Geritten wie Teufel
Berg auf und Berg ab,
Galopp auf Galopp
(Gehn die Hund nur im Trab!)
Bis Gaul wund am Kreuz is,
Der Ritter am Steiss: –
Frau Wirtin, ein Bett! hol
Der Teufel die Reis!

Das Particip im Anfang steht wie in Liebetrauts Liede: 'Mit Pfeilen und Bogen Cupido geflogen'.

Ueber die Quelle der französischen 'Air' habe ich Adolf Tobler befragt. Er erwiderte mir: an einen Kunstdichter des XVI. Jh. sei nicht zu denken, aber auch schwerlich an ein Volkslied. 'Sollte es nicht – fährt er fort – von Goethe selbst herrühren? Die unzureichende Congruenz der zwei Strophen, das Fehlen des Artikels bei rhume in der zweiten machen mich misstrauisch, mehr noch als die durch den Reim gesicherte mama. Unter den Hauptschen Materialien ist das Liedchen nicht; ebenso wenig in anderen Sammlungen die ich besitze'.

Was den Charakter des Gedichtchens anlangt, so erinnert Hr. v. Loeper gewiss mit Recht an die Litteraturrichtung Rabelaisischen Geschmackes, welche dem jungen Goethe eine Zeit lang so sympathisch war: 'Montaigne, Amyot, Rabelais, Marot waren meine Freunde und erregten in mir Antheil und Bewunderung' DW. 3,33 L.

In dem vorliegenden Concerto ist die Beziehung auf Rabelais klar genug, wenn Goethe sich im Titel als den Panurg genannten einführt. Heisst er daneben Dottore Flamminio, so wird das nur denjenigen bedeuten, der leicht in Flammen steht; aber bei dem Namen Panurg muss man gewiss zunächst an dessen Heiratsschwierigkeiten denken, an seine Unentschlossenheit, ob er soll oder nicht; an die Art, wie alle Sorten von Orakeln zur Entscheidung der Frage, aber immer vergeblich, in Anspruch genommen werden. Das Würfelorakel hat bei Goethe eben gespielt und ihm die Münch zugewiesen, wie wir sahen. Und eine Sibylle wie bei Rabelais Buch 3 Cap. 16 werden wir gleich kennenlernen. Wenn im Allegro con furia der jüngste Tag hereindroht, so kann man sich an Bruder Jean des Entommeures erinnern, welcher dem Panurg entschieden zur Heirat zuredet mit dem Argument sçais tu pas bien que la fin du monde approche? Beschäftigung mit Rabelais in dem Frankfurt-Darmstädter Freundeskreise belegt auch eine Recension der Frankfurter Gel. Anzeigen 1772, 24. Juli, 8. 470[2], für die es, wenn man sie Goethe zuschreiben will, an Parallelstellen aus dieser und späterer Zeit nicht fehlt.

Das französische Liedchen schliesst sich an das vorangehende durch eine gewisse allgemeine Ähnlichkeit des Motivs: wie der Reiter ermüdet nach einem Bett schreit, so das Mädchen nach Medicin; der Reiter kommt durch die Kälte, das Mädchen hat sich erkältet. Und in dem folgenden Molto andante kann etwa die Wendung 'das kalte wird warm' als eine Anknüpfung, wenigstens als ein Anklang gelten. Dass diese Weisheit 'molto andante' einsetzt nach der voraufgegangenen heftigen Bewegung, ist ganz hübsch gedacht; es wird so das gefühlvolle Con espressione vorbereitet, welchem endlich das wieder contrastirende Finale die Hand reicht.

Das Weiblein der Sibyllenschaar (vgl. die 'Sibyllengilde' in der classischen Walpurgisnacht; auch Rabelais erinnert an das ganze Geschlecht der Zauberinnen) nehme ich als eine wirkliche Wahrsagerin, welche dem Dichter verkündigt, es drohe ihm Gefahr von schwarzen Augen: natürlich keine historische Notiz, sondern eine andere Einkleidung für eine Wendung wie 'es ist mir Gefahr prophezeit'. Der Dichter bezieht die Prophezeiung auf schwarze Augen, die er kennt und ruft die Besitzerin derselben unter dem Namen Marianne um Mitleid und um eine kurze Frist an. Marianne (vgl. die Geschwister und Wilhelm Meister) braucht kein wirklicher Name zu sein – manche Damen in Goethes Umgebung werden willkürlich benannt, ohne dass wir die Gründe erkennen – aber wenn ich das Concerto richtig datire, so muss Susanne Magdalena Münch gemeint sein.

'Vergönne mir die arme, kurze Frist' sagt der Dichter, und wird also wol einen bestimmten Termin seiner Freiheit im Auge haben. Diesen erst noch durchlebt, benutzt: dann will er sich gefangen geben. Man kann eine Anwendung des Spruches 'alles zu seiner Zeit' herausfühlen. Der Termin wäre durch das schliessende Presto fugato bezeichnet. Er will Rosenlust wie Obst- und Weinernte noch geniessen. Die Rosen geben eine Anknüpfung an das Andantino. Aber der Wein ist die Hauptsache: 'Hier ist genug, hier schäumt der Most die Fässer heraus' (so interpungire ich: aus den Fässern heraus). Alle, alle werden herbeigerufen, und das Tanzen und Jauchzen geht los. Das bacchische Motiv als solches kehrt am Schlusse der Helena und auch in der Pandora wieder.

Was hier vorliegt, ist in der That 'fugato', eine Art fugirter Satz. Zwei Stimmen unterscheiden wir und dazu das instrumentale Accompagnement ('didli di dum, didli di dei, duru, dal dilleri du') welches zuletzt, als ob sich der Schwarm immer weiter entfernte, allein noch gehört wird ('dum du, dum du' usw). Die eine Stimme ruft fortwährend alle herbei zum Tanzen und Singen: herbei! mit! mit! Alte und Junge, Weiber und Kinder, Zöllner und Sünder werden aufgefordert. Die zweite Stimme verspottet die Laffen, welche nicht mit wollen.

Was meint Goethe damit? Vielleicht den Götz? den ersten ausgibigen Most, den er aus seinen Trauben gekeltert hat, zu dem alles Volk geladen ist: aber er sieht voraus: die grossen Geister, gestopelten Meister, 'verschnitten dazu' werden abseits stehen und gaffen.

Jedenfalls bietet ein früheres Werkchen schon eine Parallelstelle dazu, der (nach S. 13 aus dem Herbst 1772 stammende) Schluss der deutschen Baukunst (DjGoethe 2, 213 f.): 'Wenn denn nach und nach die Freude des Lebens um dich erwacht und du jauchzenden Menschengenuss nach Arbeit, Furcht und Hoffnung fühlst; das muthige Geschrei des Winzers, wenn die Fülle des Herbsts seine Gefässe anschwellt, den belebten Tanz des Schnitters, wenn er die müssige Sichel hoch in den Balken geheftet hat; wenn' usw. Er redet den Künstler an, der die Seligkeit der Götter auf die Erde leiten soll.

Und die Anklänge gehen noch weiter. Goethe braucht nicht blos 2, 208 das Wort 'zusammengestoppelt' in einer Reihe mit 'unnatürlich, aufgeflickt, überladen' um die falsche Vorstellung dessen zu bezeichnen, was er vom Strassburger Münster erwartete; sondern er verwendet auch ein intransitives Verbum 'stoppeln' synonym mit 'fremde Gewächse einsammeln' (1, 212. 213; vgl. mhd. stupfeln) und daraufhin kann man die 'gestopelten Meister' des Concerto wohl nur mit von Loeper als solche auffassen, deren Meisterschaft auf einer Aehrenlese über fremde Aecker hin beruht.

In einer Recension der Frankfurter Gel. Anz. 1772 S. 741 über die Allgem. D. Bibl. XVII. 1 heisst es: 'Stockhausens kritischer Entwurf einer auserlesnen Bibliothek. Vierte Auflage. Damit wird übel verfahren, und von der Seite des, was es ist, mit Recht; wenn man aber auf der andern Seite denkt, was es sein kann, und nicht mehr, wie vielleicht eine solche kritische Bibliothek unmöglich ist, denn gut, schlecht, schön, lesenswerth, drücken freilich den Gehalt nicht aus, und bestimmtere Urtheile, wer soll sie geben? Der Mann von Genie? Der wird uns sagen, was ihm die Bücher waren; Und der Litterator? Das ist ja Hrn. S. ein sehr mittelmässiger vielleicht; So lassts denn, dass zu jeder neuen Ausgabe Freunde und Feinde, Professores und Recensenten ihre Beiträge und Tadel dazugiessen, und zuletzt einer darein tritt, der alles Urtheil heraus schmeisst und die von so mancherlei Köpfen gewählte und gestoppelte Bücher nach dem Seinigen meistert und in litterarischen Reihen die Titel ordnet'. Unzweifelhaft ein Goethischer Satz, aber keiner von den durchgebildeten, sondern leicht hingeworfen.

In meiner Auffassung bestärkt mich das 'verschnitten dazu' des Concerto. Der Giessener Schmid bemerkt in der Recension der Deutschen Baukunst (Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 775; 4. December) welche Goethe an Kestner (DjGoethe 1, 337 f.) im wesentlichen richtig, aber doch zu empfindlich charakterisirt[3]: 'Gegen die Herrn Geschmäckler und verschnittne Kunsttheoristen, die nichts als schöne Kunst kennen wollen, erinnert der Verf. mit vielem Grunde, dass die Kunst lange bildend ist, ehe sie schön wird' usw. Der Ausdruck 'Geschmäckler' findet sich bei Goethe (2, 205), aber nichts von verschnittenen Kunsttheoristen: sollte Schmid den Ausdruck nicht doch aus Goethens Munde haben? Wer ins blaue rathen will, kann annehmen, dass Schmid die Baukunst, nach der er sich sehr begierig zeigte, im Correcturabzug erhalten hatte und darin noch den derberen Ausdruck vorfand (etwa 'dem verschnittenen Geschmäckler' statt 'dem schwachen Geschmäckler', Gegensatz: 'ganze Seelen'), den der Verfasser nachher freundschaftlichem Rathe oder eigenem Besinnen folgend, milderte.

Unter allen Umständen stellt der Schluss des Concerto gerade wie die Schrift von deutscher Baukunst den neuen Geschmack energisch in den Vordergrund und wirft unhöfliche Seitenblicke auf die Vertreter des alten. Auf frühere Abfassungszeit des Presto fugato möchte ich daraus nicht sofort schliessen.

Entstehung der einzelnen Theile zu verschiedenen Zeiten ist ganz möglich. Dergleichen kann sich nach und nach ansammeln und wird dann in einem günstigen Augenblicke redigirt.

Wo irgend sich einiger Zusammenhang zwischen den verschiedenen Stücken zu zeigen schien, da habe ich darauf hingewiesen. Man könnte wol hier und da noch einen Schritt weiter gehen; aber es kommt darauf überhaupt nicht an: die Stücke sollen nur den musikalischen Gegensatz der Stimmung haben, die schärfsten Contraste dicht neben einander gestellt, eine gewisse Einheit nur durch wiederholtes Anschlagen der selben Themata hervorgebracht.

14. 2. 78.


JAHRMARKTSFEST ZU PLUNDERSWEILERN.

Das Folgende ist mit Bezug auf eine Arbeit von W. Wilmanns über denselben Gegenstand (Preuss. Jahrb. 42, 42) geschrieben, welche mir durch die Gefälligkeit des Verfassers schon im Manuscripte vorgelegen hatte. Dass die Personen des kleinen Spieles Porträte ganz oder hauptsächlich aus Goethes Kreise seien, steht fest durch Goethes eigenes und durch Mercks Zeugnis. Bisher hatte man aber wol nur Mardochai auf Leuchsenring gedeutet; Wilmanns fügt eine Anzahl gewiss richtiger Vermuthungen hinzu; in einigen Fällen möchte ich ihn bekämpfen und seine Deutungen entweder durch andere ersetzen oder wenigstens die Möglichkeit künftigen besseren Findens offen lassen, wo er schon bestimmte Substitutionen vornimmt. Das Princip vor allem ist mir zweifelhaft, wonach Wilmanns wiederholt zulässt, dass mehrere Figuren des Spieles auf eine und dieselbe Persönlichkeit zurückgehen könnten. Das hat eine grosse innere Unwahrscheinlichkeit, und nur ausnahmsweise möchte ich davon Gebrauch machen.

Im April 1773 meldet Caroline Flachsland ihrem geliebten Herder, Goethe habe neulich einen Jahrmarkt in Versen nach Darmstadt geschickt, um Herrn Merck die Cour zu machen und Leuchsenrings Person darin aufzuführen. Dieser 'Jahrmarkt in Versen' ist ohne Zweifel unser Stück und wir gewinnen dadurch ein ziemlich sicheres, wenn auch nur ungefähres Datum. An der Identität zu zweifeln oder eine noch ältere Fassung vorauszusetzen, haben wir keinen Grund, da – wie sich zeigen wird – die Notiz vollkommen richtig ist und genau passt.

Da wir zum Theil gewiss litterarische Satire vor uns haben, so sei aus den Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 669 (20. October) angeführt: 'Wenn wir uns nicht lange gewöhnt hätten, alle die Gaukeleien, Windbeuteleien und Schelmereien, die in dem Reiche der Gelehrsamkeit seit einiger Zeit Mode werden, mit eben der Laune anzusehen, womit man, wenn man sonst nichts besseres zu thun weiss, an dem Theater eines jeden Markschreiers [so] verweilt; so würden wir uns über die Unverschämtheit ärgern müssen, womit der Uebersetzer und Verleger dieser Bogen aufzutreten wagt' ... 'Endlich hängt er noch die weise Bemerkung an, dass das Buch nicht für Kinder wäre, und lässt dabei einen formalen Stammbaum abstechen, der alle Tugenden in ihre Aeste vertheilt, der lehrbegierigen Jugend etwa an der Wand im Schattenspiel oder im Raritätenkasten zur Ergötzung und Nutzen vorgezeigt werden kann' ... Es handelt sich um eine aus dem Französischen übersetzte Schrift über die Unumstösslichkeit der natürlichen Religion. Man sieht: die Conception eines litterarischen Jahrmarktes war bei Goethe oder in Goethes Kreise schon vor dem 20. October 1772 vorhanden. (Vergleich der deutschen Litteratur mit einer Trödelbude, wo falsche Waare gegen falsche Münze ausgetauscht wird, schon S. 199 am 27. März 1772.)

