»Aber wie kann das sein – Rohrlands ...«
»Brauchen gar nicht zu wissen, daß das nicht eine schon seit Monaten zwischen uns abgemachte Sache gewesen. Ist die Familie drüben? Ja? Ich bin gleich wieder da!«
Wie der Blitz fuhr er zur Thür hinaus und kam nicht zwei Minuten später mit den erstaunten Eheleuten in's Zimmer, wo Helene noch immer rathlos, keines Gedankens fähig, stand.
»Liebe Frau Rohrland – lieber Herr Rohrland – ich habe hier das Vergnügen, Ihnen die künftige Gräfin Rottack vorzustellen. – Liebe Helene, thu' mir den einzigen Gefallen und ziehe ein freundliches Gesicht, die Herrschaften glauben sonst, es wäre eine gezwungene Heirath.«
»Aber liebe, beste Helene!« rief die junge Frau und flog dem Mädchen in die Arme.
»Wissen Sie, das können Sie Alles nachher beim Packen abmachen,« sagte Felix – »das Boot wartet unten auf uns, aber die Ebbe nicht, und wir dürfen Könnerns nicht allein fahren lassen. Nicht wahr, Sie helfen Helenen packen und begleiten sie dann hinunter, liebe, liebe Frau Rohrland?«
»Ja, von Herzen gern, aber ...«
»Gar kein Aber – ich schicke Jeremias im Sturmschritt mit dem Karren herauf, bis dahin sind Sie fertig. Nicht wahr, Sie kommen dann mit ihr an die Landung?«
»Ja, von Herzen gern – aber diese Hast ...«
»Erspart eine Masse von Weitläufigkeiten – lieber Rohrland, auf ein Wort,« und er faßte den ganz verblüfften Mann unter den Arm und führte ihn vor die Thür hinaus.
»In wie weit ist meine Braut noch hier in Ihrer Schuld?«
»In meiner Schuld? In gar Nichts. Im Gegentheil, ich habe noch Geld von ihr in Händen, für den Verkauf ihrer Sachen.«
»Desto besser; das zahlen Sie dann jener armen Frau des Mörders aus, den wir eingebracht haben; die braucht es nothwendig.«
»Aber ich begreife gar nicht.«
»Ich erzähle Ihnen Alles an Bord.«
»Ja, ich gehe ja gar nicht mit.«
»Das schadet Nichts,« rief Felix, indem er Rohrland umarmte und dann bei Seite schob – »also in zehn Minuten ist Jeremias mit dem Karren oben!« rief er nochmals zur Thür hinein, sprang dann hinaus, sah dort ein angebundenes Pferd stehen, setzte sich auf und sprengte im Carriere an die Landung hinunter.
»Nun sagen Sie nur um Gottes willen, wo Sie bleiben, Rottack?« rief ihm Könnern entgegen – »wir warten und warten hier.«
»Lieber Freund,« sagte Rottack – »ach Jeremias, nehmt doch Euern Karren und lauft was Ihr laufen könnt damit nach Rohrlands hinauf – es geht noch ein Passagier mit. – Lieber Freund, ich habe in der kurzen Zeit Etwas besorgt, wozu ein Anderer manchmal ein ganzes Lebensalter gebraucht, und dann noch nicht fertig wird. So recht, Jeremias, das ist ein Prachtbursche, und nicht mit Gold zu bezahlen.«
»Nehmen Sie sich Zeit,« sagte der Capitän des Dampfers, der mit an der Landung stand – »wir haben noch eine volle Stunde übrig und Nichts versäumt. Ich habe nur ein Wenig geeilt, weil ich schon weiß, daß Damen doch nicht immer gleich fertig werden.«
»Will Rohrland mit nach Rio? Er hat doch vorher kein Wort davon gesagt – und wo ist Günther?« fragte Könnern, als sie eine Weile an der Landung auf und ab gegangen waren.
»Fort – in den Wald,« sagte Rottack ernst – »ich habe Euch noch seine besten Grüße und Segenswünsche zu bringen.«
»Braver Günther,« sagte Könnern – »er hat Elisen die letzten Stunden nicht durch die Erinnerung an das Vergangene verbittern wollen. Apropos, Rottack, haben Sie Ihren Abschiedsbesuch bei der Frau Gräfin gemacht?«
»Allerdings.«
»Wahrhaftig?«
»Nun, gewiß – und sogar das Bild ihrer Tochter mitgebracht.«
»Ihrer Tochter?«
»Rohrlands bringen es mit, und ich werde Ihre Frau bitten, daß sie es mit in ihre Koje nimmt.«
»Ich verstehe Sie nicht.«
»Lieber, guter Könnern,« bat aber Rottack, der bis jetzt ungeduldig in die Stadt hinaufgesehen hatte – »ich kann Ihnen, bei Gott! jetzt keine nähere Erklärung geben, aber in zehn Minuten sollen Sie Alles wissen. Jetzt muß ich nur noch einmal in die Stadt – daß mir um Gottes willen Rohrlands das Bild nicht vergessen« – und von Könnern fort, der ihm kopfschüttelnd nachsah, sprang er wieder auf das Pferd und jagte damit den Weg zurück, den er gekommen.
Könnern zerbrach sich den Kopf, was der wunderliche Mensch nur heute haben könne, denn so hatte er ihn noch nie gesehen, und außerdem drängte jetzt wirklich ihre Zeit; der Capitän sah auch schon in immer kürzeren Zwischenpausen nach seiner Uhr – endlich ließ sich ein kleiner Trupp von Damen und Herren erkennen, die mit Jeremias an der Spitze rasch zur Landung herunter kamen.
Könnern und Sarno schritten ihnen entgegen, etwas erstaunt, die junge Comtesse mit in der Begleitung und an Felix' Arm zu sehen, und grüßten die Damen.
»Nun, Sie haben sich noch entschlossen, mit nach Rio zu gehen, mein guter Herr Rohrland?« fragte Sarno.
»Ich? Denke gar nicht daran, aber – so viel ich weiß ...«
»Gräfin Rottack,« stellte Felix in diesem Augenblick seine wie Purpur erglühende Braut vor – »die Zeit genügte freilich nicht mehr, uns noch trauen zu lassen, aber dazu bietet sich in Rio die Gelegenheit, und bis dahin, meine beste Frau Könnern, empfehle ich mein liebes Bräutchen Ihrem mütterlichen Schutz.«
»Jetzt seh' Einer den Duckmäuser an,« rief Könnern lachend aus, »und nicht ein Wort hat er uns die ganze Zeit gesagt.«
»Ich kann ein Geheimniß wunderbar bewahren,« lachte der junge Graf, indem er Helene der jungen Frau zuführte – »aber nun in's Boot. Sie haben lange genug auf uns gewartet – hieher, Jeremias – das zum Andenken.«
»Hurrjeh, das langt!« sagte der kleine Bursche mit vergnügtem Gesicht.
»Eine recht glückliche Reise!« riefen die am Ufer Stehenden dem Boote nach, das in den Strom hinaushielt, und Sarno und Rohrlands winkten mit Tüchern und Hüten.
»Ade! Ade!« tönte der Ruf zurück, und von den raschen Rudern getrieben, schoß das Boot die glatte Bahn entlang, seinem Ziele entgegen.
Ende.
Druck von G. Pätz in Naumburg.
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Großgeschriebene Umlaute sind im Original als Ae, Oe und Ue abgedruckt und wurden durch Ä, Ö und Ü ersetzt. Offensichtliche Fehler wurden korrigiert, bei Zweifeln der Originaltext beibehalten. Änderungen in der Schreibweise sind in der nachstehenden Liste ausgewiesen, Änderungen in der Zeichensetzung nicht.
| Original | Änderung |
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| Seite 23 | |
| ein sehr großes Theebrett mit einer Anzahl Tassen | ein sehr großes Theebret mit einer Anzahl Tassen |
| Seite 37 | |
| ein leichtes, fast spöttisches Lacheln um seine Lippen | ein leichtes, fast spöttisches Lächeln um seine Lippen |
| Seite 46 | |
| als sie den Dienst meiner Mutter verließen | als Sie den Dienst meiner Mutter verließen |
| Seite 87 | |
| Er hielt unwillürklich mitten im Binden | Er hielt unwillkürlich mitten im Binden |
| Seite 227 | |
| hatte bei ihm den Zauber eingebüßt, der sie son verklärte | hatte bei ihm den Zauber eingebüßt, der sie sonst verklärte |
| Seite 247 | |
| mehr als dreihundert Männer im Hemdsärmeln | mehr als dreihundert Männer in Hemdsärmeln |
| Seite 260 | |
| denn ein solche Schaar deutscher Colonisten | denn eine solche Schaar deutscher Colonisten |