„Gold!“ scholl es rings im Kreise, manche lachten und glaubten es nicht.
„Kannst Du auch Gold spinnen?“
„Ich kann, aber darf nicht.“
„Warum nicht?“ Sie öffnete die Lippen, um zu sagen, was ihre Mutter beim1 Spinnen thue, aber plötzlich überkam sie eine merkwürdige Befangenheit und das Gefühl, wie böse man sie ansehen würde, wenn die Mädchen wüßten, von2 wem ihnen alles Unheil in den Brautschleier gesponnen würde. Und dabei sahen sie alle so froh und so lieb aus, die bösen Menschen, vor denen die Mutter sie gewarnt, eigentlich viel besser, als ihre Mutter, vor der sich die Bergmännlein so entsetzlich fürchteten.
Sie wurde von ihrer Pein erlöst, indem eines der Mädchen flüsterte:
„Das Kleid ist Samt, echter, weißer Samt!“ „Und die Juwelen? Von wem sind die Juwelen?“ sagte eine andere etwas lauter.
„Von meinen Freunden,“ antwortete Alba. „Wollt Ihr sie haben? Ich habe noch viel solches Spielzeug zu Hause,“ und die Smaragden vom Halse lösend, gab sie jedem der Mädchen einen derselben.
Mit den Perlenschnüren hätte3 sie es ebenso gemacht, wenn die Königin sie nicht daran verhindert hätte.
„Sind denn Deine Freunde so reich?“ fragte sie.
„Das weiß ich nicht. Was ist denn reich? Sie bringen alles in Säcken aus der Erde herauf, und wenn sie nicht genug bringen, so werden sie gestraft.“
Da wurde das Gesicht der Königin finster, sie nahm ihren Sohn bei Seite und sprach: „Das Mägdlein ist keine andere, als die Tochter der abscheulichen Hexe Baba Coaja. Führe sie schnell wieder dahin, wo Du sie geholt hast, sie bringt nur Unglück in unser Haus.“
„Nur das fordere nicht von mir, Mutter,“ sprach der junge König erbleichend. „Ich liebe die holde, unschuldsvolle Maid mit allen Gedanken, mit dem Blut in meinen Adern, mit jedem Atemzug! Und wäre1 sie Baba Coaja in eigner Person, ich könnte nicht von ihr lassen!“
Die Königin seufzte und befahl, der Maid eine Kammer neben ihrem Gemache zu bereiten, und am nächsten Tage sollte die Hochzeit sein. Die Königin wollte mit eigner Hand die neue Tochter schmücken; sie hatte aber einen schweren Kampf mit ihr zu bestehen, da diese durchaus keinen Goldfaden auf ihr Haupt haben wollte. Sie entfloh durch das ganze Schloß, wie ein gescheuchtes Reh, sie warf sich auf die Erde, unter die Decken, die die Diwans schmückten, sie bat und flehte mit herabströmenden Thränen, man möge2 sie verschonen. Die Königin solle ihr etwas von ihrem schönen Seidengespinst auf die Haare legen, nur daß schreckliche Gold nicht!
Während sie aber knieend bat und jammerte, gab die Königin einen Wink; zwei Mädchen banden ihr die Hände, während die dritte den goldenen Schleier befestigte. Alle erwarteten nun einen Ausbruch von Zorn und Verzweiflung. Aber Alba ward ganz still. Bleich wie der Tod neigte sie das Haupt unter der Last: „Du bist härter als meine Mutter!“ sagte sie; „die1 wollte mich keinem Manne geben, damit ich nicht unglücklich würde,2 Du aber rufst selber das Leid auf mich herab!“
Niemand verstand diese Rede, und Alba war nicht dazu3 zu bewegen, sie zu erklären, was das allgemeine Mißtrauen vermehrte. Sie sah so traurig aus, daß das Volk in ihr gar nicht mehr die strahlende Maid von gestern erkannte, und alle Worte der Liebe ihres jungen Gemahls konnten nicht die Wolken von ihrer Stirn scheuchen.
Am4 Hofe war aber bald von nichts anderem mehr die Rede, als von den ungezählten Schätzen der jungen Königin, und viele trieben den König, sich dieselben in der Nähe zu betrachten. Ihm5 war es nicht um die Schätze zu thun; er dachte nur daran,6 sein junges Weib wieder lächeln zu sehen, und meinte, wenn er ihr die Sachen holte, die sie besessen, so werde sie fröhlich werden.
Sowie sie aber hörte, Porfirie beabsichtige nach ihrer Burg zurückzureiten, erschrak sie heftig und bat und beschwor ihn, das nicht zu thun! „Es wird Dein Tod sein, ganz gewiß!“
Er aber ließ7 sich nicht bereden, und je8 mehr sie ihm die Gefahr schilderte, die ihn dort erwarte, um so mehr reizte ihn eben diese Gefahr, und ganz heimlich machte er sich auf den Weg, als sie noch im tiefen Schlummer lag. Mit wenigen Begleitern sprengte er zur Burg von Baba Coaja hinan. Die aber sah ihn von weitem und rief ihm entgegen:
„Fluch über Dich, der Du mein Kind entführt hast, um es unglücklich zu machen! Da, sättige die Habgier, die Dich zu mir zurücktreibt, Du Unglücklicher! Ich habe nichts nach Dir gefragt, was1 suchst Du mich?“
Mit diesen Worten schüttete sie Juwelen in endlosen Massen auf die Reiter nieder; die Edelsteine aber wurden in der Luft zu Eis und Schnee und wirbelten dergestalt,2 daß die Unglücklichen sich nicht wehren konnten, und geblendet den Weg nicht mehr sahen. Die meisten stürzten in den Abgrund; der junge König aber, der im Rachedurst sich der Burg näherte, um die Alte zu erwürgen, ward dermaßen eingehüllt, daß er bald kein Glied mehr rühren konnte, und bevor er noch ein Wort hervorbrachte, war er tief unter dem Schnee begraben. Baba Coaja lachte hämisch und sagte: „Jetzt wird sie kommen, zu ihm, und nicht zu mir, aber sie kommt zu mir und nicht zu ihm! Ich habe3 mein Kind wieder, das nicht in der bösen Welt bleiben soll, und unter den Menschen, die ich hasse!“
Und wirklich dauerte es nicht lange, da eilte Alba, vom Wandern matt, im weißen Samtkleide, daß vom Staube befleckt war, den Berg herauf.
„Wo, wo ist er?“ fragte sie mit blassen Lippen.
„So!“ sprach die Alte, „mir4 bist Du entlaufen, mit einem fremden Mann, und kommst wieder und fragst nicht nach mir, sondern nach ihm? Er ist nicht hier!“ —
„Doch,1 doch, ich fand seine Spur, bis zu dem Schnee dort!“
„Weiter kam er auch2 nicht!“ lachte die Alte. „Er ist in Deinen Edelsteinen erstickt!“
Mit einem furchtbaren Schrei stürzte Alba auf die Schneefläche und begann mit ihren Händen sie wegzuscharren. Aber umsonst. Zu schwer lag die Decke, die den Geliebten verhüllte, zu fest war sie gefroren! Mit dem Ausruf: „O, Mutter! Mutter! Was hast Du mir gethan?“ fiel Alba tot neben Eis und Schnee hin. Baba Coaja stieß einen so furchtbaren Fluch aus, daß der Berg wankte, ihre Burg zusammenstürzte und sie samt ihrem Golde unter ihren Trümmern begrub. —
An der Stelle aber, wo die schöne Alba ihr Leben ausgehaucht hatte, keimte eine weiße Blume in weißem Samtkleide auf, die man seitdem „Alba Regina,“3 zu deutsch „Edelweiß,“4 genannt hat. Sie blüht nur dicht beim ewigen Schnee, der den Geliebten bedeckt, so weiß und rein, wie sie selber war. —
Vielleicht verwandelt sich der Schnee einstmals wieder in Edelsteine, wenn ihn eine unschuldsvolle Jungfrau betritt. —
Das Stück Goldfaden, das Alba gesponnen, sucht man noch immer, und jede Braut hofft, sie habe es erhascht; darum fürchtet sich keine vor den Goldfäden,5 die so gefährlich sind, sondern jede glaubt, ihr sei das Glück beschert.
IV
Der Tschachlau
In der Moldau1 steht ein mächtiger Berg, fast so hoch wie der Bucegi;2 der heißt der Tschachlau; er erscheint sogar höher als der Bucegi, weil er ohne Vorberge gerade aus dem Thal emporsteigt und seinen schneegekrönten Gipfel leuchten läßt, als ein Wahrzeichen rumänischen Heldentums.
An einem Morgen, sehr frühe, stieg ein berühmter alter Bärenjäger mit leichten Schritten den Berg empor.
Mosch3 Gloantza war weit und breit wegen seiner kühnen Jagden bekannt; er ging4 sogar in die Höhle des Bären, mit einem brennenden Wachslicht am Ende des Büchsenlaufs und schoß den Baren tot. Ein guter Erzähler war er auch, Mosch Gloantza, der gern den jungen Leuten die Zeit vertrieb und von ihnen wohl gelitten war.
Jetzt kam er in einen dichten Nebel, den er aber bald durchschritten hatte, und über demselben schien die aufgehende Sonne auf eine enge Felsplatte und auf das lieblichste Bild, das sie nur5 bescheinen konnte: eine Schar junger Mädchen war dort um ein Muttergottesbild1 versammelt, das sie eifrig mit Kränzen und Blumen schmückten, während sie durch die weißen, wogenden Nebel von der ganzen Welt abgeschnitten waren.
Als Mosch Gloantza die Felsplatte erreichte, zuckte ein Blitz zu seinen Füßen und dröhnte ein Donner, wie Erdbeben, von unten herauf.
„Ah! Mosch Gloantza!“ scholl es2 von allen Seiten. „Willkommen hier oben! Wir bringen der Mutter Gottes Blumen, weil sie hier immer Wolken hat, und siehe, nun hat sie schon den Segen gesandt! Jetzt erzähle uns was,3 erzähle!“ —
Der alte Mann schob die Pelzmütze zurück und die buschigen Augenbrauen in die Höhe:
„Was soll ich denn erzählen?“
„Von alten, alten Zeiten!“ riefen die Mädchen, zogen ihn auf ein Felsstück nieder und sammelten sich um ihn, die einen setzten sich ihm zu Füßen, die andern blieben vor ihm stehen, noch andere erschienen lachend auf den Felsen über ihm und legten sich dorthin, um besser zu hören. Er aber hub an:
„Wißt ihr denn, wer den Tschachlau gemacht hat?“
„Nein“ — „Ja! o gewiß!“ scholl es ringsum; „der liebe Gott4 natürlich!“
„Fehlgeschossen!“5 rief der Alte, „der liebe Gott hat die Sonne gemacht und die andern Berge und die Flüsse, aber den Tschachlau, den6 haben die Rumänen gemacht.“
„Die Rumänen?“ riefen die Mädchen, wie aus einem Munde.
„Vor langen, langen Jahren, es1 weiß kein Mensch, wie lange, da war hier ein großer Krieg. Die Feinde, die zum Dniestr2 heranrückten, waren gar nicht wie Menschen, sondern wie wilde Tiere. Sie waren klein und krumm3 und hatten flache Gesichter, so gelb wie Zitronen, und ihre Augen waren so klein, daß man sie gar nicht sah. Sie waren mit ihren Pferden zusammengewachsen4 und jagten dahin, wie die Heuschrecken mit dem Ostwind. Wo5 sie hinkamen, da war alles im Umsehen verzehrt und blieb nichts zurück als der nackte Boden. Die Kunde von ihnen hatte das Land mit Schrecken erfüllt, doch waren die Rumänen entschlossen, ihren Boden bis aufs äußerste zu verteidigen. Sie verbündeten sich mit einem andern Volke, das war von heller Haut, blauäugig6 und hoch gewachsen, mit langem, gelbem Haar, von dem einige mit dem Messer in Holzstäbe7 schreiben konnten, und vereint zogen sie an den Dniestr, die Schwärme von grausamen Heuschrecken nicht herüberzulassen. Der Kampf war lang und heiß, und das Wasser des Dniestr war rot von Blut und schwer von Leichen, aber die Leute ohne Augen ließen sich durch nichts erschrecken. Und wie viele man ihrer auch8 tötete, es kamen mehr und mehr, immer drei für einen, der gefallen war. Sie hatten vergiftete Pfeile, die den9 sichern Tod gaben, und wenn sie in nächster Nähe einen10 abgeschossen, so jagten sie davon, um mit Lanzen wieder vorzustürmen. Die Leichen im Dniestr bildeten endlich eine Brücke, über welche die kleinen Pferde herüberkamen, und die Rumänen mußten sich hinter den andern Fluß, den Pruth,1 zurückziehen, um sich dort von neuem zu verteidigen. Die Schlacht dauerte acht Tage; blutrot ging die Sonne auf, und blutrot ging sie unter, und blutrot waren Fluß und Feld. Endlich sprach der Fürst2 der gelbhaarigen Leute: „Wir müssen weichen, aber wo finden wir ein Bollwerk gegen diese Drachen?“
„Wir haben noch ein schönes Land!“ riefen die Rumänen, und zeigten den Weg. Da rief ihr weiser Fürst:
„Hört mich an, Ihr Mannen!3 Ein jeder von Euch nehme4 eine Hand voll Erde und werfe sie vor sich!“
Sie thaten, wie ihnen geheißen war, und da ihrer so viele waren, hatten sie bald einen großen Berg gebaut, den sie5 Tschachlau, die Gelbhaarigen aber Kaukland nannten.
Noch bevor die furchtbaren Feinde herangestürmt waren, ragte der Berg in die Wolken, und die Heere lagerten auf demselben in unerreichbarer Höhe. Hier waren sie die stärkeren und schlugen jeden Angriff aus ihrer Höhe ab. Die Drachen unten gedachten aber, sie auszuhungern und umzingelten den Berg, so daß keiner mehr herunter konnte.6 Bald wurden der Lebensmittel wenige, und aus hohlen Augen sahen die Heere auf die feindliche Flut im Thale, die sich auf ihren Äckern und Weiden sättigte, nachdem sie alle Weiber und Kinder, die sich nicht hatten flüchten können, getötet, und alle Wohnungen in Brand gesteckt hatten.
Das schlimmste war der Durst. Da der Berg noch unbewaldet war, so konnte es1 auch keine Quellen geben, und jeder Krug Wasser, der aus dem Thal geholt wurde, kostete einem oder mehreren das Leben. In dieser großen Not gingen die Fürsten schon zu Rate, ob sie nicht einen Ausfall machen wollten und kämpfend zu Grunde gehen.
Da trat ein Hirte vor sie hin, jung und schön, mit langen schwarzen Locken und Augen, schwarz wie Kohlen, der sprach: „Ich habe Tag und Nacht gesonnen, den Drachen da unten den Untergang zu bereiten; denn sie haben vor meinen Augen meiner geliebten Maid die Brust durchstochen, sie so an einen Baumstamm genagelt, den2 ihren Pferden an die Schweife gebunden und sie fortgeschleift, daß eine blutige Straße den Weg bezeichnete, auf dem sie von dannen gejagt, bis von der wundervollen Maid nichts mehr da war, als eine lange Haarsträhne, die sich fest um den Baum geschlungen. Ich weiß, wie ich meinen Rachedurst befriedigen kann, wenn ich auch3 selber dabei den jämmerlichsten Tod erleiden muß. Ich habe den ganzen Berg umgangen, den wir gebaut, und fand eine Stelle, die man loslösen und hinabwälzen kann. Ich will sie Euch zeigen; wenn Ihr tief genug gegraben, so gehe ich hinab und sage den Drachen dort unten, ich wolle ihnen den Weg zeigen, wie sie den Berg stürmen können, und wenn ich den Bucium4 hören lasse, so wälzt den Berg auf sie herunter, aber nicht eher, damit ihrer1 genug beisammen sind, und Ihr über Geröll und Leichen entkommen könnt!“
„Wie heißt Du denn, Du Tapferer?“ sprachen die Fürste.
„Ich heiße Bujor.“
„Weißt Du denn, Bujor, was Dich erwartet, wenn sie Dich als Betrüger erkennen?“
„Ich weiß es,“ sprach der junge Mann mit gerunzelten Brauen, „ich sah, wie sie die Unschuld behandeln, was werden sie den Schuldigen thun!“
„Und Du fürchtest Dich nicht?“
„Wovor soll ich mich denn noch fürchten, da mir das Leben leid ist, ohne meine Maid, die ich habe sterben sehen! Mich kann der Tod nicht schrecken!“ —
Sie gruben nun Tag und Nacht eine tiefe Rinne in den Berg, sie trugen so viele Steine zusammen, als sie nur2 finden konnten, was alles keine leichte Arbeit war, da sie von Durst ermattet waren. Aber endlich war die Erde genug gelockert, um beim ersten Anprall hinabzustürzen, und Bujor nahm von ihnen Abschied, machte das Zeichen des Kreuzes3 und stieg zu Thal.
Er sagte den Wachen, er wolle mit dem Fürsten sprechen, er sei dem Verhungern nahe und wolle viele vom Tode retten.
Als er vor dem Gefürchteten stand, schlug dem jungen Manne doch das Herz; denn der Fürst sah ganz entsetzlich aus. Ihr müßt Euch vorstellen, was Ihr Euch nur4 von Grausamkeit und Bosheit denken könnt, und dann ist das alles noch lammfromm gegen1 des Drachenfürsten Gesicht.
Er grinste und leckte sich die Lippen, als ihm Bujor erzählte, er wolle ihm eine Stelle zeigen, die ganz unbewacht sei, und an der er leicht den Berg erstürmen könne.
„Wenn Du mich aber irre führst,“ sprach der Fürst, „so wirst Du so sterben, daß der Tod Dir als süßes Labsal erscheinen wird.“
„So geschehe2 mir,“ sprach Bujor ernst und bat um einen Trunk Wasser.
Die Nacht brach dunkel und sternlos herein, da rückten die Feinde zum Tschachlau heran, in schweigsamen Scharen; die Hufe der Pferde hatten sie mit Heu umwickelt, damit sie keinen Lärm machen konnten. Bujor ging zwischen zwei Reitern, die aus ihren Augenschlitzen ihn unverwandt anschielten. Er ging sehr langsam, damit möglichst viele dicht am Berge seien, bevor er das Zeichen gab; er wußte die Stelle genau, wo der Bucium versteckt war, und mit klopfendem Herzen ging er voran: Wenn es ihm nicht gelang, sein Horn an die Lippen zu setzen, ohne daß3 die Drachen es merkten, was dann? —
Er sah ihre schwarzen Scharen sich dichter und dichter um ihn drängen; jetzt begannen sie zu steigen, und hier lag der Bucium.
Bujor nahm ihn fest in die Hand, sah sich noch einmal unter den Feinden um, machte das Kreuz und blies aus aller Kraft. In dem Augenblick wurden ihm sämtliche Zähne eingeschlagen und eine Schlinge um seinen Hals gezogen. Ehe er aber das Bewußtsein verlor, sah er den Berg sich bewegen und hörte ein Dröhnen, als wenn der Erdenschoß sich aufthäte, dann ein Angstgeheul ringsum, und dann lag er begraben, inmitten von tausenden von Feinden. Die Rumänen aber stürmten zu Thal, über Schutt und Erde und Leichen von Menschen und Pferden fort; es ward ein solches Gemetzel, daß man noch Jahre nachher nichts als Schädel und Gliedmaßen fand, wie Maiskörner geschichtet. Die Feinde wichen zurück, und die Rumänen bahnten sich1 den Weg in die Berge, wo sie geborgen waren; die Drachen gaben es endlich auf, sie zu verfolgen, und jagten in andere Länder davon, sie2 zu verheeren.
Bujor war aber nicht tot; ein Stein hatte ihn gedeckt, anstatt3 ihn zu zerschmettern, so daß die nachstürzende Erde leichter auf ihm geschichtet lag und ihm etwas Luft gewährte.
Nach mehreren Stunden kam er zu4 sich und spürte die Schlinge an seinem Halse; als er sie losmachen wollte, fühlte er eine erkaltete, steife Hand, die sie hielt und die er nicht öffnen konnte. Er gedachte, sie mit den Zähnen zu zerbeißen, da merkte er, daß er keine Zähne mehr hatte, und wenn er sich zu viel bewegte, rollte die Erde herab und beengte mehr und mehr den Raum, in welchem er atmete. Da kroch er langsam an die tote Hand heran, lockerte die Schlinge und zog den Kopf heraus. Jetzt konnte er sich rühren. Mit großer Vorsicht begann er, wie ein Maulwurf, die Erde wegzukratzen, den Platz unter dem Stein schonend, daß er atmen konnte. Er mußte oft absetzen, denn immer, wenn er glaubte, Luft zu haben, stieß er auf einen Toten, den er nicht aus dem Wege räumen konnte.
Aber endlich, endlich ward eine Stelle hell, so weit wie die Dicke eines Fingers, dann wie eine Hand, und wie trunken sog er die Luft ein, die hereinströmte. Mit letzter Anstrengung arbeitete er sich frei. Als er den Tag sah, ward er ohnmächtig. Wie lange er so gelegen, wußte er nicht. Als er die Augen aufschlug, war es ringsum totenstill; Freund und Feind waren verschwunden, und was1 unter dem Berge begraben lag, das stand nicht mehr auf, um zu erzählen, was geschehen sei. Bujor kam sich gar nicht vor wie ein großer Held, der er doch war, sondern wie ein armes, verlassenes Menschenkind, das gar kein Recht hatte, am Leben zu sein, da es2 tot war, für Freund und Feind. Doch regten sich Hunger und Durst, und er schwankte auf matten Beinen zu Thal. Lieber wollte er von den Drachen gespießt und geschleift werden, als so elend Hungers3 sterben, allein unter lauter Leichen. Aber kein Feind ließ4 sich sehen, und Bujor konnte zum Fluß gelangen, seinen Durst zu stillen; dann sah er sich um, wo die Seinen hingekommen sein könnten. Auf5 Tage im Umkreise gab6 es keine Menschen dort; was7 Beine hatte, war entflohen, und was nicht fliehen konnte, war getötet. Bujor wandte sich den Bergen zu; dort konnten die Heere sein, die wie1 vom Erdboden verschwunden waren. Er schlug aber einen falschen Weg ein und kam weiter und weiter von ihnen ab. Sie waren schon wieder zu Thal gezogen, bevor er sie erreichte. Endlich war er das2 Suchen müde und dachte: „Sie halten mich ja doch für tot, warum suche ich sie noch?“ stieg weiter in die Berge und ward wieder Schäfer, wie er es3 früher gewesen.
Wenn er dann abends4 den Hirten seine Geschichte erzählte, so lachten sie über seine schöne Erfindung, denn bis zu ihnen war der Kriegslärm nicht gedrungen, sie hatten auch die Drachen nicht gesehen und Bujors eingeschlagene Zähne schrieben sie einem Streite zu. Sie sagten: „Bujor erzählt so oft seine Geschichte, daß er sie schon selber glaubt!“ —
„Der Arme!“ riefen die Mädchen, als Mosch Gloantza still war. „Was machte5 er denn dann?“ — „Ist er immer dort geblieben?“ — „Wurde er nie belohnt, für seine Heldenthat?“ so schwirrten die Fragen der Mädchen durch einander.
Mosch Gloantza aber hatte seinen Tabak herausgenommen, seine Pfeife gestopft, rauchte behaglich und schüttelte nur den Kopf zu allen den Fragen. „Geht ihn suchen,“ sagte er endlich; „vielleicht hat ihm Gott zum Lohn ein langes, langes Leben geschenkt!“
„Dann ist er gar zu alt und unheimlich!“ riefen die Mädchen und tanzten eine Hora,6 um Bujor zu vergessen.
V
Rîul Doamnei1
Unweit dem2 lieblichen Gebirgsstädtchen Câmpa Lungo3 windet sich ein frischer, klarer Bach dahin, der Rîul Doamnei, „der Bach der Fürstin“ genannt. Dieser Bach führt Gold in seinem Bette, zuweilen Stücke halb so groß wie ein Fingernagel, und es war vor Zeiten Sitte, daß dieses Gold allemal der Fürstin gehörte. Und warum es ihr gehörte, das ging so zu:
In dem Rumänenlande war eine große Hungersnot, eine Hungersnot, wie man seit Menschengedenken nichts ähnliches gesehen. Zuerst waren die Heuschrecken gekommen, in solchen Schwärmen, daß sie die Sonne verdunkelten, und wo sie sich niederließen, da war das schönste Ährenfeld in einigen Minuten kahl wie eine Tenne, die Bäume ohne ein einziges Blatt starrten mit ihren nackten Ästen in den Sommer hinein, dessen ewig blauer Himmel die Hitze immer4 größer werden ließ, so daß bei Nacht keine Erfrischung mehr in der Luft war. Sobald alles ringsum abgefressen war, erhob sich die Wolke von Heuschrecken, um sich schnell wieder auf das nächste Grün zu senken. Und so ging es1 unaufhaltsam fort, und damals war man noch nicht so klug wie heute, wo man die großen Strecken mit Petroleum begießt und das alles dann in Brand steckt. Kanonen gab es auch2 noch nicht, mit denen man, wenn sie fliegen, darunter schießen und sie so auseinandersprengen kann.
Nach den Heuschrecken waren die Polen von Norden her eingefallen, die Ungarn von Westen und die Türken von Süden, und so wurden die Häuser verbrannt und das Vieh geraubt. Jetzt hatten alle diese Feinde das Land verlassen, hatten aber Fieber und Seuchen unter Menschen und Tieren zurückgelassen. Mit schwarzen Lippen und Wunden am3 Körper gingen die Menschen umher. Das Vieh verreckte in Massen auf den dürren Feldern, wo es keinen Halm mehr gab. Nur die Hunde und Raben hatten gute Tage. Die Luft zitterte vor Hitze, und auf weite Strecken verbreitete sich ein entsetzlicher Geruch, der wie ein Pesthauch die Menschen niederwarf, so daß sie in wenigen Stunden starben. Man4 hörte keine Klagen mehr, denn dumpfe Verzweiflung hatte alles zum Schweigen gebracht. Es5 läutete keine Glocke mehr, es gab weder Sonn-6 noch Feiertag; auch keine Arbeit, denn man hatte keine Ochsen zum Pflügen und kein Korn zum Säen. Wie Gespenster schlichen die Menschen umher. Kaum fanden sich7 noch Leute, die Toten zu verscharren. Viele blieben, samt dem Vieh, auf dem Felde liegen.
Die schöne Fürstin Irina8 fühlte ihr Herz vor Mitleid brechen. Sie hatte alle ihre Juwelen hergegeben für die Armen; sie hatte mit ihrem letzten Gelde Vieh gekauft für die Bauern; das war aber gleich der Seuche erlegen. Sie hatte die Hungernden gespeist, bis sie selbst kaum mehr genug hatte für ihre vier kleinen Kinder. Verzweiflungsvoll stand sie am Fenster, rang die Hände und betete: „Lieber Gott!1 Hast Du mich denn ganz verlassen? Willst Du unser armes Land ganz vernichten? Haben wir denn so viel gesündigt, daß wir solche2 Heimsuchung ertragen müssen?“ — Da kam ein leises, kühles Wehen herein, mit einem so süßen Duft, wie von dem schönsten Blumengarten, und eine silberne Stimme sagte: „Aus einem Flusse wird Dir Hilfe erwachsen. Suche nur!“3
Da ging sie zum Fürsten, ihrem Gemahl, und zu ihren Kindern, nahm Abschied und sagte, sie werde bald wiederkommen. Sie wisse, wo zu suchen, um alle von der Qual zu erlösen. Sie that4 so heiter und so sicher, daß alle Vertrauen und Hoffnung gewannen; denn sie verschwieg ihnen,5 daß sie nicht einmal6 wußte, was sie suchen solle.
Sie begann eine mühselige Wanderung in der heißen Sommerglut, den Flüssen nach.7 Manchmal fand sie noch ein mageres Pferdchen, das sie eine Strecke weit trug, dann aber unter ihrer leichten Last tot zusammenbrach. Sie ging am Olto8 hinauf, am Gin, am Buzlu, am Sereth, an allen großen und kleinen Flüssen. Spärlich wanden sich diese durchs Gestein, und die sonst so mächtigen Wasser flüsterten kaum noch dahin, wo sie sonst rauschten und brausten.
„Lieber Gott!“ betete die Fürstin. „Laß doch1 eine kleine Wolke erscheinen, wenn ich den Fluß gefunden, der mir helfen soll!“ Aber es kam keine Wolke. Sie wanderte zum zweiten Mal den Argesch2 hinauf und wollte3 eben traurig umkehren, als sie die Mündung eines kleinen Baches gewahrte, auf die sie vorher nicht geachtet. Zögernd lenkte sie ihre Schritte dahin, mit immer4 schwererem Herzen, je kleiner und unbedeutender der Bach ihr erschien.
Von den Steinen,5 auf denen sie ging, ermattet, blieb sie einen Augenblick stehen und seufzte: „Ich finde nichts, gar nichts! Und vielleicht verhungern und sterben unterdes meine Kinder! Vielleicht war mein Gedanke thöricht, ein Hirngespinst, eine Lüge!“ Wie6 sie so sprach, war7 es ihr, als fiele ein Schatten über sie. Sie dachte, es seien die Thränen, die ihre großen, müden Augen zum ersten Male füllten. Sie wischte sie fort; nein es war ein Schatten in der baumlosen Heide, und wie sie die Augen erhob, hatte sich die Sonne hinter eine ganz kleinen Wolke versteckt, die langsam größer wurde.
Irina begann zu zittern vor freudigem Schreck. Hatte Gott sie gehört, oder war es wieder ein Irrtum? „Lieber Gott!“ betete sie, „wenn dies der Fluß ist, so laß die Wolke größer werden und Regen fallen; denn schon der Regen ist Segen und hilft aus vieler Not!“ Sie ging immer ein wenig weiter; ja, die Wolke wurde größer; sie ging schneller, ja, sie lief, bis sie vor Schwäche nicht mehr konnte;1 da begannen einige große schwere Tropfen zu fallen. Sie sog sie2 mit den Lippen auf, mit den Augen, mit Händen und Haaren.
Da rauschte und rieselte es3 ganz leise um sie her, und mit einem Mal brach ein wahrer Wolkenbruch los. Sie ging, so gut sie konnte, im nassen Lehm, im Flußbett, bis der Fluß zu schwellen begann und in braunen, schaumigen Massen angerauscht4 kam, wie ein breiter Fluß. Sie mußte manchmal stehen bleiben und ihren Pfad suchen, ging aber immer fort aus Furcht, der Regen möchte wieder aufhören. Es regnete den5 ganzen Tag und die ganze Nacht. Die Fürstin war so naß, daß es6 wie ein Bach aus ihren Kleidern floß. Sie wand sie7 aus, schürzte sie und ging weiter noch einen Tag und noch eine Nacht. Sie war schon im Gebirge und fiel oft hin vor Erschöpfung. Endlich blieb sie am Ufer liegen und schlief ein, während der Regen auf sie niederströmte und das Wasser immer höher schwoll, als8 wollte es nach ihr greifen und sie fortschwemmen.
Von Frost geschüttelt wachte sie auf. Da stand in der Morgenluft die leuchtende Sonne so frisch, als hätte sie selber ein Bad genommen und siehe, der Bach war nicht mehr braun, sondern klar und blau wie die Luft, und im Grunde desselben blinkte und glitzerte es9 wie lauter Sonnenstrahlen. Irina schürzte ihr Gewand und watete hinein. Sie mußte sehen, was10 so wunderbaren Glanz hatte. Und siehe, es war lauter Gold! Im Wasser fiel sie auf die Kniee und dankte Gott laut und inbrünstig. Gold! Gold! Nun konnte sie helfen. Sie ging behutsam im Wasser weiter und sammelte die Körnchen und die kleinen Stücke und füllte ihren Mantel damit, bis sie die Last kaum mehr tragen konnte. Nun aber schnell nach Hause mit ihrem Schatz, den sie vor ihren Gemahl ausschüttete! Die Kinder lebten noch, wenn auch1 in großer Schwäche und Erschöpfung, und erkannten sie fast nicht, so war sie abgemagert und sonnverbrannt. Aber Boten gingen nun in die Länder und kauften Korn und Mais, Samen und Vieh, und der Fluß wurde nicht müde, zu spenden, bis der Not ein Ende war und lachendes Grün und fette Weide wieder die rumänischen Gefilde deckte. Das dankbare Volk aber nannte den Bach „Rîul Doamnei“ und niemand sollte das Gold darin anrühren dürfen als Eigentum, als nur die Fürstin des Landes. Die späteren Fürstinnen müssen es aber wohl2 weniger gut angewendet haben, denn der Fluß ist sparsamer geworden, und daß Gold, daß hier und da ein Bauer darin findet, wird im Museum aufgehoben.