Diesmal nahm die Offenbarung der Gewalt einen Umfang an, vor dem meine Aufnahmefähigkeit in vollem Maße sich betätigen mußte . . . Nun, es war interessant, und ich muß Dir gestehen, daß ich in diesem Augenblick niemals von einer kalt und objektiv beobachtenden Haltung abließ. Was ich persönliches bewahrt hatte, war eine gewisse Empfänglichkeit des Auges, die mich befähigte, gewisse Bilder in mich aufzunehmen, deren ergreifende Wirkung sich unmittelbar in ebenso „künstlerischer Weise“ zusammenfügte, wie jede andere menschliche Zusammenstellung. Aber im allgemeinen habe ich in diesen Augenblicken, nie die Absicht aufgegeben zu sehen, „wie es gemacht ist“.

Ich bin sehr froh festzustellen, daß die Mordlust keine Macht über mich gewonnen hat. Und ich wünsche, daß es auch so bleiben möge. Leider hat diese Berührung mit der deutschen Rasse für immer meiner guten Meinung von ihr geschadet. Allerdings kann ich es nicht über mich bringen, in mir eine gewisse Rührung und ein menschliches Empfinden zu unterdrücken, die unangebracht sind, wenn sie, wie bei diesem Anlaß, mich zum Opfer eines arglistigen Feindes machen, aber ich gelange dazu zu dulden, was ich früher als die Schande und Verneinung des Lebens betrachtet hätte.

Ich habe den Franzosen im Kampfe gesehen. In der Schlacht ist er fürchterlich, und nachher großherzig; daß ist ein Ausspruch, ein gar vollklingender Gemeinplatz, auf dem unsere größten Schriftsteller, wie das bescheidenste unserer Schulkinder herumgetreten sind; weiland mein dekadenter Intellektualismus findet keinen besseren Ausdruck beim Anblick, welchen die französische Seele gewährt.

Den 14. März 1915.

An Madame de L. . .,

Meine Mutter hat mir die Prüfung erzählt, die Sie soeben wieder betroffen hat; wahrlich, das Leben lastet schwer auf gewissen Seelen. Ich kenne Ihre Stärke und weiß, daß Sie nur zu sehr an den Schmerz gewöhnt sind; wie sehr aber hätte ich gewünscht, daß dieser Ihnen erspart sein möge! Meine Mutter sagte mir, daß man ohne Nachrichten von dem Obersten B . . . sei, und sie war unruhig . . . Wir haben eine einzige Besorgnis, den Schmerz unserer Angehörigen. In dem Anblick des Soldaten, der fällt, ist eine große, ewige Lehre enthalten, die uns panzert und wir möchten sehen, daß auch die, die uns teuer sind, aus ihr Nutzen ziehen. Seien Sie versichert, daß das Beispiel des Obersten herrliche Früchte tragen wird. Ich kenne aus eigener Erfahrung den Heroismus, der den Soldaten verklärt, dessen Führer gefallen ist.

Für mich waren diese Tage reich an tragischen Ereignissen. Ich habe gewaltsame Stunden erlebt, während welcher ich mich bemüht habe, meine Pflicht zu tun. Ich habe alle meine Vorgesetzten fallen sehen, die Reihen in meinem Regimente wurden gelichtet. Für den, der in dem Feuerschlunde ist, gibt es kein menschliches Hoffen mehr. Ich gebe mich Gott hin und bitte ihn nur, mich in einem Seelen- und Herzenszustand zu erhalten, der mir erlaubt in seiner Schöpfung Alles zu genießen, was der Mensch nicht zu verunstalten und zu verdunkeln vermochte.

Alles andere ist außer Verhältnis zu den Ereignissen.

Den 15. März (Karte).

Teure geliebte Mutter, ich denke Du weißt jetzt, welche Gnade mir zu Teil wurde, als ich zu meinem Zuge mich begab. Was mir auch Gott in Zukunft vorbehalten mag, diese Rast hat mir erlaubt, mich wieder zu fassen, mich selbst wiederzufinden und mich auf die Annahme von Allem vorzubereiten. Ich sende Dir meine Liebe und den Ausdruck unserer innigen Vereinigung dem Geschick gegenüber.

Den 17. März.

Lieblicher Morgen. Weiße Sonne, die sich in Nebel hüllt, Bäume in scharfem Umriß auf den Höhen, die weite Ausdehnung im Licht. Bevorzugte Tage. Neulich, da ich eine alte Nummer der Revue des deux Mondes von 1880 las, trat ich in einen schönen Aufsatz ein wie in einen lichten Palast mit prächtigen Gewölben, reich geschmückten Wänden. Er handelte von Ägypten und war George Perrot gezeichnet.

Gestern verließ mein Bataillon in Eile sein Quartier. Ich muß zu meiner Ausbildung als Sergeant zurückbleiben. Wie bin ich für diese übrigens beschwerliche Wartezeit dankbar, die mich das wiederfinden läßt, woran ich am meisten halte, einen hellen Geist und ein für die Natur offenes Herz.

Ich vergaß Dir zu erzählen, daß ich damals während des Sturmes am Abend die Kraniche zurückkommen sah. Eine kurze Ruhepause erlaubte mir ihren Schrei zu hören. Wie lange ist es schon her, daß ich sie fortziehen sah! Ich erinnere mich ihres Wegfluges am Beginn des Winters und dann wurde es noch trostloser. Diesmal waren sie für mich wie die Taube der Arche, nicht als ob ich mir die noch bleibende Gefahr verhehlte; aber diese Boten der Luft brachten mir die sichtbarere Zuversicht in die Ruhe des Weltalls, gegenüber unserer eigenen Aufregung. Gestern waren es die Wildgänse, die ihren Flug gegen Norden nahmen. Sie bildeten am Himmel verschiedene Flugstellungen, und zeichneten regelmäßig Figuren; sie verschwanden am Horizont wie ein flatterndes Band.

Ich weiß das Urteil von Herrn C. außerordentlich zu würdigen. Ich hatte von jeher schriftstellerische Neigungen, schon als Kind, und bedaure, daß die abgebrochene Bildung, die ich mir selbst gegeben habe, soviele Lücken aufweist; aber durch alle Wechselfälle hindurch bewahre ich die Fähigkeit rechts und links die gefallenen Ähren zu lesen. Da ich nichts von der Zukunft vorweggenießen möchte, rede ich natürlich nicht von dem Wunsche Herrn E. in besseren Zeiten vorgestellt zu werden, das gehört nicht in unser Fach, augenblicklich.

Ich habe Frau L. . . geschrieben. Das ist für sie der letzte Schlag. Gewissen Lebensschicksalen ist es beschieden, die Medaille zu sein, in die alle Zeichen des Schmerzes sich einprägen. Das Unglück hat sie derart bearbeitet, daß sie nichts mehr haben, worauf eine Freude sich einzeichnen könnte.

Ich denke mir aber, daß eine so ausschließliche Einstellung eines Lebens auf den Schmerz einen geheimnisvollen Ausgleich findet im Gefühl, daß man alles Unglück ausgeschöpft habe. Es heißt viel, wenn man die Grenze des menschlichen Elends bezeichnet. Solche Schicksale erscheinen wie Schildwachen, welche die Andern gegen die Schläge eines feindlichen Geschicks beschützen . . .

Jeden Tag sehe ich ein neues Kreuz in dem kleinen Soldatenkirchhof. Und über Allem der siegreiche Frühling . . .

Den 20. März.

Unsere Ferien gehen ruhig ihrem Ende zu, während unweit Lärm und Blutvergießen herrschen. Ich glaube das Regiment hat sich wieder gut gehalten.

Den 20. März.

Teure geliebte Mutter,

Nach soviel Gnadenbeweisen sollte ich mehr Vertrauen zeigen und will mich bemühen, mich Gott hinzugeben, aber die Zeiten sind hart. Ich erfahre unter vielen andern, den Tod eines Freundes mit dem ich im Quartier ein Bett teilte. Er war vor kurzem zum Unterleutnant ernannt worden.

Liebe Mutter, Liebe. Das ist das einzige menschliche Gefühl, das man noch bewahren darf.

Den 21. März.

Liebe Großmutter, da die Zeiten der Prüfungen nahen, will ich Dir all meine Liebe senden, mehr kann ich nicht tun. Die Lage erfordert wahrscheinlich Opfer, vor denen wir nicht mehr an das denken dürfen, was uns festhielt.

Laßt uns darum beten, daß der feste Glaube an das Schöne und Gute mitten unter den Schmerzen uns nicht verlasse.

Den 21. März,
Sonntag, bei der schönsten Sonne.

Teure geliebte Mutter,

Ich glaube, es ist die Rede davon, uns noch einen Tag zu behalten, so daß wir erst Dienstag abmarschieren würden. Ich weiß nicht, wo ich mein Bataillon wiederfinden werde und in welchem Zustande, denn der Kampf scheint außerordentlich hart zu sein und zieht sich hin. Die Nachrichten sind sehr widerspruchsvoll, was die Gewinne betrifft. Was die Zahl der Opfer betrifft, stimmen alle darin überein, daß sie sehr bedeutend ist. Wir hören sehr starken Kanonendonner und das schöne Wetter wird wohl die Kriegsleitung auf beiden Seiten dazu bewegen, die Entscheidung zu beschleunigen.

Ich hätte Dir gern manches erzählt von der schönen Landschaft, die mich mit ihrer Herrlichkeit umgibt, aber wahrhaftig, meine Gedanken sind dort, wo die Sonne die Menschen nicht zu ihrer Anbetung vereinigt, sondern nur den Haß beleuchtet, wo die Nacht nur Angst und Verrat mit sich bringt. Neulich in der herrlichen Ausdehnung dieser Landschaft, die sich dem Frühling darbot, dachte ich an die Freude, die ich empfand, ein Mensch zu sein. Und nun ein Mensch sein . . .

Unser benachbartes Regiment, das von R. L. . ., ist mit Kompagnien, die nur vierzig Mann zählten, zurückgekommen.

Ich wage nicht mehr von Hoffnung zu sprechen . . . was man als Gnade erflehen kann, ist, Alles Schöne, was der Augenblick bieten kann, ausschöpfen zu dürfen.

Das ist eine neue Art „sich auszuleben“, an die die Literatur bis jetzt nicht gedacht hatte.

Liebe Großmutter, wie hat mich Deine zärtliche Liebe in diesen Prüfungen gestärkt!

Den 22. März.

Glühende Sonne, vor der man sich staunend sagt, daß man im Krieg steht. Der Frühling ist sieghaft eingezogen. Er hat die Menschen mitten im Hasse, mitten in der schmachvollen Beleidigung der Schöpfung überrascht. Glücklicherweise verschweigen die Tagesberichte, das was vergänglich ist.

Da ich mich jetzt für einundzwanzig volle Tage weit hinter der Front befinde, habe ich Mühe mich wieder an das grauenhafte Bild dort zu gewöhnen. Aber ich weiß, liebe Mutter, daß mein Leben und Deines nur ein Ziel hatten und daß wir, selbst in der letzten Zeit, uns bemüht haben uns demselben zu nähern. So wird unser Leben vielleicht nicht zwecklos gewesen sein. Das ist heute der einzige Trost für eine ehrgeizige Seele, daß sie vorausahnt, in welcher Richtung ihr Wirken einen Wiederhall finden wird.

Ich glaube, daß, wenn es mir vergönnt gewesen wäre, länger zu leben, ich nie mein Streben unterbrochen hätte. Da ich aber keine andere Gewißheit habe als die der gegenwärtigen Stunde, habe ich versucht, das Beste meines Selbst darauf zu verwenden.

Den 25. März.

Teure geliebte Mutter,

Jetzt führe ich wieder mein Höhlendasein. Ich habe den Platz wiedergefunden, den ich im vergangenen Monat verlassen hatte. Während meiner Abwesenheit ist nichts geschehen: ein furchtbarer Angriff ist unsererseits unternommen worden, hat aber zu keiner Entscheidung geführt. Man hatte Regimenter angreifen lassen, die weder unsern Schneid noch unsere schöne Haltung unter dem Feuer haben. Sie konnten sich nur zusammenhauen lassen und uns die abscheulichste Beschießung zuziehen, die man sich vorstellen kann. Wie es scheint war der frühere Kampf nichts im Vergleich zu diesem. Meine Kompagnie hatte schwere Verluste infolge von Lufttorpedos. Es sind Geschosse von einem Meter Höhe und 27 Zentimeter Umfang, die eine äußerst steile Flugbahn zurücklegen und senkrecht einfallen, was ihnen ermöglicht, in die engsten Höhlungen hineinzuplatzen. Deswegen leben wir mehrere Meter unter der Erde. Mildes Wetter. Wir gehen Nachts aus, um die Dienstarbeiten zu verrichten.

Teure, ich hätte Dir gerne einen Haufen Dinge erzählt, die manche glückliche Stunden betreffen; aber ich habe es Dir schon geschrieben, manche davon darf man durch Worte nicht wachrufen. Die plumpe menschliche Freude würde sie erschrecken und ihnen feindlich sein. Sie würden noch rascher verschwinden. — Ich nehme meinen Brief nach einem Schläfchen wieder auf. Wir schlafen so viel wir können in unsern Erdhöhlen. Ich hatte einen Haufen Gedanken gehabt, welche die Müdigkeit mir nicht erlaubt auszudrücken; ich erinnere mich aber, daß ich Beethoven wachrief. Ich habe gerade sein Alter, als er vom Schmerz betroffen wurde, und ich dachte an das herrliche Vorbild solcher Seelenstärke, die trotz aller Hindernisse sich betätigt. Das Hemmnis mußte ihm ebenso endgültig erscheinen als uns heute das unsrige. Aber er war Sieger. Für mich war Beethoven die herrlichste menschliche Offenbarung der schöpferischen Kraft.

Ich schreibe schlecht, denn ich schlafe noch . . .

Wie war mir alles erleichtert und durch Freundlichkeit gemildert während des Rückmarsches! Ich verließ unser Schloß allein und, als ich vor einer Artillerie-Batterie vorbeikam, wurde ich von Seiten der Unteroffiziere in der brüderlichsten Weise gastfreundlich aufgenommen, übrigens liebt die Artillerie die Xer, die sie beschützen und überhaupt flößen wir ein lebhaftes Mitleid den Leuten ein, die nicht einmal dem Regen ausgesetzt sind.

Ich breche kurz ab und liebe Dich wegen Deines Mutes, der mich aufrecht hält. Was auch geschehen mag, ich habe die innere Freude wiedergefunden. Schon die Nacht der Ankunft war ja so schön!

Den 26. März.

Teure geliebte Mutter,

Nichts neues auf unserer Anhöhe, die man weiter in Verteidigungszustand setzt. Eine interessante Arbeit, die freilich Schwierigkeiten bietet. Das schöne Wetter erleichtert unsere Arbeit. Von Zeit zu Zeit trifft die Hacke einen armen Toten, den der Krieg bis in die Erde hinein quält.

Den 28. März,
auf den Höhen: graues Wetter an einem durch
die gestrige Beschießung gestörten Sonntag.

Nun sind wir wieder mitten im Kriege. Ein fürchterlicher Angriff unsererseits hat soeben das Gemetzel der vergangenen Woche erneuert. Meine Kompagnie, die bei dem früheren Ansturm niedergemäht worden war, ist freilich diesmal verschont geblieben und wir mußten nur einen Abschnitt der Verteidigungslinie besetzen. Wir bekamen also nur die Spritzer des Kampfes ab.

Ich wohnte an einem schönen Frühlingssamstag dem fernen Schauspiel der Schlacht bei und sah das kriechende Tier, dem ein Bataillon gleicht, vorrücken und im Rauch der Granaten sich winden. Es sind Jäger zu Fuß, die trotz der Maschinengewehre und der französischen und deutschen Beschießung angreifen. Diese Tapferen haben Allem zum Trotz ihre Aufgabe erfüllt und so die Niederlage der vergangenen Woche wieder ausgeglichen, wo unser Angriff erfolglos war.

Seit einem Monate ist es mir vergönnt, die Steindrucke Raffets26) zu erleben, mit dem Unterschiede, daß man zur Zeit Raffets ungestrafter in denselben Entfernungen Augenzeuge sein konnte, weil die Gewehre weniger weit schossen. Aber es gab wirklich schöne Dinge zu sehen, wie zum Beispiel diese endlose Ebene, auf die die Felshöhen herabschauen, die wir besetzt halten. Sie erstrahlen von den hunderttausend Feuern der Granaten. Und davor kletterten die Jäger immer weiter . . .

Sonntag, den 28. März (2. Brief).

Liebe Mutter,

Strahlendes Wetter, das sich im Laufe des Vormittags aufgeheitert hat. Ich habe unsern Sektor ziemlich weit durchwandert; augenblicklich nimmt die Beschießung wieder an Stärke zu.

Trotzdem wende ich meine Seele der Hoffnung zu. Für alle Fälle, flehe ich um Weisheit für Dich und für mich.

Teure, mitunter fühle ich wie leicht es mir wäre, mich wiederum den Beschäftigungen zuzuwenden, die den Reiz und den Sinn meines Lebens ausmachten. Mitunter fühle ich mich plötzlich in diesem schönen Frühling, derart zur Malerei hingezogen, daß es mir sehr leid tun würde, wenn ich nicht mehr malen dürfte. Aber ich bemühe mich doch, meine Seelenkräfte und meinen Willen auf dem schmalen und schwierigen Damm dieses Lebens zu erhalten.

Den 1. April.

Eine Sonne, die die Jugend des Frühlings enthüllt. Die Maas, ein eiliger Bach im Schmuck eines wohlhabenden Dorfes, wohin der Wiederhall des Kanonendonners nur noch wie ein dumpfer Stoß gelangt und seine Bedeutung verliert. Wir haben unser Quartier gewechselt, denn die Verstärkungen gelangen in solcher Menge nach dieser Gegend, daß wir Andern Platz machen müssen, und immer wird gerade unser Regiment ausquartiert.

Aber Alles ist heute Licht und Frische. Die weite fette Ebene, welche die Hauts de Meuse begrenzen, hüllt ihre Fernen in zartes Silbergrau.

Ich freue mich über den Brief von Gabrielle, der mir zeigt, was die französische Seele von diesen Ereignissen zurückbehalten wird. Rührender Brief von Pierre, der endlich nach seiner schweren Verwundung als dienstuntauglich entlassen ist. Herrlicher Brief von Großmutter. Wie sie sich nach dem Wiedersehen sehnt! — Reden wir nicht davon . . .


Ich schließe meinen Brief auf dem Ufer des Wassers, indem ich mit Wollust die Freuden, die ich beim Malen empfand, wieder wachrufe. Ich habe vor mir die lieblichsten Funken des Frühlings.

Den 3. April (Karte).

Nur ein Wort in zweiter Linie. Aufenthalt in den Frühlingswäldern. Sonne und Regen, die am Himmel spielen. Mut trotz Allem.

Den 3. April, 2. Brief.

Ich möchte, ich hätte Dir in den letzten Tagen besser geschrieben, damals als jede Minute eine Wonne für mich war, selbst in der Feuerlinie. Ich gestehe, daß ich mich damit begnügte, mich in der Schönheit der heitern Tage dahin leben zu lassen trotz des Krieggeheuls. Wir wissen nicht was geschehen wird. Die Bewegungen hin und her mehren sich. Werden wir wieder den Ansturm zu tragen haben?

Stelle Dir vor, daß wir während unseres letzten Aufenthaltes in der Feuerlinie die Tage in den Unterständen verbringen mußten, die wir, gezwungen durch die grauenhafte Beschießung bis zu einer Tiefe von ungefähr zehn Metern in die Hügelabhänge graben. Dort erwartet man in völliger Dunkelheit die Nacht zum Aufbruch. Plötzlich haben wir meine Kameraden, die Unteroffiziere und ich den Schauer der neun Symphonien von Beethoven in uns erweckt. Eine unaussprechliche Begeisterung beseelte uns. Die Musik wirkte wie ein Feuerwerk in diesem Keller. Unsere chinesische Folter, weder sitzen noch stehen noch liegen zu können, war vergessen.

Das Leben eines Sergeanten im Quartier ist recht angenehm; und doch maße ich mir nichts an.

Was die Feuerlinie betrifft, so hoffe ich, daß die Vorsehung mir die Seelenkraft geben wird, bis zuletzt meine Pflicht zu erfüllen. Ein guter Freund, der Führer meines Halbzuges war, ist zum Kompagniefeldwebel ernannt worden. Alles das sind Kleinigkeiten, aber Teuerste, ich fühle mich in diesen Tagen etwas schwach, da ich nach den Ereignissen des vergangenen Monates arg leidend war. So lasse ich mich denn auf den sanften Abhängen des Lebens dahingleiten. Was tuts, wenn man dabei den Abgrund streift. Möge die Vorsehung uns davon fernhalten!

Den 4. April.

Teure geliebte Mutter,

Zeit der angstvollen und von nahen Drohungen schwangeren Erwartung. Bis dahin, Ruhe und Müßiggang. Ich kann nicht denken und gebe mich dem Schicksal hin. Teure, verzeih mir, wenn ich seit einem Monat sehr minderwertig bin. Liebe mich und sage unsern Freunden, daß sie mich lieben sollen. Hast Du meine Photographie erhalten? . . . Es war in der glücklichen Zeit des Stellungskrieges, da wir friedliche Tage verlebten und unser einziger Feind die Strenge der Witterung war. Bald darauf wurde ich Gefreiter und ein hartes, an unerfreulichen Arbeiten schweres Leben begann für mich. Dann das Gewitter, dessen Wiederschein wenigstens noch mein Leben beleuchtet.

Den 4. April, abends, Ostersonntag.

Liebe Mutter, jetzt stehen wir wieder unter dem Schutze Gottes. Um 2 Uhr gehen wir in den Sturm hinein. Teure, ich denke an Dich, ich denke an Euch. Ich liebe Euch und vertraue uns Alle drei der Vorsehung an. Möge Alles was kommt uns bereit finden! In voller Seelenstärke, das ist mein Gebet für Euch und für mich. Hoffnung trotzdem, aber vor Allem Weisheit und Liebe. Ich umarme Euch ohne weitere Worte. Ich raffe mein ganzes Denken zusammen, einer schweren Aufgabe zu.

Den 5. April, ein Uhr.

Liebe Mutter und liebe Großmutter,

Wir brechen auf. Mut. Liebe und Weisheit. Vielleicht ist dies Alles zum Besten Aller geschrieben. Ich kann Euch nur mein ganzes Herz zuwenden, mein Leben besteht nur noch in Euch.

Den 5. April, gegen Mittag.

Liebe Mutter,

Jetzt stehen wir in der Prüfung. Bis jetzt zeigt nichts an, daß die Gnadengaben uns verlassen. Uns steht es zu, uns zu bemühen, daß wir sie immer verdienen. Heute nachmittag werden wir unseren ganzen Willen brauchen und müssen die höchste Weisheit anrufen.

Teure geliebte Mutter und liebe Großmutter, könnte ich noch die Freude Eurer Briefe haben. Laßt uns beten, daß wir noch unter Alledem aufrecht erhalten werden!

Teure innig geliebte Mutter, noch einmal mein ganzes Herz Euch Beiden.

Euer Sohn.

Den 6. April, mittags.

Teure innig geliebte Mutter, um Mittag; jetzt stehen wir bereit auf der äußersten Stellung. Ich sende Dir meine volle Liebe. Was auch geschehen mag, das Leben hat uns manch Schönes gegeben.

 

In diesem Kampfe, an diesem Tage, dem 6. April ist der Verfasser dieser Briefe spurlos verschwunden.

 

 

 

Fußnoten

1) „Lied der Gottheit,“ Episode des Mahâbhârata. (D. Übers.)

2) Défaillance; vergl. Shelley: faint, „my faint heart“, . . . „I faint, i perish with my love“. (Der Übersetzer.)

3) Unterleutnant André Cadoux, ruhmvoll vor dem Feinde gefallen, den 13. April 1915.

4) Siehe Maurice Barrès: L’âme française et la guerre, I. L’Union sacrée, Paris. Emile-Paul. 1915. XVI. L’aigle survole le rossignol. „Schon unterscheide ich durch welches Aufblühen die junge Literatur, nach den Lehren des Krieges, für den Anteil, den sie an dem gewaltigen Kampf nimmt, wird belohnt werden.“ Aus dem Kriege zurückgekehrt, „werdet Ihr, Schriftsteller, Eure Träume übertreffen, wie der Adler über die Nachtigall emporfliegt.“ (S. 87.)

5) Beethoven: sechs Lieder von Gellert, Op. 48. Nr. 6. „Die Ehre Gottes in der Natur.“

6) Albert Samain: Au Jardin de l’Infante (L’allée Solitaire).

7) Ein Teil dieses Heftes ist oben mitgeteilt worden.

8) „Libre étendue sur la Montagne.“ Rheingold zweite und vierte Szene. „Allmählich gehen die Wogen in Gewölke über . . . und . . . wird „eine freie Gegend auf Bergeshöhen“ sichtbar.“ (D. Übers.)

9) „boyau de communication.“

10) In der Sammlung Poèmes Saturniens. (D. Übers.)

11) Vergleiche Pascal in Le Mystère de Jésus: „Tröste Dich, Du würdest, mich nicht suchen wenn Du mich nicht schon gefunden hattest.“ (Der Übers.)

12) S. Brief vom 10. November, 11 Uhr. (D. Übers.)

13) E. Schuré, Les grands initiés.

14) Das Musée Gustave Moreau in Paris, Rue La Rochefoucauld.

15) S. L’Art de Notre Temps: Gustave Moreau par Léon Desbairs (Abbildung s. 101, L’Age d’Airain) Paris. La Renaissance du Livre. (D. Übers.)

16) „L’Enfance du Christ“, von Hector Berlioz.

17) Den 21. September 1914 bei Villeroy, zwischen Meaux und Dammartin, während der Schlacht an der Ourcq. (D. Übers.)

18) Fleurs du Mal (Spleen et Idéal LIV. L’Invitation au Voyage).

19) Les arbres, pensa-t-il, prennent l’hiver une beauté intime qu’ils n’ont pas dans la gloire du feuillage et des fleurs. Ils découvrent la délicatesse de leur structure. L’abondance de leur fin corail noir est charmante; ce ne sont point des squelettes, c’est une multitude de jolis petits membres où la vie sommeille. (Le Mannequin d’Osier, S. 77.)

20) Bewerber um den Rompreis der Ecole des Beaux-Arts im vorigen Jahre.

21) Der bekannte katholische Schriftsteller (1813—1883). (D. Übers.)

22) Wortspiel „nuit blanche“, „rouge vinass“.

23) Ilias XVI. Gesang. — (D. Übers. )

24) Tour d’ivoire, von Sainte-Beuve auf A. de Vignys Weltflucht angewandter Ausdruck. — Vergl. La Fontaine. Fables VII, 3. Le rat qui s’est retiré du monde. (Der Übers.)

25) „Citation à l’ordre de l’armée.“

26) Raffet, der durch seine Steindrucke aus dem Soldatenleben, besonders der napoleonischen Zeit, bekannte Zeichner (1804-1860). (Der Übersetzer.)

 

 

 

Europäische Bücher:

Andreas Latzko, Menschen im Krieg
Romain Rolland, Beethoven
Leonhard Frank, Der Mensch ist gut
Leo Tolstoi, Tagebuch 1895—1899
Henri Barbusse, Das Feuer
Leonid Andrejew, Das Joch des Krieges

 

 

 

Anmerkungen zur Transkription

 

Spätere Ausgaben dieses Buches identifizieren Eugène Emmanuel Lemercier als Verfasser.

 

Fußnoten wurden am Ende des Bandes gesammelt.

 

Die folgenden Korrekturen am Originaltext wurden vorgenommen: