The Project Gutenberg eBook of Geschichte der Neueren Deutschen Chirurgie

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Title: Geschichte der Neueren Deutschen Chirurgie

Author: Ernst Georg Ferdinand Küster

Release date: April 24, 2012 [eBook #39529]

Language: German

Credits: E-text prepared by Juliet Sutherland, Jens Nordmann, and the Online Distributed Proofreading Team (http://www.pgdp.net)

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHICHTE DER NEUEREN DEUTSCHEN CHIRURGIE ***

 

E-text prepared by Juliet Sutherland, Jens Nordmann,
and the Online Distributed Proofreading Team
(http://www.pgdp.net)

 

Anmerkungen zur Transkription

Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Rechtschreibung und Formatierung wurden beibehalten. Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Änderungen sind im Text gekennzeichnet, der Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.

 


 

 

 

VERLAG VON FERDINAND ENKE IN STUTTGART.

NEUE DEUTSCHE CHIRURGIE

Herausgegeben von P. v. Bruns.

Die „Neue Deutsche Chirurgie“ ist als Fortsetzung der „Deutschen Chirurgie“ von dem gegenwärtigen Herausgeber dieses monumentalen, dem Abschlusse entgegengehenden Sammelwerkes, Exzellenz v. Bruns, begründet worden.

Die „Neue Deutsche Chirurgie“ erscheint als eine fortlaufende zwanglose Sammlung von Monographien über ausgewählte Kapitel der modernen Chirurgie. Das beigegebene Verzeichnis der bereits erschienenen sowie in Vorbereitung befindlichen Bände zeigt, daß von den berufensten Autoren die neuzeitlichen Errungenschaften der Chirurgie sowie die neuerdings der chirurgischen Behandlung zugänglich gemachten Gebiete in sorgfältiger Auswahl dargestellt werden. Nach Bedarf werden immer neue Bände hinzugefügt.

Von der Kritik ist das Erscheinen der „Neuen Deutschen Chirurgie“ mit Freude begrüßt und dem großen Werke ein weitgehendes Bedürfnis zuerkannt worden. Die bisher erschienenen Bände werden sämtlich dem Fachmann als willkommen und unentbehrlich manche auch dem praktischen Arzte angelegentlich empfohlen.

Die „Neue Deutsche Chirurgie“ hat in der kurzen Zeit ihres Erscheinens bereits einen außerordentlich großen Kreis von Lesern und besonders von Abonnenten sich erworben, so daß zu hoffen ist, daß die Sammlung sich bald jedem Chirurgen als unentbehrlich erweisen wird.

Im Abonnement auf die „Neue Deutsche Chirurgie“ — es ist für dieses ein etwa 20 Prozent niedrigerer Bandpreis angesetzt — wird den Chirurgen die Gelegenheit geboten, allmählich eine wertvolle Fachbibliothek in sorgfältigster Auswahl und Bearbeitung zu erwerben.

Ferdinand Enke, Verlagsbuchhandlung
Stuttgart.


Bisher erschienene Bände:

1. Band. Die Nagelextension der Knochenbrüche. Von Privatdoz. Dr. F. Steinmann. Mit 136 Textabbildungen. Lex. 8o. 1912. Preis für Abonnenten geh. M. 6.80, in Leinw. geb. M. 8.20. Einzelpreis geh. M. 8.40, in Leinw. geb. M. 9.80.

2. Band. Chirurgie der Samenblasen. Von Prof. Dr. F. Voelcker. Mit 46 Textabbildungen. Lex. 8o. 1912. Preis für Abonnenten geh. M. 7.80, in Leinw. geb. M. 9.20. Einzelpreis geh. M. 9.60, in Leinw. geb. M. 11.—

3. Band. Chirurgie der Thymusdrüse. Von Dr. Heinrich Klose. Mit 99 Textabbildungen, 2 Kurven und 3 farbigen Tafeln. Lex. 8o. 1912. Preis für Abonnenten geh. M. 10.40, in Leinw. geb. M. 11.80. Einzelpreis geh. M. 12.80, in Leinw. geb. M. 14.20.

4. Band. Die Verletzungen der Leber und der Gallenwege. Von Professor Dr. F. Thöle. Lex. 8o. 1912. Preis für Abonnenten geh. M. 6.80, in Leinw. geb. M. 8.20. Einzelpreis geh. M. 8.40, in Leinw. geb. M. 9.80.

5. Band. Die Allgemeinnarkose. Von Professor Dr. M. v. Brunn. Mit 91 Textabbildungen. Lex. 8o. 1913. Preis für Abonnenten geh. M. 15.—, in Leinw. geb. M. 16.40. Einzelpreis geh. M. 18.60, in Leinw. geb. M. 20.—

6. Band. Die Chirurgie der Nierentuberkulose. Von Privatdozent Dr. H. Wildbolz. Mit 22 teils farbigen Textabbildungen. Lex. 8o. 1913. Preis für Abonnenten geh. M. 7.—, in Leinw. geb. M. 8.40. Einzelpreis geh. M. 8.60, in Leinw. geb. M. 10.—

7. Band. Chirurgie der Lebergeschwülste. Von Professor Dr. F. Thöle. Mit 25 Textabbildungen. Lex. 8o. 1913. Preis für Abonnenten geh. M. 12.—, in Leinw. geb. M. 13.40. Einzelpreis geh. M. 14.—, in Leinw. geb. M. 15.40.

8. Band. Chirurgie der Gallenwege. Von Professor Dr. H. Kehr. Mit 137 Textabbildungen, einer farbigen Tafel und einem Bildnis Carl Langenbuchs. Lex. 8o. 1913. Preis für Abonnenten geh. M. 32.—, in Leinw. geb. M. 34.—. Einzelpreis geh. M. 40.—, in Leinw. geb. M. 42.—

9. Band. Chirurgie der Nebenschilddrüsen (Epithelkörper). Von Professor Dr. N. Guleke. Mit 22 teils farbigen Textabbildungen. Lex. 8o. 1913. Preis für Abonnenten geh. M. 7.—, in Leinw. geb. M. 8.40. Einzelpreis geh. M. 8.40, in Leinw. geb. M. 9.80.

10. Band. Die Krankheiten des Knochensystems im Kindesalter. Von Professor Dr. Paul Frangenheim. Mit 95 Textabbildungen. Lex. 8o. 1913. Preis für Abonnenten geh. M. 11.80, in Leinw. geb. M. 13.20. Einzelpreis geh. M. 14.80, in Leinw. geb. M. 16.20.

11. Band. Allgemeine Chirurgie der Gehirnkrankheiten. I. Teil. Bearbeitet von Professor Dr. A. Knoblauch, Professor Dr. K. Brodmann und Priv.-Doz. Dr. A. Hauptmann. Redigiert von Professor Dr. F. Krause. Mit 149 teils farbigen Abbildungen und 12 Kurven. Lex. 8o. 1914. Preis für Abonnenten M. 20.—, in Leinw. geb. M. 21.60. Einzelpreis geh. M. 24.—, in Leinw. geb. M. 25.60.

12. Band. Allgemeine Chirurgie der Gehirnkrankheiten. II. Teil. Bearbeitet von Professor Dr. G. Anton, Professor Dr. L. Bruns, Professor Dr. F. Haasler, Priv.-Doz. Dr. A. Hauptmann, Dr. W. Holzmann, Professor Dr. F. Krause, Professor Dr. F. W. Müller, Professor Dr. M. Nonne und Professor Dr. Artur Schüller. Redigiert von Professor Dr. F. Krause. Mit 106 teils farbigen Abbildungen. Lex. 8o. 1914. Preis für Abonnenten M. 17.20, in Leinw. geb. M. 18.80. Einzelpreis geh. M. 21.—, in Leinw. geb. M. 22.60.

13. Band. Die Sportverletzungen. Von Priv.-Doz. Dr. G. Freiherrn v. Saar. Mit 53 Textabbildungen. Lex. 8o. 1914. Preis für Abonnenten geh. M. 11.—, in Leinw. geb. M. 12.40. Einzelpreis geh. M. 13.40, in Leinw. geb. M. 14.80.

14. Band. Kriegschirurgie in den Balkankriegen 1912/13. Bearbeitet von Alfred Exner, Hans Heyrovsky, Guido Kronenfels und Cornelius Ritter von Massari. Redigiert von Alfred Exner. Mit 51 Textabbildungen. Lex. 8o. 1915. Preis für Abonnenten geh. M. 10.—, in Leinw. geb. M. 11.40. Einzelpreis geh. M. 11.60, in Leinw. geb. M. 13.—

15. Band. Geschichte der neueren deutschen Chirurgie. Von Prof. Dr. Ernst Küster. Lex. 8o. 1915. Preis für Abonnenten geh. M. 4.40, in Leinw. geb. M. 5.60. Einzelpreis geh. M. 5.20, in Leinw. geb. M. 6.40.


In Vorbereitung befindliche Bände:


Preis für Abonnenten geh. M. 4.40, in Leinw. geb. M. 5.60.
Einzelpreis geh. M. 5.20, in Leinw. geb. M. 6.40.


NEUE

DEUTSCHE CHIRURGIE


(HERAUSGEGEBEN VON)

P. von BRUNS in Tübingen.

BEARBEITET VON

Albrecht-Tübingen, Anton-Halle, Apolant-Frankfurt a. M., Arndt-Berlin, Axhausen-Berlin, Baisch-Heidelberg, Bauereisen-Kiel, Becker-Rostock, Bernhard-St. Moritz, Bircher-Aarau, Borchard-Posen, Braun-Berlin, Brodmann-Tübingen, Brünings-Jena, v. Brunn-Bochum, Brunner-Münsterlingen, Bruns-Hannover, Burckhardt-Berlin, Cassirer-Berlin, Chiari-Wien, Clairmont-Wien, Dönitz-Berlin, Dreyer-Breslau, v. Eiselsberg-Wien, Exner-Wien, Fabian-Leipzig, Fehling-Straßburg, Finckh-Stuttgart, Frangenheim-Cöln, Friedrich-Königsberg i. Pr., Fritsch-Breslau, Glässner-Berlin, Goebel-Breslau, Gottstein-Breslau, Graser-Erlangen, Grashey-München, Groedel-Nauheim, Guleke-Straßburg, Haasler-Halle, v. Hacker-Graz, Häcker-Essen, Härtel-Berlin, Hauptmann-Freiburg, Heineke-Leipzig, Helbing-Berlin, Henschen-Zürich, Heymann-Berlin, Hildebrand-Berlin, Hinsberg-Breslau, Hirschel-Heidelberg, Hohmeier-Marburg, Holzmann-Hamburg, Hosemann-Rostock, Iselin-Basel, Kausch-Berlin, Kehr-Berlin, Klose-Frankfurt a. M., Knoblauch-Frankfurt a. M., Kocher-Bern, Konjetzny-Kiel, Krause-Berlin, Krauss-Cöln, Kreuter-Erlangen, Kümmell-Hamburg, Küster-Berlin, Küttner-Breslau, Lampé-München, Lange-München, Leser-Frankfurt a. M., Levy-Breslau, Lexer-Jena, v. Lichtenberg-Straßburg, Linser-Tübingen, Lotheissen-Wien, Lubarsch-Kiel, Machol-Erfurt, Madelung-Straßburg, Mayer-Berlin, Mayrhofer-Innsbruck, Melchior-Breslau, Momburg-Bielefeld, Most-Breslau, Müller-Rostock, Müller-Tübingen, O. Nägeli-Tübingen, Th. Nägeli-Zürich, Nonne-Hamburg, Nordmann-Berlin, Passow-Berlin, Payr-Leipzig, De Quervain-Basel, Ranzi-Wien, Reich-Tübingen, Ritter-Berlin, Ritter-Posen, Rollier-Leysin, Ruge-Frankfurt a. O., v. Saar-Innsbruck, Sauerbruch-Zürich, Schlössmann-Tübingen, Schmieden-Halle a. S., Schüller-Wien, Sonnenburg-Berlin, Spitzy-Graz, Steinmann-Bern, Stich-Göttingen, Stieda-Halle a. S., Stierlin-Basel, Tandler-Wien, Thöle-Hannover, Tschmarke-Magdeburg, Voelcker-Heidelberg, Wendriner-Wien, Werner-Heidelberg, Wildbolz-Bern, Wilms-Heidelberg, Wrede-Jena, Wrobel-Breslau, Zesas-Basel, Zuckerkandl-Wien.


15. Band:

Geschichte der neueren deutschen Chirurgie.

Von

Dr. ERNST KÜSTER,

o. ö. Professor der Chirurgie an der Universität Marburg,

in Charlottenburg.


VERLAG VON FERDINAND ENKE IN STUTTGART.

1915.


GESCHICHTE
DER NEUEREN DEUTSCHEN
CHIRURGIE.

VON

DR. ERNST KÜSTER,

o. ö. PROFESSOR DER CHIRURGIE AN DER UNIVERSITÄT MARBURG,

in CHARLOTTENBURG.



VERLAG VON FERDINAND ENKE IN STUTTGART.

1915.


ALLE RECHTE, INSBESONDERE DAS DER ÜBERSETZUNG, VORBEHALTEN.

COPYRIGHT 1915 BY FERDINAND ENKE, PUBLISHER, STUTTGART.

Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart.


DER

DEUTSCHEN GESELLSCHAFT FÜR CHIRURGIE

GEWIDMET.


Inhaltsverzeichnis.

Seite
Vorwort XV
 
Erster Abschnitt.
Der Zustand der Chirurgie vor Einführung der antiseptischen Wundbehandlung.
 
Kapitel I. Zustand der Gesamtmedizin vor der antiseptischen Wundbehandlung 1
Beschreibende Anatomie 1
Topographische Anatomie. Entwicklungsgeschichte 2
Feinere Anatomie und Physiologie 2
Pathologische Anatomie 2
Gesundheitslehre 3
 
Kapitel II. Die Krankenanstalten vor der antiseptischen Wundbehandlung 3
Alte Krankenhäuser. Massivbau 3
Das Pavillonsystem 4
Baracken 5
Leinwandzelte 6
Döckersche Zeltbaracke 7
Das Krankenzerstreuungssystem 8
 
Kapitel III. Die Krankenanstalten vor der antiseptischen Wundbehandlung 8
Die älteren Wundbehandlungsmethoden 8
Salben und Pflaster 9
Offene Wundbehandlung 9
Charpieverbände 9
Die Wundkrankheiten 10
Wundfäulnis, Sepsis 10
Eiterfieber, Pyämie 11
Hospitalbrand 12
Wundstarrkrampf, Tetanus 13
Wundrose, Erysipelas 14
Zustände auf älteren chirurgischen Abteilungen 15
 
Zweiter Abschnitt.
Joseph Listers antiseptische Wundbehandlung.
 
Kapitel IV. Die Vorläufer Listers 18
Vorarbeiten. Klinische Beobachtung 18
Der Geburtshelfer Semmelweis 18
Gay-Lussac. Der Sauerstoff als Fäulniserreger 19
Schwanns Begründung der Keimlehre 19
Pasteurs Versuche über Zersetzung 20
 
Kapitel V. Listers Übertragung der Keimlehre auf die Chirurgie 20
Behandlung offener Knochenbrüche 23
Behandlung der Abszesse 24
Die Unterbindungsfäden 24
Antiseptischer Dauerverband 25
Der Zerstäuber (Spray) 26
Widerstand gegen das Verfahren in England und Frankreich 28
 
Dritter Abschnitt.
Der Einzug der Antisepsis in die deutsche Chirurgie. Die Asepsis. Das Langenbeckhaus.
 
Kapitel VI. Einführung und Ausbau der antiseptischen Wundbehandlung in Deutschland 30
Vortrag des Stabsarztes A. W. Schultze über Antisepsis 30
Gründung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie 31
Richard Volkmanns Tätigkeit 32
Die Bakterienkunde als Hilfsmittel der Chirurgie 33
Robert Koch. Ätiologie der Wundinfektionskrankheiten 34
Bedeutung der Bakterien für die praktische Chirurgie 36
Fehleisen, Rosenbach 37
Nicolaier 38
Ausbau der antiseptischen Wundbehandlung 38
Änderungen an dem Listerschen Verfahren 39
Schedes feuchter Blutschorf 42
 
Kapitel VII. Einführung der Asepsis 43
Veranlassung zur Einführung der Asepsis 44
Technik der Asepsis nach Schimmelbusch 45
Wundschutz und Händeschutz 45
 
Kapitel VIII. Die Gründung des Langenbeckhauses 46
Das Langenbeckhaus und die Kaiserin Augusta 46
Das Langenbeck-Virchow-Haus 51
 
Vierter Abschnitt.
Wandlungen und Eroberungen auf dem Gebiete der allgemeinen Chirurgie.
 
Kapitel IX. Wandlungen der allgemeinen Therapie 52
Die Methoden zur Herbeiführung der Schmerzlosigkeit 52
Allgemeine Gefühllosigkeit 53
Die örtliche Empfindungslosigkeit 56
Die künstliche Blutleere 58
Andere Methoden der Blutersparung 58
Hyperämie als Heilmittel 59
Die Durchleuchtung nach Röntgen 59
Radium und Mesothorium 60
Veränderungen der operativen Technik 60
Veränderung der Vorstellungen über Wundheilung 61
 
Kapitel X. Wandlungen der Kriegschirurgie 62
Schußwunden und Kriegschirurgie 62
Verbesserung und Förderung der Krankenpflege 65
Krankenzerstreuung auf dem Schlachtfelde 66
Die Aktinographie im Kriege 68
 
Kapitel XI. Wandlungen auf dem Gebiete spezifischer Infektionskrankheiten und bösartiger Neubildungen 69
Wunden in tuberkulösen Geweben 69
Robert Kochs Tuberkulin 71
Die Serumtherapie 76
v. Behrings Diphtherieheilserum 77
Heilserum gegen Wundstarrkrampf 77
Lepra, Aktinomykose 78
Syphilis, Gonorrhöe, weicher Schanker 78
Hülsenwurm 79
Bösartige Neubildungen 79
 
Fünfter Abschnitt.
Eroberungen auf dem Gebiete der speziellen Chirurgie.
 
Kapitel XII. Ausbau der Eingriffe an schon bisher zugänglichen Organen 81
Die plastischen Operationen 81
Eingriffe an großen Gefäßen 83
Augenheilkunde und Ohrenheilkunde 84
Nasen-, Rachen- und Kehlkopfkrankheiten 85
Die Gynäkologie 86
Die Chirurgie der Harnorgane 86
Erkrankungen der Knochen und Gelenke 88
Gelenkresektionen. Orthopädie 89
 
Kapitel XIII. Neue Eingriffe an bisher unzugänglichen Organen 89
Die serösen Körperhöhlen 89
Bauchchirurgie 90
Milz, Leber, Gallenblase 90, 91
Bauchspeicheldrüse 91
Magendarmkanal 92
Entzündung des Wurmfortsatzes 94
Bauchbrüche 95
Chirurgie der Brusthöhle 96
Chirurgie des Schädelinneren 98
Chirurgie des Rückenmarkes 98
Erkrankungen der Schild- und Thymusdrüse, der Hypophysis cerebri 99, 100
 
Sechster Abschnitt.
Entwicklung der chirurgischen Literatur in Deutschland.
 
Kapitel XIV. 101
Schlußwort 106
Namenverzeichnis 107

Vorwort.

Als mir im Jahre 1911 seitens meines Freundes Paulv. v. Bruns die Aufforderung zuging, eine Geschichte der neueren deutschen Chirurgie zu schreiben, da hat es erst längerer Überlegung bedurft, ehe ich mich zur Annahme des Anerbietens zu entschließen vermochte. Vor allen Dingen war es mein Alter, welches immer wieder neue Zweifel darüber wachrief, ob zu einem solchen Unternehmen noch die rechte Eignung in mir sei. Und zu diesen persönlichen gesellten sich weiterhin schwerwiegende sachliche Bedenken, die ich kurz berühren muß.

Geschichtschreibung ist nichts als die Wiedergabe des Bildes, unter welchem die Ereignisse früherer Zeiten sich in des Berichterstatters Seele spiegeln. Mit anderen Worten: Keine geschichtliche Darstellung kann rein objektiv bleiben, sondern sie muß immer, mehr oder weniger ausgeprägt, einen persönlichen Stempel tragen, und zwar um so deutlicher, je mehr sie sich der Gegenwart nähert. Handelt es sich aber gar um selbsterlebte Dinge, so wird es schier unmöglich, über der Parteien Haß und Gunst gänzlich hinwegzusehen, Licht und Schatten in gerechter Weise zu verteilen.

Wenn ich dennoch zu dem Entschlusse gekommen bin, die Arbeit zu übernehmen, so geschah es zunächst, weil ich als einer aus der sehr geringen Zahl der noch lebenden Begründer der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, unter denen ich nahezu der älteste bin, eine gewisse Verpflichtung fühlte, die noch sehr lebhaften Erinnerungen einer großen Zeit nicht mit mir zu Grabe tragen zu lassen. Aber es reizte mich auch, eine Geschichte zu schreiben, die ich selber als Geschichte erlebt habe, einem Zeitabschnitte und einer Anzahl von Männern gerecht zu werden, die ich noch heute von dem goldigen Schimmer der Größe und des Ruhmes umstrahlt sehe, ein Bild von dem gewaltigen Strome hingebender Begeisterung zu entwerfen, der vor wenigen Jahrzehnten unser ganzes wissenschaftliches Leben zu durchfluten begann. Wenn es mir gelungen sein sollte, in der Seele des Lesers davon eine Vorstellung zu erwecken, so würde ich meine Aufgabe als erfüllt ansehen.

Das Büchlein, welches sich Häsers im Jahre 1879 als erste Lieferung der „Deutschen Chirurgie“ erschienener, knapp gehaltener Geschichte der Chirurgie unmittelbar anschließt, umfaßt nur eine kurze Zeitspanne von kaum 50 Jahren. Angesichts des mehr als 2000 Jahre alten Bestehens unserer Wissenschaft mag es gewagt und selbst anmaßend erscheinen, eine zeitlich so begrenzte Entwicklungsperiode auch noch räumlich dadurch einzuengen, daß die deutsche Chirurgie in den Vordergrund gestellt und die fremdländische nur soweit berührt wird, als sie auf den Gang des Emporblühens in unserem Vaterlande von maßgebendem Einflusse gewesen ist; denn die geistigen Güter gehören allen Völkern gemeinsam und keines gibt es, welches in irgend einer Wissenschaft den ganzen Ruhm des Erfinders und Fortbildners für sich allein in Anspruch nehmen könnte. Trotzdem läßt sich diese doppelte Beschränkung wohl rechtfertigen. Zeitlich gewiß: denn die fragliche Periode ist nicht nur durch einen gewaltigen Wall des Erkennens von früheren Zeitläuften getrennt, sondern sie bringt auch eine so vollkommene Um- und Neuformung sowohl der Chirurgie wie der Gesamtmedizin, daß sich in deren ganzer Geschichte nichts auch nur entfernt Ähnliches vorfindet. Und räumlich gleichfalls, obwohl der Anstoß zu dieser geistigen Bewegung von einer Großartigkeit ohnegleichen nicht aus Deutschland, sondern aus dem Auslande kam; denn durch die schnelle Aufnahme, Weiterentwicklung und Vervollkommnung der Neuerung hat Deutschland sich vor allen anderen Ländern das Recht wenigstens der Patenschaft an der Wundbehandlung erworben, zumal da diese vielfach erst in deutschem Gewande und in deutscher Umformung den übrigen Kulturvölkern vertraut geworden ist. Alle übrigen Erfindungen, durch welche späterhin die Chirurgie bereichert wurde, sind fast ausnahmslos deutschen Ursprunges. So kann es denn unmöglich als Überhebung gedeutet werden, wenn der Deutsche die Geschichte seiner Wissenschaft in deutscher Umrahmung zur Anschauung zu bringen sucht.

Es mag auffallen, daß die in den Vordergrund tretenden Persönlichkeiten nicht überall in gleicher Ausführlichkeit behandelt sind, manche Verdienste sogar unbesprochen geblieben sein mögen. Insbesondere sind die noch lebenden Chirurgen meist nur kurz erwähnt, bei der Besprechung erheblicher Fortschritte ist oft nur ein Name genannt, des Mannes nämlich, der einen neuen Gedanken zuerst faßte, oder ihn zuerst in die Tat umsetzte, während spätere Umformungen und Erweiterungen ohne Nennung ihrer Urheber einfach aufgezählt werden. Man darf mir daraus nicht den Vorwurf machen, ein laudator temporis acti zu sein. Der geschichtliche Sinn verbietet eingehende Betrachtung noch lebender Persönlichkeiten, die als solche nicht historisch sein können, da sie den natürlichen Abschluß noch nicht gefunden haben, wenn auch ihre Taten schon der Geschichte angehören. Besprochen sind deshalb auch für gewöhnlich nicht die vorübergehenden Erscheinungen, selbst wenn sie für einige Zeit Aufsehen erregt haben, sondern nur die bleibenden Errungenschaften. Daß aber die Beurteilung dessen, was erheblich ist, mindestens teilweise dem subjektiven Ermessen des Berichterstatters überlassen bleiben muß, liegt auf der Hand. Wenn daher fehlerhafte Auslassungen auf der einen und Übertreibungen auf der anderen Seite gefunden werden, so hat es wenigstens nicht an meinem guten Willen gelegen, sie zu vermeiden.

Charlottenburg, den 17. Mai 1914.

Ernst Küster.


Erster Abschnitt.

Der Zustand der Chirurgie vor Einführung der antiseptischen Wundbehandlung.

Das gegenwärtig lebende und wirkende Geschlecht der Chirurgen hat kaum noch eine Vorstellung von den Zuständen, welchen durch den bald nach der Mitte des 19. Jahrhunderts einsetzenden gewaltigen Umschwung ein Ende gemacht wurde. Seine Bedeutung, welche darin besteht, daß er in dem kurzen Zeitraume eines Menschenalters alle Fehler und Irrungen von zwei Jahrtausenden in der Behandlung der Wunden gutzumachen gewußt hat, kann aber erst völlig erfaßt werden, wenn wir zunächst nicht nur auf den Zustand der Chirurgie, sondern auch auf den der gesamten Medizin jener Zeit einen prüfenden Rückblick werfen.

Kapitel I.

Zustand der Gesamtmedizin vor der antiseptischen Wundbehandlung.

Die beschreibende Anatomie war seit Andreas Vesalius die selbstverständliche Grundlage der Chirurgie geblieben, so sehr, daß ein guter Chirurg ohne genaue anatomische Kenntnisse undenkbar gewesen wäre. Eine natürliche Folge war, daß nicht wenige der älteren Chirurgen rein anatomische Untersuchungen veröffentlichten, oder daß sie gar, wie Konrad Martin Langenbeck, Viktor Bruns und Adolf Bardeleben, erst von der Anatomie zur Chirurgie übergingen. Aber an Lehrbüchern der Anatomie war die deutsche Literatur in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ziemlich arm; und auch die Lehreinrichtungen für dies Fach, sowie die Art des Unterrichtes ließen in Deutschland sehr viel, zuweilen fast alles zu wünschen übrig. Es waren zwei Männer, welche nahezu gleichzeitig Wandel schufen. Joseph Hyrtl in Prag, später in Wien, wurde mit seinem anziehend geschriebenen, aber in gedrängter Kürze gehaltenen Lehrbuche, welches von 1846 bis 1884 in 17 Auflagen erschienen ist, den meisten deutschen Studenten der Medizin ein zuverlässiger Führer durch die Geheimnisse des menschlichen Körpers. Neben ihm trat Jakob Henle in Zürich, später in Göttingen, im Jahre 1841 mit seiner Allgemeinen Anatomie und von 1855 an mit einem überaus fleißigen dreibändigen Werke auf, welches durch zahlreiche Abbildungen erläutert, für den Chirurgen eine unerschöpfliche Fundgrube anatomischer Anschaulichkeit geworden ist.

Indessen trotz ihrer hohen Bedeutung für die Chirurgie hat die beschreibende Anatomie nur selten neue Anregungen gegeben, zumal seit sie nach der Mitte des Jahrhunderts in der Anthropologie ein neues Feld der Betätigung suchte; denn so sehr letztere und mit ihr die Urgeschichte auch durch sie gefördert wurden, so fiel doch für die Chirurgie ein sichtbarer Nutzen zunächst nicht ab. In erheblichem Maße geschah dies aber durch die topographische Anatomie, deren geschickte und durchweg praktischen Zielen zugewandte Bearbeitung durch Joseph Hyrtl (seit 1847) diesen Zweig der menschlichen Anatomie in Deutschland erst einführte, soweit nicht Chirurgen bereits stückweise Bearbeitungen geliefert hatten. Er hat sich für die Chirurgie als überaus fruchtbar erwiesen. — Auch die Entwicklungsgeschichte wurde seit Robert Remaks Keimblätterlehre durch den Nachweis ihrer Beziehungen zu dem Aufbau einzelner Organe von immer steigender Bedeutung für die praktische Chirurgie.

Nicht das gleiche läßt sich von der feineren Anatomie und der Physiologie sagen. Denn obwohl die gegen Ende der dreißiger Jahre durch Schleiden und Schwann aufgestellte Zellenlehre und die Vervollkommnung der optischen Werkzeuge, zumal des Mikroskopes, eine völlige Umgestaltung der biologischen Anschauungen hervorgerufen hatten, obwohl seitdem alle Körperorgane aufs fleißigste durchforscht wurden, so kamen doch diese Ergebnisse der Chirurgie erst auf dem Umwege über die Physiologie und mehr noch der pathologischen Anatomie zugute. Die Physiologie nämlich, deren Kenntnis zwar von jedem gebildeten Chirurgen vorausgesetzt werden mußte und deren Methoden man in den sechziger Jahren auch für chirurgische Versuche an Tieren bereits zu verwenden begonnen hatte, konnte doch erst darin den vollen, befruchtenden Strom ihres Wissens der Chirurgie zuführen, als sichere Wundbehandlungsmethoden zu Entdeckungsreisen in solche Körpergegenden den Anreiz gaben, die bisher der Hand des Chirurgen verschlossen geblieben waren. Seitdem ging eine Wechselwirkung des Erkennens nicht nur von der Physiologie zur Chirurgie, sondern auch von dieser zu jener.

Viel früher als die Physiologie übte die pathologische Anatomie einen anregenden und belebenden Einfluß auf die Chirurgie aus. Mit Recht sagt Häser (1879), daß die Chirurgie unserer Tage, d. h. im Beginne der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, gleich allen übrigen Zweigen der Heilkunde den größten Teil ihres wissenschaftlichen Zuwachses der pathologischen Anatomie verdanke. Zweier Männer Namen werden mit diesem Aufschwunge für immer verknüpft bleiben. Es sind das Karl Rokitansky in Wien, wo er seit 1841 bis zu seinem Tode den Lehrstuhl der pathologischen Anatomie innehatte, und Rudolf Virchow, der, seit 1849 in Würzburg, seit 1856 als ordentlicher Professor der pathologischen Anatomie nach Berlin zurückberufen, nunmehr endgültig die Führung in dieser Wissenschaft übernahm. War durch die Arbeiten beider, zumal des letzteren, die pathologische Anatomie zu dem Range einer echten Naturwissenschaft erhoben worden, so geschah dies in noch reicherem Maße durch den Ausbau der mikroskopischen Pathologie die, durch Virchow allerlei phantastischen Deutungen entrückt, in seiner im Jahre 1858 erschienenen und bis zum Jahre 1871 in vier Auflagen weiter ausgebauten Zellularpathologie, welche zum ersten Male den Lehrsatz: Omnis cellula e cellula aufstellte, eine feste und unverrückbare Grundlage erhalten hatte. Als eine weitere Frucht seiner Forschungen veröffentlichte der Verfasser vom Jahre 1863 an seine leider unvollendet gebliebenen „Krankhaften Geschwülste“. Eine Welle der Befruchtung ergoß sich von diesen Arbeiten aus auf die gesamte praktische Medizin, die, bisher im wesentlichen auf Erfahrungen am Krankenbette gestützt, nunmehr gleichfalls ihren Teil zu den die Medizin umgestaltenden naturwissenschaftlichen Bestrebungen beitrug. Auch für die Chirurgie gilt dies in vollem Umfange, seitdem der erst 29jährige Theodor Billroth als Assistent der Langenbeckschen Klinik und Privatdozent zu Berlin im Jahre 1858 zuerst den Versuch unternahm, in seinen „Beiträgen zur pathologischen Histologie“ die Forschungsergebnisse auf diesem Gebiete für die chirurgische Tätigkeit zu verwerten. In noch weiterem Umfange wirkte sein grundlegendes Werk: „Die allgemeine chirurgische Pathologie und Therapie in 50 Vorlesungen“ vom Jahre 1863, welches zahlreiche Auflagen erlebte und, in die meisten europäischen, selbst in asiatische Sprachen übersetzt, nicht wenig zu dem schnell sich steigernden Ansehen der deutschen Chirurgie im Auslande beitrug. In diesem Werke benutzte Billroth die durch Virchows Arbeiten gewonnenen Anschauungen in geistvoller Weise zu einer neuen Anordnung und Einteilung, sowie zu einer Zusammenfassung sämtlicher Erfahrungen der praktischen Chirurgie. Die hiermit angebahnten Fortschritte sind nur auf dem Unterbau der pathologischen Anatomie möglich geworden.

Die im Beginne der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zwar nicht zuerst, aber nunmehr systematisch auftauchenden Bestrebungen auf dem Gebiete der Gesundheitslehre blieben zwar zunächst für die Chirurgie anscheinend ohne große Bedeutung, da sie sich, noch ohne die erst einige Jahrzehnte später erworbene Kenntnis der Krankheitserreger, d. h. ohne die Grundlage einer wissenschaftlichen Bakteriologie auf die Bekämpfung der Seuchen durch Verbesserung der Lebensbedingungen beschränkte. Immerhin wurden aber wertvolle Erfahrungen über Ernährung, Bauweise der Häuser und Wohnungen, öffentliche und private Badeeinrichtungen, Kanalisation und Abfuhr, Benutzung der Abfuhrwässer zur Berieselung öder und unfruchtbarer Landstrecken gesammelt, die freilich erst unter den seit 1878 auftretenden Fortschritten der Bakteriologie ihre volle Bedeutung erkennen ließen. Aber schon früh begannen diese Bestrebungen doch auch auf die Chirurgie nach zwei Richtungen hin einzuwirken, da sie einerseits die so wichtigen Wundinfektionskrankheiten mit in den Kreis ihrer Betrachtungen zogen, anderseits die für die Behandlungserfolge höchst bedeutungsvolle Anlage von Krankenhäusern einer neuen Richtung entgegenführten.