Singt Klageton: verloren die schöne Braut
Des Paradieses, selige Unschuld! Weint
verloren ihre holde Tochter,
süsse, gesellige, nackte Liebe!
Und stürmt in Saiten: 'Wehe der blendenden
Abgöttin! Weh ihr, Feigenverhüllte Scham!
Scheintugenden! ihr Unglücksbilder,
grausend entsetzliche Missgestalten!'

Gesichte Gottes geben ihm Aufschluss über die Urzeit: Sieben Chöre sangen ein ewiges Lied der Schöpfung:

Wie Gott, als lange schaudernde kalte Nacht
auf Erd' und Meeren flutete, Er sein Licht
urplötzlich aufrief und sich Himmel
droben und unten Gebirge wölbten –

Zuletzt: 'Siehe, da stand der Mensch, ein Götterbild! und alle Wesen stimmten in hohem Accord zusammen'.

Die reine Urmenschheit, Natur und Wahrheit, hat der Schüler Rousseaus gewiss auch in Strassburg gepredigt. Und indem wir so auf das Verhältnis Herders zu Rousseau hinwiesen (Hettner 3, 3, 1, 27-30) kommt auch die Ansicht zu ihrem Recht, welche im Satyros die deutschen Nachahmer Rousseaus verspottet sehen will.

18. 3. 78.


HERDER IM FAUST.

Grimm Goethe 2, 283 vermuthet, Herder liege dem Mephisto zu Grunde. Wenn ich corrigiren darf, er habe neben Anderen Elemente zum Mephisto hergegeben, so scheint mir die Ansicht sehr überzeugend, und sie wird gestützt durch das über den Satyros Vorgetragene (vgl. besonders S. 44 Anm.): der hinkende Waldteufel erinnert schon äusserlich an Fausts teuflischen Diener. Der Ausruf 'ein Thier!' (Fragment von 1790, S. 130) findet sich ebenso auf Satyros angewandt (Schluss des fünften Actes), nur in anderer Situation. Für einen Spruch Mephistos lässt sich eine schöne Parallele Herders anführen (Fragm. S. 23):

Ich sag es Dir: ein Kerl, der speculirt,
Ist wie ein Thier, auf einer Heide
Von einem bösen Geist im Kreis herum geführt,
Und rings umher liegt schöne grüne Weide.

In den Frankfurter Gel. Anzeigen 1772 Nr. 84. 85 (20. und 23. October) recensirt Herder ein Buch von James Beattie und bemerkt unter anderem: 'Speculation als Hauptgeschäfte des Lebens – welch elendes Geschäfte! Sie gewöhnt endlich alles als Speculation anzusehen! ein Opium, was alle wahre Lebenskraft tödtet und mit süssen Träumen sättigt, aber auch wie selten mit süssen Träumen? – wie oft ist das Reich der Abstraktionen die wahre Gegend unterirdischer arsenikalischer Dünste, wo die Goldgräber (Goldgräber nach dem Wahn der Menschen) als Verdammte der Hölle umhergehen, mit blassen Wangen und früh verpestetem Odem' ... Er nennt die Speculation ferner einen Sumpf voll witziger Irrlichter, lobt seinen Autor, dass er uns auf den rechten Weg eifere und fährt fort: 'Lass sich einige aufmachen und wandern: vielleicht finden sie das Goldland, und er sagt gar, dass wirs Alle, wenn wir nur die Augen aufthun wollen, rings um uns haben'. Die Hervorhebung dieser Worte rührt von Herder her. Man sieht deutlich, wie weit er Goethe vorgearbeitet hat, der das Bild nur ins zoologische Gebiet überträgt: wer speculirt geht wie ein Verdammter der Hölle umher, Irrlichter verlocken ihn in einen Sumpf, er thut die Augen nicht auf um zu sehen, dass das Goldland, das er sucht, rings um ihn liegt.

Andererseits habe ich schon oben darauf hingewiesen, dass die Scene zwischen Satyros und Psyche an Faust und Gretchen erinnert. Goethe hatte unmöglich an sich selbst bis 1775 erfahren können, dass er einem Mädchen im eigentlichen Sinn imponirte; aber bei Caroline Flachsland und Herder lag ihm ein solches Verhältnis vor Augen. Es mag daher auch in der Gestalt des Faust ein Element Herder stecken.

Eine dritte Auffassung Herders aus dieser Zeit liegt im Zigeunerhauptmann des Jahrmarkts vor, wie Wilmanns zeigte, woran sich der Balandrino des Pater Brey anschliesst: in demselben Sinne wurde Herdern zu Ehren Götz in der ersten Fassung Gottfried genannt (vgl. Grimm Goethe 1, 137). Wieder anders stellt sich der Abbé des Wilhelm Meister und der Humanus der Geheimnisse dar. Aber sie alle haben mit dem ersten Faust nichts zu thun.

Julian Schmidt nimmt an, dass Herder dem Erdgeiste zu Grunde liege; so ablehnend wie der Erdgeist gegen Faust habe sich Herder gegen Goethe verhalten (Preuss. Jahrb. 39, 375 f.). Für die Abweisung als solche könnte ich das Motiv persönlicher Erfahrung mit Herder wol zugeben; man dürfte nur auch die Verschiedenheit nicht übersehen: des Geistes Abwendung hat Faust verschuldet durch das Grauen das ihn beim Anblicke der 'Flammenbildung' ergriff; hierfür lässt sich in dem Verhältnis von Goethe zu Herder keine Analogie aufweisen. Vollends aber wenn Julian Schmidt den Erdgeist als den Geist der Geschichte ansieht, der eben durch Herder dem jungen Goethe machtvoll entgegentrat, so stimme ich darüber Vischer S. 264 (vgl. Düntzer Würdigung S. 26) bei: ich finde nichts in ihm als das physische Erdenleben, an das sich Goethe auch im Werther klammert und das ihm auch im Werther Grauen einflösst (DjGoethe 3, 292); vgl. noch in der Recension über Sulzer (DjGoethe 2, 472): 'Sind die wüthenden Stürme, Wasserfluten, Feuerregen, unterirdische Glut, und Tod in allen Elementen nicht ebenso wahre Zeugen ihres [der Natur] ewigen Lebens, als die herrlich aufgehende Sonne über volle Weinberge und duftende Orangenhaine?'

Wenn wir uns hier somit von Herder entfernen, so können wir ihn um so bestimmter an einer anderen Stelle entdecken, in dem vorhergehenden Abschnitte des Monologs, wo Faust das Zeichen des Makrokosmos aufschlägt. Nach dem Buche des Astrologen Nostradamus erkennt er der Sterne Lauf; astronomische Vorstellungen sind es zunächst, welche das Zeichen in ihm erweckt; man muss vor allem an die Harmonie der Sphären denken, die aber erst zuletzt bestimmter anklingt. Beruhigung strömt über ihn her. 'War es ein Gott, der diese Zeichen schrieb, die ... die Kräfte der Natur rings um mich her enthüllen? Bin ich ein Gott? Mir wird so licht!'

Jetzt erst erkenn ich was der Weise spricht:
'Die Geisterwelt ist nicht verschlossen;
Dein Sinn ist zu, dein Herz ist todt!
Auf bade, Schüler, unverdrossen
Die irdsche Brust im Morgenroth!'

Diesen Weisen hat bis jetzt noch niemand nachgewiesen (s. Düntzer 1857 S. 180; Erläut. S. 65; v. Loeper S. 20); Nostradamus kann nicht gemeint sein sollen: vielmehr macht das bei Nostradamus gefundene Zeichen den dunklen Ausspruch eines anderen Weisen klar. Dass Goethe die citirten Sätze erfunden hätte, wäre recht sonderbar; sehr verständlich klingen sie auch nicht. Düntzer meint: es könne 'das Baden der Brust im Morgenroth nur auf das in den frühesten, zur geistigen Auffassung geeignetsten Morgenstunden beginnende Betrachten sich beziehen.' Suchen wir einmal den Wortsinn zu fassen und ihn in dem Zusammenhange zu verstehen, in dem er auftritt.

Die Kräfte der Natur enthüllen sich in dem Zeichen, es muss von einem Gotte herrühren und macht den Beschauer zum Gott, weil das Geheimnis der Schöpfung vor ihm aufgedeckt liegt: das Zeichen ist Offenbarung. Jetzt erst verstehe ich den Weisen, welcher sagt: 'Es ist nicht wahr, dass die Geisterwelt verschlossen sei, es gibt eine Offenbarung; man muss ihr nur Sinn und Herz eröffnen; geh hin zur Morgenröthe, da wirst du die Offenbarung finden.'

Der Ausruf 'bade' usw. kann nur eine Hinweisung auf den Ort sein, wo sich die Geisterwelt erschliesst.

Hierdurch wird die Stelle zunächst nicht deutlicher: Was hat die Morgenröthe mit der Offenbarung zu thun? Wir müssten das Citat aufschlagen können, um hier klar zu sehen. Aber wo?

Ich glaube, in Herders Aeltester Urkunde des Menschengeschlechts. Er ist der 'Weise'.

Die Mosaische Schöpfungsgeschichte ist nach Herder ein Gemälde der Morgenröthe, Bild des werdenden Tages. 'Komm hinaus, Jüngling, aufs freie Feld und merke. Die urälteste herrlichste Offenbarung Gottes erscheint dir jeden Morgen als Thatsache, grosses Werk Gottes in der Natur' (Werke zur Relig. und Theol. 5, 101). Ein besonderes Capitel des ersten Bandes heisst 'Unterricht unter der Morgenröthe'. Die erste Offenbarung Gottes war Offenbarung in der Natur, und zwar im einfachsten schönsten Bilde, in der aufgehenden Morgenröthe; zur Fassung und Erreichung dieses Bildes aber kam eine Lehrmeisterstimme hinzu, für welche im Anfange der Zeit niemand als Gott da war. Schöpfung ist Gewühl einzelner Geschöpfe: sie gewann für den Urmenschen Einheit und Zusammenhang nur durch die aufgehende Morgenröthe, diese Lehrmethode Gottes.

Wie bezeichnend ist nun die Aufforderung zum 'baden' in der Morgenröthe[11]. So will Faust im Thau des Mondes sich gesund baden. An Abwaschung, Reinigung ist gedacht: Bücher und Papier sind Krankheit, Schmutz; die lebendige Natur bringt Heilung, Trost und neues Lebensglück. Ganz wie uns Herder in dem angeführten Kapitel weg weist von Demonstration, Raisonnement, Abstraction und anderem Vernunftgeschäfte, wo wir tappen und leben, mit hunderttausend Schlüssen umringt, fühllos, ohne Anschaun, ohne Gott in der Welt – und uns dafür jene erste Offenbarung bewundernd begeistert anpreist. Wir sollen uns in die Urzeit der Schöpfungsreligion hinfühlen, als Adam ward: 'Es ist als ob der Allanblick und die ganze Stimme der Sphären, nach dem Sinne des Menschen gemildert, ihm Seele öffnete und Herz und Gebein erquickte' ... 'Heil ihnen, den Kindern Gottes, den einfältigen Schülern der grossen allweiten Natur, die ihn fühlten!' ... Jene Offenbarung ist 'erhabenste Weisheit für Unschuld, Zufriedenheit und Glückseligkeit des Menschen'.

Was der 'Weise' an die Morgenröthe anknüpft, das geht dem einsamen wahrheitsdurstigen Forscher an dem magischen Zeichen auf: es gibt eine Offenbarung, wodurch die Einheit und Ordnung der Welt kund wird, wo Gott zum Menschen, Geist zum Geiste spricht.

Die eigentliche Schilderung des Makrokosmus, welche folgt, nimmt doch recht wenig aus den kabbalistischen Anschauungen, welche Düntzer in seinem Faustcommentar (1857, S. 178 ff.) bespricht; jede bestimmtere, modernes Naturwissen absolut befremdende Anlehnung ist vermieden. Dagegen findet zum Theil wörtliche Uebereinstimmung mit der Kosmogonie des Satyros statt.

Satyros erzählt, wie nach Geburt von Hass und Liebe 'das All nun ein Ganzes war'; Faust bewundert, 'wie alles sich zum Ganzen webt'. Satyros: 'Und das Ganze klang in lebend wirkendem Ebengesang, sich thäte Kraft in Kraft verzehren, sich thäte Kraft in Kraft vermehren'; Faust: 'Eins in dem andern wirkt und lebt, wie Himmelskräfte ... harmonisch all das All durchklingen'. Satyros: 'Und auf und ab sich rollend ging das all und ein und ewig Ding'; Faust: 'wie Himmelskräfte auf und nieder steigen ... vom Himmel durch die Erde dringen', wie beim Satyros die Elemente sich erschliessen 'alldurchdringend, alldurchdrungen'.

Gleich sehen wir was im Faust hinzukommt. Die absichtliche Dunkelheit der Satyros-Offenbarung verschwindet, und fassbare Bilder fürs Auge stellen sich ein: alle Einzelheiten der Welt weben sich zum Ganzen; die Himmelskräfte sind wie Engel gedacht, geflügelt, sie steigen vom Himmel zur Erde nieder, von der Erde zum Himmel auf und reichen sich goldne Eimer, ihre Flügel duften Segen, damit kommen sie vom Himmel und – durchdringen die Erde; das Bild verliert an malerischer Anschaulichkeit, man kann sich nicht Engelsgestalten denken, welche durch die Erde hindurchdringen, aber die Vorstellung des segensvollen Duftes hilft uns, die Kräfte wieder gestaltloser und flüchtiger zu denken, und bereitet so den Uebergang in das Gebiet eines andern Sinnes vor: dass eben jene Kräfte 'harmonisch all das All durchklingen'.

Weitere Deutung ist hier nicht nöthig: ich wollte nur zeigen, dass jenes Citat auf Herder zurückgehe, und das Verhältnis zum Satyros brauche ich für eine chronologische Erwägung. Ich möchte vermuthen, dass die hier behandelten Stellen im allgemeinen zu der Partie des Faust gehören, welche Goethe selbst mit dem Satyros und Prometheus in die gleiche Zeit setzt. Die Wendung Fausts vom Makrokosmus zum Erdgeist muss man wol als eine innere Entwicklung Goethes auffassen, über die ich ein andermal sprechen werde. Die Unterbrechung durch den Famulus – 'O Tod! ich kenn's ... Dass diese Fülle der Gesichte der trockne Schleicher stören muss!' – ist aus dem beabsichtigten Mahomet übertragen (Schöll Briefe und Aufsätze S. 151. 152), der auch mit einem Monologe des Helden beginnen sollte, worin er unter Ablehnung des Gestirndienstes den einigen Gott den erschaffenden findet: da kommt seine Pflegemutter Halima, ruft seinen Namen; Mahomet spricht: 'Halima! O dass sie mich in diesen glückseligen Empfindungen stören muss.' Nachher bemerkt er: 'Ich war nicht allein. Der Herr, mein Gott, hat sich freundlichst zu mir genaht.'

An die Scene mit Wagner schliesst sich im Fragment von 1790 die Unterredung mit Mephisto, worin Faust, und zwar hier gleich zu Anfang (S. 19) sein Selbst zu dem der ganzen Menschheit erweitern will; wie Prometheus zu Merkur, dem Boten der Götter, sagt: 'Vermögt ihr mich auszudehnen, zu erweitern zu einer Welt?'

Gehören diese Scenen mit dem Satyros und Prometheus noch in das J. 1773, so ergibt sich wieder die Schwierigkeit mit Herders Aeltester Urkunde. Aber dass Goethe 1774 und 1775 intensiv am Faust gearbeitet hat, wissen wir: geht doch vermuthlich das ganze Fragment mit Ausnahme der Hexenküche (S. 63-82) und der Scene 'Wald und Höle' (S. 151-161) auf die Jahre 1773 bis 1775 zurück. Es wäre also doch sonderbar, wenn man die Annahme abweisen wollte, dass der Dichter in vorläufig fertig gestellte Scenen nachträglich hineingearbeitet habe. Hier ist es sogar möglich, dass geradezu, ohne sonstige Veränderung, die acht Zeilen 'Bin ich ein Gott?' bis 'Morgenroth' in die fertige Scene eingeschaltet wurden. Man mag, um dieser Möglichkeit einen leisen Schimmer der Wahrscheinlichkeit zu geben, noch bemerken, dass die betreffenden Verse ausser dem Citat keinen neuen Gedanken enthalten und dass der Autor, um das Citat anbringen zu können, sich wiederholen musste.

Wenn sonst der Sinn der Scene – von der trockenen Gelehrsamkeit weg zur Natur! – uns an Aeusserungen in der Aeltesten Urkunde erinnerte, so beruht das nicht auf Entlehnung, es ist vielmehr ein schönes Zeugnis für die innere Uebereinstimmung zwischen Herder und Goethe.

21. 3. 78.


DER FAUST IN PROSA.

Es sei mir gestattet zu vorderst eine Bemerkung aus der Deutschen Rundschau (Augustheft 1878 Bd. 16 S. 329) zu wiederholen:

"Die Entstehungsgeschichte des Goethischen Faust ist ein Problem, welches nach so vielen gründlichen und geistreichen Erörterungen der letzten Zeit noch immer der völligen Erledigung harrt und in gewissem Sinne nie völlig erledigt werden wird. Referent hofft nachweisen zu können, dass ein mehr oder weniger ausgeführter Entwurf in Prosa schon zur Zeit des ersten Götz im Winter 1771 auf 1772 zu Papier gebracht wurde und dann als Grundlage der Umarbeitung in Verse, etwa seit 1773 diente. Spuren davon scheinen mehrfach durch, einmal sogar noch im zweiten Theil; ein Stück daraus ist die Scene 'Trüber Tag, Feld'; und was folgt 'Nacht, offen Feld' ging ursprünglich voraus und gehörte zur selben Scene, Reden der 'Hexenzunft' sollten zur Entdeckung von Gretchens Unglück führen. Auch die Domscene ist nur in Versen geschrieben, und das Gebet zur Mater dolorosa sollte eigentlich an ihre Stelle treten."

Ich will diese Vermuthungen jetzt zu begründen versuchen, nicht ohne von neuem zu prüfen, ob sie in allen Einzelheiten bestehen können. Jede Untersuchung über Faust ist erleichtert seit Herrn von Loepers neuer Ausgabe, einstweilen nur des ersten Theiles (Berlin, Hempel 1879), worin die Reimzeilen durchgezählt sind und dadurch zum ersten Male bequemes Citiren ermöglicht wird.

In der prosaischen Scene, von der meine Betrachtung ausgeht (S. 195), sind mit Recht die Zeilen für sich gezählt. Sie fehlt im Fragment von 1790; aber sie war nicht ungeschrieben (Loeper S. 197). Wieland bemerkte, am 12. November 1796, die interessantesten Scenen, wie z.B. die im Gefängnisse, wo Faust so wüthend werde, dass er selbst den Mephistopheles erschrecke, habe der Dichter unterdrückt (Böttiger Litt. Zustände 1, 21). Nur unsere Scene kann gemeint sein; das Gefängnis ist freilich ein Irrthum, aber ein leicht erklärlicher, da Gretchens Gefangenschaft das erste Motiv bildet. Dieselbe Scene muss Einsiedel im Auge gehabt haben bei den Worten: 'Parodirt sich drauf als Doctor Faust, dass 'm Teufel selber vor ihm graust'. Durch Einsiedels 'Schreiben eines Politikers an die Gesellschaft, am 6. Januar 1776' wird die Scene hinauf gerückt unter diejenigen, welche Goethe nach Weimar mitbrachte.

Wenn Schiller am 8. Mai 1798 eine Bemerkung Goethes erwähnt, 'dass die Ausführung einiger tragischen Scenen in Prosa so gewaltsam angreifend ausgefallen' (Düntzer S. 88): so war unter diesen Scenen die gegenwärtige ohne Zweifel mit begriffen; zugleich wird der Blick auf weitere eröffnet.

Dem steht nur scheinbar Riemers Versicherung entgegen (Mitth. 1, 349): Goethe habe ihm das Stück dictirt. Wonach es jünger als 1803 sein müsste, wo Riemer Goethes Hausgenosse wurde. Aber offenbar hat er ein älteres Concept umdictirt. Wie weit er dabei Veränderungen eintreten liess, können wir nicht wissen; nur dass die Anspielung auf Valentin (Z. 46 ff.) bei dieser Gelegenheit interpolirt sei, lässt sich vermuthen.

Faust. Rette sie oder weh Dir! Den grässlichsten Fluch über Dich auf Jahrtausende!

Mephistopheles. Ich kann die Bande des Rächers nicht lösen, seine Riegel nicht öffnen. – Rette sie! – Wer wars der sie ins Verderben stürzte? Ich oder Du?

(Faust blickt wild umher)

Greifst Du nach dem Donner? Wohl, dass er euch elenden Sterblichen nicht gegeben ward! Den unschuldig entgegnenden zu zerschmettern, das ist so Tyrannenart, sich in Verlegenheiten Luft zu machen.

Faust. [Bringe mich hin! Sie soll frei sein!

Mephistopheles. Und die Gefahr, der Du Dich aussetzest? Wisse, noch liegt auf der Stadt Blutschuld von Deiner Hand. Ueber des Erschlagenen Stätte schweben rächende Geister und lauern auf den wiederkehrenden Mörder.

Faust. Noch das von Dir? Mord und Tod einer Welt über dich Ungeheuer!] Führe mich hin, [sag ich,] und befrei sie!

Mephistopheles. Ich führe Dich, und was ich thun kann, höre!...

Das Eingeklammerte etwa halte ich für Interpolation; die Begrenzung ergibt sich von selbst. Der Zusatz ist nicht sehr glücklich; es fehlt ihm einheitliche Haltung. Erst wird auf das weltliche Gericht hingewiesen, das seine Hand nach dem Mörder ausstreckt. Dazu treten dann, als ob es dasselbe wäre, rächende Geister. Die Bemerkung Mephistos klingt wie eine gutmüthige Warnung; Faust nimmt sie als neuen Hohn. Die 'rächenden Geister' und 'Mord und Tod einer Welt' sind ein Versuch des fast sechzigjährigen Goethe, den Jargon seiner Jugend zu sprechen. Wenn er die Absicht hatte, hier durch neuen Hohn Mephistos eine letzte Retardation und Steigerung anzubringen, so würde das bei einheitlicher Conception ganz anders geklungen haben. Etwa so, schematisch: F. Führe mich hin. M. Du hast wol Lust den Häschern einen guten Fang zu bereiten, welche auf Valentins Mörder lauern? F. Führe mich hin, sag ich.

Dass im übrigen Goethe sein altes Concept kaum vermehrt oder gemildert, höchstens durch für uns nicht nachweisbares Weglassen gekürzt hat, ergibt der ganz einheitliche Ton der Scene, ergeben auch die Andeutungen über einen sonst verlassenen Plan des Faust, welche uns darin aufbehalten, mithin aus dem ursprünglichen Manuscripte treu herübergenommen sind.

Wenn nun die Scene der Zeit vor Weimar angehört, so werden wir von vornherein geneigt sein, die Prosa für älter zu halten, als die Stücke in Knittelversen. Aber die Epoche der Entstehung lässt sich noch genauer bestimmen.

Zwischen der ersten und zweiten Fassung des Götz liegt eine Stilveränderung Goethes; und jene Scene – steht auf Seite der ersten Fassung.

Eine durchgehende Vergleichung des Gottfried von 1771 und des Götz von 1773 habe ich angestellt, und sie ist von den Herren Dr. Sauer und Dr. Minor weiter geführt worden auf Grund einer genauen Collation beider Fassungen. Wenn diese Arbeit erst vorliegt, wird man die prosaische Faustscene auf das genaueste darnach beurtheilen können. Fast überall sind Shakespearesche Manieren ausgemerzt, welche Goethe sich allzu bequem angeeignet hatte. Herder schrieb: Shakespeare habe ihn ganz verdorben. Goethe antwortet darauf aus Wetzlar Anfang Juli 1772 (DjGoethe 1, 310). Er hat unterdessen seinen Berlichingen noch weiter herunter gesetzt, als Herder: er müsse eingeschmolzen, von Schlacken gereinigt, mit neuem edleren Stoff versetzt und umgegossen werden. Was war geschehen? Goethe las die Alten, Homer, Xenophon, Plato, Theokrit, Anakreon, Pindar; die Emilia Galotti war erschienen. Doch will ich nicht so nebenbei diese wichtige Wandlung erledigen. Genug, dass sie etwa mit dem Frühling eingetreten sein muss oder schon früher. Er knüpft seine griechischen Studien an die Absicht, den Sokrates zu dramatisiren; diese Absicht selbst scheint unmittelbar auf die Vollendung des Gottfried von Berlichingen zu folgen (DjGoethe 1, 303). Und gleich, als er abschloss, hatte er das Gefühl, das Stück solle nur eine Meilensäule werden, von der wegschreitend er eine weite Reise anzutreten hätte. Er will keine Veränderung unternehmen, bis er Herders Stimme gehört; und er weiss, 'dass alsdann radicale Wiedergeburt geschehen muss'.

Der Gottfried vom December 1771, wenn wir ihn so ungefähr datiren dürfen, strotzt von Uebertreibungen, wie sie nachher die Sprache der Räuber in eine Art classischer Vollendung brachte, nachdem der ganze Sturm und Drang dieses Blut nach Herzenslust getrunken. Charakteristisch ist z.B. wie gerne die Personen mit grossen Zahlen um sich werfen, insbesondere um ungeheuere Zeiträume anzudeuten. 'Wenn ich sie ein Jahrhundert bluten sähe, meine Rache würde nicht gesättigt,' sagt Metzler von den unglücklichen Edelleuten (42, 185). Der Wind wird aufgefordert, die Seelen der Ermordeten tausend Jahre um den Erdkreis herumzujagen (ibid. 190). Franz ist von Adelheid auf den schönsten Lohn vertröstet worden: 'Wenn sie Wort hält! – ruft er aus – das wird ein Jahrtausend vergangener Höllenqualen in einem Augenblick aus meiner Seele verdrängen' (193). Alle solche Stellen sind im Götz von 1773 weggeschafft.

Die Faustscene bietet: 'Du grinsest gelassen über das Schicksal von Tausenden hin!' (Z. 24) 'Den grässlichsten Fluch über dich auf Jahrtausende!' (Z. 36) Das entscheidet. Es ist unmöglich, dass ein Dichter der an einem Werke mit sich einig ist solche Uebertreibungen wegzuschaffen, sie an einem anderen sollte neu gemacht haben. Nur können wir bis jetzt nicht wissen, wann Goethe die Grundsätze seiner Umarbeitung feststellte. Sein allgemeines Misfallen an der früheren Manier bürgt noch nicht für die Einzelheiten der neuen.

Aber Parallelstellen treten hinzu.

Faust Z. 31: 'Grosser, herrlicher Geist ... warum an den Schandgesellen mich schmieden'. Adelheid in einer 1773 weggefallenen Scene des fünften Aufzuges: 'Schicksal, Schicksal, warum hast du mich an einen Elenden geschmiedet?'

Faust Z. 1: 'Im Elend! Verzweifelnd! Erbärmlich auf der Erde lange verirrt und nun gefangen!' Z. 3: 'Bis dahin! dahin!' Z. 7: 'Gefangen! Im unwiederbringlichen Elend! Bösen Geistern übergeben und der richtenden gefühllosen Menschheit!' Weislingen in später weggeschafften Stellen: 'Elend! Elend! Ganz allein zu sterben – von niemanden gepflegt, von niemanden beweint!' ... 'Verlassen von aller Welt, im Elend der jämmerlichsten Krankheit, beraubt von denen, auf die ich traute – siehst du, ich bin gesunken, tief, tief.' In derselben Scene spricht Weislingen von bösen Geistern, welche ihren höllischen Muthwillen an unserem Verderben üben (die Stelle ist 1773 beibehalten), wie Faust dem Mephisto vorwirft, dass er 'sich am Schaden weidet und am Verderben sich letzt' Z. 33.

Das Substantiv und Adjectiv 'Elend' kommt in beiden verglichenen Scenen häufig vor.

Alles aber reicht nicht aus, um uns entschieden in die Zeit vor der Arbeit am Gottfried von Berlichingen zu verweisen. Und es wäre voreilig zu läugnen, dass die Scene nicht in Wetzlar entstanden sein könnte, wo Gotter unseren Dichter am Faust arbeitend wusste.

Bleiben wir daher, wenn eine Jahreszahl nöthig ist, mit allem Vorbehalte beim Jahre 1772 stehen. Hauptsache und sicher scheint mir, dass die Scene jener kurzen shakespearisirenden Gährungsepoche angehört, in welche Goethe zu Strassburg erst verfiel und aus der er sich zu Anfang 1772 schon wieder herauszuarbeiten begann.

Die Scene ist ein unschätzbares Document für die älteste Schicht der Goetheschen Aufzeichnungen zum Faust. Wir müssen es so vollständig als möglich ausnutzen um uns eine Vorstellung von dem ursprünglichen Plane zu bilden. Dass dieser von dem ausgeführten erheblich abwich, erkennen wir bald.

Gretchen ist im Kerker als Missethäterin eingesperrt. Vorher war sie 'erbärmlich auf der Erde lange verirrt': ein Motiv, welches jetzt ganz fallen gelassen ist.

Dieses Schicksal Gretchens hat sich vollzogen, während Faust von Mephisto 'in abgeschmackten Zerstreuungen' gewiegt wird. Ob die Walpurgisnacht damit gemeint sein könne, bleibe einstweilen dahin gestellt.

Mephisto gefiel sich früher oft, des Nachts in Hundegestalt vor Faust herzutrotten, dem harmlosen Wanderer vor die Füsse zu kollern und sich dem niederstürzenden auf die Schultern zu hängen. Folglich hatte Goethe nicht die Absicht, ihn als Hund vor Mephisto zuerst erscheinen zu lassen; der Pudel war nur eine gelegentliche Metamorphose, die er zum Scherz annahm. War er ihm so zuerst erschienen, so musste das Faust hier ebenso, ja noch eher als den gelegentlichen Scherz erwähnen.

Faust ruft einen Geist an: 'du unendlicher Geist' (Z. 12) 'grosser herrlicher Geist' (Z. 31). Dieser Geist ist ihm erschienen, er kennt sein Herz und seine Seele, er hat ihm den Mephisto beigegeben, ihn an den Schandgesellen geschmiedet (Z. 33).

Mephisto wird genannt: 'Verrätherischer, nichtswürdiger Geist' (Z. 4) 'Hund! Abscheuliches Unthier!' (Z. 12) 'Wurm' (Z. 13) 'der Verworfne' (18) 'der Schandgeselle' (33: 'Gesell' im eigentlichen Sinn, Genoss). Er wälzt die teuflischen Augen ingrimmend im Kopfe herum (6); er fletscht Faust die gefrässigen Zähne entgegen (30). Er vermag nicht Alles: 'Habe ich alle Macht im Himmel und auf Erden?' (52). Er ist kein Teufel demnach, aber ein Geist, der sich am Schaden weidet und am Verderben sich letzt (33).

Faust hat sich der Geisterwelt aufgedrängt, nicht sie sich ihm (28). Er muss also den Geist beschworen haben.

Gott ist der ewig Verzeihende (22) gegenüber der richtenden gefühllosen Menschheit (8).

Gretchen ist bösen Geistern übergeben (8). Mephisto will des Thürmers Sinne umnebeln, Faust soll sich der Schlüssel bemächtigen und die Unglückliche herausführen. Mephisto wird sie auf Zauberpferden entführen (53). Dazu stimmt die letzte Scene: sie ist wahnsinnig, und der Befreiungsversuch wird gemacht nach Mephistos Programm. Herr von Loeper hat gesehen, dass der Auftritt im Mai 1789 auf Grund einer älteren prosaischen Niederschrift in die jetzige Gestalt gebracht wurde (S. XVIII). Die wesentlichen Motive dürfen für alt gehalten werden.

Wie aber verhält es sich mit dem Anfange?

Zunächst die Erscheinung des Erdgeistes muss zu dem ältesten Bestande des Faust gehören. Und dazu stimmt dass ein nothwendiger Bestandtheil der Erscheinungsscene noch jetzt reimlos prosaisch geblieben ist, wenn auch Goethe im Druck die Zeilen absetzen liess. Er fürchtete durch eine Umarbeitung in Reimverse das glänzend Naturwahre, das hier nicht entbehrt werden kann, zu verwischen.

Es wölkt sich über mir – der Mond verbirgt sein Licht – die Lampe schwindet! Es dampft! – Es zucken rothe Strahlen mir um das Haupt – es weht ein Schauer vom Gewölb herab und fasst mich an! Ich fühl's, du schwebst um mich, erflehter Geist! Enthülle dich!

Auf 'Geist' erfolgt dann ein Reim und damit wird in die Reimpaare wieder eingelenkt. Bis zu den ebenfalls prosaischen Worten: 'Nicht dir! Wem denn? Ich Ebenbild der Gottheit! Und nicht einmal dir!'

Aus der Stelle ergibt sich zugleich dass die erste Erscheinung des Erdgeistes nach dem Prosamanuscript wie nach der späteren Bearbeitung in Fausts Studirzimmer stattfinden sollte. Der Erdgeist kam auch in der Prosa gerufen; denn Faust hat sich der Geisterwelt aufgedrängt, wie wir sahen. Die Erscheinung aber stand nicht folgenlos da, wie jetzt, sondern entschied über Fausts Schicksal: der Geist hat ihm den Mephisto beigegeben. Geschah dies schon bei der ersten Erscheinung oder erst später? Für das letztere lässt sich geltend machen dass der Geist Fausts Herz und seine Seele kennt: das kann sich nicht auf die erste Beschwörung beziehen, für die man ein leidenschaftliches Ringen und Anpochen an die Pforten der Geisterwelt immer wird voraussetzen müssen. Vielmehr möchte man aus der Aeusserung schliessen dass Faust nach der ersten Erscheinung, welche ebenso verlief wie in unserem jetzigen Texte, den Fehler gut zu machen suchte und darnach strebte, eine zweite Erscheinung herbeizuführen, indem er dem Erdgeiste d.h. der irdischen Natur sich ganz hingab, vielleicht die Wildnis, die Einsamkeit aufsuchte. Nicht blos dass die Erscheinung des Erdgeistes in der Prosa wichtige Folgen hatte: es wäre noch ein anderes Motiv der ersten Scene, welches jetzt beinah fallen gelassen wird, weiter geführt: die Sehnsucht 'Ach könnt' ich doch auf Berges Höh'n in deinem lieben Lichte gehn, um Bergeshöhle mit Geistern schweben, auf Wiesen in deinem Dämmer weben, von allem Wissensqualm entladen, in deinem Thau gesund mich baden!' Der Entschluss: 'Flieh! auf! hinaus ins weite Land!' Das Zauberbuch soll ihm einziges Geleite sein, die Natur ihn unterweisen wie Geist zu Geiste spricht.

Ich weiss nicht, ob ich auf diese Vermuthung gekommen wäre, wenn sie nicht einer aus anderen Gründen entstandenen Combination begegnete, welche von Goethes Arbeit am Faust im Jahre 1800 ausging. 'Ich hoffe dass bald in der grossen Lücke nur der Disputationsactus fehlen soll', schreibt er am 6. März an Schiller. Das Schema dieser Disputation findet man in den Paralipomena. Düntzer bemerkt richtig (S. 88), dass diese Disputation sich an Mephistos Erscheinung als fahrender Scholast anschliessen musste: auch ein Motiv das jetzt ohne Folge bleibt und nach früherem Plan eine Folge haben sollte. Wir dürfen vermuthen dass der Disputationsactus die Scene bilden sollte, welche sich an Mephistos Entweichen über das benagte Pentagramma hin anzuschliessen hatte. Die Verkleidung als Scholast war eben für die Disputation bestimmt, in welcher Mephisto die Vortheile des vagirenden Lebens auseinander setzen und Fausts Lüsternheit nach Geistererscheinungen benutzen, ihr für die Zukunft Befriedigung in Aussicht stellen sollte. Darauf konnte dann sofort folgen dass Mephisto sich in Fausts Studirstube noch einmal präsentirte und dass irgendwie eingeleitet wurde, was im Fragment nach der grossen Lücke stand: 'Und was der ganzen Menschheit zugetheilt ist, will ich in meinem innern Selbst geniessen'. Beiläufig, zwei im Fragmente reimlose Verse.

Schwerlich aber ist diese Erfindung ursprünglich. Und wir können, glaub ich, noch erkennen woraus sie zunächst entstand. Der zweite Theil enthält im ersten Act eine merkwürdige Andeutung: 'Musst ich nicht' – sagt Faust –

Musst ich nicht mit der Welt verkehren?
Das Leere lernen, Leeres lehren?
Sprach ich vernünftig wie ichs angeschaut,
Erklang der Widerspruch gedoppelt laut;
Musst ich sogar vor widerwärtgen Streichen
Zur Einsamkeit, zur Wildernis entweichen;
Und um nicht ganz versäumt, allein zu leben,
Mich doch zuletzt dem Teufel übergeben.

Die Stelle enthält wie die erörterte Prosascene Voraussetzungen, welche sonst verlassen sind. Die gebrauchten Worte gehören einer Zeit an, in welcher Mephisto schon entschieden als Teufel gedacht war. Das Motiv dass Faust sich in der Wildnis befinde, lebt in der Scene 'Wald und Höhle' fort. Aber in dieser Wildnis sollte der Teufel erst als Versucher zu ihm treten. Und was ihn dahin getrieben hatte, waren widerwärtige Universitätsstreiche: er hat seine höheren Einsichten kühn vorgetragen und darüber Verfolgung erdulden müssen. Ich meine dass hierfür eine Disputationsscene entscheidend war, in welcher Faust, durch die Erscheinung des Erdgeistes kühn gemacht, zu weit heraus ging und vielleicht selbst dem todten Facultätswissen die unmittelbare Unterweisung der Natur und der Geister entgegenhielt. Hartnäckiger Widerstand konnte ihn dazu fortreissen, seine eigene Erfahrung zu enthüllen: dann war er als Zauberer erkannt, Lebensgefahr drohte, und Flucht wurde nothwendig.

Eine solche Entwickelung kann man nun sehr wol in den prosaischen Faust zurückversetzen. In der Einsamkeit drängt er den Erdgeist zu neuer Erscheinung. Diese vollzog sich wol nicht, sondern Mephisto kam als Abgesandter des Geistes, aber als Retter, vielleicht vom Selbstmord: 'Und wär' ich nicht, so wärst Du schon von diesem Erdball abspaziert' (Erster Theil Z. 2914 'Wald und Höhle').

Um für den Anfang abzuschliessen: Goethes prosaischer Faust ist die Mittelstufe zwischen dem Puppenspiel und dem Fragment. Folglich kam auch im prosaischen Faust vor, worin Puppenspiel und Fragment übereinstimmen. Folglich wurde auch der prosaische Faust mit einem Monologe eröffnet, ungefähr desselben Inhaltes wie der jetzt vorliegende[12].

Daraus ergibt sich weiter, dass die ganze erste Scene des Fragmentes vor dem Auftreten Wagners ohne wesentliche neue Motive aus einer älteren Prosafassung in Verse gebracht ist.

Für den weiteren Gang der Prosa vermuthen wir: Disputation; Flucht; Einsamkeit; Mephisto erscheint als Diener des Erdgeistes.

Man darf daran erinnern, dass auch im Strassburger und in Geisselbrechts Puppenspiel die Beschwörung, welche den Mephisto herbeiruft, im Walde stattfindet, und ebenso beim Maler Müller.

Mephisto bewog natürlich in der Prosa den Faust, die Einsamkeit zu verlassen; und der Hauptinhalt dessen, was folgte, war: Gretchen.

Daraus sind uns wichtige prosaische Stücke, gegenwärtig in abgesetzten Zeilen gedruckt, erhalten. Das erste in der ersten Gartenscene.

Margarethe fährt fort.

Liebt mich – Nicht – Liebt mich – Nicht – (Das letzte Blatt ausrupfend mit holder Freude). Er liebt mich!

Faust.

Ja, mein Kind! Lass dieses Blumenwort Dir Götterausspruch sein. Er liebt Dich! Verstehst Du, was das heisst? Er liebt Dich! (Er fasst ihre beiden Hände.)

Margarethe.

Mich überläuft's!

Faust.

O schaudre nicht! Lass diesen Blick, lass diesen Händedruck Dir sagen, was unaussprechlich ist: sich hinzugeben ganz und eine Wonne zu fühlen, die ewig sein muss! Ewig! – Ihr Ende würde Verzweiflung sein. Nein, kein Ende! Kein Ende!

Das zweite Stück steht in der Katechisationsscene, Fausts berühmte Rede 'Der Allumfasser, der Allerhalter, fasst und erhält er nicht dich, mich, sich selbst? Wölbt sich der Himmel nicht da droben? Liegt die Erde nicht hier unten fest? Und steigen freundlich blickend ewige Sterne nicht herauf?' Goethe hat aber hier wol kleine Veränderungen angebracht; 'dir' dreimal in gleichen Abständen vor starker Interpunction (Z. 3090. 3092. 3094), mehr geregelter Rhythmus und einmal mitten darin ein Reimpaar ('ist: bist' 3095 f.) werden nicht zufällig sein. Der Schluss der Rede ist dann wieder durch Reime mit dem folgenden verknüpft. So wie vor den angeführten Worten 'Der Allumfasser' Reime hineingearbeitet sind. Aber die Zeile 'Ich glaub' ihn' ist doch ohne Reim geblieben.

Das dritte Stück ist die Domscene. Abgesehen von dem lateinischen Liede, lauter Prosa. Die Worte 'Gesang mein Herz im tiefsten löste' scheinen sich über das andere zu erheben und könnten ein Zusatz sein oder eine Veränderung enthalten. Aber wer will das wissen. Genug dass weder Reim noch entschiedener Rhythmus hier eintritt. Der böse Geist wie Gretchen reden Prosa.

Unter Gretchens Herzen regt sichs quillend. Es ergibt sich ferner, dass ihre Mutter durch sie 'zur langen, langen Pein hinüber schlief'. Wie die Annäherung Fausts sich vollzog, wissen wir nicht. Das Blumenorakel weist auf Scenerie im Freien, wie das Fragment sie bietet. Aehnlich wie im Fragment muss Faust ihr einen Schlaftrunk für die Mutter gegeben haben, welcher deren Tod wird. Wodurch? 'Drei Tropfen nur in ihren Trank' verordnet Faust: hat sie es überhört und zu viel hinein gegossen? Hat sonst böser Zufall oder der Teufel sein Spiel gehabt? Die Kerkerscene bestätigt, was hier allerdings wenig in Betracht kommt: 'Meine Mutter hab ich umgebracht' (Z. 4149).

Nach der Ohnmacht im Dom verlässt Gretchen die Stadt, um der Schande zu entgehen: so dürfen wir nach dem, was die Scene 'Trüber Tag, Feld' uns lehrte, weiter vermuthen. Sie irrt umher, tödtet im Wahnsinn ihr Kind, wird gefangen und in den Kerker gebracht. Unterdessen wurde Faust von Mephisto in Zerstreuungen umhergeschleppt, die er 'abgeschmackt' nennt. Er erfährt Gretchens Schicksal, eilt hin, will sie befreien: aber ihr eigener Wahn hält sie fest, die Zeit verrinnt, Faust muss fort und sie im Elend verlassen.

Wie erfährt er Gretchens Schicksal?

Die Frage ist sehr schwer zu beantworten, eine Vermuthung aber will ich nicht zurückhalten, oder vielmehr die Vermuthung begründen, welche ich doch einmal in der oben ausgezogenen Notiz der Rundschau nicht zurückgehalten habe. Ich stelle folgende Erwägungen an.

Erstens. Es konnte nicht Goethes Absicht gewesen sein, die Frage überhaupt im Unklaren zu lassen. Im Anfange der prosaischen Scene, von der wir ausgingen, hat Faust das Schreckliche soeben erfahren, er redet unter dem ersten Eindrucke: folglich muss die Entdeckung vor den Augen des Zuschauers stattgefunden haben, folglich fehlt der Beginn dieses Auftrittes, wir besitzen nur ein Fragment, nur die zweite Hälfte der Scene.

Zweitens. Zu der Zeit, wo Goethe die Walpurgisnacht ausarbeitete, war es seine Absicht wie die Paralipomena erweisen, das Unglück Gretchens auf dem Brocken zu Tage zu bringen. Die entscheidenden Worte sind: 'Nackt das Idol. Die Hände auf dem Rücken ... Der Kopf fällt ab ... Geschwätz von Kielkröpfen. Dadurch Faust erfährt.' Kielkröpfe sind Wechselbälge, Teufelskinder.

Drittens. Die Scene 'Nacht, offen Feld', in welcher Faust und Mephisto auf schwarzen Pferden daherbrausen und eine Hexenzunft um den Rabenstein beschäftigt erblicken, hat, wo sie jetzt steht, etwas sonderbares. Sie gibt freilich ein grandioses Bild; aber man sieht ihren Zweck nicht ein. Faust und der Zuschauer erfahren daraus nichts was sie nicht schon wüssten; die Beziehung auf Gretchen ist leicht zu errathen. Das Motiv des Dialoges scheint zu sein: Faust wünscht zu erfahren, was die Hexen treiben; Mephisto aber drängt ihn vorüber. Es ist ebenso auffallend, dass Mephisto hier mehr Eile haben sollte als Faust, wie es auffallend wäre, dass Faust nicht von selbst sofort an Gretchen denken sollte. Müssen wir aber die kleine Scene hier ausscheiden, so könnte sie sehr wol den eigentlichen Anfang der vorgehenden gebildet haben, und die Scenerie 'Nacht, offen Feld' wäre auf diese mitzubeziehen. Mephisto will den Faust vorbeidrängen; aber – so hätte die Fortsetzung lauten müssen – Faust lässt sich nicht vorbeidrängen, er tritt näher und erfährt aus Reden oder Gesängen der Hexen, in welcher Lage sich Gretchen befindet und was ihr droht. Die Hexen entfliehen, Faust stellt den Mephisto zur Rede: hier setzt die prosaische Scene ein.

Die Combination wäre unmöglich, wenn der Dialog am Rabenstein wirklich Verse zeigte. Aber die Reime fehlen; Rhythmus und innere Form sind auch mit Prosa verträglich. Also vielleicht ein neues wörtlich erhaltenes Stück des prosaischen Faust. Solches Eingreifen der Hexen wäre zugleich ein shakespearisirender Zug.

Ueber die abgeschmackten Zerstreuungen, von denen Faust in seinen heftigen Vorwürfen gegen Mephisto spricht, lässt sich nur sagen, dass sie wol schon ursprünglich mit dem Hexen- und Zauberwesen zusammenhingen. In einer Prosascene des zweiten Theiles, zu deren Erörterung wir gleich übergehen, wird von Meerkatzen geredet, wodurch wir uns an die Hexenküche erinnert finden. Denkbar aber wären auch Abenteuer im Stil von Auerbachs Keller.

Nachdem Gretchens Befreiung mislungen, muss für Faust nach dem ursprünglichen Plane eine Zeit bitterer Reue gefolgt sein. Der Zustand, in welchem sich Goethe nach seiner Untreue an Friederike befand, hätte sich darin gespiegelt. Dafür gibt es freilich keinen äusseren Anhaltspunct.

Natürlich kämpft Mephisto gegen die reuige Einsamkeit (hier Hexenküche? Vergessenheitstrank?); es gelingt ihm, Faust an den Hof des Kaisers mitzunehmen. Und hier greifen Fragmente der Paralipomena ein.

Am Hofe des Kaisers.

Theater.

(Der Acteur, der den König spielt[13], scheint matt geworden zu sein.)

Mephistopheles. Brav, alter Fortinbras, alter Kauz! Dir ist übel zu Muthe, ich bedaure Dich von Herzen. Nimm Dich zusammen. Noch ein paar Worte. Wir hören so bald keinen König wieder reden.

Kanzler. Dafür haben wir das Glück, die weisen Sprüche Ihro Majestät des Kaisers desto öfter zu vernehmen.

Mephistopheles. Das ist was ganz anders. Ew. Excellenz brauchen nicht zu protestiren. Was wir anderen Hexenmeister sagen ist ganz unpräjudicirlich.

Faust. Still! still! er regt sich wieder.

Acteur. Fahr hin, Du alter Schwan! fahr hin! Gesegnet seist Du für Deinen letzten Gesang und alles, was Du gutes gesagt hast. Das Uebel, was Du thun musstest, ist klein – – – – –

Marschall. Redet nicht so laut. Der Kaiser schläft, Ihro Majestät scheinen nicht wol.

Mephistopheles. Ihro Majestät haben zu befehlen, ob wir aufhören sollen. Die Geister haben ohnedies nichts weiter zu sagen.

Faust. Was siehst Du Dich um?

Mephistopheles. Wo nur die Meerkatzen stecken mögen? Ich höre sie immer reden.

Das Fragment bietet mir bis jetzt unüberwindliche Schwierigkeiten. Düntzer (S. 417) meint, Fortinbras bedeute in Mephistos Mund ironisch einen guten, edlen und tapferen König; und mit den Worten 'fahr hin, Du alter Schwan' soll der hinsterbende König sich selbst anreden, usw.

Mir liegt daran, wenigstens eins festzuhalten, was kaum zweifelhaft sein kann. Auf diese Scene hat eingewirkt einerseits die Geistererscheinung des Puppenspiels, andererseits das Theater im Theater des Hamlet; ihr entspricht im jetzt vorliegenden zweiten Theile die Erscheinung Helenas. Der 'alte Fortinbras' ist gewissermassen an die Stelle des im Puppenspiel erscheinenden Alexander des Grossen getreten (Creizenach 84. 154). Die Acteurs sind Geister, welche Faust und Mephisto citirten. Ihr Spiel scheint wie im Hamlet eine kritische Beziehung auf den zuschauenden Regenten, hier auf den Kaiser, zu haben. Und zwar richtet sich die Kritik gegen üble That bei weisen Worten.

Weiter muss Shakespeares Sturm verglichen werden, worin wirklich Geister, welche mythologische Figuren vorstellen, ein Schauspiel vor dem jungen Paare aufführen (IV. 1). Wie in dem Goetheschen Fragmente tritt einmal eine Pause ein und die Zuschauer unterreden sich während derselben. Prospero aber ruft ihnen zu, wie hier Faust: 'Still, Lieber!... Es gibt noch was zu thun. St! und seid stumm, sonst ist der Zauber hin.' Hier wie dort scheint das Schauspiel dann unterbrochen zu werden.

Prospero hat auch sonst Aehnlichkeit mit Faust. Wie Prospero die Zauberei abschwört (V. 1), so möchte Faust gegen Ende des zweiten Theiles Magie von seinem Pfad entfernen, die Zaubersprüche ganz und gar verlernen. Und der Mephisto des prosaischen Faust, der Diener des Erdgeistes, wäre, ohne seine Schadenfreude, ganz wol dem Ariel an die Seite zu stellen; die Schadenfreude allerdings hat er mit dem späteren Teufel Mephisto gemein.

Das zweite und dritte Fragment dürfte sich an das erste nahe anschliessen. Die Annahme ist kaum zu umgehen, dass die Gefangenen des zweiten Fragmentes mit den Geistern, die im ersten spielen und die im dritten verschwinden, identisch seien.