwahrheit als »Tatsachen« vorgetragen werden; zum Beispiel der, W verfüge überhaupt nur über eine Klasse von Erinnerungen: solche, die mit dem Geschlechtstrieb und der Fortpflanzung zusammenhängen!! Andere Erinnerungen als an den Geliebten, Bewerber, Hochzeitsnacht, Kind und Puppen, »Zahl, Größe und Preis der Bukette, die sie auf dem Balle erhielt, und an jedes Kompliment ohne Ausnahme, das ihr je gemacht wurde«, habe das »echte« Weib aus seinem Leben überhaupt nicht!! Das »echte« Weib! Ja, wo steckt es denn, das Urtier?!

Es existieren gewiß weibliche Gehirnchen, in denen Erinnerungen solcher Art vorherrschend sind: aber das beweist doch nur, daß kein anderes Material für die Erinnerung vorhanden ist, daß keine wichtigeren Erlebnisse in solch ein Dasein getreten sind, daß dieses also um seinen besten und wertvollsten Inhalt betrogen wurde. Man gebe ihnen Beruf und Beschäftigung, und die Kotilloneindrücke dürften merklich verblassen. Daß es dem psychischen Leben der Frauen aber nicht nur an Gedächtnis, sondern auch an »Kontinuität« gebricht, wird daraus abgeleitet, daß sie sich eher und leichter in äußerlich veränderte Verhältnisse hineinfinden als Männer. Während zum Beispiel Männer, die plötzlich reich geworden sind, noch lange den Parvenü verraten, finden sich die Frauen viel schneller in die veränderte Stellung; nun, das scheint mir eher eine ganz gute Qualität zu sein als eine schlechte, nämlich die, daß sie eben in Äußerlichkeiten nicht verwurzeln.

Einen merkwürdig frömmelnden Beigeschmack hat die Lobpreisung der Pietät. So sehr Ehrfurcht vor allen echten Werten geboten ist und den, der ihrer fähig ist, selbst ehrt, umso weniger erscheint die bloße Pietät als ein wirklich wertverratendes Phänomen. Unantastbare Verehrung zu fordern für Vergangenes und Gewesenes, oft aus gar keinem anderen Grunde als eben weil es tot und vergangen ist, scheint mir ein gewaltsames Einengen aller Kritik und daher auch der Möglichkeit einer Weiterentwicklung und führt zweifelsohne zu blinder Glorifizierung des Vergangenen und prinzipieller Verdammung alles Werdenden und Künftigen, wie sich dies auch tatsächlich in Weiningers Buch ganz auffällig zeigt: seit 150 Jahren, – so behauptet er, – sei Deutschland ohne großen Künstler und ohne großen Denker. Eine sehr kühne Behauptung! Und wie verträgt sie sich mit seiner Stellung zu Wagner, den er den größten Genius aller Zeiten nennt?!

Wenn er diese kühne Behauptung zu unterstützen meint, indem er ausführt, man müsse immer wieder nach den Werken der Klassiker greifen, man müsse zum Beispiel Klopstock immer wieder aufschlagen, um ungeduldige Erwartung bei der Lektüre zu empfinden (?!), so dürfte er das Beispiel nicht allzu überzeugend gewählt haben! Seit 150 Jahren kein Dichter in Deutschland, der so bedeutend fesselnd und anregend wäre wie – Klopstock?!

Pietät für das Vergangene bedingt aber, nach Weininger, vor allem Pietät gegen sich selbst, gegen die eigene Vergangenheit. Ja, warum soll sie denn aber durchaus mit Pietät verehrt werden, diese wie immer geartete Vergangenheit?! Und ist es wirklich ein »Merkmal des hervorragenden Menschen«, daß er mit »weihevoller Sorgfalt« den scheinbar geringfügigsten Dingen aus seinem Leben einen Wert beilegt?! So sehr instruktiv es ist, in Nebensächlichem, »scheinbar Geringfügigem« treibende Momente der Entwicklung zu erkennen, vielleicht kleine Anstöße größerer Konsequenzen, – so sehr übertrieben muß es erscheinen, einen »weihevollen« Selbstkult mit solchen Erinnerungen zu treiben, denn dann wäre ja die vorerwähnte allzu getreue Erinnerung des »echten« Weibes an Ball- und Liebesabenteuer und die weihevolle Sorgfalt, mit der diese Erinnerung angeblich gepflegt wird, auch »ein Merkmal des hervorragenden Menschen«.

Aber nein: denn dem Weibe geht die Pietät ab, was schon aus dem Beispiel der – Witwen zu ersehen sei, mit deren Pietät für den heimgegangenen Gatten es so schlecht steht, daß die Frevlerinnen manchmal sogar einen zweiten nehmen.

Daß sich die indischen Witwen pietätvoll verbrennen ließen, um an Stelle des im Tode vorausgegangenen Gatten rücksichtsvoll die dunkle, schwere Pforte, die sich nach indischer Vorstellung dröhnend hinter dem vom Leben Geschiedenen schließt, aufzufangen, beweist also wohl ihre »Vermännlichung« (denn das ist identisch mit Höherstehung) gegenüber den vom Geiste frecher Aufklärung erfüllten Europäerinnen?! Warum eine besondere Pietät der Witwen für ihren verstorbenen Gatten zu verlangen sein sollte, wenn nicht auch bei seinen Lebzeiten ein inniges Verhältnis zwischen den Eheleuten herrschte, ist nicht recht ersichtlich. War dies aber der Fall, so bleibt auch eine treue, warme, schmerzliche Erinnerung, ja nicht selten ein nie wieder zu bannendes Leid und oft eine fanatische Hingabe an den Toten zurück, wofür Sage und Geschichte genügende Beispiele liefern. Von »edlen Frauen«, die die Witwenhaube nie wieder ablegten, wird uns schon im Lesebuche erzählt, aber vom trostlosen Witwer ist noch nichts vermeldet worden. Wie steht's denn mit seiner Pietät?

Aus Pietät für das Vergangene, Vergehende erkläre sich auch das Unsterblichkeitsbedürfnis, welches angeblich den Frauen »völlig abgeht«. Im Gegenteil, die meisten haben es. Aber das Unsterblichkeitsbedürfnis, ja selbst die Erklärung des (leicht begreiflichen) Wunsches nach psychischer Unsterblichkeit, die Weininger zutreffend in Gefühlsgründen findet, können noch nicht den Glauben an ein individuelles Fortleben nach dem Tode demjenigen geben, der ihn nicht hat, wenn er auch noch so stark das Bedürfnis danach empfindet: denn Gefühlsgründe ändern kein Titelchen an der Auffassung der Vernunft.

Natürlich hat das Weib auch keine Logik. Es kennt weder logisches »Gesetz« noch moralische »Pflicht«. »Also« hat es überhaupt kein Ich. »Das absolute (?) Weib hat kein Ich.« Dies ist nach Aussage des Verfassers »ein letztes, wozu alle Analyse des Weibes führt«. Als historische Stützen seiner Anschauung beruft er sich auf – die Chinesen! Seit ältester Zeit sprechen sie dem Weibe eine eigene Seele ab. Sie zählen nur die Knaben, haben sie nur Töchter, so betrachten sie sich als kinderlos, – die Chinesen! Nun wissen wir, wie wir es zu machen haben!

Übrigens geht's auch bei uns diesbezüglich noch recht chinesisch zu: Las man doch jüngst in einer Tageszeitung in einem Bericht über das italienische Königspaar, der es den Lesern offenbar »menschlich näherbringen« sollte, die Königin Elena habe bei ihrer ersten Entbindung den König und ihre Schwiegermutter »mit Tränen in den Augen« »um Verzeihung gebeten«, daß das Kind ein Mädchen sei! Chinesenfreunde können also zufrieden sein.

Daß unter den Kirchenvätern Augustinus eine höhere Meinung vom Weibe gehabt habe als Tertullian und Origenes wird dem innigen Verhältnis des ersteren zu seiner Mutter zugeschrieben. Es scheint also die Bewertung des Weibes von Privaterlebnissen abzuhängen, weshalb wir uns auch über die Seelenlosigkeit, Ichlosigkeit etc. beruhigen können; ebenso über die »Verhältnislosigkeit« des Weibes. W hat nämlich »kein Verhältnis zu –« nun folgt irgend ein Phänomen (Wahrheit, Ethik, Scham, Mitleid etc.) – eine ständig wiederkehrende Phrase.

