Der leichte Muth, den Matrosen vor allen übrigen Menschen so besonders eigen, gewann auch bald bei ihnen wieder die Überhand, und als sie jetzt in einem kleinen Dickicht von Pandanus, Casuarinen und einzelnen hochstämmigen Cocospalmen, unbelästigt von einem der Eingeborenen, um das reichliche Mahl saßen, kehrte die, wenn auch nicht fröhliche, doch sorglose Laune rasch zurück.
„Und da hätten wir endlich unseren Wunsch erfüllt,“ brach Legs zuerst das Schweigen, „da säßen wir auf dem Trocknen mit Schweinebraten und Brotfrucht, statt Salzfleisches und Schiffszwiebacks, und Cocosmilch, statt faulen Wassers und dünnen Grogs. Jungens, wenn die Sache nicht schlimmer wird, so können wir es hier ruhig aushalten, und wenn erst ein paar Tage vorüber sind, daß von der fatalen Mädchengeschichte nicht weiter gesprochen wird, so dürfen wir am Ende gar noch unserem Schöpfer danken, uns aus dem alten verbrannten Kasten hieher zurückgeführt zu haben.“
„Sei nicht zu sicher, mein Bursche,“ brummte jedoch der Schotte, „wir wissen noch gar nicht, ob uns der Brand des Schiffes zum Heil ausschlagen wird; denn ehe wir es uns versehen, kann uns die braune Rotte über dem Halse sein.“
„Der liebe Gott hat es jedenfalls gethan,“ bestätigte aber auch Spund, eben mit einem delicat gebackenen Rippenstück beschäftigt, und Spund gehörte überhaupt – wo es ihm gerade paßte – einer streng religiösen und zwar methodistischen Richtung an. „Der liebe Gott hat es gethan, und daß er euch nichtsnutziges Gesindel ebenfalls in seinen erbarmenden Schutz genommen, ist nur wieder einer von seinen unbegreiflichen, aber sicher zum Heil führenden Wegen.“
„Na, wir wollen hier nicht untersuchen, ob wir es verdient oder nicht verdient haben,“ sagte da Pfeife, „hier sind wir aber einmal, durch die gütige Fürsehung von dem Wassertode und vielleicht noch vor Schlimmerem bewahrt, und wie ich die Insulaner bis jetzt gefunden, so glaube ich kaum, daß uns noch eine Gefahr für unser Leben droht. Hätten sie Böses mit uns im Sinne, so brauchten sie uns nur einfach ersaufen zu lassen; kein Mensch hätte ihnen dabei einen Vorwurf machen können. Kalter, berechneter Blutdurst liegt aber nicht in ihrer Natur, und da sie uns nicht im ersten Augenblicke die Schädel eingeschlagen haben, so denk' ich, dürfen wir für unsere Sicherheit auch weiter nichts fürchten.“
„Ich möchte nur wissen,“ knurrte da Lemon, einen Seitenblick nach dem Böttcher werfend, „warum Spund um Gnade gebeten hat, wie sie uns zum Frühstück riefen.“
„Laß du nur dein Spotten, Lemon,“ brummte, als die Anderen lachten, der also geneckte – „Gnade haben wir alle nöthig, und ob das, was der Alte sagte, auf Tongaisch hieß: Gieb ihnen ein Spanferkel und Brotfrucht, oder schneid' ihnen den Hals ab, hast du so wenig gewußt wie ich. Wenn ich nur jetzt erst eine Ahnung hätte, wie wir diesen Heiden wieder entgingen und von der Insel fortkämen!“
„Fort?“ rief Legs erstaunt aus – „wer will denn wieder fort? – ich wahrhaftig nicht. Ich danke meinem Schutzgeist, der mich hergebracht hat, und denke gar nicht daran, wieder an Bord irgend eines anderen blutigen Schiffes zurück zu gehen. Mögen die Thran sieden, die ein Vergnügen daran finden; ich befinde mich wohl wo ich gerade bin, und denke Bürger und Einwohner, wie sie bei uns sagen, auf Monui zu werden.“
„Da kommt der Alte wieder,“ unterbrach Mac Kringo das Gespräch – „nehmt euch zusammen, Jungens, und macht ihn nicht böse. Er hat uns nun einmal in der Tasche, und wir müssen sehen, daß wir ihn zum Freund behalten.“
Von Toanonga schien ihnen aber nichts Feindseliges zu drohen.
Der gutmüthige alte Mann, ohne jedoch seiner Würde im Mindesten etwas zu vergeben, mochte sich im Gegentheil in dem Bewußtsein behaglich fühlen, der Protector dieser von ihm abhängigen Papalangis zu sein. Mac Kringo hatte ihn auch darin bald durchschaut und sein Betragen schon ganz darnach geregelt.
Er stand auf, sobald sich der alte Häuptling ihrem Eßplatz näherte, begrüßte ihn ehrfurchtsvoll und fragte ihn, was zu seinen Befehlen stände, und Toanonga, den das sichtlich erfreute, winkte ihm huldreich mit der Hand und bedeutete ihm dann, daß er sich freuen würde, wenn die Fremden seinen Leuten keinen Anlaß zu Klagen geben wollten. Sie seien allerdings für jetzt noch Gefangene, bis das Gericht der Egis oder Häuptlinge über sie entschieden hätte; denn dem, was diese über sie beschließen würden, müßten sie sich allerdings fügen; aber er hoffe, daß sie mit ihrer Lage zufrieden sein sollten. Das hänge jedoch, wie schon gesagt, lediglich von ihrem eigenen Betragen ab. Für jetzt sei ihnen eine leerstehende Hütte, die er Mac Kringo an einer vorragenden Landzunge zeigte, zum Wohnort angewiesen; dorthin würden sie auch geschickt bekommen, was sie zum Leben brauchten. – Außerdem sei ihnen aber für jetzt der Verkehr mit den Eingeborenen, besonders den Frauen, untersagt, und er erwarte, daß sie jenen Platz nicht verlassen würden, bis sie abgeholt würden.
Damit, und als ob er sich jetzt genug mit den Leuten eingelassen, machte er eine höchst würdevolle, wie verabschiedende Bewegung mit der einen Hand, drehte sich dann ab, und verließ die darüber etwas verdutzten Matrosen, ohne irgend einen Einwand anzuhören oder nur zu erwarten.
Die Leute waren über diese Ankündigung, die ihnen Mac Kringo gewissenhaft übersetzte, allerdings etwas bestürzt. Daß sie erst noch einem Gericht der Egis unterworfen werden sollten, hatten sie nicht mehr geglaubt. Wer wußte denn, was diese über sie beschließen würden? und daß ihnen nicht alle Insulaner so freundlich gesinnt und auch nicht so gutmüthig waren, wie der alte Toanonga, hatten sie lange schon gemerkt.
Übrigens wurden sie bald gewahr, wie die Ausführung der Anordnung auf dem Fuße folge; denn kaum hatte der Häuptling sie verlassen, als sich ein junger Bursch ihnen als Begleiter vorstellte, sie nach ihrem vor der Hand einzunehmenden Hause oder Gefängniß abzuführen. Daß sie ihm gehorchen mußten, verstand sich von selbst.
Merkwürdig blieb aber dabei wie sehr sie von den übrigen Eingebornen ignorirt wurden. Man that vollkommen, als ob sie gar nicht auf der Insel seien, und während die Männer, die ihnen auf dem schmalen Pfade begegneten, über sie hinweg in die Wipfel der Cocospalmen starrten, gerade als wenn sie dort in diesem Augenblick etwas höchst Interessantes entdeckt hätten, glitten die Mädchen und Frauen und Kinder, die sie unterwegs trafen, scheu in das Dickicht, drückten sich dort hinter einen Busch oder Stamm und ließen sie ungegrüßt vorüber ziehen.
Alle die frohen und leichtherzigen Hoffnungen, die ihnen das Frühstück gebracht, zerstörte denn auch dieses unheimliche Betragen wieder. Sie kamen sich vor wie Ausgestoßene, Verfehmte, die Jeder mied, und still und schweigend wanderten sie zuletzt ihre Bahn, dem etwa eine halbe Stunde Wegs entfernten Orte ihrer Bestimmung entgegen.
Der Platz dort gefiel ihnen aber gar nicht. Eine schmale, an manchen Stellen kaum zwanzig Schritt breite Landzunge – eigentlich nur ein mit Vegetation bedeckter Corallenstreifen – lief zu dem Platz aus, auf dem eine alte, halb verfallene Bambushütte stand, und wenn die Eingeborenen wirklich etwas Böses gegen sie im Sinne hatten, waren sie dort ohne Waffen, ohne Boot, vollständig in ihre Hände gegeben.
Daran ließ sich aber nichts mehr ändern, der Befehl lautete: sie dort abzuliefern, oder vielmehr sie dort sich selber zu überlassen, und der Erfolg bewies, wie klug der alte Toanonga die Stelle ausgewählt. Eine einzige Schildwacht nämlich, auf den schmalsten Theil der Landzunge postirt, konnte jede ihrer Bewegungen überwachen, und daß sie sich dieser nicht mit Gewalt widersetzen durften, wußten sie recht gut.
So vergingen ihnen acht volle Tage, in denen die Langeweile sie bald umbrachte. Der alte Häuptling hatte ihnen allerdings ein paar hölzerne Harpunen geschickt, um sich ihre Fische selbst damit zu fangen, und ein altes, sehr kleines Canoe war ihnen ebenfalls gegeben worden. Der Raum aber, in dem sie umherfahren konnten, blieb immer sehr beschränkt, da ein bis an die Oberfläche steigender Corallengürtel die ganze Landzunge einfaßte. Übrigens wußten sie mit der leichten Harpune nicht ordentlich umzugehen und fingen wenig oder gar nichts damit.
Nichts desto weniger litten sie keinen Mangel, denn jeden Morgen brachten ihnen ein paar Eingeborene Brotfrucht und Cocosnüsse, mit denen sie sich freilich vor der Hand begnügen mußten. Die aber, die ihnen die Lebensmittel ablieferten, ließen sich auf gar keine Unterhaltung mit den Gefangenen ein. Die von Mac Kringo an sie gerichteten Fragen beantworteten sie kurz oder gar nicht, und nur das eine Wort mawquaw – „wartet!“ hörten sie alle Tage.
Die Eingeborenen hatten allerdings in der Zeit mehr zu thun, als sich mit den gefangenen Europäern einzulassen. Die Verbindung Hua's mit Tai manavachi wurde gefeiert – wie Mac Kringo doch herausbekommen hatte – und das Cava-Trinken beschäftigte sie fast ausschließlich den ganzen Tag. Der Lärm ihrer Tänze und Sänge schallte auch oft, von der Brise getragen, bis zu den armen Gefangenen herüber; das war aber auch alles, was sie von der Feierlichkeit genossen, denn die weißen Tuas[24] durften nicht Theil nehmen an einem Feste des ersten Häuptlings.
Am neunten Tage Morgens war Alles vorüber, und Tai manavachi führte seine junge Frau auf seiner kleinen Flotte mit hinweg, der eigenen Heimat zu. Die Insulaner gaben ihnen noch eine lange Strecke das Geleit; dann kehrten sie zurück, und es war jetzt plötzlich so still auf Monui geworden, daß die sonst so lebendige Insel fast wie ausgestorben schien.
Um Mittag herum waren die jungen Leute allerdings schon wieder zurückgekehrt, aber bei den Matrosen ließ sich Niemand blicken als ihr gewöhnlicher Bote, der die Lebensmittel brachte.
Spund, vor allen Anderen, war damit nun allerdings vollkommen einverstanden. Er lag den ganzen Tag im Schatten einer mächtigen, unfern von ihrer Hütte wachsenden Cocospalme, seinen Platz nur eben so viel verändernd, wie sich die Sonne drehte. Auch Jonas und Lemon schienen sich in diesem Leben wohl zu fühlen. Mac Kringo dagegen verlangte es nach einer Beschäftigung, und während er die Morgenstunden darauf verwandte, meist verunglückte Versuche im Fischfang zu machen, benutzte er den Nachmittag, ein Kartenspiel aus Holz zu fabriciren. Er hatte nämlich eine Holzart dort gefunden, die sich ziemlich leicht spaltete, und war mit wahrhaft eiserner Geduld daran gegangen, mit seinem Taschenmesser, an dem sich eine kleine Säge befand, einen Stamm abzuschneiden und dünne Scheiben davon herzurichten. Wenn die Sache auch außerordentlich langsam ging, war es für ihn doch eine Beschäftigung und versprach später sogar eine Unterhaltung.
Legs hatte ihm im Anfange aufmerksam zugesehen. So lange er selber nichts zu thun brauchte, war es ihm recht, wenn ein Anderer arbeitete. Endlich aber bekam er auch selbst das Zusehen satt, nahm eine Harpune und schlenderte langsam hinaus, den Strand entlang.
Dort versuchte er allerdings erst eine Weile, ein paar der in dem krystallklaren Wasser umherschwimmenden Fische zu harpuniren; im tiefen Wasser überstach er sie aber jedes Mal, und im seichten stieß er die Harpune so oft und vergebens gegen die harten Corallen, daß er bald die beinernen, überdies nicht sehr dauerhaften Spitzen abgebrochen hatte, das unnütze Holz dann zu Boden und sich selber unter einen breitästigen Pandanusbaum warf, den Sonnen-Untergang hier in aller Ruhe abzuwarten.
Eine halbe Stunde mochte er etwa so gelegen haben, und er fing schon an schläfrig zu werden. Die Augenlider wurden ihm schwer, und er war eben im Begriff, wirklich einzuschlafen, als er unfern von sich und schon halb träumend etwas auf dem Wasser plätschern hörte.
There she blows, murmelte er halblaut vor sich hin, denn im Geist saß er oben im Top vom Vormast auf der Lucy Walker, nach Wallfischen ausschauend, und das Plätschern kam ihm wie das Blasen der Fische vor. Da es sich jedoch wiederholte, wurde er auch endlich wach, schlug die müden Augen auf und sah plötzlich, kaum hundert Schritt von sich entfernt, eines der wunderhübschen Tonga-Mädchen auf den Corallen im Wasser stehen.
Der ganze weibliche Theil der Bevölkerung hatte sich nun bis jetzt – den Befehlen des Häuptlings nach – so fern von den Papalangis gehalten, daß ihnen die ganzen neun Tage hindurch keine einzige nur in Sicht gekommen. Um so mehr wunderte sich jetzt Legs, eine von ihnen so ganz in der Nähe, und zwar auf dem den Weißen angewiesenen Fischgrunde zu sehen.
Das Mädchen erweckte aber auch noch außerdem seine Neugierde, was sie dort eigentlich treibe, denn sie stand in dem seichten Wasser, das ihr bis über die Knie ging, vollkommen ruhig, und schlug nur manchmal mit der rechten, flachen Hand darauf, daß es weit hinausschallte. – Auf solche Art konnte sie doch keine Fische fangen.
Nun war ihnen allerdings streng untersagt worden, mit den Eingeborenen, besonders mit den Frauen, zu verkehren, wenn die aber selber zu ihnen kamen, glaubte Legs auch keiner Verantwortung unterworfen zu sein. Jedenfalls hatten sie die Erlaubniß, dort, wo sich die Dirne befand, zu fischen, und wenn er davon Gebrauch machte und das Mädchen da draußen zufällig fand, war es nicht seine Schuld. Froh auch, etwas gefunden zu haben, die langweiligen Stunden rascher zu vertreiben, griff er die weggeworfene und jetzt vollkommen nutzlose Harpune wieder auf, um die Waffe wenigstens als Beweis seiner Beschäftigung bei sich zu haben, glitt dann unter seinem Baume vor und langsam in das seichte warme Wasser hinein und nahm jetzt eine solche Richtung, daß er dem Mädchen da draußen, wenn sie wieder zum Ufer zurück wollte, leicht den Weg abschneiden konnte. Er glaubte nämlich, daß sie nur hier herausgekommen wäre, weil sie keinen der Fremden in der Nähe vermuthet hätte.
So wenig als möglich Geräusch machend, näherte er sich dabei langsam dem jungen Ding, das viel zu sehr da draußen beschäftigt schien, um auf irgend etwas Anderes zu achten. Der Boden aber, auf dem er ging, war nicht eben. Die Corallen bildeten allerdings hier einen ziemlich festen, bei niederem Wasser etwa zwei Fuß tiefen Grund; hier und da waren aber doch durch ihre Verzweigungen nicht ausgefüllte Löcher geblieben. Legs watete dort hinaus, achtete aber mehr auf das Mädchen als den Grund, auf dem er hinschritt, versah eines von jenen Löchern und schlug so lang – oder vielmehr so kurz er war, aufs Wasser.
Etwas bestürzt, raffte er sich allerdings wieder gleich empor und erwartete jetzt nichts Anderes, als die erschreckte Schöne dem Lande zufliehen zu sehen. Das Mädchen aber, das sich nun nach dem Geräusch umgedreht hatte, blieb lachend stehen und schien sich nicht im Geringsten zu fürchten, ja, ihn sogar zu erwarten.
Legs, mit einem Kernfluch über seine eigene Ungeschicklichkeit, ließ sich denn auch nicht lange nöthigen und watete, nur allerdings vorsichtiger geworden, langsam auf die Schöne zu, die indessen ihre wunderliche Beschäftigung ruhig und unbekümmert fortsetzte.
Mit der Sprache der Leute konnte der Matrose nun allerdings noch nicht zu Stande kommen; einzelne Wörter und Benennungen hatte er sich aber doch gemerkt, besonders den Gruß der Insulaner, ihr herzlich klingendes und so oft gehörtes chio do fa, das er auch vor der Hand zur Einleitung für ein weiteres Gespräch verwandte.
Chio do fa, lächelte das hübsche Kind zurück, und Legs, um weitere Vocabeln verlegen, faßte sich endlich ein Herz und fragte auf gut Englisch, was sie da mache.
