G

Gibt es Verkehrtheiten und Verlästerungen in dem Buche, die eines humoristischen Beigeschmackes nicht entbehren, so daß man sie mitunter recht heiter finden kann, so gibt es hingegen auch Ausführungen darin, wo aller Humor schweigt, wo einem eine starre Entrüstung das Blut stocken macht. Ein wilder Haß gegen alles Natürliche, eine bösartige Verdächtigung und Verfolgung jeder sinnlichen Daseinsfreude, eine auf Kosten alles Körperlich-Fröhlichen entartete Geistigkeit, die den Leib und seine Pflege verachtet, eine schier bankerotte Phantasie, die sich in Verleumdung und Verleugnung alles Irdisch-Sinnlichen ergeht und sich gleichzeitig im Übersinnlichen zu den willkürlichsten Hypothesen versteigt, zeitigen ihre Blüten in den Anschauungen, die sie verkünden: So hätte zum Beispiel für den höherstehenden Mann das Mädchen, das er begehren, und das Mädchen, das er »lieben, aber nie begehren könnte« (?) eine ganz verschiedene Gestalt! Ein schmachvoller Dualismus, will mir scheinen! Ferner: Es gibt überhaupt nur platonische Liebe! »Was sonst noch Liebe genannt wird, gehört in das Reich der Säue!«

Nur wer nie ein Weib in Liebe gewonnen, sondern es nur unter den Schauern der Prostitution besessen hat, wer überhaupt nie ein Weib gekannt hat, sondern nur sein Zerrbild, – die Dirne, – nur wer sich eines krankhaften Defektes noch mit Überhebung brüstet, konnte diesen Ausspruch tun – und die anderen ähnlichen Aussprüche und fulminanten Offenbarungen über »das« Weib! Nur der kann auch behaupten, daß der Mann, sofort nachdem er das Weib besessen hat, es verachtet, – der es in Wahrheit nie besessen hat!

In einer Fußnote wird ganz unumwunden erklärt, daß es keinen bedeutenden Menschen geben könne, der in – der geschlechtlichen Vereinigung (es wird dort kürzer und brutaler ausgedrückt) – »mehr sähe als einen tierischen, schweinischen, ekelhaften Akt, oder gar das tiefste, heiligste Mysterium«.

Alle bedeutenden Menschen – so wird weiter gefolgert – müßten daher sicherlich ihre Sexualität durch die (sogenannten) geschlechtlichen Perversionen befriedigen, da sie unbedingt am gewöhnlichen geschlechtlichen Akte »vorbei wollen«!!!

Gewiß wäre es unrichtig, in diesem Akte »an sich« etwas Heilig-Mystisches zu sehen, da er unter Umständen gewiß eine Erniedrigung bedeuten kann; immerhin aber ist es doch etwas, was jeden gesunden, lebensmutigen, menschlicher Empfindungen fähigen Menschen mit Entrüstung und schier verächtlichem Mitleid erfüllen muß, den natürlichsten Lebensvorgang verunglimpft und gebrandmarkt, die Flamme, von der die ganze Welt glüht, als höllisches Feuer verdächtigt zu sehen!

Als Kriterium des bedeutenden Menschen abnorme Sexualtriebe fordern und Verachtung, »Vorbeiwollen« am normalen Liebesakt voraussetzen, heißt einen Goethe z. B. mit jämmerlichen Füßen treten, und ein solcher Ausspruch eines Menschen macht alle seine andern befremdlichen Aussprüche – begreiflich!

Während die Frau durch den Gedanken an die Vereinigung irgend eines Paares angeblich in »fieberhafte Erregung« gerate, gewinne ein solcher Gedanke über einen Mann keine Gewalt, er stehe »außer und über einem solchen Erlebnis!« Wirklich?! Die Welt wird einfach auf den Kopf gestellt. In Wahrheit bedarf es gar nicht erst einer deutlichen Vorstellung jener Vereinigung, um bei M Erregung hervorzurufen, bekanntlich genügt dazu schon das Rauschen eines seidenen Kleides.

»Als der Mann sexuell ward, da schuf er das Weib.« Aus diesem tiefen Grunde ist »das Weib die Schuld des Mannes«; die Kuppelei sei da, »weil alle Schuld von selbst sich zu vermehren trachtet«. Überall sieht er Zweck und Absicht, Schuld und Grund: überall ein »damit«, nirgends ein »daher« – außer ein solches, hinter dem wieder eine »Bestimmung« steht. Alle seine Argumentationen bezeichnet er kurz und bündig als »unwiderleglich«, alle Gegenmeinung als »völlig unannehmbar«, jeden, der widerspricht, als »frechen Schwätzer«. Basta!

