Don Gaspar lachte laut auf und langsam auf den Chilenen zuschreitend, sagte er, sich auf dessen Schulter mit seinem linken Ellbogen stützend:
»Wir haben Besuch da unten bekommen — noch ein paar Herren, die wahrscheinlich auch die Merkwürdigkeiten dieser alten Revolutionsveste anzuschauen wünschen, aber Don Federigo, hahaha, Don Federigo will sie nicht herauf lassen.«
Don Manuel machte ein etwas verdutztes Gesicht, und schien sich in dem Augenblick so in der unmittelbaren und fast etwas zu vertraulichen Nähe des jungen Mannes nicht besonders wohl zu fühlen, außerdem mußte ihm die Unterhaltung unten ebensowenig angenehm sein, und er machte auch schon eine Bewegung, als ob er nach der Treppe zurückgehen wollte, besann sich aber wieder und sagte dann gleichgültig:
»Besucher? — wohl schwerlich, Don Gaspar, müßiges Gesindel, das sich auf den Straßen herumtreibt und bettelt, Don Federigo wird sie schon abfertigen, bitte, kommen Sie.«
Don Gaspar hatte indessen seine Stellung nicht verändert und das Lächeln, das um seine Mundwinkel zuckte, gefiel dem scheu zu ihm aufschielenden Chilenen nicht; dieser machte sich auch von dem Arm des ihn ruhig gewähren lassenden Spaniers los und trat auf die Schwelle der nächsten Thür.
»Aber wollen wir nicht warten, bis sich Don Federigo uns anschließt, Señor?« sagte der Spanier, ohne den Platz zu verlassen, auf dem er stand, und wo er aus dem schmalen Gang durch ein offenes und gitterfreies halbverfallenes Fenster eine kleine Beistraße überschauen konnte — »Wetter noch einmal, dieß muß früher wirklich eine Art von Gefängniß gewesen sein, sehn Sie nur, Don Manuel, was für schwere Thüren und an einigen wirklich noch starke Riegel — das Schloß, was dort liegt, scheint man total vergessen zu haben — puh, wie dumpfig die Räume hier sind,« setzte er schaudernd und fast wie mit sich selbst redend hinzu — »wie dumpfig und schwül gegen die freie, herrliche Natur da draußen.«
Er schritt langsam in dem Gang hin und blieb neben Don Manuel stehn, der wieder, ohne sich irre machen zu lassen, seine Erklärung des entsetzlichen Mordes begann.
»Und ich werde es unter keiner Bedingung zugeben,« tönte in diesem Augenblick die Stimme des jungen Arztes klar und deutlich zu ihnen herauf, »ich habe selber mit —« und die Worte wurden hier leiser und undeutlich.
»Es scheint doch ein Besuch zu sein,« meinte Don Gaspar lauernd; Don Manuel aber, der zuerst seine Unterlippe zwischen die Zähne und die Brauen zusammenzog, gewann bald seine Ruhe wieder und sagte lachend:
»Unser junger Freund hätte die guten Leute auch können herauf kommen lassen, sie würden uns nicht genirt haben; doch wie dem auch sei, sehn Sie, Don Gaspar — dort in jener Ecke können Sie noch die Spuren der schon erwähnten That erkennen. Ich freue mich, wie irgend einer meiner Landsleute der gewonnenen Freiheiten unseres schönen Vaterlandes, aber ich bedauere jene furchtbaren und leider oft unnütz gewesenen Grausamkeiten, durch die sie theilweis mit erkauft werden mußten.«
In diesem Augenblick öffnete sich dicht neben ihnen leise und geräuschlos eine Thür, und ein Kopf schaute heraus, fuhr aber schnell wieder zurück, als er noch eine Gestalt auf der Schwelle der Thüre bemerkte, Don Gaspar hatte jedenfalls nur den flüchtigen Schein desselben bekommen, aber er blieb regungslos in seiner Stellung und wieder nur spielte das Lächeln um seine Lippen. Es war kein Zweifel, er kannte die Gefahr, in der er sich befand, zu ihrer vollsten Größe, aber gerade das schien ihn zu reizen, wie er sich dem Hai entgegen und unter die Hufen der wüthenden Rosse geworfen hatte, so spielte er damit, den Augenblick mit wahrer und wilder Schadenfreude, erwartend, wo sie in ihrer Macht über ihn hereinbrechen würde — was wußte er von Furcht?
»Und doch wohnen hier noch Menschen oder hausen hier wenigstens zu Zeiten,« bemerkte der Spanier, auf fünf oder sechs erst kürzlich weggeworfene Stümpfe von Cigarillos21 deutend, die nicht weit von der Thür am Boden lagen.
»Besucher jedenfalls, die sich den alten Platz anschauen,« erwiederte der Chilene, »die Regierung soll es aber, wie ich kürzlich gehört habe, nicht gern sehn, wenn besonders Fremde hierher kommen; solche Grausamkeiten machen immer böses Blut, und man vermeidet gern, jetzt, wo überdieß die Zeit auch schon so lange vorüber ist, jede Erinnerung daran.«
»Diesem Princip nach scheint Don Federigo ebenfalls zu handeln,« lächelte Don Gaspar, nach dem niederen gegenüber liegenden vergitterten Fenster deutend, das den inneren Hof überschaute. Dort wurden eben die beiden Männer sichtbar, die über den Hof schritten und diesen, allem Anschein nach, verlassen wollten, als Don Manuel auch, wie sie schon fast die Thür erreicht hatten, an das kleine Fenster sprang, hinaus rief und sie bat, zurück zu kommen.
»Es sind Bekannte von mir, Señor,« sagte er dabei, sich wieder zu diesem wendend, brach aber in der fast entschuldigend gehaltenen Rede kurz ab und sprang nach der Thür, denn er sah nur eben noch, wie Don Gaspar durch dieselbe verschwand und sie hinter sich zudrückte. Zu spät warf er sich aber mit all seiner Kraft dagegen, der rasch von außen vorgeschobene Riegel war bestimmt gewesen, einen Wahnsinnigen zu halten, und spottete all seiner Anstrengungen.
Im Nu hatte aber auch der wachsame Spanier die zweite Thür, aus der er vorher lauschend den Kopf gesehn und ohne weiter zu untersuchen, wer oder was darinnen sei, ebenfalls verriegelt, und laut auf lachte er in triumphirendem Spott, als auch hier von innen sich Jemand gegen die Pforte warf und deren Verschließen freilich vergeblich, zu verhindern suchte.
»Zwei Vögel mit einem Schlag fest,« rief er dabei höhnisch Don Manuel zu, als er an diese Thür auch noch rasch das Vorlegeschloß hing und eindrückte und dann der Treppe zuschritt — »aber ich sah noch mehr Augen. So, Compañero,« setzte er dann hinzu, »fest und richtig verwahrt, o armer Don Manuel, allein und einsam jetzt in der entsetzlichen Schauerkammer, und von einem Tollen überlistet, hahahaha!«
»Machen Sie auf, Don Gaspar, machen Sie auf, das ist schlechter Spaß — Don Federigo — Pedro — Fernando!« schrie der Gefangene.
»Hahahaha!« lachte Don Gaspar, aber seine Hand lag an dem Griff des langen Messers, das er vorsichtig und versteckt unter der Weste an seiner linken Seite trug, denn die Treppe herauf klangen rasche, elastische Schritte. Es war Leifeldt, und der Spanier, die Hand zurückziehend, begegnete dem Freund an dem oberen Treppensims.
»Was haben Sie gemacht, Don Gaspar, was geht hier vor?« rief dieser, mit dem Arm den Gang hinabdeutend, von woher die lauten, fast ängstlichen Laute der Chilenen tönten.
»Komm, Federigo,« entgegnete ihm aber der Spanier, zugleich seine Hand ergreifend und ihn mit sich die Treppe hinabführend, »komm, wir wollen den Señor Don Manuel de San José oder wie er sonst heißen mag, ruhig der Bewunderung seiner spanischen Erinnerungen überlassen — er hat auch noch Gesellschaft dort oben, aber in einer Viertelstunde« — setzte er dann rascher und bedeutungsvoller hinzu, »erwarte mich in unserem Hotel auf meinem Zimmer, lieber früher als später, ich habe Dir Wichtiges zu entdecken — wirst Du kommen?«
»Gewiß, aber —«
»Kein aber jetzt, Amigo — jener Bursche hatte Arges mit mir im Sinn — beruhige Dich, ich weiß Alles, und die kleine Lehre wird ihm gut thun, laß mich nur nicht zu lange warten. Du wirst dort über Manches Aufklärung bekommen, so säume nicht und überlaß den Señor da oben seinem Schicksal, ein wenig Angst mag ihm die Probe dessen sein, was er mir für eine Lebenszeit zugedacht.«
Sie hatten indessen den Fuß der Treppe erreicht und begegneten hier den beiden Peons, die allerdings etwas überrascht stehen blieben, als sie den in so ruhigem Gespräch die Treppe herabkommen sahen, der, ihrer Meinung nach, eben da oben eingesperrt, solchen Lärm vollführt hatte, Don Gaspars fast wunderbare Ruhe sollte sie noch mehr verwirren, denn dem ersten freundlich auf die Schulter klopfend, sagte er lachend:
»Wir haben ihn, Amigo, das war schlau angestellt und gut ausgeführt — da, verzehrt das in der nächsten Pulperia.« Dem ersten einen Dollar in die Hand drückend, nickte er freundlich dem jungen Arzt zu und rasch über den Hof der Thüre zuschreitend, blieb er nur einen Moment noch an der Pforte stehn, zurückzuschauen, warf dem jetzt wüthend in den Hof hinab tobenden Don Manuel einen lächelnden Kuß mit den Fingerspitzen zu, und war wenige Sekunden später in dem schmalen dunklen Ausgang verschwunden.
Eine merkwürdige Ruhe, nur manchmal von einem eigenthümlichen kecken Humor durchblitzt, hatte das Betragen des Spaniers die ganze Zeit, und zwar von dem Augenblick an charakterisirt, wo er das ihm verdächtige Gebäude in der Gesellschaft der beiden Männer betreten, bis zu da, wo er dessen Schwelle — allein — wieder überschritt, wie verwandelt aber schien er selbst in dem Moment, als er die dunkle, finstere Mauer, als er die Gefahr damit, hinter sich ließ. Wie nach jeder übergroßen, übernatürlichen Anspannung und Überreizung der Sehnen, stellte sich eine um so gewaltigere Erschlaffung ein, da sie so plötzlich war — der Schweiß trat ihm in großen Tropfen auf die Stirn und förmlich gewaltsam mußte er sich aufraffen, noch Kraft genug zu behalten, in flüchtigen Sätzen die Straße hinab zu fliehn.
Dort passirte gerade in dem Moment einer der gewöhnlichen Wagen mit zwei Pferden, das eine in der Gabel, das andere am Gurt befestigt, den Kutscher halb schlafend auf dem Bock.
»Ahi, amigo!« rief er dem mechanisch bei dem Ruf in die Zügel greifenden zu und schwang sich, ohne die Thüre zu öffnen, in das Innere — »kennst Du die Wohnung des alten englischen Señors, Don Guillelmo Nulando?«
»Si, Señor!«
»Brav, mein Bursche, rasch denn dort hin, ein gutes Trinkgeld ist Dein.«
Der Kutscher berührte seine Thiere mit der schwanken Peitsche, und der Wagen klapperte in scharfem Trab die Almendral hinauf, der Wohnung Mr. Newlands zu, den Passagier kaum zehn Minuten später, vor dessen Thüre abzusetzen.
Don Gaspar klopfte und folgte der alten Magd, die ihm öffnete, die Treppe hinauf. »Mr. Newland war auf der Börse, das Dampfschiff ankommen zu sehn, was diesen Morgen signalisirt worden, und durfte wohl kaum vor Abend zurück erwartet werden; Mistreß war ebenfalls ausgegangen und Miß Jenny allein oben im Parlour — der junge Mann hatte sie ja schon so oft besucht, Miß Jenny würde sich gewiß freuen, ihn zu sehn, sie brauchte ihn gar nicht mehr zu melden.«
Don Gaspar war schon lange, ehe die geschwätzige Alte nur die Hälfte ihrer Rede vollendet hatte, oben an der Treppe und im Vorsaal. Was er hier wollte, schien er selber nicht recht zu wissen — Abschied nehmen? — sich rechtfertigen? — das Mädchen noch einmal sehen, von dem ihm der Freund gesagt, daß ihre Seele an ihm hinge in heißer Liebe? — Es waren das dunkle Bilder, die ihm wohl vorschwebten und, einer Art von Ziel entgegentrieben, ohne daß er sich jedoch feste Rechenschaft davon zu geben gewußt hätte. Er fühlte mehr den Augenblick nahen, der sein Schicksal überhaupt entscheiden sollte, und — er mußte der Stelle noch ein Lebewohl sagen, wo er seit langen, langen Jahren wieder die ersten Stunden heiteren stillen Glücks verlebt. War es aber das Haus allein, das ihn gefesselt, mit dem gastlichen Willkommen, der ihm geboten worden, der derbe Händedruck des biederen alten Mannes, das geschwätzige, aber so herzliche Wesen der Matrone, das frohe Lachen des Kindes, das ihm sonst halbe Straßen lang entgegen lief und an seinem Hals hing — er hätte keins von alle diesem missen mögen — oder Jenny? Seine Hand hielt schon die Klinke erfaßt, und zögernd noch stand er und starrte vor sich nieder — und Jenny? hatte sich denn durch das Wort des Freundes eine ganz neue fremde Welt so plötzlich ihm erschlossen? Er wußte gar nicht, wie ihm eigentlich geschah, alte wirre Bilder tanzten vor seinem Hirn, wilde entsetzliche Gestalten drängten aus ihrem blutigen Hintergrund und wetterschwangere Wolken lagerten an dem Saum des noch vor Sekunden so sonnigen Himmels. Dort, dort vor ihm lag eine Heimath, spielende Kinder jagten sich auf dem grünenden Rasen, der alte Feigenbaum, der vor der Thür stand, warf seinen freundlichen Schatten auf ein glückliches Paar, dessen Züge er kannte. War das Blut, was dort auf dem grünen, sonnigen Rasen so röthlich blitzte und funkelte, warmes verströmtes Blut? — Nein, die Sonne hatte den Thau noch nicht weggeküßt von den Halmen, sie spiegelte sich jedoch selber so gern in der blitzenden, strahlenden Herrlichkeit. Aber das Paar dort — es waren Jennys Züge, und der Mann? das war er selber — nein, das Haar schimmerte licht und golden in den einzelnen Strahlen, die sich durch das dicht verschlungene, zitternde Laub des Baumes stahlen — das war Stierna. Was sollte auch ihm eine Heimath, ein Heerd, ein Weib, ein Kind, ihm, dem Verlassenen, Verstoßenen.
Er barg das Antlitz wie krampfhaft in der linken Hand, und vor den zusammengepreßten Pupillen tanzten die Bilder toller und wilder und schmiegten sich rasch und gefügig in wunderliche Form und Gestalt — Heimath? dort stand eine kleine, trauliche Heimath, ein niederes, ödes Gebäude, von breiten, zackigen Kacktushecken umgeben, die schmutzigrothen Backsteinmauern nur von engen, düsteren, vergitterten Fenstern unterbrochen, kein lebendes Wesen in der Nähe, kein Mensch — ja doch, da oben an dem einen Fenster, hinter dem starken Gitter, die Stirn, die heiße pochende Stirn an das kalte Eisen gepreßt, stand ein Mann — es war wunderbar, wie genau er ihn erkennen konnte, mit den bleichen Wangen und den schwarzen, tief liegenden Augen — das war er selber — und die Welt lag vor ihm, frei, frei im glühenden, jubelnden Sonnenlicht. Die Schwalben strichen um das Dach, die Sperlinge zwitscherten vom First nieder oder suchten zwischen den stachlichen Kacktusarmen frei ihr Futter; drüben über den Häusern konnte er die grasenden Heerden erkennen, die Möve kreiste über den blutgetränkten Feldern der nächsten Saladeros22, dort jene Reiter galoppirten frei, frei über die weite, grünende Steppe, und nur er — nur er — — Wer war der Mann, der da dicht an der Kacktushecke vor dem Haus stehen blieb und so freundlich hinaufgrüßte? die Gestalt so bekannt, so verhaßt, in dem weiten Poncho und dem flatternden Haar — jetzt wandte sie sich nach ihm her —
»Don Luis!« schrie er, und die Thürklinke, die er noch immer gefaßt gehalten in dem wachenden Traum, brach fast vor der furchtbaren Kraft, mit der sich die Hand auf ihr schloß in krampfhafter Wuth — »Don Luis!« — ihm unbewußt öffnete sich dabei die Thür und der Aufschrei des zum Tod erschreckten Mädchens rief ihn zum ersten Mal wieder, fast seit er den Wagen verlassen, zu sich selbst zurück.
»Aber, Don Gaspar, wie Sie mich erschreckt haben,« sagte Jenny, die sich zuerst wieder gesammelt, mit leisem Vorwurf im Ton, »doch was ist Ihnen, Sie schauen todtenbleich aus,« setzte sie rasch und besorgt hinzu, »sind Sie krank? ist Ihnen etwas geschehn? um Gottes Willen, was stieren Sie mich so an? Don Gaspar?«
»Entschuldigen Sie, Señorita — entschuldigen Sie,« stammelte der Spanier, der sich gewaltsam zusammenraffte, seine Gedanken zurückzuzwingen in die alte Bahn — »die Aufregung heute, mit einem leichten Fieber und Unwohlsein, das mich schon einige Tage geplagt — der Schmerz der Trennung.«
»Trennung? Sie wollen fort?« — rief das Mädchen rasch und augenscheinlich erschreckt, denn ihre Wangen verließ jetzt das Blut, nach wenigen Sekunden mit so viel mächtigerer Fluth dorthin zurückzuströmen — »und wohin? weshalb?« —
»Wohin? — weshalb?« — wiederholte der Gefragte, kaum bewußt, daß er die Worte noch sprach, die Blicke aber fest und forschend auf die zitternde Gestalt geheftet, die vor ihm stand, und sich kaum aufrecht zu halten vermochte — »und schmerzt es Sie, daß ich gehe, Jenny?« setzte er plötzlich weicher hinzu, indem er ihre Hand ergriff, die sie ihm willenlos zu nehmen gestattete, »werden Sie den Fernen — Fremden nicht vergessen haben, wenn der letzte Staub verflogen ist, den die Hufe seiner Rosse aus den Nachbarhügeln Valparaisos geschlagen?«
Er hörte nicht das leise, kaum gehauchte »Nein,« das von den Lippen der Jungfrau floh, die Hand, welche die ihre hielt, mit dieser sinken lassend, starrte er wehmüthig lächelnd vor sich nieder und fuhr mit halblauter Stimme fort, mehr mit sich selber, als zu dem schönen Mädchen redend, das zitternd neben ihm stand und an seine Brust gesunken wäre, hätte sein Arm sich nach ihr ausgestreckt.
»O, es ist ein schmerzliches Gefühl, so weit, weit draußen in der Ferne umherzuschweifen und Niemanden zu wissen in der weiten Gotteswelt. Niemand in diesem All des Hasses und der Liebe, der sich freut, wenn wir kommen, dessen Auge sich näßt, wenn wir gehn; es ist ein trauriges Loos, den kalten Willkommen des Fremden zu hören, und sich dabei noch bewußt zu sein, in dem eigenen Herzen einen so reichen Schatz von alle dem zu tragen, was den eigenen Heerd zu einem Paradiese schaffen könnte. Jeder in der Abendluft kräuselnde Rauch, der die kleine Familie zu traulichem Kreis um das knisternde Kamin sammelt, ist ein schneidender Vorwurf in das arme Herz. Jedes blühende Kindergesicht, das ihm halb keck, halb herzig in die Augen schaut, schnürt ihm die Brust mit einem tiefen, schwer auszudrückenden, aber deshalb auch um so mächtigeren Weh zusammen, und die beiden Worte »allein« — allein und »heimathlos« wären schon in sich selbst genug, ein unglückseliges Menschenkind, das ihnen erlegen, zu Boden zu schmettern, käme nicht auch noch außerdem von den Eltern auf das — aber halt — was ich gleich sagen wollte,« unterbrach er sich da plötzlich mit ganz verändertem Ton und Ausdruck, während seine Hand fester die der Jungfrau umschloß, so fest, daß sie der Druck zu schmerzen begann, und sein Blick wie neugierig forschend, den ihren suchte, »wie ist mir denn, fürchteten Sie sich nicht vor einem — vor einem Wahnsinnigen?«
»Wie kommen Sie jetzt zu der Frage?« hauchte das Mädchen, das Haupt erbleichend von ihm abwendend.
»Ich glaube, wir sprachen einst davon in Ihrem Hause, und ich sah heute« —
»O, um Gotteswillen, reden Sie nicht von so Entsetzlichem,« fiel ihm die Jungfrau rasch und bittend in's Wort, »mir gerinnt das Blut in den Adern, nur bei dem eigenen Gedanken daran, und fremde Worte könnten die Bilder heraufbeschwören, die es Monate brauchen würde, wieder zu verwischen.«
»Und doch ist der Wahnsinn gar nichts so Entsetzliches,« sagte der Spanier, ihre Hand loslassend und sich das feuchte lange Haar aus der Stirn streichend.
»O, Don Gaspar,« bat das Mädchen.
»Fürchten Sie Nichts. Señorita,« beruhigte sie aber dieser mit leisem Kopfschütteln, »ich bin weit davon entfernt, Sie ängstigen oder quälen zu wollen mit thörichten Schaudergeschichten, wie sie das tolle Volk im Munde trägt; nein, ein Vorurtheil wünschte ich bei Ihnen zu besiegen, das Ihnen über kurz oder lang doch vielleicht einmal vielen Schmerz machen dürfte. — Mein Vater war wahnsinnig.«
»Aber, Señor.«
Der Spanier lachte und nahm schmeichelnd wieder ihre Hand. »Er war es ja nur, habe ich Ihnen gesagt, und zwar auf eine wunderliche Art — er glaubte, meine Mutter liebe ihn, und habe ihn deshalb geheirathet, und Jemanden, der ihm den tollen Wahn benehmen wollte — rannte er den Degen durch den Leib — wie es ein neckischer Zufall gerade wollte, traf es sich, daß das sein — eigener Bruder war.« —
»Don Gaspar, wenn Ihnen die Ruhe meiner Nächte, meines Lebens nur das Geringste gilt, so hören Sie auf,« bat aber jetzt in wirklich tödtlicher Angst das Mädchen und suchte sich von der Hand loszumachen, die sie jetzt wieder wie mit eisernem Griff umschlossen hielt. — »Ich begreife Sie nicht; was um des Himmels Willen ist mit Ihnen vorgegangen? und sehen Sie nur, wie entsetzlich Sie mich gedrückt haben,« setzte sie dann hinzu und hielt ihm die eben befreite, ganz dunkelroth gepreßte kleine Hand halb scheu noch, halb lachend entgegen.
»Schelten Sie mich — schelten Sie mich recht aus, Señorita,« rief da der Spanier, sich rasch von ihr abdrehend, »ich bin ein arger Thor, ja ich bin boshaft genug, mich gerade daran zu freuen, wenn ich die — die mir die liebsten sind, ärgern und quälen kann — und zuletzt habe ich doch nur mich selber geschlagen, wie ein thörichtes Kind. — Aber ich muß wahrlich fort,« setzte er dann rascher hinzu, »und in der Scheidestunde ist das Herz ja doch stets trüb und traurig und beschwört die Bilder herauf, die ihm die schmerzlichsten sind in der weiten Welt.«
»Aber weshalb wollen Sie fort? — was treibt Sie — was treibt Sie so plötzlich aus unserer Mitte, aus einem Kreis von Freunden, der Ihnen — zu Dank verpflichtet — so gern noch beweisen möchte, wie — wie werth Sie ihm sind« — sagte die Jungfrau schüchtern und zuletzt mit leiser bewegter Stimme hinzu.
»Weshalb?« wiederholte Don Gaspar tonlos, und schaute rasch und forschend zu dem Mädchen auf — »weshalb? — ja, wie war mir denn, weshalb kam ich doch — ach — Ihr Vater — ja doch — ist Mr. Newland nicht zu Hause? — er wird mir die Auskunft geben können.«
»Weshalb Sie fort von uns müssen,« sagte Jenny wehmüthig lächelnd und den Kopf schüttelnd, »o Sie wunderlicher Mann, wie läge das in seinen Kräften, und wird's ihn nicht selber schmerzen, wenn er Sie missen soll, der Sie ihm zuletzt ein wirklich fast unentbehrlicher Freund geworden?« —
Don Gaspar schüttelte traurig mit dem Kopf.
»Glauben Sie das nicht, Señorita — was hätte Don Guillelmo an dem wilden, launischen Gesellen, der unstät wie ein Frühlingstag, bald seine Nachsicht, bald sein Mitleiden in Anspruch nahm, oder ihn ärgerte und reizte in heftiger, unerquicklicher Debatte. Nein, nein, er wird den Fremdling bald vergessen, den einst die gütige Vorsehung wohl einmal benutzte, einen ihrer kleinen Lieblinge noch länger auf dieser Erde zu halten, den Seinen zum Trost, zur Lust, der aber jetzt schon weit, o, recht weit von hier fort sein sollte — und es auch wäre — hielten ihn nicht Banden — heilige, feste Banden.« —
»Heilige Banden?« rief Jenny rasch und erschreckt emporfahrend, und den Blick mit durchbohrender Schärfe auf ihn heftend — »feste Banden? — Sie?« —
»Banden?« wiederholte der Spanier und sein Geist sprang augenscheinlich auf dem Wort ab, nach anderer Richtung hin — »mich? — nein — noch nicht, hahaha — sie waren nicht schlau genug dazu.«
»Ich verstehe Sie nicht,« sagte das Mädchen, und das Blut schoß ihr in Strömen in die Schläfe, und färbte ihr Wangen und Nacken.
Don Gaspar schwieg erschreckt — fast instinktartig fühlte er, daß er wildes, tolles Zeug gesprochen, aber er fürchtete fast eben so, es zu widerrufen. Schweigend stand er dem holden Mädchen einige Sekunden gegenüber, jetzt zum ersten Mal, seit er das Gemach betreten, haftete sein Blick voll und ruhig auf den lieben, bewegten Zügen, und er sah, wie an den langen, seidenen, niedergeschlagenen Wimpern zwei große, schwere Thränen zitterten und langsam niedertropften.
»Jenny,« sagte er da weich und leise, und ihr näher tretend, ergriff er wieder ihre Hand — »ich habe Sie wohl recht gekränkt mit meinen harten, ungestümen Worten — und — ich war doch hergekommen aus einem ganz, ganz anderen Grunde — weshalb? weiß ich mir eigentlich selber keine Rechenschaft zu geben; ich verlasse heute die Stadt noch nicht, aber mir war, als ob ich vor der nächsten Zeit, die in grimmer, unerbittlicher Entscheidung mein wartet, Ihr holdes Antlitz noch einmal sehen, den Blick dieser sanften Augen noch einmal in meine Seele prägen müsse, sollte ich im Stande sein, zu ertragen, was — was nun eben der wunderliche Herr Gott da droben über mich auszuschütteln im Begriff ist, und dann —« er hob langsam ihre Hand an seine Lippen und drückte einen leisen, leisen Kuß darauf — »mit leichtem Muth der nächsten Zeit zu begegnen. Ich glaubte mich durch diesen Augenblick gegen Alles gewappnet, und — finde nun, daß ich mich bös, o, bös geirrt.« —
»Halloh, Kinder!« rief in diesem Augenblick eine fröhliche Stimme, und der alte Mr. Newland stand in der geöffneten Thür, die traurige Gruppe der Beiden, die ihn gar nicht kommen gehört, halb erstaunt, halb lachend betrachtend.
Jenny schrak zusammen, als ob sie auf einer bösen That betroffen worden, und wurde todtenbleich, Don Gaspar dagegen hob langsam den Kopf, und dem alten Herrn ruhig die Hand entgegenstreckend, sagte er freundlich:
»Sie kommen wie gerufen, lieber Señor, mir liegt etwas auf dem Herzen, daß ich nicht länger allein tragen kann und will, und Sie gerade sind der Mann —«
»Segne meine Seele!« unterbrach ihn aber der Alte mit lautem Lachen, »wenn der nicht mit Leesegeln an beiden Seiten vor dem Winde, zehn Knoten die Stunde geht, offene See und keine Leeküste, o! — aber darauf kommen wir nachher zurück, jetzt erst, Kinder, eine fröhliche Botschaft, daß ich die los werde, und nicht auseinanderspringe vor lauter Vergnügen — Bill kommt.«
»Bill?« rief Jenny aus ihren nur halb getrockneten Thränen hervorlächelnd, »aber wenn, Papa, wenn?«
»Übermorgen, morgen vielleicht schon!« rief der alte Mann fröhlich, »der Dampfer hat das Schiff an der Küste, gar nicht weit vom Hafen mehr getroffen, und wenn der Wind nur noch ein wenig aufräumt, können sie vielleicht morgen schon ihren Anker hier bei uns niederrasseln lassen. — Nun kommt auch der Vater des kleinen Burschen, Señor, den Sie retteten, und einen warmen, dankbaren Freund werden Sie an dem finden.«
Zwei Reiter galoppirten die Straße hinab — es war Polizei, und Don Gaspar schaute ihnen lächelnd nach — er hörte gar nicht, was der alte Herr in seiner Herzensfreude zu ihm gesagt hatte.
»Und du warst am Bord des Dampfers, Väterchen?« frug die Jungfrau, froh, einem Gespräch enthoben zu sein, das ihr das Herz zusammen zu schnüren gedroht — »hatten sie Bills Schiff signalisirt?«
»Doch wohl, Kind, doch wohl,« sagte der Greis, sie an sich heranziehend und ihre Stirn küssend — »aber an Bord war ich nicht, sondern traf eben bei dem Argentinischen Konsul einen alten Freund, der mir die fröhliche Botschaft gab. — Segne meine Seele, ich habe ihm nicht einmal Adieu gesagt, in solcher Eile war ich, Dir die Nachricht zu bringen — den Konsul wollte ich mit hierherschleppen, der hatte aber den Kopf voll und mußte auf die Polizei, und Don Luis de Gomez —«
Ein wilder, fast nicht mehr irdisch klingender Schrei unterbrach ihn hier, und als sich Beide rasch und erschreckt der Richtung zuwandten, von der jener unheimliche Laut ertönte, sahen sie den Spanier mit todtenbleichem, leidenschaftlich aufgeregtem, fast verzerrtem Antlitz, die weit geöffneten Augen starr und aus ihren Höhlen drängend auf den Erzähler geheftet, die Arme vorgestreckt, und das schwarze krause Haar in ungeregelten, fast emporsträubenden Locken über die marmorblasse Stirn geworfen, mitten im Zimmer stehen. Eben hatte er dessen letztes Wort, den Namen, aufgefangen, und die wenigen Sylben schienen einer Zauberformel gleich auf den Unglücklichen zu wirken.
»Don Gaspar — was um des Himmels Willen ist Ihnen geschehen,« riefen Vater und Tochter fast zu gleicher Zeit.
»Don Luis de Gomez!« war aber Alles, was der Spanier nur in bleicher zitternder Wuth, jede Muskel seines Körpers bebend in der furchtbaren Aufregung, auszustoßen vermochte — »Don Luis de Gomez!« und Alles was er an Haß, Wuth und Rache kannte, häufte sich in dem einen Namen des Feindes. Die geballten Fäuste schlug er dabei zusammen, und der halb geöffnete Mund zeigte die beiden Reihen perlenweißer, aber fest zusammengebissener Zähne, hinter denen vor die Laute zischten.
Leifeldt stand noch wie in einem Traume, als ihn Don Gaspar schon mehrere Minuten verlassen hatte, und nur erst der Lärm, den der in seiner eigenen Falle gefangene Don Manuel oben machte, brachte ihn wieder zu sich selber.
Die beiden Peons unten ebenfalls wußten nicht, was sie von dem Allen denken sollten. Ihrer Meinung nach hatte es ihnen kaum anders möglich geschienen, als daß der, der sie da eben so ruhig und gleichgültig verlassen, der Bezeichnete sein müsse, den festzunehmen sie heimlich heute Nachmittag durch Don Guzman de Ribera hierher bestellt waren, und gleichwohl saß der Andere jetzt oben fest, und dieser ging ruhig und ungehindert von dannen. Und Don Manuel? — dem zu gehorchen waren sie doch herbeordert; konnte es möglich sein, daß er selber der Tolle gewesen wäre? —
Der junge Arzt stand indeß noch unschlüssig an der Treppe. Er konnte Don Manuel hier nicht gut hinter Schloß und Riegel sitzen lassen, und gleichwohl hatte er eine kleine Strafe für sein doppelgängiges Wesen verdient; Leifeldt freute sich ordentlich, daß Don Gaspar die Falle gemerkt und auf die Häupter seiner eigenen Verfolger geleitet habe. Langsam schritt er den Gang entlang und der Thüre zu, hinter der dieser schrie und tobte und herausgelassen zu werden verlangte, und seine Wuth wurde noch durch die beiden Peons vermehrt, die unten im Hof jetzt mit offenem Munde standen, zu ihm hinaufschauten und eben durch sein furchtbares Wüthen mehr und mehr darin bestärkt wurden, daß doch wirklich Don Manuel und niemand anders der plötzlich toll gewordene sei, und jetzt hier zu der Stadt Besten im Allgemeinen, und seinem eigenen insbesondere, hinter Schloß und Riegel verwahrt werden sollte. All seine Ausrufungen und Befehle, die er mit vor Zorn halb erstickter Stimme den unten Gaffenden hinunterschrie, konnten dabei nicht dazu dienen, sie vom Gegentheil zu überzeugen, und endlich, der Sache auch eine spaßhafte Seite abfindend, stießen sie sich unter einander mit den Ellenbogen, und sahen sich an und platzten dann gerade heraus in ein nicht enden wollendes Gelächter.
Wie lang diese Scene gedauert haben würde, ist unbestimmt, Don Manuel war aber durch das, was er Spott glaubte, der beiden von ihm selbst besoldeten Männer so in wirkliche Wuth gerathen, daß er schon die Stäbe seines Kerkers gefaßt hatte und in blinder Wuth daran riß und schüttelte, als der junge Arzt seine Thüre erreichte, die beiden von außen vorgeschobenen Riegel zurücktrieb und das Schloß ebenfalls zu öffnen versuchte; das aber widerstand allen seinen Bemühungen und während der Gefangene, der jetzt Jemanden an seiner Thür hörte, dieser zusprang und von innen dagegen schlug und donnerte, anstatt ruhig zu warten bis sie geöffnet sein würde, benahm er Leifeldt vollkommen die Möglichkeit, ihm verständlich zu machen, wie er gerade im Begriff sei ihn wieder in Freiheit zu setzen. Dieser war zuletzt genöthigt, zurück in den Hof zu gehen und einen der Peons zu rufen, ihm zu helfen. Eine der alten eisernen, dort herumliegenden Klammern mit hinaufnehmend, gelang es ihm endlich mit des Peons Beistand, das massive Schloß aufzudrehen und den Gefangenen zu befreien.
Der Peon mußte übrigens, wie sich Don Manuel nur erst einmal vor der Thür und ihm gegenüber sah, machen, daß er die Treppe hinunterkam, denn der gereizte Chilene warf sich in förmlichem Grimm auf den armen Teufel und schien wirklich im ersten Augenblick kaum seiner Sinne mächtig. — Die nächsten heraussprudelnden Fragen war Leifeldt auch gar nicht im Stande so rasch zu beantworten, wie sie sich Luft machten von des zornigen Mannes Lippen, und als auch der Schwede endlich, gereizt von den scharfen zornigen Worten, kurz und trotzig erwiederte, stürmte der Erbitterte fort mit Flüchen und Verwünschungen zwischen den Zähnen, Genugthuung zu holen auf der Polizei für den erlittenen Schimpf.
Es thun das viele Menschen.
Leifeldt sah ihm lächelnd nach, dann aber der Worte gedenkend, die ihm Don Gaspar noch zugerufen, und der eigenthümlichen Aufregung, in der er ihn heute gesehen, entließ er die Peons (der dritte, ebenfalls oben Eingesperrte hatte schon einen anderen Ausgang durch eine Nachbarzelle gefunden) und eilte mit schnellen Schritten zu seinem Hotel zurück, die erwartete Aufklärung des Freundes dort zu finden.
Don Gaspar war noch nicht da, und unruhig durchschritt er den kleinen Raum von dessen Gemach hin und her, Viertelstunde nach Viertelstunde. Bald trat er an das Fenster, hinauszuschauen, bald an die Thür zu horchen, ob sich nicht die raschen Schritte des Erwarteten hören ließen. — Niemand kam, und wie ihm endlich die feste Überzeugung schwand, mit der er bis jetzt den Freund erwartet hatte, tauchte Besorgniß in ihm auf, wohin dieser in seinem überreizten Zustand geeilt sein, was er angerichtet haben könnte. Jetzt zum ersten Mal, obgleich sein Herz kaum an etwas anderes gedacht den ganzen Morgen, als Jennys Schicksal — zuckte ihm auch, wie ein wilder Schmerz, der Gedanke durchs Hirn, Don Gaspar könne dorthin geeilt sein, und was dann waren die Folgen, wenn der Teufel, der in ihm schlummerte, die Lavagluth, auf deren düsteres, furchtbares Leuchten er nur erst einen einzigen entsetzten Blick geworfen, zum Ausbruch käme.
Rasch, und jetzt selber in fieberhafter Aufregung, durchschritt er das Gemach wohl noch zehn Minuten in immer steigender Unruhe, dann aber hielt er es auch nicht mehr aus — es litt ihn nicht länger in dem leeren Raum, und hinaus stürmte er, Newlands selber aufzusuchen und sich zu überzeugen, ob seine Befürchtungen Wahrheit gewesen wären oder nicht.
Laute, ungewohnte Stimmen, und wildes Lachen schallten zu ihm nieder, wie er nur das Haus betrat.
»Um Gottes Willen, was geht hier vor?« rief er der alten Magd entsetzt entgegen, die ihm mit zitternden Händen die Thüre öffnete.
»Don Gaspar,« war Alles, was diese erwiedern konnte, als er auch schon mit flüchtigen Sätzen die Treppe hinaufflog und die Thür aufriß. —
Ein einziger Blick hier bestätigte aber nicht allein seine schlimmste bisher gefaßte Befürchtung, sondern zeigte ihm auch, in welche Gefahr er die ihm liebsten Menschen durch sein unschlüssiges Zaudern gebracht.
Mitten im Zimmer, dicht neben dem großen, runden Tisch, auf den er sich mit der linken Hand stützte, stand der Greis, den rechten Arm um die Tochter geschlungen, die sich halb bestürzt, halb erschreckt an ihn schmiegte und Beide starrten in sprachlosen ja besorgten Staunen nach dem Spanier hinüber, der lachend und stampfend, mit blitzenden Augen und gesträubtem Haar ihnen gegenüber stand.
Keiner von ihnen gewahrte das Öffnen der Thür, den eintretenden jungen Mann, aber die so lang eingehemmte und zurückgehaltene Wuth des Tollen, die jetzt Monde lang unter der äußeren Schaale seines festen eisernen Willens gearbeitet und gegohren hatte, wie ein mächtiger Vulkan seine Gluthen wieder unter der Rinde sammelt, die er sich von seinem letzten Ausbruch selbst geschmiedet, schlug hier zum ersten Mal wieder in wilder Lohe ins Freie.
»Don Luis de Gomez!« schrie er mehr, als er es rief, »Don Luis, er ist hier — er ist hier! Teufel, wenn ich Dich fasse, wenn ich Dich halte — hier — hier zwischen den zusammengeballten Fäusten — hier zwischen den Zähnen und Armen — huih!« — und das Zimmer dröhnte von dem gellenden Aufkreisch des Rasenden. — »Und das Dein Weib? — mit dem marmorbleichen Angesicht? — das die blühende, liebeglühende Constancia?« fuhr er plötzlich fort, den Arm gegen das zusammenzuckende Mädchen ausstreckend — »das die Schlange, die mich nicht einmal im Grabe ruhen ließ mit ihren zaubertollen Reizen — das die Braut« — und zum Sprung, die Schultern zurückgedrängt, die Augen in wildem unheimlichem Feuer glühend, die Arme angezogen, bog er sich nieder, als Leifeldt dazwischen sprang und drohend die Hand gegen den Wüthenden gehoben, ausrief:
»Morelos!«
»Wahnsinnig!« hauchte Jenny, ihr Antlitz in den Händen bergend, und brach in sich selbst zusammen. Hoch empor aber zuckte der Kranke, und seine Augen flogen wie irre Pfeile von Leifeldts ihm muthig begegnender Gestalt zu dem bleichen, am Boden hingestreckten Mädchenbild, über das der Vater getreten war, mit dem jungen Arzt jede Gefahr von der Geliebten abzuwenden.
Aber diese schien für den Augenblick vorüber, wenigstens von ihnen hier abgelenkt. Des Freundes Anblick riß den Wüthenden in etwas zu der ihn umgebenden Wirklichkeit zurück.
»Leifeldt — Stierna!« rief er, mit der linken Hand rasch und heftig das wirre Haar aus seiner Stirn streichend, »und hier? — hier? — nein, nicht hier — er ist dort, bei ihm, bei ihm« — und ehe Jemand seine Bewegung hätte hindern, ja nur ahnen können, was er beabsichtigte, legte er die Hand auf das Sims des offenen Fensters und war mit einem tollkühnen Satz auf der Straße unten.
Die Höhe, von der der Wahnsinnige niedersprang, war über achtzehn Fuß, aber wie ein Federball schnellte er wieder vom Boden empor, und floh mit flüchtigen Sätzen die Straße hinab, dem Hause des Argentinischen Konsuls zu. Wohl stutzten ein paar Vorübergehende, die den waghalsigen Sprung gesehen, und auch wohl erst die lauten Stimmen oben im Hause gehört; Streitigkeiten sind aber nichts seltenes bei dem heißen Blut des Südländers, das Messer trägt er dabei nur gar locker im Gürtel, und rasche Flucht wird oft nöthig, dem Gesetz und vielleicht fatalen Folgen zu entgehen. Zufällig Gegenwärtige vermeiden aber in einem solchen Fall nichts sorgfältiger, als Zeugen solcher That zu sein. — Die Gerichte waren in Chile so weitläufig, wie in der Argentinischen Republik und man hält sich gern fern von ihrer kostspieligen Nähe.
So bog Don Gaspar, oder wie wir ihn jetzt lieber wieder bei seinem rechten Namen nennen wollen, Morelos, ungehindert, unbelästigt in die nächste Straße ein, und stand wenige Minuten später an der Thüre des Argentinischen Konsuls, die er verschlossen fand.
Den rasch geführten Schlägen des Klopfers öffnete ein junger Bursche in einem Peruanischen Poncho.
»Don Guzman ist nicht zu Hause!« sagte der Knabe, die Frage nach dem Konsul beantwortend, »wird auch vor Abend schwerlich zurückkommen.«
»Und der Fremde?«
»Don Luis de Gomez?«
Morelos faßte krampfhaft in seine eigene Seite, die Spuren der Nägel dort zurücklassend, und die Muskeln seines Gesichts zuckten wie unter dem Schmerz des Scalpells. —
»Weshalb lachen Sie, Señor?« frug der Knabe erstaunt.
»Wo ist Dein Herr?« frug der Kranke, sich gewaltsam zusammennehmend. — Wie der Schwimmer, mit sinkenden Kräften dem rettenden Ufer nah, noch einmal die Nerven anspannt zum letzten entscheidenden Moment, noch einmal hineingreift in die Fluth und ausstreicht, und die Zähne fest, fest aufeinander beißt, so fühlte er, daß der Augenblick, nach dem sein ganzes Leben gedrängt, ja dem der Geist, selbst krank und bewußtlos, entgegenstrebt, nahe sei, und nur wenige Minuten Fassung jetzt, ihn siegen lassen müssten.
»Oben in seiner Stube im ersten Stock!« sagte der junge Bursche, durch die ruhige Frage wieder getäuscht, von dem glühenden, aber ernsten Blick doch auch zugleich eingeschüchtert. — »Gleich rechts die zweite Thür,« rief er dem schon treppauf Springenden noch nach; »das Vorzimmer ist offen!«
Der Spanier fühlte mehr die letzten Worte, als daß er sie hörte; mit wenigen Sätzen war er oben — das Vorzimmer stand nur angelehnt, er öffnete es, drückte es hinter sich ins Schloß und schob den Nachtriegel vor, und wenige Sekunden später lag seine Hand auf dem Schloß der anderen Thüre, die in das Zimmer seines Todfeindes führte.
Das Herz schlug ihm hörbar in der Brust, aber kein Nerv seines Körpers bebte, wie das Metall selber so kalt und ruhig, hielt die Hand den Griff, nur das Auge blitzte in wildem, unheimlichem Feuer und ein kaltes, fast teuflisches Lächeln zuckte jetzt um seine Lippen.
Leise klopfte er an die Thür, und das laute entra von innen warf nur tiefere Gluth in seine Augen, ohne an seiner Stellung auch nur die Bewegung einer Muskel zu verändern.
Er spielte mit seinem Opfer.
Noch einmal berührte sein gebogener Finger die Thür, und lauter und ungeduldiger tönte das scharfe »Herein« des Bedrohten.
Dem Laut nach befand er sich in dem entferntesten Theile des Zimmers, wie aber statt dem Öffnen der Thür zum dritten Mal das Klopfen, nur etwas lauter als vorher ertönte, schallten rasche Schritte von innen, doch ehe sie sich vollkommen der Thüre nähern konnten, riß sie Morelos auf und stand im nächsten Moment dicht vor dem, mit einem jähen Ausruf des Schrecks zurückspringenden Argentiner.
Er wollte schreien, aber das lange, haarscharfe Messer des Feindes blitzte in dessen Hand und die nächste Sekunde, schien es, sollte sein Schicksal entscheiden. Doch über den wunderlich tollen Geist des Wahnsinnigen war ein anderer Schatten gezogen, oder hatte die Gewißheit seiner Rache, das Bewußtsein, den Feind nun endlich im Bereich seines Messers zu haben, der wild ausbrechenden Wuth, die ihn sonst nur bei Nennung des bloßen Namens befiel, die volle Schärfe genommen? Ja, er letzte sich jetzt selber an diesem Gefühl und wenn auch Mord und Blut nur sein erster Gedanke gewesen, als er die Schwelle betrat, so schien es ihn jetzt zu reuen, gleich mit einem Schlag den Jahre und Jahre lang aufgebauten Plan seiner Rache zu zerstören.
»Bst!« sagte er, mit dem warnend emporgehobenen Zeigefinger der linken Hand — »bst — Kamerad — kein Geschrei, die Nachbarn sind munter und du könntest die Polizei im Schlafe stören — siehst Du den Gruß hier?« und er hielt ihm die blanke Klinge lachend entgegen, vor der der Unglückliche scheu und entsetzt zurücktrat — »fürchte Dich nicht, Schatz, es thut nicht sehr weh — den hat mir Felipe für Dich aufgetragen.«
»Was wollen Sie von mir, Unglückseliger?« rief jetzt Don Luis in wilder Angst, denn in den Augen des Wahnsinnigen lag der Tod — »nennen Sie Ihre Wünsche, und bei der reinen Mutter Gottes, ich will sie erfüllen und kostete es mein halbes Vermögen.«
»Bst, bst, Kamerad, sprichst zu laut, viel zu laut,« flüsterte kopfschüttelnd, einen Blick nach der Thüre werfend, der Spanier, »aber eine Frage hätte ich doch an Dich — wo ist Constancia?« — und seine Augen leuchteten und funkelten, als er den Namen aussprach und die Hand umspannte krampfhaft den Griff des Messers.
Don Luis rang augenscheinlich mit sich selbst, aber die Gefahr war zu dringend mit seinem Leben zu spielen und er sagte rasch, die einzige vielleicht mögliche Gelegenheit ergreifend, sich zu retten: —
»Wünschen Sie Donna Constancia zu sehen?«
»Zu sehen?« rief der Spanier schnell und zornig, »nur zu sehen? — wo ist sie? — rasch — unsere Augenblicke sind kostbar.«
»So will ich Sie zu ihr führen,« sagte Don Luis, zum Tisch tretend und seinen Hut ergreifend, »wir brauchen das Haus nicht zu verlassen.«
»Bst, bst, Kamerad,« lautete aber wieder die Antwort seines wachsamen Hüters, »nicht hinaus, mein Bursche, den Weg dort find' ich schon nachher allein — wir haben hier noch Wichtigeres mitsammen zu besprechen. Nicht wahr, das gefiele Dir, aus dem Thor hinaus hier durch den Hof und in die menschengefüllte Straße mit dem Alarmschrei: »ein toller Hund!« hinauszuspringen? Eine Frage mußt Du mir erst beantworten, Señor — eine Frage, die mir in blutigen Zügen die langen Jahre hindurch im Hirn geschrieben stand und mich, wie die Leute in Buenos-Ayres behaupteten — wahnsinnig gemacht hat — was wurde aus meinem Bruder — aus meinem Weib?« —
»Don Morelos!« rief der Argentiner entsetzt, denn die Blicke des Feindes sprühten Feuer und es war augenscheinlich, wie er sich nur mit größter Mühe selber noch zurückhielt auf sein Opfer zu springen. — »Doch halt!« rief da der Unglückliche in seiner Todesnoth, denn ein einziger Gedanke an Rettung durchblitzte noch seine Seele, »Sie wollen Nachricht von Ihrem Bruder — die kann ich Ihnen geben.«
»Du?« rief der Spanier überrascht, und die Ruhe der Verzweiflung, die in des Gegners Blicken lag, täuschte den sonst so Schlauen.
»Wollen Sie einen Brief von ihm sehen?« frug Don Luis.
»Einen Brief?« — wiederholte Morelos und strich sich wie träumend mit den Fingern über die Stirn — »einen Brief? — wie ist mir denn — einen Brief — von — dem — Bruder?«
»Sie können sich überzeugen,« sagte Don Luis ruhig, »er liegt in jenem Pult, und wenn ich Sie täusche, mögen Sie thun mit mir, was Ihnen beliebt.«
Er nahm einen kleinen Schlüssel von dem Tisch, neben dem er stand, und schritt langsam an Morelos dicht vorbei, dem Pulte zu, als draußen an der Vorsaalthür zwei Mal stark geklopft wurde. Don Luis zuckte zusammen, Morelos lachte.
»Gehen Sie an die Thür, Don Luis,« sagte er zu diesem, »und rufen Sie hinaus, daß Sie beschäftigt sind — der geringste andere Laut, die erste Bewegung zur Flucht aber — doch ich brauche Sie nicht zu warnen.«
Don Luis schritt in furchtbarer Aufregung zur Thür, gehorsam wie ein Kind, und diese halb öffnend — und der Wahnsinnige stand mit der blanken Waffe dicht an seiner Seite — rief er laut, wer da draußen sei.
»Ich bin es, Señor,« rief eine, Morelos wohlbekannte Stimme, »ich, Don Manuel — ich habe Polizei bei mir und wünschte Sie nur auf wenige Sekunden zu sprechen.« —
Über Morelos Gesicht zuckte ein spöttisches Lächeln, aber Don Luis zögerte — dort draußen, wenige Schritt von ihm entfernt stand Hülfe, und er, er mußte hier mit einer Lüge dem Feind sich selber rettungslos in die Hände geben. —
»Bitte, Señor,« sagte der Spanier, mit kalter Höflichkeit, aber jubelndem Triumph im Blick.
»Ich komme gleich — warten Sie draußen auf mich,« rief der Gefolterte und trat von der Thür zurück, die er offen ließ, Morelos drückte sie wieder ins Schloß und schob den Riegel vor.
»Den Brief,« sagte er eintönig.
Don Luis wußte, es war ihm jeder andere Ausweg abgeschnitten, und schritt zum Pult. Dieses öffnete er und zog mit beiden Händen Gefache auf, in die er hineinschaute — er nahm mehrere Briefe heraus und sah ihre Adresse — Morelos stand dicht neben ihm, und beobachtete jede seiner Bewegungen.
»Hier ist er,« sagte er plötzlich, dem Spanier einen derselben hinüberreichend, wie dieser aber mit scheuem Blick die Adresse überflog, griff des Argentiners Hand tiefer in das Gefach und ein Pistol herausreißend, das er im Rückspringen spannte und dem Feind entgegenhielt, schrie er mit der Kraft, die ihm Todesangst und Verzweiflung gegeben, laut um Hülfe!
»Lügner und Narr!« rief Morelos, als er den Brief mit wildem Lachen zu Boden warf und mit dem Fuß stampfte — »bete — denn Deine Seele steht in wenigen Sekunden vor Gott!«
»Hülfe!« tönte des Unglücklichen Stimme und mit dem Ruf zugleich schmetterte der Schuß dem Angreifer entgegen. Die Kugel traf ihn in die Schulter, aber was achtete der Tolle einer solchen Waffe. Draußen brach die Thür zusammen unter dem Andrang der Polizeisoldaten, die den Ruf gehört, aber er hörte das Prasseln und antwortete ihnen mit einem gellenden Triumphschrei, denn unter seiner Hand lag und wand sich das Opfer und sein Messer wühlte in dessen Herzen.
Wenige Sekunden später warfen sich die Diener des Gesetzes gegen die innere Thür, die jedoch, stärker als die vorige, ihrem ersten Anprall kräftigen Widerstand leistete.
»Seid Ihr da?« lachte Morelos, sich emporrichtend dem geglaubten Angriff zu begegnen, »aha, meine Burschen, läßt Euch das Eichenholz nicht herein?«
»Öffnet, Don Luis — öffnet, Señor — im Namen des Gesetzes.«
»Hahahaha!« lachte der Tolle, »öffnet Euch selber und holt Euch Don Luis de Gomez!« und das Fenster öffnend, das auf die, rings den Hof umziehende Veranda führte, sprang er auf diese hinaus und floh, das blutige Messer wieder in seiner Scheide bergend, darauf hin, durch eins der anderen Fenster vielleicht einen Ausgang zu entdecken.
Seine Verfolger waren indessen aber auch nicht müßig gewesen. Der Konsul selber, eben von der Polizei zurückgekehrt, wo er sich schon einen Verhaftsbefehl und Hülfe verschafft hatte, hörte kaum die Schreckensbotschaft, daß der Wahnsinnige zu seinem Opfer eingedrungen sei und wahrscheinlich schon sein Schlimmstes gethan habe, sandte augenblicklich einen Theil der Mannschaft in den Hof, ihn in Empfang zu nehmen, wenn er dort hinunterspringen sollte, und ließ durch eine andere kleine Abtheilung die Hinterthür besetzen, zu der eine schmale Treppe von der Veranda niederführte.
Don Manuel war beordert, dieselbe anzuführen, und ihm ebenfalls der Schlüssel zu dieser Pforte, die gewöhnlich offen stand, anvertraut worden. Seine Ordre war, diese Thür so rasch als möglich zu verschließen und dann das weitere zu erwarten. Don Guzman ließ unterdessen Don Luis Thür sprengen, von wo aus sie den Flüchtigen, blieb er nun auf der Veranda oder zog er sich in eines der Zimmer zurück, leicht erreichen konnten.
Don Manuel säumte auch nicht, solchem Befehle nachzukommen; galt es ja noch außerdem die Scharte auszuwetzen von heut Nachmittag, wo ihn der Tolle überlistet, trotz all seiner Schlauheit; rasch deshalb über den Hof eilend, und die Pforte, durch die er dorthin gelangt, ebenfalls von außen verriegelnd, postirte er seine Leute vor die Hinterthür des Hauses, ohne weitere Ordre, da er sich ihnen augenblicklich wieder anschließen wollte, und er selber lief die Treppe hinauf, die Verandathür zu schließen, als er sich in demselben Moment nicht allein in der Nähe, sondern auch in der Gewalt des Flüchtigen fand, der, die Thür bemerkend, sie gerade aufriß, als Don Manuel den Schlüssel gehoben hatte, ihn in das Schlüsselloch zu schieben.
Der Chilene stand da wie vom Schlag gerührt, und die Überraschung lähmte ihm wirklich im ersten Augenblick alle Glieder. Nicht so Morelos, dessen tollkühner Muth im Nu die sich ihm bietende Gelegenheit ergriff, den würdigen Caballero selber, der zu seinem Verderben hierher beordert worden, zu seiner Flucht zu benutzen.
»Ha, Gott zu Gruß, Compañero,« rief er lachend, indem er mit der Rechten sein Messer halb aus der Scheide ziehend, dem zum Tod Erschrockenen mit der Linken auf die Schulter klopfte; »schon fertig mit der Besichtigung jener alten Zimmer? hahaha, Kamerad, es freut mich, Dich gerade jetzt hier zu finden, ich habe Lust zu einer Spazierfahrt, und Du sollst mich begleiten — Ruhe, Bursche, Ruhe!« zischte er drohend zwischen den Zähnen durch, als er sah, wie des Mannes Hand langsam nach dem Gürtel zu schleichen suchte, »die erste verdächtige Bewegung, und Du bist ein Kind des Todes — so und nun fort.«
Und damit den Schlüssel aus der widerstandslosen Hand nehmend, ohne diesen jedoch aus dem Bereich seines Armes zu lassen, schloß er rasch die Thür hinter ihnen und schritt, seine Hand auf Don Manuels Schulter haltend, die steile Treppe nieder, die sie bald zur Außenthür brachte.
Die dort postirten Wachen staunten nicht wenig, ihren Führer in solcher Begleitung zurückkomme zu sehen, Morelos war aber nicht der Mann, einem gewonnenen Vortheil auch einen Moment nur zu entsagen.
»Zurück, Caballeros!« rief er barsch, als die beiden Wächter nach innen, jedoch wie im Zweifel, zuspringen wollten, und das Messer schaute drohend wieder aus seinem Versteck, »zurück, oder dieser Herr da ist eine Leiche — freiwillig werde ich mich dem Gericht überliefern, und Don Manuel wird mich begleiten — Sie aber gehen zurück und sagen das dem Herrn des Hauses — wenn er mich zu sprechen wünscht, werde ich auf dem Polizeigebäude zu finden sein. — Kommen Sie, Don Manuel,« und den Arm des also Überraschten ergreifend, der gar nicht wußte, ob der entsetzliche Mensch Ernst mache mit seiner Betheuerung, schritt er mit ihm die Straße hinunter, während die Diener der Gerechtigkeit, vollkommen verdutzt durch das ernste, zuversichtliche Benehmen des Mannes — dem sie überdieß nur zu gern aus dem Weg gingen, zurückblieben.
Rasch schritten indeß die beiden Männer die kleine Straße nieder, die nach der Hauptstraße der Stadt zu führte, als sie eine der dort überall haltenden Droschken überholten.
»Halt an, Kamerad!« rief Morelos, dem Kutscher winckend, »fünf Dollar, wenn Du mich, so rasch Deine Pferde laufen, die Almendral hinunterfährst — hier, Dein Geld!« —
»Darf nicht galoppiren, Señor,« sagte der Mann.
»Trabe dann.«
»Die Almendral hinunter?« frug Don Manuel erschreckt, dorthin lag nicht das Polizeigebäude, ein Blick seines Begleiters aber und ein leises Drücken von dessen Arm überzeugte ihn bald, wie er willenlos nur zu gehorchen habe. — Sie stiegen ein, Don Manuel voran, aber ehe ihm Morelos folgte, hielt er sich einen Augenblick an dem Schlag des Wagens fest, er sah todtenbleich aus und es war augenscheinlich, wie er mit einem furchtbaren Schmerz rang.
»Caracho, Señor!« rief der Kutscher, der sich nach ihm umschaute, »Sie sind verwundet.« —
»Ich will eben zum Doktor, Amigo,« lächelte der Kranke, und sich gewaltsam zusammenraffend, hob er sich in den Wagen an Don Manuels Seite.
»Fort, mein Bursche, fort — und was die Pferde laufen können.«
Der Kutscher hieb auf die Thiere und im scharfen Trab rasselten sie eben um die nächste Ecke, als von des Konsuls Haus die Verfolger niedersprangen.
»Schneller — schneller, Amigo.«
»Ich darf nicht galoppiren, Señor.«
»Ich zahle die Strafe, Freund — Du weißt, Ärzte und Polizei dürfen, und Kranke werden dasselbe Recht haben.«23
Der Peon hieb in die Pferde und die Thiere, selber gereizt durch das stete Strafen der Peitsche, griffen aus in vollem Carrière die Straße hinunter.
»Halt an, Compañero,« schrie ein an der nächsten Ecke ihnen begegnender Polizist entgegen, und versuchte dem Wagen vorzuspringen, aber das Handpferd biß nach ihm und er fuhr zurück, während der leichte Wagen vorbeistob, als ob ihn die Winde führten.
»Wo ist das Haus, Señor, die Almendral ist beinah zu Ende,« frug der Kutscher, die Zügel fest in der Hand, den Kopf halb herumwendend.
»Weiter!« war die einzige Antwort, die er erhielt, und donnernde Hufschläge wurden schon hinter ihnen laut.
Jetzt hatten sie das Ende der Stadt erreicht und über eine kleine Brücke hin donnerte der Wagen den letzten Häusern entgegen.
»Ist es hier?« frug der Kutscher noch einmal, und wandte sich seinem wunderlichen Passagiere zu.
»Weiter!« tönte die monotone Antwort — aber die Worte klangen hohl und unheimlich.
»Weiter? — ich fahre nicht weiter!« rief der Kutscher erstaunt, »hier ist meine Grenze.«
»Du fährst,« sagte Morelos eintönig, und er hätte das Messer nicht gebraucht, das er aus der Scheide zog; der Blick, mit dem er dem entsetzten Rosselenker ins Auge schaute, trieb diesem das Blut als Eis ins Herz zurück.
Wilder hieb er in die Pferde, den schrägen Hügel hinauf keuchten die Thiere, mit Schaum bedeckt, schnaubend und in die Zügel knirschend. — Don Manuel sah sich um — zehn oder zwölf Reiter waren in kaum hundert Schritt Entfernung hinter ihnen und ein rascher Satz aus dem Wagen konnte ihn jetzt aus dem Bereich seines Feindes bringen. Aber dessen Hand lag auf seinem Arm und ein eignes, unheimliches Lächeln spielte um seine Lippen.
Die Pferde keuchten und schnoben den Berg hinan — jetzt hatten sie den Gipfel erreicht, aber nur einen scheuen Blick warf der Peon zurück und hieb mit neuer Kraft auf die armen, schon zum Tod erschöpften Thiere.
»Halt — Caracho, verdammter!« schrie die Stimme eines der vordersten der Verfolger in wildem Grimm, »halt, oder ich reiße Dich mit dem Lasso vom Wagen herunter.«
Ein Schlag mit der Peitsche auf die eigenen Thiere war die Antwort — das blanke Messer lag neben dem armen Teufel von Peon und er fürchtete weniger die Drohung des Reiters, als den kalten, drohenden Stahl des entsetzlichen Fremden.
Wieder zog sich der Weg eine kleine Erhöhung hinan, und der Kutscher hieb aufs Neue in seine Thiere, aber deren Kräfte waren erschöpft. Das Sattelpferd, mit dem kurzen Lasso am Gurt befestigt, wollte dem geschwungenen Arm entgehen — noch einmal warf es sich mit der Anstrengung aller Sehnen vorwärts, aber die Glieder versagten ihm den Dienst, und wie es stürzte, war es nicht mehr im Stand, sich wieder zu erheben.
In demselben Moment fast hielten die ersten Reiter neben dem Wagen, und zwei davon, mit geschwungenem Lasso heranreitend, wandten sich gegen den entflohenen Mörder.
»Im Namen des Gesetzes!« rief der Erste, »Ihr seid mein Gefangener, Señor Morelos!«
Don Manuel blickte scheu zu ihm auf — noch immer ruhte seine Hand auf seinem Arm, und dasselbe kalte Lächeln spielte um die bleichen Lippen und stieren Augen — er war todt.
Die eigenen Pferde vor den Wagen spannend, und es dem Kutscher überlassend, seine abgehetzten und fast aufgeriebenen Thiere nachzubringen, sprengten die Polizeidiener mit der Leiche in die Stadt zurück.
Sechs Monate waren seit jenem Tag verflossen — es war Frühling in Valparaiso. — Die Pfirsichen blühten und der Feigenbaum schoß seine saftigen Blätter; die Natur, durch eine lange Regenzeit wieder frisch gekräftigt, trieb und keimte in lustigen Knospen und Blumen, und die Vögel bauten ihre Nester der herrlichen Jahreszeit zu Ehren, und das große Fest einer neuen Auferstehung mit zu feiern in Liedern und Liebe. Warm und sonnig lag der junge Morgen auf der thaubedeckten Flur, und ein frischer Nachtregen hatte den Staub fortgewaschen von den Gräsern, die jetzt blitzten und funkelten in dem goldenen Licht.
In der von Schiffen überstreuten Bai regte es sich ebenfalls von gar geschäftigem Leben. — Boote und kleine Fahrzeuge schossen herüber und hinüber und besonders um ein mächtiges Schiff drängte die kleine Flotte bunt bemalter Nachen, Früchte und Provisionen an Bord zu schaffen für eine lange Reise.
Von der Gaffel des nach London bestimmten Fahrzeugs flatterte lustig die englische Flagge; das Vormarssegel war schon gelöst, der zweite Anker schon driftig geworden und die Raaen flogen herum, die Schothörner der gelösten Segel wurden ausgezogen unter dem fröhlichen, jubelnden Singen der Matrosen, die ja heimwärts gingen.
Auf dem Quarterdeck des Packetschiffs standen alte, liebe Bekannte von uns, aber der Tod hatte eine tiefe Wunde in die Familienbande der armen Leute gerissen, und sie zogen heim, um zu versuchen ob vaterländische Luft den Schlag vernarben könne, der hier wieder und immer wieder aufbrach in bitterem Weh.
Es waren Newlands, und vor zwei Monaten hatten sie ihr Töchterlein hinaufgetragen auf den stillen Gottesacker, zwischen die hohen beengenden Mauern, die den Schlummer der Todten bewachten.
Bills Vater war wieder in See gegangen und sie nahmen den Kleinen mit nach England, ihn dort zu einem braven und wackeren Mann heranzuziehen — bis sie selber der Todesengel abrufen würde.
Heute Morgen noch hatten sie von dem blumengeschmückten Grab ihrer Jenny Abschied genommen und jetzt drückten sie dem letzten Freund die Hand, der in den letzten schweren Monaten nicht von ihrer Seite gewichen und Schmerz und Leid redlich mit ihnen, und oft, ach fast noch schwerer als sie selbst getragen hatte. — Es war Stierna, der junge Schwede. Bill wollte den jungen Mann gar nicht von sich lassen, und die alte Dame hatte seine Hand gefaßt und flüsterte leise.
»Und ihr Grab?«
»Ich kann ihm nicht den heimathlichen Boden geben,« sagte der junge Arzt mit halb abgewandtem Antlitz — er wollte das Herz der alten Frau nicht noch schwerer machen als es war — »aber ich will ihr hier eine Heimath von Blumen bauen, in der fremden Erde — im Tode wenigstens — da es die Lebende dem Freund verweigerte.«
Der alte Mr. Newland drückte dem jungen Mann schweigend und tief ergriffen die Hand.
»Señor, es ist Zeit,« sagte da der Bootsmann, den Stierna mit herausgenommen hatte in den Hafen, ihn zurückzubringen ans Land, wenn das Schiff unterwegs sein sollte — die Segel waren gebläht und mit einer leichten, aber günstigen Brise stand das wackere Fahrzeug dem schmalen Eingang der Bai entgegen, den es in wenigen Minuten erreichen mußte.
Stierna griff noch einmal den Knaben auf und küßte seine Stirn, seine kleinen, schwellenden Lippen, und das Herz wollte ihm fast brechen, wenn er in die Augen schaute — noch einmal drückte er die Hände derer, die ihm Vater und Mutter geworden waren in der fremden Welt, und wenige Minuten später schoß der stolze Bau, von den schwellenden Segeln geführt, hinaus in die freie, wogende, offene See — im Heck des kleinen Bootes aber, die Augen in den fest dagegen gepreßten Händen bergend, saß der junge Arzt und weinte wie ein Kind.
1: Gaucho's, die Bewohner der weiten Steppen oder Pampas des inneren Landes, aber nicht die Indianer.
2: Die Henkersknechte des Diktators Rosas.
3: »Es lebe die Conföderation.«
4: »Es sterben die wilden Unitarier.« Beides das Motto der Argentinischen Republik unter Rosas.
5: »Hai-oh!«
6: Besahnwanten, das stehende Tauwerk des hinteren Mastes, das diesen hält und zugleich zur Strickleiter dient.
7: Correo, der Postcourier.
8: Almendral, ein bedeutender Stadttheil Valparaisos.
9: Vorsehen.
10: Um Gottes Willen.
11: Die niedere Klasse der Chilenischen Bürger, die Arbeiter und Diener.
12 Schenkwirthschaft.
13 Ein kleiner Fluß, der in den La Plata dicht unter Buenos-Ayres mündet.
14: Will verdammt sein, wenn ich's gethan habe.
15: Die kleinen Steinhütten in den Cordilleren, zum Schutz der Reisenden errichtet.
16: Getrocknetes Fleisch, ziemlich der einzige leicht tragbare Proviant unterwegs.
17: Schneesturm.
18: Die Nachtwächter Valparaisos geben einen gellenden Pfiff, wenn Nachts irgend ein Mann an ihnen vorübergeht; dadurch wird der nächste Nachtwächter darauf aufmerksam gemacht, daß noch Jemand auf ist, der eigentlich ins Bett gehörte, erwartet den Wandernden und giebt dasselbe Zeichen, wenn er an ihm vorüber gegangen ist.
19: Der Maté oder Mateh ist ein vegetabilischer Stoff, von der Rinde und den Zweigen gewisser Bäume in Brasilien und Paraguay gewonnen, der von den Südamerikanern, besonders von denen an der östlichen Seite der Cordilleren, aus einem kleinen Flaschenkürbis oder gourd, mit einer dünnen silbernen oder blechernen Röhre getrunken, das heißt ausgeschlürft wird, wobei sich der nicht Eingeweihte rettungslos zuerst die Finger, und dann, genau so wie bei uns bei heißer Bouillon, die Lippen verbrennt.
20: Wohlan, so komm, Kamerad.
21: Papiercigarren.
22: Schlachtbänke.
23: Es ist in Valparaiso nur der Polizei und den Ärzten erlaubt, in der Stadt zu galoppiren.
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TRANSCRIBER'S NOTE
The table of contents has been moved to the beginning. The spelling of names has been regularised and missing punctuation added. Obvious misspellings have been corrected. A few words appear in two different spellings; these have been retained. Some words now used with the accusative case were combined with the dative case in Gerstäcker's time; period usage has been retained where contemporary reference books show this to have been the case. The following additional changes were made and can be identified
in the body of the text by a grey dotted underline. |
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ANMERKUNGEN
Das Inhaltsverzeichnis wurde an den Anfang gesetzt. Namen wurden vereinheitlicht und fehlende Zeichensetzung ergänzt. Offenkundige orthografische Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Manche Wörter treten in zweierlei Schreibungen auf und wurden so belassen. In einigen Fällen treten Wörter heute mit dem Akkusativ auf, wurden zu Gerstäckers Zeiten aber mit dem Dativ verbunden. Wo sich das nachweisen ließ, wurde der damalige Usus beibehalten. Folgende zusätzliche Änderungen wurden vorgenommen und sind im
Text grau unterstrichelt: |
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| breitschlüchtiges | breitschlächtiges |
| die schon lange durgefeilten Eisenstäbe | die schon lange durchgefeilten Eisenstäbe |
| diesem selbst in seinen Plänen entgegenwirkt | diesem selbst in seinen Plänen entgegengewirkt |
| gegen die Gewalt, die gegen ihm geschehen | gegen die Gewalt, die ihm geschehen |
| Zwei Lootenfische | Zwei Lootsenfische |
| tiefer und tiefer senkte er sich in seinen Ringen | tiefer und tiefer senkte er sich in seinem Ringen |
| Sr. Excellenz führt den trostlosen Krieg | Se. Excellenz führt den trostlosen Krieg |
| auf der ein schwarzes Wachtelhündchen (…) hinunterklaffte | auf der ein schwarzes Wachtelhündchen (…) hinunterkläffte |
| das monotone Picken der großen Wanduhr | das monotone Ticken der großen Wanduhr |
| Ill' be damned if I did | I'll be damned if I did |
| auf ihn auszuüber | auf ihn auszuüben |
| Sr. Excellenz, der Gouverneur | Se. Excellenz, der Gouverneur |
| das Erzählte mit Akkorden (…) seine Geige zu begleiten | das Erzählte mit Akkorden (…) seiner Geige zu begleiten |
| er hätte keins von alle diesem wissen mögen | er hätte keins von alle diesem missen mögen |
| ungewohnte Stimmen, und wildes Lachen schalten zu ihm nieder | ungewohnte Stimmen, und wildes Lachen schallten zu ihm nieder |
| ihrem ersten Aprall kräftigen Widerstand leistete | ihrem ersten Anprall kräftigen Widerstand leistete |
| Morelos war aber nicht der Mann, einen (…) Vortheil (…) zu entsagen | Morelos war aber nicht der Mann, einem (…) Vortheil (…) zu entsagen |
| und den Arm des also Überraschten, der gar nicht wußte (…) | und den Arm des also Überraschten ergreifend, der gar nicht wußte (…) |