Das Mädchen, eines der hübschesten der Insel, mit weiter keiner Bekleidung als einer wunderlich geflochtenen, schmalen Matte um die Hüften und einem kurzen Stück Tapa über den Schultern, das die Bewegung ihrer Arme keineswegs beeinträchtigte, schüttelte aber als Antwort nur lachend mit dem Kopf – ein Zeichen, daß sie nicht verstehe, was er sage.
Legs fand jetzt, daß er das Englische aufgeben und sich mehr auf Zeichen beschränken müsse. Deßhalb auf das Wasser deutend und mit der Hand ihre bisherige Bewegung nachahmend, sah er sie dabei so komisch fragend an, daß das junge Ding in fröhlichem Übermuth wieder laut aufjubelte und dabei ein paar Reihen Zähne zeigte, die ihr wie Perlen zwischen den rosigen Lippen lagen. Jedenfalls hatte sie aber verstanden, was er meinte, denn sie nickte ihm freundlich zu und sagte:
„Ang-a!“
„Ang-a – ja wohl,“ brummte Legs vor sich hin – „jetzt bin ich so klug wie vorher. Was ist Ang-a?“
„Ang-a!“ wiederholte aber das Mädchen lauter als vorher und wie erstaunt, daß der Fremde nicht wissen solle, was Ang-a sei. Trotzdem schüttelte Legs noch immer bedeutend mit dem Kopf, und da sie wohl merken mußte, daß ihm die so deutlich gegebene Erklärung doch noch immer nicht genüge, setzte sie lächelnd hinzu – „mawquaw!“
Das Wort verstand Legs. Die vollen neun Tage hindurch hatten sie das jeden Morgen von dem Burschen gehört, der ihnen das Essen brachte – warte ein wenig! – und als er darauf rasch und befriedigt mit dem Kopfe nickte, drehte sich die Kleine von ihm ab und schlug aufs Neue, wie vorher, das stille Wasser mit der flachen Hand.
Er sah jetzt, daß sie im linken Arm ein kleines Bündel mit Stücken gerösteter Brotfrucht und anderen Lebensmitteln trug – aber wozu? – Wollte sie so lange hier draußen im Wasser stehen bleiben, daß sie sich ihr Mittagsessen gleich mit herausgenommen? – Er war dabei näher zu ihr hinan getreten, und der weiche, elastische Körper des Mädchens, so in Arms Bereich von ihm gebracht, schimmerte ihm so verführerisch aus der leichten Umhüllung entgegen, daß er allen Warnungen zum Trotz seinen Arm langsam ausstreckte und um ihre Taille legte.
Die Insulanerin nahm jedoch nicht die geringste Notiz davon, und Legs war selber so erstaunt über den günstigen Erfolg seiner Kühnheit, daß er ein paar Minuten regungslos in dieser Stellung verharrte, ohne sich natürlich weiter um das zu kümmern, was auf dem Wasser vorging.
„Gia-hi!“ sagte da plötzlich die braune Schöne, indem sie ein Stück der Brotfrucht nahm und neben sich ins Wasser warf.
Legs konnte nicht umhin, den Kopf nach jener Richtung zu drehen, denn er sah sich dort plötzlich etwas bewegen. Im nächsten Augenblicke erkannte er aber auch zu seinem Entsetzen die Finne eines gar nicht etwa so sehr kleinen Haifisches, der sich in demselben Moment etwas auf die Seite warf und mit dem geöffneten, bis über die Oberfläche reichenden Rachen das Stück Brotfrucht aufschnappte und verschlang. So nahe war ihnen die Bestie gekommen, daß er sie hätte mit der Hand auf den Kopf schlagen können.
„Ang-a!“ lachte das Mädchen noch einmal laut auf, indem sie dem Ungethüm einen neuen Leckerbissen zuwarf.
„Ang-a hell!“ schrie aber Legs, der im Todesschreck einen Schritt zurückprallte, denn selbst der beherzte Matrose fürchtet nichts mehr auf der Welt als den Hai, seinen ärgsten Feind. „Das ist ein Hai, bei allem, was da schwimmt!“
Unwillkürlich drückte er sich dabei hinter das kecke, wilde Ding, das sich ein solch gefährlich Spielzeug ausgesucht. Die Insulanerin aber, mit einem schelmischen Blick auf den Fremden, dessen Entsetzen ihr nicht entgangen war, ließ das nächste Stück Brotfrucht dicht neben sich und mehr nach rückwärts fallen, so daß der Fisch in seinem nächsten Sprung danach in Wirklichkeit Legs' etwas ausgebogene Extremitäten streifte.
Das war diesem aber außer dem Spaß, denn während der Fisch in die Höhe schnappte, den für ihn hingeworfenen Bissen zu ergreifen, wußte Legs jetzt wirklich nicht, ob der Angriff ihm oder der Brotfrucht galt, stieß einen lauten Schrei aus und that, so weit er springen konnte, einen Satz zurück. Dabei fiel er aber wieder, so lang er war, ins Wasser und schlug jetzt aus Leibeskräften mit Armen und Beinen um sich, um durch lautes Plätschern und Lärmmachen, als einziges Hülfsmittel, den furchtbaren Feind fern von sich zu halten.
Er hörte dabei nicht das laute glockenrein klingende Lachen der jungen Dirne, sah nicht, daß der Hai, durch das ungewohnte Geräusch erschreckt, schon lange wieder hinaus aus der seichten Fluth und durch irgend ein Loch der Corallenwände in tieferes Wasser gefahren war. Nur mit jeder, von ihm selbst aufgeschlagenen Welle, während er sich in aller Hast dem sicheren Ufer zuarbeitete, fürchtete er das gefräßige Ungeheuer dicht hinter sich, das vielleicht nur auf einen günstigen Moment wartete, ihn zu ergreifen, und wälzte sich solcher Art schreiend und mit Armen und Beinen schlagend, bis zum nächsten Landvorsprung hin.
Einen solchen furchtbaren Lärm hatte er dabei gemacht, daß seine Kameraden erschreckt aufsprangen und der Richtung zueilten, von der sie die Hülferufe gehört. Nicht wenig erstaunt waren sie aber, Legs in solcher Aufregung ankommen und das Mädchen draußen im Wasser so herzlich lachen zu sehen, ohne daß sie auch nur die geringste Ursache für Eines oder das Andere erkennen konnten.
Von den Eingeborenen waren indessen ebenfalls Einige durch den Lärm herbeigerufen worden. Diese erriethen übrigens, wie es schien, was da draußen vorgefallen, denn sie amüsirten sich unter einander vortrefflich, ohne jedoch den Weißen dabei zu nahe zu kommen.
Jedenfalls verhinderte sie ein strenges Verbot ihres Häuptlings, sie würden diese Gelegenheit sonst gewiß nicht versäumt haben, sich nach Herzenslust über den Fremden lustig zu machen.
Legs behielt deshalb auch volle Freiheit, sein Abenteuer den Kameraden nach seiner eigenen Art zu erzählen, und demnach war er draußen beim Fischen von einem furchtbar großen Hai angegriffen und verfolgt worden und nur durch seine Geistesgegenwart der Gefahr entgangen, von dem Ungeheuer erfaßt und unter Wasser gezogen zu werden. Mac Kringo schüttelte freilich dazu den Kopf und fragte, wie es denn käme, daß der Hai nicht das Mädchen da draußen angegriffen, und warum die Dirne so entsetzlich gelacht hätte. Legs jedoch meinte, die Braunfelle hätten gut lachen; an die ginge ein Hai gar nicht, und da sie sich selber sicher wüßten, so wäre es keine Kunst, sich über einen Anderen lustig zu machen.
Die Aufmerksamkeit der Matrosen sollte aber bald auf etwas Anderes gerichtet werden, denn ein Bote von Toanonga kam gegen Abend, ihnen anzuzeigen, daß sie sich am nächsten Morgen bereit halten sollten, zu der Rathsversammlung der Häuptlinge abgeholt zu werden.
Weiteres war nun aus dem Burschen nicht heraus zu bekommen. Entweder wußte er selber nicht mehr, oder durfte nicht mehr sagen. Den Seeleuten war aber bei der ganzen Sache nicht wohl zu Muthe, denn die Vorladung, wie die ganze Versammlung wurde gar so feierlich gehalten.
Was wollten sie denn eigentlich noch mit ihnen? Daß sie an dem Raub der Häuptlingstochter unschuldig waren, wußte der alte Toanonga so gut wie sie selber, und konnte man sie also deshalb noch bestrafen? – Wenn man sie also nicht bestrafen wollte, wozu dann eine Rathsversammlung halten?
Jonas schlug jetzt vor, daß sie suchen sollten, sich in der Nacht eines Canoes zu bemächtigen und damit aufs Gerathewohl in See zu gehen. Inseln lägen doch noch mehrere dort herum, und eine oder die andere würden sie schon finden, wenn sie nicht gar unterwegs ein Schiff anträfen, das sie aufnehmen könnte. Das war aber ein verzweifelter Plan; denn erstens wußten sie, daß sie streng bewacht wurden, dann hatten sie gar keine Waffen, um sich, wenn angegriffen, zu vertheidigen, und ohne Provision und Instrumente in See zu gehen, wo ihnen der nächste Sturm außerdem verderblich werden mußte, wäre mehr als Tollkühnheit, es wäre einfach Wahnsinn gewesen.