Die Seele des Menschen – des Mannmenschen natürlich – sei ein Mikrokosmus: er habe »alles« in sich und könne daher alles werden, je nachdem, was er »in sich begünstige«: Höchst- oder Tiefststehender, Tier, Pflanze, ja sogar Weib! (Ja, aber – in Parenthese bemerkt – wie erfährt man denn nur, da er doch nur das eine oder das andere wirklich wird, was »alles« in ihm steckt?) »Die Frau aber kann nie zum Manne werden!« Wehe, wehe über sie! Überhaupt ist sie eigentlich nichts anderes als ein »rudimentärer Mann«! Die »Vollendung« zum Ganz-Mann bleibt ihr natürlich versagt. So Strindberg in seiner Apotheose des Weiningerschen Werkes, die man als die Meinung einer Autorität immer wieder anführen hört: eine beinahe lachhafte Vorstellung, jemanden als Autorität in einer Sache nennen zu hören, die eine Verherrlichung seiner eigenen, weltbekannten fixen Idee, seiner eigenen manischen Vorstellung, ohne deren Erwähnung sein Name gar nicht genannt werden kann, bedeutet. Strindberg, der seit mehr als dreißig Jahren vor der breitesten Öffentlichkeit »am Weibe leidet« (um das bekannte Nietzsche-Wort »am Leben leiden« passend zu variieren), – als kritische Autorität für ein Buch des Weiberhasses! Jawohl, er, Strindberg, hat die Tendenz des Buches und die auf sie bezüglichen Ausführungen ernst genommen! Aber Strindberg, der einst ein großer Dichter war, nimmt nun auch Legenden für konkrete Ereignisse, sieht Halluzinationen für Wirklichkeit an, glaubt sich überall von Gespenstern umgeben und hält sich selbst, seines ehemaligen Atheismus halber, für einen Höllenbraten, nach dem Satan selbst (in leibhaftiger Gestalt!) die Krallen ausstreckt und dem er nur entrinnen zu können glaubte durch bußfertige Rückkehr in den Schoß der – Kirche! Ist er also wirklich Autorität, und gar da, wo seine eigene schmerzensreiche Wahnidee in Frage kommt?!

Die Tiefe und Breite der ganzen Anlage des Buches, die Versenkung in alle Disziplinen der Wissenschaft erscheint wie eine tragische Versprengung der besten Kräfte, wenn man die greifbaren Resultate, – die Aussprüche, die dieses Hinabtauchen zum Urquell aller Weisheit zeitigte, vernimmt: »Das Denken des Weibes ist eine Art Schmecken«, oder: »selbst die Phantasie des Weibes ist Irrtum und Lüge, die des Mannes hingegen erst höhere Wahrheit«! Jeder Mann kann zum Genie werden, wenn auch mancher erst in seiner Todesstunde! (Es verliere also keiner die Hoffnung!) Ja, die Frau ist nicht einmal antimoralisch, denn das würde »ein Verhältnis zur« Moral voraussetzen, – sondern »sie ist nur amoralisch, gemein«. Auch das Mitleid und die Schamhaftigkeit der Frau hänge nur mit ihrer Sexualität zusammen. »Im alten Weib ist nie ein Funken jener angeblichen Güte mehr.« Wirklich? Ich kenne alte Frauen, die wie Priesterinnen – so gut, so klug, so hehr – erscheinen! Man lese den Artikel »Die alte Frau«, der in Hedwig Dohms Buche »Die Mütter«[4] enthalten ist! Verstattet man aber der Frau nur jenen Interessen- und Pflichtenkreis, der mit ihrer Sexualität in Verbindung steht, dann freilich schwindet mit dieser ihr ganzer Inhalt! Ist es dann aber ihre »Anlage« oder ihre Erziehung, die Schuld trägt an dieser barbarischen Beengung?! – Der Verfasser scheint seine Anschauungen über »das Weib«, soferne sie sich nicht auf die Dirne beziehen, aus Kaffeekränzchen geholt zu haben: »Eine Frau konversiert oder schnattert, aber sie redet nicht.« Frauenversammlungen, Frauenvorträge und die Parteitage der über die ganze zivilisierte Welt verbreiteten Frauenvereine, die in ihrer Propaganda wohl nicht um einen Zoll weiter kämen, würden sie sich nicht strengster Sachlichkeit befleißen, geben beredtes Zeugnis für die Haltbarkeit dieses Ausspruches. Die Tauglichkeit der Frauen zur Krankenpflege – ein Beweis ihres Mitleids? Im Gegenteil. Der Mann allein hat Mitleid, denn »er könnte die Schmerzen der Kranken nicht mitansehen, .. Qualen und Tod nicht mitmachen«. Und der Arzt? Ist er eine Art verweiblichter Bestie, weil er die Schmerzen der Kranken mitansehen kann?

Auch »schamhaft« ist nur der Mann! Er wisse es! Als Beweis werden Behauptungen aufgestellt, die vielleicht auf Dirnen passen, die ich aber bei anständigen Frauen noch nie beobachtet habe .. Auch daß der einzelne Mann kein Interesse für die Nacktheit des anderen Mannes hat, ist falsch, besonders seit sportliche Betätigung bei allen gesunden jungen Leuten überhand genommen hat und sie schon deswegen Interesse an der körperlichen Bildung der andern haben. Dieses Interesse, respektive die Freude am eigenen Körper als Schamlosigkeit zu verdammen, ist eine Anschauung, die der fanatischen Mystik des Mittelalters entspricht, die nur den »Geist« anerkannte, ohne zu bedenken, daß derselbe in einem elenden Körper ebenfalls entarten muß.

W ist herzlos, nur M besitzt Gemüt. Beweis: »Nichts macht M so glücklich, als wenn ihn ein Mädchen liebt; selbst wenn sie ihn nicht von Anbeginn gefesselt hat, ist dann doch die Gefahr, Feuer zu fangen, für ihn sehr groß.« Rührend! Rührend! Daher die Millionen verlassener liebender Mädchen und Frauen! – Es gibt eine Fülle von »Symptomen echter Gemeinheit« an der Frau: z. B. der Neid der Mütter, wenn die Töchter anderer eher heiraten als die eigenen. Nicht die bange, entsetzliche Angst, daß die einzige Karte, auf die törichterweise die ganze Zukunft gesetzt wurde, verliert, spricht aus diesen Müttern – sondern »echte Gemeinheit«.

Ins Unendliche ließen sich diese Aussprüche einer kaum glaublichen Verblendung anführen. Aber es drängt uns, zur Hauptsache zu kommen, nämlich der famosen Einteilung der Frauen in Mütter und Dirnen. Beide Gattungen werden von Weininger gleich bewertet, ja die verächtlichere scheint nach seiner Darstellung noch die »Mutter«. Den Nachweis, daß jede Frau in eine seiner Kategorien gehört, macht er sich, wie alle seine auf reale Tatsachen bezüglichen »Beweise«, recht leicht. Da er aber schon »die Bereitwilligkeit, sich flüchtig berühren oder streifen zu lassen«, – »Dirneninstinkte« nennt, ja, was ist dann um Himmelswillen der Mann, der meist noch ganz andere »Bereitwilligkeiten« hat?!

Was die Prostitution betrifft, so meint Weininger, eine solche Erscheinung müsse »in der Natur des menschlichen Weibes liegen«, ein solcher Hang müsse »in einem Weibe organisch, von Geburt an liegen!« Nun verläßt mich beinahe die Langmut ruhiger Kritik. Wie?! Nicht in dem unerbittlich abwärts treibenden Elend, in der Brotlosigkeit, in der erbärmlichen Entlohnung weiblicher Arbeit, der Stellenlosigkeit, der Ehelosigkeit, mit einem Wort: nicht in den Grundzügen unserer herrlichen, vom Manne für den Mann gemachten gesellschaftlichen »Ordnung« liegt die Ursache der Prostitution, sondern in der Vorliebe für diesen beglückenden Beruf?!

Muß nicht, im Gegenteil, in der Natur solcher Männer eine Vorliebe für die Prostitution liegen, die ohne Zwang, ohne damit nach Brot zu streben, sondern aus freier Wahl die Nächte ihrer besten Jahre mit geschlechtlichen Ausschweifungen verbringen?!

Mit kindlicher Einfalt wird gefragt, warum denn der verarmte Mann nicht die Prostitution zum Broterwerb wähle! Warum??

Erstens: weil er mehr Stellen findet als das Weib.

Zweitens: weil er damit schlechte Geschäfte machen würde, da die Zahl der Weiber, die männliche Prostituierte auszuhalten das Bedürfnis haben, immerhin (trotzdem es ihrer gibt) eine geringe ist.

Drittens: weil er von »unehrlichen« Berufen für den des Schwindlers, Betrügers, Hochstaplers mehr Gelegenheit hat als das Weib.

Viertens endlich: weil er es physisch nicht leisten könnte.

Das ist brutal ausgedrückt, aber die empörende Fragestellung zwingt zu unzweideutiger Antwort!

Übrigens hat jede »alleinstehende« Dirne ihren Zuhälter, und der steht gewiß nicht höher als die Dirne selbst. Im Gegenteil: noch unendlich tief unter ihr!

Die Polemik wird aber geradezu – schändend, wenn behauptet wird, um den Dirneninstinkt, der zum Teil in jedem Weibe stecke, zu beweisen, »daß ein letzter Rest sexueller Wirkung von jedem Sohn auf seine Mutter ausgeht!«

Ein Ausspruch von geradezu scheußlicher Entartung!

Die »Mutter« stehe übrigens intellektuell sehr tief. Sie sei verächtlich, weil ihre Liebe wahllos und zudringlich ist, weil sie blinde Zärtlichkeit besitze für »alles, was je mit ihr durch eine Nabelschnur verbunden war«. »Bedeutende Menschen können deshalb stets nur Prostituierte lieben!« Merkwürdige und recht nette Eigenheiten haben diese »bedeutenden Menschen«. Natürlich »stützt« sich das alles wieder auf die blinde Verschanzung in die eigene lächerliche Einteilung. Daß es Menschen – weibliche Menschen – gibt, die außer »Mutter oder Dirne« noch Künstler oder Kaufleute, Sportgeschöpfe oder Botanikerinnen, Stickkünstlerinnen oder Mathematikerinnen und hunderterlei anderes ihrer innersten Veranlagung nach sind, weiß der Verfasser offenbar nicht.

Dafür berichtet er feine Unterschiede zwischen Dirne und Mutter; der Dirne liege nur am Manne, der Mutter am Kind. Falsch! Der Dirne liegt gewöhnlich gar nichts am Mann, sondern nur am Geld, und der Mutter liegt gewiß nicht nur am Kind, sondern auch am Vater des Kindes, soferne der nur ein rechter Vater ist.

In endloser, ermüdender Länge wird ein einmal aufgestellter »Satz« variiert, wiederholt, verknäult und wieder gelöst. Manch interessante Parallele blitzt dabei auf, zum Beispiel die, zwischen Eroberer und großer Dirne, die beide als Gottesgeißeln empfunden werden. Köstlich ist die Verwicklung in die eigenen gewundenen Fäden zum Beispiel dort, wo über die Treue gesprochen wird:

Ist nämlich die Frau untreu, so ist sie es, weil sie überhaupt »kein der Zeitlichkeit entrücktes Ich hat«, daher »ganz gedankenlos« ist und ohne »Verständnis für die bindende Kraft eines Vertrages«.

Ist aber der Mann untreu, so ist er es nur, weil er sein intellegibles Ich nicht hat zu Worte kommen lassen! (Und wo bleibt sein »Verständnis für die bindende Kraft eines Vertrages«? Es schlief wohl gerade?)

Ist er treu, so ist er es eben seines intellegiblen Wesens halber.

Ist sie aber treu, so ist sie es aus »Hörigkeitsinstinkt« – »hündisch nachlaufend ... voll instinktiver, zäher Anhänglichkeit«!

Preisfrage: Wie soll sie also sein, treu oder untreu, um weniger verächtlich zu erscheinen?

Eine erstaunlich tief verwurzelte Konfusion im Kopfe eines Dreiundzwanzigjährigen, ein wahres Phänomen von einem Rattenkönig! So selbstsicher wird oft das genaue Gegenteil von der Wahrheit vorgetragen, daß man erst durch die ins Auge springende Absurdheit zur Widerlegung veranlaßt wird. Der Mythos von Leda wird als Beweis angeführt, daß die Frau zur Sodomie mehr Neigung habe als der Mann! Was beweist aber der Mythos gegenüber der Wirklichkeit? Wer benützt heute noch – im Orient ist dies an der Tagesordnung – Ziegen, Stuten, Hennen zu geschlechtlichem Mißbrauch, – Mann oder Weib?!

Nach der Einleitung einer Beweiskette wird diese gewöhnlich mitten drin abgebrochen und unbewiesen wird der »Schluß« angehängt, während man die entscheidende Wendung noch erwartet. So wird zum Beispiel auseinandergesetzt, daß die Frau meist Scheu empfinde vor männlicher Nacktheit, und dies wird – man staune! – als Beweis betrachtet dafür, »daß die Frauen von der Liebe nicht die Schönheit wollen, sondern – etwas anderes!« Von der Liebe werden sie wohl die Liebe wollen, und »die« Schönheit in ihr zu finden hoffen. Die vorangehenden Ausführungen über männliche und weibliche Nacktheit sind von beinahe obszöner Brutalität und von einem fast wilden Hasse gegen alles Natürlich-Geschlechtliche erfüllt. Schon die Debatte überhaupt, ob diese Vorgänge und ihre Organe »schön« oder »nicht schön« sind, verrät einen falschen Standpunkt, da es sich um Naturnotwendiges handelt, das schon durch seinen eminenten Zweck für eine solche Bewertung gar nicht geeignet ist. Es ist ihm ein »Rätsel«, warum gerade die Frau vom Mann geliebt wird! Warum gerade die Frau?? Ja, soll denn der Mann nur Hennen, Ziegen, Stuten oder Knaben lieben?! Und warum wird denn »gerade der Mann« von der Frau geliebt? Vermutlich weil es nur diese zwei Arten Menschen gibt. Weininger weiß übrigens für dieses »Rätsel«, warum die Frau geliebt wird, eine hochpoetische Erklärung: bei der Menschwerdung habe nämlich der Mann durch einen »metaphysischen Akt« (?) die Seele für sich allein behalten! Aus welchem Motive vermöge man freilich »noch nicht« abzusehen! (Wirklich nicht? Vielleicht läßt sich's durch Algebra herausbringen?) Dieses sein Unrecht büßt er nun in der Liebe, durch die er ihr »die geraubte Seele zurückzugeben sucht«! Er bittet ihr also seine Schuld durch die Leiden der Liebe ab! Aber halt! Wie ist's denn, wenn sie ihn liebt? Was bittet sie ihm durch die Leiden ihrer Liebe ab?

Will sie ihm auch eine »geraubte Seele« schenken? Aber richtig, sie hat ja keine!


W

Was das Weib nicht ist, nicht kann und nicht will, wurde bislang erörtert. Wozu es also überhaupt da ist, welchen Zweck es hat, wird nun auseinandergesetzt. Und nun folgt sorgfältig vorbereitet die herrliche Entdeckung, auf die der Verfasser nicht wenig stolz ist. Nicht etwa selbst den niedrigsten, den Gattungszweck spricht er der Frau zu, sondern sie ist nur um der »Kuppelei« willen da! Was er da vorbringt in endloser Wiederholung und Ausspinnung (das Buch könne schlechthin auch tausend Seiten haben anstatt fünfhundert) ist so verworren, verfilzt, mit Ekelhaftem und Unwahrem vollgestopft, daß man es kaum entwirren kann. Der Gedanke an die sexuelle Vereinigung irgend eines Paares sei der dominierende im weiblichen Dasein! Er versteigt sich zu folgender Behauptung, die ich hier wörtlich zitiere: »Die Erregung der Mutter am Hochzeitstage der Tochter ist keine andere als die der Leserin von Prévost oder von Sudermanns ›Katzensteg‹.« Keine andere?! In der Tat, ein tiefer Menschenkenner!

Das Weib sei überhaupt vollständig unfrei, denn es stehe immer unter dem »Bedürfnis (!), vergewaltigt zu werden« (!), es sei ganz und gar im Banne männlicher Sexualität. (Es wird dort noch anders ausgedrückt.) Ist nicht, ohne einen Anwurf daraus machen zu wollen, gerade umgekehrt, eher der Mann weit abhängiger von der sexuellen Befriedigung und ihrer – in den meisten Fällen – sicher bedürftiger als das Weib, schon um des Detumeszenztriebes willen, den ja das Weib nicht hat?! Der simple Beweis dafür ist die Tatsache, daß kaum ein Mann, der nicht durch Krankhaftigkeit irgend welcher Art daran gehindert ist, stirbt, ohne je ein Weib besessen zu haben (war es nur eines, so ist er auch schon ein Unikum), während tatsächlich tausende von Frauen virgines intactae bleiben, gänzlich geschlechtslos leben.

Es soll durchaus keine Tugend aus wahrscheinlicher Not gemacht werden, wir wissen ganz gut, daß sie nur selten aus freier Wahl, sondern meist aus wirtschaftlichen oder moralischen Bedenken Jungfrauen bleiben; wäre aber der Geschlechtstrieb in ihnen dominierend und sie ganz und gar Sexualgeschöpfe, so würden wohl auch sie Mittel und Wege finden, ihre Virginität los zu werden.

Aussprüche, die in ihrer Verrennung und Verblendung gerade das Verkehrte treffen, dürfen uns bei einem Manne nicht wundern, dessen Sucht, alle Erscheinungen in einmal aufgestellte, an Zahl und Charakteristik mehr als dürftige »Klassen« einzupferchen, sei es auch mit blinder Gewalt, sich zu den lächerlichsten Etikettierungen versteigt. Da das Weib nur »Mutter« oder nur »Dirne« sein kann, wird das weibliche Geschlecht folgendermaßen »beschrieben«: Die Dirne ist es, die die gute Tänzerin ist, nach Unterhaltung, Geselligkeit, nach dem Spaziergang (!! welch ein Dirneninstinkt) und dem Vergnügungslokal, nach Seebad und Kurort, Theater und Konzert verlangt, während die »Mutter« eine stets geschäftige, stets geschmacklos gekleidete Frau ist (wörtlich!), die sich auch daran erkenntlich macht, daß sie – Speisereste aufhebt. Eine recht erschöpfende Einteilung! Nun wollen wir mal etwas ähnliches aufstellen: Die Männer – sagen wir – bestehen aus »Vätern« und »Strizzis«. Die Väter sind geschmacklos gekleidet, lassen bei schlechten Schneidern arbeiten, rauchen die Pfeife etc. Die »Strizzis« gehen zum Ronacher, in Seebäder, Theater und in die Schwimmschule: Eine würdige Analogie!

Etwas »anderes« kann das Weib nicht sein; ja selbst »die Existenz eines verbrecherischen Weibes kann nicht zugegeben werden: die Frauen stehen nicht so hoch!« Ist sie große Verbrecherin, so ist sie eben »vermännlicht« – gerade so wie der Zuhälter, Kuppler etc. »eigentlich kein Mann« sei, sondern zu den »sexuellen Zwischenstufen« gehöre.

Ich greife mir an den Kopf: Ausführungen, die mit solchen Mitteln arbeiten, die fast durchwegs aus Konstruktionen solcher Art ihre Beweise und Argumentationen zusammensetzen, wurden genial genannt! Der König hat neue Kleider! Er hat prachtvolle Kleider! Alles schreit, er hat sie, denn die Parole ist ausgegeben, er muß sie nun haben, trotzdem seine Blößen sichtbar sind: ein Märchen mit tiefem Sinn, das sich bei uns öfters abspielt, als man glauben sollte.