Wohin eine krankhafte Sucht, Willen und Zweck hinter alle Erscheinungen zu verpflanzen, führen kann, möge ein Satz wie der folgende illustrieren: »Wir erschrecken vor dem Gedanken an den Tod, wehren uns gegen ihn, klammern uns an das irdische Dasein und beweisen dadurch (!), daß wir geboren zu werden wünschten als wir geboren wurden, indem wir noch immer in dieser Welt geboren zu werden verlangen.« (!!!) Ein spekulatives Zurückgreifen, das mit den abenteuerlich phantastischen Schlüssen mittelalterlicher Scholastik viel Ähnlichkeit besitzt, tiefe Verstricktheit in buddhistische Vorstellungen und die vollständige Umneblung eines ursprünglich kritischen Geistes durch religiös-mystischen Wahn, erhellt aus solchen Aussprüchen. Gewisse Experimente der Wissenschaft, z. B. die Geschlechtsbildung, erklären zu wollen, bezeichnet er, aus derselben mystisch-theosophischen Befangenheit, als »ein unkeusches Anpacken mysteriöser Vorgänge«. Ein kurioser Standpunkt in der »Wissenschaft«! Die »unkeuscheste« Wissenschaft ist demnach die Chemie, der sich »daher« auch so viele Juden zuwenden. Mit den Juden verfährt er genau so wie mit den Weibern. Er sagt von ihnen die scheußlichsten, niedrigsten Qualitäten aus. Stimmt es aber nicht, dann war es eben kein »echter« Jude. Dem Juden räumt er auch die Möglichkeit ein, sich vollständig über das Jüdische zu erheben, während er der Frau die Möglichkeit dieser Erhebung ins Reinmenschliche abspricht; da er selbst Jude war, schien diese vorsichtige Klausel geboten. Daß nicht nur »das Jüdische«, sondern auch jedes andere »nur Nationale« abstoßend ist, weil es immer eine enge Begrenzung des Menschlichen bedeutet, bleibt natürlich ungesagt. Das Kapitel über das Judentum enthält übrigens viel des Geistreichen und Tiefen – soweit es analytisch vorgeht, – und überschnappt sofort ins Groteske, sowie die eigenen »Folgerungen« einsetzen.

Dieselben Merkmale weisen viele der früheren Kapitel auf, und aus diesem Grunde werden auch solche Leser, die mit dem Autor sympathisieren, den Eindruck haben, daß die einzelnen Kapitel immer groß angelegt und vielversprechend erscheinen, Tiefen und Höhen verheißend einsetzen, um dann abzufallen und zu enttäuschen; dort nämlich, wo die eigenmächtige Synthese beginnt, das eigene »Aufbauen« nach der oft sehr scharfsinnigen Analyse: da wird alles merkwürdig flach und oberflächlich und vor allem unrichtig, blind neben den wirklichen Tatsachen vorbeisausend, auf ein »gedachtes«, vorherkonstruiertes, popanzartiges »Ziel«. Immer wieder verschlingt sich oft Gesagtes ineinander, bis wieder neue Glieder zappelnd daraus hervorschießen, um sich wieder zu verschlingen und zu verknäueln.

Überall sieht er »Ideen«, »Prinzipe«, wurzelhafte Anlagen, wo es sich meist um historisch Er-Wachsenes handelt; überall ist die Blindheit für das geschichtliche und wirtschaftliche Element, welches formenbildend und artenändernd wirksam ist, ersichtlich, die große Rolle, die ihm bei allen Vorgängen und Erscheinungen zufällt, wird geleugnet und alles auf eine Art metaphysischer Bestimmung zurückgeführt.

Die Behauptung, »der echte Jude wie das echte Weib leben beide nur in der Gattung, nicht als Individualitäten«, wird durch das Wörtchen »echt«, mit dem sie sich vorsichtig verklausuliert, als das empfunden, was gewöhnlich als »jüdische Dreherei« bezeichnet wird, besonders, da schon auf der nächsten Seite die Bemerkung folgt, »es gibt einen absoluten Juden so wenig als einen absoluten Christen« (und ein »absolutes« Weib). »Nur seichteste Oberflächlichkeit« könne glauben, »daß der Mensch durch seine Umgebung gebildet werde«. Nur seichteste Oberflächlichkeit kann leugnen, daß der Mensch durch seine Umgebung zumindest beeinflußt wird, und daß diese Beeinflussung oftmals zu Bildungen, Neubildungen, Herausbildungen führt! Wer dies leugnet, leugnet alle Entwicklungsmöglichkeit. Warum gibt es denn eben keinen »absoluten« Juden oder Christen, keinen »echten« Mann oder kein »echtes« Weib? Weil eben äußere Eindrücke beständig erziehlich wirksam sind. Aus eben diesem Grunde konnte auch der Jude kein »Monadologe« werden (wie ihm Weininger vorhält), so lange er im Ghetto lebte; darum ward er – was richtig ist – ein »Grenzverwischer«, darum seine »Gemeinsamkeit«, sein »Zusammenhalten« auch in der Familie: es erklärt sich all dies historisch dadurch, daß gleichgestellte Existenzen, die unter Ausnahmsgesetzen in fremdem Land leben, auf engen Anschluß untereinander angewiesen sind. Warum das jüdische Volk keine Aristokratie besitzt, daher keinen grenzenfixierenden Sinn beweist?! Erstlich besaß es sie, so lange es im eigenen Lande als freies Volk lebte. Zweitens kann man nicht mehr von einem »Volk« reden, wenn es sich um Angehörige einer Nation handelt, die durch Zersprengung über die ganze Welt längst aufgehört haben, ein »Volk« zu sein. Endlich erscheint mir der Mangel an Kastengeist nur günstig und wertvoll und »Grenzverwischung« in diesem Sinne nur ersprießlich.

