„Anna behauptet, daß sie keinen Wein, noch anderes starkes Getränke zu sich nehme, und rühmt sich der Nüchternheit ihres Lebens. In der That ist es auch viel, einen freien, reinen, von keiner Leidenschaft trunkenen Sinn zu bewahren. Wem dieses gelingt, der mag sich selbst als reines Trankopfer dem Herrn ausgießen. Denn was bedeuten die Worte: ich will meine Seele dem Herrn ausgießen, anders als: ich will mich heiligen; dadurch nämlich, daß die Bande, welche die eiteln Sorgen des Lebens um uns schlingen, gesprengt werden, damit der Geist aus sich selbst heraustrete, die Grenzen des Weltalls erreiche und selbst den himmlischen Anblick des Ungezeugten genieße.“
Diese außerordentliche Höhe der Vollendung kann nur nach langen Kämpfen erreicht werden[718], und Philo unterscheidet daher drei Stufen des Fortschritts: nämlich den Anfänger (ὅ ἀρχόμενος), den Fortschreitenden (ὅ προκόπτος) und den Vollendeten (ὅ τέλειος).
Der Vollendete ist der wahre Gottmensch (ἄνϑρωπος ϑεοῦ), weil er sich Gott zum Eigentum hingegeben. Er ist mehr als ein Mensch und bildet das Mittelglied zwischen Gott und dem sterblichen Geschlecht.[719]
Ihm kommen wegen dieser innigen Verbindung mit Gott auch wahrhaft göttliche Eigenschaften zu, so die Unveränderlichkeit und die Freude, deren Wesen Philo sehr schön beschreibt[720]:
„Demjenigen, der Tugend durch Natur, ohne Anstrengung und Kampf zum Eigentum erhielt, ward als Preis die Freude zu Teil, denn er wurde, wie die Griechen sagen, γέλος, wie die Chaldäer, Isaak genannt. Das Lachen ist nämlich das sichtbare Zeichen unsichtbarer innerer Freude. Freude aber ist die beste und edelste der menschlichen Empfindungen, durch welche die Seele ganz und gar mit Wohlgefallen erfüllt wird, indem sie sich ihres himmlischen Vaters erfreut, ja selbst über das, was nicht zu unserer Lust ausfällt, wenn es nur nicht aus Bosheit, sondern zum Wohl des Ganzen geschieht. Denn wie ein Arzt bei großen und gefährlichen Krankheiten oft Teile des Körpers ablöst, um das Ganze zu retten, oder wie ein Steuermann einen Teil seiner Ladung zur Rettung des Übrigen ins Meer wirft, ohne daß Jemand einen solchen Steuermann tadelt, so muß man auf ähnliche Weise überall das Urwesen bewundern und alles, was in der Welt geschieht, lobpreisen und sich daran erfreuen, nur das ausgenommen, wobei Bosheit im Spiel ist, ohne daran zu denken, ob etwas uns Vorteil bringe, sondern ob die Welt gleich einem wohlgeordneten Staat zum Heile des Ganzen regiert werde.“
Außer der Freude wird noch der Friede das Eigentum des Weisen genannt, und neben diesen Gütern des Herzens und Gemüts sind noch die höchsten Schätze des Geistes Eigentum des Vollendeten. Vollendung der Weisheit aber besteht im Schauen Gottes, welches nur den Vollkommenen zu Teil wird. Über die Art dieses Schauens drückt Philo sich nicht bestimmt aus, sondern nennt es gewöhnlich eine unvollkommene und nur annähernde Erkenntnis.[721]
Nur einige wenige Menschen bedürfen der Anstrengung des Unterrichts und der Askese nicht, da sie Gott schon vor Geburt, noch ehe sie etwas Gutes gethan haben konnten, vortrefflich ausbildete und zu einem bessern Schicksal bestimmte.[722] Es sind dies die vollkommenen göttlichen Menschen. Über diese sagt Philo[723]:
„Die Stelle (Genesis VI. 4): ‚Es waren auch zu den Zeiten Riesen auf Erden‘ sei nicht wörtlich zu nehmen, als wären damals wirklich Riesen auf Erden gewesen; sondern die Schrift will uns mit diesen Worten andeuten, daß es dreierlei Menschen gibt: irdische, himmlische und göttliche. Die irdischen sind die, welche in das Fleisch versunken sind und nur das treiben, was Lust erregt. Himmlische Menschen sind alle Freunde der Kunst, der Wissenschaft und Weisheit, denn das Himmlische in uns ist der Geist. Der Geist aber beschäftigt sich mit himmlischen Dingen, mit den Wissenschaften und Künsten, um sich durch Betrachtung der übersinnlichen Dinge zu üben und zu stärken. Göttliche Menschen endlich sind die Priester und Propheten, welche es verschmähten, Bürger der Erde zu werden, sondern, alles Sichtbare und Sinnliche überfliegend, in die geistige Welt einwanderten und sich in den Staat unvergänglicher Ideen einschreiben ließen. – Ein solcher Mann Gottes hängt an seinem Gott allein, folgt ihm und richtet nach ihm die Pfade seines Lebens. Die Söhne der Erde aber haben seinen Geist aus seinem Besitz, nämlich der Denkkraft, ausgetrieben und graben aus den finstern Schachten des unbeseelten Fleisches. Auf sie läßt sich der Ausspruch des Gesetzgebers anwenden: ‚Beide werden zu einem Fleische‘ (vgl. Genesis, II. 24); ‚sie haben das herrlichste Gepräge verfälscht, die bessere Stellung verlassen und sind Überläufer geworden zum Schlechten und Entgegengesetzten.‘“
Den „Söhnen der Erde“, welche nicht Kraft genug besitzen, sich aus eigener Kraft in die Höhe zu schwingen, können fünf Hilfsmittel dienen, nämlich: die schaffende, herrschende, gebietende und verbietende Kraft sowie die der göttlichen Gnade, denn wer einsieht, daß Gott die Welt geschaffen hat, wird von Liebe zu ihm hingerissen; wer weiß, daß Gott der Herr des Geschaffenen ist, wird wie der Unterthan durch die Furcht vor dem König und wie ein Kind, wenn nicht durch Liebe, doch durch die Furcht vor den zügelnden Zwangsmitteln des Vaters – von der Sünde zurückgehalten, wer überzeugt ist, daß Gott gnädig ist, wird aus Hoffnung auf Vergebung sich bessern; und wer endlich glaubt, daß Gott Gesetzgeber ist, wird entweder seinen Geboten gehorchen, oder doch wenigstens seine Verbote nicht übertreten.[724]
Die in den Sünden Verharrenden straft Gott nicht gleich nach seiner Güte, sondern läßt ihnen Zeit zur Bekehrung und Verbesserung ihrer Fehler oder schiebt doch die Strafe wegen der unter ihnen wohnenden Rechtschaffenen auf, da diese ein Lösegeld für die Bösen sind, die sie durch Unterricht auf bessere Wege zu bringen suchen und teils durch ihre guten Erfolge, teils durch ihre Person, um welche herum die Gottheit lauter Wohlthaten verbreitet, die Strafe abwenden. Sobald die Sündigen sich zu bessern beginnen, vergiebt ihnen die göttliche Gnade nach ihrer Gerechtigkeit, ohne sich darum bitten zu lassen.[725]
Wer aber an der Sünde wie an einer unheilbaren Krankheit darnieder liegt, der muß beständig sein nie aufhörendes Unglück tragen, verstoßen in die Gegend der Gottlosen, um hartes unaufhörliches Unglück zu leiden.[726] Diese Gegend ist jedoch nicht der fabelhafte Hades, sondern der Sitz der Lüste, Begierden und alles Bösen.[727] Die Menschen glauben zwar, der Tod sei das Ende aller Strafen, da er doch vor dem Tribunal der Gottheit kaum der Anfang davon ist; denn es giebt eine doppelte Art des Todes: die Trennung der Seele vom Körper, eine, wo nicht gute, so doch gleichgültige Sache, und das Ersterben in Sünden, welches durchaus übel und je länger desto übler wird. Dieser ewige Tod besteht in einer beständigen hoffnungslosen Traurigkeit und Furcht.[728]
Die Tugendhaften dagegen, welche ein gutes praktisches Leben führten, belohnt Gott im Alter mit einem einsamen der Betrachtung geweihten Leben, wodurch sie zum endlichen Ziele ihres Strebens, zur wahren Weisheit und Erkenntnis Gottes gelangen durch wahre Freude und Glückseligkeit und Heimsuchung ihrer Seelen durch die Gottheit, deren Tempel sie sind.[729]
Diejenigen Seelen, welche nach der Vollendung ihrer irdischen Laufbahn noch starke Reize zum Bewohnen der von Natur aus bösen Körper empfinden, kehren nach dem Tode wieder in andere zurück. Die aber des eiteln Lebens völlig überdrüssig sind, betrachten den Körper als ein Gefängnis oder Grabmal, in welches sie sich nur aus Wißbegierde einschließen ließen[730]; sie erheben sich schnell zum Äther und wohnen dort von Ewigkeit zu Ewigkeit.[731]
Die für die Geschichte der Gnosis wichtigen Grundprinzipien der Hermeneutik Philos sind die folgenden:
Der höchste Zweck der göttlichen Offenbarungen ist der, dem Menschen die ewigen Wahrheiten mitzuteilen, die sich auf den Geist als den wahren Menschen (νοητα) beziehen und diesen dadurch mit Gott und der Geisterwelt (κοσμος νοητος) in Verbindung zu setzen. Um nun den Menschen, der doch ohne die Erweckung seines geistigen inneren Sinnes von dem Göttlichen nichts vernehmen kann, nach und nach aus sich selbst zu erwecken und auch zum Nutzen derer, die zu dieser höchsten Stufe des religiösen Lebens noch nicht gelangt sind, zu wirken, sind diese höheren Wahrheiten in die Hülle einer zur sittlichen Belehrung und Besserung dienlichen Geschichte und praktischen Religionseinrichtungen eingekleidet worden.
Jene höhern Wahrheiten sind die eigentliche Seele des Ganzen, das Reale, welches nichts weiter suchen läßt (το σωμα); die Geschichte ist im Verhältnis dazu nur ein Schatten (σκια). Für diejenigen, welche nur das in die Augen Fallende betrachten, hat das Ganze auch historischen Sinn; höher aber stehen Diejenigen, welche in die innere Natur, die verborgene Kraft, das wahrhaft Reale einzudringen fähig sind. Das scheinbar Böse oder Unmoralische in den somatischen oder noëtischen Offenbarungen fügt sich höherer Harmonie als gut oder ist allegorisch zu deuten.
In der Theosophie Philos findet sich die allen orientalischen Systemen gemeinsame Unterscheidung zwischen einem verborgenen, in sich verschlossenen, unbegreiflichen, über jede Bezeichnung und Abbildung erhabenen Wesen der Gottheit und dessen Offenbarungen, als dem ersten Übergangspunkt zur Schöpfung, dem Grund aller Lebensentwicklung (ὁ ὢν, τὸ ὂν).
Jehovah und seine Offenbarung oder der Inbegriff aller im Wesen Gottes verborgenen Kräfte (δυνάμεις τοῦ ὄντος, λόγος τοῦ ὄντος), wobei Philo immer den Gegensatz vor Augen hat zwischen einem εἷναι, in sich selbst sein, und λέγεσϑαι, ausgesprochen, geoffenbart werden: Die unmittelbare Wirkung des verborgenen und insofern noch nicht schaffenden Gottes, nicht die Welt, sondern der λόγος, durch den er alles hervorgebracht.
Alles Dasein und alles Erkennen ist eine Offenbarung desjenigen, der in sich selbst unsichtbar, alles ans Licht fördert. Die Gottheit ist der Urquell alles Lichts, von welchem Strahlen nach allen Seiten hin ausgehen. Vermöge dieser Strahlen hat Gott Leben aus sich hervorgebracht, wirkt durch dieselbe immerfort im Weltall und teilt sich dem Empfänglichen mit, diese Strahlen sind δυνάμεις τοῦ ὄντος. Vermöge derselben ist Gott überall gegenwärtig, denn kein Platz der Schöpfung ist von seinen Kräften unerfüllt; durch diese verknüpft er alles mit unsichtbaren Banden; daher ist er überall und nirgends, überall nämlich durch die Allerfüllung seiner Kräfte, und doch nirgends, weil das Wesen Gottes als solches nirgends erscheinen kann.
Wo also von Theophanien die Rede ist, da ist es nicht das ὀν oder der ὠν, sondern eine δυναμις, die in Erscheinung trat. Nicht der ὀυσιωδης ϑεος, sondern seine δο ξα, Schechinah, die ihn repräsentierenden Kräfte oder höchsten Geister kamen herab.
Als ὠν ist Gott der ὀνομαστος oder ἀκατονομαστος, über jede Bezeichnung erhaben und nur in seinen einzelnen Kräften bezeichnet, diese Kräfte sind daher eben so viele Namen des an und für sich Unnennbaren. Diese Kräfte sind teils die verschiedenen Relationen, in denen der unbegreifliche ὠν, der endlichen Vernunft aktiv erscheint, teils die einzelnen Vollkommenheiten höchst potenziert als Individualitäten.
Insofern das ὀν an und für sich über jede Bezeichnung erhaben ist und nur nach den von denselben ausstrahlenden Kräften bezeichnet werden kann, welche alle der λογος in sich schließt, nennt er ihn vorzugsweise ὀνομα τον ϑεου und zugleich πολυωνυμος, als ἀρχαγγελος, weil er nicht blos eine einzelne göttliche Kraft darstellt, sondern alle in sich faßt, die ἀρχη, das erste Glied und das erste Prinzip in der Kette der Lebensentwickelung, in dem das ὀν an und für sich mit derselben in keine Berührung kommt, wie die Gnostiker sich deutlich ausdrückten, nicht ἀρχη sondern προαρχη ist der höchste Gottesbetrachter, das Ideal der höchsten Kontemplation. Dasselbe, was er von οὐρανιος σοφια als ὁρασις ϑεου sagt, diese personifizierte himmlische Weisheit als Inbegriff der himmlischen Tugenden, welche Gott aus seinem himmlischen Licht auf ewig unauslöschlich hervorgehen ließ.
Wie der λογος, die allgemeine Offenbarung des ὀν das allgemeine ἐικων του ὀντος, so ist im Besondern jeder Engel eine Offenbarung Gottes, jeder Geist eine Offenbarung des verborgenen Gottes. Philo definiert daher einen Engel als ἐικων του ὀντος, und so definierten die Valentinianer einen Engel als λογον ἐπαγγελιαν ἐχοντα του ὀντος. Der λογος als der allgemeine Gottesoffenbarer heißt eben in dieser Beziehung im Verhältnis zu den einzelnen λογοις ἀρχαγγελοις.
Auch der Geist, der eigentliche Mensch im Menschen, hat dieselbe Bestimmung, Gott zu offenbaren und göttliches Leben in sich aufzunehmen und aus sich zu verbreiten. Die Seelen sind nicht verschieden von den himmlischen Geistern, sondern himmlische Wesen, in die zeitliche ihrer Natur fremdartige Welt herabgesunken. Der menschliche Geist ist also auch ein Bild des ὀν, aber nicht unmittelbar, denn der unmittelbare Abdruck des Bildes des verborgenen Gottes ist nur sein λογος, jede endliche Vernunft nur ein Abbild und Offenbarung jener höchsten Gottesvernunft. Nach dem Bilde des höchsten Allvaters kann nichts Sterbliches geschaffen werden, sondern nur nach dem Bilde des zweiten Gottes, welches der λογος ist. Der Charakter der Vernunft in den menschlichen Seelen mußte von dem höchsten λογος eingeprägt werden, weil ὁπρωτος λογος ϑεος höher ist als jede vernünftige Natur, so konnte dem über den λογος Erhabenen, der den höchsten und vor allen anderen ausgezeichneten Platz einnimmt, nicht Geschaffenes ähnlich gebildet werden.
Der Mensch ist also das Bild und der Abdruck eines himmlischen und ewigen Offenbarers der verborgenen Gottheit; das Menschliche soll vergöttlicht werden, Offenbarung göttlichen Lebens in menschlicher Form, wie das Leben des verborgenen Gottes dem Menschen nur nahe gebracht werden konnte in menschlicher Form. Der λογος wurde daher angesehen als das Urbild der Menschen, der Mittelpunkt aller Offenbarung des göttlichen Lebens, das weiter entwickelt und individualisiert erscheint in der Menschheit; der λογος ist also der Urmensch, der himmlische Mensch, ὁ ϑειας ἀδιαφορων εἰκονος.
Es giebt zweierlei Erkenntnis der Gottheit.
1. Das Erkennen des ὀν nicht als solches, nicht in seinem verborgenen Wesen, sondern in seiner Offenbarung, in seinem ewigen Wort, welches Ursache und beseelendes Prinzip der ganzen Schöpfung ist, durch die Schöpfung selbst, die Offenbarung darstellend, durch einzelne Geister als göttliche Gesandte, durch einzelne von Gott erregte Gedanken und Lehren.
2. Das Erkennen des ὀν in sich selbst. Trotzdem das ὀν an und für sich ein Gegenstand wissenschaftlich-logischer Erkenntnis sein kann, trotzdem sich von demselben kein Verstandesbegriff geben und überhaupt nichts prädizieren läßt, so giebt es doch eine unmittelbare Offenbarung, erhaben über alle Verstandeserkenntnis, über alle mittelbare Offenbarung desselben, über alle analogische von der Schöpfung auf den Schöpfer schließende Erkenntnis, wodurch der Geist eine über allen λογος und alles λογικον erhabene Gewißheit und Klarheit erhält.
Philo drückt diesen Gegenstand aus durch: Erkennen Gottes, des ὀν, in sich selbst und in seinem Schatten (Leg. Alleg. p. 79): „Diejenigen, welche so denken, erkennen Gott aus seinem Schatten (der Schöpfung); es giebt aber einen vollkommeneren und gereinigteren Geist, der, eingeweiht in die großen Mysterien, nicht aus den Werken die Ursache erkennt, wie aus dem Schatten des Wahrhaften, sondern über alles Erstandene sich erhebend, die klare Offenbarung des Ewigen erhält, daß er ihn selbst in sich selbst erkenne, und zugleich dessen Schatten, den λογος und diese Welt.“ Das ὀν wird vielmehr in seiner klaren Selbstoffenbarung erkannt, als durch Argumente bewiesen.
In Rücksicht auf die doppelte Erkenntnis des ὀν in sich selbst und das durch den λογος offenbarten, giebt es zwei Standpunkte der religiösen Betrachtung: den Standpunkt der ὑιοι ϑεου in eigentlichem Sinn, welchen die unmittelbare Anschauung des ὀν zu Teil geworden und der του λογου ὑιοι. Diesen zwei Standpunkten der Religionserkenntnis entsprechen zwei verschiedene Standpunkte der praktischen Gottesverehrung. Die ϑεου δια, welche die höchste Gotteserkenntnis erlangt haben, finden allein in der Gemeinschaft mit ihm Beseligung und dienen ihm nur um seiner selbst willen, von der Liebe zu ihm beseelt. Die λογου ὑιοι, welche Gott noch nicht nach seinem Wesen, sondern nur nach seinen Werken oder seiner Thätigkeit erkannt haben, sind noch nicht fähig, das Beseligende der Gemeinschaft mit Gott zu erfahren, noch nicht empfänglich für die höchsten Triebfedern der Religion. Sie müssen noch durch Hoffnung und Furcht angetrieben und erzogen werden, und Gott läßt sich zu diesen ihren Bedürfnissen herab. Aber von ihm selbst unmittelbar kann keine Strafe herrühren; er ist nur die Quelle des Segens und der Beseligung für alle Empfänglichen, und vollzieht die Strafgerichte über die, welche dadurch erzogen werden können, durch dienende Geister.
Es giebt also eine Religion der πνευματικα und eine Religion der ψυχικοι; die πνευματικοι erkennen das ὀν und die ψυχικοι einen dieses repräsentierenden Geist, welchem deren Erziehung und Regierung übertragen wurde.
Dieser die Gottheit repräsentierende Engel, der Erzieher und Zuchtmeister der Welt, ist der Demiurgos.
Als Eins erscheint das ὀν, wenn die Seele vollkommen gereinigt, nicht nur über die Vielheit, sondern auch über die der Einheit am nächsten verwandte Zweiheit sich erhebt, zu der reinen und selbstgenugsamen Idee.
Als Drei erscheint der Seele das ὀν nicht unmittelbar wie es in sich selbst ist, sondern nur mittelbar als schaffend und herrschend.
Die Juden sind das dem ὀν geweihte Volk[732], welches dieser selbst regiert, während die andern Völker andere Kräfte Gottes zu ihren Vorstehern haben; aber auch Israel zerfällt in einen ἰσραηλ αἰς ϑητος und einen ἰσραηλ νοητος. Der ersten Klasse offenbart sich Gott durch seine Engel, weil sie der reinen geistigen Gottesverehrung nicht fähig sind. Den rein geistigen und seiner Verehrung geweihten Seelen kann sich Gott offenbaren, wie er in sich selbst ist; er geht mit ihnen um, wie der Freund mit dem Freunde; denen aber, die noch im Körper sind, offenbart sich Gott unter der Gestalt der Engel, nicht als ob er seine Natur verwandle, sondern indem er die Vorstellung bei ihnen erregt, daß das Bild das Urbild selbst sei. So wie diejenigen, welche die Sonne nicht selbst betrachten können, ihr Bild im Widerschein für sie selbst halten, so sehen diese Gottes Bild, seinen Engel, für ihn selbst an.
Gott und seine Kräfte können sich in scheinbar sinnlichen Formen der Menschheit offenbaren, die jedoch kein reales Dasein haben; die höheren Naturen nehmen mannigfach wandelbare Formen an je nach den Bedürfnissen derer, denen sie erscheinen.
Es ist notwendig, daß die ganze Schöpfung belebt sei, denn Gott, die Urquelle alles Lebens und die Summe aller Kräfte, ist überall gegenwärtig; darum wird auch jeder Teil der Schöpfung ihm angemessene Bewohner haben.
Diese Geisterwelt ist ein intelligibler Staat, worin die Angelegenheiten des κοσμος αἰςϑητος und besonders der Menschheit erledigt werden.
Die Mitte dieses intellektuellen Staates hat den λογος inne, der erhabenste aller Geister der aktive ὀν. Er ist das Triebrad im innern Wesen der Gottheit wie der gesamten Geisterwelt. Gott vertraute ihm bei der Schöpfung das allmächtige Werde! an, und also entstand die Welt durch ihn. Er schuf die Formen der Dinge durch seine Weisheit, denn er ist der Sohn der Weisheit, vom Vater gezeugt, ehe die Welt erschaffen worden. Er vereinigte Macht und Güte bei der Schöpfung und machte dadurch Gott zum höchsten Guten. Er führte zur Bezeichnung seiner Eigenschaften und Kräfte dem Namen πολυωνυμος.
Der Mensch ist fähig, in eine unmittelbare Gemeinschaft und einen vertrauten Umgang mit den Kräften des ὠν zu kommen, wozu die moralische Güte und die Askese die Haupterfordernisse sind. Durch diesen Umgang wird die Seele hoher Macht und Kenntnisse teilhaftig. Denn, wenn der Menschengeist auch durch eigene Kraft vieler Künste und Wissenschaften fähig ist, so vermag er doch nur durch übersinnliche Hülfe wahrhaft begeistert zu werden, und nur vermittelst dieses Umgangs gelangt er zur wahren Erkenntnis des Guten und Wahren. Ist die Seele durch ihre Verbindung mit der Geisterwelt und namentlich durch den Einfluß des Logos zur Erkenntnis der eigentlichen Grundideeen der Dinge gelangt, dann erhebt sie sich über sich selbst, tritt mit dem Logos in Gemeinschaft und ersteigt den Gipfel der reinsten Erkenntnis; ihr Flug ist fortan nur himmelwärts gerichtet.
Die Sittenlehre der alexandrinischen Propheten ist das Gesamtprodukt des väterlichen Glaubens, der platonischen Philosophie und der Zeitverhältnisse, insofern der politische Druck, welcher auf den Juden lastete, einige ihrer Leute zwang, im eigenen Innern den Trost und die Befriedigung zu suchen, die ihnen die Außenwelt versagt, daher ihre Mystik.
Als Anhänger Platos flüchteten sich so die Mystiker unter den alexandrinischen Juden in die innere Geisteswelt, und die Entfremdung von der Welt, die Abtötung des Leibes wurden zur höchsten Tugend. Doch als Juden, die im unerschütterlichen Glauben an ihr Gesetz aufgewachsen waren, gaben sie nur die irdischen Hoffnungen der nächsten Zeit auf und erwarteten nach den alten Verheißungen eine herrliche Zukunft voll Glück, in welcher ihr Glaube die ganze Welt beherrschen werde. So wurde die Hoffnung, daß einst bessere Zeiten kommen würden, der Glaube, daß der Gott der Väter sein Volk nicht verlassen werde, das Merkmal der echten Juden, und wenn ihr in der Fremde von allen irdischen Genüssen abgekehrtes Gemüt nicht ersterben sollte, mußte jene tiefe, in allen Systemen der Mystik wiederkehrende Liebe die Leere des von der Außenwelt unbefriedigten Judengemüts ausfüllen.
Nur aus diesen allgemeinen Verhältnissen läßt es sich erklären, warum wir in beinahe allen übriggebliebenen Denkmälern der alexandrinischen Theosophie neben den platonischen Tugenden den Glauben, die Liebe, die Hoffnung und die Befreiung von den Fesseln des Fleisches als die höchsten Güter genannt finden. – So viel über die jüdischen Mystiker in Alexandria.
Es ist nun der Nachweis zu führen, daß die alexandrinische Theosophie, die Lehre Philos, nach Palästina verpflanzt wurde. Dieser Beweis ergiebt sich daraus, daß die Sekte der Therapeuten der alexandrinischen Mystik zugethan war und daß die Essäer, wenn sie nicht von ihnen abstammen, doch auf das Engste mit ihnen zusammenhängen.
Daß die Therapeuten die theosophischen Anschauungen Philos teilten, geht aus dem großen Lob hervor, welches dieser ihnen spendet; denn in einer religiös so bewegten Zeit, wie die Philos war, wird nicht leicht ein Mystiker von so ausgeprägten Anschauungen wie Philo eine religiöse Partei loben, deren Lehren nicht mit den seinen harmonieren. Philo sagt von den Therapeuten[733]:
„Das an das Schauen gewöhnte Geschlecht der Therapeuten möge fortwährend nach der Erkenntnis des Höchsten streben, es möge die sichtbare Sonne überfliegen und nie seinem Berufe untreu werden, welcher zur vollkommenen Glückseligkeit führt. Denn diejenigen, welche sich der Beschauung weihen, – nicht aus Gewohnheit oder durch äußere Anforderungen bewogen, sondern von himmlischer Liebe ergriffen, – sind wie Korybanten höherer Begeisterung voll, bis sie das Ersehnte erschauen. Und weil sie aus heiliger Sehnsucht nach dem seligen und ewigen Leben schon hier der sterblichen Hülle abgestorben zu sein glauben, überlassen sie freiwillig alle Habe ihren Söhnen, Töchtern, sonstigen Verwandten und Freunden.“
Zeugt nun schon dieser und mancher andere Ausspruch Philos für die Wahrscheinlichkeit der Gleichheit seiner religiösen Anschauungen mit denen der Therapeuten, so läßt sich dieselbe auch thatsächlich nachweisen. Dazu ist jedoch notwendig, daß wir Philos Nachrichten von den Therapeuten vollständig wiedergeben. Er sagt[734]:
„Wenn sie ihr Vermögen abgetreten haben, fliehen sie – von keinem Reize mehr zurückgehalten – unaufhaltsam weg von Brüdern, Kindern, Weibern, Eltern, von ihren Verwandten und Freunden, von dem Orte, wo sie geboren und erzogen wurden. Denn sie kennen den verderblichen Einfluß, welchen die Gewohnheit auf bessere Entschlüsse ausübt. Sie wandern auch nicht nur in eine andere Stadt wie unglückliche oder schlechte Sklaven, die ihren seitherigen Herrn um Verkauf bitten und damit keine Freiheit, sondern nur einen Wechsel der Knechtschaft erreichen: vielmehr eilen sie hinweg von allen Städten (denn jede – auch die besser eingerichtete – ist voll Lärm, voll Unheil und Unruhen aller Art, welche ein Mann nicht mehr ertragen kann, der einmal die Weisheit gekostet hat), in Gärten und entlegene Landhäuser, um die Einsamkeit zu genießen, nicht als ob sie die Menschen haßten, sondern weil sie wissen, daß der Umgang mit Andersgesinnten, der in der Welt nicht vermieden werden kann, Verderben bringt.“
„Das Geschlecht der Therapeuten ist über die ganze Erde verbreitet, denn Hellas und die Länder der Barbaren sollten einer so edeln Anstalt nicht entbehren. In größter Anzahl aber finden sie sich in Ägypten, in jedem der sogenannten νομὰ und endlich in der Nähe von Alexandria. Die besten unter allen Therapeuten eilen – als in die gemeinsame Heimat – an einen schönen Ort, der über dem See Möris auf einer sanften Anhöhe liegt und hinsichtlich der Sicherheit wie der gesunden Luft alle Vorzüge vereinigt. Für die Sicherheit sorgen nämlich die umherliegenden Höfe und Dörfer, und seine gesunde Luft verdankt der Ort den Winden, die sowohl vom See her, welcher ins Meer ausmündet, als auch von dem nahen Ozean wehn. Die Lüfte vom See her sind fein, die vom Meer her dichter, die Mischung beider ist der Gesundheit sehr zuträglich. Die Häuser dieses Ortes sind sehr einfach und nur auf die notwendigsten Bedürfnisse berechnet, nämlich zum Schutz gegen die Kälte, sowie gegen die Glut und Sonne. Sie stehen nicht so nahe aneinander wie in den Städten, denn Nachbarschaft ist beschwerlich für die, welche die Einsamkeit suchen; aber sie sind auch nicht sehr weit voneinander entfernt, teils weil ihre Bewohner Gemeinschaft mit einander haben wollen, teils zur Sicherheit und gegenseitigen Unterstützung bei Angriffen von Räubern. In jedem Hause ist ein Heiligtum, das sie Semneion oder Monasterion nennen, in welchem Jeder in tiefer Einsamkeit die Geheimnisse des geweihten Lebens übt. Sie bringen nichts in dieselben, was zur Notdurft des Lebens gehört, keine Speise, keinen Trank; sie beschäftigen sich dort allein mit Gesetzen und Orakeln, von Propheten erteilt, mit Lobgesängen auf Gott und solchen Dingen, durch welche Wissenschaft und Frömmigkeit gefördert werden. Das Denken an Gott weicht nie aus ihren Seelen, so daß sie auch im Traume nichts anderes als die hohe Schönheit der göttlichen Tugenden und Kräfte schauen. Viele reden selbst im Schlafe von den herrlichen Lehren heiliger Philosophie.[735] Zweimal beten sie täglich mit der Morgenröte und gegen den Abend. Wenn die Sonne emporsteigt, flehen sie um einen wahrhaft guten Tag, daß nämlich das himmlische Licht in ihren Seelen aufgehe. Wenn sie untergeht, bitten sie, daß ihre Seelen gänzlich befreit von der Last der Sinnesorgane und der äußeren Welt, in ihr innerstes Heiligtum versenkt, die Wahrheit erschauen mögen. Die Zeit zwischen Morgenröte und Abend wird von ihnen religiöser Übung geweiht. Mit den heiligen Schriften beschäftigt, suchen sie Weisheit, indem sie den heiligen Urkunden einen tieferen Sinn unterlegen, denn sie glauben, daß die Worte Sinnbilder einer tiefer liegenden Wahrheit seien, die nur angedeutet, nicht ausgesprochen ist. Sie besitzen auch Schriften alter Weisen, der Stifter ihrer Sekte, welche viele allegorische Denkmale hinterlassen haben. Nach Anleitung dieser suchen sie die verborgene Weisheit auf. Außerdem aber dichten sie selbst auch Gesänge, auch Loblieder auf Gott in mannigfachem Metrum, je nach dem es der Gegenstand erfordert. Sechs Tage lang sind sie, jeder für sich, in der Einsamkeit, in den oben beschriebenen Monasterien beschäftigt, ohne je die Schwelle des Hauses zu überschreiten, ja selbst ohne hinauszugehen. Am siebenten kommen sie zusammen und setzen sich nieder nach ihrem Alter in anständiger Stellung, die Hände einwärts gekehrt, die Rechte zwischen Brust und Kinn, die Linke an die Hüfte geschmiegt. Der Älteste und Erfahrenste tritt auf und spricht mit ruhigem Blick und gelassener Stimme, nicht wie die heutigen Rhetoren und Sophisten auf künstliches Gerede bedacht; sondern gründlich den höheren Sinn der heiligen Schriften entwickelnd, in einem Vortrag, der nicht blos am Ohr vorübereilt, sondern in die Seele eindringt und bleibend wirkt. Die Andern hören ruhig zu und geben ihren Beifall nur im Winken der Augenlider und des Hauptes zu erkennen. Das gemeinschaftliche Semneion, in welchem sie sich am siebenten Tage versammeln, besteht aus zwei getrennten Flügeln, deren einer für die Männer, der andere für die Weiber bestimmt ist. Denn auch Weiber, die von demselben Eifer beseelt sind und die gleiche Lebensart erwählt haben, hören zu. Die Mauer zwischen beiden Betsälen erstreckt sich drei oder vier Ellen hoch nach Art einer Schutzwehr. Der obere Raum bis zum Dach ist freigelassen. Diese Einrichtung hat zwei Gründe: Erstlich, daß der Anstand, der sich für Weiber ziemt, gewahrt werde; und zweitens, damit letztere doch die Stimme des Sprechenden leichter vernehmen können.“
„Die Enthaltsamkeit erachten sie für den Grund aller Tugenden, auf welchen die andern gebaut werden müssen. Vor Sonnenuntergang nimmt keiner von ihnen Speise oder Trank zu sich, denn sie betrachten die Beschäftigung mit Weisheit als das einzige würdige Werk des Lichts, die körperliche Notdurft dagegen als eine Sache der Finsternis, weshalb sie jener die Tage, dieser einen kurzen Teil der Nacht widmen. Einige von ihnen, die inbrünstiger nach Weisheit streben, denken erst nach drei Tagen an Nahrung; andere sind so ganz den Tiefen des Wissens hingegeben, welches reichlich ihre Seelen nährt, daß sie doppelt so lange ausharren und kaum am sechsten Tage notdürftige Kost zu sich nehmen. Sie gleichen hierin den Cicaden, die, wie man sagt, sich von Luft nähren, weil – wie ich glaube – der Gesang ihre Bedürfnisse stillt. Den siebenten Tag betrachten sie als das heiligste Fest und feiern ihn hoch. Nächst der Seele gönnen sie an demselben auch dem Leibe bessere Pflege, als wollten sie selbst dem tierischen Teile unseres Wesens Ruhe von der anhaltenden Anstrengung gewähren. Ihre Kost ist einfach: Brot und als Zusatz etwas Salz; wer sich recht gütlich thun will, nimmt ein wenig Ysop dazu. Ihr Trank ist Quellwasser. Sie begnügen sich, die zwei Gebieter, welche die Natur über uns verhängt, den Hunger und Durst, zu befriedigen, ohne ihnen zu schmeicheln. Nur das Nötigste, ohne welches man nicht leben könnte, gewähren sie ihnen. Deshalb essen sie, um nicht zu hungern und trinken, um nicht zu dürsten. Überfüllung betrachten sie als gleich schädlich für Leib und Seele.“
„Zur Bedeckung gehören Kleider und Wohnung; von letzterer haben wir schon gesagt, daß sie schmucklos, ohne besondere Zurüstung und nur auf das Bedürfnis berechnet sei. Ebenso verhält es sich auch mit ihrer Kleidung. Sie dient ihnen blos zum Schirm gegen Hitze und Kälte; im Winter ein dichtes Oberkleid aus zottigem Fell, im Sommer ein Gewand mit Ärmeln oder ein Stück Leinwand. Denn auf alle Weise sind sie dem Prunke feind, wohl wissend, daß Lüge Quell des Prunkes, Wahrheit Quell der Prunklosigkeit ist. Aus der Lüge strömen die vielfachen Arten des Bösen, aus der Wahrheit dagegen der Reichtum himmlischer und irdischer Güter.“
„Der Üppigkeit der anderen Nationen will ich die gemeinsamen Mahle der Therapeuten entgegenstellen, welche sich und ihr ganzes Leben der Weisheit und Frischung nach den heiligen Vorschriften des Propheten Moses geweiht haben. Am siebenten Sabbath kommen sie zusammen, indem sie nicht nur die einfache Siebenzahl, sondern auch deren Kraft (Quadrat) ehren; denn sie wissen, daß sie ewig rein und jungfräulich ist. Dieser Tag wird begangen als Vorfeier des hocherhabenen Festes der Fünfzig (Tage – Pfingsten), dieser heiligsten und mit der Natur der Dinge innigst verbundenen Zahl, die aus der Kraft des rechtwinkeligen Dreiecks entstanden, Urquell der Schöpfung aller Wesen ist. Wenn sie in weißen Gewändern, heiter, doch mit Ernst, versammelt sind, so stellen sie sich auf ein Zeichen des Ephemereuten (so heißen diejenigen, denen dieses Geschäft obliegt) in größter Ordnung längs der Wand hin auf, heben die Augen und Hände zum Himmel empor; jene, weil sie gelehrt wurden, das wahrhaft Sehenswerte zu schauen, diese, weil sie rein von Frevel und durch keinen ungerechten Erwerb befleckt sind, und flehen zu Gott, daß ihr Mahl ihm angenehm sein möge. Nach dem Gebet legen sie sich nieder in einer Reihenfolge, welche die Zeit des Eintritts in die Gesellschaft bestimmt; denn nicht das natürliche Alter halten sie in Ehren – vielmehr gilt ihnen der Greis, der erst spät die geweihte Lebensart ergriff, für ein Kind –, sondern Diejenigen haben den Vorzug, welche sich von Jugend auf der theoretischen Weise, dem schönsten und göttlichsten Leben geweiht haben und darin erstarkt sind. Auch Frauen feiern das Mahl mit, meist alte Jungfrauen, die nicht – wie gewisse Priesterinnen unter den Griechen – blos aus äußerem Zwang ihre Jungfräulichkeit bewahrten, sondern aus heiligem Eifer die Weisheit sich zur Gefährtin auserkoren und die Lüste des Körpers bei Seite setzten, nicht nach sterblichen Sprößlingen begierig, sondern nach unsterblichen, welche nur eine gottliebende Seele gebären kann, wenn der Vater der Welt seine geistigen Strahlen und mit ihnen die Erkenntnis höherer Weisheit über sie ergießt.“
„Die Teilnehmer des Mahles sind in zwei abgesonderte Reihen geordnet: rechts die Männer und links die Weiber. Zum Lager dienen ihnen weder prächtige noch weiche Teppiche, sondern ganz gewöhnliche Decken mit einer Unterlage von Papyrus, welche auf der Seite, wo die Ellenbogen zu liegen kommen, etwas erhöht ist, damit man sich leichter aufstützen kann. Denn eben so weit von spartanischer Strenge entfernt als von Schwelgerei und Nachgiebigkeit gegen die Lüste, bewahren sie die Mittelstraße, wie es sich für freie Menschen geziemt. Sie werden nicht von Sklaven bedient, denn sie glauben, die Knechtschaft sei der Natur zuwider. Diese hat alle Menschen zur Freiheit bestimmt, und erst die Ungerechtigkeit und Habsucht und der wilde Trieb, mehr zu sein als Andere, aus welchem alles Böse entstanden ist, hat die Herrschaft über diese Schwachen den Gewaltigen in die Hände gespielt. Bei diesen heiligen Mahlen dagegen ist keiner Knecht, sondern Freie dienen, nicht aus Zwang, noch auf Befehle harrend, sondern mit bereitwilligem Eifer den Wünschen zuvorkommend. Denn auch nicht der erste beste wird zu diesem Dienst auserkoren, sondern die vorzüglichsten Jünglinge aus der Gesellschaft warten den ältern Mitgliedern wie Söhne ihren Vätern und Müttern mit der größten Freudigkeit auf. Dieselben treten auch nicht aufgeschürzt, sondern mit hängendem Gewande in den Saal, um jede Spur zu vertilgen, die an Sklavendienste erinnern könnte. Ich weiß, daß Manche hierüber lachen werden, aber freilich nur solche, die selbst der Thränen wert sind. Wein wird an diesen festlichen Tagen nicht aufgetragen, sondern nur klares Wasser, kalt für die Mehrzahl, warm für diejenigen unter den Älteren, die sich gütlich thun wollen. Auch keine blutige Speise kommt auf den Tisch, sondern Brot als Hauptgericht, Salz als Zugemüse, und bisweilen essen die Üppigsten etwas Ysop dazu. Denn wie die Priester nur nüchtern opfern dürfen, so hat diese die Vernunft gelehrt, nüchtern zu leben. Der Wein verleitet zu Unverstand, und üppige Speisen reizen die Begierden, diese unersättlichen Tiere.“
Im Originaltext befindet sich hier eine Lücke, dann heißt es weiter:
„Die tiefste Stille herrscht; Keiner wagt einen Laut von sich zu geben oder stark zu atmen. Sofort wirft einer die Frage auf über Stellen aus den heiligen Schriften oder löst eine solche von andern gegebene, ohne sich im geringsten brüsten zu wollen. Denn er strebt nicht nach dem Ruhm der Beredtsamkeit, sondern er will tiefe Belehrung von anderen oder, wenn er diese schon besitzt, so beabsichtigt er, dieselbe denjenigen mitzuteilen, die zwar nicht so scharf sehen wie er, aber doch dieselbe Wißbegierde haben. Deshalb verweilt der Redende auch länger bei seinen Sätzen, um seine Gedanken den Zuhörern einzuprägen. Denn wenn die Erklärung zu schnell forteilt, so kann der Zuhörer nicht gleichen Schritt halten und muß zurückbleiben, wodurch ihm der Sinn des Vortrags entgeht. Die Übrigen hängen am Munde des Redners und hören ihm in ruhiger Haltung zu. Wenn sie seine Worte verstehen, so geben sie dies mit einem Blick oder einem Wink zu verstehen; den Beifall drücken sie durch heitere Mienen oder durch eine sanfte Wendung des Gesichts, den Zweifel durch ruhiges Schütteln des Hauptes oder durch ein Zeichen mit den Fingerspitzen der rechten Hand aus. Die zum Dienst herumstehenden Jünglinge geben übrigens so gut acht, wie die zum Mahl gelagerten Alten. Bei Erklärung der heiligen Schriften bedienen sie sich immer der allegorischen Weise, denn sie betrachten die ganze Gesetzgebung als ein organisches Wesen, indem sie mit den Worten den Leib, mit der Seele aber den tiefern unter den Worten verhüllten Sinn vergleichen; in diesen schaue die vernünftige Seele, durch die Worte, wie durch einen Spiegel hindurchblickend, hohe verborgene Gedanken.“
„Wenn der Wortführer genug gesprochen und seinen Zweck erreicht hat, so klatschen alle mit den Händen zum Zeichen ihrer Zufriedenheit. Sofort steht ein anderer auf und singt einen Lobgesang auf Gott, der entweder von ihm selbst gedichtet oder von alten Dichtern der Gesellschaft verfaßt wurde. Denn dieselben haben viele Hymnen in allen Versmaßen und Weisen hinterlassen. Wenn der erste geendet hat, singt ein anderer der Reihe nach, während die Übrigen in größter Stille zu hören; nur die Endsilben der Verse und den Chor singen sie mit. Wenn alle fertig sind, so bringen die Jünglinge den oben genannten Tisch herein, auf welchem die hochheilige Speise liegt, nämlich gesäuertes Brot mit Salz und Ysop, zur Unterscheidung von dem geweihten Tisch im heiligen Vorhof zu Jerusalem. Auf diesem nämlich liegt ungesäuertes Brot mit Salz ohne Beimischung von Ysop. Denn es ist billig, daß die reinsten und einfachsten Speisen ausschließliches Eigentum des auserlesenen Priestertums seien zur Belohnung der heiligen Dienste; die anderen dagegen mögen immerhin nach Ähnlichem streben, aber ohne jenes ungesäuerte Brot zu genießen, welches nur den Besten, den Priestern zu Jerusalem, zum Zeichen des Vorrangs gebührt.“
„Nach dem Mahle begehen sie die heilige Nachfeier und zwar auf folgende Weise: Alle erheben sich gleichzeitig und bilden mitten im Saale zwei Chöre, deren einer aus Männern, der andere aus Frauen besteht. Zu Führern und Vorsängern werden für beide die Tüchtigsten und Melodienreichsten gewählt. Sofort stimmen sie Hymnen an in allen Versmaßen und Weisen, bald zusammensingend, bald im Wechselgesang sich ablösend. Nachdem jeder der beiden Chöre für sich zur Genüge gesungen hat, so mischen sich Männer und Weiber, wie bei den bacchischen Festen, trunken von göttlicher Liebe, durcheinander und werden aus zweien ein Chor, ebenso wie dies einst am roten Meere geschah wegen des dort geschehenen Wunders. Damals nämlich vereinigten sich die israelitischen Männer und Frauen zu einem Chorus, Danklieder auf Gott den Erretter singend, wobei Moses die Männer und die Prophetin Mirjam die Frauen anführte. Diesen alten Chorus haben die Therapeuten zum Vorbild genommen bei dieser Feier, in deren Wechselgesängen die tiefen Töne der Männer mit den hohen weiblichen Stimmen zur schönen Harmonie verschmelzen. Schön sind die Gedanken, schön sind die Ausdrücke, ehrwürdig die Teilnehmenden. Denn das gemeinschaftliche Ziel der Worte, der Gedanken und der Sänger ist Frömmigkeit. So bringen sie die ganze Nacht hin in heiliger Trunkenheit, auf welche keine Beschwerde des Leibes noch Schlafsucht folgt; sondern lebhafter als sie waren, da sie die heilige Feier begannen, wenden sie sich morgens mit dem Gesicht und dem ganzen Körper gen Aufgang, und sobald die Sonne emporsteigt, heben sie die Hände gen Himmel empor und flehen um hellen Schein der inneren Sinne, um Wahrheit und Schärfe des geistigen Auges. Nach diesem Gebet zieht sich jeder in seine stille Zelle zurück, um sich wiederum mit der gewohnten Philosophie zu beschäftigen.“
Das ist, was Philo über die Lebensweise der Therapeuten mitteilt. Über ihre Dogmen erfahren wir sehr wenig. Gott ist ihnen das Urlicht; Ebenbild desselben und intelligibler, die menschlichen Seelen erleuchtender Abglanz ist die Sophia oder der Logos, dessen sichtbares Abbild wiederum die Sonne ist.[736] Wie Gott Licht ist, so ist die Materie der Quell aller Finsternis und alles Bösen. Die Seelen sind präexistierend und kehren nach dem Tode in ihre himmlische Heimat zurück. Die höchste Tugend ist ἐγκράτεια, die Entfernung vom Fleische. Deshalb enthalten sich die Therapeuten so sehr als möglich der Speisen und genießen nur die einfachsten. Fleisch verabscheuen sie und nur Pflanzenkost ist ihnen erlaubt; darum fliehen sie auch die Ehe und alle Lust. Neben der Enthaltsamkeit preisen sie die göttliche Liebe. Das Ersehnte ist die wahre „innere Erkenntnis Gottes und des Himmels“.[737]
Wie offen am Tage liegt, huldigen die Therapeuten den gleichen Grundsätzen wie Philo, nur daß sie dieselben auch bis zu ihren äußersten Konsequenzen praktisch durchführen, ähnlich wie die mit ihnen eng verwandten oder identischen Essäer in Palästina.
Die Essäer entäußern sich des persönlichen Eigentums wie die Therapeuten und leben in Gütergemeinschaft.[738] Josephus äußert sich darüber u. a.[739]:
„Sie haben sich nicht nur in einer Stadt gesammelt, sondern in jeder Stadt wohnen viele. Den Ordensmitgliedern, die von auswärts kommen, steht das Haus eines jeden Mitgliedes offen, und er kann darin schalten wie in seinem Eigentum; sie gehen deshalb bei solchen Ordensgenossen, die sie nie sahen, so ein, als wären es ihre nächsten Verwandten. Darum nahmen auch die Essäer keine Bedürfnisse irgend welcher Art mit sich, sondern tragen nur Waffen wegen der Räuber. Außerdem ist in jeder Stadt vom Orden ein Verwalter ausdrücklich wegen der Fremden angestellt, welcher ihnen Kleider und Lebensbedürfnisse reicht.“
Die Essäer enthielten sich der Ehe, ebenso wie die Therapeuten und duldeten wie diese keine Sklaven.[740] – Beide Genossenschaften haben eine Rangordnung ihrer Mitglieder nach der Zeit ihres Eintritts in die Gesellschaft und machen einen Unterschied zwischen Novizen und älteren Mitgliedern. Josephus unterscheidet vier Stufen oder Grade![741] Ὁ ζηλῶν, der Neuling, der sich zur Aufnahme meldet und zwei Jahre lang ohne Verbindung mit den Ordensmitgliedern leben muß; ὁ προσιὼν, der Novize, der noch zwei Jahre lang Prüfungen bestehen muß; endlich ὁ συμβιωτὴς, welcher an den heiligen Mahlen Anteil nimmt. Dieser Grad zerfiel nach Josephus in zwei nicht namhaft gemachte Unterabteilungen.
Beide Sekten stehen mit strengen Regeln unter Vorgesetzten, die bei Josephus[742] ἐπιμεληταὶ und bei Philo – wie schon gesagt – ἐφημερευταὶ heißen. Beide Sekten tragen dieselbe Kleidung; beide beten zu gleicher Zeit und auf dieselbe Weise, nämlich bei Sonnenaufgang mit gegen die Sonne gewandtem Gesichte. Beide feiern geheimnisvolle heilige Mahle; Josephus beschreibt die Essäer folgendermaßen[743]:
„Wenn sie von ihren Geschäften zurückkommen, waschen sie den Leib sorgfältig ab; erst nach diesen Weihungen betreten sie den Speisesaal; von welchem alle Nichtessäer sorgfältig ausgeschlossen sind. Denn rein müssen sie sein, ehe sie in dieses Heiligtum eingehen dürfen. Vor dem Mahle spricht der Priester ein Gebet; vorher darf Niemand eine Speise berühren. Dasselbe geschieht auch nachher; denn am Anfang und am Ende verehren sie Gott als Geber der Speisen. Nach dem Mahle ziehen sie die Kleider, die sie während desselben als heilige Gewänder getragen haben, wieder aus. Ebenso halten sie es mit dem Abendessen. Kein Geräusch noch Lärm herrscht bei diesen Mahlen, ein jeglicher tritt dem Andern das Wort ab, sodaß niemals zwei zu gleicher Zeit reden; darum erscheint den Außenstehenden das im Saale herrschende Schweigen als ein schauerliches Geheimnis.“
Daß die Mahle der Essäer im höchsten Ansehen standen, beweist folgende Stelle Philos[744]:
„Die blutigsten Tyrannen Judäas, welche ihre Unterthanen mit unsäglicher Grausamkeit wie wilde Tiere zerfleischten, konnten den Essäern nichts anhaben. Sie mußten ihre Mahle und ihre über alles Lob erhabene Gemeinschaft ehren.“
Die auffallende Gleichheit der Gebräuche beider Sekten beweist ihre innige Verwandtschaft, die sich auch in ihren Dogmen nachweisen läßt: Sie verehren beide Gott als das höchste Licht und nehmen ein Mittelwesen, den Logos, bei den Essäern Memra di Jaweh an.[745]
Die Essäer halten wie die Therapeuten den Leib für die größte Unreinigkeit und nehmen eine Präexistenz der Seelen an. In diesem Sinne heißt es bei Josephus[746]:
„Der Glaube steht bei ihnen fest, daß die Leiber vergänglich seien, die Seelen dagegen ewig und unsterblich fortdauern. Dieselben steigen nämlich, von einem natürlichen Reize herniedergezogen, aus dem reinsten Äther herab und werden in die Leiber wie in ein Gefängnis eingeschlossen. Sie (die Essäer) lehren, daß die Seelen, wenn sie aus den Leibesbanden erlöst sind, voll Wonne in die Höhe empor schweben gleich Gefangenen, die aus langer Knechtschaft erlöst werden. Dabei denken sie sich das Schicksal der hinübergegangenen Seelen als verschieden: den Guten weisen sie ihren Aufenthalt an einem Ort an, der nicht durch Regen, Kälte oder Hitze belästigt wird und fortwährend von einem vom Meer her säuselnden Zephyr Kühlung empfängt; den Bösen dagegen eine finstere unfreundliche Behausung unter der Erde, wo sie unablässige Strafe erdulden.“
(Diese Vorstellung involviert die Annahme eines Astralleibes, weil sonst die Seele keine Ortsempfindung haben könnte.)
Es bleibt noch übrig, die Identität der Moral bei den Therapeuten und Essäern nachzuweisen. Philo sagt über erstere[747]:
„Richtschnur bei allem, was sie lehren und ausüben, sind ihnen folgende drei Dinge: Liebe zu Gott, zur Tugend und zu den Menschen. Beweis für die Liebe zu Gott ist die makellose Heiligkeit ihres ganzen Lebens, ihre Scheu vor Eiden und der Lüge, sowie die Überzeugung, daß Gott nur Urheber des Guten und nicht des Bösen sei. Ihre Liebe zur Tugend bekunden sie durch Gleichgiltigkeit gegen Gewinn, Ruhm, Vergnügen, durch Mäßigkeit und Ausdauer, außerdem noch durch Genügsamkeit, Bedürfnislosigkeit, Demut, Biedersinn und Geradheit. Ihre Liebe zu den Nebenmenschen beweisen sie durch Wohlwollen, durch Anspruchslosigkeit und endlich durch ihre Gütergemeinschaft.“
Ähnlich sagt Josephus von den Essäern[748]:
„Sie dürfen nichts ohne die Einwilligung ihres Vorstehers thun. Nur zwei Dinge sind ihrem eigenen Gutdünken überlassen, nämlich Unterstützung des Nächsten und Erbarmen. Den Gutgesinnten beizuspringen, wenn sie in Not sind und den Hungerigen Brot zu reichen, steht Jedem frei. Dagegen dürfen sie ihren Verwandten nichts geben ohne Erlaubnis ihres Vorgesetzten. Sie sind gerechte Verwalter des Hasses; sie bezähmen den Jähzorn, üben Glauben und sind Diener des Friedens. Ihr gegebenes Wort halten sie gewissenhaft. Auch sie feiern die Liebe über Alles; sie ist der wahre Quell des gottgefälligen Handelns. Das Ziel ihres Strebens aber ist die Heiligkeit, zu welcher sie durch Entfernung vom Fleische, durch Herrschaft der Vernunft und echten Gottesdienst im Geist und in der Wahrheit gelangen.“[749]
Aber selbst bis auf den Namen erstreckt sich die Übereinstimmung beider Genossenschaften, denn das Wort ἐσσαῖος stammt von dem syrochaldäischen Verbum אסא heilen, verpflegen, ab und ist also nichts als die wörtliche Übersetzung von ϑεραπευτὴς.
Ohne die innigste Verwandtschaft, ja ohne gleichen Ursprung wäre die nachgewiesene Übereinstimmung zwischen Therapeuten und Essäern nicht möglich, wie schon Philo sich äußerte[750], indem er beide Orden als Zweige eines Stammes erklärt, nur mit dem Unterschiede, daß die einen mehr Theoretiker und die andern mehr Praktiker seien.
Im ersten Jahrhundert vor Christus suchte die Philosophensekte der Neupythagoräer die Lehren des Pythagoras zu erneuern, wobei sie jedoch sich vielfach an Plato, Aristoteles und die Stoiker anlehnten und andererseits bei den orientalischen Religionssystemen Anleihen machten. Diese eklektischen Lehren suchten sie alsdann auf Pythagoras zurückzuführen, wodurch die Nachrichten über die eigentliche Philosophie des großen Weisen vielfach entstellt wurden. Diese Bestrebungen brachten eine reichhaltige, jedoch meist nur fragmentarisch erhaltene Litteratur hervor, als deren erster Vertreter der römische Prätor zu Alexandria Publius Nigidius Figulus († 45 v. Chr.) gilt.
Der wichtigste Neupythagoräer ist Apollonius von Tyana, mit welchem wir uns jetzt eingehend zu beschäftigen haben.
Wenn überhaupt bei einer historischen Persönlichkeit, so hat bei Apollonius von Tyana das allbekannte Schillersche Wort seine Berechtigung: