Er bog sich nieder, den Hauptzweig der Decke von der Grube zurückzuwerfen, als Laykas schüchtern fragte:

„Und wird er nicht herausspringen können, wenn du die Decke wegnimmst?“

„Nicht von dort,“ lachte nun der junge Mann, „die Grube ist tief, und der Boden durch eingetriebene Stäbe in der Mitte der Art bedeckt, daß seine Hintertatzen nicht einmal einen festen Anhalt fassen können – siehst du dort?“ –

„Hülfe!“ tönte in demselben Augenblick eine Menschenstimme kläglich zu ihm herauf, „rettet mich!“

„Ein Menschentiger!“ schrie der Sundanese in jubelnder Luft emporspringend, „ich hab' ihn, ich hab' ihn! – Nun Laykas, gehn wir nicht fort, nun braucht Maono nicht zu fliehn, und wenn ich deinem Vater mit vollen Händen Geld in's Haus geschleppt, dann mag der alte tückische Chinese nur heimziehen nach seinem Zopf- und Opiumland.“

„Aber Maono,“ bat Laykas in Todesangst, „da unten in der Grube liegt ein Mensch.“

„Ein Mensch? – Ein Tiger ist's; ich hab' ihn selbst gesehn, seine funkelnden Augen, seine streifige Haut, seine fletschenden Zähne! – Er hat die Wurzel nicht, daß er sich wieder verwandeln kann. Da – sieh dort!“ rief er, während er die übergelegten Zweige mit der Hand bei Seite riß, „siehst du die lauernde, kauernde Gestalt? – Siehst du, wie er sich sprungfertig hinein in die Ecke, und doch das breite boshafte Gesicht scheu zu Boden drückt, weil er sich schämt im Sonnenscheine ertappt zu sein?“

„Hülfe!“ tönte da wieder leise und ängstlich, daß sie gehört würde, dicht unter ihnen eine Menschenstimme, und wie Maono, jetzt selber erschreckt, die ihm nächsten Zweige bei Seite riß, erkannte er in immer steigendem Erstaunen erst eine menschliche Gestalt, fest und ängstlich in eine Ecke gedrückt, die chinesische Tracht derselben, und jetzt, als sich das Antlitz des da unten in so furchtbarer Nachbarschaft kauernden langsam zu ihm aufdrehte, die scheuen, widerwärtigen Züge seines Nebenbuhlers.

„Schang-hai!“ jauchzte aber der junge Sundanese, als er seinen Verdacht in solcher Weise gerechtfertigt und bewiesen sah, ohne daran zu denken, dem also Gefangenen Hülfe zu leisten. „Hab' ich also recht gehabt? – Bist du mir auf die Lockspeise gesprungen und hast die Grube drunter nicht gemerkt? – Deine Wurzel hilft dir jetzt nichts mehr, ob du da unten auch noch so kläglich thust! Hat doch der ganze Kampong schon die langen Jahre Verdacht auf dich gehabt, und endlich, endlich halt' ich dich!“

„Schang-hai!“ stöhnte auch Laykas und barg, zusammenschaudernd vor dem furchtbaren Gedanken, daß sie dem Entsetzlichen hatte sollen zu eigen sein, ihr Antlitz in den Händen. Zu sehr theilte sie übrigens den Aberglauben ihres Volkes, um nicht aus vollem Herzen alles zu glauben, was an dunklen Gerüchten ihren Stamm durchlief. Und hätte der Mensch da unten in der Grube auch neben dem Tiger aushalten können, wäre er nicht seines Gleichen gewesen? – Nimmermehr! Das Raubthier würde ihn hundertmal zerrissen haben.

Wunderbar war es jetzt zu sehn, wie sich der Tiger in der Ecke der Grube vor dem hellen Sonnenstrahl, wie dem Laut der Menschenstimme immer mehr und mehr zusammendrückte, und während Maono in jubelnder Lust oben stand, den Triumph so glücklichen Fanges feiernd, erhob jetzt der unglückliche Chinese drunten mehr und mehr die Stimme und bat den Eingeborenen, ihn doch nur um Allahs Willen, wenn er seine Götter nicht anerkenne, aus seiner furchtbaren drohenden Lage zu befreien. Er versprach, ihn dabei zum reichen angesehenen Mann zu machen – versprach auf Laykas, deren Stimme er ebenfalls erkannt, zu verzichten – er hätte seine eigene Seligkeit verpfändet, wenn man es von ihm in diesem Augenblick verlangt, um nur von der entsetzlichen Todesgefahr befreit zu sein, nur seine Spanne Leben zu retten.

Eine ebenso große Gefahr drohte ihm aber in diesem Augenblick gerade von daher, von wo er Rettung erhoffte. Maono nämlich, in der festen Überzeugung, daß der gefangene Chinese wirklich ein Menschentiger sei, der nur, als er sich ertappt sah, seine menschliche Gestalt wieder angenommen, beschloß ohne Weiteres, die Gegend von diesem Ungeheuer zu befreien. Während der Chinese deshalb unten bat und flehte, befestigte Maono oben ganz ruhig und unbefangen die lange feste Leine am oberen Theil seiner Lanze, um diese nach dem Wurf wieder zurückziehen zu können, und trat dann an den Rand der Grube, die Waffe zum Todeswurf erhoben.

„Vorbereitung zum Tode,“ sagte er dabei ruhig, „brauchst du drunten wohl nicht, denn wer in Nacht und Finsterniß in solcher Verwandlung umherschleicht, weiß genau, was ihm bevorsteht, wenn man ihn endlich einmal ertappt. So nimm denn –“

„Halt ein – halt ein!“ schrie aber der Unglückliche, der die drohende Bewegung bemerkt, in Todesangst. „Ich schenke dir Hütte und Felder von Laykas' Vater, mit all den Thieren, die ihm zugehören. Ich schenke dir sechs meiner besten Büffel und die zwei großen Reisfelder, die hinter deinem neuen Hause liegen. – Ich schenke dir vier Säcke Deute außerdem und all die Arenpalmen, die auf dem Grundstück stehen, und du magst Laykas zur Frau nehmen, – aber wirf den Speer weg, um meines Lebens willen – wirf den Speer fort und reich' mir die Schnur herunter! Der Tiger dort in der Ecke wirft immer gierigere Blicke auf mich – ich bin verloren, wenn du mich nicht rettest.“

Maono warf nicht; diese ungeheuern Versprechungen, die ihm der Gefangene machte, brachten seinen Entschluß, ihn zu tödten und seinen Fangpreis dafür einzuziehen, doch zum Wanken. Er war damit reicher als er es je gehofft, und in der Gewalt behielt er den Chinesen ja noch immer.

„Und wirst du halten, was du da gelobt?“ fragte er zögernd.

„Rette mich, und ich gebe dir mehr, als ich dir versprochen,“ winselte der Unglückliche.

„Du willst ihn nicht tödten?“ fragte Laykas erstaunt, „wenn du ihn aufziehst, wird er seine Tigergestalt wieder annehmen und uns Beide vernichten.“

„Dagegen giebt es ein Mittel,“ lachte der junge Sundanese, indem er jetzt, von einem neuen Plan ergriffen und rasch entschlossen, die starke Schnur von der Lanze warf, während er dem Mädchen die Waffe reichte. „Da, Laykas,“ sprach er dabei, „nimm du den Speer und fass' ihn fest, indessen ich den Burschen in die Höhe ziehe. Bleibt er, was er ist, so werd' ich schon allein mit ihm fertig, denkt er aber zu seiner alten List zu greifen, so bald er sich im Freien weiß, siehst du das geringste Zeichen der gelben Streifen an den Seiten, der vorgestreckten Tatzen – dann stößt du ihm die Lanze bis ans Heft ins Herz, und mit meinem Khris schick' ich ihn rasch wieder in die Grube zurück. Und jetzt fass' an da unten!“ rief er, ohne sich weiter um den daneben liegenden Tiger zu bekümmern, dem Chinesen zu, indem er ihm die Leine niederwarf. „Schling' dir die Schnur um den Leib und ich ziehe dich herauf zu mir.“

Schang-hai befolgte mit zitternden Händen den gegebenen Befehl, scheu dabei den Blick fortwährend nach der kauernden, aber regungslosen Bestie gewandt. Stärker funkelten dabei die Augen des Tigers, als er seinen Mitgefangenen sich bewegen sah, fester drückte er sich zurück, auf die Hintertatzen zum Sprung zurückgebogen. Die tückischen Augen glänzten in einem grünen Feuer, die kurzen spitzen Ohren waren dicht an den Kopf zurückgelegt und die grimmen fletschenden blendendweißen Zähne zeigten sich in ihrer vollen furchtbaren Pracht. – Trotzdem wagte er den Sprung nicht und schien nur einen Angriff auf sich selber zu erwarten, dem er, so gerüstet, begegnen wollte.

Es war ein merkwürdiger Anblick, die Gruppe zu beobachten, die in diesem Augenblick oben an der Grube stand. Der Chinese, der sich die Schnur um den Leib geknüpft und mit Händen und Füßen, wenn auch noch immer scheu den Kopf nach der ihm nächsten Gefahr zurückdrehend, nachgeholfen, hatte eben mit den Händen den obern Rand erreicht. Maono lehnte, den linken Arm zum bessern Halt um eine schlanke dünne Arekapalme geschlagen, den Fuß gegen ihre Wurzel gestemmt, das Seil in der Hand dort und zog aus allen Kräften den schweren kleinen Chinesen aufwärts, und neben ihm, die gefällte Lanze zum Stoß bereit in der Hand, mit funkelnden und doch in ängstlicher Scheu blitzenden Augen, halb Muth, halb Furcht in den belebten Zügen, stand das wunderschöne Mädchen, nackt bis zum Gürtel, die schwarzen langen Locken ihre Schultern umflatternd, die Verwandlung des Ungeheuers mit jedem Augenblick erwartend.

Aber von dem armen kleinen Chinesen brauchten sie nichts zu fürchten, und kaum hatte er den obern Rand vollständig erreicht und sich in scheuer Angst einen Schritt davon hinweggeschleppt, als er, zum Tode erschöpft und von dem Entsetzen der letzten Stunden aufgerieben, bewußtlos neben der Grube zu Boden brach und es ruhig geschehen ließ, daß ihm der Sundanese Arme und Füße mit derselben Leine fest zusammenschnürte, an der er ihn heraufgezogen.

6.

Unschlüssig, was nun zu beginnen und welcher Weg am besten einzuschlagen, entschloß sich Maono endlich dazu, Hülfe vom nächsten Kampong herbeizuholen. Die Männer dort sollten entscheiden, ob der also ertappte und überführte Chinese als ein entdeckter „Menschentiger“ noch den Tod verdiene, wonach der Kampong selber den auf solchen Fang gesetzten Lohn gezahlt hätte, oder ob er mit dem versprochenen Lösegeld freikomme, die Gegend aber auf immer verlassen solle. – Das schien ihm nach kurzer Überlegung das Beste; hätten doch sonst die Nachbarn gar am Ende glauben können, er habe den Mann aus Eifersucht schuldlos ermordet. Laykas deshalb mit der Waffe bei dem Gebundenen zurücklassend, damit sie ihm dieselbe ins Herz stoße, sobald er den Geringsten Versuch mache, sich zu befreien, eilte er jetzt so rasch er konnte, den schmalen Pfad entlang, der aus dem Walde auf die Straße führte, um von dort aus den Kampong Tji-dasang zu erreichen.

Die Mühe wurde ihm übrigens erspart; denn da er die Lichtung erreichte, fand er sich einer Schaar von Männern, Laykas Vater, Kelah, an der Spitze, gegenüber, die bis hierher der Spur des flüchtigen Mädchens gefolgt waren, und jetzt eben unschlüssig auf der stark betretenen Straße standen, welcher Richtung sie von hier aus folgen sollten.

Maonos Ruf brachte sie bald an seine Seite, und mit wenigen flüchtigen Worten schilderte er jetzt Kelah die Vorgänge der letzten Nacht, den Fang des so gefürchteten Menschentigers, mit einer mächtigen Tigerin zusammen. Ohne weiter eine Antwort abzuwarten, wandte er sich dann und schritt, von allen in schweigender Scheu gefolgt, den Pfad zurück, den er gekommen, bis zu der Stelle, wo er den Gefangenen unter Laykas Aufsicht zurückgelassen.

Schang-hai hatte sich indeß von seiner Ohnmacht erholt, und das junge Mädchen, das neben ihm die Wacht hielt, mit den flehendsten Worten gebeten, ihn loszubinden. Laykas würde aber ebenso bald, ja vielleicht noch eher daran gedacht haben, den in der Grube gefangenen Tiger als den Gebundenen an ihrer Seite zu befreien, und der mit Haß und Furcht gemischte Blick, mit dem sie der geringsten seiner Bewegungen folgte, wie die oft drohend gehobene Lanze verrieth ihm, daß er von ihr nichts zu hoffen hatte. Endlich schlug das Geräusch von Stimmen an sein Ohr, und mit einem leise, aber aus vollem Herzen gemurmelten Dank erkannte er den alten Kelah neben Maono an der Spitze des Zugs.

Hatte er übrigens gehofft, bei diesem unbedingten Schutz zu finden, so war er dabei im Irrthum und der alte Sundanese viel zu schlau, um nicht im Augenblick zu übersehen, wie die Sache stand. Einestheils stak er selbst zu tief in dem Aberglauben seines Volkes, um auch nur einen Augenblick zu zweifeln, daß der Chinese das wirklich sei, dessen ihn Maono beschuldigt hatte. Wenn er aber die Versprechungen hielt, die er dem jungen Mann gethan und die ihm dieser unterwegs schon mitgetheilt, so stand er auch ganz anders neben dem Chinesen. Wie hätte er überhaupt nach der jetzt gemachten Entdeckung noch daran denken dürfen, ihm die Tochter zur Frau zu geben! Hierbei hatte er übrigens zwischen den anderen, weit mehr angesehenen Eingeborenen auch nur eine ganz untergeordnete Stimme, und Schang-hai fand bald, daß er zuerst einem förmlichen Verhör Rede stehen mußte, ehe er hoffen durfte, selbst von diesen Leuten, die ihn sonst mit der höflichsten, oft kriechenden Artigkeit behandelten, in Freiheit gesetzt zu werden.

Er erzählte jetzt – immer noch mit gebundenen Händen, obgleich seinen Füßen Freiheit gegeben war, daß er erst spät Abends von der Plantage seines Landsmannes nach Tji-dasang hatte zurückkehren wollen, als er plötzlich eine Gestalt vor sich auf dem Weg gesehn, und wie er im Schatten eines Baumes stehn geblieben, beim hellen Licht des Mondes Laykas, seine Braut erkannt habe. Bei seinem Anblick sei sie in den Wald, und zwar den Fußpfad hinein geflohen, der nach Maonos Hütte zu führte; und nicht gesonnen, sie dort zu lassen, ohne seine, durch Einwilligung des Vaters gewonnenen Rechte auf sie geltend zu machen, sei er ihr dorthin gefolgt. Wie sie selber den Pfad entlang gekommen, wisse er nicht, aber er sei, als er dem dunklen Gang gefolgt, in die hier verborgene Grube gestürzt. Um Hülfe zu rufen, habe er sich nicht getraut, aus Furcht, vielleicht eines der gefährlichen Raubthiere herbeizulocken, bis gegen Morgen die Tigerin, wahrscheinlich auf seiner Spur folgend, zu ihm hineingebrochen wäre. Jetzt habe er mit gellender Stimme um Hülfe geschrieen und die Bestie, dadurch vielleicht geängstigt, den entgegengesetzten Winkel behauptet, ohne ihm ein Leides zu thun. Erst am Morgen sei Maono gekommen, der aber hätte ihn für einen Menschentiger gehalten und beinahe umgebracht, wenn er sich nicht sein Leben mit schweren Versprechungen erkauft.

Schang-hai schien auch die ganze Sache wirklich für abgemacht zu halten und nicht einmal daran zu denken, die gegebenen Versprechungen zu erfüllen. Er verlangte jetzt mit finsterer Miene losgebunden zu werden, und drohte widrigenfalls das ganze Verfahren dem holländischen Residenten (der obersten Gerichtsperson des Distrikts nach dem Gouverneur) anzuzeigen. Wenn er sich aber so weit sicher glaubte, hatte er sich doch geirrt. Die Eingeborenen, die fast sämmtlich in dem letzten Jahr einen näheren oder entfernteren Verwandten durch die Raubthiere, und wie sie fest glaubten, hauptsächlich durch einen „Menschentiger“ eingebüßt, gedachten alle der dunklen wilden Erzählungen, die schon seit langen Jahren ihre Nachbarschaft über den kleinen Chinesen durchlaufen, und waren nicht gesonnen, den scheinbaren Beweis seiner Schuld so leicht und rasch wieder aus den Händen zu lassen. Der Vorschlag wurde deshalb auch ohne Weiteres gemacht und ihm nicht einmal von Kelah widersprochen, in einer Art Gottesurtheil den Verdächtigen zu prüfen. Er sollte nämlich wieder in die Grube hinunter, und zwar gerade auf die Tigerin geworfen werden. Griff ihn die dann an, so wollten sie suchen, ihn so rasch wie möglich wieder herauf zu ziehen und er durfte frei ausgehen, ließ sie ihn aber unbelästigt, wie sie es die ganze Nacht gethan, so war es ein sicheres Zeichen, daß er zu ihrem Geschlecht gehörte, und dann sollte er, wie die wilde Bestie selber, mit Lanzen getödtet werden. Seine Erzählung, wie er in die Grube gekommen, glaubte ihm Niemand, und selbst die jetzt darum befragte Laykas erzählte, daß er unter der Palme am Weg wie ein Tiger gekauert, und sie seine Sprünge hinter sich her, wie die des wilden Raubthiers, gehört und erkannt hätte.

Der alte Kelah selbst schämte sich, daß er einem solchen Ungeheuer seine Tochter versprochen. Durfte Schang-hai doch jetzt nie daran denken, seine Schuld von ihm einzufordern, und so stimmte er auf das eifrigste für dessen Tod. Überhaupt thaten das alle, die dem Chinesen eine bedeutende Summe schuldig waren.

Man band ihm jetzt die Hände los und die Schnur wieder um den Leib, wie ihn Maono vorher heraufgezogen, und Laykas selber stand in sprachloser Erwartung dabei, ob die Tigerin da unten den verkappten Gefährten erkennen oder in wilder Wuth über ihn herfallen würde. Schang-hai hatte aber keineswegs Lust, eins von beiden Resultaten, beide gleich schrecklich für den Unglücklichen, abzuwarten. Mit Drohungen war indeß nichts auszurichten und sein Leben soweit gefährdet, daß der nächste Augenblick schon jeden zu spät kommenden Entschluß nutzlos gemacht hätte. Er lag auf der Folter – ein Leugnen hätte ihn zu der wilden Bestie hinunter geworfen, die schon bereit lag ihn, als einen vermutheten Angreifer, mit Klauen und Zähnen zu empfangen. Nur eine Rettung blieb für ihn – er kannte seine Leute, und mit bleichen, zitternden Lippen rief er: „Halt!“

„Hinunter mit ihm!“ tönte Kehlahs heisere Stimme. –

„Laßt mich reden,“ bat aber der Chinese, „was nützt euch mein Tod – was mein Geständniß, daß ich ein Menschentiger sei –.“ –

„Er bekennt es!“ rief jubelnd Maono, und die Andern sahen mit scheuem, erschrecktem Blick auf den Unglücklichen. Dieser aber, den augenblicklichen Vortheil der wenigstens gestatteten Rede benutzend, fuhr rasch und ängstlich fort. „Wenn ihr mich tödtet, verfällt mein Hab und Gut dem Staat – den Holländern. Ich habe keine Kinder – keine Verwandte – in meinen Büchern sind alle meine Schuldner angegeben. Die weißen Männer werden sie einzutreiben wissen. Schenkt mir das Leben und ich will nicht allein Maono geben, was ich ihm versprochen habe – ich erlasse auch euch, die ihr hier seid, was ich noch sonst von euch zu fordern hätte, und will selber in den nächsten Tagen dieses Land verlassen. – Seid ihr das zufrieden?“

Ein Streit entstand jetzt unter den Sundanesen. Ein Theil, und zwar die, die ihm bis dahin noch am freundlichsten gewesen, riefen jetzt, da sie sein geglaubtes Geständniß gehört, daß er getödtet werden müsse, denn er habe bekannt, daß er ein Menschentiger sei, und in der nächsten Nacht werde er, wenn man ihn freilasse, nur soviel wüthender über sie herfallen, um die jetzige Mißhandlung zu rächen. Andere dagegen, mit dem erlangten Gewinn zufrieden und doch auch vielleicht nicht ganz sicher, wie die Weißen den Mord ansehn würden, stimmten dafür, ihn unter der Bedingung, daß er binnen drei Tagen den Distrikt verlasse, die drei Nächte aber den Fuß nicht über seine Schwelle setze, frei zu geben.

Der Chinese versprach alles. Neben ihm lauerte der nackte Tod, in den ihn der tolle Aberglauben dieser Menschen jauchzend hineingeworfen hätte – und vor ihm lag das Leben!

Seine Banden wurden jetzt gelöst, und während Kelah, etwas verlegen allerdings, aber doch auch außer Stande, anders zu handeln, dem jungen wackeren Maono in derselben Zeit etwa die Tochter zusagte, als er sie, nach der Absicht des vorigen Abends, hatte in das Haus des jetzt geächteten Chinesen führen wollen, schlich dieser, in scheuer Angst, daß seine Freilassung die hinter ihm her jauchzende und tobende Schaar doch am Ende noch gereuen könne, den Wald entlang, bis er die Straße erreichte, und eilte dann, so rasch ihn seine Füße trugen, der eigenen Wohnung zu.

Das Jauchzen, das Schang-hai gehört, galt freilich nicht ihm, sondern dem Tod des gefangenen Tigers, auf den die jungen Bursche jetzt ihre Khrise und Klewangs schleuderten, bis Maono das vor Wuth und Schmerzen schäumende, brüllende Thier mit dem sicheren Wurf seiner Lanze erlegte.

Mit Blitzesschnelle durchlief indeß die Kunde von dem gefangenen Menschentiger, und dem Versprechen, das Schang-hai, sein Leben zu retten, gegeben, den Kampong. Ein holländischer Unterbeamter, der sich gerade dort aufhielt, ging allerdings hierauf zu Schang-hai, forderte ihn auf, in seinem Besitzthum zu bleiben und sicherte ihm den vollen Schutz der holländischen Gesetze zu, nach denen selbst die abgezwungenen Versprechungen nicht bindend waren. Schang-hai aber, der dem Tod unter den Händen der Eingeborenen zu nahe gewesen, als daß er ihnen noch einmal hätte trauen mögen, und recht gut wußte, daß ihn auf den Verdacht hin, in dem er jetzt einmal unter den Sundanesen stand, alle Gesetze der Welt vor einem heimlichen Angriff nicht schützen konnten, zog es vor, mit einem kleinen Verlust seiner Güter sein gegebenes Versprechen zu halten. Ein anderer Chinese übernahm seinen Pacht und kaufte ihm auch sein Waarenlager ab, und am dritten Morgen – die Nächte hielt er sich in seinem Haus fest eingeschlossen, – verließ er unter einer erbetenen und erhaltenen Bedeckung malayischen, dort in der Nähe stationirten Militärs die Preanger Regentschaften, um in ihre Grenzen wahrscheinlich nie mehr zurückzukehren.

Fußnoten:

[37] Badek heißt auf Java eine eigenthümliche Art, weißes Zeug in den verschiedenartigsten Mustern zu drucken und zu färben. Es wird nämlich zu dem Zweck die Zeichnung aus freier Hand mit einer kleinen Kupferröhre, aus der heißes Wachs sickert, auf das Tuch an beiden Seiten aufgetragen und dieses dann erst gefärbt, wonach die Stellen, auf denen kein Wachs liegt, die Farbe annehmen. Bei schwierigen und theuern Mustern geschieht dies mühsame Auftragen der Zeichnung verschiedene Male, um ebensoviele Farben herauszubringen.

[38] In den Javanischen Bergen dient der schilfartige Bambus zu sehr verschiedenartigen Verrichtungen und besonders benutzen die Frauen die stärksten, oft vier bis fünf Zoll im Durchmesser haltenden Stöcke, das Wasser darin zu tragen.

[39] Ein rockähnliches Stück Tuch von vielleicht drei Fuß Breite, unten und oben gleich weit, das über den Hüften eng zusammengezogen und durch einen in das Zeug hineingesteckten knoten gehalten wird. Es wird von beiden Geschlechtern getragen.

[40] Alang Alang, das hohe schilfige Gras, das in der Wildniß fast alle offenen Stellen ausfüllt und der Lieblingsplatz der Raubthiere ist.


Der Khris[41].

Am Kali Besaar[42] in Batavia, dem großen Handels-Viertel des Ostens, wo die Ostindische Maatschappy ihre gewaltigen Niederlagen, und der Batavische Kaufmann sein Comtoir und Waarenlager hat, war heute ein regeres Gedränge als gewöhnlich. Die Menschenströmung, die sonst mehr an beiden Ufern des kleinen Flusses ziemlich gleich vertheilt auf- und abwogte, schien gerade heute auch mehr dem Mittelpunkt der Hauptstraße zuzupressen. Dort hatte sich unter den Bambus Schuppen und zwischen den aufgefahrenen Cabriolets und Cabs der Kaufleute, eine Masse Chinesischer und Javanischer Fruchtverkäufer angesammelt und hielt ihre duftigen saftigen Waaren, vor den glühenden Sonnenstrahlen durch das hölzerne Dach geschützt, feil.

Es war eine Auction in einem der großen, düsteren Gebäude, und zwar nicht von importirten Europäischen Waaren oder veralteten Gütern, oder von inländischen Producten, wie sie die Maatschappy oft hält – oder gar von spanischen Dollarn, wie sie vor noch gar nicht so langer Zeit hier ebenfalls stattgefunden, sondern nur von Naturalien, Waffen, Vogelbälgen, Geräthschaften, Anzügen, Instrumenten etc. etc. der benachbarten Inseln, die den Nachlaß eines verstorbenen Deutschen Naturforschers bildeten, und jetzt hier, da kein Testament über die Sammlung selber disponirte, öffentlich versteigert werden sollten. Alles das, woran ein tüchtiger, wackerer, muthiger Mann seine ganze Lebenszeit gesetzt, es zusammenzubringen und der Nachwelt aufzubewahren, sollte hier, wie das eine Menschenherz zu schlagen aufgehört, in wenig Stunden wieder in alle Winde zerstreut und verworfen werden, und lachend und erzählend, zankend und schreiend, drängten sich indeß die Fremden aus und ein, besahen die Schätze, die ihren Augen preis gegeben waren und die nur Wenige von ihnen zu würdigen wußten, und packten das Gekaufte gleichgültig in ihre Cabriolets, es Abends mit nach Haus zu nehmen.

Hier standen ein Paar Holländer zusammen, die einen Bogen spannten und einen der Pfeile in die Luft hinaufschnellten, zu sehen, wie weit er tragen würde, dort arbeitete sich ein Anderer, mit einem ausgestopften Affen unter dem Arm, aus dem Gedränge, und wurde von seinen Bekannten jubelnd empfangen. Inländische Diener schleppten Lasten von fremdartigen Geräthschaften und Schilden und Speeren heran, Andere trugen Schädel von Tigern und Krokodillen, und an einen Bambusstab geschlungen, den sie auf den Schultern trugen, keuchten zwei Javanen mit einem Elephantenschädel herbei, ihn zum Zierrath in das Landhaus des in Weltevreden oder Kramat wohnenden glücklichen Käufers hinaufzuschaffen.

Zwei Weiße, der Capitain eines vor einiger Zeit eingelaufenen Holländischen Kauffahrers, und ein Amerikanischer Kaufmann, der sich schon seit längeren Jahren in Batavia niedergelassen, waren ebenfalls durch das rege Leben und Treiben angelockt worden, das Haus zu betreten und die ausgestellten Sachen in Augenschein zu nehmen. Es kostete freilich Mühe, bis sie sich durch das Gedränge von Chinesen, Javanen und Europäern, die in allen Sprachen der Welt hier durch einander schrieen, Bahn machten. Endlich aber erreichten sie doch den weiten luftigen Raum, in dem die Waaren, theils an den Wänden hängend, theils auf den Seitentischen ausgelegt, wirr und unordentlich, wie man sie eben aus den Kisten gepackt, aufgeschichtet und zerstreut lagen. Auf den Tischen herum springende Chinesen schienen dabei das Ganze zu überwachen, auf die Gebote zu horchen, das Erstandene auszuliefern, und das Geld dafür in Empfang zu nehmen, wobei sie noch außerdem auf die Finger ihrer Landsleute zu passen hatten, die in dieser Hinsicht in eben keinem besondern Rufe stehen.

Die Auction selber fand, von einem Liplap[43] geführt, in Holländischer und Malayischer Sprache zugleich statt, und ganze Bündel seltener Speere und Pfeile, Bögen, Schilde, Schmuck von Muscheln und Zähnen, geflochtene Geräthschaften, geschnittene Gefäße und künstlich und sauber verfertigte Zierrathen, wie Kasten mit ausgestopften Vogelbälgen und Thieren, mit Schmetterlingen und Käfern, Sammlungen von Früchten, Conchilien und Mineralien, wurden um einen Spottpreis, oft gleich nach dem ersten flüchtigen Gebot, den Käufern zugeschlagen.

Die beiden Männer hatten sich endlich mit nicht geringer Mühe dorthin Bahn gemacht, wo eine Anzahl sehr schöner Waffen, besonders Khrise, auf einem kleinen Seitentische lagen, und eben, dem Wunsch eines Franzosen nach, zum Kaufe ausgeboten wurden. Manche davon waren sehr künstlich, ja kostbar gearbeitet, und mit Gold und Steinen eingelegt, wie mit herrlichen damascirten Klingen; andere wieder einfach und derb gearbeitet, mit glatter hölzerner Scheide und nicht selten mit dem Haarbüschel der erlegten Feinde geziert, wie es auf Borneo die Sitte der Krieger ist. Der Franzose erstand eine ziemliche Anzahl derselben um einen ziemlich hohen Preis, während ein dicht neben ihm stehender Javane die einzelnen Waffen, jede besonders, aus der Scheide zog und aufmerksam betrachtete, ohne jedoch darauf mit zu bieten.

Der Holländische Capitain hatte indessen dem ganzen Handel ziemlich gleichgültig zugeschaut, bis der Franzose seine Einkäufe gemacht und den Platz mit den Erstandenen Waffen geräumt hatte. Auch der Javane schien genug von dem ganzen Treiben gesehn zu haben, zog seinen Sarong fester um sich und verließ das Zimmer. Indessen entdeckte der Chinesische Aufseher unter den übrigen Sachen noch einen zurückgebliebenen Khris und legte ihn auf den Tisch des Verkäufers.

„Ach wahrhaftig, da ist noch einer!“ rief dieser, „nun, meine Herren, wer bietet darauf, denn unser Khriskäufer ist fort – noch ein werthvolles Stück, mit prächtigen Granaten besetzt und fein damascirter Klinge – dreißig Gulden zum Ersten, dreißig Gulden zum Ersten sag' ich, die Waffe ist hundert werth“ –

„Ein und dreißig Gulden,“ bot der Holländische Capitain.

„Ein und dreißig Gulden, guter Gott, ein Spottpreis,“ sagte der Auctionator, – „ein und dreißig Gulden zum Ersten.“

„Vierzig!“ bot ein daneben stehender Engländer. „Fünf und vierzig!“ der Capitain wieder, und erstand zuletzt die wirklich schöne und geschmackvoll, wenn auch einfach gearbeitete Waffe, bis zu sieben und achtzig Gulden hinaufgetrieben. Augenscheinlich lag ihm aber sehr wenig daran, und sie in seine Tasche schiebend, sah er dem Verkauf der übrigen Sachen noch eine kurze Weile zu, ergriff dann den Arm des Amerikaners wieder, und verließ den durch die zahlreiche Menschenmenge doch schwül und dumpfig gewordenen Raum, die freie Luft zu erreichen.

„Man sollte doch wahrhaftig schon aus Grundsatz nie eine Auction betreten,“ sagte er hier, als er die Waffe wieder vorzog und betrachtete, „wenn man nicht irgend etwas Bestimmtes kaufen will und wirklich braucht. So fest ich mir vorgenommen hatte, mein gutes Geld nicht muthwillig an irgend einen nutzlosen Gegenstand zu verschleudern, hab' ich mich doch hier wieder mit dem Ding da anführen lassen, und bin um ein Stück Eisen reicher, und um sieben und achtzig Gulden ärmer geworden, als ich vorher war.“

Der Amerikaner hatte den Khris indessen aus der Scheide gezogen und prüfend betrachtet und sagte lachend:

„Lieber Freund, das geht uns oft so auf der Welt, und wir vor allen Anderen können uns gratuliren, daß die Menschen im Allgemeinen eben nicht das nur kaufen, was sie gerade nothwendig brauchen, denn unser ganzer Handelsstand beruht darauf, daß sie das eben nicht thun. Der Mensch bedarf zu seinem Leben wirklich nöthig entsetzlich wenig, und wollte er sich darauf beschränken, wie sollte es dann mit Handel und Wandel, um Schifffahrt und Verkehr aussehen. Der Luxus gerade, für den wir civilisirte Menschen gar keine Grenze mehr haben, weil er mit unserem einfachsten Leben schon so fest verwachsen ist, hält die Sache in Gang, und bleibt eben nur so lange wirklich Luxus, als wir auch ihn nicht „nothwendig brauchen,“ wo er dann zum Bedürfniß und zu dem wird, was wir eben zum Leben haben müssen.“

„Nun aber der Khris hier ist doch wirklich Luxus“, lachte der Capitain.

„Für Sie in diesem Augenblick, ja, aber wie lange vielleicht, und Sie brauchen ihn nicht allein nothwendig, sondern müssen sogar noch eine Menge anderer ähnlicher Sachen dazu haben, ein „Naturalien-Cabinet“ zu vervollständigen. Mit einer Sache muß der Mensch anfangen, und das Eine zieht eben das Andere nach. Sehn Sie zum Beispiel den Javanen an; mit einer Handvoll Reis hält er seine Mahlzeit; eine Bambushütte, die ihn eben nothdürftig gegen Thau und Regen schützt, genügt ihm zur Wohnung, ein Stück Baumwollenzeug und ein Strohhut zur Kleidung, und was für einen Gefallen glauben Sie wohl, daß Sie einem solchen Menschen mit einer Astrallampen oder mit irgend einer Europäischen Zimmer-Verzierung erweisen würden? Gehen Sie aber zu einem der unter Holländischen Einfluß stehenden Häuptlinge, und Sie werden Astrallampen und Zimmer-Verzierungen, Teppiche, Kronleuchter, Wandgemälde etc. etc. im wahren Überfluß als nothwendiges Bedürfniß finden. Die Khrise spielen übrigens in dem Leben der Javanen eine sehr bedeutende Rolle, und einzelne von ihnen erben von Vater zum Sohn und Enkel herab, und dürfen nimmer verkauft werden. Viele davon sind jedoch in den letzten Kriegen in den Besitz der Weißen gekommen, und öfters ist es vorgekommen, daß Javanische Häuptlinge, die ihre Stammwaffe in fremden Händen fanden, bedeutende Summen gegeben haben, sie wieder zu erlangen.“

„Ich wollte, ein solcher Javanischer Häuptling hätte Lust zu diesem Khris“, lachte der Capitain, die Waffe aus der Scheide ziehend und in der Sonne blitzen lassend, „mit einigen Prozenten Gewinn könnte er ungemein leicht wieder Eigenthümer derselben werden.“

„Dort steht gleich Einer,“ sagte der Yankee, „und wenn ich nicht irre sogar derselbe, der da drüben im Verkaufslokal die Waffen so genau betrachtete. Der kann uns wenigstens sagen, was das Messer wirklich werth ist, und wir erfahren dann gleich, ob Sie einen guten Kauf gemacht haben. Heh, Freund, komm einmal hier her, und sage, wie dir der Khris da gefällt.“

Der also Angeredete, der unfern von ihnen mit untergeschlagenen Armen an einem Pfeiler lehnte, war ein schlanker, stattlicher Bursch von ungefähr zwei bis drei und zwanzig Jahren, und die dunklere Hautfarbe, wie die edelgeschnittenen Züge und blitzenden Augen verriethen allerdings den Javanen, der sich von den Sunda'nern (wie die Bewohner der östlichen Insel genannt werden) wesentlich unterscheidet. So knechtisch diese aber den Holländern, ihren jetzigen Herren, gegenüber sind, so wenig nahm der Bursche hier Notiz von der Anrede, die er jedenfalls gehört haben mußte. Mit eben nicht ganz freundlichem Blick die Gestalten der beiden Männer nur flüchtig überfliegend, wandte er den Kopf halb zur Seite, und schien keineswegs gesonnen, auch nur ein Glied zu rühren, der Aufforderung Folge zu leisten.

„Hallo, der ist unabhängig,“ lachte der Amerikaner vor sich hin, „und wir werden zu ihm gehen müssen, wenn wir etwas von ihm wissen wollen. – Heda, Freund!“ setzte er dann in Malayischer Sprache hinzu, die Waffe dabei aus des Capitains Hand nehmend und auf den Javanen zugehend, „kannst du mir sagen, was das Messer hier einmal gekostet?“

Der Javane zog die Brauen finster zusammen, richtete sich dann stolz und trotzig empor, und wollte sich eben, ohne ein Wort auf die Anfrage zu erwidern, von den ihm jedenfalls verhaßten Weißen abwenden, als sein Auge auf den Khris fiel und er in demselben Moment auch wie unwillkührlich den Arm danach ausstreckte. Das Blut schoß ihm dabei in die Schläfe und er suchte fest und forschend den Blick des Fremden, als ob er dessen Absicht in seinem Antlitz lesen wollte. Aber es war auch wirklich nur ein Moment, der Arm glitt zurück in seine alte Stellung, ebenso der Körper, der sich wieder nachlässig gegen den Pfeiler drückte; nur den Blick konnte er nicht losreißen von der Waffe, und der Amerikaner mußte seine Frage wiederholen, ehe er sie nur verstand.

„Weiß ich nicht,“ sagte er dann, finster den Kopf zur Seite werfend, „ist ein alter Khris – wollt Ihr ihn verkaufen?“

„Junge, Junge[44],“ sagte der Yankee, der schon lange im Ostindischen Archipel wohnte und die Sitten und Gebräuche der Eingeborenen genau kannte, in Holländischer Sprache zu dem Capitain, „der Bursche da weiß mehr von dem Khris, als er uns jetzt verrathen mag, und giebt sich umsonst die größte Mühe, gleichgültig dabei zu bleiben. Außerdem ist das auch gar kein gewöhnlicher Eingeborener, wie ich im Anfang geglaubt. Was für einen kostbaren Sarong er trägt, und welch' ein prachtvolles golddurchwirktes Kopftuch – hm, hm, wenn der ihn haben will, soll er tüchtig dafür bezahlen.“

Des Javanen Auge war indessen bei den ihm unverständlichen Worten forschend von dem Antlitz des einen der Fremden zu dem des anderen geflogen, ohne daß er jedoch seine Stellung auch nur um eines Haares Breite verändert hätte, nur als der Amerikaner schwieg, öffnete er die Lippen wieder, als ob er die letzte Frage wiederholen wolle, zwang aber das Wort zurück, das Anerbieten lieber von Jenen zu erwarten.

„Fordert nur nicht zu viel,“ lachte der Capitain; „wenn er wirklich Lust zum Kaufen hat, wollen wir ihn wenigstens nicht kopfscheu machen.“

„Nur nicht ängstlich,“ entgegnete ihm der Freund, „entweder liegt ihm daran, den Khris zu bekommen, dann ist kaum ein Preis zu hoch, den wir fordern können, oder es liegt ihm Nichts daran, was ich aber nach seinem ganzen Betragen kaum glaube, und dann wissen wir wenigstens, woran wir sind – laßt mich nur machen;“ und sich dann an den Javanen wendend, sagte er, indem er den Khris wieder aus der Scheide zog und die grau damascirte Klinge in der Sonne blitzen ließ, „könntet ihr uns nicht wenigstens sagen, was so ein Ding in eurer Gegend kostet, wenn man 's machen ließ, und von welcher Insel es überhaupt stammt, – von Java, oder vielleicht von Macassar oder Sumatra?“

Der Javane streckte langsam die Hand nach dem Khris aus, nahm die Waffe, betrachtete, ohne mehr als einen flüchtigen Blick auf den Griff zu wenden, die Damascirung des Stahls mit prüfendem Auge, und gab ihn dann ruhig zurück – kein Muskel seines Gesichts verrieth mehr, daß er irgend einen Antheil an der Waffe nehme.

„Und was ist er werth?“ sagte der Capitain ungeduldig.

„Mit funfzig Gulden ist Geld und Arbeit daran bezahlt,“ brach jetzt der Eingeborene mit tiefer klangvoller Stimme das Schweigen.

„Funfzig Gulden? Nun ja,“ fluchte der Capitain wieder in seiner eigenen Sprache, „da habe ich wenigstens sieben und dreißig Gulden zum Fenster hinausgeworfen, – hol' der Teufel die Auctionen. Und den Braunen habt ihr auch mit seiner Kauflust in falschem Verdacht gehabt.“

„Dann hat er den Khris jedenfalls im Anfang für einen Anderen gehalten,“ sagte der Kaufmann, „aber das schadet nichts; es ist immer ein schönes, sauber gearbeitetes Stück, für das euch ein Naturalien-Cabinet in der alten Welt leicht den vollen Preis wieder zahlt, solltet ihr es doch einmal verkaufen wollen.“ Und sich ohne weiteren Gruß oder fernere Notiz von dem Javanen zu nehmen, von diesem abwendend, faßte er den Arm des Capitains, und wollte mit ihm an dem Kali Besaar hinauf und der Brücke zugehn, die unter dem Chinesischen Viertel nach dem andern Ufer hinüberführte, als der Eingeborene ruhig sagte:

„Wollt ihr den Khris verkaufen?“

„Ja, wenn wir einen guten Preis dafür bekommen,“ erwiderte ihm der Kaufmann, sich halb nach ihm zurückwendend –

„Und was nennt ihr einen guten Preis?“ frug der Eingeborene wieder.

„Fordert hundert Gulden,“ sagte der Capitain, der etwas vom Malayischen verstand, es aber nicht soviel sprach, sich in einen Handel einzulassen.

„Nur langsam,“ entgegnete aber der vorsichtigere Kaufmann, „der Bursche fängt an, wärmer zu werden; schon daß er nach dem Preis des Khrises fragte, wo er oben im Auctionszimmer die anderen wirklich schönen Waffen keines Gebots gewürdigt hatte, ist ein gutes Zeichen; wir wollen ihm da nicht vorgreifen und uns selber die Hände binden – er mag sagen, was er geben will, nachher steht es uns frei, sein Gebot anzunehmen oder zu verweigern.“

„Und was nennt ihr einen guten Preis?“ wiederholte der Javane, der entweder ungeduldig wurde, oder auch glauben mochte, die Weißen hätten seine Frage nicht verstanden.

„Sag' du selber, was du geben willst,“ erwiderte ihm jetzt der Amerikaner, indem er den Khris noch einmal aus der Scheide zog, flüchtig betrachtete, zurückstieß und nachlässig in die Tasche schob, „ich habe ihn erst gekauft und möchte mich nicht gern gleich wieder von ihm trennen.“

„Dort unten?“ frug der Javane, mit dem Arm nach dem Auctionshause deutend, „ich habe ihn dort nicht gefunden.“

„Also hat er ihn gesucht –“, lachte der Yankee still vor sich hin, „das steigert den Preis, Kamerad; die Bemerkung war dir nicht nützlich – nun, was willst du geben?“ setzte er dann auf Malayisch hinzu.

„Der Khris ist funfzig Gulden werth,“ sagte der Javane gleichgültig, „ich gebe funfzig.“

„Und ich habe sieben und achtzig dafür gezahlt,“ rief der Capitain rasch auf Holländisch.

„Nur ruhig,“ beschwichte ihn der Kaufmann, „wir fangen eben erst an. – Funfzig Gulden sind ein kleiner Preis, Freund, dafür könntest du kaum die Scheide bekommen, und du wirst verschiedene Male funfzig Gulden neben einander legen müssen, wenn du die Waffe haben willst. Du mußt mehr bieten.“

Der Javane schien keine besondere Lust dazu zu haben, und erst, als sich die Männer wieder zum Gehen wandten, sagte er langsam:

„Und was hast du dafür bezahlt?“

„Das kann dir gleichgültig sein,“ lautete die Antwort, „mehr übrigens, als du zu glauben scheinst.“

„So geb' ich dir fünf und siebenzig.“

„Auch das reicht noch nicht,“ erwiderte der Yankee, und der Javane zögerte augenscheinlich mehr zu bieten, ließ sich aber die Waffe noch einmal zeigen, betrachtete besonders die Damascirung wieder genau und prüfend, und bot dann hundert. Der Kaufmann kannte übrigens seinen Vortheil, und trieb den Eingeborenen, ohne sich darauf einzulassen, einen eigenen Preis zu nennen, endlich bis zu zwei- und dann zu dreihundert Gulden hinauf, und als ihn der Capitain jetzt selber bat, doch nur um Gotteswillen zuzuschlagen, da er ein weit besseres Geschäft damit gemacht habe, als er je erwartet, erklärte er vollkommen ruhig, „der Eingeborene müsse erst so viele tausend Gulden bieten, wie er jetzt Hunderte genannt, und dann selbst würde er sich noch besinnen.“

„Aber das ist Wahnsinn,“ rief der Capitain.

„Und doch nicht ganz,“ lachte der Amerikaner, „lehren Sie mich die Burschen kennen.“

„Er wird zuletzt gar nichts weiter bieten,“ rief der Capitain ungeduldig werdend, „und ich behalte den Khris.“

„Wenn Sie das fürchten,“ sagte der Kaufmann, „so überlassen Sie mir die Waffe um den Preis, und den weiteren Handel mit dem Manne.“

„Von Herzen gern,“ rief der Seemann, „ich möchte überdies nicht gern mehr damit zu thun haben.“

„Also die Sache ist abgemacht? ich zahle Ihnen dreihundert Gulden und der Khris ist mein?“

„Mit dem größten Vergnügen!“

„Willst du dreihundert Gulden für den Khris?“ frug der Javane jetzt wieder, der indessen ein ungeduldiger Zuhörer der in einer ihm fremden Sprache geführten Verhandlung gewesen war, „es ist viel Geld für das Messer.“

„Und doch lange nicht genug, Freund,“ sagte der jetzige Eigenthümer der Waffe, „du mußt höher, weit höher bieten, wenn du es in deinen Gürtel schieben willst – aber ich habe jetzt nicht länger Zeit, und behalte auch am Ende lieber den Khris, als daß ich ihn um einen solchen Spottpreis verschleudere. Was liegt mir an den Paar hundert Gulden.“

„So nenne deinen Preis,“ rief der Javane, die Lippen fest zusammengebissen und einen finsteren Blick auf den Europäer schießend, „ich kenne die Familie, aus der die Waffe stammt, und wenn es meine Kräfte nicht übersteigt, möchte ich sie ihr wieder bringen.“

„Du giebst mir doch nicht was ich dafür fordere,“ sagte der Kaufmann kopfschüttelnd.

„Fordere,“ rief der Javane, in kaum zu mäßigender Ungeduld mit dem Fuß den Boden stampfend.

„Gut – hast du Lust dreitausend Gulden an den Stahl zu wenden?“ frug jetzt der Amerikaner, und der Capitain wandte sich von ihm ab, denn er schämte sich selber der rasenden Forderung. Der Javane aber knirschte die Zähne zusammen und sagte finster:

„Dreitausend Gulden für das Messer? – du träumst, Weißer, aber ich gebe dir tausend, und du hast den zwanzigfachen Werth.“

„Ah bah,“ lachte der Kaufmann, „ob ich die habe oder nicht, die machen mich nicht reich noch arm, und ich sehe schon, du hast keine Lust zum Handel, so tabee –“ und sich abdrehend von ihm, ergriff er wieder den Arm des Seemanns und schritt mit diesem langsam die Straße hinauf.

„Und sie wollen die tausend Gulden nicht nehmen?“ frug ihn dieser, jetzt wirklich zum Äußersten erstaunt, „Wetter noch einmal, in fünf Minuten siebenhundert Gulden zu verdienen –“

„Nicht wahr das ist nicht schlecht?“ lachte der Amerikaner, „wenn man seine Zeit nur ein paar Jahr auf ähnliche Weise verwerthen könnte, ließe sich schon ein ganz hübsches Vermögen zusammen scharren. Aber, Scherz bei Seite, Freund, der Zufall hat uns hier einen glücklichen Streich gespielt, und der Javane muß den Khris kaufen, wir mögen fordern was wir wollen.“

Muß ihn kaufen?“ frug der Capitain erstaunt, „wer soll ihn zwingen?“

„Seine eigene Sitte,“ rief der Yankee; „schon aus früherer Zeit weiß ich ähnliche Beispiele, und es giebt ein altes Gesetz unter diesen Stämmen, daß sie den Khris ihrer Vorfahren, den sie an eigenthümlichen, nur ihnen deutlichen Zeichen in der Damascirung kennen, wenn sie ihn verlieren und in fremden Händen wiederfinden, um jeden Preis wieder an sich bringen müssen. Ich war selber dabei, wie ein Javane einst für eine solche Klinge mit vollkommen werthlosem Heft zweitausend Gulden bezahlte, und viertausend gegeben haben würde, wenn er sie nicht anders bekommen hätte. Dasselbe ist hier der Fall, und umsonst bot der Bursche wahrhaftig nicht tausend Gulden für den Stahl. Nein, um hundert, wenn er sich klug dabei anstellte, hätte er den Khris vielleicht kaufen können, denn was kann man weiter damit thun, als ihn an die Wand hängen, aber um tausend kauft er ihn jetzt nicht, soviel ist sicher, und an mir soll's nicht liegen, wenn ich ihn jetzt nicht so weit hinaufschraube, als das Gewinde reicht.“

„Daß er Ihnen dann nur nicht abfällt,“ sagte kopfschüttelnd der Capitain, „und überdies thut mir der arme Teufel leid. Wenn der Khris nun einmal in seine Familie gehört und sein Herz so daran hängt, weshalb ihm den Wiedergewinn so entsetzlich, und auch ungerecht erschweren.“

„Oh, hol' die braunen Hallunken der Teufel,“ fluchte der Amerikaner, „ich kann schon die Farbe nicht leiden, und das Gesindel trägt dabei noch die Nase überhoch. Wo sie uns betrügen können, thun sie es auch, und wenn wir aus ihnen den größtmöglichen Nutzen herauspressen, üben wir nicht mehr als unser Recht der Selbstvertheidigung. Außerdem füttert und erhält die Holländische Regierung nicht allein diese Faullenzer, sondern zahlt ihnen auch noch rasende Gehalte, die sie doch in Schmuck, nutzlosen Juwelen und Harems verschwenden. Es ist nicht mehr als Christenpflicht, ihnen einen kleinen Theil derselben wieder abzunehmen.“

„Wenn er Sie aber jetzt mit dem Gebot gehen läßt?“ sagte der Capitain.

„Da hinten kommt er schon,“ lachte der Amerikaner still vor sich hin, „dessen sind wir sicher, und bis der Khris nicht in seinen Händen ist, verläßt der meine Spur nicht wieder.“

Als sie die Biegung über die Brücke machten, und links wieder nach den Waarenhäusern des Kali Besaar einbogen, konnten sie auch wirklich, ohne den Kopf besonders nach ihm umzudrehen, den Javanen erkennen, der bis dahin regungslos an dem Pfeiler lehnen geblieben war, als ob er die Rückkehr der Männer erwarten wolle. Da sie aber nicht kamen, schien er jetzt selber zu fürchten, daß sie ihm entgehen könnten.

Der Amerikaner hatte auch in der That ganz recht vermuthet; der Khris, den der Capitain so zufällig in der Auction erstanden, gehörte wirklich der Familie jenes Javanen; die geheimnißvollen Zeichen der Damascirung ließen diesen nicht einen Augenblick darüber in Zweifel, und er mußte ihn wiederhaben. Aber wie? Hatten die gierigen, ehrgeizigen Weißen ihn nicht Alles dessen beraubt, was er sein eigen nannte? war er nicht ein halber Bettler und Flüchtling fast auf demselben Boden, den er früher als Fürst beherrscht, und wußte er sich nicht dabei noch mißtrauisch überwacht, weil die Regierung recht gut sowohl den Einfluß, den er früher ausgeübt, wie auch den starren Sinn kannte, der sich der fremden Herrschaft nicht gutwillig und geduldig beugen wollte? Sein Pferd, ein wackerer Macassar-Hengst, und eine Handvoll Juwelen, die ihm sein Vater hinterlassen, war Alles, was er noch sein nannte; aber selbst das, wenn er es jetzt rasch verkaufen mußte, brachte ihm kaum die ganze, von dem gierigen Weißen geforderte Summe, und was blieb ihm zuletzt übrig? – In finsterem Brüten folgte er den beiden Männern, die, ohne anscheinend weiter auf ihn Acht zu geben, vor einem der Geschäftslokale stehen geblieben waren und den Herankommenden den Rücken zukehrten. Der Amerikaner hatte dem holländischen Capitain eben die verabredeten dreihundert Gulden für die Waffe, für die er so viele Tausende zu gewinnen hoffte, ausgeliefert, und besah jetzt gerade wieder lächelnd den unscheinbaren Stahl, als der Javane zu ihm herantrat, die Hand auf seine Schulter legte und leise sagte.

„Ich gebe dir zweitausend Gulden für die Waffe, und einen besseren Khris als diesen hier. Laß ihn mir. Ich habe mein Herz einmal darauf gesetzt, und möchte ihn mein nennen, wenn es auch thöricht ist.“

„Du bist ein wackerer Bieter,“ lachte der Amerikaner, „aber mein Herz hängt besonderer Weise auch daran, und wir müssen nun sehen, welches schwerer ist, deines oder meines. Um zweitausend Gulden gebe ich ihn nicht her, hast du vielleicht Lust dreitausend dagegen zu wenden?“

Der Javane biß seine Unterlippe, daß der Eindruck der scharfen Zähne darin zurückblieb; er fühlte, daß der Fremde die Beweggründe kannte, die ihn trieben, wußte, daß er entschlossen sei seinen Vortheil zu wahren, und zögerte dennoch mit dem Gebot, daß ihn zum Bettler machen mußte. Aber es blieb ihm keine andere Wahl; der heilige Khris war eines Fremden Eigenthum, und die Geister der Verstorbenen hätten den Frevel gerächt, wenn er die Waffe in jenes Händen ließ.

„Gut,“ sagte er endlich, während ein schwerer Seufzer sich seiner Brust entrang, „sei hier an dieser Stelle eine Stunde vor Sonnenuntergang, ich bringe dir das Geld; und seinen Sarong fester um sich herziehend, und ohne sich weiter nach den Männern umzusehen, schritt er die Straße rasch zurück.“

Um die Lippen des Amerikaners zuckte ein triumphirendes Lächeln, der holländische Capitain aber theilte seine Gefühle nicht und sagte ernst:

„Sie sind zu weit gegangen, Goodwin; dem armen Teufel wird es blutsauer werden, das Geld aufzubringen, und hätt' ich das vorher gewußt, würd' ich es nicht geduldet haben.“

„Das kann ich mir denken,“ lachte der Kaufmann, „es thut Ihnen jetzt leid, daß Sie mir nicht geglaubt, und fürchteten, er liefe Ihnen mit dem Dreihundert-Gulden-Gebot davon. Hatt' ich Ihnen nicht vorher gesagt, daß er so viele Tausende dafür geben würde?“

„Er bezahlt das Messer theuer genug damit,“ sagte der Holländer.

„Und bekommt es noch nicht einmal dafür,“ rief der Amerikaner lachend.

„Bekommt es nicht dafür?“

„Nein; er muß und wird mehr geben; hol's der Teufel, ich habe den Burschen jetzt einmal in Händen, und will ihn pressen, so lange noch ein Gulden aus ihm herauszubringen ist. Solche Gelegenheit kommt mir sobald nicht wieder, und wer sie nicht benutzte, wäre ein Thor.“

„Lieber Goodwin,“ sagte der Holländer ernst, „ich verdiene auch gern Geld, und brauche es vielleicht so nöthig, wie jeder Andere, aber – auf solche Weise –!“

„Bah,“ rief der Amerikaner, sich von dem Holländer abwendend; „Sie haben mehr als 200 Procent für den Khris genommen, ich gehe in die Tausende; der einzige Unterschied liegt in der Summe, und moralische Bedenklichkeiten wären Unsinn. Aber das ist Nebensache und abgemacht; wann gehen Sie an Bord, daß ich Ihnen noch das Nöthige besorgen kann?“

„Heute Abend vor Sonnenuntergang,“ erwiderte der Holländer, „soeben habe ich die Nachricht bekommen, daß die letzte Praue draußen löscht und das Wasser an Bord gekommen ist. Meine Papiere sind sämmtlich in Ordnung, also hindert mich Nichts, mit dem Landwind morgen früh unter Segel zu gehen.“

„Apropos, Sie wollten mir ja noch eins von den Schachspielen verkaufen, die Sie von China mitgebracht haben,“ sagte der Amerikaner.

„Es steht Ihnen gern zu Diensten, aber ich habe keins an Land.“

„Gut, dann begleite ich Sie heute Abend an Bord und hole es selber; und nun auf Wiedersehen, denn ich habe noch Manches zu besorgen.“

Die beiden Männer trennten sich hier, ihren verschiedenen Beschäftigungen nachzugehen, und wir wollen indessen dem Javanen folgen, der, nur das eine Ziel vor Augen, in wilder Hast zurück in seine Wohnung eilte, sein Pferd, seine Juwelen zu verkaufen, um zur rechten Zeit an dem bezeichneten Platz zu sein.

Käufer fand er allerdings dafür; der schlaue Chinese ist stets bereit, einen vortheilhaften Handel einzugehen, und Geld auf Waaren als Pfand vorzuschießen, oder auch diese selber anzukaufen, wenn er den sicheren Gewinn voraussehen kann. Aber die zähen Gesellen wollten die Juwelen nicht nach ihrem Werth, nur nach dem Drängen des Augenblicks bezahlen, und der Javane, dem es schon überdies die Seele zerschnitt, um den Nachlaß seines Vaters mit gierigen Mäklern zu feilschen, mußte von Einem derselben zum Andern laufen, die von dem Amerikaner geforderte Summe endlich zusammenzubringen.

Als die Sonne noch eine Stunde hoch am Firmamente stand, eilte er mit dem Rest seines Vermögens, zu Fuß und mit triefender Stirne, dem bestimmten Platz an Kali Besaar zu, und fand den Amerikaner dort schon seiner wartend, dicht am Flusse stehen.

„Hast du den Khris?“ frug der Häuptling leise, als er zu ihm trat, und die Rolle mit Holländischen Banknoten aus seinem Gürtel nahm.

„Ah, tabeé, mein brauner Freund,“ lachte der Amerikaner, als er seiner ansichtig wurde, „bist du wieder da? ein Paar Minuten später, und du hättest mich nicht mehr getroffen.“

„Hast du den Khris?“ sagte der Javane, ohne den Gruß weiter zu erwidern.

„Den Khris? – allerdings, hier ist er, mein brauner Tuwan.“

„Und hier ist dein Geld dafür – gieb mir die Waffe,“ sagte der Javane, ihm mit der linken Hand die Banknoten reichend und die rechte nach dem Messer ausstreckend.

„Halt, nicht so schnell,“ entgegnete ihm aber ruhig der Kaufmann, „wie viel hast du in dem Bananenblatt da eingewickelt?“

„Was du verlangt hast – dreitausend Gulden,“ sagte der Eingeborene, mit finster zusammengezogenen Brauen, „es ist mir schwer genug geworden, es zu schaffen.“

„Möglich,“ lachte der Amerikaner, „aber für dreitausend Gulden gebe ich den Khris nicht her.“

„Hast du ihn mir nicht um den Preis verkauft?“ rief der Javane, mit zornfunkelnden Augen emporfahrend, während die Rechte fast unwillkürlich nach dem Griff der eigenen Waffe fuhr, die er im Gürtel trug.

„Nur ruhig, Freund,“ entgegnete ihm aber mit einem verächtlichen Lächeln über die drohende Bewegung der kaltblütige Yankee, „ich habe dich bloß gefragt, ob du Lust hättest, dreitausend Gulden an den Stahl zu wenden, dir aber nicht gesagt, mit keinem Worte, daß ich ihn dafür lassen würde – Giebst du aber viertausend, soll er dein sein.“

Viertausend,“ rief der Javane, die Zähne zusammenknirschend, „was ich an mir trage, ist mein ganzes Vermögen, ich habe nicht tausend Deute mehr, sie zuzulegen.“

„Das thut mir leid,“ sagte der Amerikaner achselzuckend, „dann fürcht' ich, werd' ich den Khris behalten müssen.“

„Der Khris ist mein!“ zischte da der Javane zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch, „du darfst ihn mir nicht vorenthalten. Hier ist dein Geld, es ist mein Alles, und ich gönne es dir, verdank' ich dir dann doch die Waffe meiner Ahnen, aber – weigere mir sie nicht.“

„Hm, ich dachte, du wolltest ihn nur für einen Freund haben,“ lachte der Yankee, „hätte ich das gewußt, wär' er mir nicht einmal um viertausend feil; aber ein Mann ein Wort, und schaffst du mir die Summe, magst du ihn haben, unter dem aber um keinen Deut.“

„Gib mir den Khris und nimm dein Geld,“ drängte der Eingeborene, „ich kann dir, bei Allah, nicht mehr geben; treibe mich nicht zum Äußersten.“

„Wo du die Dreitausend aufgetrieben hast,“ spottete der Amerikaner, „wird dir auch wohl noch ein viertes zu Gebote stehen. Es ist mein letztes Wort, und jetzt laß mich zufrieden, denn ich muß an Bord eines der Schiffe auf der Rhede fahren. Wenn du das Geld zusammen hast, so komm' morgen früh in das Amsterdam-Hotel.“

„Und du verweigerst mir ihn für dreitausend Gulden,“ frug der Javane mit leiser, von innerem Grimm fast erstickter Stimme; der Amerikaner aber, der an der ganzen Aufregung des Mannes wohl sah, daß er sein Spiel gewonnen habe, antwortete ihm gar nicht darauf, sondern schritt, sich von ihm abwendend, langsam am Ufer des Flusses nieder. – Er hätte vielleicht besser gethan, ihm den Dolch zu geben.

Etwas weiter unten stand sein Cabriolet, der braune Kutscher mit dem runden, backschüsselförmigen, vergoldeten Hut hatte ihn kommen sehen, und fuhr mitten in die Straße; Goodwin stieg langsam ein und einen flüchtigen Blick zurückwerfend, suchte sein Auge die Gestalt des eben verlassenen Eingeborenen. Dieser aber war nirgends mehr zu sehen und der Yankee, dem Kutscher in ein paar Malayischen Worten das Steueramt am Kali Besaar als Bestimmungsort nennend, lehnte sich nachlässig in dem kleinen Fuhrwerk zurück, still vor sich hinlächelnd über den vortheilhaften Handel.

Als sie den Ort erreichten, an dem sämmtliche Boote anlegen müssen, die den schmalen, zum Hafen führenden Canal passiren, ob sie nun ein- oder auswärts gehen, war die Jölle des Holländischen Capitains noch nicht gekommen, und der Yankee ging eine ziemlich lange Weile mit wachsender Ungeduld am Strande auf und ab.

Den Canal herunter kam eine kleine Praue von vier Malayen gerudert. Ein fünfter lag lang ausgestreckt und in einen schmutzigen alten Sarong gehüllt, im Spiegel des schlanken Fahrzeugs. Die Praue glitt dicht und langsam am Steindamm des Steueramts hin, dem dort postirten Beamten – einem Liplap – zu zeigen, daß sie nichts einer Abgabe Unterliegendes im Boote hätten. In der That war sie auch vollkommen leer, und nur ein Paar Fruchtbündel Bananen oder Pisang, ein Dutzend Cocosnüsse und ein Paar Körbe mit Reis und anderen Früchten lagen im Vordertheil derselben. Ein weiteres Anhalten war deshalb nicht nöthig und das Fahrzeug trieb langsam vorbei.

„Nun, kann der faule Bursche da hinten nicht aufsitzen, wenn er die Steuer passirt?“ rief der Liplap mürrisch.

„Ist krank,“ sagte der eine Malaye, während er sein Ruder einsetzte, und gleich darauf schoß das scharf gebaute Boot, die Strömung der Ebbe wieder erreichend, rasch das enge Fahrwasser hinab.

Der Amerikaner hatte die Leute halten sehen, aber nicht weiter auf sie geachtet, denn das schon ungeduldig erwartete Boot kam endlich den Canal nieder, hielt einige Sekunden an dem Steinwerft, wo es den Yankee an Bord nahm und passirte dann, da der Capitain nur Hühner, Früchte und einige andere Sachen zur Verproviantirung seines Schiffes bei sich führte, unbehindert nach außen.

Auf der Rhede überholten sie die Praue mit den fünf Malayen – der eine Bursche lag noch immer auf seiner Bank ausgestreckt, und die übrigen Ruderer schienen es auch nicht besonders eilig zu haben, denn sie trieben mit der ausgehenden Strömung langsam zwischen die dort vor Anker liegenden Schiffe hinein.

Die Sonne war indessen untergegangen und Goodwin blieb mehrere Stunden an Bord des Holländers, theils die bald eintretende Fluth, theils den Aufgang des Mondes abzuwarten, der Capitain frug ihn einmal nach seinem Handel mit dem Javanen, der Amerikaner aber gab eine ausweichende Antwort, besorgte, was er noch an Bord zu besorgen hatte, und verließ dann mit den Malayischen Bootsleuten, die jedes Europäische Fahrzeug für die Dauer seines Aufenthalts auf der Rhede von Batavia miethet, das Schiff, an Land zurückzukehren.

Ein aufsteigendes Gewitter schickte eben eine frische Brise vom Ufer herüber, und die Malayen mußten zu den Rudern greifen, dieser entgegenzuarbeiten; die See war aber noch vollkommen ruhig, und der Mond schien hell und klar auf die leicht gekräuselte, blitzende Fluth.

Die Lastprauen, die über Tag den Schiffen ihre Ladung zuführen, waren schon sämmtlich in den Canal zurückgekehrt; nur hie und da glitt noch ein einzelnes verspätetes Boot, eigentlich gegen das Gesetz, und dann und wann von dem Wachtschiff angerufen, durch die dort ankernden gewaltigen Fahrzeuge, und der regelmäßige Schlag der Ruder klang weit hin durch die Nacht. – Ihnen gerade entgegen kam jetzt ein solches und der Amerikaner, der hinten am Ruder saß, sah es plötzlich so dicht vor sich auftauchen, daß er kaum Zeit behielt, den Bug seines eigenen Bootes herumzuwerfen, um nicht mit dem des fremden zusammenzurennen.

„Holla, da vorn, zum Teufel, weshalb paßt ihr nicht auf!“ rief er auf Englisch ärgerlich den Begegnenden zu. Das fremde Boot veränderte seinen Cours aber nicht um eines Haares Breite, ja, folgte eher noch etwas der abweichenden Bewegung des anderen, dessen Planken es jetzt berührte und scheuerte. Die Malayen behielten in der That kaum Zeit, ihre Ruder aus den Dollen zu werfen und in Sicherheit zu bringen.

Tabée Tuwan[45]!“ rief dabei zu gleicher Zeit eine trotzige Stimme, die des Amerikaners Blut zu Eis erstarren machte, und eine dunkle Gestalt sprang, während zwei der fremden Bootsleute ihr folgten, und die beiden Fahrzeuge fest zusammenhielten, mit wildem Satz auf den Amerikaner zu.

„Hülfe! Mörder – Räuber!“ schrie dieser und riß den Khris, den er in seiner Tasche trug, heraus, sich gegen den auf ihn einspringenden Feind zu vertheidigen. Ehe er aber den Stahl aus der hölzernen Scheide bringen konnte, hatte des Javanen schmächtige doch elastische Gestalt sich über ihn geworfen und den Khris gefaßt.

„Hülfe, Mörder!“ tönte wieder der gellende Ruf des Überfallenen, der jetzt in wilder Wuth sich von dem Griff des Feindes zu befreien suchte, und mit der rechten Faust wohl gut gemeinte, aber erfolglose Stöße nach dessen Kopf führte.

„Meinen Khris will ich,“ knirschte der Javane dabei zwischen den zusammengebissenen Zähnen durch, „gieb meinen Khris, oder du bist ein Kind des Todes.“

„Verdammte braune Bestie, eher mein Leben!“ schrie der Yankee, jetzt zu wilder Wuth entflammt, „warte Hallunke, das zahlst du mir theuer. Hierher, Malayen, helft mir den Schurken binden.“

Auf den benachbarten Schiffen, die den Lärm und das Hülferufen gehört, wurde es laut, und das Knarren der Blöcke auf dem nächsten verrieth dem geübten Ohr des Eingeborenen, wie ein Boot niedergelassen wurde. Auch aus der Gegend, wo das Wachtschiff lag, tönten rasche Ruderschläge herüber, die das Ohr des Amerikaners ebenfalls trafen.

„Zu Hülfe hierher – hurrah meine Bursche, ich halte die Canaille!“ schrie dieser jubelnd auf, „hierher, ohoy.“

„So hab' deinen Willen!“ zischte es in des Amerikaners Ohren, und ein gellender Angstschrei antwortete der schlangenähnlichen Bewegung des Javanen, der sich im nächsten Augenblicke aus den Armen des Weißen wand, und zurück in sein eigenes Fahrzeug sprang.

„Her zu mir!“ rief er dabei seiner Bootsmannschaft zu, „und nun fort!“ und blitzschnell folgten die braunen gewandten Gestalten dem Befehl, während des Amerikaners Malayen starr und entsetzt zurückblieben, und kein Glied zur Vertheidigung des angegriffenen Weißen zu rühren wagten.

„Halt dort – was für ein Boot ist das?“ rief da eine tiefe Stimme über das Wasser, und die rasch eingesetzten und wieder gehobenen Ruder blitzten im Mondenlicht.

„Segel auf!“ rief der Javane dagegen seinen Leuten zu, denen er jetzt selber ganz kaltblütig half, das Mattensegel zu setzen. Kaum aber hob sich dies mit seiner breiten Fläche über Deck, als es der immer schärfer einsetzende Wind auch schon faßte, und das schlanke Boot vor sich hintrieb.

„Halt da, sag' ich!“ schrie die näher und näher kommende Stimme in malayischer Sprache, während von der andern Seite ebenfalls ein Boot herüber schoß, „euer Segel nieder, oder ich gebe Feuer.“

„Feuert!“ lachte der Javane trotzig zurück, „feuert so viel ihr mögt!“ und das Steuer ergreifend, lenkte er den scharf gebauten Bug des kleinen Fahrzeugs gerade vor den Wind, daß das riesige Segel weit ausblähte und die Fluth vorn wild und schäumend emporspritzte.

Drei, vier Schüsse fielen jetzt hinter ihm her, aber sie erreichten das Boot nicht. Trotzdem gab das Wachtboot die Verfolgung nicht auf, sondern setzte jetzt ebenfalls ein Segel, den frischen Wind zu benutzen. Der commandirende Officier rief indessen dem zweiten herbeieilenden Boote, das von einem englischen Kriegsschiffe abgeschickt worden, zu, das andere, auf dem Wasser treibende Fahrzeug anzulaufen und zu untersuchen. – Es war das Boot des Amerikaners, in dem die Malayen noch nicht wieder zu den Rudern gegriffen hatten, denn sie waren um die Leiche des weißen Mannes beschäftigt. Hülfe konnten sie ihm freilich nicht mehr bringen; der scharfe Khris hatte sein Herz mit furchtbarer Sicherheit getroffen.