Mac Kringo, der überhaupt als Dolmetscher ein gewisses Ansehen bei den Kameraden gewonnen hatte, stimmte gleich dagegen und erklärte, daß er auf keinen Fall sich bei einem solchen verzweifelten Unternehmen betheiligen würde. Hätten sie jetzt die ganze lange Zeit nutzlos verstreichen lassen, so bliebe ihnen nun auch weiter nichts übrig, als das Letzte abzuwarten, und daß sie nichts dabei für ihr Leben zu fürchten hätten, glaube er ihnen mit Bestimmtheit versichern zu können. Die Eingeborenen seien viel zu gutmüthig, ihnen mit vorbedachter Grausamkeit etwas zu Leide zu thun, und seiner Meinung nach wäre die ganze Geschichte weiter nichts, als eine Idee des alten Toanonga, der sich, den Europäern gegenüber, gern ein wenig wichtig machen wolle. Das Ganze würde darauf hinaus laufen, daß man ihnen vorhalte, wie gut und großmüthig die Bewohner von Tonga, und wie schlecht die Papalangis seien, und zuletzt würde man sie auf der Insel ruhig gewähren lassen, zu treiben was ihnen gerade beliebe.
Ob er nun das Richtige getroffen oder nicht, blieb sich gleich; darin hatte er jedenfalls Recht, daß ein Fluchtversuch jetzt im letzten Augenblick Wahnsinn gewesen wäre, und die Bootsmannschaft entschloß sich denn auch endlich, das Resultat, wie es auch ausfallen möge, geduldig abzuwarten.
Der nächste Morgen kam, und die Leute versuchten, soweit ihnen das irgend möglich war, Toilette zu machen. Damit sah es aber entsetzlich windig aus, denn bei ihrer Flucht von Bord hatten sie nur das Nothwendigste mitnehmen können, und bei dem Sinken des Bootes auch selbst das noch verloren. Nur Mac Kringo und Legs besaßen Hüte, nur Spund und Jonas Jacken, und ihre Schuhe waren von dem scharfen Corallenboden, auf dem sie ohne Schuhe gar nicht gehen konnten, schon so mitgenommen worden, daß sie kaum noch zusammen hielten.
Die einzige Verbesserung, die sie mit sich vornehmen konnten, war die, daß sie ihre Hemden auswuschen, um wenigstens mit reiner Wäsche vor den Häuptlingen zu erscheinen, und was eine Kopfbedeckung betraf, so hatten die, welche mit einer solchen nicht mehr versehen waren, darin die Mode der Eingeborenen nachgeahmt und sich eine Art Kopfschutz aus den Blättern der Cocospalme gefertigt, der die Augen wenigstens gegen das blendende Sonnenlicht schirmte.
Nur Pfeife, einer gewissen Phantasie dabei folgend, war daran gegangen, einen wirklichen Hut zu flechten – was die Matrosen meist verstehen und sich oft ihre Strohhüte selber machen. Das Cocosblatt zeigte sich aber nicht geschmeidig genug dazu, und wenn er auch wirklich eine Art Hut zusammen brachte, so hatte derselbe doch eine so wunderliche Form bekommen, daß selbst Lemon lachte, als er ihn zum ersten Male sah.
Die ersten Morgenstunden vergingen übrigens, ohne daß sie zu der erwarteten Zusammenkunft wären abgerufen worden. Nur ihr Frühstück erhielten sie wie gewöhnlich, dann war Alles still – nicht einmal ein Fischer-Canoe sahen sie in dem Binnenwasser der Riffe, so hatte die heute gehaltene Rathsversammlung das Interesse der Insulaner in Anspruch genommen.
Endlich kam der, eines Theils gefürchtete, andern Theils aber auch wieder sehnlichst erwartete Bote; denn selbst die schlimmste Wirklichkeit kann in manchen Fällen oft weniger peinlich sein, als diese ewig zögernde Ungewißheit, in der sich des Menschen Herz in solchem Falle verzehrt.
Ein junger Bursch, der auf der Insel Constabel-Dienste versah, sich sonst aber in nichts von den Übrigen auszeichnete, als wo möglich noch fauler als der Rest zu sein, kam endlich und meldete den Papalangis, daß Toanonga und die Versammlung der Egis sie erwarte.
Mac Kringo theilte den Übrigen die Botschaft mit, und Lemon brummte halblaut vor sich hin: Die Egis sollen verdammt sein!
Das nahm der Botschafter aber entsetzlich übel; denn wenn er auch kein Englisch verstand, hatten die Eingeborenen jenes Wort „verdammt“ doch so oft von dort landenden Fremden gehört, um zu wissen, daß es etwas sehr Böses und Häßliches bedeute. Er hielt deshalb auch dem kleinen sauertöpfischen Burschen eine lange und heftige Strafpredigt, die dieser jedoch mit weiter nichts als einem noch viel mürrischeren „Geh zum Teufel“ erwiderte.
Mac Kringo gab sich freilich alle Mühe, den Frieden wieder herzustellen und den Eingeborenen zu besänftigen, indem er ihn zu überzeugen suchte, daß er den Papalangi ganz falsch verstanden habe. Der Bursche wußte aber recht gut, was er selber gehört hatte, und der Zug setzte sich endlich, von ihm angeführt, langsam in Bewegung.
„Hört einmal, Kameraden,“ sagte da Mac Kringo als sie schon unterwegs waren, indem er sich gegen die kleine Schaar wandte, „ich habe euch schon versichert, daß ich nicht glaube, wir hätten irgend etwas von dem rothen Gesindel zu fürchten. Sollten sie uns aber doch zu Leib wollen, und es ist immer gut, auch auf das Schlimmste vorbereitet zu sein, dann wollen wir uns auch nicht wie die Schafe zur Schlachtbank führen lassen, sondern lieber wie englische Matrosen sterben und noch so vielen der rothen Brotfruchtfresser, wie möglich, die Schädel einschlagen. Seid ihr damit einverstanden?“
„Gewiß,“ rief Pfeife für die Übrigen; „irgend etwas wird man ja dort schon finden, womit man zuschlagen kann, und wenn das nicht wäre, so hat jeder seine Fäuste und sein Messer bei der Hand, die lumpigen Schufte nach Herzenslust zu bearbeiten.“
„Gut,“ sagte Mac Kringo. „In dem Falle liegt unsere einzige Aussicht auf Erfolg aber nur darin, daß wir uns nicht trennen lassen, sondern fest zusammen halten. Sechs handfeste Burschen wie wir können es dann auch schon mit einem Schock solchen weichlichen Gesindels aufnehmen, und im schlimmsten Falle arbeiten wir uns zu einem Canoe durch, plündern einen Brotfruchtbaum und ein paar Cocospalmen und gehen in See.“
„Das sind schöne Aussichten!“ seufzte Spund, „und bedenkt nur dabei, daß wir sie durch Widersetzlichkeit immer noch erbitterter machen!“
„Wenn du dich willst fressen lassen,“ kreischte Pfeife, „so hat natürlich Niemand was dawider. Ich danke aber dafür, und wenn sie uns wirklich einmal zu Leib wollen, so liegt nachher verwünscht wenig daran, ob wir sie dabei in guter oder böser Laune behalten.“
„Pst – da sind sie!“ flüsterte aber in diesem Augenblicke Mac Kringo, der durch die Büsche hin die hellen buntfarbigen Kleider der Eingeborenen schon erkannt hatte. „Jetzt haltet euch ruhig, und im Nothfalle fest zusammen. Unsere Messer haben wir doch wenigstens alle im Gürtel, und was sie auch vorhaben, sie sollen uns wenigstens nicht unvorbereitet finden.“
Weiteres Gespräch war jetzt auch unmöglich geworden, denn wie sie den nächsten Busch umschritten, sahen sie sich plötzlich der ganzen Versammlung gegenüber, die sie sich allerdings nicht so zahlreich gedacht. Die Einwohnerschaft der ganzen Insel schien aber hier versammelt und der große weite Raum vor Toanonga's Hütte, in dem die Egis den Mittelpunkt bildeten, schwärmte ordentlich von braunen lebendigen Gestalten beiderlei Geschlechts.
Inmitten des Platzes stand ein riesiger Tamarindenbaum, um den herum neun hochstämmige Cocospalmen angepflanzt schienen. Dadurch erhielten sie dem Platz den Schatten, die Sonne mochte stehen, wo sie wollte[25], und konnten ihre Versammlungen zu jeder beliebigen Tageszeit halten.
Dort waren feine Matten ausgebreitet, welche die Bewohner aller der Südsee-Inseln so trefflich zu flechten verstehen, und die Egis von Monui bildeten, mit Toanonga in der Reihe sitzend, einen vollkommenen Kreis.
In demselben nahmen die verschiedenen Häuptlinge ihre Plätze ein, aber keineswegs nach Gutdünken, sondern sie waren ihnen vorher von dem Ceremonienmeister angewiesen worden. Toanonga behauptete den Ehrenplatz und saß, den Rücken seinem Hause zugedreht, mit dem Gesicht der reizenden Bai zugewandt, die hier durch rechts und links auslaufende Landzungen gebildet wurde. Zu beiden Seiten dann von ihm ab kamen ihm zunächst die Angesehendsten und vom edelsten Blut, bis sich mit den geringeren Häuptlingen der Kreis ihm gegenüber wieder schloß.
Um die Egis aber her, und zwar so gedrängt, daß sie fast deren Rücken berührten, saßen[26] die übrigen Eingeborenen, Männer und Frauen, bunt durch einander, und wer dem Kreise nicht so nahe kommen konnte, zu hören was da verhandelt wurde, ließ es sich wenigstens von den näher Sitzenden mittheilen.
Außerhalb dieses fast dicht geschlossenen Kreises hatten die Kinder ihren Tummelplatz gewählt, sich haschend und überschlagend, und mit den nackten Füßen auf dem scharfen Corallensande allerlei wilde Lust treibend.
Die Berathung war indessen nicht gleich von Anfang an so öffentlich – wenn auch im Freien – verhandelt worden. Bis die Egis unter sich einig geworden, hatte man das Volk in ehrerbietiger Ferne gehalten, und erst als die Hauptsache vorüber war, ließ man die Neugierigen hinzu. Wollte jedoch der alte Toanonga die Galerieen wieder geräumt haben, so brauchte er nur ein Zeichen zu geben, und Keiner hätte daran gedacht, sich dem Befehle zu widersetzen.
Jetzt übrigens, da die gefangenen Fremden in Sicht kamen, wurde eine andere Ordnung nöthig, um sie würdig zu empfangen, und einer der als Constabel agirenden Burschen schrie deshalb den Zuhörern zu, Raum zu geben. Diese mußten auch schon wissen, um was es sich handle, denn sie wichen nach rechts und links zurück, die Fronte gegen die Bai offen lassend, während die mit dem Rücken nach dem Wasser zu sitzenden Häuptlinge ebenfalls aufstanden.
Geschäftige Hände ergriffen dabei rasch ihre Matten, und trugen sie hinter Toanonga und die ihm zunächst sitzenden Häuptlinge, wo sie mit ihnen eine zweite Reihe bildeten. Dadurch war der Raum vor dem alten Häuptling frei geworden, an beiden Seiten aber kauerte die Einwohnerschaft von Monui.
„Mate,“ sagte da Legs, indem er seinen Hosenbund etwas höher über die Hüften heraufzog und aus alter Gewohnheit – denn Tabak hatte schon lange Keiner von ihnen mehr – auf die Erde spuckte – „die Geschichte wird feierlich – was sagest du dazu.“
„Mein Leben lang will ich keine Schiffsplanke betreten,“ murmelte Pfeife zwischen den Zähnen durch, „wenn ich nicht wünsche, daß ich hier fort wäre. Da stehen ein paar Hundert breitschulterige Kerle herum, mit den Waffen vielleicht hinter den nächsten Büschen versteckt, was sollen wir Sechs gegen die ausrichten?“
„Bah, so viel für die ganze Band',“ brummte der, fast um einen Kopf kleinere Matrose. „Meinen Hals setz' ich zum Pfand, daß die Kerle nicht einmal die Courage haben, uns etwas am Zeuge zu flicken. Ja, wenn wir Einer oder Zwei wären, aber einer ganzen Bootsmannschaft – wenn auch unserem Harpunier und Bootsteuerer der Hals voll Wasser gelaufen ist – kommen sie schon nicht zu nah.“
„Du, der Alte fängt an,“ flüsterte da Pfeife, indem er den Kameraden in die Seite stieß, „jetzt bin ich neugierig.“
Toanonga hatte indessen – die Hände in voller Ruhe auf seinem Bauch gefaltet – die ankommenden Papalangis Einen nach dem Andern aufmerksam gemustert. Als sie aber auf Anordnung eines der Leute vor ihm niedergesessen oder vielmehr gekauert waren, und sich halb schüchtern im Gefühl der sie umgebenden Menschenmenge, halb wieder trotzig und im schlimmsten Falle zum Äußersten entschlossen, im Kreise umsahen, nickte er ihnen mit seinem gutmüthigen Lächeln zu und sagte:
„Chio do fa, Papalangis – chio do fa!“
Die Leute, die aus dem freundlichen Gesicht des Alten neuen Muth schöpften, erwiderten den Gruß rasch, und dieser fuhr, den Kopf dabei langsam auf und ab neigend, einer in Bewegung gesetzten Pagoge nicht ganz unähnlich, fort:
„Ich habe euch rufen lassen, Freunde, um mit euch ein ernstes Wort über euch und eure Zukunft zu sprechen. Du da vorn, wie heißest du gleich? – verstehst ja wohl unsere Sprache genug, den Anderen wieder zu erzählen, was ich dir gesagt habe?“
„Mac Kringo heiße ich,“ erwiderte der also angeredete Schotte, indem er den Kopf etwas neigte. „Rede nur, Toanonga; ich verstehe Alles, und es soll kein Wort davon verloren gehen.“
„Gut, Freund – desto besser. So passe wohl auf, denn es kommt für euch viel darauf an, daß du auch eben recht verstehest.“
„Du weißt, unter welchen Umständen wir euch auf diese Insel zurückbekommen haben. Es war nicht unser Wunsch, und wir hätten euch lieber in eurem großen Canoe fortsegeln sehen. Du weißt auch, daß ihr oder euer Capitain – das bleibt sich gleich, denn ihr gehörtet zusammen und standet einander bei – mir hier, der ich euch alle freundlich aufgenommen, ein großes Leid anthun wolltet. Das war eure Dankbarkeit, ich will euch das aber nicht so übel nehmen, denn ihr Papalangis wißt es vielleicht nicht besser, und wenn ihr erst einmal eine Zeit lang zwischen uns gelebt habt, werdet ihr schon gescheidtere und bessere Menschen werden. Trotzdem nun hat der wackere und tapfere Tai manavachi, während er eurem bösen Capitain mitten im Sturm seine Braut wieder abnahm, euch, seine Feinde, die ihr verunglückt waret, aus dem Meer gerettet und ans Land gebracht, und euch auch weiter nicht das geringste Leid zugefügt. Er hatte eurem Capitain versprochen, euch ungestraft ziehen zu lassen, wenn er Hua, die damals noch in eurem Canoe war, kein Leid zufügen wollte, und da euer Capitain sie darauf frei ließ, glaubte er auch an euch sein Wort halten zu müssen. – Tai manavachi ist ein großer und edler Häuptling, und sein gegebenes Wort war heilig. Die Hotuas hatten es gehört, und er wußte, daß er es nicht brechen durfte. So – sag' jetzt deinen Freunden erst einmal, was ich mit dir gesprochen.“
Mac folgte dem Befehl und übersetzte den Übrigen die kurze und einfache Rede. Die Matrosen hörten ihm aufmerksam zu, bis ihn Legs endlich unterbrach und ausrief:
„Schon gut, schon gut, das ist eine alte Geschichte, und das Meiste davon wissen wir schon. Er soll uns ein frisches Garn spinnen. Hol' der Böse die Saalbadereien!“
„Nur Geduld, Mate!“ rief aber auch Jonas; „wenn einer ein Schiff vom Stapel lassen will, muß er erst sehen, ob Alles dicht und in Ordnung ist. Er hat jetzt die Geschichte kalfatert und Masten eingesetzt und Takelwerk angeschlagen. Paß einmal auf, jetzt wird er die Segel setzen und 14 Knoten die Stunde gehen.“
„Haben sie Alles verstanden,“ fragte Toanonga.
„Alles,“ sagte der Schotte, der klug genug war, den Alten so viel als möglich bei guter Laune zu erhalten, „und sie bitten dich fortzufahren.“
„Schön,“ erwiderte der alte Häuptling, zufrieden dabei mit dem Kopfe nickend: „Ich muß dir nun sagen, daß ich im Anfang gar keine Lust hatte, euch hier auf der Insel zu behalten. Ihr waret Kriegsgefangene von Tai manavachi und ich wollte, er sollte euch mit hinüber nach Tonga nehmen. Tai manavachi hat aber ein großes Herz. Er sagte, daß seine jungen Leute sehr zornig auf euch wären, und er nicht wisse, ob er dann sein Wort halten könne: euch kein Leid zuzufügen. Überdies könnte er euch auch nicht gebrauchen und wolle nichts mehr mit euch zu thun haben.“
Sehr freundlich von Tai manavachi, dachte Mac Kringo, erwiderte aber laut kein Wort und verzog keine Miene, und der Alte fuhr nach kurzer Pause fort:
„Da ihm aber nach unseren Gesetzen nun das Recht über euch zusteht, so haben wir, die Egis des Landes, uns die Sache überlegt, euch ihm abgekauft und beschlossen, euch hier auf Monui zu behalten.“
„Abgekauft?“ rief Mac Kringo erstaunt.
„Ja, Freund,“ sagte der Alte, ganz unbefangen und freundlich dabei lächelnd, „abgekauft. Nicht etwa, denn ich wüßte nicht, was ich mit euch anfangen sollte, sondern die Egis, und zu welchem Zwecke, will ich dir gleich auseinandersetzen, wenn du den Übrigen erst meine Worte erklärt hast.“
Mac Kringo that das diesmal schnell genug, denn die Nachricht hatte ihn selber überrascht, Legs aber rief lachend aus:
„Da hätte ich den Alten für gescheidter gehalten. Wer uns kauft, ist bös angeführt, denn ich will verdammt sein, wenn ich selbst mein eigener Herr sein möchte.“
„Und was wollen sie da mit uns machen?“ fragte Spund erschreckt; „da sollen wir wohl arbeiten?“
„Bah!“ lachte Jonas; „die Arbeit, die die faulen Burschen hier zu verrichten haben, könnte man recht gut vor dem Frühstück fertig bringen, ehe der Kaffee kalt wird; – Lumpenvolk das, einen weißen Christenmenschen zu kaufen! Aber so viel weiß ich, daß ich mich schon dumm genug anstellen werde.“
„Und dazu brauchst du dich auch gar nicht zu verstellen,“ brummte Lemon. „So viel ist aber sicher, und Legs hat Recht, ich hätte die Rothhäute auch für gescheidter gehalten, als daß sie Kerle wie Spund und Pfeife kauften.“
„Ruhig!“ unterbrach aber Mac Kringo die Kameraden; „ist das jetzt eine Zeit zum Necken? Hört erst, was der Alte weiter zu sagen hat, nachher können wir darüber reden.“
„Was sagen sie?“ fragte Toanonga.
„Sie lassen dich nur bitten, fortzufahren,“ erwiderte Mac Kringo.
„Gut, sehr gut,“ nickte der Alte wieder, während jetzt besonders die Frauen unter den Zuhörern sich vordrängten, als ob sie kein Wort von dem verlieren wollten, was da verhandelt würde. „Die Egis haben euch also, wie ich dir schon vorher erzählt, gekauft, und eigentlich blieb ihm nichts Anderes übrig; denn was sollten wir mit euch machen? ihr habt keinen Tabak, keine Glasperlen, keine Beile, kein Zeug, für das wir euch zu einer weiten Seefahrt ausrüsten könnten, und ihr werdet doch wohl einsehen, daß wir euch das nicht auch noch obendrein schenken können, weil ihr eines Egi Tochter habt entführen wollen und dabei verunglückt seid.“
„Aber wir können uns vielleicht selber ein Boot bauen oder ein Canoe aushauen,“ unterbrach ihn jetzt Mac Kringo, dem der Gedanke nicht recht behagen wollte, den rothen Gesellen käuflich überlassen zu sein.
„Womit?“ fragte ihn aber ganz trocken der Alte. „Habt ihr selber Beile? Habt ihr Segel und Ruder? Habt ihr Proviant? Nein, Freund; wir haben schon Schaden genug durch euch gelitten und wollen jetzt auch einigen Nutzen aus euch ziehen.“
„Aber was sollen wir thun?“ fragte der Schotte ungeduldig.
„Das wirst du gleich hören,“ lautete die ruhige Antwort des Alten. „Die Egis haben euch allerdings gekauft, aber mit Gütern, die dem Lande selber gehören, deshalb können sie auch nicht und wollen sie nicht eure Dienste für sich in Anspruch nehmen. Krieg haben wir jetzt nicht; wir leben mit allen benachbarten Inseln in Frieden, und Tai manavachi ist unser mächtiger Bundesgenosse geworden. Wäre das nicht der Fall, so würden wir euch vielleicht in unseren Canoes verwenden können, deren Behandlung ihr bald lernen würdet. Überhaupt seid ihr Weißen entsetzlich unwissende Menschen, für die es ein großes Glück ist, daß sie nach unserer Insel gekommen sind – ihr könnt nicht einmal Fische fangen. Doch das alles werdet ihr wohl nach und nach begreifen, wenn ihr erst einmal selber für euch und die Euren sorgen müßt.“
„Wenn wir das aber alles nicht können und verstehen,“ brummte Mac Kringo, „was wollt ihr denn mit uns machen?“
„Du bist entsetzlich ungeduldig,“ sagte Toanonga, „ich war ja eben im Begriff, dir das zu erklären. Vor allen Dingen wollte ich dir nur erst begreiflich machen, daß wir uns den Kopf zerbrochen haben, euch eine ordentliche Stellung hier anzuweisen, und ich selber habe da endlich einen Vorschlag gemacht, dem die anderen Egis nach reiflicher Überlegung beigepflichtet sind. Unser Entschluß deshalb ist der folgende: Auf Monui leben, seit unsrem letzten Krieg im vorigen Jahre, einige Frauen ohne Männer. Diese haben also auch niemanden mehr, der für sie sorgt, und mußten deshalb von den Egis oder vielmehr von dem Lande selber erhalten werden. Unter unsern Einwohnern hat sich aber bis jetzt noch niemand gefunden, der sie wieder heirathen wollte; der Männer sind auch durch die vielen Kriege weniger geworden, und diese Frauen begannen für uns eine Last zu werden.“
Mac Kringo hatte die Einleitung in immer wachsendem Staunen zugehört, denn er begriff gar nicht, was ihre Verhältnisse mit dem der Wittwen auf Monui zu thun haben könnten. Eben so wußte er recht gut, daß in diesem gesegneten Lande niemand dem Andern zur Last sein konnte, denn wo die Leute eben so genügsam von Brotfrucht und Wasser oder Cocosnüssen lebten und von allem diesem übrig genug für sämmtliche Bewohner war, konnte auch von keinem Nahrungsmangel die Rede sein. Er schüttelte deshalb ungläubig mit dem Kopf und sagte:
„Hatten sie denn keine Brotfrucht, die sie essen, keine Fische, die sie fangen konnten?“
„Du verstehst mich nicht,“ erwiderte ruhig Toanonga. „Zu essen haben sie allerdings genug, Dank den Hotuas[27], die unsere Inseln mit Allem reichlich gesegnet haben. Frauen verlangen aber nicht bloß zu essen, sie müssen auch einen Beschützer haben, denn sie fürchten sich, allein in ihren Hütten zu wohnen. Wir haben ihnen deshalb bis jetzt ein großes Haus eingeräumt, in dem sie zusammen leben konnten, aber sie wollten sich dort nicht mit einander vertragen. Sie haben sich gezankt und Streitigkeiten unter einander angefangen, die dann von den Egis wieder geschlichtet werden mußten, und es ist kein Friede zwischen ihnen geworden.“
„Segne meine Seele,“ knurrte Lemon, „das ist ein langer Palaver, und mir schlafen die Beine schon ein. Was sagt er, Lord Douglas?“
„Pst – warte nur noch einen Augenblick,“ beschwichtigte ihn der Schotte, der zu begreifen begann, was man von ihnen verlange, und ein heimliches Lachen kaum unterdrücken konnte.
„Damit das anders werde,“ fuhr Toanonga langsam und bedächtig fort, „haben wir euch ausersehen, und eurem Schutz sollen diese Frauen übergeben werden.“
Mac Kringo glaubte noch immer, der Alte wollte sich einen Spaß mit ihnen machen; dazu aber sah er doch viel zu ernsthaft aus, und er fragte jetzt, immer noch seinen Ohren nicht recht trauend –
„Wir?“
„Ja, Ihr,“ erwiderte Toanonga, gravitätisch mit dem Kopfe nickend. „Ihr sollt sie heirathen, dann zieht ihr Jeder wieder in ein besonderes Haus, und der ewige Scandal hört einmal auf. Es ziemt sich auch nicht, daß die Frauen die Felder bestellen, gumala und ufi[28] darin zu ziehen. Das ist des Mannes Sache, und ihr werdet das fortan übernehmen. Du weißt jetzt unseren Willen und wirst ihn deinen Freunden mittheilen. Hast du mich verstanden?“
„Gewiß,“ rief Mac Kringo rasch, und mußte an sich halten, daß er nicht gerade hinaus lachte, denn die Sache kam ihm doch zu komisch vor.
„Was will er?“ fragte aber jetzt auch Spund, der sich vor Neugierde kaum lassen konnte.
„Nun, Messmates,“ redete da Mac Kringo die Kameraden an, indem er sich gegen sie wandte und so ernsthaft wie nur irgend möglich dabei auszusehen versuchte, „jetzt ist die Bombe endlich geplatzt, und so viel kann ich euch vor der Hand sagen: gehängt werden wir nicht.“
„Aber was ist's? – was will das alte dicke Rothfell? – wozu haben sie uns gekauft?“ fragten die Übrigen durch einander.
„Ja, es ist freilich was Erschreckliches,“ schmunzelte Mac Kringo, indem er die ziemlich abgerissene Schaar vor sich überblickte, „und wenn man euch hier nach einander ansieht, sollte man eigentlich kaum glauben, daß ihr recht dazu passen würdet.“
„Na, zum Teufel, Lord Douglas,“ rief jetzt aber auch Jonas, den bei der langen Vorbereitung schon ganz unheimlich zu Muthe wurde – „so schieß einmal los! Was sollen wir denn thun?“
„Wir sollen heirathen,“ antwortete Mac Kringo mit einem so ernsthaften Gesicht, als ihm das irgend möglich war; die fünf Seelen brachen aber in ein schallendes Gelächter aus, das, merkwürdiger Weise, auch die als Zuschauer umherkauernden Indianer anstecken mußte. Was sich wenigstens an jungen Männern dort hinzugedrängt, stimmte plötzlich aus vollem Herzen in das Lachen mit ein, und die bis zu diesem Augenblicke noch so ernste Rathsversammlung schien in diesem Ausbruch unerwarteter Fröhlichkeit ihren ganzen Respect zu verlieren.
Da hob Toanonga den Arm empor, und während die Insulaner augenblicklich schwiegen, fühlten selbst die Seeleute, daß sie den alten Häuptling, in dessen Gewalt sie sich doch nun einmal befanden, nicht ärgerlich machen durften.
„Hast du deinen Freunden gesagt, was ich dir mitgetheilt?“ fragte der Alte – „und weshalb lachen sie?“
„Sie freuen sich, daß du so gnädig mit ihnen verfahren willst,“ erwiderte Mac Kringo, rasch gefaßt. „Es gefällt ihnen hier auf der Insel, und sie wollen gern bei euch bleiben. Die Hauptsache freilich, daß du uns jetzt die Frauen zeigest, die wir nehmen sollen, damit wir unsere Wahl treffen.“
„Es ist gut – das hat noch Zeit,“ erwiderte der Häuptling. „Vor allen Dingen möchte ich erfahren, wer ihr eigentlich selber seid.“
„Wir?“ sagte Mac Kringo erstaunt – „nun, Seeleute.“
„Ja – das weiß ich,“ erwiderte Toanonga, „denn ihr seid alle auf dem großen Canoe gekommen. Aber ich weiß auch, daß ihr auf euren Canoes verschiedene Beschäftigungen habt. Euer Capitain hat mir erzählt, daß es Unterhäuptlinge darauf gibt, dann aber auch Leute, die das Holz bearbeiten und Boote machen, solche, die große Fässer arbeiten, solche, die Eisen hämmern, solche, die mit Tauen und Segeln umzugehen wissen, und so weiter; Was seid ihr also? Was bist du gewesen?“
„Ich?“ erwiderte Mac Kringo, der recht gut einsah, daß er sich hier in den Augen der Eingeborenen, ohne daß seine Kameraden das Geringste davon zu erfahren brauchten, einen höheren Rang und dadurch mehr Ansehen geben konnte. „Ich war ein Unterhäuptling.“
„Das habe ich mir gedacht,“ sagte Toanonga, „und die Anderen?“
„Hm,“ brummte der Schotte, „das mögen sie dir lieber selber sagen,“ und sich dann zu den Kameraden wendend, übersetzte er ihnen rasch, daß der Alte ihren Stand am Bord zu wissen wünsche.
„Nun, ich bin Böttcher!“ rief Spund.
„Allerdings,“ nickte Mac Kringo – „der hier, Toanonga, ist der Mann, der die großen Fässer macht.“
„Gut – sehr gut!“ rief der Häuptling, „er mag deren hier für uns machen, Cocosnußöl hinein zu thun – und weiter?“
„Du, Jonas, hast dem Zimmermann ja manchmal geholfen,“ redete diesen der Schotte an. „Soll ich dich als Zimmermann aufführen? die Rothhäute haben nachher mehr Respect.“
„Meinetwegen,“ antwortete Jonas, „viel zu zimmern werde ich hier doch nicht bekommen.“
„Und dies, Toanonga,“ sagte der Schotte, „ist der Mann, der das Holz behaut.“
„Sehr gut! Laß die Zwei bei Seite sitzen.“
„Nun, Lemon,“ wandte sich der Schotte jetzt an diesen, „soll ich dich als Schmied vorstellen?“
„Schmied,“ brummte der Matrose, „ich habe in meinem Leben keinen Hammer in der Hand gehabt.“
„Was thut das,“ lachte Mac Kringo, „du wirst auch hier weder Hammer noch Amboß finden, um dadurch in Verlegenheit zu kommen.“
„Dann meinetwegen,“ sagte Lemon, „so lange sie kein Handwerkszeug haben, will ich wohl ihr Schmied sein, wenn sie dann nur Frieden geben.“
Toanonga wurde jetzt also auch mit dieser neuen Eigenschaft bekannt gemacht, schien sich aber über eine solche Entdeckung noch mehr zu freuen, als über die anderen Handwerker. Er machte sogar Miene, von seinem Sitze aufzustehen, besann sich aber doch noch in Zeiten, daß sich das nicht recht für ihn schicken würde. Dem also entdeckten Schmiede winkte er jedoch sehr gnädig mit der Hand und befahl ihm, als besondere Auszeichnung, daß er an seine Seite käme.
Lemon wußte nicht recht, was er aus der ganzen Sache machen solle, und schnitt ein bitterböses Gesicht, folgte aber nichts desto weniger dem Befehle.
Fast alle Matrosen sind halbe Segelmacher, und Pfeife wurde deshalb von dem Schotten als solcher vorgestellt. Jetzt blieb also nur noch Legs für ein selbst zu erwählendes Metier, und da die Leute gemerkt hatten, daß ihnen das mehr Ansehen gab, wollte natürlich Keiner mehr gemeiner Matrose sein.
„Hol's der Henker,“ sagte Legs, „wenn ihr Alles weggenommen habt, bleibt nichts weiter für mich übrig, wie Koch. Stell mich dem alten runzeligen Rothfell deshalb als Koch vor, Lord Douglas.“
Das geschah; diese Entdeckung schien aber die beabsichtigte Wirkung nicht hervorzubringen; denn Toanonga sah den kleinen Burschen mit einem halb mitleidigen, halb geringschätzigen Blicke an und wiederholte mehrmals das ihm von Mac Kringo genannte Geschäft des Mannes:
„Tangata fe-umu, Tangata fe-umu,“ wobei er den dicken Kopf von einer Schulter auf die andere warf.
„Na? steht das dem Alten nicht an,“ fragte Legs, etwas bestürzt über diese augenscheinlichen Beweise des Mißfallens – „was schneidet er denn für Gesichter?“
„Laß nur gehen, Legs,“ beschwichtigte ihn aber der Schotte, „ob es ihm recht ist oder nicht, bleibt sich gleich. Er weiß nun alles, was er wissen will, und jetzt, denke ich, werden uns die Frauen vorgeführt werden.“
„Ich weiß, wen ich nehme,“ schmunzelte da Legs, der an das wunderschöne Mädchen dachte, das er draußen im Wasser gefunden. „Nachher kann ich's hier schon eine Weile auf der Insel aushalten. Wenn wir nur Tabak hätten!“
„Sprich mir nur nicht von Tabak,“ brummte Spund, „ich bin froh, wenn ich ihn einmal einen Augenblick vergessen habe. Wie ich das Wort nur nennen höre, läuft mir das Wasser schon im Maul zusammen.“
„Hallo, da kommen die Frauen!“ rief Legs, der indessen überall umher geschaut hatte, das Mädchen von gestern unter der Schaar heraus zu finden, sie aber bis dahin noch nicht entdecken konnte, „na, nu wird's losgehen.“
Legs hatte ganz recht gesehen. Unter den Frauen entstand in diesem Augenblicke eine auffallend lebhafte Bewegung, und während bis dahin die Männer hauptsächlich den innern Ring der Zuschauer gebildet hatten, drängte sich jetzt der weibliche Theil der Bevölkerung vor, um an der Verhandlung und ihrem weiteren Verfolge vielleicht thätigen Antheil zu nehmen.
Jedenfalls geschah dieses auf ein Zeichen, vielleicht auf einen Befehl Toanonga's, der indessen seine Augen aufmerksam im Kreise umhergehen ließ und die ihm näher drängenden Frauen zu mustern schien. War das wirklich der Fall gewesen, so kam er damit bald zu einem Resultate; denn er sah nach wenigen Minuten schon wieder still und nachdenkend vor sich nieder, nur dann und wann nach den Egis hinüberhorchend, die indessen eine desto lebhaftere Debatte führten.
Sie sprachen aber so rasch, daß Mac Kringo nur einzelne Worte davon verstehen konnte. Der alte How oder König schien jedoch mit allem, was sie sagten, einverstanden; nur einmal protestirte er, und die Sache mußte den neben ihm sitzenden Lemon betreffen, auf den er wiederholt deutete. Lemon merkte ebenfalls etwas Ähnliches, und der mürrische Blick, mit dem er den Alten betrachtete, hatte etwas unendlich Komisches. Toanonga nahm aber weiter nicht die geringste Notiz von ihm, und die übrigen Egis schienen sich endlich seiner ausgesprochenen Meinung zu fügen.
„Ma Kino,“ sagte da plötzlich der Alte, indem er sich an den Schotten wandte, „ich und die Egis sind darüber einig geworden, wie sie euch versorgen wollen, und ich will dich kurz mit ihrem Entschluß bekannt machen, welche Frauen euch zugetheilt werden sollen.“
„Zugetheilt?“ fragte der Schotte rasch, „das ist in unserem Lande nicht Sitte und meine Kameraden sind völlig damit einverstanden, daß wir uns lieber die, welche uns am besten gefallen, aussuchen wollen.“
„Das glaube ich euch recht gern,“ sagte der alte Toanonga gutmüthig, während die zunächst sitzenden Frauen unter einander kicherten und flüsterten. „Wenn aber hier überhaupt eine Wahl Statt finden sollte, so wären es unsere Frauen, die dazu ein Recht hätten. Von euch kann gar keine Rede sein. Da die Frauen aber in Geschäftssachen sehr kurzsichtig sind, und die Männer für sie denken müssen, so haben die Egis das übernommen, und du wirst jetzt hören, was wir darüber beschlossen.“
„Aber meine Kameraden werden damit nicht einverstanden sein,“ warf Mac Kringo ein.
„Bah – ich habe dich für einen vernünftigen Papalangi gehalten,“ sagte kopfschüttelnd der Alte. „Was wollt ihr denn thun? – haben wir euch nicht gekauft? – Könnten wir euch nicht die Schädel einschlagen, wenn wir sonst Lust dazu hätten, und habt ihr das etwa nicht auch verdient? – Wer kümmerte sich hier um euch, wenn wir euch in ein durchlöchertes Canoe setzten und euch hinaus in die Bai ziehen ließen, dort nach Gefallen zu sinken oder zu schwimmen, he? also sprich nicht solch dummes Zeug und sei gescheidt. Wenn ihr etwas an der Sache ändern könntet, so hätten wir euch um Rath gefragt. Da das nicht der Fall war, so habt ihr für jetzt weiter nichts zu thun als zu gehorchen.“
Der Alte sprach diese Worte mit seiner gewohnten, gutmüthigen Freundlichkeit, aber doch auch mit so viel Entschiedenheit im Ton, daß Mac Kringo bald merkte, wie sie mit ihm und den Eingeborenen überhaupt standen. Die Schaar der Insulaner war sich, den unbewaffneten Weißen gegenüber, ihres Übergewichts wohl bewußt, und an Widersetzlichkeit von ihrer Seite war in der That nicht zu denken. Klug genug also, die nicht für den Augenblick zu reizen, die einmal die Gewalt in Händen hatten, beschloß Mac Kringo, sich vor der Hand allem zu fügen, was sie über ihn und die Kameraden verhängen würden. Mit der Zeit kam dann auch Rath, und sie fanden vielleicht Mittel und Wege, sich einer ihnen lästig werdenden Gefangenschaft zu entziehen.
Toanonga kümmerte sich indessen wenig um das, was sein Dolmetscher etwa denken oder beabsichtigen mochte. Er hatte ihn mit dem Willen der Egis, der vor allen Dingen auch der seinige war, bekannt gemacht, und daß der durchgeführt werden mußte, verstand sich von selbst.
„Ma Kino,“ begann er deshalb nach kurzer Pause, denn das Wort Mac Kringo konnte er nicht gut aussprechen, indem er den vor ihm sitzenden Schotten fest und scharf ansah, „du bist, wie du sagst, auf eurem großen Canoe ein Egi gewesen, und es ist deshalb auch in der Ordnung, daß mit dir der Anfang gemacht wird. Die Anderen kommen nachher in der Reihenfolge, die ihnen gebührt. Da du nun unsere Sprache verstehst, gedenke ich dich in meiner Nähe zu behalten, welcher Ehre du dich hoffentlich würdig machen wirst, und zu dem Zweck und um dich auch zugleich recht wohnlich bei uns einzurichten, habe ich dir eine passende Frau bestimmt, die du gut behandeln und für die du sorgen wirst. Hast du mich verstanden?“
Mac Kringo nickte schweigend mit dem Kopf, denn der Alte fing an, ihm in seiner Ruhe und Bestimmtheit zu imponiren. Die Veränderung fiel ihm auch auf, wie sich Toanonga jetzt und damals benahm, als ihr Capitain noch mit seiner ganzen Schiffsmannschaft hier lag. Damals war er ihnen weit mehr als Freund und guter Bursche entgegengekommen, während er jetzt, von seinem ganzen Stamme umgeben und den wenigen Weißen gegenüber, nicht ernst und würdevoll genug aussehen konnte. Doch das alles zuckte ihm nur in flüchtigen Gedanken durch das Hirn, denn der gegenwärtige Moment war für ihn selber viel zu entscheidend, um sich mit anderen Beobachtungen aufzuhalten.
Toanonga winkte nämlich einer Frau, die, nicht mehr ganz jung, aber doch noch in den besten Jahren, den Kopf gebeugt, in dem vorderen Ringe saß. Auf das Zeichen, das sie unter den gesenkten Augenlidern vor gesehen haben mußte, richtete sich aber etwas auf und sah Toanonga an. – Mac Kringo war für sie gar nicht da.
„Mefo Hupe,“ sagte Toanonga, die Frau anredend, „du bekommst hier einen Versorger. Ma Kino wird mit dir in deine Hütte ziehen und das Feld für dich und deine Kinder bearbeiten.“
„Deine Kinder?“ rief der Schotte erstaunt, während die Frau wieder, als Zeichen des Gehorsams, den Kopf senkte, „sind denn Kinder auch dabei?“
„Allerdings,“ erwiderte freundlich der alte How, „und um so viel besser für dich, denn du hast gleich eine Familie, in der du zu Hause bist. Mefo Hupe war die Frau eines tapferen Egi's, Luttanaki mit Namen, der in dem letzten Kampfe gegen die Hapai-Leute getödtet wurde. Er hatte vorher sieben Hapai-Krieger mit eigener Hand erschlagen; du wirst deshalb nicht verfehlen, die Frau ehrerbietig zu behandeln. Geh jetzt in deine Wohnung, Mefo Hupe, und bereite dich zu der üblichen Feierlichkeit vor.“
Die Frau stand auf und verließ, ohne auch nur einen Blick auf ihren künftigen Gatten zu werfen, die Versammlung, und Mac Kringo wußte wirklich kaum, ob das hier alles nur ein Scherz sein sollte, oder ob die Insulaner wirklich Ernst machten. An dem Letzteren brauchte er aber kaum zu zweifeln, denn Toanonga sah gar nicht wie Spaßen aus. Wie er sich aber noch überlegte, ob es nicht vielleicht schicklich wäre, daß er wenigstens ein paar Worte mit seiner künftigen Frau spräche, wandte sich der Alte schon wieder an ihn, und zwar um zwischen ihm und dem jetzt an die Reihe kommenden Lemon zu dolmetschen.
Nun war dem How oder König dieser Insel nichts erwünschter, als einen Schmied unter den Papalangis gefunden zu haben; denn den großen Nutzen, den ihnen eiserne Werkzeuge gewährten, hatte er schon lange kennen gelernt. Diesen beschloß er deshalb auch unter seine ganz besondere Protection zu nehmen und für sich selber zu benutzen. Daß ein Schmied auch Werkzeug haben muß, ehe er eine Arbeit liefern kann, fiel ihm nicht ein. Der Fremde war nun einmal ein Schmied, und damit die Sache abgethan.
Für Lemon hatte er deshalb auch eine der jüngsten zu vergebenden Frauen bestimmt, und Mac Kringo mußte ihn mit dem seiner harrenden Glücke bekannt machen. Toanonga erstaunte aber nicht wenig, als der Matrose, der die ganze Sache immer noch für einen schlechten Spaß hielt und mürrischer als je war, ein Gesicht zu der Eröffnung schnitt, als ob er den Dolmetscher hätte umbringen können.
„Unsinn!“ knurrte er dabei, „laß dich doch nicht von dem alten Rothfell zum Narren haben, Lord Douglas!“
„Aber er ist in vollem Ernst.“
„Bah – Dummheiten – sag ihm nur, ich wollte keine Frau haben. Erstlich möcht' ich überhaupt nicht heirathen, und dann – hätte ich auch schon zwei Frauen in England.“
„Zwei?“ rief der Schotte überrascht.
„Na, wenn die Erste nicht in der Zeit gestorben,“ brummte der sauertöpfische Gesell – „ich habe mich wenigstens nie darum bekümmert, und weiß jetzt nicht einmal wo meine zweite ist.“
„Was sagt er,“ fragte Toanonga, der sich den sichtbaren Unwillen des Fremden nicht erklären konnte.
„Hm,“ meinte Mac Kringo – „er – er sagt, er hätte schon eine Frau, und nach unseren Gesetzen dürfen wir nicht mehr nehmen.“
„Oh – weiter nichts?“ lachte Toanonga gutmüthig, „da sag' ihm nur, daß er sich deshalb keine Sorgen mache, denn hier sind wir auf Monui, und ich selber habe neun Frauen. Doch das findet sich alles; ich erlaube ihm, daß er die Frau nimmt, die ich ihm gebe, und an das Andere hat er sich nicht zu kehren. Außerdem wird er seine Hütte auf meinem Grund und Boden haben und unter meinem ganz besonderen Schutze stehen. Sag' ihm das!“