Plundersweilern ist natürlich Frankfurt. Und an die Frankfurter Messe wird gedacht. Wie die eben citirte Stelle um die Zeit der Herbstmesse, so ist das Fastnachtspiel um die Zeit der Ostermesse geschrieben, welche wirklich Comödie und Schattenspiel darbot, wie wir es hier finden (vgl. DjGoethe 1, 363). Ich sondere die kleinen Scenen, die sich hinter einander abspielen.

I. Doctor Medicus und Marktschreier. Wilmanns hat erkannt, dass jener Goethe selbst ist, dieser aber Christian Heinrich Schmid Dr. jur. Professor der Dichtkunst zu Giessen. Beide im Leben Doctores juris, werden hier in die medicinische Region übertragen. Der Doctor, tolerant, gönnt dem quacksalbernden quasi-Collegen den Profit und weiss, dass die Kunst doch beiderseits nicht gross: ganz in Goethes lässiger Art, die Merck so entschieden bekämpfte. Specielle Beziehung auf Schmids Zulassung als Recensent in den Frankfurter Gelehrten Anzeigen?

Der Marktschreier kündigt eine Tragödie an 'voll süsser Worten und Silbensprüchen':

Hüten uns auch für Zoten und Flüchen
Seitdem die Gegend in Einer Nacht
Der Landcatechismus sittlich gemacht.

Gemeint ist der Katechismus der Sittenlehre für das Landvolk (Frankfurt am Mayn, bey J.L. Eichenbergs seel. Erben, 1771) – anonym erschienen, bekanntlich von J.G. Schlosser. Das Motto lautet: 'Bist du weise, so bist du dir weise' (Sprichw. Salomon. 9, 12). Auf eine kurze Vorrede folgt eine längere Einleitung (S. 5-54), worin der Verfasser von dem Landgut eines Freundes erzählt, wo er unter den Landbewohnern die Tugenden des goldenen Zeitalters gefunden habe. Ein Zufall entdeckt ihm, welche Hand so segensreich wirkte. Er trifft einen alten Verwalter des Gutes eines Tages mitten unter den Kindern der Bauern, der Alte sitzt unter ihnen wie Sokrates unter seinen Schülern, und die Kinder horchen mit gespannter Aufmerksamkeit. Der Lehrer weiss ihnen die Tugend interessant und liebenswürdig zu machen. 'Alle seine Lehren und seine Ermahnungen gingen blos dahin zu zeigen, wie unzertrennlich der Vortheil eines jeden mit der Ausübung der Pflichten verbunden ist, die wir auf uns haben'. In einem Gespräche mit dem Verfasser hält dann der Alte eine Lobrede auf die Tugend im allgemeinen und gibt nähere Auskunft über die Art und Weise, wie er seine Umgebung moralisch gebessert habe. Aus den Lehrstunden des Alten ist angeblich der eigentliche Katechismus gesammelt (S. 55-136) der nicht in Fragen und Antworten, sondern in zusammenhängendem Vortrage die Pflichten des Menschen durchnimmt und den Nutzen, den sie bringen, einleuchtend zu machen sucht.

Goethe trifft den entscheidenden komischen Punkt, wenn er die Vorstellung persifflirt, als ob auf diesem Wege im Handumdrehen eine Verbesserung der öffentlichen Moral erzielt werden könnte. Am 8. Januar 1773 (Frankf. Gel. Anz. 1773 S. 24) kündigt übrigens der Verleger die zweite Auflage des Büchleins und einen Separatdruck des eigentlichen Katechismus an. Hieran erst schliesst sich chronologisch Goethes Spott.

Der Doctor meint zum Marktschreier: ohne Zoten und Flüche werde man sich wol ennuyiren. Ganz wie Goethe (6. März 1773) an Salzmann das deutsche Theater seit der Verbannung des Hanswurst charakterisirt: 'Wir haben Sittlichkeit und Langeweile'. Der Marktschreier bedauert denn auch, dass sein Hanswurst krank sei. Auf die Parallelstelle macht Wilmanns S. 64 aufmerksam.

Der Doctor wird durch einen Bedienten zum 'Gnädgen Fräulein' abgerufen: er soll mit ihr zur 'Frau Amtmann' gehen.

II. Marktscene. Der Tyroler bietet allerhand, lang und kurze Waar, für 6 Kreuzer das Stück aus. Wilmanns S. 70 nimmt an, Goethe selbst sei gemeint, weil seine Schrift von deutscher Baukunst 6 Kreuzer kostete. In der That, am Ende der Recension dieser Schrift in den Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 776 (4. December) heisst es: 'Ist bey Ausgebern dieser Zeitung zu haben für 6 Kr.' Und die Notiz fällt auf, weil sie gegen den sonstigen Stil der Frankf. Gel. Anz. verstösst. Ich schliesse aber daraus, dass vielmehr Deinet, der Verleger dieser Zeitschrift gemeint sei. Das Allerhand, die lang und kurze Waar, mag sich auf den bunten Inhalt und die sehr verschiedene Länge der Recensionen in den Frankf. Gel. Anzeigen beziehen. Wie viel diese selbst kosteten, weiss ich nicht.

Ein Bauer bietet Besen aus, natürlich kritische Besen. Aber dass Herder der Kritiker sein müsse (Wilmanns S. 69), leuchtet nicht ein. Ich weiss keine bestimmte Deutung. Die allgemeine deutsche Bibliothek? Schirachs Magazin der deutschen Kritik? die Lemgoer Auserlesene Bibliothek? die Briefe von Unzer und Mauvillon? Ueber die letzteren wird in den Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 781 f. gesagt: 'Wenn doch einmal die Herren (die Recensenten dieser Briefe) sich nicht so ganz an die Manier stossen, und den Geist nicht verkennen wollten, der diese oft ungeschickte Hand belebt. Ungezogenheit, Impertinenz, weitschweifige verwaschene Schreibart fällt allerdings dem Verfasser zur Last; allein, er bleibt allezeit ein Kopf, der wahre Stärke hat.' Ueber die Lemgoer Bibl. heisst es ebenda S. 430: 'Der Plan dieser Schrift war gross und vor den einfältigen und geehrten Leser anziehend genug angegeben, und der Ton Posaunenschall, der oben von den Trümmern der Vorgänger heruntergeblasen, weit genug ins Land schallen sollte. Man rügte und entdeckte einige von allen Kennern entdeckte Mängel und Gebrechen unsrer bisherigen periodischen Schriften' usw. Die Recension über Schirachs Magazin ebenda S. 561 beginnt: 'Der Rest der Klotzischen Schauspielergesellschaft packt das übrige Geräth auf ein neues Fuhrwerk, wozu J.J. Gebauer (der Verleger zu Halle) abermal die Vorspann hergibt, und fährt nun unter dem Namen der Schirachischen Bande in der Welt herum'. Nirgends eine entschiedene Anknüpfung. Aber Kritiker ersten Ranges wie Lessing oder Herder darf man doch nicht unter dem Bauer vermuthen, der seine kritischen Künste so prahlerisch ausschreit.

Ein Nürnberger bietet Spielsachen für Kinder an. Mit Goethes Kinderliebe (Wilmanns S. 71) weiss ich wieder nichts anzufangen. Etwa Christian Felix Weisse, der Verfasser der 'Lieder für Kinder' (1766) und Herausgeber der Neuen Bibliothek der schönen Wissenschaften und der freien Künste. Specielle Beziehung auf Weisses Fibel, die im J. 1772 erschien und grossen Beifall fand: Weisse berichtet darüber in seiner Selbstbiographie S. 170 ff. Um den Kindern das Merken der Buchstaben zu erleichtern, 'wurden kleine Kupferstiche verfertigt, auf welchen der Name der Hauptfigur sich mit dem dabeistehenden Buchstaben anfing; darunter kam ein kleiner Denkspruch, der sich darauf bezog'. Die Sache war etwas neues. Die erste Auflage mit schwarzen und gemalten Kupfern war rasch verkauft; eine kleinere mit Holzschnitten wurde besorgt; der Verfasser nahm kein Honorar 'um den Verleger in den Stand zu setzen, das Büchelgen so wohlfeil als möglich zu verkaufen'. Wie sagt der Nürnberger? 'Hier ein Hündlein, hier ein Schwein ... Nur ein paar Kreuzer, Ist alles dein! Kindlein, kauft ein!'

Wenn durch den Tyroler die Frankfurter Gel. Anzeigen, durch den Nürnberger die Neue Bibl. vertreten ist, so wird es um so wahrscheinlicher, dass der Bauer mit seinen Besen auch irgend einer deutschen Recensir- und Reclame-Anstalt entspricht. –

Der Doctor hat dem Wunsche des gnädgen Fräuleins willfahrt und geht nun mit ihr durch das Marktgewühl. All das Anpreisen, all die Reclame führt er mit Recht auf das Geld- und Erwerbsinteresse, anders gesagt: auf den Hunger zurück: 'Es gilt ums Abendessen'.

Dem Fräulein bietet eine Tyrolerin Modewaaren zum Kaufe. Nehmen wir die Uebersetzung ins Litterarische vor, so könnte an Frau v. Laroche gedacht werden. Von ihrer Sternheim erschien im J. 1772 eine Ausgabe unter dem Reclame-Titel: 'Bibliothek für den guten Geschmack'.

Der Wagenschmiermann ruft seine Waare aus: 'dass die Achsen nicht knirren, dass die Räder nicht girren'. Was folgt: 'Ya! Ya! Ich und mein Esel sind auch da' gebraucht Goethe vom Giessner Schmid bei Gelegenheit von dessen Recension seiner deutschen Baukunst (Wilmanns S. 66; vgl. oben S. 23). Aber dass der Giessner Schmid hier gemeint sei, folgt daraus nicht. Es muss nur überhaupt ein Recensent gemeint sein, der eigentlich nichts zu sagen weiss, aber durch sein kritisches Geschwätz andeuten will, er sei auch da. Ein Recensent ferner, der alles weichlich verschmieren will, dem jeder kräftige Laut zuwider ist. Das passt wohl auf Christian Heinrich Schmid; aber es passt auch auf Andre, z.B. auf Schirachs Magazin, wo dem Frankfurter Recensenten (Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 562) 'die Schreiber ohne Kraft und Saft' leibhaftig vors Gesicht getreten sind. In diesem ehemals Klotzischen Kreise, wo man für Gleim, Wieland, Jacobi ungeheure, aber nichts bedeutende Complimente, für die Wiener eitel Bewunderung[4], für Klopstock nur weise Belehrung, für Herder nur hämischen Tadel hatte, gewinnt die Wagenschmiere noch eine besondere Bedeutung. Man hasste die Kraft des Ausdruckes, verspottete die knorrige Originalität und begünstigte das Geleckte, Glatte, Butterweiche. Man eröffnete ferner eine sogenannte Freistätte gegen alle Journale: jeder beleidigte Autor sollte seine Vertheidigung bei Schirach einrücken können. Ein Buchhändlerkniff um anzuziehen und die Schriftsteller vierten und fünften Ranges in wohlwollende Stimmung zu versetzen. Aber ich will hiermit nicht diese bestimmte Deutung empfehlen.

III. Wir kennen das eine Paar, Doctor und Fräulein, die durchs Gewühl gehen und bei der Tyrolerin stehen geblieben sind. Ein zweites Paar lernen wir jetzt kennen auf demselben Wege: Gouvernante und Pfarrer. Die Gouvernante scheint den Doctor für einen gefährlichen Menschen zu halten und möchte das ihr anvertraute Fräulein vor ihm hüten. Der Pfarrer aber wird durch ein Pfefferkuchenmädchen angezogen und festgehalten. Wilmanns hat über alle diese Personen nichts Zuverlässiges ermittelt. Die Gouvernante soll Frl. Ravanell, die Hofmeisterin der Darmstädtischen Prinzessinnen sein (S. 73): aber von dieser wissen wir gar nichts, und sollten wir Goethe den geringen Spass zutrauen, eine Hofmeisterin als Hofmeisterin einzuführen? Das Fräulein soll Maxe Laroche sein, das Pfefferkuchenmädchen wieder Maxe Laroche, der Pfarrer bleibt unbestimmt. Allenfalls könnten wir Dumeix darunter verstehen (vgl. über ihn Loeper zu DW. 3, 381), und dann würde die Anziehungskraft der Maxe Laroche als Pfefferkuchenmädchen (Wilmanns S. 73) zu den Verhältnissen stimmen. Die Gouvernante, welche das Fräulein vor dem Doctor hütet, könnte Johanna Fahlner sein, welche Lottchen Jacobi oder Luischen Gerock vor Goethe warnt (vgl. DRundschau 6, 73 f.). Als zarte Hofmeisterin hatte sich Johanna wohl gezeigt (DW 3, 164 L.). Oder ist es Frau Servière, welche dem Dechanten Dumeix sehr nahe stand (Loeper zu DW. 3, 381 f.)? Ist das Fräulein die Münch, Goethes 'liebes Weibgen' (DjGoethe 1, 350 vom 11. Februar 1773)? Die Anhaltspunkte sind für jede Deutung gering. Verhältnismässig sicher mag nur sein, dass Goethe als ein gefährlicher Mensch galt und sich darüber in dieser discreten Weise lustig macht.

IV. In dem Zigeunerhauptmann, der den ganzen Markt für Quark erklärt und drüber her fallen möchte, hat Wilmanns (S. 67) Herder erkannt; und da der Zigeunerhauptmann aus rein künstlerischen Gründen einen gleichgesinnten aber etwas contrastirenden Unterredner brauchte, so mag man gerne zugeben dass Goethe bei dem Zigeunerburschen an sich selbst gedacht habe. Zu der Stelle vom gaffenden Publicum vgl. DjGoethe 2, 475.

V. Man muss annehmen dass der Doctor und der Pfarrer mit ihren Damen sich zusammengefunden haben und vom Amtmann und seiner Frau empfangen werden: das Fräulein wollte ja mit dem Doctor zum Amtmann gehen. Wer Amtmann und Amtmännin sind, ergibt sich sogleich.

Der Bänkelsänger fordert zur Sittenbesserung auf:

Das Laster weh dem Menschen thut
Die Tugend ist das höchste Gut
Und liegt Euch vor den Füssen.

Wilmanns vermuthet einen unbekannten Pfarrer (S. 59. 60). Ich vermuthe Johann Georg Jacobi. Vgl. Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 808: 'Wir wünschten, Herr Jacobi unter seinen Zweigen accompagnirte seine Vögel; wäre

Der edle, warme Menschenfreund
Der echte, weise Tugendfreund
Auch des Lasters strenger Feind

und liesse uns nur mit seinen Tugenden unbehelligt'. Dazu ferner S. 215: 'Man ist endlich das Geleier von der Tugend und Religion überdrüssig, wo der Leiermann mehr nicht sagt als: wie schön ist die Tugend! wie schön ist die Religion! und wie ist die Tugend und Religion doch so schön! und was ist der für ein böser Mensch, der nicht laut schreit: sie ist schön usw. Was thun die Leute, die so ohne Gefühl mit den heiligsten Dingen tändlen, was thun sie anders, als dass sie einem blauen Schmetterling nachlaufen? Und mit aller ihrer Schwärmerei werden sie doch keinen Pedrillo bekehren.'

Einer solchen Beurtheilung des Bänkelsängers, etwa von Seiten des Doctors, scheint der Amtmann zu erwidern, wenn er sagt: 'Der Mensch meints doch gut'. Wer nimmt sich hier des Bänkelsängers an, wenn er nur gute Gesinnungen verbreitet? Wer scandalisirt sich in VII über das Schauspiel und verlangt geziemlichere Fassung, gibt sich aber damit zufrieden, dass der Bösewicht eclatant bestraft werde? Ohne Zweifel J.G. Schlosser, der Verfasser des Landcatechismus, vor dem der Marktschreier so viel Respect beweist[5]. Wir begreifen nun diesen Respect: der Marktschreier und Entrepreneur muss auf die Tendenzen des Amtmanns Rücksicht nehmen, da er innerhalb seiner Jurisdiction Geschäfte zu machen wünscht.

Ist der Amtmann Schlosser, so ist die Amtmännin Goethes Schwester. Dass beide im April 1773 noch nicht verheiratet waren, hindert die Combination gar nicht. Schlosser hatte stets eine Vorliebe für Jacobi, dessen Lieder er später gesammelt herausgab.

Wilmanns denkt an Herrn und Frau von Laroche (S. 56). –

Zitterspielbub.
Ai! Ai! meinen Kreutzer
Er hat mir mein Kreutzer genommen
Marmotte.
Ist nicht wahr, ist mein.

Sie 'balgen sich. Marmotte siegt. Zitter weint'. Wilmanns S. 71 lässt dahin gestellt, ob Goethe mit dem Zitterspielbuben sich selbst gemeint; unter dem räuberischen Marmotte aber versteht er Heinrich Leopold Wagner, der später Goethes Gretchentragoedie wegschnappte. Aber der Lyriker streitet mit dem Murmelthierführer nicht um eine Waare, welche sie ausbieten, sondern um den geringen Lohn, den sie damit erzielen, um ihre Erfolge beim Publicum. Der weinende Lyriker ist vielleicht Gleim. Sein Gedicht an die Musen (1772) wird in den Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 327 mit den Worten eingeführt: 'Aus diesem Gedichte ersieht man, dass das Herz dieses edlen Mannes, das im vorigen Jahre von der Hand eines Freundes verwundet ward, noch immer blutet. Bald würden wir auf alles zartere Gefühl der Freundschaft schmählen, wenn wir glauben dürften, dass alle Klagen dieses beleidigten würdigen Mannes gerecht wären'. Der Recensent theilt einige Strophen mit und versichert 'beide grosse Männer, die sich jetzo misverstehen' seiner aufrichtigsten Verehrung. Der Angreifer, also Marmotte, ist Spalding: s. Briefe von Herrn Spalding an Herrn Gleim, Frankfurt und Leipzig 1771; ein Titel den ich aus dem Leipziger Musenalmanach für 1772 S. 48 abschreibe (vgl. Bürger-Briefe 1, 33). Gleim erzählt in dem Gedichte, der Pfarrer wolle seinen Gesang nicht leiden: 'Geht schleichend meiner Leier nach, geführt von seinem Glauben ... und will, ihr lieben Musen, ach! mir meine Leier rauben!' Und weiter: 'dann aber wein ich, wann mein Freund, von seinem Gott verlassen, mir stolz ist, mir ein Heuchler scheint' usw. Da haben wir wenigstens den in seinem Eigenthume bedrohten, weinenden Lyriker.

VI. Die Tragoedie soll angehen. Der Lichtputzer tritt auf in Hanswursttracht (natürlich also sind Lichtputzer und Hanswurst eine Person, gegen Wilmanns S. 66), hat zwar nicht Hanswursts Kopf, aber so viel Durst wie Hanswurst. Wer ist dieser durstige College des Marktschreiers, des Giessner Schmid? Lichtputzer kann wol nur einen Mann bedeuten, der in untergeordneter Weise das vorhandene Licht zu besserem Brennen bringt[6], d.h. einen theologischen Aufklärer von geringem Range. Etwa Karl Friedrich Bahrdt, seit 1771 Professor in Giessen? Wilmanns S. 65 versteht auch unter dem Hanswurst nur wieder den Christian Heinrich Schmid.

Schweinemetzger und Ochsenhändler geben sich dem angenehmen Bewusstsein hin, dass ihre Herden versorgt seien und wollen eins trinken. Etwa Schulmänner oder Professoren die sich an dem litterarischen Treiben betheiligten? Wie despectirlich Merck von den Studenten, speciell den Giessenern, redete, ist aus Dichtung und Wahrheit bekannt; auch in der ersten Rede des Würzkrämers im Pater Brey, d.h. Mercks, stehen Schweine und Studenten als unordentlich einander gleich, wenn auch der Würzkrämer nur aus dem Sinne des Paters heraus spricht. Ebenso despectirlich würde sich, falls meine Vermuthung richtig ist, hier Goethe ausdrücken. Soll ich Namen nennen, so wären es Professor Höpfner zu Giessen und Rector Wenck zu Darmstadt (Loeper zu DW. 3, 297), beide Mitarbeiter der Frankfurter Gel. Anzeigen. Wilmanns will Leuchsenring und den unbekannten orthodoxen Pfarrer (S. 60).

Der erste Act der Tragoedie wird abgespielt. Es ist der Geburtstag des Kaisers Ahasverus. Haman nähert sich ihm, möchte Empfindsamkeit und Religion ausrotten und die Welt mit Gewalt zum Unglauben bekehren, Vernunft soll alleinige Führerin sein. Aber Ahasverus geht sehr majestätisch darüber hinweg: die Vernunft habe keine Waden; was die Leute glauben scheint ihm einerlei, aber er will kein Geschrei darüber: 'Lasst sie am Sonnenlicht sich vergnügen, fleissig bei ihren Weibern liegen, damit wir tapfre (Mommsen vermuthet: 'tapfer') Kinder kriegen'. Der tolerante Kaiser soll nach Wilmanns Hr. von Laroche, der intolerante Minister Merck sein (S. 51. 53). Aber er selbst berichtet uns von dem 'unversöhnlichen Hass gegen das Pfaffenthum', der sich bei Herrn von Laroche festgesetzt habe. Und woraus schliesst er auf bekehrungssüchtigen Rationalismus auf Seiten Mercks? Der ganze von Merck redigirte Jahrgang 1772 der Frankfurter Gel. Anz. legt Protest dagegen ein, und Mercks eigenen Beiträgen macht Herder das Compliment: er sei darin immer Sokrates-Addison. Die Frankf. Gel. Anz. kämpfen gerade so gegen die Hamans wie es hier Goethe thut: Ein Beispiel mag genügen. Die Schrift von C.J. Damm Vom historischen Glauben (Berlin 1772) wird angezeigt (S. 529 ff.). Damm stellt die Göttlichkeit der heiligen Schrift unter die Beurtheilung der aufmerksamen Vernunft, man könne sich nirgends der gesunden Vernunft zum Trotz auf die Bibel berufen, die gesunde Vernunft vielmehr sei der Richter über jene menschlichen Schriften. Der Recensent bemerkt, als Glaubensbekenntnis des Herrn Damm möge das gelten; aber muss denn dies Glaubensbekenntnis vor den Augen des Publicums abgelegt und mit Reformatorgeist in die Welt geschickt werden? Es wird dem Verfasser willkürliche Deutung, die den Geist des Schriftstellers hinwegspüle; es wird ihm die Zuversichtlichkeit seiner Behauptungen, die unverantwortliche Dreistigkeit und der Leichtsinn seiner Hypothesen vorgeworfen; und vor dem Richterstuhle der Vernunft des hocherleuchteten achtzehnten Jahrhunderts hat der Recensent offenbar nicht so viel Ehrfurcht wie der Verfasser. Diese Herrn 'sollten Gott auf den Knien danken, dass er das Gras hat wachsen lassen, ehe sie es wachsen gehört haben. Sie geben uns doch zu dass es wenigstens in jedem Lande nothwendige Policeianstalt sei, eine Art von öffentlichem Glaubensvortrag zu haben ... Welchen Namen soll man diesem menschenfeindlichen Eifer geben? Sie sehen bey Brahmanen, Schumanen, Gebern und Sinesen überall die Fäden der Wahrheit durch die sonderbare Textur ihrer Religion durchziehen, und nur bei uns erkennen sie sie nicht in dem Vorhang des Allerheiligsten. Sie sagen und beweisen uns, dass dieser Baum des Erkenntnisses durch so mancherlei Jahrhunderte und Sekten und Dogmen und Concilien habe müsse verschnitten, angebunden, ausgeputzt, gezogen, genährt und gepflegt werden, bis er in dieser Gestalt erschienen sei. Und ist er nun auf einmal zu alt, oder hat er nicht vielmehr jetzo das Alter, das er nach so vielen Veränderungen haben müsste – und sollte?... Wer seine Brüder liebt und den Lauf der Welt ein wenig kennt, der wird fühlen, dass man mehr zum Wohl des Ganzen beiträgt, wenn man sein eigen Feld im Frieden baut, ohne Projecte fürs allgemeine Wohl zu machen, und in allem Jahreszeit und Witterung abwartet.'

Es ist ungefähr der Ton wie Goethe in späteren Jahren das politische Treiben der Deutschen beurtheilt, und auch dafür ist die Stelle nicht ohne Interesse. Aber ich glaube mich nun berechtigt, Wilmanns' Auffassung hier gerade umzudrehen. Haman ist Herr von Laroche; Ahasverus ist Merck. Und wir wissen nun, inwiefern Goethe durch das Jahrmarktsfest 'Herrn Merck die Cour machte', wie Caroline Flachsland sich ausdrückt. Ihr Brief ist, wie gesagt, aus dem April 1773, genauer: aus dem Anfang April. Mercks Geburtstag fällt auf den elften April. So mochte Goethe sein Geburtstagsgeschenk etwas früher an den 'Kaiser Ahasverus' geschickt haben.

VII. Der Marktschreier beruft sich in längerer Rede auf die Kaiserin aller Reussen und Friedrich König von Preussen und alle Potentaten Europas, von denen er Brief und Siegel weisen könnte, und bietet dann ein Päckel Arznei aus, worin Magenpulver und Purganz, auch ein Zahnpülverlein honigsüsse und ein Ring gegen alle Flüsse. Schmids Leipziger Musenalmanach für 1772 enthält S. 104 'Knittelverse auf hundert und noch hundert Doctoren gleicher Art' die im Ton anklingen, z.B.

Du weisst wie man Klistire setzt,
Mit Schröpfen ganze Haut zerfetzt,
Wie man den vollen Wanst purgirt
Und feine seidne Pflaster schmiert,
Du weisst wie man das gute Blut
Dem Patienten nehmen thut,
Da weisst was man für Warzen braucht,
Und was für Hüneraugen taugt ...
Was gilt, und wo bekommt man doch
Die beste Seife für den Bart?

Die Recension der Frankf. Gel. Anz. 1772 S. 43 macht sich lustig über ein S. 69 mitgetheiltes Gedicht von Willamov 'auf das Emblem der goldnen Dose, womit Ihro Kayserliche Majestät den Dichter noch beschenken wollen' (die Hervorhebung rührt vom Recensenten her) und findet es ganz und gar platt. Zur Probe wird angeführt:

Wo findt man denn in unsern Tagen
Die Pallas?... Ich, ich will es sagen,
Die wahre Pallas ist der Reussen Kaiserin. –

An einer andern Stelle verherrlicht Ramler Friedrich den Grossen (S. 87). Ein Epigramm (S. 102) lautet:

Auf eine hohe Frisur.
Der Alpen Spitze gleicht dein aufgethürmtes Haar;
Dein Haupt ist weiss, wie sie, und auch so unfruchtbar.

Der Recensent meint, das Epigramm sei sehr gut, und 'überall sehr applicabel'. Ueberall, das heisst: auch auf den Herausgeber des Musenalmanachs.

Nach der Rede des Marktschreiers spielt sich die kleine Scene zwischen dem Zigeunerhauptmann und dem Milchmädchen ab. Wilmanns hat in ihr Caroline Flachsland erkannt (S. 68). Aber die Scene selbst scheint er unrichtig aufzufassen. Milchmädchen ist Caroline wegen ihres Geschmackes an kraftloser Sentimentalität. Der zinnerne Ring, den ihr der Zigeunerhauptmann Herder zu kaufen bereit ist, deutet auf die Verlobung, welche so lange nicht zur Vermälung gedieh. Die Worte des Milchmädchens, das an einer Bude zu denken ist, sind ein Ausruf kritikloser Bewunderung: 'Man sieht sich an den sieben Sachen blind'. Und damit ist sie ausgezeichnet charakterisirt. Sie fällt – wenn ich mich so ausdrücken darf – auf alles herein; sogar auf einen Menschen wie Leuchsenring.

Im zweiten Acte der Tragoedie lernen wir Mardochai und Esther kennen, d.h. Leuchsenring und – Frau Merck: so müssen wir annehmen in Consequenz unserer Deutung des Ahasverus.

Franz Leuchsenring war gegen Ende Februar schon mit Merck sehr gespannt, doch ging er noch immer in sein Haus, aber nur der Frau und Kinder wegen: so meldet Caroline Flachsland (Herders Nachl. 3, 457). Und dieselbe später: Leuchsenring könne den Merck fast nicht mehr ausstehen und würde längst mit ihm gebrochen haben, wenn ers nicht seiner Frau wegen unterliesse; Mercks Betragen im Hause gegen seine Frau habe ihm Leuchsenring unter andern auch übel genommen (ibid. 488). Die Entfremdung begann mit einem Briefe, den Leuchsenring 1772 an Merck richtete, den ihm Merck zurückschickte und den Caroline in Abschrift ihrem Herder mittheilen kann (ibid. 487). Herder aber bemerkt darüber (ibid. 490): Der Brief 'ist doch, die Sache mag zwischen beiden stehen, wie sie will, so höckerigt und nicht recht nach meinem Sinn geschrieben. Mich dünkt immer, die recht reine Wahrheit, Lauterkeit und Eifersucht für die alleinige Tugend, mit Aufopferung alles dessen, was wir sind, spreche doch nicht so .... Leuchsenring ist doch nur ein Buttervogel mit schönen Goldflügeln ... Wer mich am meisten dauert, ist Madame Merck. Es muss ein Tod im Herzen und ein Brand in den Eingeweiden sein, sich ungeliebt zu fühlen – zeitlebens ungeliebt! – und die Schritte gethan zu haben, die sie gethan hat.' Nach Allem scheint es dass sich Leuchsenring in Mercks häusliche Verhältnisse eingemischt hatte. Mit der äussersten Indiscretion vermuthlich. Aus dem Stücke gehören hierher vielleicht noch Hamans Worte im ersten Act: 'Das leidt sein Lebtag kein Prophet'.

IX. Der Schattenspielmann producirt sich. Er führt die Schöpfung vor, das Paradies und dessen Verlust, die menschliche Verderbnis bis zur Sündflut: da kommt Mercurius als Retter, 'macht ein End all dieser Noth'. Wilmanns hat gesehen dass Wielands Merkur gemeint sein muss (S. 59), zieht aber daraus nicht den einfachen Schluss dass der Schattenspielmann – Wieland sei. Er vermuthet vielmehr in ihm den mehrfach erwähnten orthodoxen Pfarrer. Aber es scheint mir ganz klar dass wir eine Parodie von Wielands Vorrede zum Merkur vor uns haben:

Lichter weg! mein Lämpgen nur!
Nimmt sich sonst nicht aus.

Ganz so hatte Wieland in der Vorrede nur sein Licht leuchten lassen und insbesondere das deutsche Recensirwesen als so verkommen dargestellt, dass es schien, als ob der Merkur einem ganz chaotischen Zustande zu Hilfe kommen müsse, lieber die Grosssprecherei im Merkur vgl. noch DjGoethe 1, 380; zur Datirung ibid. 368. 369.

Wilmanns meint (S. 58), der Schattenspielmann weise durch die stark dialektisch gefärbte Sprache, namentlich durch den häufigen Gebrauch des pleonastischen 'sie' auf eine bestimmte Individualität. Aber Goethe hat augenscheinlich nur nachzubilden versucht, wie ein wirklicher Schattenspielmann romanischer Nationalität die deutsche Sprache radebrechte.

Das Schönbartspiel schliesst, indem Doctor, Fräulein, Gouvernante von Amtmanns Abschied nehmen. –

Ich finde die Posse ganz genial. Bei Aufführungen, die vor einigen Jahren versucht wurden, hat sie zündend gewirkt. Die jüngere Gestalt, welche man dafür wählte, hat allerdings sehr gewonnen, namentlich in der eingelegten Tragödie. Alle übrigen Motive aber waren schon im ersten Wurfe gefunden. Die Situationen waren ohne ein erläuterndes Wort vollkommen klar. Alles bewegt und doch behaglich; durch und durch – man möchte sagen: bis in die Fingerspitzen hin – voll sprühenden Lebens: ein echtes Bild des Jahrmarkttreibens, von Anfang bis zu Ende interessant und komisch, auch wenn man von litterarisch-satirischen Beziehungen gar nichts weiss. In diesen Beziehungen aber freilich sitzt die höchste bewunderungswürdige Kraft: schlagende Charakteristik oft durch eine einzige Zeile.

Ueberblicken wir meine Deutungen, so ergibt sich ein gewisser Plan in der Aufeinanderfolge der Personen: I ist gleichsam Vorspiel um durch die Rolle des Doctors einen Mittelpunct für das Ganze zu schaffen. An ihn schliessen sich dann die einheimischen vornehmen Beschauer des Marktes, die Frankfurter Gesellschaft: Pfarrer, Gouvernante, Fräulein, Amtmann und Amtmännin. Unter den Besuchern des Marktes aber, welche da Geschäfte machen wollen, gruppiren sich am Anfang die Recensenten und Reclamemacher: Marktschreier (Christian Heinrich Schmid), Tyroler (Deinet), Bauer, Nürnberger (Weisse) und etwas später Wagenschmeermann (Schirach?), symmetrisch macht Wieland mit dem Merkur den Abschluss des Ganzen. Auf die Frankfurter Gesellschaft wirken anziehend Tyrolerin und Pfefferkuchenmädchen, Frau und Fräulein von Laroche, deren Auftreten durch den Wagenschmeermann wol nur darum unterbrochen wird, damit nicht die Frauenzimmer gleich hinter einander kommen. Dann erscheint als Kontrastfigur der Zigeunerhauptmann Herder. Hierauf Jacobi und Gleim, der Spalding mitzieht. Dann die Giessener Bahrdt und Höpfner, der Wenck mitzieht, indem zugleich der Giessener Schmid wieder das allgemeine Interesse in Anspruch nimmt. Wenck hat schon zu den Darmstädtern übergeleitet: wir erblicken in der Tragoedie Herrn und Frau Merck mit Leuchsenring, der seinen Gegner Laroche mitzieht, und zwischen den beiden Acten auch Caroline Flachsland, das Milchmädchen.

Demgemäss sind durch die grossen Journale lauter kleine geographisch oder sachlich einheitliche Gruppen umrahmt: Frankfurt, Darmstadt, Giessen finden sich vertreten; Coblenz ist allerdings vertheilt, man hat aber doch wol keinen Grund, für Haman nach einem Darmstädter Rationalisten zu suchen. Nach dem Eindruck, den auf Goethe sein einziges Zusammentreffen mit Leuchsenring im Herbst 1772 bei Laroches und der ganze Aufenthalt im Larocheschen Hause machte, wäre es sonderbar, wenn Laroche, der als Feind der Empfindsamkeit und fanatischer Freund der Aufklärung sich so gut zum Gegenspieler des Leuchsenring eignete, hier nicht vorkäme. Die Reihe Herder, Jacobi, Gleim, Spalding ist noch durch den geistlichen oder halbgeistlichen Charakter zusammengehalten.

Ich bemerke dass diese Beobachtungen hinterher gemacht sind, wie sie hier stehen, dass sie auf die Deutung des Einzelnen nicht den geringsten Einfluss genommen haben. Auch möchte ich ihre bestätigende Kraft nicht allzu hoch anschlagen.

Durchgängig habe ich auf die Frankf. Gel. Anz. von 1772 Rücksicht genommen. Sie sind das zuverlässigste Document für die in Goethes Kreis damals vorhandenen polemischen Tendenzen; und da mit Anfang 1773 die Betheiligung dieses Kreises an der genannten Zeitschrift aufhörte, so erscheinen die Epigramme des Jahrmarktes gewissermassen als Fortsetzung von Goethes Recensententhätigkeit.

Wir haben uns mit unseren Deutungen nicht ganz in Goethes persönlichem Kreise halten können, aber doch hauptsächlich. Immerhin konnte Merck an Nicolai schreiben: 'Die Pasquinaden die er (Goethe) gemacht hat, sind aus unserem Cirkel in Darmstadt, und alle Personen sind gottlob so unberühmt und unbedeutend, dass sie niemand erkennen würde' (Merck Br. 3, 107). Man muss allerdings annehmen dass Merck damit nicht strenge die Wahrheit sagt. Aber ist ihm solche Diplomatie nicht zuzutrauen, besonders Nicolai gegenüber, der vielleicht in dem Stücke als Bauer kritische Besen verkauft?

4. 8. 78.


SATYROS.

Für Goethes Satyros ist eine befriedigende Deutung bis jetzt nicht gewonnen. Weder Kaufmann noch Basedow noch Heinse noch Klinger lassen sich als Vorbilder festhalten. Aber die Meinung, eine bestimmte Person habe überhaupt nicht vorgeschwebt oder die deutschen Nachahmer Rousseaus im allgemeinen sollten getroffen werden, setzt sich in Widerspruch mit Goethes ausdrücklicher Angabe, Dichtung und Wahrheit Buch XIII (Loeper 3, 109).

Dass wir den Betheiligten und Zeitgenossen die Bescheid wissen können zunächst einmal glauben und daraufhin weiter forschen, ist doch, wie mir scheint, die erste Regel eines methodischen Verfahrens. Düntzer in seinem Aufsatz über den Satyros (Neue Goethestudien 1861, S. 33-62) hatte eigentlich alle Momente für die richtige Deutung in der Hand; die wichtigsten Thatsachen auf die ich mich stützen werde gibt er an; zu anderen weist er den Weg: so dass wir, falls ich Haltbares wirklich gewinne, in erster Linie ihm dafür verpflichtet bleiben.

Goethe redet aaO. von Leuten 'die auf ihre eigene Hand hin und wider zogen, sich in jeder Stadt vor Anker legten und wenigstens in einigen Familien Einfluss zu gewinnen suchten'. Einen zarten und weichen dieser Zunftgenossen habe er im Pater Brey, einen andern, tüchtigern und derbern, im Satyros 'wo nicht mit Billigkeit, doch wenigstens mit gutem Humor' dargestellt. Dass der zarte und weiche Franz Leuchsenring war, ist bekannt. Dass der tüchtigere und derbere eine bestimmte Person sein müsse, steht nach dem Zusammenhang ausser Zweifel; und dass sich Goethe hier nicht bestimmt erinnert haben sollte, ist unmöglich.

Wenn Merck von Goethes Pasquinaden an Nicolai schreibt 'sie sind aus unserm Cirkel in Darmstadt' (vorhin S. 42), so kann er nur meinen was Nicolai kennen konnte, d.h. das Jahrmarktsfest und Pater Brey. Aber dass Merck in das Geheimnis des Satyros eingeweiht war, müssen wir unbedingt annehmen. Und wenn die Herzogin Anna Amalia nach Mercks Anwesenheit bei ihr im Sommer 1779, brieflich an Merck (2, 166 vom 2. August) Herdern 'Satiros' nennt, wenn die Göchhausen ebenfalls an Merck dieselbe Persönlichkeit als 'General – – s' bezeichnet (1, 186 vom 22 October 1779): so sollte ich denken, wir wüssten genug[7]. Vgl. Düntzer S. 56 f.

Satyros empfängt Psyches gläubige Verehrung und zieht am Schlusse mit ihr ab ('Es geht doch wohl eine Jungfrau mit' sagt der Einsiedler). Aber Psyche hiess Caroline Flachsland im Freundeskreise, als Psyche hat sie Goethe besungen: Herder selbst scheint ihr den Namen beigelegt zu haben mit Rücksicht auf die Psyche in Wielands Agathon (Lebensb. 6, 131; ich zähle die sechs Bände des Lebensb. durch). Die Psyche des Satyros zeigt sich ebenso kritiklos wie die Leonore im Pater Brey, wie das Milchmädchen im Jahrmarktsfest – diese anderen Abbilder Carolinens, von der selbst Herder im J. 1772 noch zugibt dass sie vorläufig nur gutes Mädchen sei (Merck 1, 40).

Dass die Philosophie welche Satyros vorträgt, Berührungspuncte mit Herders Ältester Urkunde des Menschengeschlechtes habe, sah auch bereits Düntzer S. 56. Und gleich fällt uns Mercks Aufsatz über dasselbe Buch (Briefe 3, 110 ff. vgl. ibid. 105) ein, worin der Leser klagt, der böse Autor wolle ihm aus der Fülle seines unrecht erworbenen Mammons nicht einmal das Nothdürftige reichen, ja das geschehe auf eine ungebärdige Art und der böse Wille werde nicht einmal mit dem Mantel und Kreuz des Wohlanstandes bedeckt; der Leser habe daher keine Ursache, seine Schmach in sich zu fressen, insbesondere da ihn das laute Neigen der Freunde, Schmarotzer und bunten Diener des reichen Mannes kränken müsse, 'die, weil sie nicht die Kiste und das Manual selbst inspicirt, das Vermögen ihres Patrons immer grösser machen, als es ist'.

'Zwar – heisst es weiter, und eine Satyrosähnliche Gestalt erhebt sich immer bestimmter vor unserem inneren Auge – dürfte der Beklagte manches zu seiner Nothdurft vorzubringen haben. Ist er ein stolzer Mann, so spricht seine Seele zu sich selber: hier steht Herkules, das Werk meiner Hände, den Blöden und Schwachen ein Aergernis, aber seines gleichen Augenweide und Wonne. Seufze Höfling, dass er nicht recht gekämmt ist, und du Siechling miss seine Lenden und Schultern nach deiner Ohnmacht. Seine Nacktheit ist euch ein ewiger Vorwurf. Gebt seinen Schenkeln, Eure Blösse zu bedecken, Beinkleider und statt einer Keule eine Excuse untern Arm, damit Ihr Euch trösten und sagen könnt: er ist worden wie unser einer'.

Den Ausdruck 'Siechlinge' gebraucht auch Satyros gegen Schluss des dritten Actes. Und Goethe schreibt an Herder im Sommer 1771: 'Apollo von Belvedere, warum zeigst du dich uns in Deiner Nacktheit, dass wir uns der unsrigen schämen müssen. Spanische Tracht und Schminke!' Herder selbst sagt, er brauche keinen Beinkleidmacher für seine Blösse (Merck 1, 38).

Die Art wie Goethe sich an Schönborn über Herders Werk ausspricht, stimmt ganz und gar zu dem Charakter der Poesien und Doctrinen, die er seinem Satyros in den Mund legt: 'Es ist ein so mystisch weitstralsinniges Ganze, eine in der Fülle verschlungener Geäste lebende und rollende Welt' usw. Eine Riesengestalt sei das Buch. Herder habe in den Tiefen seiner Empfindung alle die hohe heilige Kraft der simplen Natur aufgewühlt und führe sie nun in dämmerndem, wetterleuchtendem hier und da morgenfreundlich lächelnden, orphischen Gesang vom Aufgang herauf über die weite Welt.

Man vergleiche wie zu Anfang des dritten Actes Satyros sich selbst als Orpheus besingt: