Mein Kosak war nicht wenig erstaunt, als er mich beim Erwachen vollständig angezogen fand; indessen gab ich ihm keine weiteren Gründe dafür an, sondern legte mich ins Fenster und schaute eine Zeitlang nach dem dunkelblauen mit zerrissenem Gewölk besäeten Himmel, nach dem fernen Ufer der Krim, das sich wie ein Lilastreifen am Horizonte dahinzieht, bis es zuletzt in einen Felsen ausläuft, auf dessen Gipfel ein Leuchtturm schimmert, und begab mich endlich nach der Festung Fanágora, um mich beim Kommandanten über die Stunde meiner Abreise nach Gelendschick zu erkundigen.

Aber leider konnte mir der Kommandant durchaus nichts Bestimmtes darüber sagen. Die im Hafen liegenden Schiffe waren alle entweder Wachtschiffe oder Handelsschiffe, die sogar ihre Ladung noch nicht einmal eingenommen hatten. „Vielleicht kommt ein Postschiff in drei, vier Tagen hier an,“ sagte der Kommandant, „und dann wollen wir sehen . . .“

Ich ging finster und ärgerlich nach Hause. In der Thüre kam mir mein Kosak mit bestürztem Gesichte entgegen: — Hier ist’s faul, Euer Gnaden! raunte er mir zu. Ja, Bruder,26) Gott weiß, wann wir von hier fortkommen! Bei diesen Worten wurde er noch verlegener, beugte sich zu mir und zischelte mir ins Ohr: Hier ist’s nicht rein! Ich begegnete heute einem tschornomórskischen Kosakenunteroffiziere, mit dem ich bekannt bin, — ich stand voriges Jahr mit ihm in einer Abtheilung — so sagte ich ihm also, wo wir abgestiegen wären; darauf sagte er zu mir: Bruder, sagte er, da, Bruder, ist die Luft nicht rein; das sind keine gute Leute! . . . Ja, und nun bitte ich Einen in der That — was ist das für ein Blinder! lauft der Bengel überall allein herum, nach dem Bazar, und nach Brod und nach Wasser . . . Hier sind sie, wie es scheint, schon alle daran gewöhnt.

„Hat sich denn die Wirthin nicht wenigstens einmal blicken lassen? . . .“

— Ja, wie Sie heute aus waren, kam eine Alte mit ihrer Tochter heraus.

„Was für eine Tochter? Sie hat ja keine Tochter.“

— Ja, dann weiß Gott was sie ist, wenn sie nicht ihre Tochter ist; sehen Sie, da sitzt die Alte gerade vor ihrem Fenster. —

Ich ging in die elende Hütte hinein. Der Ofen war stark geheizt und eine für arme Leute wahrhaft üppige Mahlzeit wurde darin gekocht. Die Alte antwortete auf alle meine Fragen, daß sie taub sei und mich nicht verstehen könne. Was war mit ihr anzufangen? Ich wandte mich also an den Blinden, der vor dem Ofen kauerte und Reisig ins Feuer warf. „Nun, Du kleiner blinder, Teufel,“ sagte ich, indem ich ihn am Ohre faßte, „wohin bist Du denn diese Nacht mit dem Bündel gelaufen, he?“

Fängt der Junge an zu weinen und zu schreien und zu heulen: — Wohin gegangen? Ich nirgend gegangen . . . Mit einem Bundel? Was für a Bundel? —

Diesmal hatte auch die Alte Ohren und fing an zu belfern: „Das ist erlogen, und noch dazu gegen einen Unglücklichen! Wofür halten Sie ihn denn? Was hat er Ihnen denn gethan?“

Mir war der ganze Kram höchst langweilig, darum ging ich ohne Weiteres fort, fest entschlossen, den Schlüssel zu diesem Räthsel zu entdecken. Ich wickelte mich in meine Burka, setzte mich am Zaune auf einen Stein, und schaute in die Ferne; vor mir dehnte sich das vom nächtlichen Sturme noch aufgeregte Meer aus, und sein eintöniges Getöse und Gestöhn erinnerte mich, gleich dem nächtlichen Straßengerolle einer großen Stadt, an die dahingeschwundenen Jahre und versetzte meine Gedanken nach dem Norden, in unsere kalte Residenz. Von Erinnerungen ergriffen, vergaß ich mich selbst . . . So saß ich wohl eine Stunde und länger . . . . Plötzlich berührt etwas wie Gesang mein Ohr. Wahrhaftig, das ist ein Liedchen, und noch dazu von einer frischen Mädchenstimme gesungen, — aber wo kommt es her? Ich lausche — eine herrliche Melodie, jetzt gedehnt und traurig, dann wieder rasch und feurig; ich blicke um mich — sehe aber Niemanden rundum; ich lausche wieder — die Töne scheinen geradezu vom Himmel zu fallen. Da richtete ich meinen Blick in die Höhe und siehe da: auf dem Dache meiner Hütte stand ein Mädchen in einem gestreiften Kleide, mit aufgelösten, loseflatternden Zöpfen, eine leibhaftige Undine. Sie schützte ihre Augen mit den flachen Händen vor den Sonnenstrahlen und schaute starr in die Ferne, bald mit sich sprechend und lachend, bald wiederum ihr Liedchen singend.

Ich erinnere mich dieses Liedchens noch Wort für Wort:

Auf dem freien Wellchen dort —

Auf dem grünen Meere,

Tanzen Schiffe auf und ab

Weißbesegelte.

Zwischen jenen Schiffen tanzt

Auch mein Nachen durch,

Nachen ohne Mast und Tau,

Doppelrudriger.

Fängt der Sturm sein Liedchen an

Ach, die alten Schiffe all’

Lüften ihre Flügelchen,

Stieben auseinander all’.

O, dann flehe ich das Meer

Leise, leise, leise:

Rühr’ nicht an, Du böses Meer

Meine Lódotschka.27)

Denn es trägt die Lódotschka

Sachen wunderbar und schön,

Und es führt in dunkler Nacht

Sie ein Brausekopf heran.28)

Unwillkührlich erinnerte ich mich, daß ich in vergangener Nacht dieselbe Stimme gehört hatte; ich dachte einen Augenblick darüber nach; als ich aber wieder nach dem Dache blickte, war das Mädchen nicht mehr da. Plötzlich eilte sie an mir vorüber, und etwas anderes anstimmend und mit den Fingern dazu schnalzend, rannte sie zur Alten und gerieth auch sogleich mit ihr in einen heftigen Wortwechsel. Die Alte wurde sehr böse und schlug ein lautes, tiefes Gelächter auf. Auf einmal sehe ich wieder wie meine Undine von ihr weghüpft; als sie bis zu mir herangekommen war, blieb sie plötzlich stehen und sah mich durchdringend an, als ob sie über meine Gegenwart verwundert wäre, worauf sie sich gleichgültig umkehrte und langsam der Anfahrt am Ufer zuschritt. Allein damit war’s noch nicht zu Ende: den ganzen Tag drehte sie sich um meine Wohnung herum; Gesang und Sprünge wechselten ununterbrochen miteinander ab! — Ein seltsames Wesen! Auf ihrem Gesichte war nicht das geringste Zeichen der Geistesabwesenheit ausgedrückt; im Gegentheil, ihre Augen ruhten oft mit einem durchdringenden Funkeln auf mir, und diese Augen schienen mir mit einer seltsamen magnetischen Kraft begabt, auch kam es mir immer vor, als ob sie mich gleichsam zu einer Frage aufforderten. So wie ich aber anfing zu sprechen, lief sie mit einem feigen Lächeln eiligst davon. —

Ein solches Frauenzimmer ist mir wahrhaftig noch nicht vorgekommen. Sie war durchaus nichts weniger als schön; allein ich habe auch in Betreff der Schönheit so meine eigenen Ideen . . . Es steckte viel Race in ihr . . . und bei Frauenzimmern und Pferden ist die Race eine wichtige Sache: dies ist eine Entdeckung des jungen Frankreichs. Sie, die Race, und nicht die Entdeckung des jungen Frankreichs, giebt sich zu erkennen am Gange, an den Händen und den Füßen und ganz besonders an der Nase, die eine hochwichtige Bedeutung hat. Eine regelmäßige Nase ist in Rußland noch viel seltener als ein kleiner Fuß. Meine Sirene mochte ungefähr 18 Jahr alt sein. Die ungewöhnliche Schlankheit ihrer Taille, eine ganz besondere nur ihr eigenthümliche Haltung des Kopfes, ihr langes blondes Haar, so wie ein gewisser goldiger Schein ihrer leicht verbrannten Haut an Hals und Schultern, und nun vor Allem ihre regelmäßige Nase — alles dies übte einen geheimen Zauber über mich aus. Trotzdem ich in ihren Seitenblicken etwas Wildes und Verdächtiges wahrnahm, trotzdem daß ihr Lächeln einen ganz besondern, unbestimmten Ausdruck hatte, so war doch die Macht des Vorurtheils so groß, daß mich ihre regelmäßige Nase ganz um den Verstand brachte: ich bildete mir ein Göthe’s Mignon — dieses wunderliche Gebilde seiner germanischen Einbildungskraft — gefunden zu haben, und in der That waren sich die Beiden so unähnlich nicht: dieselben raschen Uebergänge aus der allerüberspanntesten Aufregung in die vollständigste Regungslosigkeit, — dieselben räthselhaften Reden, dieselben Sprünge, seltsamen Gesänge u. s. w.

Gegen Abend hielt ich sie an der Thüre fest und hatte folgendes Gespräch mit ihr:

„Sag’ mir doch, Liebchen, was hast Du heut da oben auf dem Dache gemacht?“

— Ich sah, woher der Wind blies.

„Was kümmert Dich der Wind?“

— Woher der Wind kommt, kommt auch das Glück.

„So hast Du wohl gar mit Deinem Liedchen das Glück eingeladen?“

— Wo man singt, da sind die Menschen immer glücklich. —

„Wenn Dein Gesang nun aber Unglück brächte?“

— Was liegt daran? Wo nichts besser werden kann, da wird’s schlechter, und vom Schlechten zum Guten ist’s wieder nicht weit.

„Wer hat Dir denn diese Lieder gelehrt?“

— Gelehrt? Niemand; es kommt mir etwas in den Sinn — und ich fange an zu singen; wer es vernehmen soll, der begreift es schon, wer es aber nicht hören soll, der versteht es nicht. —

„Aber wie heißt Du denn, liebe Sirene?“

— Wer mich taufte, der weiß es schon.

„Und wer taufte Dich?“

— Ja, wie soll ich das wissen?

„Ei, Du Geheimnißvolle, Du! Aber siehst Du, etwas habe ich doch von Dir erfahren.“ Sie gab durch keine Veränderung ihrer Züge, durch kein Zucken ihrer Lippen zu erkennen, daß von ihr die Rede war.

„Ich habe also erfahren, daß Du gestern Nacht am Ufer warst.“ Und nun erzählte ich ihr mit vieler Wichtigkeit alles was ich gesehen hatte und hoffte sie in Verlegenheit zu setzen; nicht im Geringsten! Sie fing an aus voller Kehle zu lachen.

— Da haben Sie freilich viel gesehen und wissen doch wenig, und was Sie wissen, das halten Sie ja hübsch unter Schloß und Riegel. —

„Aber wenn es mir nun einmal einfiele, das dem Kommandanten zu hinterbringen?“ sagte ich mit einer sehr wichtigen, ja sogar strengen Miene.

Da sprang sie plötzlich mit einem liedartigen Schrei davon und verbarg sich, gleich einem Vögelchen, das aus einem Busche aufgescheucht worden. — Meine letzten Worte waren durchaus nicht am rechten Orte; damals ahnte ich noch nicht ihre Wichtigkeit, hatte aber in der Folge Gelegenheit sie zu bereuen. —

Mit dem Einbruche der Dämmerung befahl ich meinem Kosaken, den Thee, wenn auch kalt, anzusetzen, steckte ein Licht an, setzte mich an den Tisch und rauchte gemüthlich mein Reisepfeifchen. Ich hatte bereits mein zweites Glas Thee ausgetrunken, als plötzlich die Thüre knarrte und das leichte Rauschen eines Kleides und flüchtiger Tritte in meiner Nähe hörbar ward; ich fuhr zusammen und sah mich um, — siehe da, meine Undine. Sie setzte sich leise und lautlos mir gegenüber und heftete ihre Augen auf mich, und — ich weiß nicht recht warum — ihr Blick kam mir wunderbar zärtlich vor; er erinnerte mich an einen jener Blicke, welche in früheren Jahren so eigenmächtig mit meinem Leben gespielt hatten. —

Sie schien eine Frage von mit zu erwarten, allein ich schwieg, von einer unerklärlichen Aufregung überwältigt. Ihr Gesicht war von einer Todtenblässe überzogen, welche die innere Aufregung nur zu sehr verrieth; ihre Hand fuhr ohne Zweck auf dem Tische herum, und ich bemerkte ein leichtes Zittern an ihr; ihr Busen wogte bald hoch auf, bald schien sie wieder den Athem an sich zu halten. Diese Komödie fing an mir lästig zu werden, und ich war so eben im Begriff, dies Schweigen auf die allerprosaischste Weise von der Welt zu unterbrechen — nämlich, ihr eine Tasse Thee anzubieten — als sie plötzlich aufsprang, meinen Hals mit ihren Armen umwand, und ein feuchter, feuriger Kuß auf meinen Lippen wiederklang. Es wurde mir ganz düster vor den Augen, mein Kopf fing an sich zu drehen und ich drückte sie in meiner Umarmung mit aller Gewalt der jugendlichen Leidenschaft; aber sie schlüpfte mir wie eine Schlange aus den Armen und raunte mir ins Ohr: „Heute Nacht, wenn alles schläft, komm nach dem Ufer,“ und fuhr wie ein Blitz aus dem Zimmer. Auf dem Flure rannte sie die Theekanne und das Licht um, die beide auf dem Fußboden standen. „Was für ein Höllenmädel!“ schrie der Kosak, der darauf gerechnet hatte, sich an den Ueberbleibseln des Thee’s gütlich zu thun, und sich nun auf seine Streu hinstreckte. Jetzt erst kam ich wieder zu mir.

Nach ungefähr zwei Stunden, als alles im Hafen still geworden war, weckte ich meinen Kosaken auf: „Wenn Du einen Pistolenschuß hörst,“ sagte ich zu ihm, „so kommst Du nach dem Ufer!“ Er riß die Augen auf und antwortete mechanisch: „Sehr wohl, Ew. Gnaden.“ — Ich steckte die Pistole in den Gurt und ging. Sie erwartete mich bereits am Rande der Abfahrt; ihre Kleidung war mehr als leicht, ein kleines Tuch umwand ihre schlanke Taille anstatt einer Schärpe.

„Folgen Sie mir!“ sagte sie, indem sie mich bei der Hand faßte; — wir stiegen das Ufer hinab. Ich begreife nicht, wie ich nicht den Hals dabei gebrochen; unten angekommen, wandten wir uns rechts, und schlugen denselben Weg ein, auf welchem ich unlängst dem Blinden gefolgt war. Der Mond war noch nicht aufgegangen; nur zwei Sternchen schimmerten wie zwei rettende Leuchtthürme am dunkeln Himmelsgewölbe. Schwerfällige Wellen rollten in abgemessenen Distanzen hintereinander her, hoben aber kaum den einzigen Nachen in die Höhe, der am Ufer festgebunden lag.

„Laß uns in den Nachen gehen,“ begann meine Gefährtin. Ich schwankte — ich bin kein Liebhaber von sentimentalen Spazierfahrten auf dem Meere; indessen war es jetzt nicht mehr Zeit davon abzustehen. Sie sprang in den Nachen, ich hinter ihr drein, und ehe ich mich dessen versah, bemerkte ich, daß wir schwimmen.

— Was soll denn das heißen? sagte ich ärgerlich.

„Das soll heißen,“ antwortete sie, mich auf die Bank drängend, und meine Taille mit den Armen umwindend, „das soll heißen, daß ich Dich so lieb habe . . .“ Und ihre Wangen preßten die meinigen und ich fühlte ihren glühenden Athem über mein Gesicht dahinstreifen. Auf einmal plumpst etwas ins Wasser; ich streife nach meinem Gürtel — die Pistole ist fort. O, da stahl sich ein fürchterlicher Verdacht in meine Seele und das Blut peitschte mir nach dem Kopfe! Ich blicke rund um — schon sind wir gegen vierhundert Fuß vom Ufer ab, und schwimmen kann ich nicht! Ich versuche es sie von mir zurückzustoßen, sie aber hat sich wie, eine Katze an meine Kleider festgeklammert; plötzlich stieß mich ein heftiger Stoß fast über Bord. Der Nachen fing an zu schaukeln, ich brachte ihn aber wieder ins Gleichgewicht, und nun begann zwischen uns ein verzweifelter Kampf; die Wuth verlieh mir zwar Kräfte, allein ich bemerkte sehr bald, daß ich meinem Gegner an Gewandtheit weit nachstand . . .

— Was willst Du doch von mir? schrie ich sie endlich an, und drückte ihre kleinen Hände mit ungeheurer Gewalt zusammen; ihre Finger krachten, sie gab aber keinen Laut von sich; ihre Schlangennatur hielt diese Probe aus.

„Du hast gesehen,“ entgegnete sie, „und Du willst angeben!“ und mit einer übernatürlichen Anstrengung riß sie mich am Bord zu Boden; wir schwebten Beide bis an die Hüften aus dem Nachen; ihre Haare berührten das Wasser: der Augenblick war entscheidend. Ich stemmte mich mit dem Knie fest gegen den Boden, ergriff sie mit der einen Hand bei den Haaren, mit der andern bei der Gurgel; da ließ sie meine Kleider los, und in demselben Augenblick stürzte ich sie auch ins Meer.

Es war bereits ziemlich dunkel geworden. Ihr Kopf tauchte noch einigemal aus den schäumenden Wellen hervor und dann war nichts mehr zu sehen . . .

Auf dem Boden des Nachens fand ich die Hälfte eines alten Ruders, vermittelst dessen es mit nach langen Anstrengungen endlich gelang, die Abfahrt zu erreichen. Als ich nun am Ufer entlang meiner Hütte zuschritt, blickte ich unwillkührlich nach jener Seite, wo der Blinde gestern Abend den nächtlichen Schiffer erwartet hatte; der Mond fing schon an am Himmel einherzuschreiten, und so schien es mir, als ob dort am Ufer etwas Weißes sitze; ich schlich mich, von der Neugierde gespornt, näher hinzu und legte mich hinter einem Vorsprung des Ufers der Länge nach ins Gras, von wo aus ich alles sehen konnte, was dort unten vorging und war nicht wenig erstaunt, nein, ich freute mich fast, meine Undine wieder zu erkennen. Sie drückte den Schaum des Meerwassers aus ihren langen Haaren; das nasse Hemd zeichnete ihre schlanke Taille und ihre hohe Brust in scharfen Contouren ab. Nicht lange, so zeigte sich in der Ferne ein Nachen, der sich rasch näherte; wie am vorigen Abende, sprang auch diesmal ein Mann mit einer tatarischen Mütze heraus, dessen Haar aber nach Kosakenart geschnitten war und in dessen ledernem Gurte ein großes Messer blinkte.

„Janko!“ sagte sie, „es ist alles verloren!“

Hierauf begann ein so leises Gespräch, daß ich nicht im Stande war, das Mindeste davon aufzufassen.

— Aber wo ist denn der Blinde? sagte endlich Janko mit etwas erhöhter Stimme.

„Ich habe ihn fortgeschickt,“ war die Antwort.

Es dauerte auch nicht lange, so kam der Blinde, mit einem Sacke auf dem Rücken, den er in das Boot abwarf.

— Höre, Blinder! sagte Janko, Du giebst gut Acht auf jenen Ort . . . Du weißt, da liegen reiche Waaren . . . sage dem (den Namen konnte ich nicht hören), daß ich ihm länger nicht dienen kann; die Sache hat eine schlechte Wendung genommen; er kriegt mich nicht wiederzusehen; es ist jetzt gefährlich; ich will mir an einem andern Orte Arbeit suchen, und er wird einen solchen Wagehals nicht sobald wieder finden. Du kannst ihm auch sagen, daß Janko ihn jetzt nicht im Stiche ließe, hätte er meine Mühe besser bezahlt; ich finde überall Brod, wo nur der Wind bläst und das Meer braust!“ Nach einigem Schweigen fuhr Janko fort: „Sie muß mit fort; sie darf hier nicht zurückbleiben; der Alten kannst Du nur sagen, daß sie ja die Ehre wahre, wenn es jetzt ihr Loos sein sollte umzukommen. — Uns seht Ihr nicht mehr wieder.“

— Aber ich? sagte der Blinde mit kläglicher Stimme.

„Was gehst denn Du mich an?“ war die Antwort.

Unterdessen war meine Undine in den Nachen gesprungen und hatte ihrem Gefährten mit der Hand zugewinkt; dieser drückte dem Blinden etwas in die Hand, indem er sagte: „Da, kaufe Dir Pfefferkuchen.“ — „Nichts weiter?“ sagte der Blinde. — „Nu, da hast Du noch mehr“ — ein fallendes Geldstück erklang auf dem Gesteine. Der Blinde nahm es nicht auf. Janko setzte sich in den Nachen; der Wind blies grade vom Ufer: rasch zogen sie ein kleines Segel auf und eilten auf den flüchtigen Wogen dahin. Lange schien beim Lichte des Mondes das weiße Segel zwischen den dunklen Wogen hervor; der Blinde saß noch immer am Meeresufer und ich glaubte ein Schluchzen zu vernehmen; in der That weinte der blinde Knabe lange, lange . . . Ich war traurig. Und warum warf mich doch das Schicksal in den friedlichen Kreis dieser ehrlichen Schleichhändler? Wie ein Stein, den man in eine glatte Wasserfläche wirft, hatte ich ihren Frieden aufgestört, und wie ein Stein wäre ich auch bald auf den Grund gesunken.

Ich kehrte nach Hause zurück. Auf dem Flure flackerte das aufgebrannte Licht auf einem hölzernen Teller und mein Kosak lag, trotz meines Befehles, im tiefsten Schlafe, mit beiden Händen das Gewehr haltend. Ich ließ ihn zufrieden, nahm das Licht und ging in das Zimmer. O weh! Meine Schatulle, meine Schaschka mit silberner Einfassung, ein Dagestaner-Dolch — das Geschenk eines Freundes — alles war verschwunden. Jetzt errieth ich wohl, was das für Sachen gewesen waren, die der verwünschte Blinde da herangeschleppt hatte. Obgleich ich nun meinen Kosaken mit einem ziemlich unsanften Stoße aufweckte und ihn tüchtig ausschalt, so war doch nichts mehr zu machen! Und wäre es nicht lächerlich gewesen, mich bei der Behörde zu beschweren, daß ein Blinder mich bestohlen und ein achtzehnjähriges Mädchen mich fast ertränkt hätte? Gott sei Dank, daß sich des Morgens Gelegenheit fand abzureisen und ich dies Nest verlassen konnte. Was aus der Alten und dem Blinden geworden ist, weiß ich nicht. Was gehn denn mich auch die Freuden und Leiden der Menschen an — mich, einen herumwandernden Offizier und noch dazu mit einem Passe in Kronsangelegenheiten! . . .

Die Fürstin Mary.

Dost thou drink tears, that thou provok’st such weeping?

Shakspeare, Venus and Adonis, Stanza 156.

11. Mai.

Gestern kam ich in Pätigorsk an und miethete ein Quartier am Ende der Stadt, auf einer sehr hochgelegenen Stelle, am Fuße des Máschuk, so daß während eines Ungewitters die Wolken sich bis auf mein Dach senken werden. Heut um fünf Uhr Morgens, als ich das Fenster öffnete, füllte sich mein Zimmer mit dem Dufte der Blumen an, welche in einem bescheidenen Vordergärtchen wachsen. Die Zweige der blühenden Süßkirsche schauen mir ins Fenster und der Wind überschüttet bisweilen meinen Schreibtisch mit ihren weißen Blüthenblättern. Von drei Seiten habe ich eine wunderschöne Aussicht. Gegen Westen liegt der fünfkuppige Beschtu im Blauen, wie „die letzte Wolke eines zerstobenen Sturmes“ gegen Norden erhebt sich der Máschuk, wie eine verbrämte Persermütze, und verdeckt diesen ganzen Theil des Himmelsgewölbes. Heiterer ist die Aussicht gegen Osten: unten, vor mir, liegt ein buntes reinliches, neues Städtchen, sprudeln die Heilquellen, rauscht die vielsprachige Menge, — und dort, weiterhin, thürmen sich die Berge, immer blauer und nebeliger, zum Amphitheater empor, und am Rande des Horizontes zieht sich die silberne Kette der Schneegipfel hin, mit dem Kasbek anfangend und mit dem zweikuppigen Elborus endigend. — — — In solchem Lande lebt’s sich heiter! Ein gewisses beruhigendes Trostgefühl ist durch alle meine Adern ergossen. Die Luft ist rein und frisch, wie der Kuß eines Kindes; die Sonne strahlend, der Himmel blau — wessen, so scheint es, bedarf man hier noch mehr? Wozu hier noch Leidenschaften, Wünsche, Bedauern? . . . Indessen ist es Zeit. Ich muß nun nach der Elisabethquelle gehen; man sagte mir, daß sich dort des Morgens die ganze Brunnengesellschaft versammelte.

Als ich mich in die Mitte der Stadt begab, ging ich auf den Boulevards umher, wo ich einige traurige Gruppen langsam den Berg hinaufsteigen sah; es waren meistentheils die Familien von Steppen-Gutsbesitzern; dies war leicht zu errathen an den abgetragenen altmodischen Ueberröcken der Herren und den geschmacklosen Kleidungen der Frauen und Töchter. Es war zu sehen, daß sie alle jungen Badegäste schon kannten, da sie mit zärtlicher Neugierde nach mir blickten: die Petersburger Form meines Waffenrockes führte sie irre; als sie indessen die Epauletten eines Armeeoffiziers an mir wahrnahmen, wandten sie sich unwillig von mir.

Die Frauen der Gegend selbst, so zu sagen die Brunnenwirthinnen, waren herablassender; sie haben Lorgnetten und richten ihre Aufmerksamkeit weniger auf die Uniform; sie sind bereits gewohnt, im Kaukasus unter einem nummerirten Knopfe ein feuriges Herz, und unter der weißen Mütze einen gebildeten Verstand anzutreffen. Diese Damen sind sehr gütig und sind es lange! Jedes Jahr werden ihre Verehrer durch Neue abgelöst und hierin liegt vielleicht das Geheimniß ihrer unerschöpflichen Liebenswürdigkeit. Als ich auf einem engen Pfade zur Elisabethquelle hinanstieg, überholte ich eine Menge Civil- und Militairpersonen, welche, wie ich später erfuhr, eine besondere Klasse von Leuten unter denen bilden, die auf eine Wirkung des Brunnens hoffen. Sie trinken — nur kein Wasser, gehn wenig spazieren, machen nur im Vorübergehen den Damen die Cour, spielen und klagen über Langeweile. Sie sind Stutzer und nehmen, so oft sie ihre umflochtenen Gläser in den Sauerbrunnen tauchen, eine akademische Stellung an; die Civilpersonen tragen hellblaue Halstücher, die Militairs lassen aus den Kragen die Vatermörder hervorgucken. Sie affektiren eine tiefe Verachtung gegen die Damen aus der Provinz und seufzen nach den aristokratischen Salons der Residenzen, wo sie nicht zugelassen werden.

Endlich bin ich am Brunnen . . . Auf einem Plätzchen unweit des Brunnens steht ein Häuschen mit einem rothen Dache über dem Becken; etwas weiter befindet sich eine Gallerie zum Spazierengehen während des Regens. Mehre verwundete Offiziere saßen auf einer Bank, ihre Krücken zusammenhaltend, blaß und traurig. Einige Damen gingen mit raschen Schritten auf und nieder, in Erwartung der Wirksamkeit des Wassers. Unter ihnen befanden sich zwei bis drei recht artige Gesichter. Aus den Nebenalleen, welche den Abhang des Máschuk bedecken, tauchte dann und wann das bunte Hütchen einer Liebhaberin der Einsamkeit zu Zweien hervor, denn stets bemerkte ich hinter einem solchen Hute eine Militairmütze, oder einen formlosen runden Hut. Auf dem steilen Felsen, wo ein Pavillon steht welcher den Namen Aeols-Harfe führt, standen einige Liebhaber von Aussichten, welche ihre Telescope nach dem Elborus richteten; unter ihnen befanden sich zwei Gouverneure mit ihren Zöglingen, die hierher gekommen waren, um sich von den Skrofeln heilen zu lassen.

Ich blieb erschöpft am Rande des Berges stehen und begann, an die Ecke des Häuschens gelehnt, die malerische Umgegend zu betrachten, als ich plötzlich hinter mir eine bekannte Stimme höre:

„Petschorin! schon lange hier?“

Ich wende mich um: Gruschnitzki! Wir umarmten uns. Ich hatte in einer aktiven Abtheilung seine Bekanntschaft gemacht. Er hatte eine Schußwunde am Beine, und war eine Woche später als ich ins Bad gereist. Gruschnitzki ist Fähndrich. Er dient erst seit einem Jahre und trägt aus ganz besonderer Koketterie einen dicken Soldatenmantel, auch hat er das St. Georgen Soldatenkreuzchen. Er ist wohlgebaut, hat eine dunkelbraune Gesichtsfarbe und schwarzes Haar; seinem Aeußern nach könnte man ihm fünf und zwanzig Jahre geben, ob er gleich kaum ein und zwanzig alt ist. Wenn er spricht, wirft er den Kopf hinten über und ringelt mit der linken Hand seinen Schnurrbart, denn mit der rechten stützt er sich auf die Krücke; auch spricht er schnell und hochtrabend: er ist einer von denen, die auf alle Vorfälle des Lebens schwülstige Redensarten in Bereitschaft haben, welche das einfach Schöne nicht rührt, und die sich wichtig in ungewöhnliche Passionen und ausnahmsweise Leiden hüllen. Effekt zu machen ist ihr höchster Genuß, darum gefallen sie den romantischen Damen der Provinz bis zum Wahnsinn. Im Alter werden sie theils friedliche Gutsbesitzer, theils Trunkenbolde, bisweilen das Eine und das Andere. In ihrer Seele liegen oft recht viele gute Eigenschaften, aber nicht für einen Heller Poesie. Gruschnitzki’s Leidenschaft war die des Deklamirens; er überschüttet einen mit Worten, sobald das Gespräch nur irgend den gewöhnlichen Ideenkreis verläßt; ich konnte nie mit ihm streiten. Er antwortet einem gar nicht auf das Gesagte, er hört einem gar nicht zu; kaum hält man aber etwas inne, so fängt er eine lange Tirade an, die sich scheinbar an das Gesagte anschließt, in der That aber nichts anders ist als die Fortsetzung seiner eigenen Rede.

Er ist ziemlich witzig; seine Epigramme sind oft recht unterhaltend, niemals aber sind sie treffend und bitter; er schlägt keinen mit Einem Worte nieder; er kennt nicht die Leute und ihre schwachen Seiten, denn er beschäftigte sich während seines ganzen Lebens nur mit sich selbst. Sein höchster Zweck ist — der Held eines Romans zu werden. Er war so oft bemüht die Andern davon zu überzeugen, daß er ein, nicht für diese Welt geschaffenes, einem gewissen geheimen Leiden überantwortetes Wesen sei, daß er zuletzt fast selbst daran glaubte. Darum trägt er auch mit solchem Stolze seinen dicken Soldatenmantel. Ich durchschaute ihn sogleich, deshalb liebt er mich auch nicht, obgleich wir äußerlich in den freundschaftlichsten Beziehungen stehen. Gruschnitzki steht im Rufe eines sehr tapfern Soldaten; ich sah ihn im Gefechte: er wirthschaftet mit dem Säbel herum, schreit und wirft sich mit blinzelnden Augen vorwärts. Das ist immer nicht die wahre russische Tapferkeit.

Ich mag ihn auch nicht leiden: ich fühle, daß wir einst einmal auf einem engen Wege zusammenstoßen werden, und es dem Einen von uns nicht wohl bekommen wird . . .

Seine Ankunft im Kaukasus ist ebenfalls eine Folge seines romantischen Fanatismus. Ich bin überzeugt, daß, am Vorabend seiner Abreise aus dem väterlichen Erbdorfe, er mit düsterer Miene irgend einer niedlichen Nachbarin sagte: daß er nicht Dienste nimmt, wie dies gewöhnlich geschieht, sondern, daß er den Tod sucht, weil . . . hier fährt er denn, die Hand über die Augen gehalten, fort: „Nein, Sie (oder Du) sollen das nie erfahren! Ihre reine Seele würde erbeben! Wozu das auch? Was bin ich Ihnen? Können Sie mich je verstehen? . . .“ und so fort.

So erzählte er mir selbst, daß der Grund, der ihn veranlaßte ins K. Regiment zu treten, ein ewiges Geheimniß zwischen ihm und dem Himmel bleiben würde.

Uebrigens ist Gruschnitzki in solchen Augenblicken, wo er die tragische Drappirung abwirft, recht liebenswürdig und unterhaltend. Es ist mir immer interessant, ihn mit Damen zu sehen; da kann ich mir vorstellen, wie er sich abquält.

Wir kamen uns wie alte Freunde entgegen. Ich fing an ihn über die Lebensweise im Badeort und die Hauptpersonen desselben zu befragen.

— Wir führen ein ziemlich prosaisches Leben, erwiederte er seufzend. Diejenigen, welche des Morgens Wasser trinken, sind welk, wie alle Kranken, die aber des Abends Wein trinken, sind unausstehlich wie alle Gesunden. Damengesellschaft ist wohl da; bei ihnen ist indessen wenig Trost zu holen: sie spielen Whist, kleiden sich schlecht, und sprechen schauderhaft französisch. In diesem Jahre ist aus Moskau nur die einzige Fürstin Ligoffska mit ihrer Tochter hergekommen; doch bin ich mit ihnen nicht bekannt. Mein Soldatenmantel scheint mir die allgemeine Abneigung zuzuziehen. Die Theilnahme, welche er etwa hervorruft, liegt wie ein Almosen auf mir.

In diesem Augenblicke gingen zwei Damen an uns vorbei, dem Brunnen zu; die eine ältlich, die andere jugendlich, wohlgebaut. Ihre Gesichter sah ich, der vorstehenden Hüte wegen, nicht; doch waren sie nach den strengsten Regeln des feinsten Geschmackes gekleidet: Nichts Ueberflüssiges. Die letztere trug ein hohes Kleid gris de perles; ein leichtes seidenes Fichu umwand ihren schlanken Hals. Ihre Stiefelchen couleur puce umspannten ihr dünnes Füßchen am Knöchel so reizend, daß selbst ein in den Mysterien der Schönheit Uneingeweihter unbedingt ein Ach! ausgestoßen hätte, wenn auch nur vor Verwunderung. Ihr leichter, doch sehr edler Gang hatte etwas mädchenhaftes, das jeder Erklärung entschlüpft, vom Blicke aber wohl verstanden wird. Als sie an uns vorüberging, wehte uns von ihr jener unerklärbare Duft entgegen, von welchem bisweilen der Brief eines reizenden Frauenzimmers athmet.

„Das ist die Fürstin Ligoffska,“ sagte Gruschnitzki, „und die mit ihr ist ihre Tochter Mary, wie sie dieselbe nach englischer Manier nennt. Sie sind erst seit drei Tagen hier.“

— Und doch kennst Du bereits ihre Namen?

„Ja, ich hörte sie zufällig,“ antwortete er erröthend, „ich gestehe ganz offen, ich wünsche gar nicht mit ihnen bekannt zu werden. Diese stolze Aristokratie blickt auf uns Armeeoffiziere wie auf Wilde herab. Und was kann es sie kümmern, ob unter einer nummerirten Feldmütze Verstand liegt und ein Herz unter einem dicken Soldatenmantel?“

— Armer Mantel! sagte ich lächelnd; aber wer ist der Herr, der auf sie zugeht und ihnen so dienstfertig das Glas reicht?

„O! Das ist der Moskauer Stutzer Rajéwitsch! Er ist ein Spieler: das sieht man sogleich an der enormen goldenen Kette, welche sich auf seiner blauen Weste herumschlängelt. Und was für einen dicken Stock er hat — absolut wie Robinson Crusoe; und nun gar diesen Bart und die Coiffüre à la mougik“!29)

— Du bist ja gegen das ganze Menschengeschlecht erbost.

„Ja, ich habe wohl Ursache . . .“

— O! wirklich?

In diesem Augenblicke verließen die Damen den Brunnen und gingen dicht an uns vorüber. Gruschnitzki war es eben noch gelungen, mit Hülfe seiner Krücke eine dramatische Position anzunehmen, und er antwortete mir laut auf französisch:

„Mon cher, je hais les hommes pour ne pas le mépriser, car autrement la vie serait une farce trop dégoutante.“

Die reizende junge Fürstin wandte sich um und beschenkte den Redner mit einem langen, neugierigen Blicke. Der Ausdruck dieses Blickes war ungemein unbestimmt, doch nicht ironisch, weshalb ich ihm im Innern der Seele dazu gratulirte.

— Diese Fürstin Mary ist das reizendste Wesen von der Welt, sagte ich zu ihm. Sie hat ein Paar sammetne Augen — absolute Sammetaugen: ich würde Dir rathen, Dir diesen Ausdruck anzueignen, wenn Du von ihren Augen sprichst; die unteren und oberen Augenwimpern sind so lang, daß die Sonnenstrahlen ihr nie den Augapfel berühren können. Ich liebe diese glanzlosen Augen: sie sind so weich, sie thun einem so wohl . . . Uebrigens däucht mir, drückt ihr Gesicht nur Gutes aus . . . Aber was ich sagen wollte . . hat sie auch weiße Zähne? Das ist sehr wichtig! Es ist Schade, daß sie auf Deine stattliche Phrase nicht lächelte.

„Du sprichst ja von einem schönen Frauenzimmer wie von einem englischen Pferde,“ sagte Gruschnitzki unwillig.

— Mon cher, entgegnete ich ihm, indem ich mich bemühte seinen Ton nachzuahmen: je méprise les femmes pour ne pas les aimer, car autrement la vie serait un mélodrame trop ridicule.

Ich wandte mich um und verließ ihn. Während einer halben Stunde ging ich in den Rebenalleen über die Kalkfelsen und durch die zwischen ihnen hängenden Büsche spazieren. — Allmälig wurde es aber heiß, so daß ich den Rückweg nach Hause antrat. Als ich an dem Sauerbrunnen vorüberging, hielt ich an der steilen Gallerie still, um in ihrem Schatten mich etwas abzukühlen; dies gewährte mir die Gelegenheit Zeuge einer ziemlich interessanten Scene zu sein. Die handelnden Personen derselben befanden sich in folgender Position: Die Fürstin saß mit dem Moskauer Stutzer auf einer Bank der bedeckten Gallerie, beide, wie es schien, in ein wichtiges Gespräch vertieft. Die junge Fürstin, die wahrscheinlich ihr letztes Glas bereits getrunken hatte, ging gedankenvoll vor dem Brunnen auf und ab. Gruschnitzki stand am Brunnen selbst; sonst war Niemand auf dem ganzen Plätzchen.

Ich schritt näher hinzu und versteckte mich hinter die Ecke der Gallerie. In diesem Augenblicke ließ Gruschnitzki sein Glas auf den Sand fallen und strengte sich an, sich niederzubeugen, um es wieder aufzuheben: der kranke Fuß verhinderte ihn daran! Der Arme! wie er sich auf seine Krücke gestützt, abquälte, und so ganz umsonst. Sein ausdrucksvolles Gesicht drückte in der That Leiden aus.

Die junge Fürstin Mary sah alles dies besser als ich selbst. Leichter als ein Vögelchen hüpfte sie an ihn heran, bückte sich, hob das Glas auf und reichte es ihm mit einer unaussprechlich reizenden Bewegung, des Körpers: hierauf erröthete sie ungemein, blickte nach der Gallerie zurück und nachdem sie die Ueberzeugung erlangt hatte, daß ihre Mutter nichts davon gesehen, schien sie sich sofort zu beruhigen. Als Gruschnitzki den Mund öffnete, um ihr zu danken, war sie schon weit entfernt. Nach einer Minute kam sie mit ihrer Mutter und dem Stutzer aus der Gallerie heraus, nahm aber, als sie an Gruschnitzki vorüberging, eine sehr vornehme und strenge Miene an — wandte sich selbst nicht um, bemerkte nicht einmal den leidenschaftlichen Blick, mit dem er sie lange begleitete, bis sie endlich beim Hinuntersteigen vom Berge hinter den Linden des Boulevards verschwand . . . Noch einmal tauchte ihr Hütchen in der Straße auf; dann eilte sie in die Thüre eines der besten Häuser von Pätigorsk; hinter ihr ging die Fürstin hinein, die an der Thüre von Rajéwitsch Abschied nahm.

Erst jetzt bemerkte der arme leidenschaftliche Junker meine Gegenwart.

„Sahest Du?“ sagte er, indem er mit die Hand stark drückte: „sie ist geradezu ein Engel!“

— Warum? fragte ich mit der alleraufrichtigsten Miene.

„So hast Du nicht gesehen?“

— Doch, ich sah: sie hob Dein Glas auf. Wäre dort ein Wächter gewesen, so hätte er dasselbe gethan, und noch viel eiliger, indem er hoffen konnte ein Trinkgeld zu erhaschen. Uebrigens ist es sehr begreiflich, daß Du ihr leid thatest: Du machtest eine so fürchterliche Grimasse, als Du auf Dein durchschossenes Bein tratest . . .

„Und Du warst nicht im Mindesten gerührt, indem Du sie in dieser Minute sahst, wo ihre ganze Seele auf ihrem Antlitz glänzte?“

— Nein.

Ich log; ich hatte aber Lust ihn zu peinigen. Mir ist die Leidenschaft des Widersprechens angeboren; mein ganzes Leben war nur eine Kette trauriger und unglückseliger Widersprüche gegen mein Herz oder meinen Verstand. Die Gegenwart eines Enthusiasten ergreift mich jedesmal mit furchtbarer Kälte, ebenso glaube ich, daß häufige Beziehungen zu einem abgestorbenen Phlegmatiker einen leidenschaftlichen Schwärmer aus mir gemacht haben würden. Ich gestehe ferner: ein unangenehmes aber wohlbekanntes Gefühl lief in diesem Augenblicke über mein Herz; dieses Gefühl war — der Neid; ich sage dreist „der Neid“, denn ich habe mich daran gewöhnt mir alles zu gestehen; und schwerlich möchte sich ein junger Mann finden lassen, der beim Anblicke eines schönen Frauenzimmers, die seine müßige Aufmerksamkeit auf sich zieht und vor ihm offenbar einen Anderen, ihr nicht minder Unbekannten, auszeichnete — schwerlich, sage ich, möchte sich ein solcher junger Mann finden lassen (der, versteht sich, in der großen Welt gelebt hat und gewöhnt ist seine Eigenliebe zu hätscheln), welcher hierdurch nicht unangenehm berührt worden wäre.

Schweigend stiegen wir, Gruschnitzki und ich, vom Berg hinab und gingen auf dem Boulevard spazieren, an den Fenstern des Hauses vorbei, wo unsere Schöne versteckt war. Sie saß am Fenster. Gruschnitzki stieß mich an den Arm, und warf ihr einen jener aufbrausenden, zärtlichen Blicke zu, welche auf die Damen so geringe Wirkung haben. Ich richtete meine Lorgnette auf sie und bemerkte, daß sie in Folge seines Blickes lächelte, daß sie hingegen über meine dreiste Lorgnette sich außerordentlich ärgerte. Und wie, in der That, wagt es ein kaukasischer Armeeoffizier eine Moskauer Fürstin zu lorgnettiren? . . .

Den 13. Mai.

Heute Morgen kam der Doktor zu mir: sein Name ist Werner, er ist aber Russe. Was wäre da Außerordentliches? Ich kannte einen Iwánow, der ein Deutscher war.

Werner ist ein merkwürdiger Mann in vielfacher Beziehung. — Er ist Skeptiker und Materialist wie fast alle Aerzte, zu gleicher Zeit aber ist er auch Poet, und das in vollem Ernste, — ein Poet in der That immer, und oft in seinen Worten, ob er gleich in seinem ganzen Leben nicht zwei Verse geschrieben. Er studirte alle lebendigen Saiten des menschlichen Herzens, wie man die Adern an einem Leichnam studirt, doch wußte er seine Wissenschaft niemals zu benutzen: so kann bisweilen ein ausgezeichneter Anatomiker das Fieber nicht vertreiben. Gewöhnlich lächelt Werner im Geheimen über seine Kranken, doch sah ich einst, wie er vor einem sterbenden Soldaten weinte . . . Er war arm, träumte von Millionen, that aber für’s Geld keinen unnützen Schritt. Einst sagte er zu mir, daß er eher einem Feinde eine Gefälligkeit erweisen wolle, als einem Freunde, weil das seine Dienstfertigkeit verkaufen hieße, während der Haß nur im Verhältniß der Großmuth des Gegners zunimmt. Er hatte eine böse Zunge. Unter dem Aushängeschilde seiner Epigramme wurde mehr als ein Gimpel für einen gemeinen Narren ausgeschrieen; seine Nebenbuhler, die neidischen Brunnenärzte, verbreiteten das Gerücht, als ob er nach seinen Kranken Karrikaturen zeichne, — die Kranken erbleichten, und fast alle fielen von ihm ab. Seine Freunde, das heißt, alle wahrhaft anständigen Leute, die im Kaukasus dienen, bemühten sich umsonst, seinen gefallenen Kredit wieder zu heben.

Sein Aeußeres war von jenen, welche beim ersten Anblick unangenehm berühren, welche aber in der Folge ansprechen, wenn das Auge erst gewöhnt ist in den unregelmäßigen Zügen den Ausdruck eines erfahrenen, hohen Geistes zu lesen. Es gab Beispiele, daß Damen sich bis zum Wahnsinn in solche Leute verliebten und deren Häßlichkeit nicht für die Schönheit der frischesten, rosigsten Endymione vertauscht haben würden. Man muß den Damen Gerechtigkeit widerfahren lassen: sie haben das angeborene Gefühl für die geistige Schönheit; daher kommt es vielleicht, auch, daß Männer, wie Werner, so leidenschaftlich die Weiber lieben.

Werner war von kleinem Wuchse und mager und schwach wie ein Kind; eins seiner Beine war kleiner als das andere, wie bei Byron; im Vergleich zum Rumpfe schien sein Kopf ungemein groß; er hielt sein Haar unter einem Kamme zurückgestrichen, so daß die Unebenheiten seines Schädels jeden Phrenologen durch die seltsame Verflechtung der widersprechendsten Neigungen überrascht haben würden. Seine kleinen schwarzen, fortwährend unruhigen Augen waren bemüht, die Gedanken der andern zu durchdringen. In seiner Kleidung herrschte Geschmack und Sauberkeit; seine mageren, geäderten, kleinen Hände brüsteten sich stets in hellgelben Handschuhen. Sein Ueberrock, sein Halstuch und seine Weste waren beständig schwarzer Farbe. Die jungen Leute nannten ihn einen Mephistopheles; er that als nehme er diesen Beinamen übel, in der That aber schmeichelte derselbe seiner Eigenliebe. Wir verstanden uns bald und wurden Bekannte, denn der Freundschaft bin ich unfähig; von zwei Freunden ist der eine immer der Sklave des andern, obgleich keiner von ihnen dies eingestehen will. Sklave mag ich nicht sein, und in solchem Falle zu befehlen ist eine lästige Mühe, denn man muß zugleich auch betrügen; dann habe ich ja auch Bedienten und Geld! Bekannte wurden wir auf folgende Weise: ich begegnete Werner in S. inmitten eines zahlreichen, lauten Kreises von jungen Leuten; das Gespräch nahm gegen das Ende des Abends eine philosophisch-metaphysische Richtung; man sprach von den Ueberzeugungen: jeder war überzeugt von den verschiedenartigsten Dingen. —

„Was mich betrifft, so bin ich nur von Einem überzeugt . . .“ sagte der Doktor.

— Und wovon das? fragte ich, begierig, die Meinung eines Mannes zu erfahren, der bisher geschwiegen hatte.

„Davon,“ antwortete er, „daß ich früh oder spät an einem schönen Morgen sterben werde.“

— So bin ich reicher als Sie, sagte ich: ich habe, außer jener, noch eine Ueberzeugung, nämlich die, daß ich an einem sehr häßlichen Abende das Unglück hatte, geboren zu werden.

Alle fanden, daß wir Unsinn sprächen, doch hat wahrhaftig keiner von ihnen etwas Vernünftigeres gesagt. Seit jenem Augenblicke unterschieden wir uns von der Menge. Wir gingen oft miteinander, und sprachen zu Zweien sehr ernsthaft über abstrakte Dinge, bis wir endlich bemerkten, daß wir uns gegenseitig hintergingen. Dann sahen wir einander bedeutungsvoll in die Augen, wie die römischen Auguren nach den Worten Cicero’s, fingen an recht herzlich zu lachen, und lachend gingen wir auseinander, zufrieden mit unserem Abende.

Ich lag auf dem Divan, die Augen an die Decke geheftet, die Hände unter dem Nacken gekreuzt, als Werner in mein Zimmer trat. Er setzte sich in einen Lehnstuhl, stellte seinen Rohrstock in eine Ecke, gähnte und erklärte, daß es draußen sehr heiß sei. Ich erwiederte ihm, daß mich die Fliegen beunruhigten — und wir schwiegen Beide.

— Bemerken Sie, lieber Doktor, sagte ich, daß es ohne Thoren auf der Welt recht langweilig sein würde . . . Sehen Sie uns zwei vernünftige Leute an; wir wissen im Voraus, daß man über alles bis in die Unendlichkeit streiten kann, und deshalb streiten wir nicht; wir kennen fast alle geheime Gedanken des Andern; ein Wort ist uns eine ganze Geschichte; wir sehen den Keim jedes unserer Gefühle selbst inmitten einer dreifachen Schale. Das Traurige ist uns lächerlich, das Lächerliche traurig; im Allgemeinen aber, um die Wahrheit zu sagen, sind wir gegen Alles ziemlich gleichgültig, außer gegen uns selbst. So kann also ein Austausch der Gefühle und Gedanken zwischen uns nicht Statt finden: wir wissen der eine von dem andern alles, was wir wissen wollen, und mehr wissen wollen wir nicht; so bleibt uns denn noch ein Mittel übrig: Neuigkeiten mitzutheilen. Erzählen Sie mir irgend eine Neuigkeit.

Von der langen Rede ermüdet, schloß ich die Augen und gähnte . . .

Er antwortete nach einigem Nachdenken: „In unserm Gallimatias ist indessen doch noch eine Idee —“

— Zwei Ideen! entgegnete ich.

„So sagen Sie mir die eine, ich werde Ihnen die andere sagen.“

— Gut, beginnen Sie! sagte ich, indem ich fortfuhr, nach der Decke zu sehen und in mir lächelte.

„Sie möchten gern einige Details in Bezug auf einige der neuangekommenen Badegäste vernehmen, und ich errathe bereits, um wen es sich hier handelt, da man sich dort schon nach Ihnen erkundigt hat.“

— Doktor! wahrhaftig, wir dürfen miteinander nicht mehr reden: wir lesen einander in der Seele.

Jetzt die zweite . . .

— Die zweite Idee war die: ich wollte Sie irgend etwas erzählen lassen; erstens, weil es weniger ermüdet, zuzuhören; zweitens, braucht man sich nicht zu versprechen; drittens, kann man ein fremdes Geheimniß erfahren; viertens, weil so verständige Herren wie Sie, lieber Zuhörer als Erzähler leiden mögen. Jetzt zur Sache: Was sagte Ihnen die Fürstin Ligoffska von mir?

„Sind Sie so sehr überzeugt, daß es die Fürstin war . . . und nicht ihre Tochter?“

— Vollkommen überzeugt.

„Warum?“

— Weil die junge Fürstin sich nach Gruschnitzki erkundigte.

„Sie haben eine große Combinationsgabe. Die junge Fürstin sagte, sie sei überzeugt, daß dieser junge Mann im Soldatenmantel wegen eines Duelles zum Soldaten degradirt worden sei.“

— Ich hoffe doch, Sie ließen sie in diesem süßen Irrthume . . .

„Natürlich.“

— Die Verwickelung ist, da! rief ich mit Entzücken aus; für die Entwickelung dieser Komödie wollen wir später sorgen. Offenbar ist das Schicksal bemüht, mir die Langeweile zu vertreiben.

„Ich ahne,“ sagte der Doktor, „daß der arme Gruschnitzki Ihr Opfer werden wird . . .“

— Fahren Sie fort, Doktor . . .

„Die Fürstin meinte, daß Ihr Gesicht ihr bekannt sei. Ich bemerkte ihr, daß Sie ihr wahrscheinlich in Petersburg irgendwo in der großen Welt begegnet wären . . . ich nannte Ihren Namen. Er war ihr bekannt. Wie es scheint, hat Ihre Affaire dort viel Aufsehen gemacht . . . Hierauf begann die Fürstin von Ihren Abenteuern zu erzählen, indem sie wahrscheinlich zu den Verläumdungen der großen Welt ihre eigenen Bemerkungen hinzufügte . . . Das Töchterchen hörte neugierig zu. Ihre Einbildungskraft machte Sie sogleich zum Helden eines Romans im neuesten Geschmacke. Ich widersprach der Fürstin nicht, ob ich schon wußte, daß sie Unsinn sprach.“

— Würdiger Freund! sagte ich, ihm die Hand entgegenstreckend. Der Doktor drückte sie mit Wärme und fuhr fort: —

„Wenn Sie wollen, so stelle ich Sie vor . . .“

— Wo; denken Sie hin! rief ich aus, indem ich die Hände zusammenschlug: werden denn Helden jemals vorgestellt? Sie machen nicht anders Bekanntschaft, als indem sie ihr Liebchen von einem sichern Tode erretten . . .

„Also wollen Sie wirklich der jungen Fürstin die Cour machen? . . .“

— Durchaus nicht, gerade das Gegentheil! . . . Doktor, endlich trage ich den Sieg davon! Sie verstehen mich nicht! . . . Uebrigens thut mir das leid, Doktor, fuhr ich nach einem minutenlangen Schweigen fort: ich enthülle niemals meine Geheimnisse selbst, ich liebe ungemein, daß man sie erräth, weil ich in diesem Falle mich immer davon lossagen kann. Indessen müssen Sie mir noch Mutter und Tochter beschreiben . . . Was sind es für Leute?

„Zuerst also die Fürstin: sie ist eine Frau von 45 Jahren,“ entgegnete Werner; „sie hat einen guten Magen, aber verdorbenes Blut; auf den Wangen rothe Flecken. Die letzte Hälfte ihres Lebens brachte sie in Moskau zu, und wurde dort mit Gemächlichkeit recht dick. Sie liebt schlüpferige Anekdoten und spricht wohl selbst dann und wann unanständige Dinge, wenn ihre Tochter nicht im Zimmer ist. Sie erklärte mir, daß ihre Tochter so unschuldig sei wie eine Taube. Was geht das mich an? Ich hätte ihr gern geantwortet, sie könne ganz ruhig sein, ich würde es an Niemanden weiter sagen! Die Fürstin nimmt Bäder gegen den Rheumatismus, ihre Tochter nimmt sie Gott weiß weshalb. Ich befahl ihnen Beiden täglich zwei Glas Sauerbrunnen zu trinken und wöchentlich zweimal ein gemischtes Wannenbad zu nehmen. Wie es scheint, ist die Fürstin nicht gewöhnt zu befehlen: sie hat eine hohe Achtung vor dem Verstande und den Kenntnissen ihrer Tochter, welche Byron englisch gelesen hat und Algebra versteht: offenbar haben sich in Moskau die jungen Damen auf die Gelehrsamkeit geworfen, und wahrhaftig, sie thun wohl daran! Unsere Herren sind im Allgemeinen so wenig liebenswürdig, daß es für ein verständiges Frauenzimmer unerträglich sein muß, mit ihnen zu kokettiren. Die Fürstin liebt sehr die jungen Herren; ihre Tochter blickt mit einiger Verachtung auf dieselben, — eine Moskauer Gewohnheit! Die Damen werden in Moskau bloß groß gezogen, damit sie in ihrem 40sten Jahre Witzbolde seien.“

— Sie waren also in Moskau, Doktor?

„Ja, ich hatte da einige Praxis.“

— Fahren Sie fort.

„Ja, es scheint, ich habe alles gesagt . . . Doch halt, noch eins: die junge Fürstin scheint es zu lieben, über Gefühle, Leidenschaften u. s. w. zu urtheilen. Sie brachte einen Winter in Petersburg zu, wo es ihr nicht gefallen hat, besonders sprach sie die dortige Gesellschaft nicht an; wahrscheinlich hatte man sie kalt aufgenommen.“

— Sie sahen heute weiter Niemand bei ihnen?

„Im Gegentheil; es war noch ein Adjutant, ein steifer Gardeoffizier und eine Dame von den neuangekommenen dort, eine Verwandte der Fürstin von Seiten ihres Mannes, sehr hübsch, nur wie es scheint sehr krank . . . . Begegneten Sie ihr nicht am Brunnen? — sie ist von mittlerem Wuchse, Blondine, mit regelmäßigen Gesichtszügen, hat eine schwindsüchtige Gesichtsfarbe, und auf der rechten Wange ein schwarzes Muttermaal: ihr Gesicht frappirte mich wegen seines Ausdrucks.“

— Ein Muttermaal! brummte ich durch die Zähne vor mich hin. Wäre es möglich?

Der Doktor blickte mich an und sagte siegreich, indem er mir die Hand ans Herz legte: „Sie ist Ihnen bekannt! . .“ Mein Herz schlug in der That stärker als gewöhnlich.

— Jetzt ist es Ihre Reihe zu siegen! sagte ich: indessen verlasse ich mich auf Sie; Sie werden mich nicht täuschen. Ich habe sie noch nicht gesehen, bin aber überzeugt in Ihrem Portrait eine Dame zu erkennen, die ich in früherer Zeit liebte . . . Sprechen Sie ihr kein Wort von mir; frägt sie, so berichten Sie Schlechtes von mir.

„Wie’s beliebt!“ sagte Werner, die Achseln zuckend.

Als er fortgegangen war, schnürte ein furchtbarer Kummer mein Herz zusammen. Führte uns das Geschick wieder im Kaukasus zusammen, oder war sie absichtlich hierher gekommen, wohl wissend, daß sie mich hier wiederfinden würde? . . . Und wie sehen wir uns wieder? . . . und dann, ist sie es auch? . . . Meine Ahnungen haben mich nie getäuscht. Auf der Welt ist kein Mensch, über den das Vergangene eine solche Macht erlangt hätte, wie über mich. Jede Erinnerung an vergangenes Leid oder entschwundenes Entzücken, schlägt krankhaft in meine Seele und entlockt ihr stets dieselben Töne . . . Ich bin dumm organisirt: nichts vergesse ich — nichts!

Nachmittags gegen sechs Uhr ging ich auf den Boulevard; eine Menge Leute waren dort: die Fürstin saß mit ihrer Tochter auf einer Bank, umringt von jungen Herren, welche ihr um die Wette den Hof machten. Ich nahm in einiger Entfernung auf einer andern Bank Platz, hielt zwei bekannte Offiziere fest und fing an ihnen einiges zu erzählen; — offenbar war das Erzählte lächerlich, denn sie fingen an zu lachen wie die Wahnsinnigen. Bald zog die Neugierde noch einige aus der Umgebung der jungen Fürstin zu mir herüber; nach und nach verließen sie auch die übrigen und schlossen sich meinem kleinen Kreise an. Ich war unerschöpflich; meine Anekdoten waren witzig bis zum Unsinn, meine Ausfälle auf die vorübergehenden Originale beißend zum Rasendwerden . . . Ich fuhr fort das Publikum bis gegen Sonnenuntergang zu belustigen. Einige Male war die junge Fürstin am Arme ihrer Mutter an mir vorübergegangen, von einem lahmen Greise begleitet; einige Male hatte ihr Blick, wenn er auf mich fiel, Aerger ausgedrückt, obwohl er gleichgültig scheinen sollte . . .

„Was erzählte er Ihnen denn?“ fragte sie einen der jungen Herren, der aus Artigkeit zu ihr zurückgekehrt war: „wahrscheinlich eine sehr interessante Geschichte — seine Siege in den Schlachten? . . .“ Sie sagte dies ziemlich laut und wahrscheinlich in der Absicht, mich zu stechen. „Aha!“ dachte ich: „Sie werden nicht umsonst böse, meine schöne junge Fürstin; warten Sie nur, es wird schon noch besser kommen!“

Gruschnitzki folgte hinter ihr wie ein wildes Thier, und ließ sie nicht aus dem Auge: ich mache eine Wette, daß er morgen Jemand bitten wird, ihn der Fürstin vorzustellen. Es wird ihr sehr angenehm sein, denn sie hat Langeweile.

16. Mai.

Im Verlauf zweier Tage ist meine Angelegenheit ungemein vorgerückt. Die junge Fürstin haßt mich aufs Bestimmteste; man hat mir schon zwei bis drei Epigramme wiedererzählt, die auf meine Rechnung gemacht wurden, und die, obgleich ziemlich beißend, mir zu gleicher Zeit sehr schmeichelhaft sind. Es kommt ihr ungemein seltsam vor, daß ich, der ich an gute Gesellschaft gewöhnt bin, und gegen ihre Petersburger Cousinen und Tanten so artig war, mich nicht bemühe mit ihr bekannt zu werden. Wir begegnen uns jeden Tag am Brunnen und auf dem Boulevard; ich wende alle meine Kräfte auf, ihre Verehrer, die glänzenden Adjutanten sowohl wie die blassen Moskowiter und alle anderen von ihr abspenstig zu machen, — und fast immer gelingt es mir. Ich haßte es bisher immer, Gäste bei mir zu haben; jetzt ist jeden Tag mein Haus voll, man dinirt, soupirt, spielt — und, o weh, mein Champagner siegt über die magnetische Kraft ihrer Aeugelein!

Gestern traf ich sie im Scheláchow’schen Magazine; sie handelte auf eine prachtvolle persische Decke. Die Fürstin bat ihre Mutter, nicht zu knickern: dieser Teppich würde ihr Kabinet so ungemein zieren! . . . Ich gab vierzig Rubel mehr und erstand ihn; dafür wurde ich mit einem Blicke belohnt, in welchem die entzückendste Wuth blitzte. Gegen die Mittagszeit befahl ich absichtlich, vor ihren Fenstern mein tscherkessisches Pferd auf und ab zu führen, das mit diesem Teppiche bedeckt war. Werner war gerade bei ihnen und erzählte mir, daß der Effekt dieser Scene ein wahrhaft dramatischer gewesen sei. Die junge Fürstin will eine Schilderhebung gegen mich predigen; ich bemerkte sogar, daß bereits zwei Adjutanten in ihrer Gegenwart sich sehr kalt mit mir begrüßen; indessen speisen sie jeden Tag bei mir zu Mittag.

Gruschnitzki hat eine geheimnißvolle Miene angenommen: er geht mit auf dem Rücken zurückgeworfenen Armen und erkennt Niemanden; sein Bein ist plötzlich hergestellt, kaum daß er etwas hinkt. Es war ihm gelungen, mit der Fürstin in eine Unterhaltung zu treten und hatte bei dieser Gelegenheit der jungen Fürstin irgend ein Kompliment gesagt; diese ist, wie es scheint, eben nicht sehr peinlich, denn seit der Zeit erwiedert sie seinen Gruß mit einem höchst graziösen Lächeln.

„Du willst also durchaus nicht mit der Fürstin bekannt werden,“ sagte er gestern zu mir.

— Nein, durchaus nicht!

„Aber ich bitte Dich, das angenehmste Haus im ganzen Bade! Die beste hiesige Gesellschaft bemüht sich . . .“

— Mein Freund, mich hat so manche gute Gesellschaft schon schrecklich gelangweilt. Du besuchst sie also?

„Nein, noch nicht; ich sprach höchstens zweimal mit der jungen Fürstin, nicht öfter, und dann weißt Du wohl, daß man nicht so in ein Haus stürmen kann, obgleich man hier ziemlich frei ist . . . Ganz was anders wäre es, wenn ich Epauletten trüge!“

— Aber, lieber Freund, Du bist ja so viel interessanter; Du verstehst es bloß nicht, Deine vortheilhafte Lage zu benutzen; macht Dich doch Dein Soldatenmantel in den Augen jedes gefühlvollen Fräuleins zum Helden und zum Dulder.

Gruschnitzki lächelte selbstgefällig. „Was Du für Unsinn sprichst,“ sagte er.

— Ich bin überzeugt, fuhr ich fort, daß die junge Fürstin schon längst in Dich verliebt ist.

Er erröthete bis über die Ohren und blähte sich.

O Selbstliebe! Du bist der Hebel, mit welchem Archimedes die Erdkugel aufheben wollte! . . .

„Du spaßest gern,“ erwiederte er, indem er sich etwas beleidigt anstellte; erstens kennt sie mich noch so wenig . . .“

— Die Weiber lieben nur diejenigen, welche sie nicht kennen. —

„Ich mache aber auch gar keinen Anspruch darauf ihr zu gefallen, ich will nur die Bekanntschaft eines angenehmen Hauses machen; auch wäre es sehr lächerlich, wenn ich irgend welche Hoffnungen, nährte . . . Ihr hingegen, Ihr Petersburger, mit Euch ist es ganz etwas anders . . . Ihr Petersburger Sieger braucht nur hinzusehen, so thauen die Weiber schon auf . . . und weißt Du auch, Petschorin, daß die junge Fürstin von Dir gesprochen hat?“

— Wie so? hat sie schon mit Dir von mir gesprochen?

„Freue Dich indessen nicht zu sehr darüber. Ich war zufällig mit ihr am Brunnen in ein Gespräch gerathen, ihr drittes Wort war: „Wer ist der Herr mit dem unangenehmen, stechenden Blicke, er war mit Ihnen als . . .“ sie erröthete und wollte den Tag nicht näher bezeichnen, indem sie sich ihrer Zuvorkommenheit erinnerte. „Sie haben nicht nöthig, mir den Tag zu nennen,“ sagte ich zu ihr, „er wird mir ewig denkwürdig bleiben! . . .“ Freund Petschorin, ich kann Dir nicht Glück wünschen, denn Du stehst schlecht bei ihr angeschrieben und das ist wahrhaftig Schade, denn Mary ist sehr liebenswürdig!“

Ich muß bemerken, daß Gruschnitzki zu den Leuten gehört, welche, wenn sie von einem Frauenzimmer sprechen, das sie kaum kennen gelernt haben, sie sogleich meine Mary, meine Sophie, nennen, vorausgesetzt, daß sie nur das Glück hatte ihnen zu gefallen.

Ich nahm eine ernste Miene an und erwiederte ihm: — Ja, sie ist nicht übel . . . indessen nimm Dich in Acht, Gruschnitzki! die russischen Damen nähren sich zum großen Theile nur von platonischer Liebe, man darf daher keinen Gedanken auf ein Ehebündniß unterhalten; die platonische Liebe ist aber die allerunruhigste. Die junge Fürstin scheint zu jenen Frauenzimmern zu gehören, welche verlangen, daß man sie angenehm unterhalte; langweilt sie sich jemals nur zwei Minuten an Deiner Seite, so bist Du unwiderruflich verloren: Dein Schweigen muß ihre Neugierde erwecken, Dein Gespräch das ihre niemals ganz befriedigen, Du mußt sie in jeder Minute entzücken; sie wird zehnmal für Dich. öffentlich ihre Meinung verläugnen und dies ein Opfer nennen, und um sich dafür zu belohnen, Dich unaufhörlich quälen und zu guter letzt sagen, daß sie Dich nicht leiden kann.

Wenn Du keine Gewalt über sie erlangst, so giebt Dir selbst ihr erster Kuß kein Recht auf den zweiten; sie wird mit Dir kokettiren, bis sie genug hat, und nach vielleicht zwei Jahren verheirathet sie sich mit irgend einer Mißgestalt aus lauter Gehorsam gegen ihre Mutter; dann sagt sie Dir wohl, daß sie unglücklich ist und daß sie nur einen Menschen auf der Erde liebte (nämlich Dich), daß es aber dem Himmel nicht gefallen hat, sie mit Diesem zu vereinigen, weil er — einen Soldatenmantel trug, obgleich unter diesem dicken, grauen Mantel ein glühendes, edles Herz pochte . . .

Gruschnitzki schlug mit der Faust auf den Tisch und fing an im Zimmer auf und ab zu gehen.

Ich lachte in meinem Innern und konnte sogar zweimal ein sichtbares Lächeln nicht zurückdrängen, was Gruschnitzki aber zum Glücke nicht bemerkte. Es ist klar, er ist verliebt, denn er ist noch leichtgläubiger geworden als er früher war; an seinem Finger trug er sogar schon einen silbernen Ring mit einem Herzen, hiesiger Arbeit. Das kam mir sehr verdächtig vor. Ich betrachtete ihn genauer, und siehe da, was sah ich? . . . mit kleinen Buchstaben war der Name Mary in die innere Seite eingravirt, so wie das Datum des Tages, an welchem sie das berühmte Glas aufgehoben hatte! Ich behielt diese Entdeckung für mich, auch will ich kein Geständniß von ihm erzwingen, denn er soll mich von selbst zu seinem Vertrauten wählen, und dann ist es an mir zu schwelgen.

 

Heute bin ich erst spät aufgestanden; ich ging nach dem Brunnen, fand aber Niemand mehr dort. Unterdessen war es recht heiß geworden; weiße gekräuselte Gewölke zogen rasch von den Schneebergen herüber und verkündeten Sturm; die Kuppe des Máschuk rauchte wie eine erloschene Fackel; rund um ihn wanden sich und krochen, wie Schlangen, graue Wolkengebilde, die, in ihrem Fluge aufgehalten, an die Dornen seiner Gesträuche festgekettet schienen. Die Luft war mit Electricität geschwängert. Ich vertiefte mich in die Nebenallee, welche zur Grotte führt; ich war schwermüthig, denn ich gedachte jenes jungen Frauenzimmers mit dem Muttermaale auf der Wange, von welcher mir der Doktor gesprochen hatte. Warum ist sie hier? und ist sie es auch? und warum glaube ich denn, daß sie es ist, ja, warum bin ich selbst davon überzeugt? Als ob es nicht mehr Frauen mit einem Muttermaale auf der Wange gäbe! Unter diesen Gedanken hatte ich die Grotte erreicht. Ich blicke hinein: im kühlen Schatten ihrer Wölbung sitzt auf einer steinernen Bank eine Frau in einem Strohhute, in einen schwarzen Shawl gehüllt, den Kopf auf die Brust gesenkt; der Hut verbarg ihr Gesicht. Ich wollte eben umkehren, um sie nicht in ihren Träumereien zu stören, als ihr Blick auf mich fiel.

— Wära,30) rief ich unwillkührlich aus.

Sie fuhr zusammen und erblaßte. — „Ich wußte, daß Sie hier sind,“ sagte sie. Ich setzte mich neben sie und ergriff ihre Hand. Ein längstvergessenes Beben durchzitterte meine Adern beim Tone dieser süßen Stimme; sie blickte mit ihren tiefen, ruhigen Augen in die meinigen; es lag in ihnen ein gewisses Mißtrauen und etwas, was einem Vorwurf ähnlich war.

— Wir haben uns lange nicht gesehen, begann ich.

„Lange — und haben uns Beide sehr verändert.“

— Heißt das so viel, als daß Du mich nicht mehr liebst? —

„Ich bin vermählt,“ entgegnete sie.

— Wieder? Indessen existirte dieser Grund vor einigen Jahren auch, und doch — Sie zog ihre Hand aus der meinigen; ihre Wangen glühten.

— So liebst Du vielleicht Deinen zweiten Mann?

Sie antwortete nichts und wandte sich ab.

— Oder ist er sehr eifersüchtig?

Schweigen.

— Wie? So ist er jung, schön, wahrscheinlich besonders reich und Du fürchtest . . . Ich blickte sie an und erschrak; ihr Gesicht trug den Ausdruck der tiefsten Verzweiflung, in ihren Augen glänzten Thränen.

„Nicht wahr,“ stammelte sie endlich, „es macht Dir viel Vergnügen, mich zu quälen? ich müßte Dich eigentlich hassen; seit wir uns kennen, hast Du mir nichts gegeben als Leid und Weh . . .“ ihre Stimme zitterte. Sie neigte sich zu mir und lehnte ihren Kopf an meine Brust.

— Wohl möglich, dachte ich bei mir selbst, daß Du mich eben deshalb liebtest . . . die Freuden vergißt man bald, den Kummer nie . . .

Ich schloß sie fest in meine Arme und hielt sie lange umschlungen. Endlich näherten sich unsere Lippen und flossen in einem heißen, berauschenden Kusse zusammen; ihre Hände waren kalt wie Eis, ihr Kopf glühte.

Hierauf entspann sich zwischen uns eins von jenen Gesprächen, welche auf dem Papiere gar keinen Sinn haben, die man gar nicht wiederholen, ja, an die man selbst nicht erinnern muß. Die Bedeutung der Töne ersetzt und vervollständigt die Bedeutung der Wörter wie in der italienischen Oper.

Sie will durchaus nicht, daß ich die Bekanntschaft ihres Mannes mache, jenes lahmen, alten Männchens, das ich im Vorbeigehen auf dem Boulevard gesehen hatte; sie hat ihn ihres Sohnes wegen geheirathet. Er ist übrigens reich und leidet an Rheumatismus. Ich erlaubte mir nicht den geringsten Ausfall gegen ihn, denn sie verehrt ihn wie einen Vater — und wird ihn betrügen wie einen Mann . . Ein seltsames Ding ist das menschliche Herz im Allgemeinen, und das weibliche im Besondern.

Der Gemahl Wära’s, Semen Wassiljewitsch G. . . ist ein entfernter Verwandter der Fürstin Ligoffska; er wohnt dicht neben ihr; Wära sieht die Fürstin sehr oft, und ich gab ihr mein Wort, die Bekanntschaft der Mutter, und der jungen Fürstin die Cour zu machen, um so die Aufmerksamkeit von ihr abzulenken. Auf diese Weise werden meine Pläne in nichts gestört, und ich werde meine Freude daran haben. —

Meine Freude! ich habe aber bereits jene Periode des Seelenlebens durchlaufen, wo man nur dem Glücke nachjagt; in welcher das Herz die Nothwendigkeit fühlt, irgend Jemanden innig und leidenschaftlich zu lieben; jetzt fühle ich nur noch das Bedürfniß geliebt zu werden und auch das nur noch von sehr wenigen; es scheint mir sogar, daß ich an einer beständigen Anhänglichkeit genug hätte. Welch eine leidige Gewohnheit des Herzens! . . .

Eins war mir immer seltsam . . . ich wurde nie zum Sklaven einer Geliebten; im Gegentheil erlangte ich stets über ihren Willen und über ihr Herz eine unwiderstehliche Macht, obgleich ich nie danach gestrebt habe. Woher mag dies kommen? Vielleicht daher, daß mir niemals etwas unaussprechlich theuer war, und daß sie jede Minute befürchten mußten, mich zu verlieren? oder ist es der magnetische Einfluß eines starken Organismus? Oder gelang es mir ganz einfach nicht, auf ein Frauenzimmer von hartnäckigem Charakter zu stoßen?

Auch muß ich gestehen, daß ich die Frauenzimmer von Charakter eben nicht liebe; ist denn das ihre Sache?

Richtig, jetzt erinnere ich mich: einmal, ein einzigesmal liebte ich ein Weib von fester Willenskraft, welches ich niemals besiegen konnte . . . wir schieden als Feinde; — doch wer weiß, hätte ich sie fünf Jahre später getroffen, ob wir uns nicht anders getrennt hätten . . .

Wära ist krank, sehr krank, obgleich sie es nicht Recht haben will; ich fürchte, sie hat die Schwindsucht oder jene Krankheit, welche man fièvre lente nennt, eine Krankheit, die so wenig russisch ist, daß wir in unserer Sprache nicht einmal einen Namen dafür haben.

Der Sturm überraschte uns in der Grotte und hielt uns länger als eine halbe Stunde darin gefangen. Sie nöthigte mich nicht, ihr die Versicherung meiner Treue zu geben; sie fragte nicht, ob ich seit unserer Trennung Andere geliebt habe, sie vertraute mir auf’s Neue mit der früheren Sorglosigkeit — und ich täusche sie nicht; sie ist das einzige Weib auf der Welt, welche ich nicht im Stande wäre zu täuschen. Ich weiß wohl, daß wir uns bald wieder trennen müssen, und diesmal vielleicht für immer: Beide gehen wir auf verschiedenen Wegen dem Grabe entgegen; doch die Erinnerung an sie wird unverwischlich in meiner Seele zurückbleiben. Ich habe ihr das immer wiederholt und sie glaubt mir auch, obgleich sie das Gegentheil behauptet. Endlich trennten wir uns; lange folgte ich ihr mit den Blicken, bis sich ihr Hut hinter den Gesträuchen und Felsen verbarg. Mein Herz zog sich krankhaft zusammen wie nach der ersten Trennung. O, wie mich dieses Gefühl entzückte! Sollte wohl gar die Jugend mit ihren wohlthuenden Stürmen auf’s Neue zu mir zurückkehren? oder ist es nur ihr letzter Abschiedsblick, ihre letzte Gabe zur Erinnerung? Es kommt mir lächerlich vor, wenn ich bedenke, daß mein Aeußeres noch immer das eines Jünglings ist . . . mein Gesicht ist zwar blaß, doch frisch; die Glieder geschmeidig und kräftig; mein volles Haar wallt, die Augen glühen, das Blut kocht . . .