Jenseits des Flusses, durch die Spitzen seiner dichten, schattenreichen Linden, schimmerten Lichter aus den Festungswerken und dem Dörfchen herüber. Auf meinem Hofe herrschte tiefe Stille; bei der Fürstin war alles dunkel.

Der Doktor trat herein: seine Stirne war finster; gegen seine Gewohnheit streckte er mir nicht die Hand entgegen. —

— Woher, lieber Doktor?

„Von der Fürstin Ligoffska; ihre Tochter ist sehr krank — Nervenabspannung . . . Allein das führt mich nicht hierher, sondern Folgendes: Die Behörde wittert den wahren Verlauf der Sache, und wenn man Ihnen auch nichts positiv beweisen kann, so rathe ich Ihnen doch recht vorsichtig zu sein. Die Fürstin sagte mir, sie wisse, daß Sie sich ihrer Tochter wegen duellirt haben. Der alte Knabe, wie heißt er doch gleich? hat ihr alles mitgetheilt; er war damals Zeuge Ihres Streites mit Gruschnitzki in der Restauration. Ich kam Sie zu warnen. Leben Sie wohl. Wer weiß ob wir uns jemals wiedersehen werden; man wird Sie wohl irgend wohin verschicken . . .“

An der Schwelle blieb er nochmals stehen; er hätte mir gern die Hand gedrückt . . . und hätte ich ihm nur den geringsten Wunsch darnach gezeigt, so wäre er mir an den Hals gesprungen; allein ich blieb kalt wie Stein — und so ging er.

So sind die Leute! so sind sie alle: Sie kennen alle schlechten Seiten einer That vorher, und doch helfen sie und rathen sie, und doch ermuthigen sie sogar dazu, indem sie die Möglichkeit eines andern Mittels nicht sehen, — nachher aber waschen sie ihre Hände in Unschuld, und wenden sich unwillig von Dem ab, der die Kühnheit hatte die ganze Last der Verantwortung auf sich zu nehmen. So sind sie alle, sogar die besten, sogar die verständigsten! . . .

Am nächsten Tage, nachdem ich von der höhern Behörde den Befehl erhalten hatte, nach der Festung N. abzureisen, begab ich mich zur Fürstin, um Abschied zu nehmen.

— Sie war erstaunt, als ich ihr auf ihre Frage, „ob ich ihr etwas ganz besonders Wichtiges mitzutheilen habe,“ antwortete, daß ich ihr viel Glück u. s. w. u. s. w. wünschte.

„Aber ich muß ganz ernsthaft mit Ihnen sprechen.“

Ich setzte mich schweigend.

Es war zu sehen, daß sie nicht wußte, womit sie anfangen sollte; ihr Gesicht wurde feuerroth; ihre vollen, runden Finger klopften auf dem Tische herum; endlich begann sie mit zögernder Stimme:

„Hören Sie, Herr von Petschorin, ich halte Sie für einen anständigen Menschen . . .“

Ich verbeugte mich leicht.

„Ich bin sogar davon überzeugt,“ fuhr sie fort, „obgleich Ihr Betragen allerdings etwas zweideutig war; indessen konnten Sie Gründe haben, die mir unbekannt sind und die Sie mir jetzt anvertrauen müssen. Sie haben meine Tochter vor Verläumdungen geschützt, Sie haben sich für sie geschlagen, — folglich Ihr Leben für sie eingesetzt . . . Unterbrechen Sie mich nicht, ich weiß recht gut, daß Sie das nicht eingestehen dürfen, weil Gruschnitzki gefallen ist (sie machte das Zeichen des Kreuzes) . . . Gott wolle seiner und wie ich hoffe auch Ihrer Seele gnädig sein! . . . Nun, das geht mich weiter nichts an . . . ich wage es nicht Sie zu richten, weil meine Tochter, obwohl unschuldiger Weise, Schuld an dem ganzen Unglück war. Sie hat mir alles gestanden . . . ich glaube, Alles; Sie haben ihr eine Liebeserklärung gemacht . . . sie hat Ihnen ihre Gegenliebe gestanden (hier seufzte die Fürstin tief auf); nun aber ist sie krank, und ich habe die Ueberzeugung, daß es keine gewöhnliche Krankheit ist! Ein geheimer Kummer reibt sie auf; sie will es nicht gestehen, doch bin ich fest davon überzeugt, daß Sie daran Schuld sind . . . Hören Sie mich an . . . Sollten Sie vielleicht glauben, daß ich auf hohen Rang und unermeßlichen Reichthum sehe, so bitte ich Sie, sich vom Gegentheil zu überzeugen: ich will nur das Glück meiner Tochter. Ihre gegenwärtige Lage ist freilich nicht beneidenswerth, indessen ist dem ja wohl abzuhelfen, denn Sie haben Vermögen; meine Tochter liebt Sie und sie ist so erzogen, daß sie einen Mann wahrhaft glücklich machen kann. Ich bin reich; — sie ist mein einziges Kind . . . Sagen Sie selbst, was hält Sie zurück? . . . Sehen Sie, ich sollte Ihnen alles dies nicht sagen, allein ich verlasse mich auf Ihr Herz, auf Ihre Ehre; — bedenken Sie, daß ich diese einzige Tochter habe . . . diese einzige . . .“

Sie fing an zu weinen.

— Fürstin, sagte ich: es ist mir unmöglich, Ihnen zu antworten: erlauben Sie mir, mit Ihrer Tochter unter vier Augen zu sprechen . . .

„Nimmermehr!“ rief sie auf, in der heftigsten Bewegung vom Stuhle aufspringend.

— Wie Sie befehlen, antwortete ich, indem ich mich anschickte fortzugehen.

Sie dachte eine Weile nach, gab mir ein Zeichen mit der Hand zu warten und ging hinaus.

Fünf Minuten vergingen; mein Herz schlug heftig, aber meine Gedanken waren ruhig, mein Kopf kalt; wie sehr ich auch in meiner Brust nach einem Funken Liebe für die liebliche Mary suchte — es war ein vergebliches Mühen.

Da ging die Thür auf und herein trat sie. O Gott, wie war sie verändert seit der Zeit, daß ich sie nicht gesehen hatte, — und wie lange ist das her?

In der Mitte des Zimmers angekommen, schwankte sie; ich eilte hinzu, reichte ihr meinen Arm und führte sie an einen Lehnstuhl.

Ich stand ihr gegenüber. Wir schwiegen lange; ihre großen Augen, mit einem unaussprechlichen Grame erfüllt, schienen in den meinigen etwas zu suchen, was einer Hoffnung ähnlich wäre; ihre bleichen Lippen strengten sich umsonst zu einem Lächeln an; ihre zarten über die Kniee gefalteten Hände waren so mager und durchsichtig, daß sie anfing mir leid zu thun.

— Gnädige Fürstin, sagte ich, Sie wissen also, daß ich mich bloß über Sie lustig gemacht habe? . . . Sie müssen mich verachten.

Auf ihren Wangen zeigte sich ein krankhaftes Roth.

Ich fuhr fort: — Und lieben können Sie mich folglich gar nicht.

Sie wandte sich ab, stützte den Arm auf den Tisch, bedeckte ihre Augen mit der Hand und es wollte mich bedünken, als glänzten Thränen in denselben.

„O mein Gott!“ sprach sie kaum hörbar vor sich hin.

Das fing an unerträglich zu werden: noch eine Minute — und ich hätte zu ihren Füßen gelegen.

— Wohlan, Sie sehen selbst, begann ich mit fester Stimme und einem erzwungenen Lächeln, daß ich Sie nicht heirathen kann. Und wären Sie jetzt dazu wirklich im Stande, Sie würden es sicherlich bald bereuen. Meine Unterhaltung mit Ihrer Frau Mutter zwingt mich zu einer so offenen und groben Erklärung; ich hoffe, es wird Ihnen leicht sein, sie aus ihrem Irrthume zu ziehen. Sie sehen, ich spiele in Ihren Augen die allermiserabelste und häßlichste Rolle, und stelle dies sogar nicht in Abrede; das ist aber auch Alles, was ich für Sie thun kann. Welche schlechte Meinung Sie immer von mir haben können, ich unterwerfe mich ihr . . . Sehen Sie, wie ich vor Ihnen erniedrigt stehe? Nicht wahr, und wenn Sie mich wirklich liebten, von diesem Augenblicke an verachteten Sie mich? . . .

Sie wandte sich zu mir, weiß wie Marmor, nur ihre Augen funkelten wunderbar.

„Ich hasse Sie . . .“ sagte sie.

Ich dankte ihr verbindlichst, verneigte mich ehrerbietig und verließ sie.

Eine Stunde später flog eine Couriertroika bereits mit mir aus Kislowodsk. Einige Werst vor Jesséntukoff erkannte ich in der Nähe des Weges den Leichnam meines edlen Pferdes; der Sattel war, wahrscheinlich von einem vorbeireitenden Kosaken, abgeschnallt, und anstatt des Sattels saßen auf seinem Rücken zwei Raben. Ich seufzte und wandte mich ab.

Und jetzt, hier in dieser langweiligen Festung, frage ich mich oft, wenn meine Gedanken das Vergangene durchlaufen: warum ich jenen Pfad nicht betreten, den das Schicksal mir eröffnet hatte und wo stille Freuden und Seelenruhe meiner warteten . . . Nein, ich hätte ein solches Loos nicht lange ertragen können! Ich bin wie ein Matrose, der auf einer Korsaren-Jacht geboren und auferzogen wurde; seine Seele ringt sich in Stürmen und Kämpfen los, aber am Ufer welkt und schwindet er dahin; ob der schattige Hain ihm winke und der friedliche Sonnenschein ihm entgegenlächle; er geht den ganzen Tag auf den Kieseln am Meeresstrande, und lauschet dem einförmigen Gebrause der rollenden Wogen und schaut hinaus in die nebelige Ferne, ob er nicht in jenem matten Punkte, der von dem grauen Gewölk und der dunkelblauen Meeresfluth absticht, das erwünschte Segel entdecke, das, anfangs dem Flügel des Sturmvogels ähnlich, nach und nach aus dem Schaume des Wogendranges hervortaucht und mit festem Laufe dem einsamen Hafen sich nähert.

 

 

 

Fußnoten

1) Ein leichter Bauer- (Post-) wagen, der nicht in Federn hängt.

2) Duchan persisch, Dorf, Station.

3) Gorzü, Bergvölker, gewöhnliche Benennung aller Kaukasier.

4) 7 Werst = 1 deutsche Meile.

5) Dem General Grafen Jermóloff.

6) Dreigespann.

7) Ein kurzer zottiger Filzmantel, vorzüglich bei den im Kaukasus stehenden Kosaken im Gebrauch.

8) Die vorgeschriebene Begrüßungsformel für Untergebene, welches Ranges sie auch sein mögen, gegen ihre Vorgesetzten.

9) Getränk aus Buchweizenmehl.

10) Der Rußlands Oberhoheit anerkannt hatte.

11) Aúl, Dorf der kaukasischen Völkerschaften.

12) Kaukasischer Nationaltanz.

13) Eine jämmerliche Nachbildung der Guitarre.

14) Kurzes enganliegendes Unterkleid der tatarischen Völkerschaften.

15) Worte des Beifalls in tatarischer Sprache.

16) Scháschka heißt der krumme Säbel der Tscherkessen und Kosaken.

17) Russischer Verrath, Verrath!

18) Der erste Vocal dieser beiden Wörter wird, wenigstens vom gemeinen Volke, gleichmäßig o ausgesprochen.

19) Eine Art Reiterpeitsche.

20) Ein kostbares Tscherkessenzeug.

21) Ein russisches Fremdwort, vom französischen occasion abgeleitet und, wie dieses, eine Gelegenheit bezeichnend.

22) Eine kleine russische Silbermünze, vom Werthe von 7 Sgr.

23) Vom schwarzen Meere.

24) Die Antworten des Knaben geschehen im klein-russischen Dialekte, der ungefähr unserm Plattdeutsch entspricht. Njä-má: hier ist keiner.

25) Ein kurzer Filzmantel, vorzüglich bei den Kosaken in Gebrauch.

26) Brat, die gewöhnliche Anrede an Untergebene, indessen auch in seiner eigentlichen Bedeutung gebraucht.

27) Kleiner Nachen.

28) Das russische Volkslied bietet selten ein geregeltes Versmaaß dar, eben weil es vom Volke, das des Liedes nur des Gesanges wegen bedarf, nach Bedürfniß improvisirt wird und weil dann fehlende Silben durch länger anhaltende Noten oder anderweitige, oft sehr melodische Modulationen der Stimme ergänzt werden. Vorstehendes Liedchen, das wir im originellen Silbenmaaße fast wörtlich wiedergegeben haben, ist eine solche Improvisation. Der Reichthum der russischen Literatur an solchen Liedern ist unermeßlich; jeder einzelne russische Dialekt hat seine unerschöpflichen Fundgruben; die erste, einigermaßen vollständige, aber noch nicht ganz erschienene Sammlung derselben sind die „Sagen des russischen Volkes“ von Sacharoff, 2ter Band 1849. — Das Werk wartet noch auf einen deutschen Bearbeiter.

29) Mougiki, Bauern, Leibeigene, welche das Haar rund geschoren tragen; wie man wohl sagt: nach der Metze geschnitten.

30) Wära, Glaube, Ljubów, Liebe, Nadéshda, Hoffnung, sind in Rußland häufig gebrauchte weibliche Eigennamen.

31) Ein übrigens anerkannt tüchtiges Journal, unter der Redaktion des Prof. Senkowski.

32) Canto XVIII.

33) Aehnlich der Porta Westphalica bei Minden. Anm. d. Uebers.

34) Ein kurzes gestepptes, gewöhnlich seidenes Wamms.

35) Sehr gebräuchliches Sprüchwort, welches nach seinem Wortinhalte: Натура—дура, судьба—индѣйка; а жизнь—копѣйка, eigentlich so heißt: die Natur — eine Närrin, das Schicksal — eine Truthenne, und das Leben — eine Kopeke; des Reimes wegen haben wir, bei der gänzlichen Sinnlosigkeit des Sprüchwortes, die Wörter vertauscht.

 

 

 

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Anmerkungen zur Transkription


Die fünfte Novelle, die zu vollständigen Ausgaben dieses Buches gehört (Der Fatalist), findet sich nicht in dieser deutschen Erstausgabe.

Fußnoten wurden am Ende des Buches gesammelt.

Im Original gesperrt hervorgehobene Passagen wurden kursiv wiedergegeben.

Die im Originaltext verwendete — heute ungebräuchliche — Transliteration von russischen Worten und Eigennamen wurde belassen. Hinzu kommt die gelegentliche — inkonsequente — Verwendung von Akzenten als Betonungszeichen. Oft kommen beide Formen vor, wie Petschórin und Petschorin. Dies wurde ebenfalls belassen wie im Original.

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert und sind hier gesammelt aufgeführt (vorher/nachher):

Die oft inkonsistente Setzung von Anführungszeichen und Kommata wurde in allen anderen Fällen belassen wie im Original.