Es ist, wie ich schon sagte, ein – – – – –

Bischof. Es sind heidnische Gesinnungen, ich habe dergleichen im Marc-Aurel gefunden Es sind die heidnischen Tugenden.

Mephistopheles. Und das sind glänzende Laster, und billig, dass die Gefangenen deshalb sämmtlich verdammt werden.

Kaiser. Ich finde es hart; was sagt ihr, Bischof?

Bischof. Ohne den Ausspruch unserer allweisen Kirche zu umgehen, sollte ich glauben, dass gleich – – –

Mephistopheles. Vergeben! Heidnische Tugenden? Ich hätte sie gern gestraft gehabt; wenn's aber nicht anders ist, so wollen wir sie vergeben. – Du bist fürs erste absolvirt und wieder im Recht – –

(Sie verschwinden ohne Gestank.)

Marschall. Riecht ihr was?

Bischof. Ich nicht.

Mephistopheles. Diese Art Geister stinken nicht, meine Herren.

Gibt man die vorgeschlagene Identificirung zu, so repräsentiren die Geister Gestalten aus der alten Welt. Und die Bezeichnung Fortinbras mag von Goethe appellativisch als der Armstarke, der Starkarmige genommen sein[14]. Diese Geister haben wol im Verfolge des Theaters Gesinnungen geäussert, an denen der christliche Hof Anstoss nahm; sie sind gefangen gesetzt worden, und man beräth, was ihnen geschehen soll. Mephisto, der über sie Macht hat und diese Macht scheinbar im Sinne des Kaisers und der Kirche übt, weiss die Debatte schlau zur Freisprechung zu wenden. Er entlässt die Geister, indem er jedem eine kleine Rede hält, wovon nur der Anfang erhalten. Sie verschwinden.

Faust ist bei der Berathung nicht gegenwärtig oder betheiligt sich nicht daran.

Wir sehen, dass Goethes Faust, wie er ihm zuerst vorschwebte, nach dem Tode Gretchens eine Wendung zur Kritik des öffentlichen Zustandes in Staat und Kirche nehmen sollte. Herr von Loeper erinnert mit Recht an die Gespräche der bischöflichen Tafel zu Bamberg im Götz. Diese polemischen Elemente haben übrigens nachgewirkt und sind im ersten und vierten Acte des jetzigen zweiten Theiles noch vorhanden....

Weiter gelangt unsere Reconstruction für jetzt nicht. Gott ist der ewig Verzeihende, Mephisto ist kein Teufel: von einer Verdammung Fausts am Schlusse kann also nicht die Rede sein. Aber wie sein Ende gedacht war in diesem ersten Stadium des Faustentwurfes, das wissen wir nicht. Goethe selbst war darüber wol nicht im unklaren, wenn ihm auch nach dem Brief an Wilhelm v. Humboldt vom 17. März 1842 (S. 302) vor mehr als sechzig Jahren (d.h. vor dem J. 1772) die vorderen Partien des Faust mehr im einzelnen bestimmt vorschwebten als die hinteren.

Aber dass ich es nur gestehe: einem Kunstwerke gegenüber lässt sich der Drang, es als ein Ganzes zu begreifen, nicht unterdrücken. Und so ziehe ich in meiner Phantasie die begonnenen Linien doch bis ans Ende, ohne dass ich meine Leser auffordern will, mir darin zu folgen. Wenn Götz als ein Märtyrer des Rechtes und der Freiheit stirbt, konnte nicht Faust endigen als ein Märtyrer der Wissenschaft, der höheren Einsicht, welche mit der Kirche in Conflict geräth? Konnte nicht die Selbstaufopferung im Dienste der Wahrheit als eine Sühne der Schuld an Gretchen gelten? In den Strassburger Ephemerides beschäftigt sich Goethe mit Giordano Bruno, der wirklich als ein Märtyrer seiner Philosophie gefallen (Schöll 101); er vergleicht den Mendelssohnischen und Platonischen Phädon (ibid. 89); und nach dem Götz will er den Sokrates behandeln. Die hier versuchte Reconstruction aber hat in der Disputation, in der Katechisation und zuletzt in den Fragmenten vom Kaiserhofe Elemente aufgezeigt, welche zu dem Gedanken einer Opposition gegen die offizielle Religion in Beziehung gesetzt werden können.

Der ersten reinen Wirkung des Erdgeistes auf Faust ist dieser nicht gewachsen. Er muss geläutert werden. Mephisto regt das niedrig Irdische, das gemein Natürliche bei ihm an, verwickelt ihn in Schuld. Aber er wagt es für die Ueberzeugung, die er Gretchen gegenüber aussprach, für die Ueberzeugung von einem unerforschlichen Allgott zu kämpfen, gegen die kirchliche Lehre zu kämpfen, um kämpfend zu unterliegen, im Unterliegen aber sich einer besseren Zukunft zu getrösten, die er mit heraufführen helfen. Und dieser Kampf ist seine Erlösung.

Jedermann sieht, wie nahe nun erst Götz, Faust und Egmont (vgl. Anz. f. deutsches Alterth. 1, 207) an einander rücken würden. Aber ich finde keinen Anhalt, um diese Fortsetzung, welche ich dem ältesten Goetheschen Faust zu geben mich gedrungen fühle, fester zu begründen und den Nachweis zu führen, dass ursprünglich auf Faust selber angewendet werden sollte, was er in späteren Reimen zu Wagner sagt:

Die wenigen, die was davon erkannt,
Die thöricht gnug ihr volles Herz nicht wahrten,
Dem Pöbel ihr Gefühl, ihr Schauen offenbarten,
Hat man von je gekreuzigt und verbrannt.

2. 2. 79.


DER ERSTE THEIL DES FAUST.

Das Fragment von 1790 umfasst bekanntlich folgende Scenen, wenn ich Scene nenne, was ohne Ortswechsel hinter einander gespielt wird.

Ia (S. 3) Fausts Monolog, Erscheinung des Erdgeistes, Ib (S. 13) Faust und Wagner.

IIa (S. 19) Faust, Mephistopheles. Von den Worten an: 'Was der ganzen Menschheit zugetheilt ist'(S. 25). II b (Z. 1416) Mephistopheles und der Schüler.

III (S. 39) Auerbachs Keller.

IV (S. 63) Hexenküche.

V (S. 83) Strasse. Faust, Margarethe vorübergehend.

VI (S. 88) Margarethens Zimmer. Faust und Mephisto kommen; erstrer will allein gelassen werden; Mephisto bringt das Kästchen. Margarethe singt den 'König in Tule' und findet das Kästchen.

VII (S. 97) 'Spatziergang'. Faust, Mephisto: 'DenSchmuck für Gretchen angeschafft, den hat ein Pfaff' hinweggerafft'.

VIII (S. 101) 'Der Nachbarin Haus'. Margarethe bringt das zweite Kästchen. Mephisto führt sich ein.

IX (S. 114) Strasse. Faust, Mephisto: 'In kurzer Zeit ist Gretchen euer'.

X (S. 118) Garten. Faust und Margarethe, Mephisto und Marthe.

XI (S. 130) 'Ein Gartenhäuschen'. Margarethe und Faust, durch Mephisto gestört.

XII (S. 133) 'Gretchens Stube'. Gretchen am Spinnrade.

XIII (S. 136) 'Marthens Garten'. Faust wird von Margarethe katechisirt. Verabredung für die Nacht. Mephisto hat spionirt.

XIV (S. 146) 'Am Brunnen'. Gretchen und Lieschen. Gretchen nach Hause gehend.

XV (S. 151) 'Wald und Höhle'. Faust allein. Faust und Mephisto.

XVI (S. 161) 'Zwinger'. Gretchen vor der Mater dolorosa.

XVII (S. 164) 'Dom'. Gretchen, der böse Geist. Gesang.

Aus dieser Reihe von siebzehn Scenen sind zunächst als die jüngsten nach Italien gehörigen Bestandtheile auszuscheiden IV und XV. Den Rest von fünfzehn Scenen muss Goethe schon nach Weimar mitgebracht haben. Scene XVII erkannten wir als einen stehen gebliebenen Theil des ältesten prosaischen Faust. Wie viele von den übrigen Scenen erst in Prosa existirten und dann versificirt wurden, wie viele dagegen von vornherein in Knittelversen abgefasst waren, können wir nicht wissen; nur dass für Ia, X, XIII eine ältere prosaische Form wahrscheinlich ist.

Ich habe schon oben S. 76 angedeutet, dass ich XVI nur für eine Variante von XVII halte. Ich meine: als Goethe XVI verfasste hatte er nicht die Absicht, das Stück neben XVII stehen zu lassen, sondern er wollte XVII dadurch ersetzen. Beidemal dasselbe Motiv: Gretchen betend, von ihren Gedanken gefoltert. In der älteren Fassung mehr dramatisch-furchtbar, in der jüngeren mehr lyrisch-tröstlich ausgeführt. Dort mit starken äussern Mitteln, hier mit discreten innern. Wir sehen zugleich, wie stark die Umgestaltungen des prosaischen Faust zuweilen sein konnten, welche bei der Versification eintraten. Alle aber werden im Sinne der Idealisirung stattfinden.

Was nun die übrigen vierzehn Scenen betrifft, so müssen sie in ihrer gereimten Gestalt vor Goethes Weggang von Frankfurt und nach Anfang 1773 fallen. Denn um die Jahreswende 1772 auf 1773 begegnen bei Goethe die ersten Knittelverse (DjG. 1, 341). Auf 1773 führt auch die Gleichzeitigkeit mit dem Prometheus (an Zelter 3, 87) und wenn Goethe am 1. März 1788 für den Faust fünfzehn Jahre zurückrechnet (Ital. Reise, Hempel 24, 480). Vgl. S. 64 f.

Scene III ist wahrscheinlich im September 1775 entstanden nach dem Brief aus Offenbach 17. September 1775 (DjG. 3, 107): 'Ich machte eine Scene an meinem Faust' ... 'Mir wars in all dem wie einer Ratte die Gift gefressen hat' usw.

Scene XII war vor der Schweizerreise schon vorhanden, da Leopold Stolberg sie 1775 nachahmte (Anzeiger für deutsches Alterthum 2, 284).

Sonst lässt sich äusserlich nichts feststellen, nur dass im Jahre 1775 nicht mehr sehr viel entstanden sein wird, da Jacobi im Fragment so wenig neues fand. Er rechnet am 12. April 1791 sechzehn Jahre zurück. Also hat ihm Goethe im Januar oder Februar 1775, wo ihn Jacobi besuchte, das meiste vorgelesen.

Heinrich Leopold Wagner kam zur Zeit der Herbstmesse 1774 nach Frankfurt (Erich Schmidt, zweite Ausg. 16); und die Mittheilung des Faust an ihn muss vor dem April 1775 (ibid. 39) stattgefunden haben. Das was er in der Kindermörderin entlehnte, gibt ein vollgiltiges Zeugnis für die Existenz der betreffenden Goetheschen Scenen, aber gar nicht für ihre Existenz in Versen. Dennoch lohnt es darauf zu achten (vgl. ibid 79).

Nur innerhalb der Scenen, die von Gretchen handeln, haben wir ihn zu suchen, also in V-XVII. Aber in V-XII finden wir ihn nicht; die Anknüpfung des Verhältnisses ist ganz anders, nur dass der Intrigant Hasenpoth als der Verführer und Helfershelfer erscheint und den grosssinnigen Wallungen des Schuldigen ebenso spöttisch gegenüber steht wie Mephisto. Die Kupplerin Marthe erinnert nur entfernt an das Bordell, ihr Name findet sich allerdings als Frau Marthan bei der Katastrophe wieder. Aber zu XIII vergleicht sich der Schlaftrunk, den auch bei Wagner die Mutter bekommt, während die Unschuld fallt. Zu XIV: Lissel heisst das Dienstmädchen bei Humbrechts; auch dort ist von einer anderen Gefallenen die Rede, und das wirkt auf Eva zurück. Zu XVI: Eva voll Jammer in ihrer Kammer; doch ist die Aehnlichkeit zu vag um den Schluss zu gestatten, dass Wagner die Scene gekannt haben müsse. Zu XVII: Eva wird in der Kirche ohnmächtig, als die Verordnungen über Kindesmord von der Kanzel verlesen werden; ihre Mutter stirbt vor Gram. Ausserdem aber: Eva erklärt ihrem Verführer was sie thun würde, wenn er sie im Stiche liesse: 'Die grauenvollste Wildnis würde ich aufsuchen, von allem was menschliches Ansehen hat entfernt, mich im dicksten Gesträuch vor mir selbst vorbergen' usw. In der That läuft sie fort, da sie sich verrathen glaubt. Bei der Wäscherin Frau Marthan weilt sie unerkannt; da bringt sie ihr Kind zur Welt; da tödtet sie es im Wahnsinn. Ein Lied das sie singt, steht in entschiedener Verwandtschaft mit dem grausigen Liede Gretchens im Kerker. Wir erinnern uns dass Gretchen im prosaischen Faust von der Heimat verirrt gedacht war, und der übrige Verlauf stimmt gleichfalls. Ob im prosaischen Entwurf Frau Marthe auch so spät erst als Vertraute eintreten sollte, können wir nicht wissen. Jedenfalls, wenn sie anfangs die Vermittlerin spielte, so wäre sie dann wol Gretchens erste Zuflucht gewesen. Andrerseits deuten wol die Liebesscenen im Freien (oben S. 85 f.) auch schon für die Prosa auf den Garten der Nachbarin.