Von gänzlicher, schier unbegreiflicher Verblendung zeugt aber der Vorwurf, daß der Jude »gleich dem Weibe« (die Analogien werden krampfhaft herbeigeholt) im Fremden »keinen Halt« hat, in ihm »keine Wurzeln schlägt«. Symbolisch erscheine daher »sein Mangel an irgend welcher Bodenständigkeit in seinem so tiefen Unverständnis für allen Grundbesitz und seiner Vorliebe für das mobile Kapital«.

Herr des Himmels! Soll man sich vielleicht ankaufen auf einem beständig zitternden, unterwühlten, bedrohten Boden?! Ist es gar so »symbolisch«, daß die Juden, die in riesigen Scharen aus Rußland oder Rumänien hinausgetrieben, die in Kischenew abgeschlachtet und geplündert wurden, in solchem Boden keine »Wurzeln schlugen«, und daß auch die Juden anderer Länder ihre ewig unterwühlte Situation erfassen und lieber nach mobilem, in Bewegung zu setzendem Kapital trachten, als nach »Bodenständigkeit«?!

Die großen Persönlichkeiten des Judentums werden natürlich vom Verfasser als solche angezweifelt. Als »fast jeder Größe entbehrend« bezeichnet er Heine – Heine, der der Menschheit einen so beseligenden Schatz hinterlassen hat, einen schier unerschöpflichen Brunnen, in den hineinzutauchen immer wieder Mut, Trost, Befreiung und Erhebung gewährt – nicht etwa durch seinen Witz und Sarkasmus, sondern durch seine nie wieder erreichte, tiefinnige, tief vergeistigte Lyrik. Als ebenso »überschätzt« betrachtet wird auch Spinoza. Diese Wertung – besser Entwertung – zu beurteilen, habe ich zu wenig Wissen. Doch auch da scheint mir ein terroristisches Aufpflanzen von dem, was gerade er, Weininger, Größe nennt, als willkürliches Kriterium zu dominieren. Daß man auf hundertfache Art groß und genial sein kann, auch wenn man nicht genau in der Richtung, die abzustecken ihm gerade beliebt, sich bewegt, scheint er nicht in Betracht zu ziehen. Er hält Spinoza vor, daß ihm alles weniger »Problem« denn »mathematische Methode« war, die alles selbstverständlich erscheinen lasse. Es scheint aber nichts weniger als ein Nachteil einer Methode, wenn sie dies vermag; umgekehrt jedoch kann einen nachgerade ein Grausen erfassen, wenn das Einfachste und Selbstverständlichste in so viele Formeln verstrickt wird, bis es wirr und kompliziert erscheint, so daß die umständliche »Lösung« dieses »Problems« sich dann als »Tat« gebärdet, auch wenn sie sich mit dem Resultate deckt, das man mühelos auf den ersten Blick gewinnt. Menschen aber, denen selbst das Einfachste erst begreiflich wird, wenn sie sich durch ein Gewirr von Umwegen dazu durchgewunden haben, die in jedem Fall durch ein Gestrüpp von Philosophie durch müssen, die sogar imstande sind, auch dann noch an der offen zutage liegenden Wahrheit vorbeizutappen, bloß weil sie irgend ein Irrlichterchen der Spekulation weglockt, beweisen einen Mangel gesunder Instinkte, sind daher zum Urteil »an sich« sozusagen physiologisch unfähig. Den Gesamteindruck einer Erscheinung wahrnehmen kann nur, wer über seine physiologischen Sinneswerkzeuge vollzählig verfügt: da darf auch der Instinkt nicht fehlen, denn er ist das, was man als das Geruchsorgan der Seele bezeichnen könnte.

Von den Juden kommt der Verfasser wieder zu den Weibern. Es drängt ihn offenbar, sich noch einmal zusammenfassend über sie zu äußern: So wenig wie der Jude, ist das Weib eine »Monade«. Aber wie alles und jedes in der Welt, repräsentiert auch »es« eine »Idee«: »W repräsentiert die Idee des Nichts.« Er kommt nun zum köstlichsten aller Resultate: »Da« die Frau amoralisch und alogisch ist, alles Seiende aber ein moralisches und logisches Sein ist, so – ist sie überhaupt nicht. Ganz abgesehen von dem witzigen Resultat: man beachte nur die wirre Verkehrung der einzelnen logischen Glieder! Anstatt zu folgern: alle Logik und Moral muß sich im Sein, im Wesenhaften dokumentieren, heißt es in monströser Verkehrung: In allem Sein ist Moral und Logik. Da die Frau aber nach seiner Aussage keine hat, muß natürlich »herauskommen«, daß sie überhaupt »nicht ist«. Wahrscheinlich ist sie also nur eine Art Spuk, ein Massenaberglauben!

Überraschend wie alle seine Resümierungen sind auch seine letzten. Trotz allem, was er von der Frau ausgesagt hat, verlangt er für sie die »gleichen Rechte« wie für den Mann. Er tritt für ihre Emanzipation ein, nur muß sie vollkommene Entgeschlechtlichung bedeuten!! Auch den letzten Schluß, der sich aus dieser Forderung ergibt, zieht er in Betracht, nämlich den Aussterbe-Etat, auf den logischerweise die Menschheit geraten müßte: Die Ausrottung der menschlichen Gattung scheint ihm aber sogar ein erstrebenswertes Ziel! »Alle Fécondité ist ekelhaft.« Dieser Satz charakterisiert eine das Leben hassende Natur, die notwendigerweise nur Vernichtungstendenzen produzieren kann. Bedarf der Ausdruck dieser Endtendenzen überhaupt einer Antwort, so wäre es die, daß nicht einzusehen ist, warum wir bedacht sein sollten, diesen Planeten zu räumen – für irgend ein zweifelhaftes anderes Geschlecht, das sich dann auf ihm zum Leben entwickeln könnte ...

Übrigens weiß auch er die »Rechte«, die er angeblich für die Frau verlangt, »weise« zu beschränken. Von der Gesetzgebung, von der Leitung eines Gemeinwesens sei »vorderhand« die Frau fernzuhalten gleich – »Kindern, Schwachsinnigen und Verbrechern«. Denn – »Recht und Unrecht der Frau kann ganz genau ermittelt werden, ohne daß die Frauen selbst mitbeschließen«.

Dieser Satz ist – es läßt sich anders nicht bezeichnen – eine Schamlosigkeit. (Trotzdem in diesem Buch so viel von »Schamhaftigkeit« die Rede ist.) Wie schön »Recht und Unrecht« für die Frau »ermittelt« wurde, muß selbst Blinden und Tauben klar werden aus einer Gesetzgebung, die das Weib in seiner katastrophalsten, hilflosesten Lage recht-, schutz- und hilflos läßt. Von all dem andern, was zu ihrer Beschränkung und Einengung für sie »ermittelt« wurde, will ich jetzt ganz absehen, nur das Krasseste soll berührt werden, die Tatsache, daß die arbeitsunfähige Schwangere, die sich also, falls sie subsistenzlos ist, im Zustand absolutester Hilflosigkeit befindet, keine Ansprüche an den Vater des Kindes hat, er sei, wer er sei, er habe, was er habe; die Tatsache, daß sie auch für die Kosten der Entbindung keinen rechtlichen Anspruch weder an den Vater noch an die Gesellschaft besitzt, daß sie – die Gebärende!! – keinen Anspruch auf Unterschlupf und Pflege für sich und das Kind hat (im Findelhaus finden nur die wenigsten Aufnahme und unter Umständen, denen ein abschreckendes Odium anhaftet), und daß sie erst nach der schwersten Stunde Alimente für das Kind beanspruchen kann, die aber niemals ausreichen, die Kosten seiner Erhaltung auch nur annähernd zu decken. So schön kann Recht und Unrecht für die Frauen ermittelt werden, »ohne daß sie selbst mitbeschließen«.

Zum Schlusse schlägt in dem Buche Weiningers ein beinahe irrsinniger Ton durch: es wird nämlich festgestellt, »daß dieses Buch die größte Ehre ist, welche den Frauen je erwiesen wurde«. Aber können uns die tollsten Sprünge wundern in einem Buche, das noch auf derselben Seite den einzigen wahrhaftigen, richtigen Ausspruch tut, der allein dem ganzen Buch ins Gesicht schlägt, der allein genügt, um es zu richten und zu werten, da es ihn als eine (verspätete) Vorschrift für andere gibt, während es ihn selbst mit Füßen trat, nämlich den Ausspruch:

»Man hat die Frau als Einzelwesen und nach der Idee der Freiheit, nicht als Gattungswesen (!), nicht nach einem aus der Empirie (?!) oder aus den Liebesbedürfnissen des Mannes hergeleiteten Maßstabe zu beurteilen.«

Und so richten diese letzten spärlichen Worte die eigene Tat und das eigene Werk.


D

Die Berechtigung des Weiberhasses und der Weiberverachtung erkennt man aus den Argumenten, auf denen sie steht und mit denen sie fällt.

Aus jenen Weiningers, die sich offensichtlich als Verkehrung, Verleugnung oder Verblendung gegenüber den Tatsachen darstellen, erhellt am schärfsten, daß sie immer identisch sein müssen und nur identisch sein können mit Vernichtungstendenzen, die das Leben zielsicher ausstoßt. Vom Wahne geboren, gleichen sie spukhaften Gespenster-Erscheinungen, die nur für den existieren, dessen fieberndes Hirn sie beschwor, und die trotz der Hartnäckigkeit seiner Halluzination auch nicht um einen Schatten wirklicher werden.

Es gibt eine Tatsächlichkeit, eine harte Wirklichkeit der Dinge (immer in dem relativen Bereich unserer Sinnesorgane natürlich), die von hypothetischen Konklusionen, die mit ihr selbst durch keine wirkliche Beziehung verbunden sind, nicht im geringsten verändert oder gar umgestoßen werden kann. Eine Methode, die sich darin ergeht, in der Luft hängende metaphysische, höchst subjektive Voraussetzungen solange mit einander zu multiplizieren, auf jede Art zu verkreuzen und zu verschlingen, bis ein vorgewolltes Resultat herauskommt, in welches dann das wirkliche Leben hineingepreßt wird, mag es nun mit dem »Luft-Schluß« übereinstimmen oder nicht, enthält nicht die Möglichkeit, beachtenswerte Resultate zutage zu fördern. Das hieße, dem wildesten geistigen Abenteurer- und Don Quixotetum Tür und Tor öffnen, hieße jenen grotesken Versuchen und »Berechnungen« wissenschaftliche Existenzberechtigung geben, mit denen die Scholastiker zum Beispiele »ausrechneten«, wie viele Engel auf einer Nadelspitze tanzen können, hieße von neuem den absurden Terrorismus der Spekulation aufpflanzen, der mehrmals in der Geschichte der Philosophie dieselbe zum Gegenstand des Widerwillens und der Lächerlichkeit für alle gesunden Geister machte, aus welcher Entwertung sie sich in der neueren Zeit erst durch Kant und Schopenhauer wieder erhob – um unter deren Nachfolgern wieder in Mißkredit zu sinken – bis sie von Herbert Spencer auf den festen Boden der Tatsachen gestellt und dadurch aus der Sphäre leerer Gaukeleien in die einer unanzweifelbaren Disziplin verpflanzt wurde.

Daß ein Mensch wie Weininger, begabt mit feinster Sensitivität und Reaktionsfähigkeit, stumpf und blind sein konnte gegen die einfachste Logik der Tatsachen, erklärt sich vielleicht aus der Gefahr, die gerade diese Fähigkeit des innerlichen Erlebens für solche Geister birgt, denen das harte, reinigende, alles Falsche ab- und ausstoßende Element der gesunden Instinkte, die Grundbedingung der Urteilsfähigkeit, fehlt, so daß sie den Eindruck hervorrufen, als fräße ein Wurm an ihrem besten Mark, als müßten sie mit schier physischer Notwendigkeit, sowie sie die Hand ausstrecken, unbedingt – unter dem Zwange ihrer Art – immer das Falsche, das Dunkle, die Verwesung ergreifen. Charakteristisch für ihn, dem scheinbar »alles« zum Problem wird, ist die Tatsache, daß ihm in Wahrheit nur das Gedankliche, nur das Begriffliche zum Probleme ward, während er an die großen Tatsachenprobleme, deren Lösung für die Menschheit Wohl oder Wehe, hinauf oder hinunter, Zermalmung oder Erhebung, unsäglichen Jammer oder unendliche Glücksmöglichkeit bedeuten, nicht einmal mit einer Ahnung anstreift. So hat er in seinem Werk lange Betrachtungen, die oft weitab von seinem Thema lagen und die er sich nach der Art übervoller junger Menschen scheinbar vom Herzen schreiben wollte, angehäuft: über Zeit, Wert, Genie, Unsterblichkeit, Gedächtnis, Logik, Ethik, Philosophie, Psychologie etc. Dagegen kommt er nicht ein einziges Mal zum Beispiel auf das Problem des Krieges zu sprechen, auch das Problem des Sozialismus streift er nur flüchtig und oberflächlich, trotzdem beide seinem Thema naheliegen. Fast denkt man ein wenig an Ibsens Professor Begriffenfeld (Peer Gynt), der nur zum Metaphysikum in Beziehungen steht, für den nichts anderes eine »Frage« ist.

Gerade die Innerlichkeit, mit der er alles, was überhaupt für ihn zum Problem wird, erlebt, birgt für ihn, den ungesunden Geist, die Gefahr, daß sie ihn zu den subjektivsten Schlüssen verleitet, die nur durch und für seinen Wunsch und Willen vorhanden sind und die wie nächtliche Visionen vor dem Lichte des Tages – der objektiven Wirklichkeit – zergehen. In der Deutung der platonischen Ideen, die in den Dingen liegen, ist für ihn die Gefahr enthalten, Dinge in Beziehung zu einander zu bringen, die sie in Wahrheit nicht haben, Beziehungen, die jedes einzelne Individuum anders verknüpfen würde, ins Gegenteil umkehren könnte, und die daher zum Verluste jedes gemeinsamen Bodens führen, zur Einbuße aller Wahrscheinlichkeit. Was wir schlechthin Wirklichkeit nennen, ist ja natürlich nicht das wahre Wesen der Dinge, aber es ist zumindest die durch die gleiche Beschaffenheit der Sinnesorgane konstruierte allgemeine Wahrnehmbarkeit, die einen Boden der Verständigung bietet und als allgemein gültiger Ersatz der ewig unerforschlichen »wahren« Wesenheit des Seins einzig annehmbar.

Wohin das Hineintragen subjektivster Vorstellungen, das willkürliche Herstellen von Beziehungen, die gewalttätige Einpressung in selbstgeschaffene Kategorien, die Deduktion alles Bestehenden in vorgegossene Formen den verirrten Weininger schließlich führten, geht nicht nur aus seiner Behandlung der Probleme »Weib« oder »Juden« hervor, sondern auch aus der in seinem Nachlaßwerk enthaltenen »Tierpsychologie«. Da wird der Hund »erkannt« als die Idee des Verbrechers, das Pferd als die des Irrsinns, Floh und Wanze als »Symbole für etwas, wovon Gott sich abgekehrt hat« u. s. f. Aus denselben »inneren Gründen« betrachtet er jede Krankheit als »Schuld« und findet die Auffassung, welche die Kranken und Aussätzigen fragen läßt, »was sie verbrochen hätten, daß Gott sie züchtige«, sehr tief. Die absonderliche »Zurück-Dreh-Tendenz« all seiner Auffassungen offenbart sich in der Annahme, der Mord sei eine »Selbstrechtfertigung« des Verbrechers, »er sucht sich durch ihn zu beweisen, daß nichts ist«!!

Mit einer schier organischen Verkehrtheit legt er allen Erscheinungen die verdrehtesten Ursachen unter und muß ihnen daher auch natürlich die entgegengesetztesten Absichten zuschreiben und die konfusesten Folgerungen aus ihnen ziehen: »Man liebt seine physischen Eltern; darin liegt wohl ein Hinweis darauf, daß man sie erwählt hat.«!!! Oder: »Die Fixsterne ›bedeuten‹ (?) den Engel im Menschen. Darum orientiert sich der Mensch nach ihnen; und darum! besitzen die Frauen keinen Sinn für den gestirnten Himmel: weil ihnen der Sinn für den Engel im Mann abgeht.«!!!

Diese Proben aus Weiningers Nachlaßwerk werden manchen vielleicht als nicht unter den Titel dieser Schrift gehörig erscheinen. Dennoch sind sie es, da sie unzweideutigen Aufschluß geben über die Stellung, die eine urteilende Intelligenz, welche sich in der Art Weiningers zum Problem der »Frau und ihrer Frage« verhalten hat, charakteristischerweise anderen Problemen gegenüber einnimmt. Die Annahme liegt daher nicht fern, daß bei allem, was Weiningers große Intelligenz und geistige Elastizität erfaßte und berührte, die Sensitivität des Epileptikers das Verzerrende war, diese Sensitivität, die alles aus den natürlichen Dimensionen heraustreibt, die die Umrisse aller Dinge entstellt und verkehrt, bis ihr alles in Nacht, Wirrnis und wütender Ekstase versinkt. Sein Biograph teilt uns mit, daß Weininger Epileptiker und gleichzeitig ein mit Verbrecheranlagen belasteter Mensch war.[5] Da aber die Sehnsucht nach dem Guten und Sittlichen ohne Zweifel in ihm überwiegend war, erklärt sich auch seine innige Verherrlichung der Kantschen Ethik, die er hoch über die selbstverständliche Sittlichkeit der schönen Seele stellt. Wenn aber auch jene Sittlichkeit die gegen ihre triebhaften, bösen Anlagen den Kampf führt, eben dieses Kampfes halber vielleicht die ergreifendere ist, so ändert das doch nichts an der Tatsache, daß die von der Welt wie eine strahlende Gabe empfundene Individuation der selbstverständlichen Sittlichkeit die gottähnlichere ist und daher als die vollkommenere empfunden wird.

Ein krankhafter Geist kann und wird niemals die Meinung der Welt revolutionieren. Bedeutungslos bleibt daher seine manische Verfolgung irgend eines Gegenstandes einer seiner – gewöhnlich physischen – »Aversionen«.

Weiningers Werk, das mit ungeheuerer Mühe ein großes, begriffliches Material nach einer vorgezeichneten Tendenz zusammenschmiedete, um seine abnorme, lebensfeindliche Aversion als normal und einzig sittlich darzustellen, ist mit allen Merkzeichen manischer Verblendung an den Tatsachen vorübergesaust, und seine Argumente zerschellten beim ersten Zusammenstoß mit der Wirklichkeit. So hat es denn mit der »Frau und ihrer Frage« in Wahrheit nichts zu schaffen.


W

Was diese Frage selbst betrifft, so ist eine Erörterung derselben unter dem Gesichtspunkt, ob die Frauen »höher« oder »tiefer« stehen als die Männer, von vorneherein verfehlt. Darum habe ich mich nirgends für die weibliche Genialität ins Zeug gelegt, habe auch nicht berühmte weibliche Namen aufmarschieren lassen, denn darauf kommt es wahrhaftig beim heutigen Stande dieser Frage gar nicht an. Erstlich könnte ein Vergleich der positiven Fähigkeiten nur in einer Epoche vollständiger sozialer Gleichberechtigung der beiden Geschlechter ein vernünftiges, unverfälschtes Resultat ergeben, zweitens lautet die zwingende Parole heute nicht nur, die Frau will leisten, sondern sie muß leisten: gebieterisch verweisen sie die wirtschaftlichen Verhältnisse auf eine eigene Berufswahl, da die »Versorgung durch die Ehe«, durch den immer schwierigeren Existenzkampf, den heute auch der Mann infolge des immer mächtiger werdenden Großkapitals und der immer unheimlicher anwachsenden Belastung der Staatseinkünfte durch den Militarismus zu führen hat, mehr als illusorisch geworden ist. Ein Mädchen für diese einzige Chance zu erziehen und es mit Blumengießen, Staubabwischen und Klavierklimpern seine besten und tüchtigsten Jahre verlieren lassen, hieße heute ein verbrecherisches Spiel mit menschlichen Kräften und menschlichen Schicksalen treiben. Überdies müßte ein auf solch einziger Chance sich aufbauendes Schicksal auf alle Fälle ein entehrendes werden, durch die absolute Wahllosigkeit, mit der dann danach gegriffen werden müßte.

Die Frau muß also für die Möglichkeit einer Berufswahl vorbereitet und erzogen werden. Selbstverständlich muß daher auch ihr Bemühen erscheinen, diese Möglichkeit auf die weitesten Gebiete auszudehnen, sie aus engherzigen Beschränkungen frei zu machen und auf größere und befriedigendere Wirkungskreise zu übertragen. Ist sie dazu »weniger begabt«, so lasse man das nur ihre Sorge sein. Sie wird dann eben mehr Mühe aufwenden müssen, um den vorgeschriebenen Bedingungen zu entsprechen. Praktisch hat sich indes eine solche mindere Begabung der Frau noch nirgends dokumentiert, es ist nirgends beobachtet worden, daß eine Frau von einem neu erschlossenen Posten hätte entlassen werden müssen, weil sie den üblichen Anforderungen nicht entsprach. Es ist auch wahrscheinlich, daß man sich nicht gegen alle Anlage und Fähigkeit zu irgend etwas drängt, sondern immer das der eigenen Natur Passende zu erringen trachtet.

»Minderbegabt« und durchaus ungeeignet scheint mir die Frau nur für einen einzigen Beruf, und das ist gerade der, zu dem man ihr seit altersher unbeschränkten »freien Zutritt« gelassen hat: der Beruf der schweren Taglöhner- und Fabriksarbeit.

Von der Hungergeißel hineingetrieben, büßt die Unselige mit schweren Schädigungen an ihrem Geschlechte und an ihrer Nachkommenschaft, Schädigungen, die die Rasse treffen, – die Schuld des Kapitalismus, der dem Arbeiter für Einsetzung seiner ganzen Kraft nicht soviel Einkommen gewährt, daß er Weib und Kind erhalten kann. Und während dieses Weib selbst hinaus muß in einen unnatürlichen Frondienst, bleibt das Heim unversorgt, die Kinder ohne Aufsicht und Pflege, denn soviel, um eine helfende Hand zu bezahlen, kann auch die Arbeit beider nicht erschwingen: darum ihr Herren, wendet euch mit eurem Ruf: »Die Frau gehört ins Haus«, vor allem an die Proletarierin, die tatsächlich hineingehört, da es ohne sie verfällt, wendet euch mit diesem Ruf an das Unternehmertum, damit es ihr diese Möglichkeit gewähre!

Was die bürgerlichen Berufe, um deren uneingeschränkte Zulassung heute gekämpft werden muß, selbst betrifft, so glaube man ja nicht, daß ich die Berufstätigkeit der Frau als ein Glück betrachte. Glück und Befriedigung gewährt wohl nur künstlerische oder wissenschaftliche Betätigung – die sogenannten freien Berufe – im Gegensatz zu den sicheren Brotberufen. (Die Verfasserin dieser Zeilen gehört selbst zu den Menschen, die nur mit großer Überwindung auch nur zwei Tage hintereinander ganz das gleiche tun können.) An dem grauen, trostlosen Einerlei der meisten Brotberufe leiden aber auch die Männer. Daß die Frauen um Zulaß zu diesen Berufen kämpfen, beweist am besten, daß nicht Abenteurerlust, sondern zwingende soziale Gründe sie aus dem »Hause« heraustreiben. Aus innerer Vorliebe strebt man wahrhaftig nicht ins Amt oder ins Bureau: aber wenn man die Wahl hat, zu verhungern oder sich bei Verwandten herumzudrücken, oder aber sich zu prostituieren – mit oder ohne Ehe – so geht man eben doch noch lieber ins Bureau; ja, selbst dann schon, wenn man ganz ohne jede ernste Beschäftigung in tödlicher Langeweile und Inhaltslosigkeit und in beständiger Abhängigkeit »im Hause« herumstreift.

Führt man als störendes Hindernis weiblicher Berufstätigkeit die Geschlechtsfunktionen, vor allem die Mutterschaft an, – denn selbstverständlich muß die Erwerbsmöglichkeit auch für die verheiratete Frau beansprucht werden, – so ist gegen diesen Einwurf einzuwenden, daß die schuldige Rücksicht, die man der berufstätigen Frau zur Zeit, da sie der Schonung bedarf, ganz gewiß zu erweisen hat (nicht, daß sie ihrer überhaupt nicht bedürfte, wie viele Feministinnen meinen), einfach als eine soziale Pflicht zum Wohle der Rasse zu betrachten ist, deren Erfüllung aber nicht mehr Zeit beansprucht als etwa das Militärjahr des Mannes, welches doch noch nie als Grund für die Unfähigkeit, einen Beruf auszuüben, angeführt wurde.

In der Tat, selbst wenn wir annehmen, daß die Mutterwerdung der Frau zwei Monate Urlaub beansprucht, einen vor, einen nach der Entbindung, mehr bedarf es bei vernünftiger Lebensweise ganz gewiß nicht, so müßte die sehr stattliche Ziffer sechsmaligen Kindersegens angenommen werden, um dem Militärjahr gleichzukommen. Was endlich die verflixten drei Tage im Monat betrifft, so verursachen sie vielen Frauen überhaupt kein wesentliches Unbehagen und bedürften daher kaum besonderer Berücksichtigung; angenommen aber selbst, es würde einer derartigen Indisposition Rechnung getragen, so könnte und dürfte dies einen wohlgeordneten Betrieb so wenig aus dem Geleise bringen, als etwa die Waffenübungen, die gleich auf Wochen hinaus den jungen Mann abberufen.

Der dritte Grund, warum eine Wertung von vorneherein auf falschem Boden steht, die davon ausgeht, ob der Mann oder das Weib »geistig höherstehend« oder für diesen oder jenen Beruf »begabter« sei, liegt in der einfachen Tatsache, daß solche Vergleiche, die gewiß von Individuum zu Individuum jedesmal andere Resultate ergeben, überhaupt nicht geeignet sind, den Wert einer Persönlichkeit oder gar einer Gattung zu bestimmen. Ob eine Frau als Bahninspektor, Zahnärztin, Agentin, Telephonistin, Mathematikerin oder Malerin tüchtiger oder untüchtiger ist als ein männlicher Kollege, ist höchst gleichgültig für ihren Wert. Es kann höchstens ihren (eng an ihre Person geknüpften) Wert als Malerin, Zahnärztin etc. bestimmen und wird sie allein die Konsequenzen ihrer eventuellen Untüchtigkeit wirtschaftlich zu tragen haben, kommt aber bei der Bewertung des ganzen Geschlechtes gegenüber dem anderen Geschlechte überhaupt nicht in Frage. Es gibt Frauen genug, die überhaupt keinen Beruf ausüben, die vielleicht gar keine besonderen Talente haben, und die durch ihr bloßes Dasein ihre ganze Umgebung erheben und beglücken. (Sein und Wesen entstammen nicht umsonst sprachlich derselben Wurzel.) Kein Geschlecht kann »wertvoller«, keines »minderwertiger« sein als das andere, denn schon durch ihre unersetzliche unentbehrliche Funktion der gegenseitigen Ergänzung sind beide Geschlechter für einander gleichwertig.

Eine vergleichende Wertung gibt es nur von Mensch zu Mensch, von Fall zu Fall, aber nicht zwischen den Typen Mann und Weib.

Die Schnecke, die hermaphroditisch ist, repräsentiert schon als einzelnes, ungepaartes Individuum den Typus Schnecke. Aber erst Mann und Weib zusammen ergeben den Genus »Mensch«. Männerhaß oder Weiberverachtung sind abnorme Erscheinungen, die ihre Hinfälligkeit im eigensten Wesen tragen. Der Haß eines Geschlechtes gegen das andere und seine Herabsetzung und Herabwertung war immer das Zeichen des Verfalls, der Entartung, der Verwesung – des einzelnen, wenn vom einzelnen geübt, ganzer Völker, wenn in Massen um sich greifend. Die sexuellen Perversitäten, die diese Erscheinungen in unmittelbarem Gefolge hatten, waren stets der Ruin noch so gesunder Kräfte; Griechen und Römer waren im Stadium des Verfalls und Niederganges, da die Knabenliebe bei ihnen Überhand nahm, und der Orient, der das Weib am tiefsten drückt, ist auch politisch ein lendenlahmer »kranker Mann«.

Hinter uns aber stehen nicht die ersatzbereiten Kräfte unverbrauchter Völkerstämme, wie die Germanen hinter dem zugrunde gehenden Altertum. An Spannkraft und Nerven werden von einem auf die Spitze getriebenen Daseinskampf so hohe Anforderungen gestellt, daß es Wahnsinn wäre, die Glücksmöglichkeiten, die in herzlichen, achtungsvollen Beziehungen zwischen den beiden Geschlechtern liegen, auch noch gewaltsam zu verwüsten. Es bedarf keiner »Vermännlichung« des Weibes, um es zu erheben, wohl aber wird eine stete, unaufhaltsame Vermenschlichung des Mannes und des Weibes beide einander nur inniger zuführen, ihre Beziehungen vertiefen und adeln und durch natürliche Züchtung eines immer vollendeteren Typus die Gesamtheit heben und der Vervollkommnung näher bringen.

Von GRETE MEISEL-HESS sind im Verlag von Hermann Seemann Nachfolger erschienen:

»In der modernen Weltanschauung.« Broschiert M. 2.50

»Fanny Roth.« Eine Jung-Frauengeschichte. 2. Auflage. Broschiert M. 2.50

»Suchende Seelen.« Drei Erzählungen. Broschiert M. 2.—

»Annie-Bianka.« Eine Reisegeschichte. 2. Auflage. Broschiert M. 1.—

In Vorbereitung:

»Eine sonderbare Hochzeitsreise.«

Neue Novellen.

[1] In ihrem Buche: »Die Antifeministen«.

[2] Man lese, wie sich das Männliche »an sich« im Kopfe einer Schriftstellerin spiegelt, in Hans von Kahlenbergs (Helene von Montbarts) phantastisch-groteskem »apokalyptischem« Roman: »Der letzte Mann«.

[3] Wohl erst nach der Pubertät.

[4] Verlag S. Fischer, Berlin.

[5] Ersteres wurde von Weiningers Vater in einem öffentlichen Briefe in Abrede gestellt, der Biograph berief sich aber in seiner Antwort auf die wiederholte eigene Aussage des Verstorbenen.