3.
Auf Köhler's Chagra.

Es war noch früh am Morgen des nächsten Tages, als schon in Bohlos' Hotel die Pferde für Herrn von Schwartzau und seinen Begleiter, so wie die nöthigen Packthiere gesattelt und vorgeführt wurden, denn Günther schien jetzt ernstlich gewillt, seine noch nöthigen Arbeiten aus allen Kräften vorzunehmen und zu beenden, um damit seine sechsjährige Thätigkeit in Brasilien abzuschließen.

Baron Jeorgy, welcher dem Hotel schräg gegenüber wohnte, hatte diese Zurüstungen gesehen, sich angezogen – er machte überhaupt jeden Morgen zu einer genau bestimmten Zeit einen genau bestimmten Spaziergang – und war hinuntergegangen, zögerte aber heute, seine gewöhnliche Bahn einzuschlagen, und hielt sich noch in der Nähe des Hotels auf, als ob er Jemanden erwarte.

Indem er in der Straße auf und ab ging und hier und da vor einer Thür oder einem Fenster stehen blieb, um mit den dort wohnenden Handwerkern ein paar huldvolle Worte zu wechseln – er zeigte sich gern herablassend, wo er genau wußte, daß er seiner Stellung Nichts vergab – kam er auch zu Pilger's Fenster, der dahinter still und allein bei seiner Arbeit saß, und den hineingerufenen Gruß freundlich aber nur kurz erwiederte.

»Nun, Pilger, wie geht's?« sagte der Baron, indem er seine Hand auf das Fensterbret legte – »immer so fleißig?«

»Muß wohl, Herr Baron,« sagte der Mann, ohne von seiner Arbeit aufzusehen, »um das Bißchen Brod zu verdienen und – die Zeit todt zu schlagen. Was soll man anders thun?«

»Hm,« sagte der Baron, der mit dieser Ansicht vom »Zeit todt schlagen« nicht so ganz einverstanden schien – »ja – ist eigentlich ein einsames Leben in der Colonie.«

»Das weiß Gott!« seufzte der Mann aus voller Brust vor sich hin, und stach nur so viel eifriger in das Leder.

»Apropos,« fuhr der Baron fort, der durch den Seufzer an die Familienverhältnisse des Schuhmachers erinnert wurde – »Nichts wieder gehört von Eurem Proceß?«

»Mit der Geistlichkeit?«

»Ja.«

»Nicht das Geringste und – werde auch wohl Nichts wieder darüber hören, als daß Alles beim Alten bleibt. Der neue Director will so Nichts damit zu thun haben, weil er meint, gegen die Gesetze des Landes ließe sich nicht ankämpfen – der alte hätte mir vielleicht besser beigestanden. Der Herr Pastor zuckt ebenfalls mit den Schultern, da – hab' ich denn natürlich Unrecht, und kann meine Schuhe ruhig weiter flicken.«

»Böse Geschichte,« sagte der Baron, welchem das Gespräch unangenehm wurde – »sehr böse Geschichte! Na, guten Morgen, Pilger!«

»Guten Morgen, Herr Baron,« sagte der Mann, an sein Mützchen greifend, ohne jedoch weiter von dem Herrn Notiz zu nehmen.

Die Straße herunter kam ein anderer Colonist, der Schneider Berthold, der für den Baron arbeitete.

»Guten Morgen, Herr Baron! Wissen Sie's schon?« sagte der Mann, indem er vor dem Baron stehen blieb und seine Mütze abzog.

»Guten Morgen, Meister Berthold – ob ich was weiß?«

»Der Justus ist fort – der Kernbeutel, mein' ich, der andere Schneider – den verrückten Kerl haben Sie ja doch gekannt?«

»Fort? Wohin? Durchgegangen?«

»Niemand weiß es,« sagte der Mann. »Er war neulich Abends von Haus fortgegangen, um Zuhbel auf seiner Chagra zu besuchen, dort hat aber Niemand Etwas von ihm gesehen, und er ist auch seit der Zeit – es sind nun schon ein paar Tage her – nicht wieder nach Haus gekommen. Die Frau jammert nun und wehklagt, daß er sie ohne einen Groschen Geld habe sitzen lassen, und die Soldaten sind heute Morgen in der Nachbarschaft herumgeschickt, um nach ihm zu suchen, denn er ist Gott und der Welt schuldig, der Lump!«

»Hm, hm, hm, was man nicht Alles hört – guten Morgen, Meister!« sagte der Baron, und brach das Gespräch kurz ab, denn in Bohlos' Hotelthür erschien eben der junge Fremde, der sich hier in der Colonie unter dem Namen Randolph eingeführt, und trat zu seinem Pferd, um dessen Gurt noch einmal nachzuziehen. Der Baron kam an der nämlichen Seite der Straße herauf, als ob er nur zufällig dort vorbeiging, und als er dem jungen Mann gegenüber war, blieb er stehen wandte sich gegen ihn und sagte lächelnd:

»Ei, guten Morgen, mein junger Freund. Der gestrige Abend scheint Ihnen gut bekommen zu sein, daß Sie so früh schon wieder zur Reise gerüstet sind.«

»Ah, guten Morgen, Herr Baron – auch schon auf?«

»In meinem Alter muß man sich an ein regelmäßiges Leben gewöhnen, wenn man gesund bleiben will,« sagte achselzuckend der Baron. Sie jungen Leute können freilich noch mit Ihrem Körper machen was Sie wollen, ohne augenblicklich dafür gestraft zu werden. Aber wo soll die Reise hingehen, wenn man fragen darf?«

»In den Wald,« sagte fröhlich der junge Graf, indem er den Baron leicht auf die Schulter schlug – »in den Wald, mein lieber Herr, daß ich einmal eine Zeit lang keine Schornsteine und Glasscheiben mehr zu sehen brauche. – Ich gebe Ihnen mein Wort, ich habe einen wahren Ekel vor der Civilisation.«

»Dann wollen Sie wohl unter die Indianer gehen?« lächelte der Baron etwas verlegen, denn diese Ansichten waren ihm zu barock, als daß er ihnen hätte folgen können.

»Vielleicht,« lachte Felix – »und ich glaube bei Gott, ich passe besser zu ihnen, als in diese erlogenen und künstlichen Verhältnisse, die wir im gewöhnlichen Leben die Gesellschaft nennen.«

»Das sind ja wahrhaft haarsträubende Ansichten,« sagte der Baron schmunzelnd, »aber – ehe wir Sie denn für immer verlieren, um da draußen im Walde mit Federschmuck und Blasrohr umher zu laufen – und wenn Sie zurückkommen, müssen Sie mir das einmal vormachen, wie sich die Indianer auf den Rücken legen und den Bogen mit den Füßen spannen, um einen Vogel aus der Luft zu schießen – möchte ich noch eine Frage an Sie richten, lieber Graf

»Graf?« sagte Felix und drehte sich ihm rasch zu.

»Bst, bst,« lächelte der Baron – »ich weiß recht gut daß Sie ein Schelm sind – hier mein kleiner Finger hat es mir gesagt – aber ganz unter uns, versteht sich, wenn Sie nicht selber mit dem Ihnen gebührenden Rechte hier auftreten wollen – doch – eine Frage müssen Sie mir beantworten, ehe Sie gehen« – und er schob dabei seinen Arm in den des jungen Grafen und führte ihn etwas die Straße hinauf, denn er wollte sicher sein, daß sie nicht gleich gestört würden.

»Und die ist? Ich bin doch begierig.«

»Glauben Sie auch um Gottes willen nicht,« wehrte der Baron im Voraus jeden falschen Verdacht ab, »daß ich aus bloßer ungerechtfertigter Neugierde frage, denn ich bin ein intimer Freund der Frau Gräfin Baulen und der liebenswürdigen Comtesse, und nehme deshalb den innigsten Antheil an ihrem Wohlergehen.«

»Das ist eine lange Vorbereitung, Herr Baron.«

»Ich komme gleich zur Sache – Sie – machten gestern Abend der Frau Gräfin eine Entdeckung.«

»Sie standen in der Nähe?« sagte Graf Rottack und sah ihn scharf an.

»Hm – nicht unmittelbar – zufällig – die Frau Gräfin schien sehr bestürzt darüber – auffallend bestürzt – ich habe sie in der That so noch nie gesehen, denn sie ist eine sehr resolute und charakterfeste Dame.«

»Es schien so,« erwiederte der junge Mann, der fest entschlossen war, dem Baron nicht auf halbem Wege entgegen zu kommen.

»Hm ja,« fuhr der Baron augenscheinlich verlegen fort, denn er wußte nicht, wie er auf die geschickteste Weise sein Ziel erreichen sollte – »ich – ich muß Ihnen nur gestehen, lieber Graf – aber ich gebe Ihnen nochmals mein Wort, auch ohne den leisesten, unfreundlichen Hintergedanken – daß ich schon seit einiger Zeit – ich weiß eigentlich selber nicht recht, weshalb – den Verdacht gefaßt hatte, daß ....«

»Daß?«

»Daß die Frau Gräfin – daß der Rang der Frau Gräfin, wollte ich sagen – verstehen Sie mich vielleicht?«

»Noch hab' ich keine Ahnung,« lächelte Felix, den die Verlegenheit des Barons amüsirte.

»Es ist eine kitzliche Sache, darüber zu reden – ich gebe es zu,« fuhr der Baron also gedrängt fort, indem er langsam seine Hände in einander rieb, als ob er sie bildlich in Unschuld waschen wollte – »und unter anderen Verhältnissen möchte ein Eingehen darauf vielleicht nicht einmal gerechtfertigt erscheinen.«

»Stehen Sie in einem Verhältnisse, Herr Baron?«

»Mißverstehen Sie mich um Gottes willen nicht!« rief dieser rasch und ordentlich erschreckt. »Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, es ist kein persönliches Interesse, sondern nur das, was ich an der Aufrechterhaltung des Standes im Allgemeinen nehme. Jetzt haben Sie mich doch verstanden?«

»Nicht um ein Jota mehr, als früher,« erwiederte der junge Graf mit einem boshaften Lächeln.

»Gut,« sagte der Baron entschlossen, »dann zwingen Sie mich, deutlich zu reden, denn die Sache ist in der That zu wichtig. Lassen Sie mich also ganz aufrichtig sein und ich erwarte nachher das Nämliche von Ihnen, denn wir Beide sind es unserem Stande schuldig.«

»Sie spannen mich wirklich auf die Folter.«

Der Baron erfaßte des Grafen Arm, blieb vor ihm stehen, sah ihm fest in's Auge und sagte:

»Hat die Frau Gräfin von Baulen wirklich den Grafenrang?«

»Aber, lieber Baron,« bat jetzt seinerseits der junge Mann, »ich bin heute Morgen wirklich in Eile, denn Schwartzau wird den Augenblick herunter kommen. Die Pferde sind, wie ich sehe, schon gepackt, und Sie thun mir einen wesentlichen Gefallen, wenn Sie alle Kleinigkeiten bei Seite lassen und mir gerade heraus sagen, um welchen wichtigen Gegenstand Sie mich fragen wollten.«

Der Baron stand, ein Bild sprachlosen Erstaunens, vor Felix.

»Und ist Ihnen der Gegenstand noch nicht wichtig genug?« brachte er endlich mühsam heraus.

»Und das war wirklich Alles, was Sie von mir wissen wollten?« lachte der junge Mann jetzt gerade heraus.

»Alles,« sagte der Baron, völlig vernichtet.

»Dann thut es mir in der That leid, Ihnen keine bestimmte Antwort darüber geben zu können, und ich muß Sie – wieder auf Ihren kleinen Finger verweisen. – Da kommt auch schon Schwartzau mit Könnern – wir müssen fort – also auf Wiedersehen, lieber Baron!« und mit den Worten ließ er den über solche Gefühllosigkeit völlig empörten Mann mitten auf dem Wege stehen, schwang sich in den Sattel und sprengte gleich darauf mit Günther und von den Packthieren und ihren Treibern gefolgt, die Straße hinauf. –

Könnern, der seine Bekanntschaft mit Felix von jenem Morgen im Walde erneuert hatte, war nur mit herunter gekommen, die Freunde abreiten zu sehen. Ihn selber drängte es, allein zu sein, wenigstens nur mit fremden, gleichgültigen Menschen zu verkehren, mit denen er über alltägliche Dinge sprechen konnte. Das Herz war ihm noch so schwer – so schwer und der Gedanke dabei peinlich, selbst von dem besten Freund bemitleidet zu werden.

Sein Pferd hatte er sich indessen auch vorführen lassen, stieg auf und ritt langsam und im Schritt dieselbe Straße hinab, die er mit Günther gekommen war, als sie zum ersten Mal die Colonie betraten. Er war damals so leichten Herzens – so glücklich gewesen – er wollte die Stunden noch einmal durchleben in der Erinnerung; war ihm doch Nichts weiter geblieben auf der Welt, als an gehofftes Glück zurückzudenken.

So ritt er langsam aus der Colonie hinaus bis zu dem Fuß des Gebirgszuges, der in einzelnen Abläufern seine Hänge in's niedere Land dehnte, dann den schmalen Pfad hinauf, der die noch immer nicht ausgebesserte und geborstene Brücke umging, und hielt erst wieder, als er den freien Kopf erreichte, von dem man eine Aussicht über die ganze Colonie Santa Clara und die benachbarten Hügelgruppen gewann.

Und mit anderen Augen schaute er jetzt hinab, als damals, wo er sich zuerst dem fremden Platze näherte; wie suchte der umherschweifende Blick so rasch den kleinen, von hier aus kaum erkennbaren Punkt, in dem er Alles gefunden was das Menschenherz zu fassen vermag, Glück und Liebe – und Alles wiederum verloren hatte – Glück und Liebe.

Da drüben lag der sonst so freundliche Platz stumm und öde – da unten in dem Strom, dessen Lauf das dunkle, saftige Laub der Bäume zeigte, ruhte die Mutter, die Reue und Verzweiflung in die Fluth gejagt, und da drüben zwischen jenen lichten Höhenzügen irrte vielleicht jetzt das arme süße Kind umher, das seinem ganzen Leben Glück und Frieden bringen sollte und jetzt – wenn auch mit zitternder Hand – den Wanderer wieder allein und freundlos hinausgestoßen hatte in dieses Leben.

Und was wollte er selber jetzt noch hier? Warum spornte er sein Pferd nicht einer andern Gegend zu, nur um sich hier in nutzlosem Gram und Kummer zu verzehren? Er wußte recht gut wie wenig Hoffnung ihm geblieben war, sie je wiederzusehen, aber er hatte auch den Muth nicht sich jetzt schon freiwillig aus ihrer Nähe zu verbannen. So lange er sich noch in dem Bereich des Platzes wußte, in dem er ihr stilles, häusliches Wirken gesehen, ihre liebe Stimme gehört, in ihre treuen Augen geschaut hatte, so lange war es ihm, als ob er noch nicht ganz verlassen sei, als ob sie wiederkehren müsse, um ihr Haupt an seine Schulter zu legen und mit leiser, zitternder Stimme seinen Namen zu nennen.

Fort, fort mit den Gedanken! – Das bittere Gefühl der Verlassenheit stach ihn wie ein Dolch in's Herz, und sein Pferd herumwerfend, als ob er auch seiner Erinnerung entfliehen könne, wenn er den theuren Platz selber nicht mehr vor sich sah, sprengte er den Weg entlang und sah sich plötzlich seinem alten Bekannten, dem jungen Bauer Köhler gegenüber, in dessen Haus er an jenem Tage ebenfalls eingekehrt war und dem er sogar versprochen hatte, ihn zu besuchen. Lieber Gott, was hatte er nicht Alles vergessen und vergessen müssen in der Zeit!

Desto besser schien es aber der junge Bauer im Gedächtniß behalten zu haben, denn er erkannte kaum den Reiter, als er ihm auch freundlich entgegenrief:

»Na, das ist recht daß Sie Wort halten, wenn es auch ein Bißchen lang gedauert hat. Meine Alte wird sich auch freuen, Sie einmal wiederzusehen, denn wir haben noch oft und viel von Ihnen gesprochen. Und wie ist's gegangen in der Colonie?« fuhr er fort, als er zum Pferd trat und Könnern herzlich die Hand schüttelte. »Gut, nicht wahr? Und der Graue sieht auch prächtig aus. Dem ist da unten Nichts abgegangen, wie es scheint. – Aber so steigen Sie doch nur ab; Sie wollen doch wahrhaftig nicht im Sattel sitzen bleiben?«

Eine Weigerung hätte Nichts geholfen, das sah Könnern recht gut ein. Die Einladung war auch so treuherzig geboten – er hätte dem guten Menschen schon nicht weh' thun mögen, selbst wenn es ihm auch nicht recht gewesen wäre, einmal eine halbe Stunde hier zu plaudern, und seinen eigenen Trübsinn zu vergessen.

Und wie freundlich wurde Könnern von der lieben jungen Frau empfangen!

»Das ist gescheidt,« sagte diese, als er das Zimmer betrat und ihr die Hand entgegenreichte – »das ist grundgescheidt von Euch, daß Ihr Euch auch wieder einmal bei uns sehen laßt, und da unten bei den Grafen und Baronen nicht gar so stolz geworden seid. Aber Ihr seht schlecht aus,« setzte sie rasch hinzu und sah ihn forschend an – »gar schlecht seht Ihr aus, blaß und eingefallen, und lange nicht mehr so frisch und munter wie damals, als Ihr zum ersten Mal bei uns war't. Seid Ihr krank gewesen? Der Platz ist doch eigentlich sonst gesund genug?«

»Krank wohl nicht,« antwortete Könnern ausweichend – »vielleicht der Klimawechsel. Aber was macht Euer kleiner Bursche? Geht's ihm gut?«

»Da liegt der Schlingel in dem Bettchen drin,« sagte die Frau, mit einem glücklichen Lächeln auf den Liebling zeigend – sie hatte im Nu alles Andere darüber vergessen. »Da liegt er und thut als ob's gar keine Arbeit auf der Welt gäbe, und die Mutter nur zu ihm springen müsse, sobald er die großen Guckaugen und das kleine Mäulchen aufthut.« – »Aber setzt Euch,« fuhr sie rasch fort, und sah sich dabei im Zimmer um – »Ihr werdet hungrig sein nach dem Ritt, und es sieht auch heute Morgen noch so wild bei uns aus – freilich, Besuch hatten wir so früh noch nicht erwartet, und es giebt gar so viel im Hause zu thun, und noch dazu, wenn man so eine kleine Plage dabei hat, die einen geradezu von Allem abhält, was man thun möchte.«

»Aber Ihr möchtet sie doch nicht missen?«

»Den Jungen da?« rief die Frau ordentlich erschreckt aus – »da sei Gott vor, daß ich den Buben je wieder missen müßte – ich glaube, ich – aber ich will's auch nicht einmal denken. Was Ihr nur auch für Reden führt!«

»Na, da setzt Euch her und frühstückt ein Bißchen,« sagte der Mann, »und ich gehe derweil in's Feld hinaus, wo ich 'was zu besorgen habe. Nachher komme ich wieder herein, und dann schwatzen wir noch Eins zusammen.«

»Dann gehe ich lieber jetzt mit Euch in's Feld,« sagte Könnern, »denn Kaffee habe ich schon getrunken, ehe ich unten wegritt.«

»Desto besser,« rief der junge Bauer, den das augenscheinlich zu freuen schien, »dann zeig' ich Euch vorher einmal meine Felder draußen – wir haben tüchtig geschafft die Zeit, in der ich da oben bin, und nachher frühstücken wir mit einander. Es schmeckt auch gleich besser, wenn man sich erst ein Bißchen Bewegung gemacht hat.«

»Jetzt lauft Ihr wieder Alle fort,« sagte die junge Frau, »und ich kann allein bleiben – ist das auch ein Besuch? Aber der kleine Bengel da wird doch bald kommen, dann hab' ich alle Hände voll zu thun, bis dem erst der Schreihals gefüllt ist. – So macht nur daß Ihr wiederkommt. Grüß' Gott, Fremder!«

Könnern ging schweigend neben dem jungen Mann in den Hof hinaus, sah, wie dieser dort sein Pferd absattelte und in den kleinen Weidegrund jagte, und folgte ihm dann in das Feld.

»Ihr seid so still heute,« sagte der Mann – »fehlt Euch wirklich Etwas?«

»Nein,« erwiederte Könnern mit einem wehmüthigen Lächeln – »das Einzige ausgenommen, was Ihr habt und mir kein Arzt der Welt geben kann – eine glückliche Häuslichkeit.«

»Ei,« lachte der junge Bauer, »dazu hab' ich auch keinen Arzt gebraucht; die macht man sich eben selber.«

»Wie man's trifft,« seufzte Könnern – »Ihr aber habt das große Loos gezogen mit der Frau.«

»Sollt's denken,« schmunzelte der junge Bauer vergnügt vor sich hin, »'s ist ein Prachtweibel, und immer bei der Hand, immer guter Laune – ich kann eigentlich gar nicht sagen, wie glücklich ich mit ihr bin. – Und der Junge – ist das nicht ein Prachtkerl – habt Ihr schon einmal einen solchen Jungen gesehen? – Aber der Alten darf ich's nicht merken lassen, daß ich so stolz auf ihn bin, sonst neckte sie mich bis auf's Blut – und das kann sie – das versteht sie aus dem Grunde.«

Der junge Mann schwatzte noch immer so fort von seinem Familienglück, bis sie schon weit draußen im Feld waren, und Könnern schritt schweigend an seiner Seite dahin und sah im Geist, wie Elise mit dem Vater hinaus in den dunkeln Wald zog – freudlos und allein – sah sie mit wunden Füßen und krank in einer Hütte liegen – sah den Vater über sie gebeugt, der ihr nicht helfen konnte und ihren Kummer, ihre Sorge nur vermehrte, und hielt dabei krampfhaft sein eigenes Herz mit der rechten Hand gefaßt, daß es ihm in Jammer und Weh die arme Brust nicht von einander sprengte.

Draußen im Feld nahmen seines Führers Gedanken aber eine andere Richtung, denn er hatte auch Freude an seiner Arbeit, die sich ihm trefflich auf dem guten Land belohnte.

»Da, sehen Sie her,« sagte er, als sie eine dichte Hecke von wildverwachsenen Quittenbäumen durch ein kleines Thor passirt waren – »da habe ich einen Versuch gemacht, und Sorgho[1] zu Viehfutter gesteckt – und wie ist das aufgegangen, und wie giebt's aus! Das ist ein famoses Gewächs, das jeder brasilianische Bauer ziehen sollte – und wie leicht ist's zu behandeln! Wie den Mais legen wir ihn in den Boden, drei Spannen im Quadrat etwa, halten das Unkraut weg und den Boden locker, und nach acht Wochen schon schneid' ich ihn zum ersten Mal. Aber er giebt nicht nach. Als ob er sagen wollte: »Nu erst recht!« treibt er noch viel mehr Stengel als vorher, die nach vier oder fünf Wochen schon wieder geschnitten werden können, und dann kommt er in einem ordentlichen Busch aus dem Boden heraus. Mein Vater hat mir versichert, daß er seinen Sorgho schon in Einem Jahr fünfmal geschnitten hätte.«

»Und verlangt er guten Boden?« fragte Könnern, dem es wohl that, daß der Mann nicht mehr von seiner Familie erzählte.

»Nicht besonders – leichter Boden thut's, und selbst Hitze und Trockenheit hat dem Zeug Nichts an. Gott weiß, wo es den Saft alle herbekommt. – Und sehen Sie 'mal, was daneben für ein Wälschkorn gestanden hat – was für Stengel – ja, das muß wahr sein, der Boden hier ist eine wahre Pracht, und ich habe ihn merkwürdigerweise da oben viel besser als die im Thal unten; aber Arbeit kostet's auch, und das Unkraut herauszuhalten ist schwere Müh', und ordentlich als ob's hinter einem wieder herauswüchse, wenn man's eben erst ausgerissen hat.«

»Zuhbel drüben klagte, daß sich das Land nicht zum Bau von Futterkräutern eignete.«

»Zuhbel,« lachte der junge Mann, »der klagt über Manches, und lobt Nichts als seinen eigenen Wein – gerade aus Widerspruch, weil's eben kein Anderer thut. Nein, wir können hier bauen was wir wollen, es geräth Alles – wenn's nur ordentlich behandelt wird, natürlich. – Nur mit dem Weizen hat's uns Allen nicht so recht glücken wollen. Im Anfang, ja, da ging's gut, und wir glaubten schon, wir hätten gewonnen, aber nachher gab's auf einmal aus, und was man auch thun mag, es will nicht mehr vorwärts damit. Aber was schadt's, desto bessere schwarze Bohnen ziehen wir, Kartoffeln, besonders süße, nach Herzenslust, Maniok, Erdnüsse und recht guten Reis; da kann man's zur Noth auch schon ohne den Weizen aushalten, mit dem sie weiter unten im Süden doch mehr ausrichten als wir hier.«

»Und wie steht's mit dem Tabak?«

»Gut – von der Art wenigstens wie er hier wächst. Ich hab' ganz hübschen Tabak gebaut, und auch gut in die Stadt hinein verkauft, aber – ob wir hier nicht recht mit den Blättern umzugehen wissen, oder an was es sonst vielleicht liegt – der ganze Tabak taugt eigentlich nicht viel, und die Cigarren, die wir manchmal mit einem Schiff von anderen Ländern herüber bekommen, sind doch ein ander Ding; selbst viel besser als die von Bahia.«

»Und wie hübsch und sauber die Chagra eingerichtet ist,« sagte Könnern, der den Blick mit Vergnügen über die reinlichen Felder und die guten Umzäunungen gleiten ließ – »man sieht doch gleich, wo eine deutsche Hand gearbeitet hat.«

»Nun,« lächelte Köhler, »ich bin zwar ein Brasilianer, das heißt im Lande geboren, aber das deutsche Blut steckt freilich drin, und wie wir's daheim gesehen und gelernt haben, so machen wir's eben nach, wenn wir selber selbstständig werden.«

»Euer Vater hat Vermögen mit nach Brasilien gebracht?«

»Nicht eine rothe Kupfermünze, aber Schulden dafür genug,« lautete die Antwort. »Nein, er kam damals mit einer ganzen Ladung Bauern, alle vom Hundsrück in Deutschland und arm genug, herüber, nur mit einer Frau und zwei Kindern – meiner Mutter und den beiden ältesten Brüdern. Die Regierung gab ihm ein Stück Land, was sie hier eine »Colonie« nennen, und auch noch Subsidiengelder, daß er sich die erste Zeit über Wasser halten konnte. Ackergeräthe bekamen sie ebenfalls von der Regierung, und nun ging's her über die Bäume, und Land wurde klar gemacht, daß es eine Lust und Freude war. Die Arbeit lohnte auch. Alle die armen Teufel, die daheim nicht das Brod zum Brechen und Sorgen und Kummer genug gehabt, wie mir mein Vater oft erzählt, bauten sich zuerst eine nothdürftige Hütte und dann ein ordentliches Haus, vergrößerten ihre Felder, sahen ihre Heerden sich vermehren – und ihre Kinder auch, und fanden plötzlich, daß sie gar nicht mehr alle zusammen Platz auf der alten Chagra hätten. Mein Alter – und viele andere Alte machten es eben so – schickte aber nicht etwa seine ältesten Söhne hinaus, um sich einen neuen Platz zu gründen, nein, er kaufte von der Regierung eine andere Colonie für sich selber, auf der er wieder frisch an zu wirthschaften fing, weil er sich nicht überreden konnte, daß es die Jungen eben so gut verständen, wie er. Jetzt ist er freilich zu alt geworden, um noch einmal von vorn anzufangen, und wie ich flügge wurde, ließ er mich hinaus, um mein eigen Nest zu bauen.

»So haben wir uns denn vermehrt und ausgebreitet, und wenn Ihr hier in der Gegend und in vielen anderen Gegenden Süd-Brasiliens herumfragt, werdet Ihr überall Leute finden, die sich wohl befinden in der Welt, und deren Eltern doch daheim nicht genug hatten, daß sie sich in der Woche ein halbes Pfund Fleisch gönnen konnten.«

Der junge Mann plauderte noch eine ganze Weile so munter fort und hatte besondere Freude daran, seinem Besuch zu erzählen, wie Der oder Jener vor fünf, sechs oder acht Jahren herüber gekommen sei und Nichts mitgebracht habe als sein Elend, und eine verkümmerte Familie, und wie gut es ihnen ginge. Dabei blieb er bald hier, bald da einmal stehen und zeigte dem Fremden die neue Anlage von Pfirsichbäumen, die das nächste Jahr schon wahrscheinlich tragen würden; dann den Flachs, den er für seine Frau gebaut, der aber nicht recht fortkommen wollte – und dann, nachdem er nach seinen Arbeitern gesehen, die wieder frisches Land urbar machten, führte er ihn zu dem Hause selber zurück, um ihm auch noch den Gemüsegarten und die Ställe zu zeigen – Ställe nämlich nur für die Mastschweine, die er mit dem Sorgho fütterte, denn das andere Vieh lief lustig draußen im Freien auf einem großen, eingezäunten Platz umher.

Der Garten selber stieß an ein kleines Dickicht alter Pfirsichbäume, an denen der frühere Besitzer Weinreben gepflanzt, die sich jetzt ganz erstaunlich ausgebreitet hatten. Köhler nannte den Platz »des Barons Laube«. Der Gemüsegarten selber lag dicht und unmittelbar hinter dem Hause, und nur die Fenster der Küche und Schlafkammer führten darauf hinaus.

Die beiden jungen Männer hatten übrigens kaum den Rand des Gemüsegartens erreicht, als ein eigenthümlich lautes Sprechen, fast wie ein Ruf aus dem Hause drang. Köhler zeigte gerade Könnern den trefflichen Blumenkohl, den er hier gezogen – er schwieg plötzlich und horchte nach dem Hause hinüber; es war Alles wieder still, nur das Kind schrie.

»Was das für ein klinger Schlingel ist!« sagte er lachend; »die Frau hat den ganzen Tag mit ihm zu zanken, und er macht sich nicht so viel daraus. – Ja, was ich gleich sagen wollte, der Blumenkohl hier ist meiner Frau größter Stolz, denn den hat« – wieder hielt er inne, denn nochmals kam aus dem Hause ein merkwürdiger Laut, der weit mehr einem ärgerlichen Schrei als einem Zanken glich.

»Jetzt wollt' ich doch drauf schwören, daß ich meinen Namen gehört hätte,« sagte Köhler, schritt aber dabei schon rasch dem Hause zu, wohin ihm Könnern folgte.

»Hans! Hans!« schrie es in dem Augenblick klar und deutlich, und mit zwei Sätzen waren beide Männer im Hause, denn etwas Ungewöhnliches mußte dort geschehen sein.

Köhler sprang voran in die Stube, deren Thür nur angelehnt war, und blieb erstaunt mit einem lauten Halloh? auf der Schwelle stehen, denn in dem Zimmer stand ein sehr anständig gekleideter ältlicher Herr, hatte seine Frau umfaßt, die sich aus allen Kräften gegen ihn wehrte, und suchte sie mit dem einen Arme an sich zu ziehen, während er mit dem andern ein paar gut gemeinte Stöße parirte, welche sie nach seinem Gesicht führte. Bei dem Ausruf des Mannes ließ er freilich die Frau augenblicklich los, die, aufgeregt und erhitzt, mit funkelnden Augen und zitternden Gliedern ihrem Mann entgegen rief:

»Gut, daß Du da bist – schmeiß' mir einmal den Kerl hinaus!«

»Sie verstehen aber auch gar keinen Spaß,« lachte der fremde Herr verlegen, der jetzt sein Taschentuch heraus nahm und sich etwas Blut aus dem Gesicht wischte, denn die »Trine« schien nicht immer fehl getroffen zu haben.

Der Herr selber sah außerordentlich echauffirt und nichts weniger als erfreut aus, die beiden Männer in der Thür zu finden. Köhler selber war aber wirklich im ersten Augenblick so verblüfft, daß er gar nicht wußte was er thun oder sagen sollte, und kam eigentlich erst wieder zur Besinnung, als Könnern mit einem ironischen Lächeln bemerkte:

»Der Herr Director machen wohl eine Inspectionsreise durch die verschiedenen Colonien?«

»Also das ist der neue Director?« rief Köhler jetzt, der vor innerem Zorne gar noch nicht recht wußte, wo er zuerst anfassen sollte – »das ist der Lump, der den ehrlichen Sarno aus seiner Stelle gebissen hat und jetzt in den Colonien herumkriechen und Stänkereien anrichten will! Ei, da soll doch gleich ein heiliges Kreuzdonnerwetter ...«

»Herr Köhler, ich warne Sie wohlmeinend,« rief Herr von Reitschen, vor der auf ihn einschreitenden Gestalt aber doch zurückweichend – »ich sage Ihnen, ich habe nur einen Scherz ...«

»Ich mache auch nur Spaß,« sagte der junge Bauer, den Arm nach ihm ausstreckend und seinen Kragen erfassend – »nur zum Spaß will ich Sie einmal ein Bißchen vor die Thür setzen, daß Sie sich doch für das nächste Mal merken, wie man sich bei den Colonisten zu benehmen hat.«

»Herr Köhler – ich werde jeden gewaltsamen Angriff« – schrie der Director unter dem eisernen Griff des jungen Bauers – aber er kam nicht weiter; Könnern trat lächelnd zur Seite, als er vorbeigeschleppt wurde, als ob ihn irgend ein Maschinenwerk beim Kragen hätte, und im nächsten Moment flog er auch schon über die Schwelle mit unwiderstehlicher Gewalt hinaus, stolperte über ein paar dort liegende Stücke Feuerholz und fiel mit solcher Gewalt gegen einen jungen Orangenstamm, daß dieser eine ganze Menge seiner Früchte auf ihn herabschüttelte.

»Bitte, bedienen Sie sich,« lachte Köhler, der bei der ganzen Scene auch noch nicht einen Moment seine Ruhe verloren und selbst den Fluch vorher gerade so ausgesprochen hatte, als ob er »gesegnete Mahlzeit« sagte – »es ist doch wohl das letzte Mal, daß ich die Ehre hatte Sie hier oben bei mir zu sehen?«

Herr von Reitschen mußte fühlen welche traurige Rolle er hier oben spielte, und besonders peinlich war ihm natürlich dabei Könnern's Gegenwart, da er sich über das Andere würde viel leichter hinweggesetzt haben. Er sprang auch rasch in die Höhe, und ohne sich selber so lange aufzuhalten, seinen sehr beschmutzten Rock nur oberflächlich zu reinigen, ging er zu seinem Pferd, löste den Zügel, warf ihn über, stieg in den Sattel und sprengte, so rasch ihn das Thier trug, der Colonie wieder zu.

»Das ist doch ein Hauptlump,« sagte Köhler, als er sich nach Könnern umdrehte, der ein vollkommen ruhiger lächelnder Zeuge der ganzen Scene gewesen war – »hat er Dir weh gethan, Trine?«

»Ich hab' ihm weh gethan,« sagte die junge, prächtige Frau lachend, »und das blaue Auge und die blutige Nase wird er wohl eine Woche unten im Ort zu meiner Erinnerung tragen.«

»Das wird eine schöne Wirthschaft hier geben, wenn der das so forttreibt,« sagte Köhler kopfschüttelnd – »eigentlich hätt' ich ihm vorher die Jacke tüchtig aushauen sollen – es ist mir nur zu spät eingefallen – des guten Beispiels wegen, mein' ich.«

»Es ist so besser,« lachte Könnern, »und ich gebe Ihnen mein Wort, die härteste Strafe für ihn war, daß gerade ich daneben stand und Zeuge seiner Demüthigung sein konnte.«

»Nun, ich weiß nicht,« meinte Köhler, »so eine recht gesunde Tracht Schläge ist auch nicht so übel, und verdient hatte er sie.«

»Und aus dem FF,« bestätigte die Frau – »'s ist aber so auch vielleicht besser, denn nachher hättest Du am Ende mit den Gerichten zu thun gekriegt, und wenn's weiter Nichts gewesen wäre, hätt's Geld gekostet und Laufereien gemacht. Jetzt wird er schon das Maul halten und Dich ungeschoren lassen.«

»Das glaub' ich selber,« lachte der Mann.

»Und wie der Junge schrie, wie er mich anfaßte,« schmunzelte die Frau – »das ist ein Mordkerl – der wollte seiner Mutter Nichts zu Leide thun lassen. Wo war't Ihr denn draußen?«

»Gerade kamen wir durch des Barons Laube und wollten Deinen Blumenkohl besehen, wie ich den Lärm drinnen hörte; aber wer denkt denn an so 'was?«

»Aber jetzt frühstückt,« sagte die Frau, denn sie waren indessen wieder in die Stube gegangen, und sie setzte den Jungen mitten in dieselbe auf die Erde – »ich hol' Euch gleich Alles herein – es ständ' schon auf dem Tisch, wenn der Lump nicht gekommen wäre – und wie er mich zugerichtet hat!« sagte sie, als sie an dem kleinen Spiegel vorbeiging, einen Blick hinein warf und sich dann die Haare wieder flüchtig in Ordnung brachte.

»Aber was wollt' er denn eigentlich?« fragte Köhler, der sich an den Tisch setzte und Könnern ebenfalls einen Stuhl hinrückte.

»Was weiß ich's,« sagte die Frau im Hinausgehen – »er fragte nach Dir, und wie ich ihm sagte, daß Du im Felde wärst, glaubte er wahrscheinlich, er hätt's Preh! Der alte Esel!« und lachend warf sie die Thür hinter sich zu.

4.
Helene.

Am nächsten Morgen nach dem Verlobungsabend war Herr von Pulteleben sehr früh aufgestanden, um angezogen zu sein und keinen Augenblick zu versäumen, seine liebenswürdige Braut begrüßen zu können. Was hatte sie nur gestern Abend mit ihrer Mutter gehabt? Er hielt unwillkürlich mitten im Binden seiner Cravattenschleife ein, als er wieder an seinen gestrigen Abschied dachte – aber die alte Dame war ja oft so wunderlich und eigenwillig. Nur gestern Abend schien der Anlaß von Helenen selber ausgegangen zu sein, und wie sonderbar ernst dieselbe ausgesehen, als sie vom Tische aufstand und in ihr Zimmer ging.

Was nur in dem Briefe gestanden hatte? Der war jedenfalls schuld daran gewesen – aber wenn er Helene heute darum fragte, ihm sagte sie es gewiß, denn sie waren ja jetzt mit einander verlobt, schon beinahe so gut wie Eheleute, und Eheleute sollen ja nie Etwas vor einander geheim halten.

Eheleute – wie sonderbar dem jungen Mann das Wort, auf sich selber angewandt, vorkam – er wurde mit seiner Cravatte heute gar nicht fertig – Eheleute – wie ehrbar das klang und wie – wie solid und dauernd – und wie schnell sich das eigentlich Alles gemacht hatte – und wie wunderlich. Wenn er's recht überlegte, war Niemand daran schuld wie der Jeremias, der ihn hier gewissermaßen in das Stübchen eingeschmuggelt hatte. Herr von Pulteleben vergaß ganz seine Cravatte, ließ die beiden Zipfel rechts und links niederhangen und blieb mit gesenkten Händen nachdenkend auf seinem Stuhl sitzen.

Ob die – Schwiegermutter nicht darum gewußt haben sollte, daß er hier als Miethsmann hergebracht wurde? Wie eigenthümlich, daß ihm das jetzt gerade einfiel – aber eine Menge bezahlter Rechnungen, seidene Kleider – Putzsachen und tausend andere Dinge zuckten ihm hin und her durch den Kopf wie in einem geschüttelten Kaleidoskop, und wenn er es einmal einen Augenblick still hielt, formte sich aus all' den bunten durch einander zerstreuten Dingen doch immer nur wieder das eine Bild: die Schwiegermutter.

Es war eine außerordentliche Frau, so viel ließ sich in der That nicht läugnen, und Herr von Pulteleben dachte gar nicht daran es ihr abzustreiten – eine ganz außerordentliche Frau, und er konnte sich gratuliren, daß er eine so praktische Schwiegermutter bekam. Das sagte er sich selber nämlich, um sich zu überzeugen, und anderen Gedanken nicht Raum zu geben, die ihm trotzdem immer und immer wieder aufsteigen wollten.

Es war überhaupt eine ihm selber noch nicht einmal recht klar gewordene Thatsache, daß er nie an die Schwiegermutter allein, sondern immer in Verbindung mit ihr auch an Geld denken mußte. So fiel ihm denn auch jetzt, in ganz natürlicher Reihenfolge, sein gegenwärtiger Cassenbestand ein und was die Hochzeit davon etwa wohl verschlingen würde. – Aber er hatte an seine Mutter geschrieben und der Brief war vorgestern mit einem Schooner nach Rio direct abgegangen. Die Mutter drückte schon noch ein kleines Capital aus dem Vater heraus, wenn sie erfuhr, daß ihr Arno unterdessen eine Comtesse geheirathet habe, die noch außerdem die einzige Erbin eines verkauften Rittergutes war. Und wie schön – wie bildschön war Helene, und wie stolz würden die Eltern auf sie sein, wenn er sie einmal mit hinüber nach Deutschland brachte!

Da klopfte Jemand – es war die Dorothea mit dem Kaffee; er mußte wahrhaftig seine Toilette beenden, und Helene war gewiß schon munter und unten im Garten, und lachte den Langschläfer nachher aus.

»Ist Comtesse Helene schon sichtbar?« fragte er die Magd, die mit dem einen Arme ein wahres Chaos auf dem Tisch zusammenfegte und mit der andern Hand das Kaffeebret darauf schob. Die Alte sah ihn aber nur verwundert an und sagte:

»Sichtbar?«

»Ist sie schon angezogen und auf?«

»Weiß ich nicht.«

»Im Garten war sie noch nicht?«

»Nee.«

»Hm,« sagte Herr von Pulteleben, sich vergnügt die Hände reibend, während die Alte wieder hinunter ging, »dann kann ich meinen Kaffee erst noch in aller Ruhe trinken – ist doch eigentlich der schönste Moment vom ganzen Tage.« Und damit setzte er sich an seinen Tisch nieder, um sein Frühstück einzunehmen. Glücklicher Weise hatte seine Braut diese letzte Bemerkung nicht gehört.

Nach dem Kaffee beendete er rasch seine Toilette und ging dann, als Geschäftsmann, vor allen Dingen in das Arbeitszimmer hinunter, wo heute übrigens nur drei Cigarrenmacher saßen. Die anderen hatten sich mit der Frau Gräfin gezankt und waren nicht allein weggeblieben, sondern der Eine von ihnen, gerade der beste Arbeiter, begann an dem nämlichen Morgen ein Concurrenzlocal aufzustellen, was der Frau Gräfin ernstliche Schwierigkeiten zu bereiten drohte.

Herr von Pulteleben dachte aber jetzt nicht an derlei prosaische Dinge; er war nur in das Arbeitszimmer gegangen, um nachher, wenn er die Schwiegermutter sprach, mit gutem Gewissen versichern zu können, er »sei schon unten gewesen«, und stieg dann die Treppe wieder hinauf, um bei Helenen anzuklopfen und zu fragen, ob sie nicht einen kleinen Spaziergang mit ihm machen wolle.

Es war indessen schon neun Uhr geworden und Helene um diese Zeit fast jeden Tag auf und im Hause; heute dagegen fand er ihr Zimmer noch verschlossen und bekam sogar nicht einmal eine Antwort.

Er ließ dann durch die Dorothea bei der Frau Gräfin anfragen, wie sie geschlafen hätte, alles Weitere der Frau Gräfin selber überlassend, und die Dorothea kam wieder heraus und sagte blos das eine Wort »gut« – weiter Nichts.

Herr von Pulteleben setzte dann seinen Hut wieder auf und ging sehr nachdenkend in den Garten hinunter, wo er wenigstens die Gewißheit erhielt, daß bei der Frau Gräfin wie bei Helenen die Fenster geöffnet seien – beide Damen waren also schon auf – an beiden Fenstern waren aber auch die Rouleaux noch herunter – also nach allen menschlichen Berechnungen die Insassen noch nicht zu sprechen.

Herr von Pulteleben fühlte sich dadurch beunruhigt – er wußte eigentlich selber nicht recht warum, es müßte denn eine Art von Ahnungsvermögen gewesen sein, was wir bei den Thieren Instinct nennen. Von diesem Instinct getrieben, ging er also einmal zum Baron hinüber, der seinen Spaziergang schon beendet hatte und eben seinen Kaffee trank, und hätte bei diesem zu keiner ungünstigeren Zeit vorsprechen können, denn der Baron war heute Morgen ganz ausnahmsweise sehr schlechter Laune. Der junge Mann hielt sich deshalb hier gar nicht auf, machte eine kleine Promenade um die Stadt herum und sprach dann einmal bei dem Director vor, den er eben von einem Spazierritt hatte zurückkommen sehen. Er ließ sich auch hier gar nicht melden, sondern folgte dem Herrn gleich hinauf und klopfte an, fand aber, daß er schon wieder einmal zur falschen Zeit gekommen sei.

Der Director, der wahrscheinlich mit dem Pferde gestürzt war, denn er hatte ein blau unterlaufenes Auge und eine geschundene Nase, mußte Herrn von Pulteleben's Verlobung von gestern Abend total vergessen haben, denn er ließ ihn nicht einmal hinein. Er öffnete nur halb, fragte ihn ziemlich barsch was er wolle, und drückte ihm dann die Thür wieder vor der Nase zu.

»Hol's der Henker!« dachte Herr von Pulteleben – denn dem sonst so gutmüthigen Menschen lief endlich die Galle über, »da geh' ich doch lieber auf mein Zimmer und lasse die Leute zu mir kommen. Die behandeln Einen ja wie einen – als ob sie Einen auf der Straße aufgelesen hätten!« Und dem Entschluß die That folgen lassend, ging er rasch in seine eigene Wohnung zurück, zog seinen Rock aus, nahm sein Schreibzeug her und entwarf die Idee zu einem Epos, in dem er die Erbärmlichkeit des Menschengeschlechts schildern wollte.

Indessen bereitete sich unter ihm eine andere Scene vor. Oskar war vor etwa einer halben Stunde allein fortgeritten, und Helene, schon vollständig angezogen, aber in einem ganz einfachen Mousselinkleide, öffnete ihr Zimmer, ging zu dem ihrer Mutter hinüber und klopfte an.

»Wer ist da?«

»Ich bin's.«

»Gleich!« sagte die Stimme inwendig – »einen Augenblick nur,« und Helene hörte, wie drinnen ein paar Schiebladen hastig auf- und zugemacht wurden. Jetzt drehte sich der Schlüssel im Schlosse und die Comtesse trat ein.

»Guten Morgen,« sagte Helene ruhig und kalt, und trat zum Fenster, um das eine Rouleau hinauf zu ziehen, und den Sonnenschein herein zu lassen.

»Guten Morgen, mein Kind,« sagte die Gräfin, die sich aber heute, der Tochter gegenüber, merkwürdig verändert benahm, denn sie schien ganz das hochfahrende, nachlässige Benehmen, das sie sonst selbst Helenen gegenüber beibehielt, abgelegt zu haben. Sie stand im Zimmer, sie zu begrüßen, rückte ihr sogar einen Stuhl und sagte:

»Du siehst heute Morgen bleich aus, Helene; hast Du schlecht geschlafen, mein Kind?«

»Ich glaube ich habe gar nicht geschlafen,« sagte Helene ruhig, ohne die Mutter anzusehen – »doch – das hat mit dem Nichts zu thun, über das ich mit Ihnen sprechen möchte.«

»Mit Ihnen?« rief die Gräfin erschreckt – »Helene!«

»Bitte, setzen Sie sich,« sagte das junge Mädchen kalt – »wir haben Manches mit einander zu besprechen, und es ist nöthig, daß dies in aller Ruhe geschieht.«

»Aber um Gottes willen, Helene, was hast Du nur – wie bist Du?« rief die Frau und wollte Helenens Hand ergreifen.

»Was ich habe?« sagte das junge Mädchen staunend und sah ihr zum ersten Mal voll und ernst in's Auge – »und das fragen Sie noch? Aber, bitte, setzen Sie sich, und erlauben Sie vor allen Dingen, daß ich Ihnen einen Brief vorlese, der gestern zufällig in meine Hände kam.«

»Der unglückselige Brief!« jammerte die Frau und setzte sich mit gefalteten Händen und wie gebrochen auf das Sopha nieder.

»Derselbe,« sagte Helene mit eiserner Ruhe, faltete den Brief dann aus einander, den sie die Nacht über schon unzählige Male gelesen und über den sie heiße, bittere Thränen geweint, und las jetzt mit fester, ruhiger, auch nicht die geringste Bewegung verrathender Stimme:

»Liebe Constance!

Anbei sende ich Ihnen – dieses Mal direct – den zweiten Semester-Wechsel für die Erziehung meiner Tochter Helene. Sie sehen, ich habe auch Ihren Wunsch erfüllt und die Adresse an die Gräfin Baulen gerichtet, obgleich ich mit einer solchen Täuschung nicht einverstanden und vollkommen dagegen bin. Ich kenne aber die brasilianischen Verhältnisse nicht, und es mag vielleicht dort nöthig sein. So geschehe es denn Helenens wegen.

Es freut mich, so Günstiges über die Fortschritte des Kindes zu hören, und ich hoffe, daß Sie Ihr Wort halten und wie eine Mutter für sie sorgen.«

»Und hab' ich das nicht gethan, Helene? Hab' ich das nicht immer und immer gethan und Dir jetzt wieder bewiesen, indem ich einen braven Mann für Dich gesucht?« rief die Frau und hob die Hände zu der Jungfrau empor.

Helene las ruhig weiter:

»Es grüßt Sie freundlich Ihre Ottilie von ....«

»Der Name wie Ort und Datum fehlen.«

»Hab' ich das nicht immer gethan? Sag' wahr und aufrichtig, ob ich das nicht gethan habe?«

»Nein,« sagte Helene, und das Wort hatte eigentlich keinen Klang, aber es traf doch deutlich und furchtbar an das Ohr der Frau, die ihr Taschentuch herausnahm und es gegen die Augen hielt.

»Wie heißt meine Mutter?« fragte Helene endlich mit derselben tonlosen Stimme wie vorher – »wie heißt sie und wo wohnt sie, und welches Geheimniß liegt auf meiner Abstammung, daß ich hinausgeschickt wurde unter fremde Menschen?«

»Liebe Helene,« sagte da die Frau, das Tuch vom Gesicht nehmend und ihre Augen trocknend – »ich habe einen furchtbaren Eid schwören müssen das Geheimniß zu bewahren, wenigstens so lange zu bewahren, bis ich den Auftrag dazu von Deiner Mutter selber bekomme, es Dir mitzutheilen. Ich darf und kann den Eid nicht brechen – fordere es nicht!«

Helene schwieg; ihr Auge haftete noch immer fest auf der Frau und ein schwerer Seufzer hob ihre Brust.

»Ich bin mündig,« sagte sie endlich – »ich bin einundzwanzig Jahr. Darf mir der Name meiner Mutter – meiner Eltern länger vorenthalten werden?«

»Ich will augenblicklich nach Deutschland schreiben,« sagte die Frau – »gewiß, Helene, mit dem nächsten Schiff, und will Deine Mutter bitten mich meines Eides zu entbinden; aber ehe das geschehen ist, und wenn sie nicht darein willigt, kann und darf ich es ja doch nicht thun. Du selber wirst doch nicht wollen, daß ich einen Meineid auf meine Seele lade.«

Helene hatte ihr Herz wie krampfhaft mit der Hand gefaßt und sah die Frau noch immer mit ihrem kalten, durchdringenden Blick an, endlich sagte sie leise:

»Also Sie wollen mir den Namen meiner Mutter nicht nennen?«

»Ich kann, ich darf nicht, Kind – wenigstens jetzt noch nicht. Laß Dir Zeit – in wenig Monaten kann ein Brief hinüber- und zurückgehen, und ich zweifle keinen Augenblick, daß Deine Mutter mich meines Eides entbinden wird. Dann von Herzen gern. Aber – was nutzt es Dir, Helene?« fragte sie wie schüchtern nach kurzer Pause, »denn – Du würdest ihr doch nicht nahen dürfen.«

»Nicht nahen dürfen?« rief Helene erschreckt; »wer will das Kind dem Herzen der Mutter fern halten?«

»Frage mich nicht weiter – dringe nicht in mich, Deiner eigenen Ruhe wegen.«

»Also das dürfen Sie mir doch sagen,« rief Helene rasch, »und aus Schonung für mich glaube ich nicht, daß Sie es zurückzuhalten brauchen. Ich verlange von Ihnen zu wissen, weshalb mir die Mutter vorenthalten werden soll. Ich mache Sie für Alles verantwortlich was daraus entstehen kann, wenn ich es nicht erfahre, und beim ewigen Gott! ich halte was ich verspreche, wenn ich Ihnen zuschwöre, daß Sie bei einer Weigerung keine schlimmere Feindin in der Colonie haben sollen, wie mich. Ich denke, Sie trauen mir zu daß ich mein Wort halte.«

Helene war von ihrem Stuhl aufgesprungen und stand der Frau mit zürnendem, drohendem Blick gegenüber.

»Thörichtes Kind,« sagte Frau Baulen, ohne sich jedoch dieses Mal aus ihrer Ruhe bringen zu lassen, denn sie kannte die Waffe, über die sie verfügte – »Du verlangst Etwas, was Dich unglücklich für Dein ganzes Leben machen wird.«

»Noch unglücklicher als ich jetzt schon bin?« lachte Helene bitter – »Sie scherzen, Frau Gräfin

»Und wem zu Liebe nahm ich den Titel an, der mir nicht gebührt?« rief die Frau, jetzt selber gereizt – »wem zu Liebe stürzte ich mich in Ausgaben, die über meine Mittel gingen – wem zu Liebe hab' ich selbst die Heimath verlassen, in der ich glücklich und zufrieden mit meinem Sohn hätte leben können?«

»Mir zu Liebe, nicht wahr?« sagte Helene kalt und bitter, »nur Alles mir zu Liebe, nicht dem Jahrgehalte! Doch genug, übergenug der Reden! Täuschen Sie sich nicht, daß ich nach dem, was ich jetzt weiß, auch nur noch einen Augenblick an Ihren wahren Gesinnungen zweifeln könnte. Wir Beide haben fortan Nichts mehr mit einander gemein, und das nur verlange ich jetzt von Ihnen zu wissen, welche Schuld auf mir oder meiner Mutter lastet, daß ich ihr nie im Leben angehören soll?«

»Gut – Du sollst es wissen, Undankbare!« sagte die Frau jetzt nach kurzem Zögern mit entschlossenem Blick – »Du sollst es wissen, um zu fühlen, wie allein Du auf der Welt stehst, und wie es mich Ein Wort kostet, Herrn von Pulteleben, auf dessen Hülfe Du jetzt pochst, von Dir zurücktreten zu lassen. Ich hoffe, Du wirst dann vernünftig werden und einsehen, wie ich nur stets und immer Dein Bestes gewollt, wie ich es noch will, und wie kein Mensch hier so für Dich sorgen kann und wird, als gerade ich. Vielleicht ist es auch gut so, daß der Brief in Deine Hände kam, denn über kurz oder lang hättest Du es doch erfahren müssen. Es wird Deinen starren Charakter milder und nachgiebiger machen und Dich wieder in die Arme der Frau führen, die bis jetzt allein eine wirkliche und wahre Mutter für Dich gewesen ist. Pulteleben selber wird es mir später danken – wenn er auch Nichts davon zu wissen braucht.«

»Herr von Pulteleben,« sagte Helene mit all' der alten Bitterkeit im Ton – »doch davon später – nun Ihr Geheimniß, Madame, wenn es Ihnen gefällig ist.«

Die Frau war selber zum Äußersten gereizt; sie stand rasch vom Sopha auf, ging nach der Thür, öffnete sie und sah hinaus. Dann kam sie zurück auf Helenen zu, bog sich zu ihr nieder und flüsterte ihr einige Worte in's Ohr.

Helene wurde todtenbleich; sie schloß die Augen und stand wohl eine Minute lang regungslos wie aus Stein gehauen. Dann hob sie die Hände, deckte ihr Antlitz, und heiße, heiße Thränen quollen ihr zwischen den Fingern durch. Endlich sah sie wieder auf. Ihr Gesicht war marmorbleich, aber ohne einen Zug von Schmerz oder Leid, und sie wandte sich, als ob sie das Zimmer verlassen wollte.

»Geh' jetzt nicht, Kind,« sagte aber die Frau, ihre Hand ergreifend und sie zurückhaltend – »die Leute draußen brauchen nicht zu erfahren, daß zwischen uns irgend ein Mißverständniß vorgefallen. Bleibe hier in meinem Zimmer, bis Du Dich vollständig erholt hast, und denke ruhig über das Gehörte nach; Dein eigener gesunder Verstand wird Dir dann schon sagen, was Du zu thun und zu lassen hast.«

»Und glauben Sie, daß ich darüber auch nur noch einen Augenblick in Zweifel bin?« fragte das Mädchen, und der Blick, den sie auf die Frau heftete, schien sich in deren Inneres zu bohren.

»Was das Kind für einen Trotzkopf hat,« sagte die Frau, den Kopf herüber und hinüber werfend – »es ist nur ein Glück, daß Andere noch für Dich denken und handeln, Du richtetest Dich von vorn herein zu Grunde. Der arme Pulteleben wird seine bittere Noth mit Dir bekommen.«

»Ich glaube nicht, daß ich Herrn von Pulteleben je belästigen werde,« erwiederte Helene. »Ich hatte mich dem Furchtbaren gefügt, einen Mann zu heirathen, den ich nicht liebe – ja, nicht einmal achten konnte, nur der Mutter wegen. Ich glaubte damit eine Schuld loszukaufen, die schwer auf meiner Seele lastete. Gott sei Dank, daß der Himmel wenigstens das Opfer nicht von mir angenommen hat – ich wäre unglücklich und elend gewesen mein ganzes Leben lang.«

»Helene, sei vernünftig!« rief Madame Baulen erschreckt; »Du wirst doch nicht ...«

»Ich werde Herrn von Pulteleben sein Wort zurückgeben.«

»Das darfst Du nicht ...«

»Und wenn Sie mich drängen, ihm auch sagen, weshalb.«

»Du handelst wie eine Wahnsinnige. Und wovon willst Du leben?«

»Was mein Eigenthum hier im Hause ist, mein Instrument, meinen Schreibtisch, meine Bücher und mein Pferd werde ich zum Theil verkaufen, und mit dem Erlös mein Leben fristen, bis ich mir selber in ehrlicher Weise mein Brod verdienen kann.«

»Aber das Geschäft, das wir begonnen haben – Herr von Pulteleben wird den Augenblick zurücktreten, wenn Du ihn so auf das Tödtlichste beleidigst.«

»Und was kümmert das mich

Die Frau erschrak, denn erst jetzt fühlte sie, daß sie ihr Spiel mit Helenen vollständig verloren hatte. Das Mädchen, welches sie die langen Jahre benutzt, mit allen nur erdenkbaren Intriguen ein bequemes Wohlleben für sich und ihren vollkommen nutzlosen Sohn zu schaffen, glitt ihr unter den Händen fort, und zum ersten Mal trat ihr die furchtbare Möglichkeit vor Augen, daß sie auf sich selber angewiesen werden könne. Helene aber, die wohl ahnen mochte welche Gedanken sie jetzt bewegten, wandte sich verächtlich von ihr ab, und schritt der Thür zu, die sie aufschloß. Dort blieb sie noch einmal stehen und sagte, ohne sich aber umzusehen:

»Was ich heute oder morgen über meinen künftigen Aufenthaltsort beschließen werde, weiß ich noch nicht – aber ich weiß, daß ich ein Recht habe, hier in diesem Hause zu wohnen, so lange ich es für passend finde. Ich werde Sie später das Nöthige wissen lassen« – und ehe Madame Baulen ein Wort darauf erwiedern konnte, war sie durch die Thür verschwunden.

Arno von Pulteleben, ahnungslos über alles Das, was in der nämlichen Zeit unter ihm vorging, saß indessen oben in seinem Zimmer, kaute an seiner Feder und verdarb ein paar Bogen sehr gutes Velinpapier mit seinen poetischen Ergießungen über die Erbärmlichkeit des Menschengeschlechts, die endlich darauf hinausliefen, daß er Helenen als einen Engel schilderte, der eigentlich gar nicht hieher gehöre, und einzig und allein aus Versehen auf die Welt gekommen sei.

Von dem nämlichen Engel – er war gerade aufgestanden, hatte seinen Rock wieder angezogen, seine Frisur in Ordnung gebracht, und wollte eben hinunter gehen, um seine Verlobte aufzusuchen – erhielt er da einen Brief, den die alte Dorothea heraufbrachte und den er mit einem selbstzufriedenen Lächeln öffnete. Was konnte ihm seine Braut anders schreiben als einen freundlichen Morgengruß! Der Brief lautete:

»Herrn Arno von Pulteleben.

»Mein Herr! Wir sind Beide das Opfer einer Täuschung geworden. Der einzige Trost nur bleibt mir, daß es noch nicht zu spät ist, den Schritt zurück zu thun, der uns für dieses Leben an einander ketten sollte. Ich weiß, daß Sie von Herzen ein guter Mensch sind, aber – wir passen nicht für einander – ich habe Sie nie geliebt, und wir wären auch nie glücklich zusammen geworden.

»Die einzige Bitte, die ich noch an Sie habe, ist: meinen festen und unumstößlichen Entschluß zu achten, und keinen Versuch zu machen ihn zu ändern – es wäre doch vergeblich.

»Indem ich Ihnen noch hiermit für die freundliche Gesinnung danke, die Sie mir stets bewiesen, und in dem Bewußtsein, selbst mit diesem Schritt Nichts gethan zu haben, was mich könnte in Ihrer Achtung sinken lassen, zeichnet sich

Helene

Herr von Pulteleben las den Brief drei- oder viermal durch, und drehte ihn dann immer noch in der Hand herum und besah ihn als ob er in einer vollkommen fremden, ja unbekannten Sprache geschrieben wäre. Endlich bekam sein Erstaunen Worte, ohne sich aber anfänglich auch nur in mehr als gebrochenen Sätzen und Ausrufungen zu äußern.

»Opfer einer Täuschung? – einziger Trost? – guter Mensch? – unumstößlicher Entschluß? – Achtung sinken lassen? – Bin ich denn verrückt, oder ist irgendwo im Weltgebäude eine Schraube losgegangen? – Freundliche Gesinnung? – Bewußtsein? – Wenn ich auch nur Ein Wort von dem ganzen Brief verstehe, will ich mir den Hals mit einem Falzbein abschneiden lassen! – Hab' ich denn nur, um Gottes Christi willen, irgend Etwas in der weiten Welt gethan, womit ich sie hätte beleidigen können? – Hab' ich denn je, auch nur einen Augenblick, die schuldige Ehrerbietung aus den Augen gesetzt? – Hat denn nicht die Schwiegermutter selber – holla, da sitzt der Haken – in dem Kuchen hat die Schwiegermutter wieder einen Finger – meinen Kopf wollte ich drauf verwetten! Das ist wirklich eine ganz erschreckliche Frau, und es wird wieder viel, sehr viel Geld kosten, um sie vollkommen zufrieden zu stellen. Jetzt bin ich nur neugierig, was sie nun haben will, denn bis jetzt hat sie mir auch nicht die geringste Andeutung gegeben. Na, es wird schon herauskommen,« tröstete er sich selber, »denn damit hält sie gewöhnlich nicht lange hinter dem Berge.«

Mit dieser Schlußfolgerung hatte sich von Pulteleben vollkommen beruhigt, denn er war jetzt so fest überzeugt, daß der ganze Brief auf Nichts weiter als eine pecuniäre Laune der Schwiegermutter hinauslief, daß er sich weiter gar keine Sorgen mehr machte. Helene konnte ja doch die Zeilen nicht im Ernst geschrieben haben. Übrigens bildeten sich bei ihm schon ganz in der Stille dunkle Pläne von Widersetzlichkeit gegen das drückende Regiment der Schwiegermutter – »wenn er nur erst einmal verheirathet war« – denen er aber vorerst noch keine bestimmte Form gab.

Somit nahm er allerdings die ganze Sache auf die leichte Achsel. Aber es war ihm doch trotzdem ein unbehagliches Gefühl, sich den Morgen nach seiner Verlobung, den er sich so wunderhübsch gedacht und ausgemalt, auf eine solche Weise verbittern zu lassen, und er beschloß, ohne Weiteres hinunterzugehen, und der Sache auf den Grund zu kommen; nachher – daran zweifelte er keinen Augenblick – war dann Alles rasch in's Reine gebracht.

Diesem Vorsatz ließ er die That auf dem Fuße folgen, und um die Sache gleich beim richtigen Ende anzufassen, gedachte er sich vor allen Dingen der Schwiegermutter zu versichern, erstaunte aber nicht wenig, als er deren Thür noch immer verschlossen fand, und auf sein Anklopfen von innen die Antwort erhielt, sie sei nicht recht wohl, und könne ihn jetzt unmöglich sehen.

Auch Helenens Thür blieb für ihn verschlossen, und selbst zum Mittagessen ließ sich keine der beiden Damen sehen; Pulteleben mußte mit Oskar, dem er aber natürlich kein Wort von dem Vorgang sagte, seine Mahlzeit allein verzehren.

In dem kleinen, sonst so ruhigen Städtchen war es indessen merkwürdig lebhaft und bewegt geworden. Die Leute liefen auf der Straße, oder standen in kleinen Gruppen zusammen, irgend Etwas eifrig zu besprechen. Es mußte augenscheinlich etwas ganz Außergewöhnliches vorgegangen sein, das sie derart bewegen konnte. Selbst Herr von Pulteleben merkte das, und als er aus reiner Verzweiflung noch einmal unten in den Arbeitssaal getreten, und dann vor die Thür ging, um frische Luft zu schöpfen – die ganze Atmosphäre kam ihm heute so dumpf und schwül vor – fiel ihm eben dieses rege Leben auf.

»Na, was ist denn – was habt Ihr denn heute?« fragte er einen vorbeigehenden Arbeitsmann, der ebenfalls in großer Eile zu sein schien.

»Sie haben ihn gefunden!« sagte dieser, und zog seine Mütze ab.

»Gefunden – wen?«

»Nu, den Justus!« sagte der Mann.

»Den Justus? – Wer ist denn der Justus?«

»Na, der verrückte Schneider, von dem man geglaubt hatte, daß er durchgebrannt wäre. Todtgeschlagen haben sie ihn im Wald, den armen Teufel, und jetzt läuft Alles hinaus, um ihn anzusehen, denn er soll so schrecklich zugerichtet sein, daß er sich gar nicht mehr transportiren läßt – bei die Hitze auch!«

Und der Mann machte ebenfalls daß er hinauskam, um sich den schauerlichen Anblick eines Ermordeten zu gönnen, und dann Nächte lang in dem Gedanken daran nicht schlafen zu können.

Herr von Pulteleben, froh nur Etwas zu haben, das ihn in diesem Augenblick von seinen Gedanken abzog, schlenderte langsam mit hinaus, um sich das Nähere selbst anzusehen.

Vor Buttlich's Wirthshaus hielt eine Familie, die eben, wie es schien, ausziehen wollte. Es war Bux mit Frau und Kindern, und der Mann beschäftigt, das wenige Gepäck das er bei sich führte, auf einen Esel zu laden. Die Frau und der älteste Junge halfen ihm dabei, und das Kleinste lag vor dem Haus auf seinem Bettchen, damit es die Mutter gleich nehmen konnte, wenn es schrie.

Bux hatte den größten Theil seiner Sachen theils versetzt, theils verkauft – um nicht zu verhungern, wie er sagte – und wollte nun Santa Clara verlassen, um in einer andern Colonie sein »Glück« zu versuchen. Schon seit ein paar Tagen hatte er das bewerkstelligt, und heute Morgen brach er mit seiner Familie auf.

Gerade als von Pulteleben vorüberging, schnürte er das Gepäck auf dem Esel fest, und der Junge sollte ihm von der andern Seite das Seil herübergeben. Er reichte ihm aber aus Versehen das falsche, und als er seinen Fehler auf Anschreien des Vaters, der ihn dadurch nur noch verwirrter machte, nicht gleich verbesserte, sprang der rohe Mensch um den Esel herum, und trat den armen Jungen mit einem gotteslästerlichen Fluch gegen den Schenkel, daß er heulend mitten in die Straße flog.

»Aber Ihr seid doch wahrhaftig schlimmer als ein Vieh,« rief von Pulteleben, der Zeuge dieser Scene gewesen war, entrüstet aus – »das nehme mir denn doch kein Mensch übel!«

»Geht's Euch was an?« knurrte der Mann, indem er, ohne sich um seinen mißhandelten Jungen weiter zu bekümmern, das Seil selber herumwarf und festschnürte, und zwar so fest, daß das arme Thier kaum noch athmen konnte – »einen Quark habt Ihr drein zu reden, und ich kann mit meinem Jungen machen was ich will!«

»Gefühlloser Mensch,« murmelte der junge Mann vor sich hin und ging vorbei, denn er dachte gar nicht daran, sich mit einem so rohen Burschen auf offener Straße in einen Streit einzulassen. Er hätte auch jedenfalls den Kürzeren ziehen müssen.

Die Leute zogen sich die Straße hinauf, in welcher der Schneider Justus gelebt hatte. Vor der Thür seiner Wohnung stand die alte Frau und erzählte heulend und schreiend drei oder vier anderen alten Damen Scenen aus dem Leben des Verstorbenen, die als höchst brauchbarer Stoff zu weiterer Verwendung begierig aufgefangen wurden.

Herr von Pulteleben ging die Straße hinauf, weiter und weiter. Er bedauerte schon sein Pferd nicht mitgenommen zu haben, denn er war kein Freund von langen Spaziergängen, aber es ließ sich jetzt nicht mehr ändern – der Weg zog sich schmählich in die Länge und die Sonne brannte unausstehlich. Jetzt bogen die Leute rechts ab und kletterten in die heißen Felsen hinauf, in denen ein, gegenwärtig freilich sehr unbedeutender Bergbach in der Regenzeit mächtiges Gestein mit heruntergewaschen und durch einander geworfen hatte. Oben zog sich ein kleiner Damm quer durch die Schlucht, der einen dünnen Wasserfall bildete, und rechts davon, vielleicht zweihundert Schritt entfernt, in einem Dickicht von Lorber und Cactus, lag die furchtbar entstellte Leiche des Ermordeten, der man sich unter dem Winde gar nicht nähern durfte.