Fausts Geliebte heisst im Text immer Gretchen, auch Gretelchen (Z 2517) oder, des Auftactes wegen, Margretlein (Z. 2471). Aber bei Angabe der sprechenden Personen gebraucht Goethe V-XI und XIII Margarethe, XII, XIV, XVI Gretchen, letzteres ebenso in der prosaischen Scene XVII. Dergleichen, weil es unwillkürlich zu sein pflegt, verräth zwei verschiedene Ansätze. Und darauf möchte ich um so mehr Gewicht legen, als ein durchgreifender innerer Unterschied zwischen jenen Scenengruppen vorhanden ist. Die Gretchen-Scenen haben einen entschieden tragischen Charakter, die Margarethen-Scenen sind eher heiter zu nennen. Und beide Reihen lösen sich nicht etwa dem Verlaufe der Begebenheiten gemäss ab, sondern sie greifen in einander. Was Wagner benutzt, liegt innerhalb der Gretchen-Reihe, bei XIII konnte die Prosa noch eintreten. Die Folgerung, dass die Gretchen-Scenen früher in Reimen niedergeschrieben seien, als die übrigen, wagt man doch nicht mit Vertrauen daraus zu ziehen.

Man sollte denken dass die Metrik Anhaltspuncte für die Altersbestimmung ergeben müsste. Wenn die Behandlung des Knittelverses bei Goethe sich auf eine bestimmte und erkennbare Weise entwickelt, so müssten sich die Verschiedenheiten auch am Faust aufweisen lassen. Ich habe mir Tabellen entworfen, aus denen ich den metrischen Charakter jeder Zeile leicht ersehen und daher den metrischen Charakter jeder Scene ohne Mühe überblicken kann. Es ergeben sich in der That Unterschiede; aber ich möchte ihre nähere Darlegung noch zurückhalten. Sehr schlagend sind die Folgerungen auch hier nicht. Mit der verhältnismässig späten Scene III vergleichen sich durch Seltenheit zweisilbiger Senkung Ib, IX, X. Mit Ia vergleichen sich durch ausgeprägtes Streben nach paarigem Reime IIb, XI, XIV. Aber bei so kurzen Stücken wie XIV oder vollends XI will das wenig besagen.

Den Hiatus habe ich schon bei einer anderen Gelegenheit erwogen (Comment. philol. in hon. Theod. Mommseni S. 225). Er findet sich in Ia, IIa, IIb, (III), VI, (X), XIII. Die eingeklammerten Fälle sind leicht, in XIII scheint die Prosa durch. Im übrigen dürfte man höchstens geltend machen, dass sich Ia und IIb wieder gruppiren.

Ueberhaupt also, hier weiter vordringen zu wollen, scheint vergeblich. Die geringen Anhaltspuncte, die wir erwogen, würden etwa auf folgende Ordnung führen: Ia, IIb, XIV; IIa? XII, XVI; V, VI, VII, VIII, XIII; Ib, III, IX, X, XI Das heisst: a) Monolog mit Erdgeist: Schülerscene; Gretchen und Lieschen am Brunnen (Hiatus, Streben nach paarigem Reime) – b) Faust und Mephisto (der späteren Vertragscene angehörig, vgl. Prometheus DjG. 3, 449 'Vermögt ihr mich auszudehnen, zu erweitern zu einer Welt?'); Gretchen am Spinnrad und vor der Mater dolorosa, letztere beide Scenen rein lyrisch – c) Fausts und Gretchens erste Begegnung, bis zu Mephistos Besuch bei Frau Marthe; Katechisation (älteste Margarethen-Scenen, der König von Thule schon im Sommer 1774 vor Jacobi declamirt) – d) Faust und Wagner; Auerbachs Keller; Faust vor und in der Begegnung mit Gretchen in Marthens Garten (einsilbige Senkung).

So unsicher das Fundament ist, auf dem wir bauen, wir müssen unsere Gedanken zu Ende denken. Die Gruppen a b gehören näher zusammen, und ebenso c d. Zu c wird neu angesetzt und die Namensform Margarethe gebraucht. Gruppe a b ist pessimistisch gefärbt, c d optimistisch. In a b wird die Kleinheit des Menschen demonstrirt, der sich bläht, sich den Geistern gleich dünkt und am Ende doch bleibt was er ist. In c d heisst 'schönstes Glück' und 'Fülle der Gesichte' (Z. 166,167) was noch eben wie Vernichtung empfunden wurde. Dort sehen wir das schwermüthige, sehnsüchtige, unglückliche Gretchen; hier ist sie naiv, liebend, beglückt. Dort war Faust nur der vergeblich Strebende, der düstere Gelehrte; hier wird er erst als Liebhaber gezeigt oder in belehrender Conversation mit seinem Famulus. Dort ist Mephisto ganz Teufel, hier ein vergnüglicher Hexenmeister und Humorist. Nur dort finden wir seelenmalende Monologe, sonst bloss Dialoge; hier stellen sich dafür Auftritte zu dreien, vieren und eine Ensemblescene ein. Dort fehlt alle Localfarbe, hier tritt gelegentlich der Charakter des sechszehnten Jahrhunderts bestimmter hervor.

Was liegt zwischen den beiden Gruppen? Ich denke, die Vollendung des Werther und vielleicht Studium des Spinoza.

Die Paralipomena, in denen Mephisto theils zu Faust theils zu sich selbst redet, zeigen den Mephisto der zweiten Gruppe: 'Wenn du von aussen ausgestattet bist' ... 'Seht mir nur ab, wie man vor Leute tritt' ... 'Der junge Herr ist freilich schwer zu führen' ... Alle drei Fragmente zeigen nicht blos den lustigen Teufel, sondern auch streng einsilbige Senkung, und das dritte ist überdies aus Hanswursts Hochzeit (1775) hervorgegangen.

Indem ich nun von den unsicheren Unterscheidungen absehe, versuche ich die Geschichte des ersten Faust in grossen Zügen zu entwerfen.

1) Der prosaische Faust (1772).

Die Jahreszahl mit der obigen Einschränkung zu nehmen. Erhalten sind daraus, wie gezeigt, Stücke in I (Z. 115-123, 161-164) X (Z. 2827-2838) XIII (Z. 3078 ff.). Dann Scene XVII (Z. 3419-3477). Die Scenen 'Trüber Tag, Feld' und 'Nacht, offen Feld' (Z. 4042-4047) in umgekehrter Ordnung. Vom zweiten Theil die Fragmente in den Paralipomena.

Mephisto ist Diener des Erdgeistes, dem Faust von diesem beigegeben. Das Ganze shakespearisirend zu denken in der Erfindung (Hexen, Geister, Ophelia-Gretchen, Schauspiel im Schauspiel) und im Ton – nach Art des Gottfried von Berlichingen.

2) Die ältesten gereimten Scenen (1773-1775).

Scene I-III, V-XIV, XVI. Mephisto ist Teufel. Z. 2764 sagt Gretchen: 'Mein Bruder ist Soldat'. Die Einführung Valentins war also beabsichtigt. Gretchen ist dagegen keine Muttermörderin; diese Schuld drückt sie nicht in XIV und XVI.

Für den zweiten Theil war die Einführung Helenas beabsichtigt. Aus Goethes Brief an Knebel vom 14. November 1827 ergibt sich, dass die Conception der Helena älter als 1776 ist (Düntzer S. 78). Wilhelm von Humboldt gegenüber bezeichnet er sie als eine seiner ältesten Conceptionen[15]. Dass dazu Stellen aufgeschrieben waren und das Auftreten ähnlich herbeigeführt werden sollte, wie jetzt, zeigt die oben S. 84 angeführte Stelle, die für den ersten Theil noch die Voraussetzung macht, Faust sei vor widerwärtigen Streichen in die Wildnis, die Einsamkeit entwichen. Die Erscheinung Helenas trat, wie schon bemerkt, an die Stelle jener anderen Geister, welche dem Kaiser ein Schauspiel aufführen.

Ueber das Nähere lässt sich nur aus den sonstigen Tendenzen Goethes zu jener Zeit eine zweifelnde Vermuthung wagen. Im jetzigen dritten Acte des zweiten Theiles wird Helena entrückt, das Körperliche verschwindet, Kleid und Schleier bleiben Faust in den Armen. Phorkyas mahnt ihn, das Kleid nicht loszulassen, woran schon Dämonen zupfen:

'Halte fest!
Die Göttin ist's nicht mehr, die du verlorst,
Doch göttlich ist's. Bediene dich der hohen,
Unschätzbarn Gunst und hebe dich empor!
Es trägt dich über alles Gemeine rasch
Am Aether hin, so lange du dauern kannst.'

Die Gewande Helenas lösen sich in der That in Wolken auf, umgeben Faust und heben ihn in die Höhe. Aus einer Wolke tritt dann zu Anfang des vierten Actes Faust im Hochgebirge hervor. Aber war das Alles, wozu Helenas Kleider dienen sollten? Für solche Zwecke hatte Phorkyas-Mephisto sonst einen Zaubermantel bereit. Das Hinwegtragen über das Gemeine muss ursprünglich so verstanden sein, wie wir es zunächst auffassen würden bei unbefangenem Lesen: nicht körperlich, sondern sittlich. Und darauf gründe ich meine Vermuthung.

Der Faust dieser poetischen Bearbeitung ist des Prometheus Zwillingsbruder. Prometheus aber ist Künstler. Sollte es auch Faust werden? Sollte künstlerisches Schaffen für ihn Sühne und Erlösung sein? Das Verhältnis des Faust zur Helena wäre dann ganz nahe zu vergleichen mit dem Verhältnis des Künstlers im Erdenwallen zur Venus Urania. Wir wissen jetzt durch Herrn v. Loeper (Briefe Goethes an Sophie von Laroche und Bettina Brentano, Berlin 1879, S. 57) dass Goethe schon am 18. Juli 1774 dem Erdenwallen 'des Künstlers Vergötterung' beigesellen wollte. Auf das Erdenwallen hat Rousseaus Pygmalion eingewirkt, dessen Motiv bekanntlich die Belebung einer Statue ist. Die entrückte und wiederkehrende, den sehnsüchtigen Verlassenen verjüngende und mit sich ins Jenseits erhebende Frau kehrt auch in der Pandora wieder. Helenas Gewand erinnert mich an der Dichtung Schleier. Wir dürfen nicht annehmen dass Goethe zwei Theile des Faust schon damals beabsichtigte. Alles aber musste innerhalb eines einzigen Dramas sich rascher abspielen. Daher mochte etwa Faust die zur Lust des Kaisers beschworene Helena anrufen, festzuhalten suchen: aber sie entschwand, liess blos ihr Kleid zurück? Faust sucht die Verlorene im Bilde herzustellen? Die Kunst bewährt sich wie die Poesie in der Pandora nach dem Schema: 'Vergangnes in ein Bild verwandeln. Poetische Reue. Gerechtigkeit' Jedenfalls wäre Faust dann zuletzt ein Schaffender, wie jetzt im fünften Acte des zweiten Theiles; und schon zu jener Zeit kann eine Art Apotheose beabsichtigt gewesen sein.

Zweifelnd werfe ich noch die Frage auf, ob das Motiv der Bibelübersetzung vielleicht alt ist. Es steht auch ohne Folge da. Polemik gegen die Kirche fehlt in der zweiten Phase nicht. Die Erfindung zweier Kästchen hat nur den Zweck, Mephistos Rede über den Pfaffen anzubringen.

Ausserdem sei erwähnt, dass Düntzer (S. 207) Kuno Fischer (Goethes Faust, Stuttgart 1878, S. 216) und Herr von Loeper (S. XVII) die Scene vor dem Thore auf die Frankfurter Zeit zurück datiren wollen. Von Gewicht ist allerdings eine Briefstelle vom 3. August 1775 (DjG. 3, 95): 'Ich sass eine Viertelstunde in Gedanken und mein Geist flog auf dem ganzen bewohnten Erdboden herum. Unseliges Schicksal das mir keinen Mittelzustand erlauben will. Entweder auf einem Punct, fassend, festklammernd, oder Schweifen gegen alle vier Winde. – Selig seid ihr verklärte Spaziergänger, die mit zufriedener anständiger Vollendung jeden Abend den Staub von ihren Schuhen schlagen und ihres Tagwerks göttergleich sich freuen.' Und er beschreibt weiter die Aussicht auf den Main, auf Bergen, auf 'das graue Frankfurt mit dem ungeschickten Turn.' Er schreibt aus Offenbach. Da haben wir Goethe-Faust ausserhalb Frankfurts, sich selbst vergleichend mit Spaziergängern, welche ihn als eine ideale Gesellschaft umgeben, Goethe-Faust mit den zwei Seelen, von denen die eine mit klammernden Organen (762) an die Welt sich hält, die andere wegstrebt zu neuem buntem Leben und auf einem Zaubermantel in fremde Länder fliegen will. Vgl. weiter die von Düntzer S. 215 f. Anm. angeführten Parallelstellen.

Stellen, welche die übereinstimmenden Motive enthielten, müssen wol damals aufgezeichnet sein. Aber vollendet wurde die Scene nicht; und dass bereits Mephistos Erscheinen als Pudel beschlossen war, kann niemand behaupten. Die Scene konnte sehr wol als eine charakterisirende gedacht sein, welche in Fausts Vergangenheit einführen und als Contrast zwischen anderen von mehr düsterer Färbung wohlthätig wirken sollte.

Auf ein weiteres nach Frankfurt gehöriges gereimtes Stück des Faust werden wir in der nächsten Phase stossen.

3) In und nach Italien (1788 und 1789).

Die 'Hexenscene' des Faust d.h. die Scene in der Hexenküche, IV, verfasste Goethe im Garten Borghese zu Rom (Eckermann 10. April 1829). An Herder aber schreibt er am Sonnabend 1. März 1788: 'Es war eine reichhaltige Woche, die mir in der Erinnerung wie ein Monat vorkommt. Zuerst ward der Plan zu Faust gemacht, und ich hoffe, diese Operation soll mir geglückt sein. Natürlich ist es ein ander Ding, das Stück jetzt oder vor fünfzehn Jahren ausschreiben; ich denke, es soll nichts dabei verlieren, besonders da ich jetzt glaube, den Faden wiedergefunden zu haben. Auch was den Ton des Ganzen betrifft, bin ich getröstet; ich habe schon eine neue Scene ausgeführt, und wenn ich das Papier räuchere, so dächt' ich, sollte sie mir niemand aus den alten herausfinden.'

Sind wir nicht zu kühn, wenn wir hoffen, diese Scene dennoch herauszufinden? Denn die Hexenküche ist es schwerlich: sollte sie Goethe im Februar im Garten Borghese geschrieben haben? Auch ist eine Scene im Faust vorhanden, welche hier entschieden den nächsten Anspruch machen darf, weil man darin ganz deutlich sieht, wie der Dichter aus dem Stil der Iphigenie in den des Faust zurückstrebt, ohne dass es ihm gleich völlig gelingt. Diese muss die erste sein, die er in Italien dichtete: die Hexenküche dagegen ist ganz einheitlich gerathen. Ich meine 'Wald und Höhle' Sc. XV. Dass mindestens der Monolog Fausts, mit welchem sie eröffnet wird, nicht vor Italien entstanden sein kann, sah schon Düntzer (S. 311, vgl. Julian Schmidt Preuss. Jahrb. 39, 376): die fünffüssigen reimlosen Iamben sind ein unwidersprechliches Argument. Aber man muss die ganze Scene mit einer kleinen Ausnahme demselben Urtheil unterwerfen; sie würde daher, wenn meine Vermuthung richtig ist, der letzten Februarwoche des J. 1788 angehören, während die Hexenküche in den März oder April (in der Nacht auf den 23. April reiste Goethe ab) des genannten Jahres fiele.

Goethe teuschte sich, wenn er den Faden wiedergefunden zu haben glaubte; unsere Scene gerade beweist das Gegentheil. Sie kann nirgends eine recht passende Stelle finden. Im Fragmente steht sie nach der Brunnenscene vor der Anbetung der Mater dolorosa. Aber da passt sie nicht hin. Faust hat sich in die Einsamkeit zurückgezogen und ist glücklich da; Mephisto erregt in ihm die Begierde nach Gretchens Leib. Das kann doch nur in der Absicht geschehen, dass Faust das Mädchen verführen soll. Sie ist aber schon verführt, und die Sache hat nicht die geringsten Folgen.

Goethe hat die Scene daher später umgestellt: zwischen XI und XII. Nun stimmt wenigstens dass sie noch nicht verführt ist. Aber Faust sollte sie nach der ersten innigen Begegnung gleich verlassen haben? Doch das könnte eben Kampf sein gegen seine Begierde. Aber Mephisto schildert die Sehnsüchtige, und so finden wir sie denn in der nächsten Scene. Das ist schon an sich verwunderlich: die Dinge sollen im Drama entweder erzählt oder dargestellt werden, aber nicht beides. Ueberdies setzt Gretchens Sehnsucht in XII nicht Fausts Abwesenheit voraus; und bei der Begegnung in XIII ist keine Rede vom Wiedersehen. Also wenn auch im ganzen durch die Umstellung eine richtigere Folge bewirkt wurde, so bleiben doch Incongruenzen zurück.

Bei der Ausarbeitung hat als Quelle gedient eine Scene, welche Goethe zu verwerfen und an ihrer Stelle durch eine andere zu ersetzen entschlossen gewesen sein muss, die prosaische Scene 'Trüber Tag, Feld'. Diese verhält sich dazu gerade, wie XVII zu XVI.

Die Hauptmotive kehren wieder: Faust und Mephisto entzweit über Gretchen; Faust wüthend über Mephisto; Contrast ihrer Empfindung, Mephistos kalte Ironie über das Schicksal des Mädchens; dieses selbst friedlos und in Qual gedacht.

Im Einzelnen vergleiche man Prosa 31-34: 'Grosser, herrlicher Geist, der Du mir zu erscheinen würdigtest, der Du mein Herz kennest und meine Seele, warum an den Schandgesellen mich schmieden, der sich am Schaden weidet und am Verderben sich letzt?' Und XV Z. 2861 ff, 2884 ff:

Erhabner Geist, Du gabst mir, gabst mir Alles,
Warum ich bat. Du hast mir nicht umsonst
Dein Angesicht im Feuer zugewendet,
Gabst mir die herrliche Natur zum Königreich,
Kraft sie zu fühlen, zu geniessen....
O, dass dem Menschen nichts Vollkommnes wird,
Empfind ich nun. Du gabst zu dieser Wonne,
Die mich den Göttern nah und näher bringt,
Mir den Gefährten, den ich schon nicht mehr
Entbehren kann, wenn er gleich kalt und frech
Mich vor mir selbst erniedrigt und zu nichts
Mit einem Worthauch Deine Gaben wandelt.

Der ganze herrliche Monolog, der ein so tiefes Naturgefühl athmet, ist aus jener Stelle entstanden, ist nur eine Ausführung derselben. Wobei allerdings das Motiv einsamer Ruhe in der Natur schon in der ersten Phase des Faust gegeben sein mochte; Faust ist auch hier noch der Flüchtling, der Unbehauste (2992 vgl. oben S. 85).

Es vergleicht sich ferner Prosa 25: 'Nun sind wir schon wieder an der Grenze unseres Witzes, da wo euch Menschen der Sinn überschnappt.' Poesie 3010. 3012 f.:

Wies wieder siedet, wieder glüht!...
Wo so ein Köpfchen keinen Ausgang sieht,
Stellt er sich gleich das Ende vor. –

Nun aber ein Weiteres. Auf den Monolog Fausts in fünffüssigen reimlosen Iamben folgt der Dialog mit Mephisto in Knittelversen. Diese sind streng iambisch, niemals zweisilbige Senkung (einmal im Auftact versetzte Betonung 2931) – mit Ausnahme von 2951-2969, wo man Trochäen und zweisilbige Senkungen gehäuft und einen Hiatus (2957 'Das arme affenjunge Blut') findet. Es kommt dazu dass Z. 2970 f. 'Verruchter! Hebe Dich von hinnen Und nenne nicht das schöne Weib!' jetzt etwas sonderbares haben: das soll doch offenbar eine Unterbrechung auf erste Erwähnung hin sein; dazwischen aber gab Mephisto eine lange Schilderung von Gretchens Sehnsucht – man staunt dass ihn Faust erst jetzt schweigen heisst. Scheidet man die genannten Verse aus, so ist Alles in Ordnung. Man bemerkt auch leicht dass sie dem Tone nach herausfallen; es sind viel mehr realistische Elemente darin, als sonst in der vorliegenden Scene aufgewendet werden.

Offenbar sind diese Verse älter, viel älter. Ich meine, sie lagen Goethe schon vor als er Gretchens Monolog am Spinnrad dichtete, sie lagen ihm wieder vor als er Z. 2947 bis 2949 dichtete und er wollte sie schliesslich bei der Zusammenstellung des Fragmentes nicht verwerfen, schob sie hier ein, wo sie wie eine nähere effectvolle Ausführung dastehen.

Schon als er Gretchen am Spinnrad dichtete, muss er entschlossen gewesen sein, die Verse zu verwerfen und überhaupt das Motiv fallen zu lassen, dass Faust während seines Liebewerbens noch einmal in die Wälder entflieht. Das heisst: die Verse müssen bald nach ihrer Entstehung dem Untergange geweiht worden sein. Denn ich weiss sie blos der obigen Gruppe 2) b) zuzutheilen: das Streben nach paarigen Reimen ist ganz aufgegeben. Der Mephisto von Sc. IIa ist der nächste Verwandte des Redners, welchem die besprochenen Verse in den Mund gelegt werden. Ich wiederhole übrigens noch einmal dass ich auf jene Gruppirung vorläufig kein Gewicht lege, dass ich nur den Versuch derselben möglichst consequent zu Ende führe.

Mephisto erschien in den erst verworfenen Versen als Intrigant, Verführer, eine Figur, wie sie im bürgerlichen Trauerspiel ihr Wesen zu treiben pflegte (Sauer QF. 30, 42 f. 98 ff.). Goethe wollte sich von dieser Maschinerie befreien, in Italien war sie ihm vielleicht wieder willkommen als ein Mittel zur Entlastung des Helden, zur Abschwächung der Schuld – oder vielleicht nahm er ohne weitere Reflexion das in seinen Papieren vorgefundene Motiv, er hatte vergessen dass es nicht mehr gelten sollte.

Wenn Mephisto dem Genossen vorhält (2914):

Und wär' ich nicht, so wärst Du schon
Von diesem Erdball abspaziert –

so wurde die Stelle schon oben S. 85 vermuthungsweise benutzt. Man kann sie kaum anders auffassen, denn als Anspielung auf einen von Mephisto gehinderten Selbstmordversuch. Auch das Motiv, welches Goethe in der vierten Phase des Faust, freilich anders, ausführte, müsste er demnach schon in seinen Papieren angedeutet gefunden haben. Und in der That, zu welcher Epoche seines Lebens könnten wir es natürlicher in Beziehung setzen, als zur Wertherzeit? 'Der Faust entstand mit meinem Werther,' sagt Goethe zu Eckermann am 10. Februar 1829. Aber Spuren des Werther findet er schon in Briefen an Horn aus dem J. 1770 (Eckermann 11. April 1829).

Was nun die zweite italienische Scene, die Hexenküche, betrifft, so congruirt auch sie nicht völlig mit dem was ihr vorhergeht. 'Wir sehn die kleine, dann die grosse Welt,' erklärt Mephisto. 'Allein mit meinem langen Bart fehlt mir die leichte Lebensart,' erwidert Faust. Darauf versetzt Mephisto: 'So bald Du Dir vertraust, so bald weist Du zu leben.' Da ist nicht die Rede davon, dass er verjüngt werden müsse. Dies aber erscheint als Programm der Sc. IV: die Hexe soll ihm dreissig Jahre vom Leibe schaffen. So wäre Faust mindestens fünfzigjährig, wo nicht älter zu denken, was kaum die ursprüngliche Absicht gewesen sein kann. Auch will Mephisto dem Faust ein Schätzchen ausspüren (2090 vgl. 2246 f.), man muss an Gretchen denken, diese aber sieht Faust und liebt sie ganz ohne Mephistos Zuthun.

Dass Goethe das Material zu der Scene vielleicht aus den 'abgeschmackten Zerstreuungen' des prosaischen Faust entnahm, woraus andrerseits die Walpurgisnacht entstand, wurde bereits bemerkt. Auch hier kehrt das Wort 'abgeschmackt' im selben Sinne zweimal in Fausts Munde wieder (2032. 2179).

Der Zweck der Scene ist neu. Auch sie dient zu schärferer Motivirung, gründlicherer Vorbereitung und zur Entlastung des Helden; sie liefert eine symbolische Vorbereitung für Fausts gesammtes Liebesleben. Das Frauenbild im Spiegel ist wieder ein Motiv, jetzt ohne Folge, das bei seiner Erfindung nicht folgenlos gedacht gewesen sein kann; und da auf Gretchen entschieden nicht gedeutet sein soll, so hätte Faust wol Helena als jenes Bild erkennen müssen, das ihn im Spiegel so sehr entzückte. Die Beziehung ist jetzt wol noch vorhanden, aber anders gewendet:

Die Wohlgestalt, die mich voreinst entzückte,
In Zauberspiegelung beglückte,
War nur ein Schaumbild solcher Schöne!

Fausts Verjüngung, der bald mit innigem Ergetzen empfinden soll, wie sich Cupido regt und hin und wieder springt, hat wol noch einen weiteren Grund in Goethes eigenen italienischen Erlebnissen, für welche die römischen Elegien immer als Beweismaterial dienen dürfen, wenn sie auch nicht in Italien entstanden. Auch die Ablehnung der nordischen Phantome von Seiten Fausts kommt aus Goethes eigner Seele.

Goethe spricht nun aber ferner davon dass er in jener inhaltsreichen Februarwoche den 'Plan zu Faust' gemacht habe. Was er in diesen Plan jetzt neu aufnahm, lässt sich nur zum geringsten Theil erkennen. Manches was in dem vierten Entwicklungsstadium des Faust hervortritt und ausgeführt wird, mag jetzt entworfen oder geahnt sein. Manches was sich während der Weimarer Zeit dem Faust entgegenbildete, mag er jetzt als brauchbares günstiges Element erkannt, erfasst und eingereiht haben. So die Walpurgisnacht, deren Idee man schwerlich für älter halten darf als Goethes Bekanntschaft mit dem Harz (1777). Die Worte in der Hexenscene 2235 'So darfst Du mirs nur auf Walpurgis sagen' sind gewiss in der Absicht geschrieben, die Walpurgisnacht im Stücke folgen zu lassen; vielleicht sollte dann auch die Hexe sich mit einem Anliegen bei Mephisto wirklich präsentiren.

Ein Stück der Paralipomena dürfen wir vielleicht hierher rechnen, welches Moritz kannte; woraus allerdings nur folgt, dass es nicht jünger ist als Januar 1789 (Düntzer S. 386).

Mephisto schlägt vor einem Kreuze die Augen nieder: 'Ich weiss es wol, es ist ein Vorurtheil; allein genug, mir ist's einmal zuwider.' Die Worte sind nicht so merkwürdig als die Scenerie: 'Landstrasse. Ein Kreuz am Wege, rechts auf dem Hügel ein altes Schloss, in der Ferne ein Bauerhüttchen'. Ich finde die decorativen Elemente des fünften Actes vom zweiten Theile wieder: die Kapelle, in welcher Philemon und Baucis zu Fausts Aerger 'läuten, knieen, beten'; Fausts Palast; die Hütte der beiden Alten. Natürlich wagt man nichts weiter darauf zu bauen; die Aehnlichkeit nicht zu bemerken aber wäre stumpfsinnig.

Dass sich in einem weiteren Stücke derselben Scene Mephisto seines Geschlechtes schämt, stimmt zu der Hexenscene, wo er sich den Namen Satan verbittet Z. 2150.

Für fünf andere Fragmente der Paralipomena habe ich eine unsichere Combination vorzulegen, der ich gleichwol nicht zu entgehen weiss. Drei sind überschrieben 'Walpurgisnacht. Harzgebirg' und zwei 'Faust, Mephistopheles'. Jene beginnen mit den Worten Fausts:

Wie man nach Norden weiter kommt,
Da nehmen Russ und Hexen zu.

In diesen spricht Mephistopheles:

Dem Russ und Hexen zu entgehen,
Muss unser Wimpel südwärts wehen;
Doch dort bequeme dich zu wohnen
Bei Pfaffen und bei Scorpionen.

Und Faust, wie es scheint, sagt:

Warmes Lüftchen, weh heran,
Wehe uns entgegen,
Denn du hast uns wohlgethan
Auf den Jugendwegen.

Im dritten Fragment scheint gegen Basedow polemisirt zu werden, er ist als Rattenfänger von Hameln eingeführt und Patron von zwölf Philanthropinen. Basedow starb 1790, seine Stelle als Curator des Dessauer Philanthropins legte er schon 1778 nieder, arbeitete aber noch 1781 als Schriftsteller für das Institut: allzu lange nach dieser Zeit hätte die Polemik keinen Sinn. Doch ist das gewiss kein entscheidendes Argument. Eher mag die Feindseligkeit gegen den Norden als solches gelten; doch wäre diese nach Italien ebenso am Platze, wie in Italien. Nur scheinen Absichten durchzublicken, welche von der vierten Phase verhältnismässig weit abliegen und einem vorübergehenden Durchgangsstadium angehören müssen, wenn ich die Stellen richtig verstehe.

Die Gesellen kommen auf ihrer Reise nach dem Harz aus Süddeutschland, das ist wol klar. Pfaffen und Scorpionen aber sind nicht in Süddeutschland, sondern in Italien. Von der Walpurgisnacht weg begeben sich Faust und Mephisto nach Italien. Das warme Lüftchen hat Faust wolgethan auf seinen Jugendwegen: hat er auf einer italienischen Universität studirt wie Olearius? Das hätte dann in dem Rückblick auf seine Jugendgeschichte (jetzt Z. 648 ff. 671 ff.) erwähnt werden müssen. Wenn er aber vom Blocksberg sich nach Italien begibt, geht er zum Herzog von Parma, wie im Puppenspiel? Sollte ein italienischer Hof an die Stelle des kaiserlichen treten? Und war die Walpurgisnacht in die Zeit nach Gretchens Tode versetzt (vgl. oben S. 89 Vergessenheitstrank)?

Der Rückblick auf die Jugendzeit findet jetzt während des Spazierganges statt, dessen Anlage vielleicht noch in die Frankfurter Zeit gehört (oben S. 102). Das darin vorkommende Lied 'Der Schäfer putzte sich zum Tanz' wird schon im Wilhelm Meister (1795) erwähnt. –

'Faust will ich als Fragment geben', schreibt Goethe an den Herzog 5. Juli 1789 und am 5. November desselben Jahres meldet er: 'Faust ist fragmentirt, das heisst in seiner Art für diesmal abgethan.' Das Fragment erschien zu Ostern 1790.

4) Mit Schillers Antheil (1797-1801).

Die Chronologie der Entstehung Goethescher Schriften weiss schon zum J. 1796 zu melden: 'Auch am Faust einiges gethan'. Vielleicht die Scene mit dem Baccalaureus aus dem zweiten Theil. Darüber vgl. Düntzer S. 83 f.

An Schiller schreibt Goethe 22. Juni 1797, er habe sich entschlossen an seinen Faust zu gehen. Das was gedruckt ist, löst er wieder auf und disponirt es mit dem was sonst schon fertig oder erfunden ist in grosse Massen. Am 5. Juli 1797 ist der Faust zwar wieder zurückgelegt, aber das Ganze als Schema und Uebersicht sehr umständlich durchgeführt (vgl. Brief vom 1. Juli 1797).

Dass ihn in der Zeit des Zusammenwirkens mit Schiller insbesondere auch die Helena stark beschäftigte, ist bekannt. Ich verweise für alles Nähere auf Düntzer und v. Loeper, und will nur zu errathen suchen, wie sich etwa der Faust als Ganzes damals vor Goethe darstellte.

Zueignung. Die schwankenden Gestalten steigen aus Dunst und Nebel um ihn auf. Vgl. wie er an Schiller schreibt: 'Unser Balladenstudium hat mich wieder auf diesen Dunst- und Nebelweg gebracht'. Gleich einer halbverklungenen Sage kommt erste Lieb und Freundschaft mit herauf (vgl. 3527 ff.): das Frankfurter Gretchen und Friederike, Behrisch und Merck.

Vorspiel auf dem Theater. Als 'Dichter' redet Goethe ganz persönlich. Die Forderung des Directors sucht er schliesslich zu erfüllen und commandirt die Poesie.

Prolog im Himmel. Der Herr geht die Wette mit Mephistopheles ein. Natürlich muss sie Gott gewinnen. Aber es handelt sich nur um das irdische Leben Fausts, nicht um eine Seele, welche für die Hölle zu gewinnen wäre. Mephisto sagt, mit den Todten habe er sich niemals gern befangen. Mephisto ist der Schalk unter den Geistern die verneinen. Er wird dem Menschen als Geselle beigegeben, der reizt und wirkt und muss als Teufel schaffen (101).

In der Lücke. Zwischen Fragm. I und II. An die Unterredung mit Wagner schliesst sich der Selbstmordversuch; dann Spaziergang; Faust als Bibelübersetzer mit dem Pudel, dessen Verwandlung in einen fahrenden Scholasten. Er ist ein Theil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft (982); er ist der Geist der stets verneint (984). Ganz wie im Prolog, dieselbe erhaben optimistische Auffassung des Bösen. Nun will aber Mephisto fort, man begreift nicht recht, warum. Behaglich denkt Faust an einen Pact (1060); Mephisto aber entflieht.

Disputation (s. Paralipomena). Der Scholast taucht wieder auf in einer Disputation, an welcher Faust und Wagner betheiligt sind, rühmt das Vagiren und die daraus entstehende Erfahrung, die Kenntnisse die dem Schulweisen fehlen. Faust fragt nach dem schaffenden Spiegel. Mephisto macht ihm ein Compliment dafür, dass er überhaupt davon wisse, die Antwort aber verspricht er auf ein ander Mal, ganz wie er beim ersten Auftreten sich nicht festhalten lässt.

Vertrag. Damals noch unausgeführt: vermuthlich war Goethe mit sich selbst nicht einig, wie er ihn herbeiführen, und worauf er gestellt werden sollte. Dieser Mephisto macht auf das Drüben (1304) keine Ansprüche (Prol. 76 ff. vgl. 73 ff.); er würde auch den Pact nicht vorschlagen, wonach Faust selber sich begierig zeigte. Hier also blieb noch eine Lücke; der Anfang von Sc. II des Fragmentes war nicht festgestellt. Wenn Goethe am 6. März 1800 hoffte, in der grossen Lücke solle bald nur der Disputationsactus fehlen, so hat ihn diese Hoffnung eben geteuscht und er unterschätzte die Schwierigkeit.

Es folgte Sc. III-XI des Fragments, Auerbachs Keller, Hexenküche, Gretchen bis zum Kuss im Gartenhäuschen; XV 'Wald und Höhle'; XII-XIV, XVI Gretchen bis zum Gebete vor der Mater dolorosa. Hierauf Valentins Tod, wodurch, was sehr nöthig war, XVI und XVII von einander getrennt werden. Freilich hängen wieder Incongruenzen daran: wenn Gretchen so öffentlich beschämt war, so würde sie dann nicht im Dome friedlich unter den anderen knien. Vom Tode der Mutter, von Gretchens Schuld daran ist nicht die Rede.

Aber Scene XVII wird interpolirt Z. 3432 'Auf deiner Schwelle wessen Blut?'

Walpurgisnacht. Harzgebirg. Gegend von Schierke und Elend. Faust will auf den Brocken, wohin die Menge zum Satan strömt; er meint, dort müsse sich manches Räthsel lösen. Mephisto aber isolirt sich mit ihm und sucht eine kleinere Welt auf, sie tanzen mit den Hexen. Da erblickt Faust das Idol, welches dem 'guten Gretchen gleicht' (3831), schon ahnt er in grausenhafter Vorstellung ihr Schicksal. Aber Mephisto weiss ihn noch einmal abzuziehen, führt ihn ein Hügelchen hinan, von wo sie dem Intermezzo zusehen. (Dass die Scene bei 3851 abbreche, nehme ich nicht an.)

Harzgebirg, höhere Region (Gipfel des Brockens) s. Paralipomena. Nach dem Intermezzo willfahrt Mephisto Faustens früherem Wunsche und führt ihn nach oben. Sie gelangen zunächst in einsam öde Gegenden. Trompetenstösse, Blitz und Donner von oben kündigen ein Ausserordentliches an – dem Ohre zuerst. Dann, indem sie höher klimmen, gewahrt das Auge Feuersäulen, Rauchqualm und daraus hervorragend einen mächtigen Felsen, wie es scheint. Es ergibt sich beim Näherkommen, dass es Satan ist, umgeben von einer grossen Versammlung. Nun rächt sich die Versäumnis, ihr langes Verweilen in der Tiefe, sie haben Mühe durchzudringen ('Versäumnis. Mittel durchzudringen. Schaden. Geschrei. Lied'), erlangen es aber doch und stehen nun im nächsten Kreise mit anderen, welche charakterisirt werden; man kann es vor Hitze kaum aushalten. Satan hält eine groteske Rede voll Unfläterei, Mephisto tröstet ein junges Mädchen, welches weint, weil sie nichts davon verstehe. Nach der Rede stellt der Ceremonienmeister Satans ihm einzelne Theilnehmer der Versammlung vor und colossale Schmeicheleien lohnt der Teufel durch Belehnung mit Millionen Seelen. Da tritt Mitternacht ein: 'Versinken der Erscheinung. Vulcan. Unordentliches Auseinanderströmen, -brechen und -stürmen.' Die Erscheinung des Teufels versinkt, ein Vulkan entsteht an der Stelle wo er thronte, und die ganze Versammlung zerstiebt.

Ein anderer Theil des Brockens. Tiefere Region. Hochgerichtserscheinung. (S. Paralipomena.) Auch Faust und Mephisto haben den Gipfel des Brockens verlassen und den Rückweg angetreten. Da kommen sie in ein gewaltiges Gedränge, um sich zu retten, ersteigen sie einen Baum. Da erscheint wieder jenes nackte Idol, worin Faust Gretchens Gestalt zu erkennen glaubte. Es hat die Hände auf dem Rücken, wie zur Hinrichtung bereitet. Nach einem schauerlichen Gesang von Blut fällt der Kopf ab (Mephisto hat so etwas schon früher vorausgesehen, 3850). Aus dem Geschwätz von Kielkröpfen erfährt Faust endlich die volle Wahrheit über Gretchens Lage.

Gleich musste nun Faust verlangen, zu Gretchen gebracht zu werden, um sie zu befreien (wie in der Prosascene).

Kerkerscene.

Das folgende bezeichne ich nur in Bausch und Bogen, ohne überall feststellen zu wollen, wie viel ausgeführt, wie viel nur schematisirt war.

Faust, Ariel, Geisterkreis. Sonnenaufgang im Gebirge, wobei Eindrücke vom Vierwaldstätter See verwerthet (Eckermann, dritte Aufl. 3, 117).

Faust und Mephisto am Kaiserhofe. Faust hat dem Kaiser versprochen, ihm Paris und Helena zu zeigen. Die Erscheinung wird für ihn selbst verhängnisvoll.

Mephisto, Wagner, Baccalaureus. Letzterer mit Bezug auf Fichte in Jena (trotz Eckerm. 2, 103). Die fünfzig Jahre, welche Goethe am 6. December 1829 zurückrechnet (Eckerm. ibid.), sind eine ungenaue runde Zahl. Sie beziehen sich auf den ganzen zweiten Theil und werden ebenso am 1. December 1831 in einem Brief an Wilhelm von Humboldt gebraucht (S. 295). Goethe mag sich diese Datirung im J. 1824 bei der Wiederaufnahme der Arbeit am Faust angewöhnt haben.

Classische Walpurgisnacht mit einer Scene: Faust bei Proserpina ('ausführliches Schema' Eckerm. 1, 201). Das Wesen Mephistos, wie es die Sphinx definirt, stimmt zum Prolog: