»Aber was ist vorgefallen?« frug auch jetzt Susanna, mit größerem Interesse als sie bis jetzt gezeigt, »bringen Sie uns eine angenehme oder unangenehme Neuigkeit?«
»Nun ich weiß gerade nicht« sagte Mons. Belard die Mischung von Wasser und Brandy erst einen Augenblick gegen das Licht haltend und dann, wie mit der Farbe zufrieden, auf einem Zug leerend — »angenehm ist sie gerade nicht — wenigstens nicht für Sie Beide, und mir selber thut es auch leid, obgleich sich die Sache nun einmal nicht ändern läßt und des Menschen Wille sein Himmelreich ist. Wenn's ihm nicht länger bei uns gefällt, kann ihn natürlich keine Seele halten.«
»Mons. Delavigne will fort von hier? — aber wohin?« riefen die beiden Damen, wie fast aus einem Munde.
»Soviel ich verstanden habe, nach Atiu zurück, wo er hergekommen« lautete die Antwort.
»So wird er dorthin wohl sein Geschäft verlegen wollen.«
»Nein das ist ja eben der Unsinn« rief der Kaufmann ärgerlich, »das dacht' ich mir auch im Anfang, denn darin wäre ein Sinn, aber wie mir jetzt scheint, läuft die ganze Geschichte auf irgend einen romantischen Schwindel hinaus, und wenn das wirklich der Fall wäre, sollt' er mir leid thun, denn keine zwei Monat hält er's drüben mit seiner Paradies-Comödie aus. Er will sein ganzes Geschäft förmlich mit der Wurzel herausreißen und wegwerfen, und sich drüben hinsetzen und Brodfrucht und Tarowurzel essen mit Madame Sadie. Das klingt wohl recht schön, ist aber nur leider unausführbar — er müßte denn eben kein Franzose — kein civilisirter Mensch sein, dessen ganze Existenz, er mag sich darüber äußerlich vorlügen soviel er will, doch mit all seinen tausend Seelenfasern an dem alten gewohnten Leben hängt und nicht losgerissen werden kann.«
»Aber ist denn vielleicht hier irgend etwas vorgefallen?« sagte Madame Belard — »hat er hier Unannehmlichkeiten gehabt, die ihn vielleicht dazu treiben?«
»Doch nicht etwa mit der Regierung?« frug Susanna rasch, die unwillkürlich und mit leiser Angst der so keck eroberten Flagge gedachte.
»Nicht daß ich wüßte« brummte Mons. Belard — »im Gegentheil scheint ihm der Gouverneur wohl gewogen gewesen zu sein, denn wie mir Delavigne selber sagt hat er ein Anerbieten von dorther gehabt — ein Anerbieten einer festen gesicherten Stellung, wenn er es allenfalls nun überdrüssig gewesen wäre Handel zu treiben; aber auch das hat er von der Hand gewiesen. Er ist rein toll — oder blind.«
»Und wann will er fort?« sagte Mad. Belard.
»Morgen schon, soviel ich weiß, wenn er alle seine Siebensachen packen und zu Schiff bringen kann — er hat einen kleinen Cutter gemiethet, der schon bei seinem Hause liegt. Nein die Sache ist Ernst und nicht nur eine flüchtige Idee; ein Schlag aus reinem Himmel, denn gestern, wo ihn Brouard auf der Straße traf, wußte er noch kein Wort davon. Aber ich muß wieder fort — er kommt jedenfalls noch zu Euch hierher heute, Adieu zu sagen, und wenn ich nicht da sein sollte, bitte gieb ihm dies Papier hier, Marie; ich habe ihm versprochen, es hierher für ihn zu legen, vielleicht komm ich nachher noch einmal herüber.« Und mit kurzem Gruß verließ er das Zimmer wieder.
Die Frauen saßen noch schweigend, und in tiefem Nachdenken, als Mons. Belard schon lange das Zimmer verlassen hatte, und Susanna berührte wieder leise die Tasten in weichen, kaum hörbaren Akkorden.
»Merkwürdig« brach Madame Belard endlich das Schweigen — »etwas muß da vorgefallen sein, was ihn kann zu diesem wunderbar raschen Entschluß getrieben haben — gestern Abend schon sein eigenthümliches Betragen.«
»Du sprichst von Mons. Delavigne?« sagte Susanna, ohne die Freundin anzusehn.
Madame Belard schaute rasch nach ihr um, ließ ihr Auge einen Moment auf ihr ruhen und sagte dann leise:
»Ja.«
»Die Männer sind wunderliches Volk« sagte die Schöne — »er wird sich mit seiner Sadie wieder in einen Palmenhain zurückziehn, und von der Welt — in ihren Armen träumen.«
Madame Belard schüttelte traurig mit dem Kopf und sagte ernst:
»Das ist nicht Alles wie es sein sollte — hätte er den Entschluß langsam und mit reiflicher Ueberlegung gefaßt, so würde es mich recht von Herzen, in tiefster Seele gefreut haben.«
»Wie so?« frug Susanna rasch.
»Weil mich Sadie, das arme liebe Mädchen, in einer Welt hier in die sie nicht gehört, in die sie nicht paßt, recht von Herzen dauert. Es ist ein liebes engelgutes Kind, und verdiente glücklich zu sein — und wird es nie werden« setzte sie recht tief aufseufzend hinzu.
»Warum nicht glücklich?« sagte Susanna gleichgültig, der Stimme wenigstens den Ausdruck gebend, »so viel ich von dem Leben dieser Insulanerinnen gesehen habe, verlangen sie es, wissen sie es gar nicht besser, als daß sich ein Europäer, Franzose oder Engländer ist ihnen ziemlich gleich, um sie bewirbt und — die Dauer seines Aufenthalts vielleicht — bei ihnen bleibt; kehrt er in seine Heimath zurück fällt es ihm natürlich nicht ein eine farbige Frau mitzunehmen.«
»In der Regel, ja —« sagte Madame Belard — »leider Gottes handeln die Männer hier leichtsinnig genug in dieser Hinsicht, und haben schon manches arme Herz gebrochen, selbst unter den ungebildetsten der Insulaner — das Herz kehrt sich ja nun doch einmal nicht an Sitte und Gebrauch.«
»Sie sehn mir nicht aus, als ob ihre Herzen so leicht brechen könnten« entgegnete Susanna etwas kalt.
»Doch, doch« sagte leise Madame Belard, »und Sadie ist gar nicht wie ein Kind dieser Inseln erzogen — nur die Farbe, das Aussehn, und das Freie, Natürliche ihrer Bewegungen verkünden sie als ein Kind des Korallenbodens; der alte Mr. Osborne, der hier auf Tahiti starb, hat sie wie eine Tochter gehalten, unterrichtet und ihr damit Gutes thun wollen, aber ich fürchte fast, statt dessen einen schlimmen Dienst erwiesen. Nicht Indianerin, nicht Europäerin muß sie für das Leben ihres Vaterlandes verloren sein, nie wenigstens würde sie sich, wozu sie doch Gott bei ihrer Geburt bestimmte, an der Seite eines gewöhnlichen ungebildeten faulen Indianers glücklich fühlen können — und ich fürchte, sie wird nicht im Stande sein, den jetzt geliebten Mann auf immer an sich zu fesseln.«
»Und verlangst Du von Delavigne daß er sein Leben auf jenem Atiu verträumen — diese monotonen Inseln mit ihren ewigen Palmen und Brodfruchtbäumen nie wieder verlassen soll?« rief Susanna in ihrem Spiel aufhörend und sich rasch und fast heftig nach der Freundin umdrehend.
»Verlangen?« sagte diese achselzuckend — »ich verlange von einem Mann vor allen Dingen daß er seine Schwüre hält, es ist das wenigste was man verlangen kann, und doch unendlich viel, und thut das Delavigne, so kann er die Inseln nur verlassen, wenn er die Indianerin als sein Weib mit hinüber in das alte Vaterland nimmt.«
»Um dort der Kinder Spott zu werden« rief Susanna rasch.
»Er hat das Alles voraus gewußt,« sagte Marie Belard, »Sadie ist übrigens ein wunderhübsches Weibchen.«
»Und wie lange wird das dauern?« frug Susanna, »in sechs Jahren, in fünf vielleicht schon, ist die Blüthenzeit dieser Kinder der Tropen vorüber und die Zeit muß ihm vorschweben, wenn er an ein späteres Leben in den civilisirten Städten der alten oder neuen Welt zurückdenkt. Ja in der neuen könnte er nicht einmal jetzt mit ihr existiren, wo sich jede anständige Familie in New-York sowohl wie New-Orleans von ihm zurückziehn würde, um nur nicht in den Verdacht zu kommen mit schwarzem Blute Umgang zu haben.«
»Aber Susanna, in Virginien rühmen sich die ältesten Geschlechter von der Königstochter Pokahontas abzustammen« sagte Madame Belard.
Susanna zuckte die Achseln.
»Ja, sie zum Ahn zu haben lassen sie gelten« sagte sie, »aber frag einmal eine der dortigen Familien, ob sie jetzt einem ihrer Söhne gestatten würden die Ehre ihrer Geschlechter durch Indianisches Blut zu beflecken. Das Vorurtheil, wenn es überhaupt ein Vorurtheil genannt werden kann, wo es sich um etwas unseren Naturen total widerstrebendes handelt, besteht nun einmal und wir Einzelne können es nicht ändern — Uebrigens sind die hier geschlossenen Ehen« fügte sie mit weit leiserer Stimme etwas zögernd hinzu, »wie man überall hört, ja keineswegs so bindend, und sollen sogar schon in ihrer Formel eine Art Vorbehalt auf ziemlich willkürliche Scheidung wieder enthalten.«
»Die meisten, ja, leider Gottes« sagte Madame Belard — »die leichtsinnigen Mädchen der Inseln würden selbst die Formel nicht verlangen, hielten die Missionaire nicht darauf, bei etwas, das sie doch nun einmal nicht verhindern können, wenigstens so viel als möglich den Anstand zu wahren. Bei den meisten ist auch wirklich nichts weiter geschehn; manche aber vollziehen wirkliche Ehen, so vollständig in ihrer Ceremonie als bei uns und — ich sollte denken — auch ebenso bindend. Wahrscheinlich ist dasselbe auch mit Sadie und Delavigne der Fall; Sadie ist die Pflegetochter eines Geistlichen, und von ihm erzogen und getraut; der würdige Mann wird nicht daran gedacht haben eine andere als vollgültige Ehe zwischen den Beiden zu schließen. Ueberdies bliebe sich das auch gleich, das todte Wort was dabei gesprochen wird kann nur gesetzlich binden, und zwar an Stellen wo das Gesetz die Kraft und Ausdehnung hat, hier wo jedes Canoe den Mann aus dem Bereich desselben bringen kann, ist das eigene Wort, das eigene Herz das einzige worauf man wirklich trauen kann, und ich will zu Sadies Bestem hoffen, daß Delavigne dem fest und treu zu eigen bleibt.«
»Und glaubst Du wirklich daß er sein Leben solcher Art hier beschließen wird?« frug Susanna — »Marie denke Dir er ist vielleicht fünf oder sechs und zwanzig Jahr alt, und soll jetzt aufhören zu leben — ist das wahrscheinlich?«
»Aufhören zu leben — mit der Frau die er liebt an seiner Seite, mit seinem Kind?« frug Madame Belard dagegen, »er kann das nicht gut »aufhören zu leben« nennen, was, wie er mich oft versichert, das höchste und schönste Ziel seines Lebens gewesen; — es wäre zu traurig für die arme Sadie; und doch fürchte ich fast das wilde ungestüme Wesen des Mannes wird sich nicht in die engen festen Banden eines solchen Lebens, auf die Länge der Zeit wenigstens, einschnüren lassen. Ihr Beiden hättet besser zusammen gepaßt.«
Susanna lachte, aber sie wandte rasch den Kopf und begann wieder, und zwar mit raschen kräftigen Griffen die Marseillaise zu spielen, während Mad. Belard an das Fenster trat und hinausschaute.
Die Thür öffnete sich leise und René erschien auf der Schwelle — keine der Frauen hatte ihn in den rauschenden Tönen des kriegerischen Liedes kommen hören, und mehre Minuten lang stand er schweigend die Blicke fast wehmüthig auf die holde Jungfrau am Instrument geheftet die, den Lauscher nicht ahnend das Lied schloß und wieder über zu den weicheren seelenvollen Melodieen kleiner, spanischer, Lieder ging, wie sie dieselben daheim an den Ufern des Mississippi oft und oft gehört. Eine Weile spielte sie so fort und dann endlich, wie den Gedanken des Liedes folgend das sie begonnen, fiel sie mit ihrer weichen klangvollen Stimme leise ein.
»Ein trauriges Lied« seufzte Madame Belard und drehte sich nach der Freundin um, stieß aber unwillkürlich einen leisen Schrei aus, als sie den, mit dem sie sich eben in wirklich traurigen Bildern beschäftigt, bleich und ernst vor sich stehen sah.
Susanna schaute rasch auf den Ruf um, und während ihr das Blut in die Wangen schoß, stand sie auf und verließ das Instrument.
»Sie haben uns belauscht« sagte sie und ihr Auge haftete so fest auf dem seinen, als ob sie die Gedanken lesen wollte, ehe ihnen die Lippen Worte geliehn.
»Den Dichter wenigstens« entgegnete René, ihrem Blick begegnend — »den armen Dichter, dem als er das Lied schrieb, wohl recht weich und weh muß um's Herz gewesen sein. Sie sollten freundlichere Lieder singen, Miß Lewis, vor Ihnen liegt das Leben noch frei und offen in all seiner Pracht und Herrlichkeit — es wäre Sünde wenn Sie gerade, vor tausend Anderen, solchen traurigen Lamentationen Raum geben wollten. Doch — sein Sie mir nicht böse daß ich Sie gestört habe — ich will ihre Zeit nicht lange in Anspruch nehmen — ich komme Ihnen Adieu zu sagen.«
»Sie wollen fort?« sagte Susanna leise.
»Hoffentlich Morgen« erwiederte René mit einem Lächeln wenigstens, wenn es auch ein gezwungenes war.
»Der Entschluß muß Ihnen über Nacht gekommen sein« rief Madame Belard — »gestern Abend wußten Sie noch kein Wort davon.«
»Ich habe mich allerdings erst gestern dazu entschlossen.«
»Mein Mann hat uns schon auf die schmerzliche Nachricht vorbereitet, lieber Delavigne — auch hier ein Papier für Sie hergelegt, falls er Sie wirklich nicht noch — einmal sehn sollte — es thut uns recht, recht leid Sie von hier verlieren zu müssen.«
»Madame Belard« sagte René und seine Stimme zitterte.
»Aber warum haben Sie Ihre Frau nicht mit herübergebracht, soll ich sie nicht wiedersehn?«
»Sie werden sie entschuldigen müssen« sagte René das Papier mit einer dankenden Verbeugung an sich nehmend, das ihm die junge Frau reichte — »Sadie hat jetzt so viel mit Packen zu thun und — es ist besser so vielleicht — ich selber wollte brieflich von Ihnen Abschied nehmen« setzte er dann nach einer kurzen Pause hinzu, »aber meine Geschäfte zwangen mich die Stadt noch einmal aufzusuchen und — da konnte ich es doch nicht übers Herz bringen, so ganz vorbei zu gehn.«
»Wir hätten Ihnen das im Leben nicht verziehen« rief Madame Belard schnell — »aber kommen Sie, bleiben Sie nicht mit der Klinke in der Hand da stehn und setzen Sie sich zu uns — es ist ja das letzte Mal vielleicht für eine lange Zeit. Nehmen Sie den Stuhl da, neben Susannen. Sie haben auch recht eigentlich, daß Sie den politischen Wirren aus dem Wege gehn; besonders in ihren Verhältnissen hätten Sie es doch am Ende manchmal nicht vermeiden können, mit einer oder der anderen Parthei in Collision zu kommen, und hat sich erst Alles wieder regulirt, sind Sie ja noch immer Ihr freier Herr.«
»Die politischen Verhältnisse kümmern mich wenig« sagte René — »ich kann den Gewaltstreich meiner Landsleute, den sie jetzt durch spitzfindige Rechtsclauseln zu beschönigen suchen, einem schwachen harmlosen Volke gegenüber nicht billigen, und habe mich schon auf der anderen Seite auch zu sehr über das Treiben und Wesen der fanatischen Missionaire geärgert, diesen wieder das Wort zu reden; ich würde mich also weder der einen noch der anderen Parthei angeschlossen haben. Wahr ist übrigens daß man bei solcher Gelegenheit nicht immer seine Neutralität, selbst bei den besten Vorsätzen, vollständig behaupten kann, und in sofern wäre es allerdings gut selbst der Möglichkeit einer Collision entrückt zu sein. Den Eingeborenen ist übrigens jede Hoffnung genommen, sich gegen die Uebermacht vertheidigen zu können, denn eben ist noch ein neuer Französischer Kriegs-Dampfer, wenn ich nicht irre der Salamander, signalisirt worden.«
»Der Salamander lag nach den letzten Nachrichten in Havre,« rief Madame Belard rasch, »dann kommt er auch direkt von Frankreich und bringt uns Briefe aus der Heimath.«
»Aus der Heimath« sagte René leise — »es ist doch ein wunderbares Wort — ich hätte nie geglaubt daß solch ein Zauber darin liegen könnte — aber — ich habe Sie wieder in Ihrem Spiel gestört, Miß Lewis — Sie werden wahrlich erst ungestört spielen können, wenn ich fort bin.«
»Wir haben mitsammen geplaudert, und nur in Gedanken setzte ich mich an's Clavier,« sagte Susanna, in einem Buche blätternd das neben ihr lag, den Kopf von René abgewandt.
»Und was hört man draußen im Land über unsere Zustände hier?« frug Madame Belard — »Sie wohnen doch außer der Stadt, glauben Sie daß sich die Eingeborenen ohne Weiteres den Französischen Befehlen fügen werden?«
»Gott weiß was sie thun« sagte René — »soviel ist gewiß, daß die Regierung jetzt mehr den Einfluß der Missionaire, besonders des Englischen Consuls, als irgend etwas anderes zu fürchten scheint, und nur wohl auf einen wirklichen Grund wartet, ernstlich gegen ihn einzuschreiten.«
»Dieser Mr. Pritchard hat etwas recht anständiges nobles in seinem ganzen Wesen« sagte die junge Frau — »ich hätte ihn gar nicht für einen Missionair gehalten.«
»Er ist es auch wohl nur noch in dem Einfluß, den er auf die Eingeborenen ausübt — ich bin übrigens kein Freund dieser Herren, und froh besonders meine Frau aus ihrem Bereich entfernen zu können. Diese tollen Schwärmereien immer mit anzuhören ist zum Verzweifeln, und wenn irgend etwas auf der Welt, das wahrhaftig könnte mich rasend genug machen, lieber wieder an Bord eines Wallfischfängers zu springen, ehe ich einem schleichenden, tödtenden Bekehrungsversuch entgegenginge.«
Susanna lächelte und sagte mit leisem Kopfschütteln:
»Der Rückfall ist bei Ihnen nicht zu fürchten — seit Sie den Frack wieder getragen, und die Glacéhandschuh haben Sie sich den Geschmack an dem romantischen Leben der Wallfischfahrt jedenfalls verdorben.«
»Sie können mir den Frack noch immer nicht vergessen,« lachte René, rasch und willig in den lebendigeren Ton des Mädchens eingehend.
»Es war das erste was mir, mit dem Bewußtsein Ihrer Geschichte, an Ihnen in die Augen sprang« sagte schelmisch das Mädchen, »und ich malte mir Ihr Doppelbild da gar lebendig aus. Der Eindruck hat sich bei mir auch nicht wieder verwischen lassen.«
»Das also war der erste Eindruck den meine Erscheinung auf Sie hervorgebracht,« lachte René, »Frack und Glacéhandschuh — wieder ein Beweis für eine Beobachtung die ich von je gemacht, daß Frauen selten im Stande sind ein richtiges unbefangenes Urtheil über eine, ihnen zum ersten Mal aufstoßende Physionomie oder Persönlichkeit zu fällen.«
»Ei Sie grober Mensch« rief Madame Belard rasch, »wie können Sie etwas derartiges in Gegenwart von zwei Damen behaupten, noch dazu da Sie auf alle Beide vielleicht einen günstigen Eindruck gemacht haben. Der erste Eindruck ist gerade bei mir der wichtigste und entscheidendste, denn das Auge ist dabei kein Diener des Verstandes sondern des Herzens. Viele Leute wollen behaupten daß der Kopf, der kalte Verstand für das Herz denken und handeln müsse, und dabei alle Hände voll zu thun habe, aber hierbei findet gerade das Gegentheil statt. Wie oft z. B. geschieht es, daß wir fremde Menschen mit dem ersten Blick schon lieb gewinnen und uns von anderen eben so abgestoßen fühlen. Die Einen haben uns noch Nichts zu Lieb, die Anderen noch Nichts zu Leid gethan, aber das Herz streckt seine Fühlfäden aus, und was der nüchterne Verstand in Monaten vielleicht nicht herausbekommen, und sich dann am Ende doch noch getäuscht hätte, das sagt uns das Herz mit einem Schlag, und wie selten ist es daß es sich irrt.«
»Sie hätten recht,« erwiederte René, »wenn Ihr erster Blick eben ein unpartheiischer wäre, der gleich die Züge des fremden, zum ersten Mal begegneten Menschen trifft, aber der erste Blick gehört bei Ihnen stets den Kleidern des oder der Fremden, der zweite hat dann schon aufgehört unbefangen zu sein — eine falsch gewählte Farbe, eine veraltete Mode sprach das Urtheil vorher.«
»Und ich will Ihnen beweisen daß sie unrecht haben« rief Susanna wärmer werdend — »schon nach dem ersten Blick auf einen Menschen sag' ich Ihnen was er für Augen, was für Zähne hat.«
»Augen und Zähne« erwiederte René achselzuckend — »das Gesicht also abermals wieder nur als Kleidungsstück betrachtet.«
»Etwas spricht für Ihre Behauptung« sagte Madame Belard etwas pikirt — »daß wir armen Frauen so oft von Euch Männern betrogen werden — vielleicht haben Sie doch recht, und dieser Kleiderblick ist unser Fluch. Ich habe nicht geglaubt daß Sie so boshaft sein könnten.«
»Herr Delavigne will uns die Trennung leichter machen« sagte Susanna, wirklich fast böse über die etwas herbe Bemerkung.
»Gott verhüte daß ich Sie kränken sollte« fiel ihr René rasch ins Wort — »zürnen Sie mir nicht, mir ist der Kopf wirr und toll seit heute Morgen, und der Gedanke Tahiti — so viele liebe Freunde zu verlassen, noch zu neu, zu fremd — zu ungewohnt. Aber ich muß auch fort; es dunkelt schon und ich habe noch Einiges in der Stadt zu besorgen, was vor dem Abendschuß abgethan sein muß.«
»Also wirklich fort?« sagte Madame Belard.
»Ich kann nicht anders« seufzte René und fuhr dann leiser und ihre Hand ergreifend fort, »ich lasse viele liebe Freunde hier zurück — werden auch Sie manchmal meiner gedenken?«
»Wir wollen keinen großen Abschied von einander nehmen, Delavigne« sagte die kleine Frau bewegt, mit Willen und Anstrengung aber die Bewegung niederkämpfend — »Sie gehn nicht aus der Welt, und werden manchmal hier herüber kommen; es ist ja das Schönste was wir haben auf der Welt, liebe, uns theuere Freunde wieder zu sehn, deren Bild, auf dem dunklen Hintergrund der Trennung nur so viel schärfer und reiner in unserer Seele bleibt. Gehn Sie mit Gott, grüßen Sie mir Ihr Weibchen und — mögen Sie das finden was Sie suchen.«
Ihm rasch ihre Hand entziehend, denn sie hatte den jungen Mann durch sein offenes herzliches Wesen wirklich lieb gewonnen, und er sollte die Thränen nicht sehn die ihr ins Auge stiegen — verließ sie rasch das Zimmer.
Susanna machte eine Bewegung als ob sie ihr folgen wollte, besann sich aber und blieb an dem Instrument stehen, auf das sie sich mit der linken Hand stützte.
»Miß Lewis« sagte René leise — »ich glaube nicht daß wir uns wiedersehn werden —«
»Ich habe Sie ja noch eigentlich gar nicht entlassen,« unterbrach ihn die Jungfrau, gewaltsam gegen ein Gefühl ankämpfend, dem sie nicht Worte geben mochte und konnte; aber, ohne daß sie eigentlich wußte warum, einen ernsten Abschied fürchtend, fuhr sie, in den leichten Ton übergehend, freilich in gezwungener Fröhlichkeit fort — »Sie haben sich mir auf Gnade und Ungnade ergeben und müßten mich jedenfalls erst um Urlaub bitten. Wissen Sie wohl daß mir der Preis bekannt ist, den mein Vater auf Ihr Wiedereinbringen gesetzt hatte, und soll ich Sie jetzt so ohne Weiteres entlassen?«
»Ueben Sie Gnade vor Recht Mademoiselle« bat aber René leise und ernst — nicht im Stande in diesem Augenblick auf den leichten, scherzenden Ton einzugehn — »üben Sie Gnade meinet- — Gnade eines anderen Wesens wegen.«
»Ich verstehe Sie nicht« sagte Susanna rasch, »aber ich sehe wohl ein, mir armem schwachen Mädchen wird das nicht gelingen, was der Delaware mit seiner ganzen Mannschaft umsonst versuchte — Sie zu halten. — Und was soll ich meinem Vater sagen?«
»Sagen Sie ihm,« rief René jetzt, kaum im Stande das gewaltsam zu Tag brechende Gefühl nieder zu kämpfen — »sagen Sie ihm — daß ihn die Tochter hart und schwer gerächt. Und nun — leben Sie wohl, recht wohl und — glücklich.«
Ihre Hand dabei ergreifend preßte er sie fest an seine Lippen und sprang dann mit flüchtigen Sätzen die Treppe hinunter und aus dem Haus.
»René!« wollte Susanna rufen, aber die Zunge versagte ihr den Dienst — die Worte erstarben ihr auf den Lippen, und die Hand fest und krampfhaft auf ihr Herz gepreßt, floh sie auf ihr Zimmer, und schloß hinter sich die Thür mit dem Riegel.
Die Sonne war am Untergehn, die einbrechende und hier dem Verschwinden des Taggestirns fast augenblicklich folgende und eben so rasch in wirkliche Nacht übergehende Dämmerung verkündete es wenigstens, denn dichte Wolkenschleier lagen über dem Horizont, und breiteten, reckten sich höher und höher, eine stürmische Nacht versprechend in dem sich wieder erhebenden Westwind, der jedesmal fast seine Gewalt mißbraucht, wenn er den ruhigen und vernünftigen Ostpassat einmal zu verdrängen gewußt hat, auf kurze Zeit.
Sadie war in ihrem Haus allein mit dem Kind, und selbst der Mitonare Ezra, der ihr fest versprochen hatte recht früh zurückzukehren und ihr noch mit manchem zu helfen in Packen und Zurechtstellen, nicht gekommen. Auch René blieb heute so entsetzlich lange aus — aber er hatte noch viel zu thun in der Stadt. Lieber Gott der Entschluß war ja so plötzlich, so überraschend schnell gefaßt worden, sie konnte sich leicht denken wie schwer es da sein mußte Alles zu ordnen was er zurückließ, und daß er das nicht in ein oder zwei Stunden vollbringen könne. Bald, ach bald war ja das nun Alles überstanden; nach Atiu — o wie sie der Gedanke mit Glück und Seligkeit erfüllte — nach Atiu, nach ihrem lieben lieben Atiu — und wie ihr die Palmen da entgegenwinken würden und die stillen Blumen die sie gepflegt und gehegt; und das Lieblingsplätzchen am freundlichen Strand, von den Lüften gegrüßt, von den Riffen umbraust, der stille theuere Ort, mit der Erinnerung ihrer Jugend — ihrer Liebe — o es war als ob ihr das Herz springen müsse vor lauter Seligkeit, wenn sie der frohen Rückkehr gedachte nach ihrem Atiu.
Aber wo blieben die Männer? — auch Mata-oti war draußen und kehrte, trotz mehrmaligem Rufen nicht wieder; das Wetter zog dabei höher und höher herauf — und gerade heute ließ man sie so allein. Doch draußen — das waren Schritte — die Gartenthür hatte geknarrt, und gleich darauf betrat mit etwas eiligem Joranna der kleine Bruder Ezra das Zimmer; sie konnte ihn in der jetzt vollkommen eingebrochenen Dämmerung, ja Nacht, kaum noch erkennen.
»Joranna Sadie, Joranna,« sagte er und trocknete sich den Schweiß von der Stirn die er, aus den engen Frackärmeln heraus, mit den kurzen dicken eingezwängten Armen kaum erreichen konnte — »René ist noch nicht zurück?«
»Nein, Mitonare, aber er muß bald kommen, und es freut mich nur daß wenigstens Einer von Euch da ist — es ist gar so unheimlich hier so ganz allein zu sein, mit dem leeren und öden Haus Lefévres dicht daneben — ich weiß nicht jene leeren Räume haben etwas Todtes Unheimliches für mich.«
»Ist Bruder Aue hier gewesen?« frug Mitonare leise.
»Mr. Rowe? wie kommst Du auf den?« rief Sadie erstaunt, »nein.«
»Pst« sagte Bruder Ezra und sah sich scheu um und dann setzte er sich auf einen Stuhl, stützte die Ellbogen auf die Lehnen, faltete die Hände und jagte, starr vor sich niedersehend, die Daumen umeinander herum.
Sadie wurde es unbehaglich in dem dunklen Zimmer und sie zündete die Lampe an die auf dem Tisch stand.
Es war indeß vollkommen dunkel geworden, und der Wind hob sich heftiger und schleuderte die Brandung an die gegenüberliegenden Riffbänke mit immer dumpferem Brausen.
»Aber was hast Du nur, Mitonare?« rief Sadie endlich, vor ihn tretend und ihn bestürzt ansehend — »Du siehst aus, als ob irgend etwas vorgefallen. Ist ein Unglück geschehn? — Heiliger Gott, René — wo ist René —«
»Pst — pst« sagte aber der Mitonare eifrig mit der Hand winkend, und schloß die Augen dabei, schob die beiden außerdem schon etwas dicken Lippen vor, und schüttelte aus Leibeskräften mit dem Kopf — »pst, pst Pu-de-ni-a — nicht solchen Spektakel machen — haben Schildwache dicht bei —«
»Aber René —«
»Unsinn, Unsinn, der Wi-Wi läuft, so viel ich von ihm weiß ganz gesund und munter in der Stadt herum und trinkt seinen Freunden den Wein aus, zum Abschied — Mitonare hat ihn in drei Häusern gesehn, auf die Art« sagte Bruder Ezra, ergriff Sadiens Hand und streichelte sie, die arme Frau zu beruhigen — »Tolle Gedanken die sich Pudenia macht um den Wi-Wi — bah — ist wie Guiave, nicht auszurotten; stecke heute einzigen Apfel in die Erde habe im anderen Jahr ganzen Wald.«
»Aber weshalb fragst Du nach Mr. Rowe — der Mann erscheint mir nur immer vor Sorge und Trübsal und großer Noth — was soll er hier, heute noch hier wollen? und wenn ihn René hier fände, gäb' es vielleicht harte Worte zwischen den Männern. Gott wolle es verhüten.«
»Aber ich begegnete ihm doch draußen am Thor — er verließ den Garten, wie ich kam — war er nicht hier im Haus?«
Sadie faltete die Hände und sah erschreckt zu dem Mitonare auf.
»Er kam aus unserem Garten?« frug sie leise — »doch ich bin ein thörichtes Kind,« setzte sie rascher hinzu, »mir da Sorge und Kummer zu machen, vielleicht um Nichts. Es hat heut den ganzen Nachmittag fast ein fremdes Canoe an unserer Landung gelegen und zwei Männer, die darin gekommen, waren an Land. Vielleicht daß ihm das gehörte und er danach sehen wollte vor dem einbrechenden Sturm.«
»Und ist das Canoe wieder fort?« frug Bruder Ezra.
»Oh wohl vor einer Stunde, aber ein Einzelner hat es nur zurückgerudert.«
Mitonare stand auf, trat in die Thür und schaute einige Minuten still und schweigend hinaus in die Nacht.
»Haben die Wi-Wis mehr Soldaten als den einen da unten unter dem Pandanusdach, wo das Feuer ist?« frug er endlich, sich wieder umdrehend, als er eine ganze Zeitlang nach der Richtung hinausgesehen hatte.
»Es waren drei oder vier da, heute Nachmittag« sagte Sadie, »aber sie trieben sich meist oben an der Straße herum, wo Tanui der alte Lootse mit seinen Töchtern wohnt.«
»Ahem, ahem« nickte der kleine Mann, und strich sich das Kinn mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand; langsam aber auf- und abgehend im Zimmer murmelte er dann leise vor sich hin — »es ist doch eine böse Geschichte, böse, böse Geschichte.«
Sadie, die von den Worten nichts verstehen konnte, sah ihm, immer noch nicht vollkommen beruhigt zu, und horchte ängstlich dabei hinaus, denn ihr scharfes Ohr hatte einen Laut entdeckt der vom Wasser herüber zu dringen schien. Es war indeß so dunkel geworden, daß man die Hand kaum vor Augen erkennen konnte.
»Was war das?« sagte sie leise — »war das nicht als ob ein Canoe dort unten landete — ich dächte ich hätte eine Stimme gehört. René wird doch nicht in dem Wetter zu Wasser kommen?«
»Unsinn« sagte Bruder Ezra, rasch mit dem Kopf schüttelnd und die Thür zumachend — »wahrscheinlich ist es der Mann in seinem Cutter — Cutter liegt ja da gleich vor Anker. Wird nachsehn ob Alles in Richtigkeit ist, wenn das Wetter vielleicht noch ordentlich losbricht.«
»Dort draußen geht Jemand« rief aber Sadie, die nichtsdestoweniger ihre Sinne zum Aeußersten angestrengt hatte, den geringsten Laut zu erlauschen — »das ist René.«
»Possen,« sagte der kleine Mann und suchte sie von der Thüre fortzuziehn, aber deutlich hörten sie in diesem Augenblick schwere Tritte dicht unter ihrem Fenster hingehn, und es war als ob Jemand da unten flüstere.
»Heiliger Gott, was geht da vor?« sagte aber Sadie, sich entschlossen von der Hand des kleinen Mitonare befreiend — »was hast Du, Mitonare — Du glühst und zitterst selber; welch Geheimniß birgt die Nacht da draußen?«
»Pu-de-ni-a — es ist Nichts — ist nicht viel« sagte der kleine braune Missionair und fing an sich vor lauter Verlegenheit bald an seinem Frack, bald an seinen unteren Kleidern zu zupfen — gute Freunde von — keine guten Freunde von Wi-Wis — aber nicht von unserem Wi-Wi« setzte er rasch hinzu — »wollen sich — wollen sich was in die Berge tragen, daß ihnen der Wi-Wi die Berge nicht auch wegnehmen kann.«
»Was in die Berge tragen? — wie versteh' ich das?« frug die Frau erstaunt — »geschieht da etwas gegen die Gesetze?«
»Nicht gegen das dicke Buch!« rief Mitonare schnell — »im Gegentheil, das steht Alles darin; wir haben heute die ganze Geschichte abgelesen — ist Alles vorgeschrieben drinn.«
»Wer hat es abgelesen?« flüsterte Sadie leise.
»Bruder Aue und noch viele andere Männer.«
Die Frau schauderte in sich zusammen, sie wußte selber kaum warum, aber die Angst um das was da draußen vorgehe, ließ ihr auch keine Ruhe im Haus drinn, und sie schritt der Thüre zu, diese wieder zu öffnen. Mitonare verhinderte sie daran.
»Nein, nein Pu-de-ni-a« sagte er rasch — »nicht hinaussehn jetzt — brauchen gar nichts mit zu thun zu haben und was davon zu wissen wenn Wi-Wi fragen. Sind im Haus gewesen und haben Nichts gesehen, wie sie Gewehre in die Berge tragen.«
»Gewehre?« frug Sadie rasch und erschreckt — »Waffen für die Eingebornen?«
Mitonare schüttelte erst wieder rasch mit dem Kopf, dann aber sich doch besinnend daß er nicht geradezu, als besonders abgeschickter Mitonare, eine auffällige Lüge sagen könne und dürfe, hielt er mit Schütteln plötzlich ein, sah Sadie einen Augenblick an und nickte dann eben so kräftig, und mit den Augen dazu verschmitzt blinzelnd, mit dem Kopf.
»Und weiß René davon?« frug die Frau.
»Der Wi-Wi?« lachte aber Mitonare schon über einen solchen Gedanken gerad hinaus — »der Wi-Wi soll was davon wissen? aber Pu-de-ni-a — Nein das ist gerad das Komische — nehmen es durch sein eigen Haus und er weiß nicht!«
»Aber wenn er jetzt dazu käme und den Alarm gäbe?« frug die Frau, ängstlich die Möglichkeit bedenkend daß René die Hand nicht dazu bieten würde, seine eigenen Landsleute zu bekriegen.
»Bah, bah« lachte aber der Mitonare still in sich hinein — »der Wi-Wi kommt jetzt nicht, gute Freunde haben dafür gesorgt — haben ihn eingeladen bis zehn Uhr — nachher Alles vorbei — kann nachher kommen und sehn wie sie durch den Garten gelaufen sind. Sollen wir die Leute in den Bergen ohne Gewehre lassen?« setzte er dann entschieden hinzu, als er sah wie die Frau unschlüssig ihm gegenüber stand und dem Geräusch draußen horchte — »sollen sie Nichts haben womit sie die Bibel, ei womit sie ihren eigenen Brodfruchtbaum vertheidigen können, wenn fremde unverschämte Männer über das Wasser kommen und Brodfrucht mit Baum und Garten und Umgegend gleich dazu nehmen? — Bah — soviel für die Wi-Wis — sind ein paar gute darunter ja — aber nicht viel; Kanaka muß was in der Hand haben womit er sich wehren kann, sonst ziehen sie ihm die Matten unter dem Rücken fort.«
Und er hatte recht. Sadie selber, so sehr sie das auch vor dem Gatten zu verbergen suchte, fühlte tief im Herzen die ihrem Vaterland widerfahrene Schmach, ja begriff vielleicht mehr als irgend Einer ihrer Landsleute, wie gedemüthigt ihr Volk in den Augen aller anderen Nationen dastehen müsse, wenn es keinen Arm hebe, die erhaltene Beschimpfung zu rächen, und gleichgültig und feige seine Flagge in den Staub treten lasse. Seine Flagge? ein eignes, unsagbar schmerzliches Gefühl durchzuckte sie, als sie der Tahitischen Flagge, als sie jener Stunde gedachte, und nicht den Muth hatte sie gehabt, René danach zu fragen. Aber der Augenblick nahm ihre Aufmerksamkeit zu sehr in Anspruch, jetzt gerade vergangener Zeit gedenken zu können, und mit der Angst um René, was er thun, was er sagen würde wenn er erführe was hier geschehn, mischte sich auch wieder ein eignes stolzes, ja frohes Gefühl, daß die Tahitischen Männer nicht feige die Speere fortwerfen und in die Berge fliehen, sondern dem Feind, der ihr theuerstes Besitzthum angriff, herzhaft die Stirne bieten wollten. Und der Erfolg? — sie seufzte wenn sie daran dachte, aber die Berge waren steil, die Schluchten der Insel eng, das Uferland im Verhältniß schmal und dicht zum Strand gedrängt; ein Haufen entschlossener Männer, nur einigermaßen gut bewaffnet, konnte da schon einem weit zahlreicheren Feinde die Spitze bieten. — Aber Blut — Blut sollte in diesen Thälern fließen, in denen der Friede Gottes seit langen, langen Jahren ungestört geherrscht, und so im Recht die Ihren waren, ihr Vaterland zu vertheidigen, und wenn es das Leben Tausender koste, so weh und unheimlich war ihr das Gefühl dabei, jetzt selber an der Schwelle zu stehn, von der Blut und Verderben ausgehen mußte für so Viele.
Und der Mitonare, der stille friedliche kleine Mitonare, der sonst in seiner Bibel studirt, die Welt weiter nicht kannte, ihr Nichts bot, von ihr Nichts verlangte, als das Versprechen einstiger Seligkeit, und die selber fürchtete, wenn er sich Männer wie Bruder Aue und manche Andere dabei als leitende herrschende Wesen dachte — den kleinen friedlichen Mann jetzt dabei betheiligt zu sehn Mordgewehre in stiller Nacht in die Berge zu schaffen, dem Aufruhr gegen offene Gewalt die Hand zu bieten — sie konnte es nicht fassen, nicht begreifen.
»Aber Mitonare« sagte sie tief aufseufzend, denn ein eigenthümliches ängstliches Gefühl beklemmte ihr die Brust — »wenn die Männer zu den Waffen greifen, haben sie recht — die jungen Leute eines Stammes haben ihr Vaterland zu vertheidigen, denn Gott hat es ihnen gegeben als einen Platz ihn anzubeten und Gutes darauf zu thun, und wird es ihnen entrissen, so können sie die ihnen auferlegten Pflichten nicht mehr so vollständig erfüllen. Anders ist es jedoch mit den Lehrern eines Volks, mit denen, die Gottes Wort, das Wort des Friedens und der Liebe selber verkündigt haben, und noch verkündigen wollen; dürfen diese das Schwert auffassen und in den Kampf ziehn oder selbst die Waffen dem Bruder in die Hand drücken und sagen: Da, gehe hin und erschlage die, die Dich angegriffen haben? — ach Mitonare, ich bin vielleicht nur eine thörichte Frau, die sich mit unnützen, falschen Scrupeln und Befürchtungen quält, aber mir ist doch so gar weh zu Muth, und ich weiß nicht ob Du recht thust, auch nur um etwas derartiges zu wissen. Vater Osborne hätte das nie gethan, und Christus hat nicht gewollt daß wir unsere Religion mit der Schärfe des Schwertes vertheidigen sollten.«
»Zu Christus sind auch keine Wi-Wis gekommen und haben ihm das Land weggenommen,« rief der Mitonare schnell — »Religion — ja das ist Alles recht schön und gut — Religion ist ein sehr gutes Ding, wenn man aber keinen Platz hat wo man sich hinsetzen und beten kann, hilft Einem auch die Religion Nichts.«
Sadie blickte erstaunt, erschreckt ihn an — sprach das der kleine gottesfürchtige Mitonare aus früherer Zeit, und waren nur wenige Jahre im Stande gewesen, eine so merkwürdige gewaltige Veränderung mit seinem ganzen Wesen und Charakter vorzunehmen?
»Mi-to-na-re!« rief sie bittend.
»Ja Pu-de-ni-a, gutes Kind« sagte der kleine Mann gerührt, denn in dem einen Wort lag die ganze alte Liebe und Zärtlichkeit früherer Zeit — »Pudenia ist sehr gutes Kind, Mitonare ist aber anders geworden. Der alte Mann auf Atiu, mit dem weißen Bart sagte freilich man würde nicht anders, man würde nur klug, wenn man das Alles einsähe, und das ist auch wohl vielleicht recht hübsch und nothwendig — aber glücklich wird man nun einmal nicht dabei.«
»Und wir waren glücklich auf Atiu« sagte Sadie, in stiller Wehmuth seine Hand ergreifend.
»Ja« flüsterte der kleine Mann plötzlich und ein anderer Geist kam wieder über ihn — »recht glücklich waren wir — bis die Wi-Wis kamen — nicht der Eine, Pu-de-ni-a aber die Anderen — bis die anderen Priester kamen und uns sagten daß wir unsere alten Götter umsonst verworfen und uns dem neuen Gotte zugewendet hätten, bis sie uns sagten daß wir auch ohne das hätten selig werden können, und nun nur beten müßten, recht viel beten, unsere Eltern aus dem heißen Platz, aus dem Fegefeuer, herauszuholen. Da wurden wir irr zuletzt, da wußte man nicht mehr welcher Pfad der rechte sei, und wenn uns alte Gewohnheit auch wieder in alten Weg zurückgeführt hatte — es ist doch nicht mehr so wie früher, wir sind älter geworden und — ha — was war das? — Jemand ist an der Thüre.«
»Das wird René sein« rief Sadie.
Die Klinke draußen wurde versucht.
»Sadie — öffne schnell! ich bin es,« rief in dem Augenblick der junge Franzose vor der Pforte, die Mitonares vorsichtige Hand verriegelt hatte.
»Segne mich« sagte aber Bruder Ezra erschreckt, während Sadie rasch hinzusprang dem Gatten zu öffnen — »warum kommt er nicht oben herein von der Straße — er muß sie gesehn haben.«
»Was geht hier vor?« rief aber in diesem Augenblick René, sein Weib und den Mitonare, die Beide bestürzt vor ihm standen, erstaunt ansehend. »Was sind das für Leute hier im Garten und was tragen sie?«
»Was für Leute?« frug Mitonare, in einer noch unbestimmten Absicht dem Wi-Wi die ganze Geschichte geradezu wegzuleugnen.
»Was für Leute?« wiederholte René erstaunt — »habt Ihr denn Nichts gehört und dicht unter dem Fenster hier huschten die Gestalten vorbei? — wo ist mein Gewehr? ich muß sehn was hier vorgeht; die Wache von nebenan wird auch gleich hier sein.«
»Die Wache?« rief Bruder Ezra erschreckt — »was weiß sie von hier?«
»Einer der Soldaten kam mit herüber und sprang rasch zurück als wir die verdächtigen Gestalten bemerkten, den Alarm zu geben.«
»Alle Wetter!« rief aber der Mitonare, und in die Thür springend hielt er die hohlen Hände an den Mund, und stieß einen zwar nicht sehr lauten, aber doch weithin schallenden und ganz eigenthümlichen Schrei aus.
»Was zum Teufel, Mitonare!« schrie aber René auf ihn zuspringend und ihn zurückziehend — »was soll das heißen?« Der kleine Bruder Ezra leistete jedoch nicht den mindesten Widerstand; er schien Alles ausgeführt zu haben was er wollte, und setzte sich jetzt nur dicht zum Fenster auf einen dort stehenden niederen Schemel — mit den hohen Stühlen konnte er sich nie befreunden und horchte, das Ohr an das Fenster gedrückt, still und aufmerksam nach außen, als ob er irgend einen Erfolg hier ruhig abzuwarten gedenke.
René hatte Belards Haus in einer Stimmung verlassen, die ihn gleichgültig gegen die Bahn machte die er einschlug, und eine halbe Stunde wohl schritt er mit fest verschränkten Armen in der dunklen und jetzt fast menschenleeren Broomroad, die mitten durch die Stadt führte, auf und ab. Die kühle Nachtluft, die mit dem frisch einsetzenden Westwind herüberwehte, scheuchte das Fieber endlich von seiner Stirn und machte ihn freier, ruhiger athmen. Er fühlte sich von einer Last befreit die ihn bis dahin gequält und zu erdrücken gedroht hatte, und mit dem Bewußtsein Alles gethan zu haben was in seinen Kräften stand, kehrte auch Ruhe und Frieden in sein Herz zurück.
Das höher und höher steigende Wetter machte ihn endlich darauf aufmerksam, daß er die eigene Heimath suchen müsse, wenn er nicht von dem Sturm, den meist ein tüchtiger Regen begleitete, überrascht werden wollte. Auch Sadie hatte noch so Manches heut' Abend zu thun, und sorgte und ängstigte sich gewiß, wenn er länger ausblieb.
Rasch, mit dem Gedanken, wandte er sich und trat den Heimweg an; es war dicht vor dem Abendschuß, und als er die Brücke erreichte, die schon eine ziemliche Strecke außerhalb der Stadt, unterhalb Papetee über einen breiten jetzt aber seichten Bergstrom führte, hörte er wie eine Gruppe von Eingeborenen im eifrigen Gespräch dort zusammenstand und jedenfalls etwas höchst Wichtiges oder doch wenigstens Interessantes mitsammen verhandelte, denn sie stritten laut und heftig aufeinander ein, und René konnte schon von Weitem hören daß ihre Debatte dem Betragen einzelner ihrer Häuptlinge, vorzüglich Paofai und Hitoti gelte, die wie es schien eine, den Insulanischen Interessen ganz entgegengesetzte Richtung eingeschlagen, und sich der Französischen Parthei zugewandt hatten. Das Für und Wider wurde hier besonders debattirt und ganz vorzüglich ob es die Männer aus Eigennutz oder, wie Andre behaupteten, dem Einfluß der Mitonare's entgegenzuarbeiten, gethan haben möchten. Alle waren aber einig darüber daß es eine Schande für Tahiti sei und die frommen Mitonare's sehr kränken würde, die sich mit solcher Aufopferung um ihr Seelenheil bemüht. Dann kamen Zornesreden auf die Wi-Wis — Andeutungen über sie herzufallen, wenn der heutige Streich gelänge, und noch manche andere dunkle Worte die René, als er am Beginn der Brücke stehn geblieben war den Stimmen zu lauschen, nicht genau verstand — in der That auch nicht verstehen wollte. Ihm lag jetzt mehr als je daran, den für ihn so fatalen Wirren in deren Mitte er gerade stand, zu entgehn, und die Brücke betretend, schritt er rasch darüber hin sein Haus zu erreichen.
Wie sein Fuß aber auf das Holz der Brücke trat, denn auf dem weichen Grasboden vorher hatte man seine Schritte nicht so leicht hören können, war die Unterhandlung drüben zwischen den Eingeborenen wie mit einem Schlage abgeschnitten; kein Laut ließ sich mehr vernehmen, und so überraschend schnell kam das Schweigen, daß René wirklich einen Augenblick zaudernd stehen blieb und hinüber horchte.
»An meinem besohlten Schritt auf den Planken haben sie gehört daß ich ein Europäer bin« dachte er aber auch zu gleicher Zeit — »sie werden fürchten, behorcht zu sein und sich in das Dickicht gedrückt haben. Meinetwegen, ich wäre der Letzte der sie verrathen möchte,« und ohne selbst weiter an die Leute zu denken, noch sich nach ihnen umzuschauen, schritt er rasch über die ziemlich roh aufgeführte und sehr schmale, mehr stegartige Brücke hinüber, und erreichte eben die andere Seite der Uferbank, als er etwas neben sich regen sah, und sich auch in demselben Augenblick von vier kräftigen Männern gefaßt und umspannt fühlte.
Widerstand war, wie er gleich fühlte, unmöglich, denn er vermochte keinen Arm zu rühren, sein erster Gedanke aber auch, daß hier ein Versehen statt gefunden habe und er für einen anderen der Französischen Officiere vielleicht gehalten wäre. An dem verwundeten Arm aber, an dem sie ihn so unsanft gepackt, thaten sie ihm weh und er sagte deshalb, vollkommen ruhig, und zu dem gewandt der ihn dort hielt, auf Tahitisch:
»Hab Acht Freund, Du drückst mich an der Schulter und ich habe dort eine noch nicht ganz vernarbte Wunde — laß mich los, wir können ruhig mit einander reden.«
»Aber nicht ganz los« sagte der Eine, die Stimme war René jedoch fremd.
»Und warum nicht?« frug er dagegen, während der, der ihn an der verwundeten Schulter gehalten, diese frei gab und seinen Arm nur noch unten leise hielt — »was habt Ihr gegen mich? — es ist doch wohl nur ein Versehen, daß Ihr mich gerade angefallen habt.«
»Versehen? — vielleicht« sagte der Eine vorsichtig — »nicht viel zu sehen hier überhaupt — wie heißt Du?«
»René Delavigne, und wohne schon über Jahr und Tag hier in Mativai Bai unten am Strand in dem kleinen Häuschen, das Vater O-no-so-no früher bewohnte.«
»Ist Alles in Ordnung« sagte ein Anderer der Leute.
»Nun dann laßt mich wenigstens los, was wollt Ihr von mir?«
»Müssen Dich erst noch sprechen — komm herein in das Haus hier — thun Dir Nichts« sagte der Erste wieder.
»Ich fürchte Euch nicht,« entgegnete trotzig der junge Franzose, »habe aber keine Lust mich von Euch hinschleppen zu lassen, wohin es Euch beliebt.«
»Bist Du ein Freund von Kanaka?« frug ein Dritter jetzt, der bis dahin noch nicht gesprochen.
»Wenn ich's nicht wäre hätte ich schon um Hülfe gerufen, und Euch den Französischen Posten auf den Leib gezogen, der kaum zweihundert Schritt von hier entfernt auf der Straße liegt« entgegnete mürrisch René.
»Hm, wenn das lauter Beweis ist« lautete die etwas mißachtende Antwort — »Schreien kann man einem Menschen wehren. Nein, komm mit uns hier zum nächsten Haus — gleich am Wasser dran — wollen was mit Dir sprechen.«
»Heut' Abend nicht, Freunde, ich habe Geschäfte die mich eilig nach Hause rufen« sagte René ausweichend.
»Deshalb gerade« lachte der erste Sprecher — »komm Freund, Du mußt — weißt Du, dann kann man nicht anders.«
»Da hast Du recht, Kamerad« erwiederte René, jetzt auch lächelnd über den praktischen Humor des Eingeborenen. Er sah auch wohl daß ihn keine Gefahr bedrohe, denn hätte man ihm etwas zu Leide thun wollen, wäre hier ein eben so guter Platz dazu gewesen, als irgendwo anders — aber was wollte man von ihm? — »Gut« sagte er nach kurzem Ueberlegen — »ich will Euch folgen, aber dann müßt Ihr mir auch versprechen, daß Ihr mich ungehindert wieder gehen laßt; ich habe mein Weib allein zu Hause und muß zu ihr.«
»Maitai, maitai« riefen die Eingeborenen rasch und freudig, da sie sahen daß der Gefangene ihnen die Sache so leicht und bequem machte — »soll Dir Nichts geschehn, Freund — blos warten ein Bischen blos warten« — und ihn führend, ohne aber für jetzt seine Arme noch frei zu geben, gingen sie mit ihm über die Straße hinüber und am Bach hinauf, wo etwa, zweihundert Schritt von der Brücke entfernt, ein kleines Dorf tief versteckt zwischen Fruchtbäumen und Palmen lag.
René folgte vollkommen geduldig, aus dem einzigen Grund aber nur, weil er eins seiner Terzerole, gut geladen, in der Brusttasche trug, und sich das Spiel nicht selber durch unzeitige Widersetzlichkeit verderben wollte. So, anscheinend als gute Freunde, konnte er seine Zeit abwarten, und bekam er erst einmal den rechten Arm nur auf wenige Secunden frei, daß er zu seiner Waffe gelangen konnte, dann ließ sich eher mit den Leuten sprechen. Eine Absicht hatten sie jedenfalls ihn hier aufzuhalten, und eine ihm günstige konnte es auch nicht sein, also je eher er sich wieder frei machte, desto besser.
Rasch vorwärts schreitend hatten sie jetzt das erste Haus erreicht, und die Thür öffnend, trat der Erste der Eingeborenen zurück, ließ René's Arm los und bat ihn hinein zu gehn — er habe Nichts für sich zu fürchten.
»Ich fürchte auch Nichts, Kamerad« sagte der junge Mann, seinen rechten Arm ausstreckend, den Sehnen wieder freies Spiel zu geben und die Hand dann, wie nachlässig in den vorn halb zugeknöpften Rock schiebend, »aber ich möchte Dich auch bitten mich jetzt wieder frei zu lassen, und da etwas aus dem Weg zu gehn, sonst —« und er riß das Terzerol, das er in demselben Augenblick spannte, aus der Tasche und hielt es dem Eingeborenen entgegen — »möcht' ich genöthigt sein, Gewalt mit Gewalt zu vertreiben.«
»Ah?« sagte der Insulaner ruhig, während sich die Andern etwas scheu hinter ihn zurückzogen, er selber aber, ohne eine Miene zu verziehen, in der Thür stehen blieb und auf das Terzerol sah — »hast Du so was auch in der Tasche? — hätten eigentlich nachsehen sollen, denken aber immer nicht an die kleinen Dinger; aber schadet Nichts — schießt Du mich, sind drei andere da, schneiden Dir Hals ab und werfen Dich in's Wasser.«
»Du nimmst's kaltblütig« lachte René mit einem Blick den inneren Raum der Hütte überfliegend. Am andern Ende derselben saßen fünf oder sechs Frauen und Mädchen um eine hellflackernde Cocosölflamme, dort aber konnte er keine Thür weiter erkennen, nur eine einzige starke Bambuswand umzog das Haus, und er sah recht gut ein daß hier nur ein rasches entschiedenes Auftreten ihn retten oder sein Schicksal entscheiden konnte.
»Du hast recht Kamerad — es könnte mir nicht viel helfen, wenn ich Dir eine Kugel durch den Kopf jagte — drei Andere wären noch da mich aufzuhalten — aber Dir eben auch nicht. Ihr habt mich in aller Stille hier aufgehoben und hierhergebracht, jedes auffällige Geräusch zu vermeiden; ich aber verlange jetzt augenblicklich von Euch daß Ihr mir sagt was Ihr von mir wollt oder — ich gebrauche doch hier diese Waffe, die mit donnerndem Mund durch die Nacht spricht und jedenfalls Hülfe herbeiholt von meinen Landsleuten. Also was soll ich hier? und weshalb habt Ihr mich hierher gebracht?«
Die Insulaner, die keck vielleicht der Gefahr der Waffe getrotzt, hatten in der That nicht an den Spektakel gedacht, den das kleine Ding machen würde, und den sie noch dazu mit von weit größerem Geschütz herrührend verwechselten; jedenfalls mußte ihnen diese Drohung wichtiger als die erste dünken, denn sie unterhielten sich rasch und eifrig miteinander, ohne dabei jedoch ihren Gefangenen aus den Augen zu lassen.
»Du willst nicht bei uns bleiben?« frug der Eine ihn jetzt.
»Gutwillig nicht — Ihr sagt mir denn sonst weshalb.«
Wieder steckten sie die Köpfe zusammen und die leise und flüsternd geführte Berathung war eigentlich von größerer Wichtigkeit für René, als er ihr vielleicht zutrauen mochte, denn es handelte sich dabei in der That um nichts Geringeres, als sein Leben. Die angeborene Gutmüthigkeit der Stämme aber — vielleicht auch die Vorsicht die sie bis jetzt auffällig mit den Franzosen beobachtet hatten und die sie scheu einen direkten Beginn der Feindseligkeiten vermeiden ließ, weil sie wohl fühlten wie sie auf einem Punkt standen, wo der erste Schlag, der erste vergossene Blutstropfen das Signal zu einem Kampf werden mußte auf Leben und Tod, schien hier zu René's Gunsten zu sprechen.
»Wir wollen Dir kein Leides thun« sagte der eine Insulaner, der Einzige der im Licht stand, dessen Züge ihm aber gar nicht bekannt waren, und der von einem anderen Theil der Insel hergekommen sein mußte — »unser Zweck war nur Dich eine kurze Zeit bei uns zu behalten, wenn Du das nicht willst magst Du gehn. Vorher mußt Du aber zuerst mit uns zu Nacht essen — Du sollst nicht sagen können daß wir Dich in eine unserer Wohnungen geführt, und Dich hungrig wieder hinausgelassen haben.«
René lachte laut auf über die unverhoffte und wunderliche Einladung, und doch lag aber auch wieder so viel Gutmüthiges darin daß er es, vielleicht auch besorgt dabei keine Furcht sehen zu lassen, ihnen nicht abschlagen mochte und konnte; das Terzerol aber noch immer gespannt in der Hand forderte er dann von seinem freundlichen Wirth das Versprechen, ihn augenblicklich nach eingenommenem Abendbrod ungehindert ziehn zu lassen.
»Ich verspreche Dir das« sagte der Eingeborene, »und zum Beweis daß ich Dir traue, wie Du mir trauen kannst, ist hier die Thür offen — wir halten Dich nicht mehr — aber« setzte er dann etwas leiser und mit einem eigenen Ausdruck in der Stimme hinzu — »wenn Du Freund von Kanaka bist, wirst Du's beweisen können heut'.«
»Gut denn« lachte René, sein Terzerol sorglos in Ruh setzend und in die Tasche zurückschiebend — »so kommt, meine Burschen, und Ihr sollt sehn daß ich Eurem Fisch und Poe oder was Ihr sonst haben mögt, Ehre mache.«
Die Frauen, die sich beim ersten Eintreten der Männer und den feindlichen da gewechselten Worten und Drohungen scheu zurückgezogen hatten in den entferntesten Theil der Hütte, hörten jetzt kaum die friedliche Wendung die Alles zu nehmen schien, als sie, freilich immer noch schüchtern, hervorkamen, und nur erst Leben gewannen, als ihnen die Männer zuriefen »den Tisch zu decken.« Schon bereit gehaltene Blätter wurden augenblicklich auf die Erde ausgebreitet, wo schon Matten lagen für die Neugekommenen und von zwei hellen Cocosölflammen beleuchtet saßen die, die sich noch vor wenigen Minuten auf Leben und Tod entgegengestanden und deren Leben an dem Gedanken des Einen oder Andern gehangen, sich friedlich plaudernd gegenüber, nur emsig eben bemüht die aufgetragenen Speisen zu beseitigen.
Und René war der Fröhlichste unter ihnen; so wild und weh ihm noch kurz vorher ums Herz gewesen, so vollkommen hatte das eben bestandene kleine Abenteuer, wie das unvorbereitete romantische seiner ganzen Lage und Umgebung, jeden trüben Gedanken abgestreift von seinem Geist; das leichte fröhliche Blut, das seinem ganzen Körper jene unendliche und nicht zu ertödtende Spannkraft verlieh, hatte wieder gesiegt und nur dem Augenblick gab er sich hin in sorglosem Muth, der dem Morgen, was er auch bringen mochte, keck und unbekümmert ins Auge sah.
Nichtsdestoweniger zögerte er nicht länger, als er nothwendig brauchte sein Abendbrod zu verzehren; an einem der noch aufgehäuften reinen Hibiscusblätter trocknete er sich Mund und Finger, und erklärte jetzt, aufstehend, den Heimweg antreten zu wollen. Fast wider sein Erwarten, denn er war nicht immer gewohnt bei den civilisirten Indianern Treu und Glauben zu finden, hinderte ihn Niemand daran, sein Wirth selber öffnete ihm freundlich und lächelnd die Thür, und nach herzlichem Abschied, als ob er hier alte Freunde gesucht und gefunden, und nicht als Gefangener vor kaum einer halben Stunde diese Schwelle betreten hätte, verließ er das Bambushaus — kopfschüttelnd dabei, was das räthselhafte Betragen der Eingebornen, ihm gegenüber, zu bedeuten gehabt.
Kaum aber fühlte er den gebahnten Weg wieder unter sich, zu dem er sich, am Ufer des Baches nieder, hatte hinunterfühlen müssen, als er so rasch den Heimweg antrat, als ihn seine Füße tragen wollten. Weshalb hatten ihn die Insulaner aufgehalten? und stand das am Ende gar in irgend einer Verbindung mit der eigenen Heimath? Es war ihm ein unheimliches fatales Gefühl, und das gespannte Terzerol in der Hand, einem etwaigen neuen Angriff nicht wieder so blind zum Opfer zu fallen, lief er mehr als er ging, den, zwar sehr betretenen, aber doch schmalen und dunklen Pfad entlang, der ihn zuerst durch einen stattlichen Palmenhain und dann durch den noch düsterern Grund eines mit Wi- und Mapebäumen besetzten Thales führte. Mit diesem Thal näherte er sich aber mehr und mehr dem eigenen Haus, dessen Licht er nun schon bald hoffte durch die Büsche schimmern zu sehn, als er plötzlich durch ein etwas barsches und gar nicht weit entferntes »Qui vive!« fast erschreckt und in seiner Bahn gehemmt wurde.
»Hallo Kamerad« sagte er aber lachend, sobald er die Antwort gegeben und durch den hier so dicht bei seinem Haus aufgestellten Posten auch jetzt so weit beruhigt war, daß dort nichts Außerordentliches konnte vorgefallen sein — »Ihr liegt ja hier förmlich im Hinterhalt und könntet nervösen Personen den Tod einjagen vor Schreck, wenn sie so plötzlich angeschrien würden; aber lieb ist mir's daß ich Euch hier finde.«
»Habt Ihr irgend etwas gesehn?« frug der Soldat rasch.
»Gesehn? — nein« sagte René nach kurzem Bedenken, er wollte nicht als Ankläger gegen die sich auch doch nur ihrer Haut wehrenden Eingebornen auftreten, »aber paßt gut auf, Kamerad — Ihr habt es mit listigen und der Waldwege gewohnten Burschen zu thun, wenn sie ja etwas unternehmen sollten in späterer Zeit.«
»Hat Nichts zu sagen« lachte der junge Soldat, »meine Augen sind frisch, Kamerad, und mein Gehör so scharf wie das ihre wohl, so leicht entgeht mir Nichts — aber, Kamerad, Ihr könntet uns hier auf der Wacht einen gewaltigen Freundschaftsdienst erweisen, wenn Ihr's nämlich bei Euch führt.«
»Und das wäre? von Herzen gern wenn ich's kann.«
»Wir sind hier vier Mann im Haus, ohne den einen, der hinunter an den Strand postirt ist, sein Auge auf dem Wasser zu halten, und haben nicht eine Pfeife voll Taback zwischen uns — alle fünf — wenn Ihr nur die geringste Quantität —«
»Nicht die Idee, Kamerad, in der Tasche gerade,« sagte René freundlich, »aber ein ganzes Pfund dicht daneben in dem Haus da, wo ich wohne. Wollt Ihr die paar Schritt mit mir hinübergehn, steht er Euch gern zu Diensten.«
»Ich selber darf nicht vom Posten« rief der Soldat fröhlich, »aber ich geb' Euch einen meiner Kameraden mit; Gott sei Dank, da ist doch Aussicht auf eine Pfeife« — und rasch der vielleicht zwanzig Schritt vom Weg abliegenden Bambushütte zueilend rief er von dort einen der da drin auf der Matte schon faul ausgestreckten Soldaten heraus, den Landsmann zu begleiten und die freundliche Gabe in Empfang zu nehmen.
René war der Schildwacht bis zum Haus gefolgt, denn von dort schnitt ein ihm wohlbekannter, etwas näherer schmaler Fußpfad durch ein weites unbebautes und mit hohen Cocospalmen bewachsenes Grundstück nach seinem eigenen Garten hinüber, der von hier kaum mehr wie fünf- oder sechshundert Schritt entfernt lag, und wohin ihn jetzt der junge Französische Soldat, ohne es selbst der Mühe werth zu halten sein Gewehr mitzunehmen, begleitete. Die Insulaner hatten sich bis jetzt nicht allein so friedlich, nein wirklich freundlich gegen sie gezeigt, daß keiner der Soldaten an einen Zusammenstoß mit ihnen auch nur dachte. All' diese Vorsichtsmaßregeln, besonders die am Strand hin aufgestellten einzelnen Posten galten auch keineswegs den Eingebornen, sondern sollten einzig und allein dazu dienen die Mannschaft der im Hafen liegenden fremden Schiffe zu verhindern an heimlichen Stellen zu landen und die Eingeborenen, was man besonders von den Engländern fürchtete, nicht allein gegen die neuen Herren des Landes aufzuhetzen, sondern ihnen auch Waffen und den fast für den Frieden der Küste ebenso gefährlichen Branntwein zuzuführen.
Rasch und schweigend, René voran, waren sie den Pfad entlang geschritten, der hier zu schmal zwischen dem dicht aufwuchernden Unkraut hinlief, zweien neben einander Raum zu geben, und René hatte eben die Einfriedigung erreicht die ihn von seinem Garten trennte, und die Hand darauf gelegt hinüber zu steigen, als er sich etwas darin regen sah, und gleich darauf eine Gestalt zu erkennen glaubte, die mit irgend einer schweren Last, rasch aber geräuschlos vom Strande aufwärts, dicht unter den Fenstern seines eigenen Hauses hin, der Straße zuschritt. Nun lag allerdings der kleine Cutter unten vor Anker, in dem er sich morgen einzuschiffen gedachte, aber er hatte noch Nichts von seinen Sachen eingeladen, also auch dort keine Diebe zu fürchten; überdies schlief einer der Eingebornen als Wächter darin. Was aber wollten die Leute da? — was trugen sie?
»Was ist da?« flüsterte jetzt der Soldat hinter ihm, der noch Nichts sehen konnte, aber ein Geräusch zu hören glaubte, »irgend etwas Verdächtiges?«
»Verdächtiges? — ja« flüsterte René zurück — »ich kann nur noch nicht recht daraus klug werden — bst —« sagte er plötzlich, den Arm des Soldaten fassend, »da kommt noch Einer.« Dieser glitt etwas weiter nach vorn, und deutlich konnten sie erkennen, daß hier im Dunkel der Nacht irgend etwas ausgeführt wurde, das das Licht zu scheuen hatte. Bei ihm im Hause brannte die Lampe, aber sein Weib schien keine Ahnung von dem zu haben was unter ihrem Fenster vorging, und wenn auch René nicht glaubte daß gerade irgend etwas Feindliches gegen ihn selber beabsichtigt wäre, sah das Ganze doch viel zu unheimlich aus, ihm hier draußen Ruhe zu lassen. Dem Soldaten also zuflüsternd daß er hinüberspringen wolle sein Gewehr zu holen, um nachher bewaffnet zu untersuchen was hier vorgehe, benutzte er den Augenblick, wo der letzte Träger hinter dem Haus verschwunden war, stieg leise über die Fenz, und glitt rasch und geräuschlos seiner Hausthür zu, während der Soldat noch eine Minute etwa auf der Lauer blieb und sich erst dann, als er wieder Schritte vom Wasser herauf hörte, so still wie er konnte zurückzog, die Mannschaft der kleinen Wache, die unbegreiflicher Weise noch nicht von dem doch zu diesem Zweck unten aufgestellten Posten alarmirt worden war, herbei zu holen.
An Bord der Kitty Clover hatte an diesem Tag, wenn auch nur unter Deck, eine besondere Thätigkeit geherrscht mit Klopfen und Hämmern, obgleich, wer das alte schmutzige Fahrzeug von außen sah, das kaum hätte vermuthen dürfen. An Deck trieben sich ein paar Matrosen schläfrig herum, oder stiegen langsam in das Takelwerk hinauf, hie und da ein Tau nachzusehn oder eine zersprengte Weveling[F] auszubessern, höchst aufmerksam jedoch stets signalisirend, wenn ein Canoe oder Boot dem Schiff zu nah kam, wo dann jedesmal das Klopfen und Hämmern in seinem Bauch schwieg, und Mac Rally vielleicht selber seine steile Cajütstreppe aufkletterte, nachzusehn was die Störung oben verursacht hätte.